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Full text of "Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts"

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1 



DEUTSCHLANDS 



GESCHICHTSQÜELLEN 



I 



BI MITTELALTER 



SEIT DER MITTE DES DREIZEHNTEN JAHRHUNDERTS. 



VON 



OTTOKAE LORENZ. 



ERSTER BAND. 



DRITTE IN VERBINDUNG MIT 

Dr. ARTHUR GOLDMANN 

UMGEARBEITETE AUFLAGE. 



,0*^- 



I.- 



BERLIN. 

Verlag von Wilhelm Hertz. 

(Besserschb Bcchhandlüsg.) 

1886. 






Llo1 



WILHELM WATTENBACH 



ZUGEEIGNET. 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 witin funding from 

University of Toronto 



http://www.arcliive.org/details/deutschlandsgescOOIore 



VOEWORT. 



feclion in dem Vorworte zur ersten Auflage habe ich mich im 
Jahre 1870 über das Verhältnifs meines Buches zu dem gleichna- 
migen, die frühern Perioden des Mittelalters behandelnden "Werke 
"Wattenbachs ausgesprochen, der es sich gefallen lassen mag, dafs 
ihm auch diese dritte YervoUständigte Auflage in alter Treue zuge- 
schrieben wird. Gleich anfänglich mufste ich aber auch die Bemer- 
kung machen, dafs die Vollkommenheiten der "Wattenbachschen Dar- 
stellung bei einer Fortsetzung der Geschichtsquellen, ganz abgesehen 
von persönlichem Vermögen des Autors schwer oder gar nicht zu 
erreichen sein werden; ich konnte jedoch den Umstand, dafs "Wat- 
tenbach selbst und mederholt die grofsen Schwierigkeiten des Stoffes 
hervorhob, in dem Sinne eines wolwollenden Antrags auf Nachsicht 
deuten. Ob man nun dieselbe gerne gewährte, ob man sie verwei- 
gerte, würde einer Abrechnung bedürfen, deren sich jede neue Auf- 
lage eines "Werkes am besten und sachlichsten dadurch entledigt, 
dafs sie Berichtigungen dankbar benutzt, Fehler verbessert, anderes 
genauer untersucht und tiefer begründet. "Wenn indessen auch nur 
ein ganz kleiner Theil von Anregung zu weiteren Untersuchungen 
auf diesem Gebiete den früheren Auflagen des Buches zukommt, so 
ist der wesentlichste Zweck desselben erreicht worden. Denn was 
in den letzten Jahren für Geschichte der spätem Jahrhunderte des 
Mittelalters und insbesondere für die Quellenkritik dieser Epoche 
geleistet wurde, übertrifft die Thätigkeit mancher frühern Jahrzehnte 
sowol in Bezug auf "Werth wie Masse. Ich ergreife hiebei die Ge- 
legenheit für die vielen und fr-eundlichen Zusendungen solcher Ar- 
beiten zu danken, von deren gewissenhafter Benutzung wol auch diese 
Auflage Zeugnifs geben wird. Manches dürfte mir übrigens dennoch 



Yi Vorwort. 

Yon neueren und neuesten Schriften entgangen sein, "was icli in 
Tielen Fällen gewifs recht zu bedauern haben werde. Yollständig- 
keit und Tollkommeuste Richtigstellung aller einzelnen Thatsachen 
sind Eigenschaften, welche bei Werken, wie dem vorliegenden, nicht 
hoch genug geschätzt Averden können; andererseits aber ist jedem 
ernstlich zu rathen, sich vor einer in späterem Alter ohnehin gerne 
auftretenden Stimmung zu hüten, bei welcher die Furcht vor Irr- 
thum und Unvollständigkeit Freude der Arbeit und nicht selten den 
Abschlufs angefangener Werke lähmt. Wer sich an die Darstellung 
der Geschichtsquellen des spätem Mittelalters machte, der mufste 
sich in der angenehmen Lage wissen, dafs er ein gutes Stück Tadel 
vertragen könne und, ich möchte sagen, einen gewissen Ehrgeiz der 
Fehlbarkeit besitze, welcher über die bekannten kleinen Schaden- 
fi'euden des gelehrten Waffengeklii-res doch noch lächelnd zu trösten 
vermag. 

Die tieferen und eingreifenderen Mängel meines Buches dagegen 
habe ich bereits vor seinem ersten Erscheinen besser gekannt, als 
von irgend einer Seite nachher hervorgehoben wTirde. Denn was 
diesem Buche vom Ursprünge an fehlte, ist eine durchgreifende und 
streng litterarische Würdigung der Historiographie, die Untersuchung 
und Darstellung des grofsen geistigen Zusammenhanges der Schrift- 
steller, die litteraturgeschichtlich unentbehrliche Erkenntnifs der zu- 
sammengehörigen Stil gattun gen, der politischen und philosophischen 
Richtungen, der nationalen Entwickelungen und aller jener Momente, 
welche eben die Geschichtschreibung als solche bezeichnen. Gewifs 
nur der, welcher nach vollständiger Beherrschung und Bewältigung 
des gewaltigen Stoffes seine Aufgabe in dieser augedeuteten Rich- 
tung zu fassen vermöchte, dürfte sich rühmen, das wünsch enswerthe 
und nach meiner Meinung auch mögliche geleistet zu haben. Ich 
hatte stets gewünscht, dafs in den zahlreichen kritischen Arbeiten 
über einzelne Schriftsteller die Unzulänglichkeit meiner Darstellung 
in diesen Beziehungen recht belehrend nachgewiesen worden wäre. 
Wenn nun aber auch einige hervorragende Untersuchungen solcher 
Art freudig zu verzeichnen sein werden, so dürfte vielleicht im All- 
gemeinen doch die Mahnung nicht überflüssig sein, dafs es gerade 
die Aufgabe der Einzeluntorsurliung ist bei der sorgfältigen Feststel- 
lung der äufsorlichcn Uoberiit'tVrung und der etwaigen Naclnvoisung 
der Verwandtschaft historischer Stoffe nicht stöhn zu bleiben, son- 



Vorwort. 



Yll 



dem den schriftstellerischen Tendenzen der geschichtlichen Litteratur 
allseitig nachzugehen. Wenn ich zuweilen auch in deu neuen Auf- 
lagen den Versuch gemacht habe, Winke zu geben und die Stellen 
zu bezeichnen, wo die weitere Untersuchung einzusetzen hätte, so 
werde ich jederzeit für Berichtigung, Belehrung und Widerlegung 
dankbar sein, aber minder erfi-eulich erscheint es mii', wenn von 
manchen Seiten unter dem Scheine einer gewissen exakten Behand- 
lung des Gegenstandes Fragen dieser Art gleichsam als unwesentlich, 
eitel und fremdartig bei Seite geschoben werden. Ob bei einer solchen 
Denkungsweise und Methode trotz aller auerkennenswertheu Virtuo- 
sität in einigen Handgi-iffen der historischen Untersuchungen von 
wahrem Fortschritt der Geschichtswissenschaft in Deutschland ge- 
redet werden könnte, scheint mir wenigstens nicht ganz sicher. 

Die Arbeit, welche ich als dritte Auflage der Geschichtsquellen 
in Verbindung mit meinem jungen gelehrten Freunde Dr. Arthur 
Goldmann der Oeffentlichkeit übergebe, erscheint in jeder Beziehung 
in TÖlüg veränderter und erweiterter Gestalt. Meine ursprüngliche 
Absicht, die Geschichtsquellen des XV. Jahrhunderts in selbständiger 
Periodisirung an die fi'ühere Epoche anzuschliefsen, erwies sich auch 
jetzt noch aus innern und äufseren Gründen als unzweckmäfsig. 
Da aus erheblichen und schon fiüher hervorgehobenen Erwägungen 
von der landschaftlichen und geographischen Eintheilung des Stoffes 
zunächst in keiner Weise abgegangen werden könnte, so wäre für 
die in manchen Ländern sehr kurze Periode vom Ende des XIV. 
Jahrhunderts bis zum aufkommenden Himianismus nicht selten nui- 
ein höchst dürftiges imd unbedeutendes Bild zu gewinnen. Unter 
diesen Umständen empfahl es sich am meisten, die Epoche von der 
Mitte des XIII. Jahrhunderts bis zum Ende des Mittelalters als 
etwas ganzes zu fassen und die Geschichtsquellen des XV. Jahr- 
hunderts kurzweg den früheren Darstellungen anzuschliefsen. Wo 
sich ein engerer und gröfserer Zusammenhang der Historiographie 
des XV. Jahrhunderts erkennen liefs, dort war es auch bei dieser 
Methode möglich, das Zusammengehörige in einem besondem Ab- 
schnitt zu vereinen. Der Umfang des Werkes hat dadurch aller- 
dings erheblich zugenommen, keinesfalls aber sollte der Charakter 
desselben als Handbuch verloren gehen. Dafs man auch bei dem 
Beginne historischer Studien in der Lage und Möglichkeit sei, sich 
eben aus diesem Handbuche die wünschenswerthe Orientiruug zu 



Ylll Vorwort. 

schaffen, dieser notliwenclige Gesiclitspunkt maclite die Beschränkung 
des Stoffes nach Möglichkeit zur Pflicht. 

Im übrigen glaubte ich dem Wunsche eines angesehenen Ge- 
lehrten, welcher die Eintheilung der ersten Auflage getadelt hatte, 
nachkommen zu sollen, indem ich die rollständige Ausscheidung 
Oesterreichs aus dem geographischen Rahmen Deutschlands wieder 
aufhob. Allerdings ist im spätem Mittelalter der geistige und po- 
litische Zusammenhang zwischen Oesterreich und Baiern nicht grofs, 
indessen begreife ich es, dafs von jener Seite diese Absonderung 
des österreichischen Quellenstoffes als unzweckmäfsig und reichs- 
geschichtlich unbegründet getadelt wurde, zumal als man sich auch 
diu'ch Watteubachs Werk gewöhnt hatte, die östeiTeichischen Quel- 
len jedesmal den bairischen nachfolgen zu sehen. In Wahrheit darf 
man sagen, dafs eine geogi-aphische und territoriale Eintheilung eines 
Stoffes, bei welchem geistige und schriftstellerische Potenzen in Be- 
tracht kommen, immer etwas rein äufserliches bleibt, und ich ge- 
stehe, kein grofses Gewicht auf die landschaftliche Reihenfolge der 
Abschnitte zu legen. Wie sie jetzt besteht, habe ich drei Abthei- 
lungen festgestellt, wovon die erste Süddeutschland, die zweite 
Norddeutschland, die dritte allgemeine Reichs- und Kaisergeschichte 
umfassen soll. Die beiden letzteren Abtheilungen werden in kür- 
zester Zeit diesem ersten Bande folgen. 

Jena, 5. October 1885. 

0. L. 



INHALT. 



Seite 

Einleitung 1 

I. Abtheilung. SÜDDEUTSCHLAND. 

§ 1. Colmarer Annalen und Chronik 17 

§ 2. Strafsburg 24 

§ 3. Jacob von Königshofen 45 

§ 4. Aus schwäbischen Klöstern 54 

§ 5. Minoriten 62 

§ 6. Anfänge schweizerischer Geschichtschreibung 74 

§ 7. Heinrich von Diessenhoveu 84 

§ 8. Schwäbische Städtechroniken 92 

§ 9. Schweizer Chroniken 107 

§ 10. Mittelrheinische Länder 132 

§ 11. Die ostfränkischen Bisthümer 146 

§ 12. Fränkische Stadtchroniken 163 

§ 13. Bairische Klosterannalen 173 

§ 14. Regensburg. Passau. Bairische Städtechroniken .... 184 

§ 15. Geschichte Baiems und der bairischen Fürsten 197 

§ 16. Oesterreichische Annalistik 212 

§ 17. Deutsche Dichtung in Oesterreich 229 

§ 18. Die steirische Reimchronik 242 

§ 19. Johann von Victring 252 



X Inhalt. 

Seite 

§ 20. Oesterreicliische Fürsten- und Landesgeschichte 261 

§ 21. Böhmen beim Ausgange der Prschemysliden 287 

§ 22. Petrus von Zittau 292 

§ 23. Karl IV. und sein litterarischer Kreis 304 

§ 24. Die Hussitenzeit und die Hussitengeschichte 317 

Anhang über ungarische Geschichtsquellen 336 

Nachtrag 346 



Deiitsclüands Gescliiclitsqiiellen 



im Mittelalter 



seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. 



Einleitung. 



-Uie Gescbichtschreibung des späteren Mittelalters uuterscheidet 
sich in niehrfaclier Beziehung von jeuer der frühereu Jahrhunderte. 
Ohne dafs man behaupten könnte, der allgemeine litterarische Werth 
derselben habe sich veningert, steht doch fest, dafs die kritische 
Forschung von den Schriftstellern der späteren Zeit einen weit ge- 
ringeren Gebrauch machen kann, als von denen der früheren Epochen. 
Und diese geringere VeiTN'endbarkeit der Geschichtswerke seit der 
Mitte des 13. Jahrhunderts als Quellen für die Feststellung der that- 
sächlichen Verhältnisse liegt nicht etwa blofs in dem Umstände, dafs 
in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters das urkundliche Ma- 
terial an Umfang und Bedeutung zugenommen hat, es ist vielmehr 
der Charakter der Geschichtschreiber selbst, der, um es kurz zu be- 
zeichnen, ihre Autorität schmälert. Es sind selten Männer von her- 
Yon-agender weltlicher oder geistlicher Stellung, die sich selbst und 
unmittelbar mit der Aufzeichnung der Ereignisse ihrer Zeit befassen. 
In der Laienwelt herrschen imter den Geschichtschreibern der niedere 
Ritterstand sowie die bürgerlichen Kreise der emporgekommeneu 
Städte vor, unter den Geistlichen bemächtigen sich die Bettelorden 
vorzugsweise dieser Richtung und Thätigkeit. Es sind wenig vor- 
nehme Männer und vielleicht noch weniger vornehme Geister darunter. 
Sie stehen den Ereignissen nur in seltenen Fällen persönlich nahe 
genug, um Zeitgeschichte mit hinreichender Sicherheit schreiben zu 
können; gröfsere Perioden der Vergangenheit aber zusammenzufassen, 
dazu fehlt es ihnen zwar nicht an Muth, doch häufig an Gelehrsam- 
keit und fast immer an kritischem Urtheil. 

Ueberhaupt hat sich die Richtung der Historiographie wesent- 
lich geändert. Das Interesse für die historischen Ereignisse wurde 
allgemeiner und verbreiteter. Zahlreiche Kreise der Laieuwelt nahmen 

Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I. i 



2 Einleitung. 

Antheil an Mstorischen Schriften ; die vorzüglicliste Absicht der Ge- 
schichtschreiber geht auf die Popularisining ihrer Darstellung. 
Immer mehr dringt die Muttersprache in diese Litteratur ein, und 
Klosterchroniken, sonst nur dem lateinisch sprechenden Mönch ver- 
ständlich, Averden in deutscher Sprache fortgesetzt. Vers und Reim 
bemächtigen sich des historischen Stoffes und thun das beste, um 
die Kenntnis der Geschichte weiten Kreisen von Zuhörern zu er- 
öffnen. Nicht ohne polemisches BeA^oifstsein wenden sich diese histo- 
rischen Dichter gegen ihre Vorfahi'en, denen sie vorwerfen die "Welt 
mit Fabeln überhäuft zu haben; die Poesie der Heldengedichte 
wird der Prosa der Reimchroniken nachgesetzt. Aber fi"eilich geht 
auch unmerklich durch das Medium dieser historischen Dichter ein 
Theil der nüchternen Geschichtswahrheit verloren, und der gröfsere 
Zuhörerkreis verringert die Gewähr für die historische Treue der 
Erzählung. 

Damit steht noch ein anderes im Zusammenhang. Die popu- 
läre, die Masse des Volkes oder doch der Standesgenossen ins Auge 
fassende Richtung nimmt natürlich auch auf die Wahl des Stoffes 
Einflufs. Vielleicht eben deshalb, weil ein gröfseres Publikum heran- 
gezogen -sN-urde, mufste der Inhalt der historischen Werke local be- 
schränkt werden. Die Leser und Hörer, welche durch historische 
Schildenmgen angeregt "woirden, und ihr Herz daran erft-euen wollten, 
interessirten sich fast ausschliefslich für ihre Landesgeschichten und 
für die, wenn auch schlecht verbürgten Historien der engeren Vater- 
länder. Dem entsprechend sieht man die territoriale Auffassung 
der Geschichte überall vorherrschen. Auch wer seine Bücher, ^\ie 
Jacob von Guise, mit den Geschichten imd Ereignissen aller Welt 
anfüllt, und eine noch immer fast räthselhafte Masse von Gelehrsam- 
keit zusammenträgt, zieht es doch vor, das engere Vaterland als den 
Mittelpunkt der Welt zu schildern, und füllt die Lücken in dem Zu- 
sammenhang der Landesgeschichte mit der des alten Testaments 
und des römischen Weltreichs durch die buntesten Erfindungen und 
Fabeln aus. 

Man hat diese zunehmende locale und landschaftliche Historio- 
graphie wol aus dem Verfall der kaiserlichen Macht in Deutschland, 
und selbst himjs-ieder als ein Moment der Reichsauflöung zu er- 
klären versucht, allein es scheint unbe\viesen zu bleiben, ob nicht 
auch in den Jahrhunderten der grofsen Kaisermacht das historisclie 
Interesse vorwiegend localer Natur gewesen wäre, wenn die Ge- 
schichtschreibung damals eine so populäre Richtung hätte einschlagen 
wollen, und jedenfalls vermöchten die Keime dieser vorwiegend ter- 



Veränderter Charakter der Geschichtschreibung. 3 

ritorialen Entwickelung der deutschen Historiographie selbst in den 
ältesten Geschichtschreibern, die doch auch vorwiegend sächsich, 
bairisch oder schwäbisch waren, unschwer nachgewiesen zu werden. 
Nur das Ueberwuchem dieser Richtung bezeichnet die späteren 
Jahrhunderte des Mittelalters. Eine grössere, den nationalen Zu- 
sammenhang begreifende Auffassung der Historie war zu allen Zeiten 
nur Eigenthum eines kleineren, politisch denkenden Kreises. Was 
der Einzelne von allgemeiner deutscher und Reichsgeschichte neben 
der Landesgeschichte zu wissen begehrte, wurde ihm durch die 
Compendien der Weltgeschichte geleistet, welche um so trockener 
und lang^N'eiliger geworden waren, je mehr sie zum Schulgebrauch 
hergerichtet worden sind. Hier kam es darauf an, eine gewisse 
Masse des geschichtlichen Stoffes leichtfafslich mitzutheilen, was denn 
auch durch eine weitverbreitete eigenthümliche Litteratur geschah 
der man merkwürdigerweise den Personennamen Martin, statt des 
ihr zukommenden Gattungsnamens, ein für alle Male beigelegt sein 
liefs^). Selbstverständlich konnte aber dieser Zweig weder den 
historischen Sinn eigentlich fördern, noch durfte er als ein Beweis 
der Zunahme und Intensität historischer Studien angeführt werden. 
Es ist auch hier lediglich das Bedürfnis einer encyklopädischen 
Bildung, dem man Abhüfe zu schaffen sucht. 

Diese allgemeine geistige Richtung der Zeit gestattete der Ent- 
wickelung der Sage im Ganzen und Grofsen einen nicht minder 
bedeutenden Spielraum, als in den früheren Perioden. Aber das 
Eindringen der Sage in die historische Litteratur ist nun von sehr 
verschiedener Beschaffenheit. Die naive, aus dem mangelhaften 
Grenzbe-^-ufstsein der beiden Gebiete entspringende Verbreitung der 
Sage macht in den spätem Jahrhunderten einer nicht unbeabsich- 
tigten Erfindungssucht bestimmter Autoren Platz. Wenn für den 
Begiiff der Sage die strengere -wissenschaftliche Forderung einer 
persönlich nicht nachweisbaren Entwickelung aufrecht gehalten wer- 
den wollte, wobei die freiwillige Thätigkeit der Phantasie und Com- 
bination gewifs ausgeschlossen werden mufs, so dürfte der Historio- 
graphie des spätem Mittelalters der sagenhafte Charakter geradezu 
und gänzlich abgesprochen werden. Selbst die volksthümlichsten 

^) Daher die in vielen Handschriften vorkommende ganz richtige Be- 
zeichnung Chronica Martiniana. Z. B. Wiener Codex 3414 s. XV: Expli- 
ciunt Chronice Martiniane a. D. 1417. Eine Hs. des Martin v. Troppau zu 
Eisleben (vgl. NA. VIII, 295) hat die Subscriptionen: Explicit cronica Mar- 
tiniana. Explicit coronica de ponteficibus et imperatoribus Romanorum 
Martini sive Martiniani. Man sieht, der Name der Person wich vor dem 
Gattungsbegriff zurück. 



4 Einleitung. 

Sageu, deren Urspiniug oder Erweiterung dem späteren Mittelalter 
angeliört, sind nicht frei von dem Verdaclite bestimmter Tendenzen. 
Aber in dem weitern Sinne des Wortes, in welchem mau die Sage 
der geschichtlichen wahren Ueb erlief eruug entgegenzusetzen pflegt, 
gewinnt dieselbe im dreizehnten Jahi-hundert einen üppigen Wuchs 
und tritt als weitverzweigte Pflanze in sehr verschiedenen Arten und 
Abzweigungen auf. 

Vorherrschend ist es die gelehrte Sage, die sich an die Her- 
kunft der Völker und Stämme und an die Genealogieen der Ge- 
schlechter und Familien hängt. Es ist klar, dafs in diesen oft ganz 
abenteuerlichen Fabeleien ein gutes Stück schriftstellerischer Absicht 
verborgen war. Auch wo diese Gelehrtenfabeln sich an echte alte 
Sagen, zuweilen selbst an streng mythologische Stoffe anlehnten, 
wirkte doch in der schliefslichen Combination des Ganzen eine be- 
wufste Ei-findung mit. Manche Erzählungen dieser Art wird man 
unter dem allgemeinen Begi'iff aitiologischer Sagen zusammenfassen 
können und hiezu sind auch die zahlreich erscheinenden Wappen- 
sagen zu rechnen'). Bei den letztern tritt die Verwilderung und zu- 
nehmende Abgesclmiacktheit der Phantasie genau in dem Mafse 
hervor, wie in den Wunderberichten der Legenden des spätem 
Mittelalters. Um es kurz zu sagen: man steht dem Geiste der Sagen- 
bildung nicht mehr unbefangen gegenüber, man vermag den Stoff, 
der sich in dieser Richtung darbietet, nicht kritisch abzulehnen, aber 
man läfst sich noch weniger kindlich von der Märchenfrau leiten, 
sondern versucht es vielmehr ihre Erzählungen künstlich der Ge- 
schichte einzufügen und zu formellen oder sachlichen Zwecken zu 
benützen. 

Fafst man nun diese Eigeuthümlichkeiten der Geschichtschrei- 
bung in der letzten Epoche des Mittelalters zusammen, so läfst sich 
dai*über nicht leicht im ganzen urtheilen. Ebenso schwierig ist die 
Aufgabe des Litterarhistorikers, den mittelalterlichen Autor bei seiner 
Arbeit zu verfolgen und seine Beziehungen zu Vorgängern und Zeit- 
genossen klarzulegen. Die diesbezüglichen Einzeluntersuchungen 
sind allerdings höchst anerkennenswert, al)er man versuche es ein- 
mal, eine feste Formel dafiir zu finden, in welchem Verhältnis die- 
ser oder jener Autor zu seinen verschiedenen Vorlagen stand und 
bis zu welchem Grade der Begriif des litterarischoii Mein und Dein 
sich in ihm entwickelt hat. Das eine scheint schon jetzt zicinlirli 



') Martin, Wa])pcnsagcii und Kaiscreprüclio, Schriften d. V. f. Budcii- 
sce XI. 115. 



Bettelmönche; Minoriten. 5 

sicher: wer damals ein Buch copiite, um ein Exemplar davon zu 
besitzen, der glaubte auf den Inhalt desselben ein gröfseres An- 
recht zu haben , als wir auf den Inhalt eines gedruckten imd 
im Buchladen gekauften Buches Anspruch machen. Daraus ergibt 
sich das interessante Yerhältnis von Schreiben und Abschreiben, von 
Schriftsteller und Schreiber, welches im Einzelnen noch untersucht 
werden muss. Ein starkes Beispiel dafür ist der Chronist Witte 
in Liesboru, der die Reisen, welche er in seiner Quelle fand, von 
sich selbt erzählt i); wie Königshofen arbeitete, wird ausführlich 
weiter unten besprochen werden. Der berühmte Notar Jakob von 
Mainz mifst seiner eingestandenen Schreiberthätigkeit eine hinläng- 
liche Bedeutimg bei, um ein fi-emdes Buch seinem HeiTn dem Propste 
Werner von Bolanden widmen zu dürfen. Berechnete man die Kosten 
des Materials und den Zeitaufwand der mechanischen Arbeit, so trat 
der Begiiff des litterarischen Eigenthums völlig in den Hintergrund. 
Yom Standpunkt des späten Quellenforschers wird es ganz 
begreiflich sein, wenn er über die ge\\^altigen Rückschritte seiner 
Gewährsmänner klagt. Nirgend beinahe findet er mehr die fast 
urkundliche Treue bedeutender in die Verhältnisse eingeweihter 
Schriftsteller, wde in der Zeit der grofsen Kaiser der Fall war. 
Eine Zeitgeschichte im gröfseren Stil von staatsmänuischen Persön- 
lichkeiten abgefafst, fehlt fast ganz, und selten wird mau aus 
den machthabenden Kreisen heraus unmittelbar unterrichtet. Glück- 
lich wenn schon einige zufällige Beziehungen den einen imd den 
andern vertrauenswürdiger erscheinen lassen. Aber die Beti'ach- 
tung nach dem Quellenwerth für Feststellung des Thatsächlichen 
ist nicht der einzige Mafsstab bei Beurtheüung eines Schriftstellers. 
Auch seine litterarische Stellung, sein Einflufs auf die Entwickelung 
der Menschen selbst, seine Bedeutung als beliebter Autor, als viel- 
gesuchter Vorleser, seine Benützung von Seite späterer Autoren, auch 
diese Dinge haben und verleihen ihren besonderen Werth, und dürfen 
nicht unterschätzt werden. Von dieser Seite gesehen, zeigt aber die 
Geschichtschreibung seit dem 13. Jahrhundert in Deutschland einen 
ungemeinen Fortschritt. Sie nimmt überall einen gewaltigen Anlauf, 

^) J. B. Nordhoff, die Chronisten des Klosters Liesbom, Sep.-Abdr. 
aus d. 26. Bande d. Zs. f. vaterländ. Gesch. Westfalens S. 55. Instructiv 
ist das Explicit der Dresdner Martinushandschrift im NA. V, 151, wo 
'scripta' nur von der mechanischen Thätigkeit Jacobs von Mainz verstan- 
standen werden kann; zweideutig ist auch der Ausdruck im Französischen, 
wie J. Heller NA. VI, 141 gezeigt hat. Scribere heilst zunächst nicht 
Schriftstellern, sondern mit der Feder manipuliren. Erst in übertragener 
Bedeutung bezieht es sich auf den Autor. 



ß Einleitung. 

eine möglichst grofse Anzahl von Menschen über ihre Vergangenheit 
zu unterrichten und selbst in den fabelhaftesten üeberlieferungeu 
regt sie das historische und politische Denken einer ungleich gröfsereu 
Mehrzahl von Personen an, als ehedem der Fall gewesen ist. Der 
Umstand, dafs tausende durch die neuen Schulbücher von der, wenn- 
gleich fabelhaften Päpstin Johanna gehört haben, ist eine Thatsache, 
die historisch ebenso -werthvoU ist, wie die Untersuchung über die 
Wahrheit oder Falschheit ihrer Existenz. So lagen denn auch auf 
diesem Gebiete geistiger Entmckelung — A'^erwilderung und Fort- 
schritt dicht nebeneinander. 

Es "wäre gewifs schön, wenn man die Kräfte, welche überall 
der Auflösung einerseits und den fortschrittlichen Keimen der Zu- 
kunft andererseits dienen, klar auseinanderlegen könnte, aber es 
wäre eine Vermessenheit, bei solchem Stoff nur daran zu denken. 
Im allgemeinen aber steht soviel fest, dafs man den aufserordent- 
Hchsten Antheil an der Verwandlung der Historiographie, me wir 
sie eben geschildert haben, den beiden neu aufgekommenen Orden 
der Minderbrüder und der Prediger zuschi'eiben mufs. So wenig sie 
ihrer urspriinglichen Einrichtung und Absicht nach auf die Geschichts- 
forschung hingewiesen waren, so kamen sie doch auf ihi'en eigen- 
thümlichen, den praktischen Zwecken nachgehenden Wegen zu eifri- 
gem Betriebe und zu thätiger Pflege der Historie. 

Insbesondere finden wir die Dominikaner alsbald beschäftigt, Hand- 
bücher für ihre Predigten, historische Vorrathskammern für den Ge- 
sammtzweck ihrer Wirksamkeit anzulegen, wie dies Wattenbach au 
seinem Platze schon mit wenigen inhaltreichen Worten gezeigt hat'). 
Indem sie durch Predigt und Uuten-icht in "viel engeren Verkehr mit 
der Masse des Volkes, namentlich auch der städtischen Bevölkerungen, 
getreten waren, als dies,bei den alten der Einsamkeit ihi-er festen Wohn- 
sitze hingegebenen Mönchen der Fall gewesen ist, haben beide Oi'den auf 
die verschiedensten geistigen Riclitungen einen gleich wichtigen Ein- 
flufs genommen. Wie sie in der theologischen und der sogenannten 
philosophischen Weltanschauung joner Zeiten eine neue Epoche be- 
gründeten, ist männiglich bekannt. Vielleicht würde es gelehrteren 
Forschern auch gelingen können, die so auffallende und plötzliche 



') Wattenbach, Deutschland,'; Goschiohtsqucllon II. Von der im Druck 
befindlichen 5. Auflage dieses Werkes liegt zur Zeit der Corrcotur dieses 
nur Bd. I. und einige Bogen des Bd. II. vor. Wo wir das Werk zu eiti- 
ren haben werden, wird in diesen Fi'illen überall nur dio Siglo: W. G. II. N. 
stehen und werden die Seitenzahlen seinerzeit in den Nachtrügen der Reihe 
nach bezeichnet werden. 



Minoriten. 7 

Wendung in der mittelliochdeiitsclien Dichtung guten Theils avif die 
populären Predigten zurückzuführen^), welche die Geschmacksrich- 
tungen der Zeit ernüchterten und den Cultus der Liebe durch 
eine, gröfsere Belohnungen in Aussicht stellende, Askese, die Poesie 
der Höfe durch die prosaische aber angenehme Anweisung auf jenes 
himmHsche, das ii-dische doch nicht beiiTende Wohlbefinden ver- 
drängten. Den Nachfolgern des heiligen Franciscus rühmte man ja 
besonders solche volksthümliche, allen Segen gerne und für alle Fälle 
des Lebens spendende Züge nach. Da ist denn wol kein Zweifel, 
dafs sie mit ihren Predigten auf das ganze geistige Leben Eiuflufs 
nahmen, von dem hier nur ein kleiner Bruchtheil zur Beti'achtung 
kommt. 

Eben die Predigt ist von einem Minoriten speciell als der Zweck 
bezeichnet worden, um deswillen historische Studien gepflegt werden 
müssen 2). Seine Ordensbrüder mufsten darauf bedacht sein, all die 
historischen Reminiscenzen und Heiligengeschichten in ihren Ser- 
monen mit den entsprechenden Jahreszahlen zu versehen, wenn sie 
ihren fi-ommen Zuhörern imponiren wollten, denn diese hielten mit 
Königshofen ein geschehenes Ding, von dem mau nicht sagen kann, 
in welchem Jahi" oder zu welches Königs oder Fürsten Zeiten es 
geschehen sei, für eine Fabel und 'sagemere' (St. Chi-. VHL 231). 
Die Geschichtschreibuug ist daher auch bei den gelehrten Arbeiten 
der Minoriten immer nur als ein untergeordneter Gegenstand be- 
handelt worden, und beschränkte sich auf die Vervielfältigung von 
historischen Compendien und Heiligenleben. Die scholastische Spe- 
kulation hat ihre besten Köpfe ganz in Anspruch genommen und 
ihre bedeutendsten Männer, wie der Italiener Bonaventura oder der 
Schotte Duns, und dessen zahlreiche Schüler bis auf Occam, haben 
unter den vielen Schriften, die sie verfafsten, kaum eine aufzuweisen, 
die für die Geschiebe im engern Sinne berechnet wäre 3). 

^) Ist jetzt, wie zu erwarten war, von W. Scherer im vollendetsten 
Sinne geschehen; Gesch. d. deutsch. Lit. 230 — 241. 

' ■ ^) W. G. II, N.; ül>er die Predigt im Allgemeinen Cruel, Gesch. d. 
deutschen Predigt, Detmold, 1880. 

^) Zur allgemeinen Orientirung dient das mit den Annales Minorum 
(Ed. I. Romae 1625 — 48 VEI tomi: Ed. II. 1731 sq. XIX tomi) in Zu- 
sammenhang stehende Werk von Wadding, Scriptores ordinis minorum, 
Romae 1650 (Ed. II. 1806), welches, besonders für Italien ^vichtig ist, und 
sehr gute nach Fächern geordnete Indices hat. Vgl. auch Annales mino- 
rum Vi, 116 ff. Sbaralea, Supplementum et castigatio ad SS. Ord. Min. 
Romae 1806: dazu auch Henr. Willot, Athenae orthodoxorum sodalicii 
Franciscani,"Leodii 1598 u. Antverp. 1600. Marcellino da Civezza, saggio 
di bibliografia geografica, storica, etnografica sanfrancescana, Pi-ato 1879 
^ kennen \^-ir nicht. Bemerkenswert ist u. a. die allgemeine Charakteristik 



8 Einleitung. 

Der ursprüngliche Zweck der Bekehiamg der Ketzer und Heiden 
trat bei den von Jahr zu Jahr steigenden KlostergTÜndungen beson- 
ders in den Städten bald ziu'ück, zumal da der Eifer für die Be- 
kehiamg der Tataren, welche im XIY. Jahrhundert fleifsig besucht 
wurden, sich fi'uchtlos erwies und in den nordischen Ländern bei 
den ehrenwerten Versuchen, Preufsen und Letten friedlich zu ge- 
winnen, Streitigkeiten mit dem Deutschen Orden, in dessen politi- 
sches System die Franciscaner nicht recht j)afsten, unvermeidlich 
waren. Diese mifsglückten äufseren Unternehmungen des Ordens 
übten dann die Rückwirkung, dafs sich die Bevölkerung der deut- 
schen Franciscanerklöster immer vermehrte und seit der Mitte des 
XIV. Jahrhunderts besonders für die Geschichte ihrer städtischen 
oder landesheniichen Heimat thätig werden konnte. Es ist eine 
mehr aus der Keigimg des Einzelnen und aus zufälligen localen Ver- 
hältnissen hervorgehende Erscheinung, dafs sie dann doch wieder 
durch ihre populären Darstellungen an vielen Orten die erste An- 
regung zu den Chroniken der Städte gegeben und einige , wie etwa 
Detmar, im deutschen Norden bahnbrechend gewirkt haben. In 
einem gröfseren Zusammenhang mit ihrer sonstigen gelehi'ten Thätig- 
keit steht dagegen das, was sie auf dem Gebiete der politischen 
Tractate geleistet haben, deren eine grofse Zahl in wichtigen Epochen 
der deutschen Geschichte von ihnen ausgegangen ist. Sie vertreten 
auch da, wie in ihren scholastischen Schriften, eine sehr bestimmte 
politisch-kirchliche Anschauung der Dinge, von welcher die Geschichte 
selbst nicht absehen darf. 

Ein noch engerer und systematischerer Zusammenhang der ge- 
sammteu wissenschaftlichen Thätigkeit findet sich bei den Domi- 
nikanern. Alles gipfelt bei ihnen in den praktischen Aiifgaben, 
die sie sich stellten. Hiezu aber bedm-fteu sie neben einem sehr 
strengen und unabänderlichen System der Theologie und neben dem. 
was sie Philosophie nannten, auch der Historie als Hilfswissenschaft. 
Von einem Predigermönch verlangte man eine nicht tiefe, aber um- 



der Ordenslitteratur in der Ilist. litt, do la France XXIV, 101 — 121, und 
der Aufsatz Ucber den Einilufs dor Minoriton auf die politisobc Geschichte 
Deutschlands bei Abele, Magazin f. Kirch(>nrcclit T, 87 — .'U8. Uobcr die Ver- 
breitung des Ordens vgl. A. Koch, die IViihoston Niederlassungen der Mi- 
noriten im rcchtsrheini.schcn Bayern, Heidcll)crg 1880 und derselbe, die 
frühesten Niederlassungen dor Minoriton im Rhcingel>iete, Leipzig 1881, 
ferner Fries, Geschichte d. ■östcrroichisclien Minoritenprovinz, Archiv f. 
oest. Gesch. G4 (1882) S. 7!)— 245; eine viel s]>ätere Zeit behandelt F.W. 
Woker, Gesch. der nnrddeutsclicn Franciscancrmissioncn d. sächsischen 
Ordensprov. vom h. Kreuz, Freiburg 1880. 



Dominikaner. 9 

fassende eucyklopädische Bildung. Sie uaunteu das die Erudition, 
auf dereu Pflege in allen ihren Klöstern die gröfste Sorgfalt ver 
wendet worden ist '). Der Prediger sollte nicht blofs ein fest ge- 
schulter Streiter sein, sondern er sollte auch in dem, was die Pro- 
fangeschichte lehrt, dem Laien sich überlegen zeigen. Es kam also 
bei den historischen Arbeiten auf ein doppeltes an: auf Zusammen- 
tragung und Verrollständigung des Stoffes und auf praktische Ver- 
wendbarkeit desselben. Diesen Bedürfnissen entsprachen die gi-ofsen 
Sammlungen der Heiligenleben 2) und die Weltchi-oniken systematisch 
und in Perioden getheilt, alte heilige, römische und profane Geschichte 
zusammenschmelzend. Doch beschränkte man sich hiebei nicht auf 
blofse Wiederholung; jene Heiligenleben wui'den immer meder von 
neuem bearbeitet und die Ordensobereu beauftragten geschickte 
Männer eigens mit solchen Forschungen, wie z. B. Theodorich von 
Apolda, da er das Leben der heiligen Elisabeth geschildert, von 
dem siebenten Ordensgeneral Frater Mimio angewiesen wui'de, eine 
neue Bearbeitung der Vita des heiligen Dominik selbst zu schreiben 3). 
Auch die Frauen der Dominikanerklöster wurden zu diesen Arbeiten 
herangezogen. Im Elsafs hatte sich zu L nterlinden unweit von Col- 
mar Katharina Gebweiler, welche schon 1260 in den Orden trat 
und 1330 erst gestorben sein soll, durch die Abfassung von zahl- 



') Im Allgemeinen Quetif et Echard, SS. Ord. Praedicator. Paris 1719 
2 vll. Humbertus de Komanis bat ein sehr merkwürdiges Buch de eru- 
ditione Praedicatorum verfafst, welches im Orden im gi'öfsten An sehn 
stand: über diesen und über die Behandlnng der einzelnen Disciplinen im 
Pi'edigerorden handelt ausführlich C. Douais, essai sur rorganisation des 
etndes dans l'ordre des freres Preclieurs au XHI"^ et au XIV* siecle (1210 
bis 1342: I. Province de Provence et de Toulouse) Paris 1884. Vgl. auch 
Ludw. Oelsner, Ueber die Pflege der Studien bei den Dominikanern im 
ersten Jahrhundert seit der Ordensstiftung, Sybels hist. Zs. III, 410; Rein, 
Zs. für thür. Gesch. III. S. 51, wo eine vollkommene Statistik des Domi- 
nikanerordens in Tliüringen zu finden ist: über die Dominikaner in Frei- 
burg vgl. Freiburger Dioeces. Arch. XYI. (1883) S. 1—48. 

2) Ueber die Sammlungen von Heiligenleben, besonders über den prak- 
tischen Gebrauch derselben und über den Charakter und die Verwilderung 
derselben hat W. G. II, N. alles nöthige trefflich bemerkt. Nur wo in 
den folgenden Jahrhunderten ganz charakteristisches für die Sittengeschichte 
etwa aus denselben zu gewinnen ist, glaubte ich dergleichen im einzelnen 
anführen zu sollen, sonst in der Regel nicht. Neben Jacob de Voragine 
und Thomas von Chantimpre gibt es noch eine andere Art von solchen 
Heiligenleben in Form von Predigten auf alle Tage des Jahres. Solche 
führt Sennae Bibhotheca 138 und 139 von Johann Pichard, Johann Russim, 
Tauler u. a. an. Von Jacob de Voragine ist die Ueberlieferung des Sixtus 
Sennensis nicht uninteressant, wornach er eine Bibelübersetzung ins La- 
teinische gemacht hätte. Vgl. auch die Biogr. univers. s. v. Jacob, d. V. 

3) Ant. Sennae Bibl. S. 233. Quetif et Echard I, 453. 



2Q Einleitung. 

reichen Lebensgeschichten ihrer Ordeusschwestern hervorgethan i). 
Anna von Munzingen, welche um d. J. 1318 als Piiorin in Adel- 
hausen lebte, schrieb eine Anzahl von Beschreibungen des mystischen 
Lebens der dortigen Schwestern; das Büchlein wird mit Unrecht als 
Chronik bezeichnet, ist aber immerhin ein beachtenswerthes Denkmal 
der mystischen Litteratur^). Auf die Geschichte des Prediger-Ordens 
selbst hat Albertus Magnus Gewicht gelegt und veraulafste Reiner, 
den Prior der Prediger zu Basel, eine Geschichte der Dominikaner 
und ihrer Leistungen seit ihrem Beginne zu schreiben, doch scheint 
dies Buch verloren zu sein und Johannes Meyer, Predigerordens, 
Beichtvater in Adelhausen schrieb um die Mitte des XV. Jh. eine 
Chronik der Päpste, welche dem h. Orden Gutes gethan^). In Be- 
zug auf die Zeitgeschichte aber sind die Dominikaner in den mei- 
sten Fällen indü-ect zu Leistimgen gezwungen worden, besonders 
dadurch, dafs sie ihre älteren Compendieu, welche sie mit dem 
Namen Martins untrennbar verbunden hielten, fleifsig fortsetzten, 
oder indem die Verfasser von grofsen Welthistorien , wie etwa Hein- 
rich von Hervord, die Geschichte bis auf ihre Zeiten fortzuführen be- 
müht waren*). Doch kommen auch wol selbständige Zeitgeschichten 
vor, und diese sind dann um so bedeutender. An Material für die 
Pflege zeitgenössischer Geschichte hätte es diesen Dominikaner- 
mönchen nicht gefehlt, denn ihi-e allseitige Verbreitung und ihre 



') B. Pez, Bibl. ascet. VIII. B— 399. Unterlinden wurde von zwei Witt- 
wen, Agnes von Wittelnheim und Agnes von Herckenheim 1222 auf den Rath 
des Lectors der Dominikaner zu Strafsbui-g, Walter, gegründet, erfreute sich 
aber nicht des besten Rufes. Das angebliche Werk der Katharina Geb- 
weiler wollen andere einer Elisabeth Kempfin zuschreiben. 

2) Herausg. von König, Freiburger Dioecesanarch. XIII, 153 — 193: vgl. 
das. XII, 293 nnd Anz. f. d. A. VII. 96. 

^) Vgl. Freiburger Dioecesanarch. XII, 291 ff., XIII, 194 ff. 

*) W. G. II, N. Hiebei bemerke ich noch in Folge einer brieflichen 
Frage Wcilands, dafs der Ausdruck Johannis de Malliaco Chronica Mar- 
tiniana nicht nachweisbar ist, aber die Notiz über die Päpstin Johanna 
stammt doch von J. von Mailly: „ex chronicis''. Es ist damit nicht 
der leiseste Zweifel an der Richtigkeit der Verhiütnisse gehegt, wie 
sie von Weiland festgestellt worden sind, al>er für das Fortleben der 
Martinianischen Chronik im 14. und 15. Jhdt. ist es ja doch von Wich- 
tigkeit, dafs man den Sprachgebrauch kennt und festhält. Eben um 
die Fortsetzungen des Martin handelt es sich hier. Nach einer Notiz 
V)ei Sagittarius scheint sogar irgend eine Handschrift einer Fortsetzung 
der sächsischen Kaiscrchrnnik die Aufschrift Chronica Martiniana gehabt 
zu haben. Dagegen behaupten Waitz SS. XXIV, 22(5 N. 7 und L. Weiland 
Hist. Zs. 43, 314, dafs die Bezeichnung 'ehmnica Martiniana' einzig und 
allein der Chronik Martins von Tmppau und höchstens noch den 1< lores 
tcmporum beigelegt wurde. Mit welchem Rechte man hinzusetzt: irrthüm- 
lich, wüfsten wir nicht. 



Dominikaner, ]^ \ 

regelmäfsigeu Zusammenkimfte siucl für die Beurtheilung des histo- 
rischen "Werthes ihrer Nachrichten sehr beachtenswerth. Die histo- 
rischen Schriftsteller hatten in der That sehr viel Gelegenheit, durch 
ihre Ordensbrüder aus aller Welt Nachrichten zu bekommen, und 
dafs Relationen solcher Art in amtlicher Weise unter ihnen verbreitet 
waren, Avird sich wenigstens in einigen Fällen wahrscheinlich machen 
lassen. Die Provinzialconvente wurden mit aller Strenge und Regel- 
mäfsigkeit abgehalten, und in ihnen ist ebenso ein Sammelpunkt 
politischer Nachrichten zu erblicken, wie in den Generalversamm- 
lungen des Ordens zu Rom. 

Einen grofsen Einflufs auf ihre Zeit haben die Dominikaner 
auch durch die politischen Schriften genommen, welche im Anschlufs 
an ihre theologischen und kirchenrechtlichen Arbeiten entstanden 
waren ^). Sie trennten sich in dieser Richtung scharf von den Mi- 
noriten, und die Gegensätze der scholastischen Lehren beginnen sich 
seit dem 14. Jahrhunderte auch aiif den staatsrechtlichen und poli- 
tischen Gebieten geltend zu machen. 

Das Wanderleben der Dominikaner hat übrigens noch eine an- 
dere wissenschaftliche Frucht hervorgetrieben, welche nicht zu unter- 
schätzen ist. Es sind zahlreiche Reisewerke von ihnen ausgegan- 
gen, und besonders sind die Beschreibungen des heiligen Landes 
und die zahlreichen Pilgerfahrten dahin ein sehr beliebtes Thema 
ihrer schriftstellerischen Muse^). Auch in den einzelnen Klöstern 
jeder Provinz sind sehr verschiedene nationale Elemente beisammen, 
und der kosmopolitische Charakter des Ordens findet in diesem steti- 
gen Wechsel der Personen seinen äufseren Ausdimck. So mögen denn 
auch unter den Geschichtschreibern des Ordens in Deutschland nicht 
eben lauter Deutsche gewesen sein. Raimund von Capua starb zu 
Nürnberg, Johann von Tombacho aus Strafsburg war um 1330 Re- 
gens des Prager Studiums, Johann Pichard aus Luxemburg war Vor- 

^) Von anderen staatsreclitlichen Schriften, die wir später anführen, 
abgesehen finde hier nur mit Rücksicht auf das, was W. G. II, N. wegen 
ihrer Exemtion von den Interdicten berührt, die Schrift Hermannus von 
Minden, de interdicto Erwähnung, weil ihnen dieses Privileg im "Volke 
^^ sehr zu statten kam. Vgl. Leander Albei'ti, liber de viris illustr. ord. pred. 
bei Sennae bibliotheca 107. 

^) Häufig finden sich die Descriptiones terrae sanctae unter dominikani- 
schen und minoritischen Schriftstellern, wie Burchards um 1260; über die 
Lindauer Hs. Wirdinger, Anz.f. Kunde d.Vorz. 1872,303 und das interessante 
Directorium ad faciendum passagium transmarinum Quetif et Echard I, 571; 
auf vieles ähnliche kommen wir an anderen Stellen zurück; Herr Prof. 
Wilhelm Neumann hat uns eine artige Zusammenstellung der Palästina- 
reisen zur Verfügung gestellt, welche in einer Beilage zum II. Bde. mitge- 
theilt werden soll. 



P 



\2 Einleitung. 

Steher der Regeusbm-ger Kirclie 1310 u. s. w. Es ist ein grofser 
innerer Zusammenhang, wie in dem Auftreten und der Verfassung, 
so auch in dem litterarischen Wirken der Dominikaner sowol als auch 
der Minoriteu, welches fast eine zusammenhängende Betrachtung 
auch ihrer historischen Erzeugnisse gebieterisch zu fordern scheint. 
Da aber ihre Geschichtschreiber in Deutschland von dem allgemei- 
nen Zuge der territorialen Eut\\ickelung doch keineswegs unberührt 
geblieben waren, so hat es sich als zweckmäfsig gezeigt, sie auch 
mit den Anderen dem geographischen System imserer Darstellungs- 
weise auf Kosten ihrer Einheit unterzuordnen ; eine Mittelstrafse, die 
uns sehr erwünscht wäre, gibt es eben nicht ^). 

Die Arbeiten und Ziele der Prediger und Minderbrüder führten 
im weitern Verfolge der Ge Schichtschreibung zu den reichen städti- 
schen und bürgerlichen Aufzeichnungen, welche im fünf- 
zehnten Jahrhundert zur vollen Blüte gediehen. Hierin spricht sich 
der schönste Erfolg der popularisirenden Richtung aus, Avelche von 
jenen Orden ausgieng. Denn wenn auch der ritterliche Poet des 
Xin. Jahrhunderts, welcher, wie schon bemerkt, vom Roman zur an- 
gebhch wahrhaften Geschichtsdarstellung sich bekehrte, ebenfalls für 
seine Reimchroniken das gröfsere Publikum zu interessiren suchte, 
so war der eigentliche Lehrmeister der Geschichte ki den Städten 
doch unter den Bettelmönchen zu suchen 2). Er hatte den Sinn für 
die Vergangenheit geweckt, und seine Compendien führten den büi'- 
gerlichen Mann, ohne jedoch die Zeit desselben allzusehi* in Anspruch 
zu nehmen, in den Zusammenhang der Weltbegebenheiteu, lehrten 
ihn Gegenwart und Vergangenheit verknüpfen und in dem Momente 
das historische Ereignis achten. Erst aus solchem Bewufstsein konnte 
äen\ Stadtbürger die Einsicht in den Wert eigener Erlebnisse, eige- 
ner Aufzeichnungen erwachsen. Nun begann man die Denkwürdig- 
keiten der eigenen Zeit, oder auch die Ueberlieferungen der Familie 
sorgfältiger niederzuschreiben oder aufzeiclmon zu lassen; und bald 
wurden auch umfassendere Stadtchroniken ans allerlei tleifsig zu- 

') Am meisten macht sich dieser Uebelstaud bei den Minoriten fühl- 
bar, wo es bei aller Würdigung des grofsen inneren Zusammenhanges 
nicht gestattet war, die thüringischen Provinziali-lironikon, die Chronica 
minor und die schwäbischen Plores temporum unter einem Gesichtspunkte 
zu betracliten. 

-) Vgl. hiezu die Vorrede Hegels /.um 1. Baude der Städtechroniken, 
wo schon einiges vortreftlich über den Charakter und die Entwiekehuig 
dieser Geschichtsquellen bemerkt wird, was uns die Hoffnung aussprechen 
lafst, dafs bei weiter fortgeschrittenem Stande des grofsen Sammelwerkes 
eine eingehendere Würdigung dieses Litteraturzweiges und seiner VvM'schie- 
denen Richtungen V)ald folgen wird. 



Städtische Chroniken. |3 

sammengetrageneu Quellen verfafst. Ob aber allgemein giltig der 
Urspnmg dieser Litteratur auf das Gedenkbuch zurückzuführen 
ist, oder ob der Stadtgeschichte ein selbständiger Auschlufs an 
die Chroniken der Dominikaner oder Minoriten zukommt, darüber 
\\drd sich nach den bis jetzt vorliegenden im Einzelnen so ausge- 
zeichneten Publikationen auf diesem Gebiete noch nicht endgiltig 
urtheilen lassen. Mehr und mehr dürfte es indessen als wahrschein- 
licb erscheinen, dafs die städtischen Aufzeichnungen auf beide Arten 
von Quellen zurückgehen. Bald ist es das Familienbuch, bald die 
Weltchi'onik, an welche die umfassende städtische Geschichtschrei- 
bung sich au schliefst. 

In den süddeutschen Städten scheinen allerdings die Gedenk- 
blätter einzelner hervoiTageuder Persönlichkeiten gleichsam den 
Ausgangspunkt zu bilden, jedenfalls die Priorität in Anspruch zu 
nehmen; ob aber das gleiche Verhältnis aucli etwa von Köln, Lü- 
beck, Magdeburg, wie von Nürnberg, Augsburg, Strafsburg, gilt, dar- 
über haben sich selbst die hervorragendsten Kenner dieser Dinge 
ziu" Zeit nicht deutlich ausgesprochen. Auch kann wol nicht geläug- 
net werden, dafs selbst die Terminologie für die mauigfaltigen Arten 
dieser Aufzeichnungen wenig feststeht, und dafs der Begriff der 
Städtechroniken, wie er in der verdienstvollen Sammlung von 
C. Hegel im allgemeinen festgehalten wird, als eine Collectivbe- 
zeichnung für Denkmäler von verschiedenstem Charakter erscheint. 
Weder nach dem Stand und der Beschäftigung der Autoren noch 
nach Form oder Inhalt ihrer Werke oder Aufzeichnungen lassen sich 
irgendwelche gleichartige Merkmale für den Begriff dessen erkennen, 
was als eine städtische Chronik zu betrachten wäre. Vorläufig hat 
man sich nur geeinigt alle jene Aufzeichnungen, welche zu einer 
gewissen Zeit in Reichsstädten in deutscher Sprache begonnen worden 
sind, zu dem Materiale der Städtechroniken zu rechnen, seien die- 
selben nun von Laien oder Geistlichen zu privaten oder öffentlichen 
Zwecken, die Familie oder die Stadt, das Land oder das Reich be- 
treffend gemacht worden. Glücklicherweise bleibt unter allen Um- 
ständen das eine sicher, dafs man es hiebei mit den '\^^chtigsten lit- 
terarisch und historisch gleich interessanten Quellen des spätem 
Mittelalters zu thun hat. 

Der Zusammenhang, in welchem die Chroniken der verschie- 
denen Städte untereinander standen, ist übrigens nicht eben grofs. 
Nur als Ausnahmen kann mau solche städtische Schi-iftsteller be- 
zeichnen, welche über das Weichbild ihrer Vaterstadt hinaus grofse 
Verbreitung gefunden haben. Auch in diesem Zweige der Historio- 



14 Einleitung. 

gi-aphie bewährt sich der locale und territoriale Grundcharakter der 
Geschichtsquellen des spätem Mittelalters. Man darf daher auch 
hier wie in andern Zweigen der Litteratur das geographische Princip 
der Darstellung voi'walten lassen, ohne fürchten zu müssen, dafs 
durch ZeiTeifsung des sachlich zusammengehörigen den Dingen allzu- 
sehr- Gewalt angethan würde. Ohne Zweifel ist die Anordnung des 
Stoffes, wie sie Wattenbach schon in den frühern Perioden in ähn- 
liclier Weise durchgeführt hat, bei den sich immer mehr entwickeln- 
den Territorial- Verhältnissen Deutschlands besonders für das spätere 
Mittelalter nützlich und daher auch berechtigt , wenngleich zuge- 
gegeben werden mag, dafs dadurch höheren litteratui-geschichtlichen 
Aufgaben, bei denen es auf den Zusammenhang der Arten und Gat- 
tungen mehr ankäme, nicht in vollem Mafse genügt werden kann. 



I. ABTHEILUNG. 

StJDDEUTSCHLAND. 



§ 1. Colmarer Annalen und Chronik'). 

Im Jahre 1278 findet man als stellvertretenden Provinzial der 
Dominikaner im obem Deutschland den Bruder Hermann von Min- 
den, bekannt als theologischer Schriftsteller und eifriger Beförderer 
des Ordens; im Jahre 1286 wurde er zu Paris, wo eben das General- 
Capitel gehalten wurde, zum wirklichen Provinzial ernannt und er 
verwaltete dieses Amt durch sieben Jahre 2). Seiner Thätigkeit wird 
es wol hauptsächlich zuzuschreiben sein, dafs die Dominikaner in 
Colmar ein Ordenshaus gründeten, welches von Basel aus bevölkert 
wurde, trotzdem dafs man von geistlicher und weltlicher Seite den 
Ankömmlingen allerlei Sch-nierigkeiten in den Weg legte^). Mit 
diesen Baseler Mönchen kam auch ein fleifsiger, für geschichtliche, 
geographische und Naturereignisse aufmerksamer Beobachter nach 
Colmar, der eine Fülle von Aufzeichnungen wahrscheinlich schon 
in Basel begonnen hatte und in Colmar in annalistischer Form und 
in noch gröfserem Mafsstabe fortsetzte. Jaffe, dessen Ausgabe der 
Colmarer Quellen, was die Annalen anbelangt, allein brauchbar 
ist, hat die Lebensumstände des Verfassers auf das sorgfältigste 

') Ausgaben (IJrstisius nicht mehr brauchbar) unzureichend von Böh- 
mer, Fontes 11, 1 — 96, besser von Mll. Ch. Gerard et J. Liblin, Les An- 
nales et la Chronique des Dominicains de Colmar, 1854, mit französischer 
Uebersetzung. M. G. SS. XVE, 183—270 von Jaffe. Nach dessen Unter- 
suchungen stellt sich die Sache folgendermafsen: 1. Annales Colmarienses 
minores 1211—1298, Annales Basilienses 1266—1278, Annal. Colm. maj. 
1278—1305. Chronicon. Descriptiones. Uebersetzung von Dr. Pabst in 
den Gesch. d. deutsch. Vorz., 48. Lief. Vgl. jedoch die eingehende und 
inhaltreiche Besprechung im Jahrbuch für die Litteratur der Schweizer- 
geschichte von Gerold Meyer von Knonau, 1867 S. 167 ff., W. G. H, N. 
X. Mossmann, Notes et documents tires des archives de la ville de Col- 
mar, 1872, und Recherches sur la Constitution de la commune ä Colmar, 
1878 bringt einige beachtenswerthe Erläuterungen ziu- Verfassung der Stadt. 

2) Quetif et Echard SS. I, 434. Hermannus de Minda, er urkundet 
für die Dominikaner in Colmar gegenüber dem Ratb, welcher nicht will, 
dafs das Kloster bis an die Stadtmauer reiche 1278, Schoepflin Alsat. 
dipl. II, 17. 

3) Vgl. Trouillat, Mon. de Bäle II, 290 und daraus Jaffe a. a. 0. 

Lorenz, GeschichtsqueUen. 3. Aufl. I. 2 



18 § 1. Colmarer Annalen und Chronik. 

festgestellt*). Im Jahre 1221 geboren, trat er als 17 jähriger Jüng- 
ling 1238 in den Orden der Prediger und war seit 1265 oder 1266 
in Basel, von wo er nur noch kleinere Reisen unternommen zu ha- 
ben scheint, während er bis dahin das Wanderleben seiner Ordens- 
brüder getheilt haben mag, me er denn auch selbst berichtet, dafs er 
1261 in Paris gewesen wäre. Dafs er seit 1266 eine beständigere 
Stellung inne hatte, beweisen seine Annalen, welche mit diesem Jahre 
in gleich mäfsiger Ausführlichkeit beginnen, so zwar dafs sie einen 
tagebiichartigen Eindruck hervorzubringen scheinen 2). In diesen 
Jahren beschäftigte sich der fleifsige Mönch mit den manigfaltigsten 
Studien ; unter anderm theUt er uns mit, dafs er die Weltkarte auf 
12 Tafeln copirt und später noch verbessert habe. Dafs er viele 
Reisen gemacht hatte, zeigen nicht blos seine sorgfältigen Aufzeich- 
nungen über alles, was sich auf die verschiedenen Mafse in ver- 
schiedenen Ländern bezieht, sondern auch seine Beschreibungen 
von Deutschland und vom Elsafs. Am Ende des Jahres 1287 er- 
innert sich der Verfasser sehr begreiflich noch einmal seines Ein- 
tritts in den Prediger-Orden, es war das fünfzigste Jahr seiner 
Ordenslauf bahn. Gegen Ende des Jahrhunderts mag er gestorben 
sein, denn die Annalen, welche noch bis zum Jahre 1305 fortgehen, 
lassen schon im Jahre 1304 einen anderen, jüngeren Mann als Ver- 
fasser durchblicken. 

In den letzten Jahren seines Lebens hatte der thätige Mann noch 
einen kiu*zen Abrifs aller der Ei'eignisse zusammengestellt, welche 
sich während der Zeit seines Lebens zugetragen haben. Er wählte 
jedoch als passenden Anfangspunkt die Zeit der Ankunft des Kai- 
sers Friedrich II. in Deutschland, unter dessen Regierung er ja ge- 



') Als erwiesen wird durch die Jaffesche Praefatio zu betrachten sein, 
dafs der Verf. der Annal. Colm. minor, und majores ein und derselbe ist, 
dagegen läfst sich die Möglichkeit nicht ganz von der Hand weisen, dafs 
die Annal. Basil. von jemand anderm in Basel verfafst, nach Colmar mit- 
gebracht und da weitergeführt wurden. Denn manches, was offenbar 
spätere Randbemerkung war, ist allmählich mit. dem Text verbunden 
■worden, wie denn die Stelle, wo von der Geburt des N. de Rliin die Rede 
ist, p. 201, 44: Hie vixit annis nonaginta nicht im Jahre 1277 geschrieben 
sein kann. Sollte ähnlicher Glosse nicht auch das fui in urania (p. 193) 
und manches andere entsprungen sein, wozu auch die Notac de sororibus 
Colmariensibus, Mono, Anzeiger 1834, p. 225 und die Angabe der italie- 
nischen und deutschen Meilen (p. 200) zu rechnen sein werden. 

*) Vgl. Buöson Wien. SB. 88, 066 N. 1, nennt die Baseler Annalen 
und die Colm. Ann. majores, die er schon mit 1238 begonnen glaubt, ein 
Tagebuch. Derselbe weist auch auf die Acta quotidiana hin, welche zu 
1248 erwähnt sind; diese sind oben doch die täglichen Klostoraufzeich- 
nungen, die immer und ich glaube auch noch heute gemacht worden. 



Der Verfasser der Colmarer Annalen. 19 

boren war. Doch ist dieses kurze übersichtliche, für den Unterricht 
des Wissenswerthesten gewissennafsen zusammengestellte Schema, 
welches Jaffe mit Recht als kleine Colmarer Annalen herausgehoben 
hat, ebenso bestrebt, den Local-Nachrichten, unter denen sich auch 
viel Sti'afsburgisches findet, Rechnung zu tragen, wie die grofsen 
Annaleu. Dafs auch diese kleinen Annalen mit dem Jahre 1298 
schliefsen und das Jahr 1300, welches noch beigeschrieben ist, un- 
ausgefüllt blieb, gibt einen weiteren Anhaltspunkt für die Zeit des 
Todes unseres gelehrten Verfassers i). 

An die gröfseren Colmarer Annalen schliefsen sich genealogische 
Notizen über die habsburgische Familie, welche gewissermafsen zur 
Ergänzung des in den Baseler Annalen zum Jahre 1274 mitgeth eilten 
Stammbaums Rudolfs von Habsburg dienen. Diese Notizen köimen 
aber nicht mehr von demselben Verfasser herstammen, wenn die 
Vermuthung richtig ist, dafs schon die letzten Jahre der grofsen 
Colmarer Annalen einem jüngeren Manne zuzuschreiben sind. Da- 
gegen möchte man um so sicherer, was darauf folgt, ebenso wie 
die interessanten Capitel über Elsafs und Deutschland, dem ersten 
Verfasser der Annalen zuweisen können, da diese Dinge in der Form 
und in der Sache so sehr dem Geiste verwandt sind, der sich durch- 
avis in den Annalen kundgibt. Hier wie dort zeigt sich ein aufmerk- 
samer Beobachter kleiner und kleinster Umstände, ein Freund der 
Naturbetrachtung, ein Mann, der in der kritischen Auswahl von be- 
deutendem und unbedeutendem eben nicht sehr genau verföhrt, aber 
alles das in ausgezeichnetstem Mafse besafs, was die Dominikaner 
Erudition nannten, und worin sie ihren Zeitgenossen Albert den 
Grofsen als ihr Musterbild verehrten^). Dahin gehört auch die en- 
cyklopädische Zusammenstellung aller zeitgenössischen Berühmt- 
heiten des Dominikaner- Ordens in dem Theile, welcher über- 
schrieben ist 'de rebus Alsatieis ineuntis sec. XIIF, obgleich es schwer 
einzusehen ist, was die hiergenannten zahh'eichen Namen gelehrter 
Männer, wie Thomas von Aquino, Vincenz von Beauvais, Jacob von 
Genua und vieler anderer mit dem Elsafs zu thun haben sollen. Da- 
gegen ist um so lehrreicher für die Zeitgeschichte zu bemerken, 
wie schon in diesen Aufzeichnungen der Gegensatz zwischen dem 



^) Scharfsinnig hat Jaffe auf den Satz zum Jahre 1304 hingev?iesen: 
Tantus calor in Alsatia erat, quod senes communiter dixerimt nuUum an- 
num tante caliditatis suis temporibus evenisse, was ein alter Mann nicht 
geschrieben haben kann. 

2) Vgl. die Stelle des Sbct. Senens., vir est eruditionis admirandae bei 
Quetif et Echard, SS. I, 170. 

2* 



20 § 1- Colmarer Annalen und Chronik. 

Regiüarclerus und deu immer mehr dem Adel verfallenden Capiteln 
der biscliöflichen Kkchen hervortritt*). In den geographischen Be- 
schreibungen, w^elche namentlich in dem was über den Lauf der 
Flüsse gesagt ist, sich vv^ol untemchtet zeigen, wird man unwillkür- 
lich daran erinnert, dafs sich ja der Verfasser der Annalen selbst 
als Geograph imd Kartenzeichner zu erkennen gegeben habe. 

Nach alledem ist es sehr erklärlich, dafs man immer bedauert 
hat, den Namen dieses Schriftstellers, der uns in so bestimmter In- 
dividualität entgegentritt, nicht überliefert zu finden, doch möchte, 
wenn auch hierüber Gewifsheit nicht in Anspruch genommen werden 
kann, gestattet sein, auf eine Spur hinzuweisen, welche vms mit dem 
Namen des Verfassers bekannt zu machen geeignet ist. Es besteht 
eine Ueberliefei-ung, dafs ein gewisser Johann von Colmar eine 
Chronik geschrieben habe, und dafs er darin des grofsen Meisters 
Alberts, des Bischofs von Regensburg, gedenkt 2). Man hat die üeber- 
lieferung verworfen, weil sie für die Colmarer Chronik, von der 
gleich nachher zu sprechen sein wu'd, nicht zutreffend sich erweist. 
Aber bei dem Umstände, dafs die alten Unterscheidungen zwischen 
Chronik und Annalen niemals sehr zwingend waren, und bei der 
weiteren Erwägung, dafs gerade diese Schriften der Colmarer Pre- 
diger durchgehends in so zusammenhängender Form überliefert sind, 
wii'd die Deutung als zulässig erscheinen, dafs, was uns von dem 
Verfasser der Chronik überliefert wird, vielmehr von dem der Annalen 
zu gelten habe^). Man kann leicht denken, dafs Bruder Johann, bevor 

') M. G. SS. XVII, 235, 3—20. 

2) Die Nachricht wird auf Petrus de Prussia in der vita Alberti Magni 
cap. 32 zui'ückgeführt. 

^) Die Stelle lautet: Tantae autem contra vitiosos, cum necessitas re- 
quirebat, austeritatis in injungendis poenitentiis Albertus extitit, sicut de 
ipso Frater Joannes Columbariensis, qui conversationem ejus noverat refert 
in sua Chronica ut septennem pocnitentiam imponeret poenitenti duram 
satis. Schon Quetif I, 404 bemerkt, dafs diese Stelle in der Chronik nicht 
zu finden sei, und scheint daher mehr geneigt ein verloren gegangenes 
Werk eines Colmarer Dominikaners Namens Johann anzunehmen, weshalb 
Jaffe gleichfalls den Namen verwirft. Allein dem gegenüber möchte doch 
zu bemerken sein, dafs Petrus de Prussia, so viel ich sehe, kein ungenauer 
Schriftsteller war, wol aber, dafs er das Wort Chronik im weitesten Sinne 
gebraucht haben kann von dem ganzen Complex der Colmarer Aufzeich- 
nungen. In diesem Falle ist allerdings an mehreren Stellen von Albertus 
Magnus die Rede, und unter diesen findet man in den uns vorliegenden 
Handschriften zum Jahre 1277 gerade eine Lücke. Dafs überhaupt die 
Annalen bei ihrer losen Foi'm in verschiedenen Abschriften gi'ofse Ent- 
stellungen und Auslassungen erfahren liaben, ist siclier. So würde uns die 
ganz wichtige Stolle zum Jahre 1278 aus allen früher benutzten Codices, 
vgl. Gerard S. ()G, entgangen sein, wenn sie nicht Jaffe bemerkt iiätte, vgl. 
p. 202, 16 — 29, Also ist nichts natürlicher, als dafs auch die Stelle von 



Johannes de Columbaria. 21 

er in Basel im Jahre 1266 seinen bleibenden Aufenthalt nahm und 
die Annalen zu schreiben begann, Albert den Grofsen kennen gelernt 
und von der als Beispiel seiner Strenge angeführten Handlung Zeuge 
gewesen ist^). Diese Verbindung besagt aber mehr, als die blofse 
Nachweisung eines für sich wenig bedeutenden Namens für den Ver- 
fasser der Annalen, sie erklärt uns vor allen Dingen die eigenthüm- 
liche Richtung dieser Colmarer Jahrbücher, welche doch in ihrer 
gTofsartigen Fülle von Einzelheiten mit anderen früheren imd spä- 
teren Annalen kaum vergleichbar sind. Denn gerade die Naturfor- 
schung, wenn man das so nennen darf, oder doch die Aufmerksam- 
keit und Beschäftigimg mit den Gegenständen der Natur neben der 
Rücksicht auf das philosophische und theologische ist es, was Albert 
des Grofsen Schriften bemerkenswerth macht. Wäre in jenem Jo- 
hannes ein Schüler Alberts zu erkennen, so wäre damit ein nicht 
unbedeutender litterarischer Zusammenhang aufgedeckt. Unter den 
Schülern Alberts wird ein anderer Elsasser, ein Strafsburger Namens 
Ulrich, um diese Zeit als Theolog besonders gerühmt 2); es wäre 
lehrreich, wenn wir in Johannes die historische Seite der Schule 
vertreten fänden. 

Befindet man sich indessen, indem man einer dürftigen Ueber- 
lieferung folgt, was den Verfasser der Annalen betriift, nur auf einem 
zweifelhaften Boden, so kann dagegen die ältere Anschauung, wor- 
nach Annalen und Chronik von Colmar demselben Schriftsteller zu- 
geschrieben wurden, gegenwärtig als sicher beseitigt bezeichnet wer- 
den. Die geschichtliche Darstellung, welche die Thaten König Ru- 
dolfs und seines Sohnes Albrecht bis zum Jahre 1304 mit Hinzu- 
ziehung und breiter Ausführung der wichtigsten Ereignisse der Stadt 

der Strenge des sei. Albert, welche Petrus de Prussia noch gekannt hat, 
aus allerlei Gründen von einigen Schreibern gestrichen worden ist. Aber 
der Beginn der Stelle ist uns wie es scheint noch zum Jahre 1277 er- 
halten. Die Annalen heben da an von Albert zu erzählen, um sofort zu 
verstummen. Der Tod Alberts ist später besonders gemeldet (Jaffe p. 207). 
Sollte daher die so unzweideutig überlieferte Stelle des Petrus de Prussia 
nicht zum Jahi-e 1277 gehören? Diese Annahme wird dadurch bestätigt, 
dafs in der vita Alberti von Rudolf von ISTyrnwegen erzählt wird, dafs 
Albert die Colmarer Kirche geweiht habe, dies aber könnte nicht vor 
Ende 1277 geschehen sein und es erklärte sich dann, dafs gerade an 
dieser Stelle die Annalen manches zu erzälden hatten, was uns jetzt fehlt, 
aber Petrus de Prussia noch bekannt war. Dafs die Annalen zum Jahre 
1286 den Frater Johannes de Columbaria in der dritten Person selbst 
erwähnen, vgl. auch Gerard in der Vorrede, mag indessen nicht unerwähnt 
bleiben. 

') Ueber die strenge Zucht Alberts vgl. bestätigend Sighard, Albertus 
Magnus S. 83 und 86. 

2) Sennae Bibl. 268. 



22 § !• Colmarer Annalen und Chronik. 

Colmar in diesem Zeitraum vorführt, ist in ihrer Art giiindverschie- 
den von dem geschilderten Werke des Annalisten imd läfst fast in 
jeder Zeile einen anderen Verfasser erkennen. Es ist ein ziemlich 
einheitlich concipirtes, ich möchte lieber sagen redigirtes Buch, mit 
einer Reihe von Excursen, w^elches sehr lebendig, ja mit einem An- 
flug epischer Erzählungsweise geschrieben ist, so zwar, dafs eben 
dadurch zuweilen seine Nachrichten verdächtig werden. Es sind 
einige Persönlichkeiten, die mit besonderer Vorliebe geschildert 
werden: Rudolf von Habsburg, der Bischof von Basel, Heinrich 
von Isuy, der Schultheifs Roesselmaun von Colmar, Anselm von 
Rapoltsteiu. 

Die historische Erzählung umfafst im grofsen Rahmen die Ge- 
schichte Rudolfs von Habsburg, seine Streitigkeiten mit dem Bis- 
thum Basel, nachher seine Wahl zum Könige, den böhmisclien 
Krieg, die Geschichte Adolfs von Nassau und seine Beziehungen 
zu Colmar, Adolfs Krieg gegen den Bischof von Strafsburg, die 
französisch- englischen Verwickelungen und die ausführliche Schil- 
derung des Kampfes zwischen Adolf von Nassau und Albrecht von 
Oesterreich, dann noch die Streitigkeiten Albrechts mit seinen, be- 
sonders geistlichen, Wählern. 

Man ist erstaunt über die grofse Sachkenntnis, mit welcher 
der Chi'onist Feldzüge zu schildern weifs, und noch mehr fällt auf, 
dafs man im Predigerkloster zu Colmar von manchen diploma- 
tischen ünterhandhmgen unterrichtet war, welche sonst nirgends 
berichtet werden. So sehr erhebt sich der Chronist manchmal zu 
detaillirten Mittheüungen, dafs er selbst Worte und Reden anführt, 
welche von den Parteien gewechselt "niirden, und für welche die 
Kritik allerdings nicht immer einzutreten sich veranlafst sehen vnrd. 
Aber bei genauerer Betrachtung kann man es erklärlich finden, dafs 
gerade diesen Dominikanern mancherlei gute Quellen zu Gebote stan- 
den. Mit den Habsburgern waren sie sicherlich schon von Basel her 
in Verbindung. Sie stellten sich bei den Streitigkeiten derselben mit 
den Bischöfen, sowol dem von Basel wie dem von Strafsburg, nicht 
unbedingt auf die Seite der letzteren, wie sie selbst manche Beschwer- 
den gegen diese Kirch enfürsten hatten. Der einflufsreicbe Bischof 
Heinrich von Isny, den die Chronik so sehr lobt und der durch Ru- 
dolf, als er König ward, erst ziun Baseler Bischof, dann zum Main- 
zer Erzbischof erhoben wurde, machte unzweifelhaft uuserm Chro- 
nisten manche Mitthoilungen. Ferner war in der Zeit Adolfs Colmar 
ein Ort, wo man allerlei gute Nachrichten sammeln konnte, da die 
Parteien der beiden Gegner, Adolfs und Albrochts, hier sehr mächtig 



Werth der Chronik. 23 

waren und um die Vorherrschaft rangen. So ist durch mehr als ein 
Moment der grofse Ruf, den die Colmarer Chronik als Geschichts- 
quelle ersten Ranges seit jeher genossen hat, im ganzen sehr ge- 
rechtfertigt, imd wenn man den Annalen in neuerer Zeit in Hinsicht 
der Glaub^N^rdigkeit den imbedingten Vorzug vor der Chronik zu 
geben versucht hat, so scheint dies doch nvir in beschränktem Mafse 
richtig 1). Was man zur Charakteristik des Verfassers sonst anzu- 
führen veirmag, spricht sehr zu seinen Gunsten. Er war ein litte- 
rarisch feinfühlender Mann, wie ihn denn die entschiedene Partei- 
nahme für König Rudolf gegen Ottokar von Böhmen nicht abhielt, 
die volksthümlichen deutschen Verse, die auf dessen Tod gemacht 
wurden, sammt Angabe des musikalischen Satzes zu überliefern 2). 

Ueber die persönlichen und biographischen Verhältnisse des 
Verfassers der Chronik vermag man nichts bestimmtes anzugeben, 
nur darf man behaupten, dafs er das, was er erzählt, unmöglich 
alles selbst gesehen und gehört haben konnte, obwol die Genauigkeit 
der Angaben es vermuthen liefse. Der Umstand, dafs er über das, 
was in zwei feindlichen Lagern vorgefallen ist, gleich umständlich 
berichtet, beweist doch, dafs er seine Nachrichten ganz oder theil- 
weise von dritten Personen empfangen hat^). Der vorherrschende 
Charakter der Aufzeichnungen ist der, dafs eine Reihe von Partei- 
berichten, wie sie von verschiedenen Seiten her gemacht Avorden 
sein mögen, in einer geschickten Hand vereinigt worden ist. Die 
überall verbreiteten Predigerbrüder müssen unseren Colmarer Chro- 
nisten aufs eifiigste unterstützt haben, wenn man nicht bis zu der 
Annahme vorschreiten will, dafs etwa amtliche Relationen der Do- 
minikaner an ihre Oberen zu Grunde liegen. Jedenfalls bricht die 
Erzählung ziemlich unerw'artet im Jahre 1304 ab. Dafs unter den 
Predigern in Colmar damit alle Geschichtschreibung überhaupt auf- 
gehört haben sollte, ist auffallend. Erhalten haben sich gleichwol 

^) Droysen, Albrechts Bemühungen um das Reich, besonders S. 19 ff. 
Vgl. auch meine deutsche Gesch. im 13. und 14. Jahrh. II, 629. Zu den 
allgemeinen Beziehungen der Baseler und Colmarer Dominikaner zu der 
habsburgischen Familie erwähne ich hier noch zweier besonderer Um- 
stände. Es ist bezeichnend, dafs zu der Taufe des 1276 gebomen Sohnes 
Rudolfs von Habsburg die Dominikaner von Basel und Constanz gerufen 
werden und aufserdem erfahren wir bei dieser Gelegenheit, dafs der Bru- 
der Heinrich, von dem auch Verse überliefert sind, Arzt der Königin Anna 
gewesen sei. Chron. Colm. cap. HI de quibusdam Rudolphi regis liberis. 

2) Zum ersten Male gedruckt in Haupts Zs. IV, 573. 

^) Während man z. B. bei dem Feldzug Rudolfs nach Oesterreich 
meinen sollte, dafs der Berichterstatter in der Nähe Rudolfs weilte, weifs 
die Chronik doch gleichzeitig ein Gespräch des Predigerbruders Rüdiger 
mit dem König von Böhmen mitzutheilen, u. dgl. m. 



24 §2. Strafsburg. 

keinerlei andere Denkmäler, welche auf eine Fortsetzung des glän- 
zenden Anfangs von Geschichtsclireibung bei den Dominikanern da- 
selbst schliefsen liefsen. 

Dagegen findet sich noch ein Rest annalistischer Thätigkeit in 
dem fünf Stunden von Colmar entfernten Cisterzieuserkloster Paris, 
welches seit 1139 bestand und zur Zeit Pius II. gänzlich verfiel i)'. 
Die dürftigen Notizen, die BernouilH diesem Kloster zuweist, reichen 
von 1335—14172). Etwas gröfseren Werth mochten die Aufzeich- 
nungen der Barfüfsermönche von Colmar haben, welche die Jahre 
1227—1454 umfafsten. Im vorigen Jahi-hundert war diese Chronik 
noch vorhanden, sie ist aber heute nur in einem ganz unbedeuten- 
den deutschen Auszug bekannt geworden^). 



§ 2. Strafsburg. 

Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts begann in Strafsburg 
eine stetig fortschreitende, glänzende historiographische Thätigkeit. 
Eine lange Reihe von Chroniken vom 14. bis zimi 18. Jahrhundert 
reichend gab Kunde von den Gesinnungen und Anschauungen der 
deutschen Bürger der alten Reichsstadt. Die Originalhandschriften 
sind aber bei dem Bibliotheksbrande während der Belagerung des 
Jahres 1870 zu Grunde gegangen. Leider war nicht das nöthige flu- 
die Erhaltung und Sichenmg der Schätze von den in falschen Vor- 
stellungen befangenen Behörden und Bewohnern geschehen^). Unter 
diesen Umständen dürfte es mit Recht als eine einzig dastehende 
Fügung, als eine Rettung bezeichnet werden, dafs Karl Hegel eben 
zu derselben Zeit seine Forschungen über den ältesten und wichtigsten 
Theil der Strafsburger Geschichtschreibung abgeschlossen hatte und 
so die historische Ueberiieferung von Strafsburg in kritisch sicher 
gestellter Weise auf die Nachwelt zu bringen vermochte. In zwei 

') Janauschek, Orig. Cisterc. 1, 56. 

2) Annalos Parisienses von A. BernouilH NA. VIII, 616—621. Doch 
ist die Schlufsfolgerung in Bezug auf die Zugehörigkeit des Obcrelsafs 
zu Basel nicht zwmgend, denn das KIostcM- PAri.s gehörte zur Strafsbur- 
ger Diöcese. 

3) Forsch, z. d. G. XV, 460. Rathgeber, Aus einer untergegangenen 
elsässischen Chronik. Erwähnung verdienen noch die Notao historicae 
Altorfenses 1132 bis 1334, herausg. von A. Schulte, Mitth. d. Inst. IV 209 
bis 213. ' 

*) Vgl. Rathgeber, Die handschriftlichen Schätze der frülioren Strafs- 
burger Stadtbibliothck, Gütersloh 1876. Uebcr den Brand v..ni 24 Aueust 
1870 S. 148. ^ 



Der grofse EUenhard. 25 

Bänden gesammelt liegen wenigstens die ältesten Denkmäler dieser 
reichen Geschichtslitteratur in den Chroniken der deutschen Städte 
Yor 1). 

um die Mitte des 13. Jahrhunderts wurde in dem Augustinerstift 
der h. Dreifaltigkeit in Strafsburg mit Zugiimdelegamg älterer Strafs- 
burger Annalen eine Chronik verfafst, welche fast allen späteren 
Historikern als Hauptquelle diente. Aus dieser hat man sich Rath 
und Belehrung über die älteren Zustände und über die Geschichte 
der Stauferzeit geholt, für welche die Nachrichten auch keineswegs 
werthlos waren. In späteren Dezennien wurden nur einige wenige 
Notizen offenbar ebenfalls in Strafsburg an das Werk des älteren 
Verfassers angefügt, doch sind dieselben, ebenso wie die Zusätze 
zu den Annalen des am Fufse der Vogesen liegenden Klosters 
Maurismünster für die Geschichte Rudolfs von Habsburg nicht ohne 
Bedeutung 2). Die letzteren haben uns den Namen eines der vielen 
falschen Friedriche bewahrt, welche unter Rudolf aufgetreten sind. 
Die Strafsburger Notizen aber zeigen, dafs die Sympathie für das 
staufische Haus in der Reichstadt sich auf das Habsburgische Ge- 
schlecht vererbten. Man bezeichnete durch einige Zeit die Compi- 
lation der Augustiner des Dreifaltigkeitsklosters als Annalen von 
Marbach^), und wirklich nehmen dieselben auf das letztere Kloster 
mehrfach Rücksicht; doch ist die imzweifelhafte Heimat des Ge- 
schichtswerkes Strafsburg und hier war es denn auch vorzugsweise 
Quelle für spätere Schriftsteller geworden. 

1) Die Chroniken der deutschen Städte 8. und 9. Band. Leipzig 1869 
und 1871, wo in der Einleitung wenigstens das Verzeichnis der vorhanden 
gewesenen Chroniken zu finden ist zugleich mit einer Charakteristik ihrer 
Verfasser. 

2) Annales Maurimonasterienses bis 1288 bei Böhmer, Fontes III, 8 — 10 
mit der Annahme, dafs das vorliegende ein Auszug aus gröfseren Anna- 
len wäre, und von Jaffe in Mon. SS. XVII, 181. Zu den aus der EUen- 
hardischen Handschrift geschöpften Notae bist. Argent. Böhmer Font. III, 
113 £f. bringt A. BernouiUi NA. IX, 209 Fragmente einer ziemlich freien 
Uebersetzung. 

2) Ausgabe von Wilmans nach dem Original-Codex in Jena, der aber 
jedenfalls aus Strafsburg stammt. Mon. SS. XVII, 142 vgl. Böhmer Fontes 
in, 66 und was über den Jenaer Codex bemerkt ist S. XXII ff. Die 
Strafsburger Handschrift des Matthias Neoburgensis enthielt es auch und 
darnach als Fragmentum incerti auctoris bei Urstisius S. 74, vgl. Wilmans 
in Pertz Archiv XI. S. 115. Doch macht dagegen Hegel geltend, dafs der 
Autor selbst über die Stiftung von Marbach nur wenig sagt und von dem 
Stifter selbst nichts als der Todestag angegeben wird. Auf die Augustiner 
zur h. Dreifaltigkeit in Strafsburg weist die Stelle a. a. 1226, vgl. Hegel, 
Str. Chr. 1,50—53. Die von letzterm behauptete Abfassungszeit „nach 
der Mitte des Jahrhunderts'' ist wol richtiger nach 1237 zu bezeichnen. 
W. G. II, N. läfst die Frage unentschieden. 



26 §2. Strafsburg. 

In der städtischen Geschichte von Strafsburg nimmt die Schlacht 
von Hausbergen, Avelche am S.März 1262 zwischen dem dama- 
ligen Bischof Walter von Geroltseck und der Bürgerschaft geschlagen 
worden ist, und in welcher die letztere glänzend siegte, eine hervor- 
ragende Bedeutung ein. Die Ereignisse dieser Jahre haben sich über- 
haupt im Gedächtnis der Strafsbm-ger Bürger erhalten, als das He- 
roenzeitalter ihrer Freiheit. Unter den Vertheidigern Strafsburgs 
befand sich ein angesehener Bürger, Ellenhard, welcher am Tage 
der Schlacht Custos oder Wartmann, wie Böhmer und andere mein- 
ten, der Wächter eines Wartthurms, wahrscheinlicher aber der Füh- 
rer der Avantgarde gewesen Avar'). Er wurde später vieljähriger 
Pfleger des Münsterbaues, und bedachte die Kirche, sowie das Spi- 
tal zum h. Geist, bei welchem er ebenfalls das Pflegeramt hatte, 
mit vielen Schenkungen. Er starb am 13. Mai 1304. Er war der 
Begründer einer umfassenden historischen Sammlung und hat seine 
VorKebe für geschichtliche Erinnenmgen in der Anregung und theil- 
weise eigenen Abfassung vieler historischer Werke 2) beurkundet. 
Der grofse Ellenhard vor dem Münster, wie man ihn zu 
nennen pflegte 3), fand in Strafsburg eine Reihe annalistischer Aufzeich- 
nungen, welche vor seiner Zeit gemacht worden und wovon uns ge- 
genwärtig nur spärliche Reste übrig sind*). Diese annalistischen 
Aufzeichnungen hat er wieder aufgenommen und hat vom Jahre 1208 
bis 1297 eine Anzahl besonders Strafsburg betreffende Nachrichten 
zusammengestellt^). Ungleich wichtiger aber für die Geschicht- 

1) Böhmer, Fontt. III, XXX. Wiegand bellum Waltherianum (= Stu- 
dien z. Elsäss. Gesch. I, 1878) S. 71 bemerkt, dafs schon Schueegans Code 
hist. et dipl. II, 58 N. 23 das richtigere bemerkt hätte: Wartmann bedeute 
eigentlich explorator. 

*) W. G. II, N. Ausgaben der von Ellenhard veranlafsten Bücher 
nebst Vorbemerkungen: Code historique et diplomatique de la ville 
de Strasbourg I, 1. 3 ff. 2. 37 ff. und 221 ff. Böhmer, Fontt. II, XV, 111 
bis 147, III, 117 — 136. M. G. SS. XVII, 91 ff. Die Beschreibung des 
kostbaren Codex von St. Paul aucli bei Pertz, Archiv I, 280. Gekannt 
haben denselben schon Pelzel und Martin Gerbert. Von Sanct Blasien 
kam der Codex 1806 nach St. Paul in Kärnten, wo or sich nocli befindet. 

3) So übersetzt Closcner, Bibl. des lit. Voreins v. Stuttgart I, 72, Hegel 
I, 89 „von gesegedo des groszen Einhartes vor dem münstor ein burgers 
zu Strosburg", w(»raus zugleich der Beweis fliefst, dafs Magnus nichts als 
Beiname ist, also niclit Ellenhard Grofs. Vgl. Böhmer, fontt. II, XV. 

*) M. G. SS. XVII, 86 ff. 

s) Dazu bei Böhmer, Fontt. 111, 117—120 für die Jahre 1277—1338 
eine Art Fortsetzung, welche ganz gewifs als Strafsburger Aufzeichnung 
anzusehen ist, aber schwerlich in diesen Zusammenhang gehört, wie der 
Einblick in die Handschr. der Wiener Bibl. cod. univ. 238 zeigt, und daher 
von Jaffe abgetrennt worden ist. Hegel erblickt in den Annalcn von 
1206 — 1288 wescntlicli Grundlagen von dominikanischen Aufzeichnungen 



I 



Der Conflict von Hausbergen. 27 

Schreibung war, dafs er einem gewandten Schriftsteller und Schlach- 
tenbeschi'eiber neben anderen Augenzeugen, vortreffliche Mittheilun- 
gen über die grofse städtische Action gemacht und dadurch die 
Abfassimg eines der anschaulichsten und lesenswerthesten Bücher 
mittelalterlicher Geschichte ermöglicht hat. Selbstverständlich nahm 
er das Werk auch in seine eigenen Sammlungen auf, aber sein 
Schreiber erlaubte sich dem Original mancherlei Gewalt anzuthun, 
^-ie Wilhelm Wiegand scharfsinnig gezeigt hat. So kam es, dafs 
sich spätere Uebersetzer und Abschreiber mit Recht lieber an die 
älteren Recensionen gehalten haben und der volle Werth des Autors 
in der Ellenhardschen Abschrift nicht zur Geltung gelangen kann*). 
Wer der eigentliche Verfasser des trefflichen Werkchens sei, 
läfst sich nicht mehr sicherstellen, da eine späte Nachricht, welche 
einen Carmelitermönch Petrus nennt 2), sehr wenigen Glauben fand, 
obwol sich nicht geradezu die absolute Unmöglichkeit dieser Autor- 
schaft beweisen läfst. Wenn aber einige neuere Forscher Gottfried 
von Ensmingen, von dem gleich mehr zu sprechen sein wird, als 
Verfasser auch dieses Theiles der Ellenhardschen Aufzeichnungen 
bezeichneten, so läfst sich dieser Annahme bestimmt Avidersprechen^). 
Das Büchlein über den Conflict von Hausbergen nimmt inso- 
fern eine epochemachende Stellung in der Geschichtschreibung ein, 
als es ganz geeignet war, wie es die büi'gerlichen Interessen vertrat, 
auch gi'öfsere bürgerliche I^Ji'eise ftir solche Geschichtswerke zu in- 
teressiren. Noch nach hundert Jahren haben büi'gerliche Leute in 
Strafsburg diingend eine üebersetzung davon gewünscht, um ihre 
Streitigkeiten mit den Bischöfen historisch zu begründen. Es ist 
daher eigentlich als das erste Beispiel einer acht bürgerlichen und 
städtischen Geschichtschreibung in Deutschland anzusehen. Die 
schlichte Darstellung der Ereignisse, aus einer ziemlich entfernten 



aus Strafsburg, in dem Stücke von 1292 bis 1297 aber die eigene Arbeit 
EUenhards. 

^) Wiegand a. a. 0. S. 73 beschuldigt den Schreiber des Ellenhard- 
schen Codex der Gedankenlosigkeit. Für die kritische Erörterung der 
Thatsachen hat Wiegand besonders die Verdienste des ersten der neueren 
Bearbeiter des Gegenstandes : Roth von Schreckenstein, Herr Walther von 
Geroltseck, Bischof von Strafsburg, 1857, gebührend hervorgehoben. 

2) Zuerst von Bruschius, Epitome de Germaniae episcopatibus fol. 67 
erwähnt, von allen Neueren abgewiesen, bis auf Hegel, welcher a. a. 0. 
S. 55 berichtigt, dafs die Carmeliter nicht erst seit 1326, sondern schon 
vorher in Strafsburg waren. 

^) Vgl. Tempeltey, De Godofredo ab Ensmingen ejusque, que feruntur 
operibus historicis. Diss. Berolin. 1860. Die vielfachen Verdienste dieser 
kleinen Schrift sind von Wiegand neuerdings lebhaft hei-vorgehoben. 



28 § 2. Strafsburg. 

Zeit betrachtet, die genaue Erinnerung aller kleinen und kleinsten 
Umstände, und die stete Berücksichtigung beider kriegführenden 
Parteien lassen das Buch als ein Muster von Unparteilichkeit er- 
scheinen; und es ist aus dem einigermafsen verschiedenen Charakter, 
welcher zwischen dieser und den andern EUenhardschen Aufzeich- 
nungen besteht, geradezu geschlossen worden, dafs unmöglich die- 
selbe Person, welche sonst als Gehüfe Ellenhards bezeichnet wird, 
auch diese Relation verfafst haben kann. 

Indessen ist die Unparteilichkeit in der Darstellung des Walte- 
rianischen Kriegs doch nicht so zu verstehen, als würde die Sache 
der Bürgerschaft nicht durchgehends als die allein rechtmäfsige be- 
trachtet. Es geht die Darstellung in dieser Beziehung so weit, dafs 
Kriegsbegebenheiten, wie etwa die Verbrennung von Bischofsweüer, 
völlig ungetadelt bleiben, weil die Bürger daran Schuld hatten. 
Man kann also nicht sagen, dafs ein ganz neutraler Mann der Ver- 
fasser des Kriegsberichtes ist'). Im übrigen schliefst sich das Buch 
auch so enge an den Complex Ellenhardscher Werke an und fügt 
sich in dieselben so sehr ein 2), dafs ein Gegensatz der politischen 
Gnmdanschauungen wol in keinem Theile der umfangreichen Ueber- 
lieferungen hervortritt. In dieser Beziehung darf man die Person 
Ellenhards ohne Frage als den eigentlichen Träger imd geistigen 
Mittelpunkt der durch ihn veranlafsten Geschichtswerke ansehen. In 
erster Reihe steht ihm das Interesse der Stadt, aber mit dem Bis- 
thum ist derselbe zur Zeit, wo der Walterianische Krieg beschrieben 
wird, ausgesöhnt und es ist keine Absicht in der Aufzeichnung El- 
lenhards das gute Einvernehmen zu stören. 

') Ueber den Strafsburgischen Krieg vgl. noch immer Kopp, Eidgen. 
Bünde II, 2. 607 £f. Bezeichnend spricht auch Jacob Twinger seine Auf- 
fassung auf Grund der vorliegenden Relation dahin aus, dafs, wenn der 
Bischof die Rechte, die er zu haben meinte, erworben hätte, Strafsburg 
sein eigen geworden wäre. Merkwürdig ist, dafs in der ganzen Relation 
jedoch die Rechte (vgl. Schöpflin, Alsatia dipl. I, 433), um die es sich 
handelte, nirgends namhaft gemacht sind. Jetzt ist die rechtshistorische 
Seite des ganzen Conflicts durch das treffliche Urkundenbuch von Strafs- 
burg herausg. von W. Wiegand, Strafsbiu-g 1878, auf eine feste Grundlage 
gestellt. Die neueste Littorarur über die Strafsburger Stadtentwickelung 
ist bedeutend. Ich höbe aufser dem von Schulte herausg. III. Bde. des 
Urkundonbuchs nur einiges hervor, was Beziehungen zu den Geschicht- 
schreibcrn hat wie Schmoller, Strafsburgs Blütho und Strafsburg zur Zeit 
der Zuiiftkänipfc Quellen und Forschungen VI. u. XI. und Winter, Ge- 
schichte des Raths in Strafsburg, (Untersuchungen zur deutschen Staats- 
und Rechtsgescliichte hrsg. von 0. Gierko, I. Breslau 1878). 

-) Post hec in quadragesima subscquente venenint llagollatores, de 
quibus superius mentio facta est. Hinweisung auf die Aiinnics EUenhardi 
a. a. 12*31, wie auch Jaffe annimmt. 



GotMed von Strafsburg. 29 

Von Interesse für die Parteien des Elsasses im 13. Jahrhundert 
ist die Stellung Strafsburgs zu den habsburgischen Landgrafen. Da 
Graf Rudolf anfänglich mit dem Bischof gegen die Stadt verbündet 
war, aber am 18. September 1261 sich der Genossenschaft von 
Strafsburg anschlofs, so war es recht eigentlich die Aufgabe gerade 
des Geschichtschreibers des Conflikts von Hausbergen die grofse 
Wandlung der Politik dieses Geschlechtes zu beschreiben. Ob dies 
wirklich geleistet wurde, läfst sich bezweifeln, aber es finden sich 
hinreichende Andeutungen, wie Rudolf Colmar und Mühlhausen und 
das ganze Oberland in den Bund mit Strafsburg hereinzieht und 
dadurch allerdings das Uebergewicht der Stadt gegenüber der bischöf- 
lichen Partei begründet. So erklärt sich wol ganz natürlich die 
grofse Sympathie, welche ein Mann Avie EUenhard für das habs- 
burgische Haus fortan hegte. 

Aus dem Werke, welches die Ueberschrift trägt: Gesta Rudolfi 
et Alberti regum Romanorum, wii'd man noch deutlicher über die 
Stellung der Parteien im Elsafs und besonders wieder in Strafsburg 
unterrichtet. Zu der Zeit als EUenhard seine Geschichtswerke ab- 
fassen liefs, war die Pai'tei, der er angehörte, durchaus im Ueber- 
gemcht. Auf dem bischöflichen Stuhle behaupteten sich die Lichten- 
berger, Conrad und Friedrich, und diese standen einerseits mit der 
Bürgerschaft, andererseits mit dem habsburgischen Geschlecht auf 
dem freundlichsten Fufse; die Gründe, welche zu dem Bund Rudolfs 
von Habsburg mit der Stadt Strafsburg gegen die bischöflichen An- 
sprüche geführt hatten, fielen dadurch weg, dafs das feindliche Ge- 
schlecht der Geroltseck verdräng! wurde, und die der Stadt befreun- 
deten Habsburger inzwischen Könige geworden waren. In dieser Zeit 
nun, denn EUenhard liefs seine Aufzeichnungen noch beim Leben 
Rudolfs beginnen, gab es keinen Streit zwischen den früher sich 
hart befehdenden Parteien mehr. Eine Gereiztheit gegen das Bis- 
thum als solches durfte schon deshalb in den Ellenhardschen Auf- 
zeichnungen nicht hervortreten, weil ja das beste Einvernehmen 
zwischen dem König, dem Bischof imd der Stadt herrschte und 
sicherlich befestigt werden wollte. 

Ihrer ganzen Natur nach haben die Gesta ein viel allgemeineres 
Interesse als die Relation über Hausbergen. Sie behandeln in her- 
vorragender Weise die Reichsgeschichte und die grofsen historischen 
Begebenheiten der Zeit. Gleichzeitig mit der Reproduction jenes Be- 
richtes wurde auch die Geschichte König Rudolfs von Habsburg in 



30 § 2. Strafsburg. 

Angiiff genommen*). Ellenhard gewann hiezu einen sehr ausgezeich- 
neten Mann, den bischöflich strafsburgischen Notar Gotfried^), 
der zunächst bis zum Jahre 1290 seine Darstellung führte, und dann 
dieselbe mit der ausdrücklichen Nennung seines, als des Schreibers 
imd des Namens Ellenhards, als Veranlassers der Chronik, schlofs. 
Er erzählte noch die glänzenden Tage König Rudolfs in Erfurt, und 
wie dieser damals mit so lange ungewohnter Kraft seine Herrscher- 
rechte geltend machte, dann aber schien ihm doch MÜnscheuswerth, 
als das Ende Rudolfs unerwartet rasch eintrat, die Ereignisse der 
Jahre 1291 und 1292 nachzutragen. In den Codex waren aber in- 
zwischen andere Notizen eingeschrieben worden, wie eine Betrach- 
tung über die in der Strafsburger Kirche geschehenen Wunder der 
heiligen Maria und der Catalog der Strafsburger Bischöfe. 

Die Regienmg König Adolfs bot wenig Anregendes für den 
habsburgisch gesinnten Ellenhard, und er unterbrach seine historio- 
graphische Thätigkeit, bis es dem Sohne Rudolfs gelimgen war das 
Scepter wieder zu ergreifen. Was hätte da für Strafsburg interes- 
santer sein können, als die Ereignisse des Kriegs gegen König Adolf, 
an welchen Bischof und Stadt gleich eifrigen Antheil genommen 
haben. Im Februar 1299, nachdem Albrecht seine ersten könig- 
lichen Versuche glücklich gelungen waren, ist unser Verfasser in so 
heiterer Stimmung, dafs er ausruft: Und es war aller Krieg beendigt 
und lebte die ganze Welt in Frieden. Zum Schlufs ist nur ange- 
merkt, dafs Ellenhard die Aufzeichnung dieses Theiles veranlafst 
hat, nicht wer der eigentliche Verfasser sei, und da sich Gotfried 
nach seinem früheren Gebrauch gewifs sein Autorrecht gewahrt hätte, 
so ist es wenigstens nicht wahrscheinlich, dafs er selbst der Fort- 
setzer der Geschichte König Rudolfs war. 

Zu dem gleichen Schlüsse wird man gedrängt, wenn man auf 
den Geist und die Haltung dieser verschiedenen Theile der Chronik 
blickt. Denn die Geschichte Rudolfs mit der übersichtlichen Ein- 
leitung, die vorhergeht, ist ein Muster einer ruhig fortschreitenden 
Erzählung ohne alle Leidenschaft, die Geschichte Albrechts dagegen 
ist von Parteieifer erfüllt in dem, was sie sagt, und noch mehr in 

') Jaffc setzt die Abfassung des ersten Thoils der Chronik auf das 
Jahr 1290, die Abfassung des bellum Walterianum auf 1291—1292. 

*) Meister Gotfried von Strafsburg, Godcfridus de Ensmingcn, kommt 
bis zum Jahre 1294 urkundlich vor. Mit seinem grofscn Namensverwand- 
ten hat er das gcmciu, dafs man von dem Leben dos einen und des an- 
dern nicht viel wcifs. Die elsässischon Goleiirtcn der neueren Zeit haben 
ihn gänzlich vernachlässigt. Alles irgend bekannte ist im Code historique 
et dipl. de Strafsbourg zusammengestellt. 



Pritsche Closener. 31 

demjenigen, was sie verschweigt. Bezeichnend für den Standpiinkt 
des Verfassers ist es, dafs über den König Adolf nichts gesagt ist, 
als was durch die Geschichte Albrechts unumgänglich geboten schien. 
Ellenhards Aufzeichnungen sind es denn auch, welche hauptsächlich 
die Behauptung verbreitet haben, dafs König Adolf dem Herzog Al- 
brecht das Gift habe beibringen lassen, an welchem er angeblich 
erkrankt gewesen wäre. Doch wird hiedurch nicht ausgeschlossen, 
dafs die Nachrichten, welche Ellenliard bringt, nicht auch in diesem 
letzten Theile sehr brauchbar wären. Vielmehr ist der Kampf um 
das Reich so detaülirt und mit so viel Geschick dargestellt, dafs wir 
keine ergiebigere Quelle für diese Ereignisse besitzen. Man sieht, 
dafs die Strafsburger, wie sie ja selbst eine wichtige Stellung in 
dem Küege einnahmen, so auch von allen Einzelnheiten desselben 
genau untemchtet waren. Zu einem wenig verschiedenen Resultate 
kommt auch G. Winter in einer sehr sorgfältigen Untersuchung ge- 
rade über diesen Theil der Chronik, wenn er sagt: „Ist so die 
Ellenhardsche Chronik ein werthvolles und interessantes Denkmal 
der Gesinnungen und Parteiverhältnisse jener Zeit, so werden wir 
sie doch als historisch glaubwürdig nur insoweit betrachten dürfen, 
als sie nicht von ihrem exclusiv habsburgischeu Standpunkt allzu 
sehr beeinflufst wii'd"*). 

Aehnlich aber verhält sich auch Ellenhards Werk zu der Ge- 
schichte König Rudolfs. Sein Krieg mit König Ottokar von Böhmen 
wird fast aus denselben Gesichtspunkten dargestellt, wie in dem 
späteren nicht mehr von Gottfried beschriebenen Theile das Ver- 
hältnis zwischen Adolf und Albrecht. Gegenüber der Colmarer 
Chronik ist die Darstellung Gotfiieds insofern einseitig zu nennen, 
als jene uns Berichte von beiden Seiten gibt, während Ellenhard 
nichts aus dem Lager des Böhmen zu erfahren vermochte. Der Be- 
richterstatter befindet sieb offenbar in der Nähe König Rudolfs und 
bietet zugleich auch eine wünschenswerthe Ergänzung zu den Auf- 
zeichnungen von Colmar, da der Berichterstatter der letzteren mehr 
von dem Coi-ps, welches der Pfalzgi-af Ludmg führte, anzugeben 
weifs, als von demjenigen, das unter des Königs eigenen Befehlen 
stand. Die Details, welche Gotfi'ied über entfernter liegende Er- 



^) Georg Wintei-, Strafsburgs Theilnahme an dem Kampfe zwischen 
Adolf von Nassau und Albrecht von Oesten-eich, Forsch, z. d. G. XIX, 
521 ff. Excurs zur Kritik Ellenhards. Weniger verständlich ist mir 
S. 566 die Polemik gegen Wiegand, den ich wenigstens nicht so verstanden 
habe, als wolle er dem bellum Waltherianum im allgemeinen die Glaub- 
würdigkeit absprechen. 



32 § 2. Strafsburg. 

eignisse bringt, lassen überhaupt die Annahme nicht zu, dafs die ganze 
Erzählung „von siebenzehn Jahren rückwärts her aus dem Gedächt- 
nifs geschrieben" sei^), denn es ist unmöglich, dafs das Gedächtnifs 
eines Mannes sich auf die Ereignisse in so vielen verschiedenen 
Ländern hätte erstrecken können. Vielmehr lagen dem Geschicht- 
schreiber Berichte verschiedener Personen vor, die er aber sehr 
künstlich in einander verschlungen hat, und die sich gerade dadurch 
verrathen, dafs Gotfried bei seiner Zusammenstellung des verschie- 
denartigen Materials in einige nicht unerhebliche chronologische Irr- 
thümer verfiel, welche der neueste Herausgeber des "Werkes mit grofser 
Sorgfalt bezeichnet hat. 

Die Geschichtswerke, welche auf diese Weise durch Ellenhards 
Thätigkeit geschaffen worden sind, haben sich nicht in so zahlreichen 
Handschriften erhalten, wie man bei dem Interesse, das sie erweck- 
ten, erwarten müfste^). Vielleicht erklärt sich dies dadurch, dafs 
sehr bald nach Ellenhards Tod in Strafsburg bereits die Tendenz 
durchbricht, deutsche Geschichtswerke zu lesen und zu besitzen. 
Die späteren Strafsburger Geschichtschreiber, welche Ellenhards 
Werke gründlich ausgenutzt haben, verdrängten zugleich den Vater der 
städtischen Historiographie, indem sie sich dem erwachten nationalen 
Bedürfuifs unterwarfen und den beengenden Mantel der Gelehrten- 
sprache abstreiften. Unter diesen letzteren ist Fritsche Closener 
der Zeit und wol auch dem Werthe nach gleich hier zu nennen. 

Es ist nicht unsere Aufgabe hier die Geschichte von Strafsburg 
eingehend zu verfolgen und zu zeigen, wie das gute Einvernehmen, 
welches zwischen Bürgerschaft und Bischof eine Zeitlang bestand, 
um die Mitte des 14. Jahrhunderts wieder getrübt erscheint^). „Unter 
den am Stadtregimente theilnehmenden Bürgern befand sich auch 
Johannes Twinger, der im Jahre 1357 regierender Städtmeister 
war und späterhin noch zweimal derselben Ehre theilhaft wurde". 
Dieser Mann scheint in seiner Zeit die Rolle übernommen zu haben, 
welche EUenhard früher spielte; er veranlafste den Closener zur Ab- 
fassung einer Uebersetzung des Walterianischen Krieges, 

') Böhmer, Fontt. H, Vorr. XVII. 

2) Vgl. Potthast, von Ellenliard, wo jedoch ein Unterschied zu machen 
ist zwischen dem, was auf Veranlassung Ellenhards geschriohon ist und 
dem, was in dem Codex später eingetragen wurde, woliin die Annales 
hoitpitalis Argentinensis gehören; vgl. die ausdrückliche Bemerkung Jaffe's 
S. 98 seiner Ausgabe. Es sind Notizen der Jahre 1279—1282 und 1372 
bis 1389. 

') Uober die weitere Strafsburger Stadtgcschichto vgl. Arnold, Ver- 
fassungsgeschichte ], 85. Hegel in der Einleitung, Geschichte und Ver- 
fassung der Stadt S. 30 ff. und hesonders Schmoller oben S. 28 N. 1. 



Pritsche Closener. 33 

der gerade hundert Jahre vorher stattgefunden hatte. Man weifs von 
Friedrich Closener nicht viel mehr, als dafs er aus Strafsburgischer 
guter Familie stammte und Geistlicher wurde. Im Jahre 1349 finden 
wii" ihn als Gustos des Marienaltars im Münster mit einer spärlichen 
Besoldung ; dann erhielt er, von dem Bischof Berthold von Bucheck 
begünstigt und emporgehoben, die Stelle eines Vicarius am grofsen 
Chor der Domkirche und später die einträgliche Pfründe an der 
Katharinencapelle, mit welcher zugleich ein vorzüglicher Bang unter 
den Mitgliedern des grofsen Chors verbunden war. Ueber seine um- 
fassende litterarische Thätigkeit gibt es mancherlei merkmirdige 
Notizen, welche jedoch zu spärlich und ungenau sind, um ein Ürtheil 
über den Werth seiner Arbeiten zuzulassen; so heifst es, dafs er 
ein lateinisch-deutsches Wörterbuch verfafst und ein Buch über die 
Geremonien und Gebräuche in der Strafsbui-gischen Kirche zusam- 
mengetragen habe. Bischof und Capitel beschlossen die in diesem 
letzteren Werke niedergelegten Forschungen zui- allgemein giltigen 
Norm für- den Kirchendienst der Strafsbiurger Diöcese zu machen'). 
Beide Bücher sind indessen heute nicht mehr vorhanden. 

Wenden wir uns zu Closeners Geschichtswerken, so läfst sich 
aus dem Inhalt wol mehreres auf seinen Charakter und seine Kennt- 
nisse schliefsen. Zunächst beschränkt er sich darauf, eine Papst- 
imd Kaiserchronik in deutscher Sprache zusammenzustellen mit den 
dürftigsten Angaben über die wichtigsten welthistorischen Ereignisse, 
aber mit desto genaueren chronologischen Daten über die einzelnen 
Päpste, welche ziemlich unkritisch den gewöhnlichen Papstkatalogen, 
wie sie seit Martin von Troppau bestanden, nachgeschrieben wurden. 
Bei einer Anzahl von Päpsten sind entweder schon in den Hand- 
schriften oder doch in den uns vorliegenden Dnicken Fehler, da es 
wahrscheinlich ist, dafs Closener einfach die Chronik Martins von 
Troppau excerpirte. \ne denn auch die Päpstin Johanna auf diese 

') Ueber die Lebensverhältnisse Closeners handelt Strubel, Litter. 
Verein von Stuttgart I, Vorwort und Code historique de la ville de Stras- 
bourg, Notice sur Closener et Twinger de Königshoven, p. 1 — 20, wo auch 
beide Werke abgedruckt sind. Die Einleitung und was über Leben und 
Familie Closeners zu sagen, findet sich weit besser im Code bist, von 
Schneegans dargestellt. Dagegen ist die Ausgabe von Strobel noch immer 
brauchbar, im Code bist, sind Closener und Königshoven zusammen- 
gearbeitet. Die kleine Abhandlung Strobels, de Frid. Closneri presbyt. 
Argent. chronico Germanico, Argentorati 1829, enthält nichts, was nicht 
in den Ausgaben wiederholt wäre. Hegel in der Einleitung zu der Aus- 
gabe Closeners, Städtechron. VIIL 3 ff. und Aloys Schulte, Closener und 
Königshofen. Beiträge zur Geschichte ihres Lebens und der Entstehung 
ihrer Chroniken. Strafsburger Studien von Martin und Wiegand I. 277 
bis 299. Strafsburg 1883. 

Lorenz, Geschichtsqucllen. 3. Aufl. I. ,^3 



34 § 2. Strafsburg. 

Quelle hiiiAveist'). Noch fehlerhafter ist die Reihe der römischen 
und byzantinischen Kaiser mitgetheilt, worauf Closener dann die 
Karolingischen Kaiser mit der Bemerkung anschliefst: „Das Reich 
kam au die Franzosen", eine im 14. Jahrhundert bereits als ver- 
hängnifsvoll zu betrachtende Verwechselung von Franken und Fran- 
zosen, denn ohne Zweifel ist dies der erste FaD, dafs in einem 
deutschen Buche Karl der Grofse als Franzose bezeichnet wird. 

Kann man auf diese Weise sagen, dafs sich die allgemeinen 
Geschichtskenntnisse unseres Closener nicht iiber das dürftigste 
Material der damals herrschenden Schulbücherlitteratur erhoben, so 
ist er auch da, wo er aus seinen Strafsburgischen Quellen schöpfen 
konnte, durchaus unselbständig, selten mehr als ein üebersetzer. 
Nachweislich lag ihm jedoch neben den ixns schon bekannten 
Strafsburger Quellen auch die Sächsische Weltchronik und zwar 
in einer Gestalt vor, welche bereits Fortsetzungen mindestens bis 
zum Jahre 1300 hatte 2). Die Thatsache der Verbreitung dieser 
niederdeutschen Chroniken im Elsafs ist an sich interessant genug, 
sie wird es aber noch mehr dann, wenn man eich vergegenwärtigt, 
dafs die Benutzung derselben gerade dort am stärksten ist, wo sie 
in der Z(nt mit den einheimischen elsassischen Quellen concurrirt, 
ein Beweis, dafs das Ansehn derselben ein ganz aufserordeutliches 
war. Was nun die Darstellung der letzten hundert Jahre in Closeners 
Aufzeichnungen betrifft, so ist sie ein ziemlich planloses Conglomerat 
der verschiedenartigsten Dinge. Nachdem die Chronik von der Zeit 
Rudolfs von Habsburg bis zum Tode Ludwig des Baiern in aus- 
führlicher Erzählung fortgeführt ist, folgt ein Bischofskatalog von 
Strafsburg und liierauf die auf Veranlassung des Johann Twiuger 
gemachte wörtliche üebersetzung einer der älteren Recensionen des 
bellum Walterianum, dann eine ausführlichere Geschichte der Strafs- 
burger Bischöfe von 1262 — 1362 und verschiedene Strafsburgische 
Merkwürdigkeiten: Geschichte der Geifselfahrer, Seuchen, Bürger- 
zwiste, Nachrichten über Bauten, Witterung und Natui-begebenheiteu 

') Die Uebereinstimmung mit einem späteren Martin ist klar. Der 
Papstcatalog ist auch nur bis Clemens geführt, die Päpste von Avignon 
sind nicht mehr genannt. Die Stelle über die Päpstiii Johanna S. 8 der 
Strobolschen Ausgabe. Im übrigen sind manche Ungenauigkoiteu in der 
Angabe der Regicrungszeit jedes Papstes. Rechnet man bis zu Clemens V., 
so bekommt man durch Addition das Jahr 1315. 

■■*) Vgl. zum Jahr 1298 die Schlacht am Hascnbühcl, Tiegel Städtcchr. 
VIII GO. A. 4 vgl. Weiland, Sachs. Weltohr. M. G. D. C. U.ß'M. Zugleich 
weist aber gerade diese Stelle auch auf Ellcnhard, so dafs diese beiden 
hier besonders deutlich als Closeners Gowährsmänuer ersciicinen. 



Fritsche Closener. 35 

und endlich eine Gescliiclite der Hohenstaufen von Philipp bis auf 
Conradin, A-iel ausführlicher als die Erzählung in der vorangehenden 
Chronik war, auf welche jedoch Avolbedacht Rücksicht genommen 
Avird, und an deren Ende man ausdrücklich auf die Geschichte Kö- 
nig Rudolfs in der Chronik verwiesen wird. 

Was nun aber diese mannigfaltigen und ziemlich umfangreichen, 
den Werth der Chronik nach aUen Seiten weit üben-agenden Nach- 
richten betrifft, so besteht einige Schwierigkeit über die Frage, wann 
dies alles abgefafst worden ist. Denn Closener erzählt uns, dafs er 
die üebersetzung des Ellenhardschen Strafsburger Krieges am 13. Juni 
1362 beendigt habe und schon am darauffolgenden 8. Juli will er 
seine ganze Arbeit, deren einzelne Theile mr soeben angegeben, ab- 
geschlossen haben'). Es ist klar, dafs nicht innerhalb dieser weni- 
gen Wochen alles dies geleistet worden sein kann, und es ist daher 
zu schliefsen, dafs die A^erschiedenen Theile der Closenerschen Auf- 
zeichnungen in anderen Jahren entstanden sind, als man nach un- 
serer Ausgabe anzunehmen genöthigt wäre, und dafs die Voraus- 
setzung, Closener habe gleichzeitig mit der auf Twingers Bitte ver- 
anstalteten üebersetzung die übrigen Aufschreibuugen erst hinzuge- 
fügt, wol uni'ichtig sein mufs. Darauf weisen uns auch die Notate 
Closeners selbst, welche in ihren einzelnen Abschnitten selten über das 
Jahr 1360 hinausgehen und wahrscheinlich gleichzeitig aufgeschrie- 
ben worden sind, also sämmtlich vor die Abfassungszeit der üeber- 
setzung des Walterianischen Kriegs fallen. Ja selbst die Geschichte 
der Bischöfe schliefst nicht mit dem Jahre 1362, sondern sie ver- 
schweigt uns die letzten Lebensjahre des Bischofs Johann von Lich- 
tenberg und schliefst mit einer Thatsache des Jahres 1358. Aus 
alledem geht hei-vor, dafs die einzelnen Theile der Closenerschen 
Arbeit erst nachträglich in einem Bande A'ereiiiigt. und in die zufäl- 
lige Aufeinanderfolge gesetzt sind, in welcher wir sie jetzt besitzen. 



') Vgl. S. 72 imd 127. Die Liazer Handschi-ift schliefst übrigens mit 
denselben Worten Avie die Pariser. Vgl. Pertz, Ai'chiv III, 76. Dennoch 
bleibt durch diese Daten aufrecht, dafs wir hier nicht die Ordnung des 
Originals besitzen können. Nachdem in der ersten Auflage diese und fol- 
gende Bemerkungen längst gedruckt Avaren, fand ich mit Freude die Ueber- 
einstimmung mit Hegel, Closener S. 5. Doch bezieht nun Hegel, um aus 
der ScliAvierigkeit zu kommen, das Datum des 8. Juli auf die Vollendung 
der Reinschrift, allein man sieht leicht, dafs die Annahme der Verferti- 
gung der Reinschrift in Zeit von drei Wochen auch nicht viel besser ist. 
Zudem hat die Eiinnenmg an das Erdheben und sein Zusammentreffen 
mit der Vollendung des Werks nur einen Sinn, Avenn es sich um die 
Sache, nicht um eine Abschrift handelt. Unter diesen Umständen schien 
mir berechtigt, die Darstellung meiner ersten Auflage hier zu wiederholen. 

3* 



36 § 2. Strafsburg. 

lieber das Jahr 1362 hinaus hat er sich übrigens auffallender Weise 
nicht mehi- mit geschichtlichen Studien beschäftigt, obwol er noch 
bis zum Jahre 1384 gelebt und am 29. October dieses Jahres erst 
gestorben sein soll*). 

Während Closeuer als deutsch schreibender Historiker für die 
Kenntnifs der Zeitgeschichte ^\irkte, erlangte ein Zeitgenosse von 
ihm ebenfalls in Strafsbiu-g mehr Ansehn durch ein gelehrtes Ge- 
schichtswerk. Dasselbe ist unter dem Namen Alberts von Strafs- 
burg als eine der zuverlässigsten Quellen von Rudolf von Habsburg 
bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts mehr benutzt worden, als ir- 
gend ein anderes Buch. Gleichwol ist nicht Albert der Verfasser des- 
selben, sondern Matthias von Neuburg im Breisgau^). Er 
wird als Beamter des Bischofs Berchtold von Bucheck bezeich- 
net, und ist ohne Zweifel Procurator des geistlichen Gerichts in 



') Das Todesjahr ist ganz unsicher. Vgl. Code historique S. 11 N. 25 
A. Schulte a. a. 0. S. 281 setzt den Tod Closeners aus beachtenswerthem 
Grunde in das Jahr 1372/73. 

2) Die erste Ausgabe unter dem Namen Albertus Argentin. ist von 
Cuspinian als Anhang zu seiner Schrift de consulibus Romanis. Basil. 1553. 
Dieser Ausgabe liegt ein Codex zu Grunde, der von Neueren nicht unter- 
sucht, aber zu vergleichen ist mit der Handsclu-ift der Wiener Hofbibl. 
(Cod. univ. 238, neu) 578. Vgl. den Catalog, wo die Beschreibung mit 
derjenigen Wattenbachs fast gleich ist. Sehr wichtig ist der Codex schon 
deshalb, weil er die Conünuatiu nicht enthält und mit dem Jahre 1349, 
Studer S. 168, injecisset venenum schliefst, woran sich nur noch eine An- 
zahl, aber zum Theil anderer Notizen anschliefst, als in den anderen 
Handschriften. Im Ganzen ist der Text bedeutend gekürzt, — es sind 
nicht nur alle Localgeschichten weggelassen, sondern auch die, allgemeine 
Geschichte ist zuweilen eingeschränkt. Ohne besondere Ankündigung be- 
oinnt es auf fol. 87 mit De ortu comitum de Habsburg bis Cap. 4. Aus- 
gefallen ist Cap. 4 bis Cap. 7. Die Capitelüberschriften (in margine) sind 
zahlreicher als in den anderen Handschriften. Der Verf. hat allem An- 
scheine nach den Matthias von Neuburg excerpirt, aber er hatte eine 
Handschrift vor sich, in welcher noch keine Fortsetzungen sich an densel- 
ben anschlössen. Eine andere Handschrift hat Urstisius benutzt, der das 
ganze als das Werk Alberti Argentincnsis herausgegeben hat, SS. H, 97 
bis 166. Ferner ist in neuester Zeit eine vollständigere Ausgabe erschie- 
nen von Studer in Bern, nach der dortigen Handschrift bearbeitet: Mat- 
thiae Nooburgcnsis Chronica cum continuatione et vita Berchtoldi de 
ßuchegg Ep. A.. Zürich 1867. Endlich erschien 1868 die Ausgabe von 
Huber im IV. Band der Fontes von Böhmer, 149—276. 11 über hat in 
der Einleitung S. XXIV fi'. alles auf das handschriftliche bezügliche Ma- 
terial auf das beste zusammengetragen, namentlich auch die Lesarten der 
Cuspinianischen Handschrift aus Wien benutzen können, nur konnte frei- 
li(;h dadurch an der von Böhmer einmal festgestellten Grundlage der 
Edition keine bedeutende Aendernng mehr l)ewirkt werden. Die Continua- 
tioncs 1300—1355. 1356. 1365—1374. 1376—1378 S. 276— 297. Die erste 
Continuatio möchte Huber noch dem Matthias zuschreiben, doch wagt er 
CS selbst nicht. 



Matthias von Neuburg. 37 

Strafsburg gewesen. Er hinterliefs einen Sohn Namens Heinzmann, 
der in die Händel des Jahres 1370 verflochten war und damals aus 
Strafsburg verbannt worden ist. Zum Bischof Berchtold von Bucheck 
stand indessen Matthias von Neuburg in besonders nahen Beziehun- 
geu, wie er denn im Auftrage seines HeiTn zweimal in Avignon war, 
und die schwierige Mission zu erfüllen hatte, seinen Bischof vor dem 
päpstlichen Stuhle dariiber zu rechtfertigen, dafs er sich dem im 
Banne befindlichen Kaiser Ludwg unterworfen und denselben aner- 
kannt habe. Die letzteren Nachrichten sind uns jedoch nur aus 
der Chronik selbst bekannt und beziehen sich eben auf den Ver- 
fasser derselben. Doch ist in neuester Zeit mehr und mehr die 
Ansicht durchgedrungen, dafs Matthias von Neubiu-g in der Berner 
Handschrift unserer Quelle nicht seine eigene, sondern eine fremde 
Arbeit mitgetheilt hat, A^-ie gleich nachher des nähern zu erörtern 
sein wird. 

Berchtold von Bucheck ') war Bischof in Strafsburg vom Jahre 
1328 — 1353, und mit den Häusern Signau und Kiburg in Schwaben 
verwandt, denen er durch Verleihungen von Pfründen und Dom- 
hemistellen allerlei Begünstigvuigen zu Theil werden liefs, denn ein 
Hauptbestreben des Adels ging dahin, sich die kirchlichen Einkünfte 
auf alle Weise zuzuwenden. Bischof Berchtolds Regierung war 
eine äufserst unnihige, und sein Leben gestaltete sich auf dem bi- 
schöflichen Stuhle in Strafsburg zu einer langen Reihe kriegerischer 
Actionen. Dafs Matthias von Neuburg die Geschichte desselben in 
seinem Werke ausführlich beriicksichtigt , läfst sich erwarten. Es 
findet sich aber in der Strafsburger Handschrift des Matthias ein 
besonderer Anhang, der eine Vita Berchtoldi de Buchegcj enthält imd 
in welchem viele Capitel der Chronik, die sich auf den Bischof be- 
ziehen, einfach wiederholt werden, woraus genügend erhellt, dafs die 

') Dr. Edward Leupold, Berthold von Bucheck, Bischof von Strafs- 
burg, Ein Beitrag zur Geschichte des Elsass und des Reichs im XTV. 
Jahrhundert. Strafsburg 1882; vgl. G. G. A. 1884 N. 6. Tu der 3. Bei- 
lage des Buches erörtert Leupold die Matthias-Frage und gibt eine genaue 
Charakteristik der Yita Berchtoldi de Buchegg, welche er mit Wiehert 
und Soltau dem Matthias von Neuburg zuschreibt. Was die Hauptsache 
ist, so weist Leupold nach, dafs die Vita keineswegs eine spät abgefafste, 
sondern durchaus zeitgenössische Quelle sei, deren Werth aufserordent^ 
lieh hoch anzuschlagen sei. — Wie man nun aber sieht, hat die neuere 
Forschung die bisher 'angenommenen und auf den Handschriften beruhen- 
den Ueberlieferungen überall in das gerade Gegentheil umgewandelt. Ich 
halte es noch nicht an der Zeit in ein Buch, wie das vorliegende diese 
Resultate schlankweg in den Text aufzunehmen, da dadurch insbesondere 
für den, welcher erst einen Einblick zu gewinnen sucht, das Verständnifs 
der vorliegenden Drucke und Ausgaben völlig unmöglich gemacht würde. 



38 §2. Strafsburg. 

Lebeiisgeschichte Berclitolds schwerlicli von Matthias selbst hin- 
zugefügt oder überhaupt besonders bearbeitet worden ist. Bleibt 
man den sicheren üeberliefemngen treu, so umfafst das Werk des 
Matthias, wie uns die Handschrift in Bern zeigt, die uns auch den 
Namen des Verfassers unzweideutig mittheilt, die Geschichte der 
letzten hundert Jahre von den Zeiten Kaiser Friedrichs II. bis zur 
allgemeinen Auerkeunuug Karls IV, etwa von 1245 — 1350, eine 
Begrenzung des Stoffes, die wol keinem blofsen Zufall zuzuschreiben 
sein möchte 1). 

Wie es scheint hat Matthias seine Arbeit au kein früheres An- 
nalenwerk angeschlossen, sondern seinen Gegenstand mit freier Wahl 
als eine Geschichte des letzten Jahrhunderts in Angriff genommen, 
wobei er treu der in Strafsburg vorherrschenden Tendenz das habs- 
biu'gische Haus und dessen Schicksale in den Mittelpunkt der Er- 
zählung zu stellen vermochte. Bezeichnend für die Absichten des 
Verfassers ist es, dafs er gleich zu Beginn seines Buches über die 
Herkunft der Grafen von Habsbm'g handelt, dann eine sagenhafte 
Geschichte von der Weissagung, welche dem Grafen Rudolf von 
Habsburg von Kaiser Friedrichs Astronom gemacht worden sei, hin- 
zufügt, und die Geschichte des Z^vischenreichs nur soweit erzählt, 
als es für das Verständnifs der Ereignisse unbedingt nöthig ist, um 
sodann erst da ausführlicher zu werden, wo Rudolf von Habsburg 
bestimmter hervortritt. Er erzählt uns, der erste, von dem Ursprung 
der Habsl:)urger aus Rom, er sammelt sorgfältig die Anecdoten, welche 
von Rudolf im Schwange gingen: die Geschichte von der Ueber- 
listung des Abts von St. Gallen; von der Reise des Erzbischofs 
Werner nach Rom und dem Geleite des Grafen Rudolf, welches die 
Ursache seiner Wahl geworden sei; von dem Ausruf des Bisehofs 
von Basel, da er Rudolfs Erhebung zum Könige A^ernahm und vieles 
ähnliche. Alle diese Dingen haben der Chronik jenes heitere und 
iinterhalteude Gewand verliehen, welches ilire Popularität zu er- 
klären vermag. 

Von gröfster Wichtigkeit für die Würdigung der mannigfaltigen 
und oft ganz vereinzelt dasteheiulen Nachrichten des ^hitthias ist 
die Untersuclunig seiner (^iicUeii. Wiewol es miii nicht richtig ist 



') Auf (leu Xaiucii iK's Mattliias und cIcs.scm gcsontlorto Arljoit wurde 
mau zuerst aufmorksam durcii Engc^liuu'd in Portz, Archiv I, 497: vgl. 
VI, 425. Die ßorncr Handschrift wurd«^ aber bald als die wichtigere er- 
kannt und von dem Grafen von Mülinnon ooUatlunirt. P]bd. Ill, 513. 
Eine fridicro CoUation von Oberlin, welche für Schupfliu gemacht worden 
war. lag in Strafsburg. Ebd. V, ()5l. 



Matthias Parteistellung. 39 

(lais ihm seine älteren Strafsburger Vorgänger unbekannt gewesen 
wären, so setzt sich doch der gi-öfste Theil seiner Darstellung aus 
Ueberliefeningen zusammen, die für das 13. Jahrhundert mit Noth- 
wendigkeit auf eine verloren gegangene Schrift weisen. Sowol aus 
dem Stoffe wie aus der Form der Darstellung der älteren Geschichte 
des Hauses Habsburg ergeben sich mancherlei Beziehungen und Yer- 
gleichungen zu Quellen, deren Heimath in Oberschwaben zu suchen 
ist. Einerseits die Zürcher Jahrbücher, andererseits Heinrich von Gun- 
delfingen berühren sich mit den Erzählungen Matthias von Neuburgs 
so, dafs die gemeinschaftliche Quelle ohne Zweifel in einer Geschichte 
des Hauses Habsburg zu sucheu ist, deren Spuren uns noch später 
wieder begegnen werden^). 

Matthias läfst mit Vorliebe die Personen selbst sprechen und 
Bemerkungen machen, vde dies schon in der Colmarer Chronik als 
ein Merkmal des historiographischen Geschmacks bezeichnet werden 
konnte, wogegen die lehi'haften Beziehungen auf Classiker oder 
Bibelstellen fast ganz zurücktreten. Und nicht allein in den längst- 
vergangenen Zeiten bewegt sich die Erzählung in dieser dramatischen 
Weise, sondern auch der näher liegende Kampf zwischen Ludwig 
und Friedlich und die Verhandlungen der Kiu'füi'sten über die Reichs- 
angelegenheiten im Jahre 1335 bis 1344 werden ebenso behandelt, 
wobei es vielleicht nicht unbemerkt zu bleiben verdient, dafs manche 
Personen gesprächiger sind als andere. Zu den ersteren gehören 
die Habsburger fast alle. Ihnen begegnet auch mehr, als anderen 
Leuten, dafs sie Visionen und seltsame Abenteuer haben, wie z. B. 
Friedrich der Schöne im Kerker 2). 

Von urkundlichen jNlittheilungen findet sich bei Matthias wenig; 
seine Geschichte Ludwigs des Baiern ist nicht ohne mancherlei 
Kenntnifs diplomatischer Vorgänge und Ereignisse, aber seine Quellen 
reichen nicht weiter als die Beziehungen des Strafsburger Bisthums 
zu den hervorragenderen Mächten der Zeit, worüber denn auch 

') Die Analyse des Matthias von Neuburg beschäftigte meine Zuhörer 
iu den Jahi-en 1871/72 sehr eingehend, womach dann Herr Karl Rieger 
seine wie mir scheint völlig gesicherten Resultate in der auch von andern 
anerkannten Schi-ift gewonnen: Heinrich von Klingenberg und die Ge- 
schichte des Hauses Habsburg, im Arch. f. öst. Gesch. Bd. 48. S. 303 ff. 

■'') Studer p. 73 und 74: vgl. auch die Weissagung p. 79. Und fast 
jedes Capitel enthält Beispiele für die geschilderte Art der Darstellung. 
Der historische Stil, der darauf aus ist, interessant und spannend zu sein, 
bedient sich der Methode, die Personen, für welche der Schriftsteller Sym- 
pathieen hat, durch dergleichen Dinge den Lesern zu empfehlen, wie auch 
in Märchen und Legenden zu geschehen pflegt. Wir meinen, dafs hierin 
wol kein blofser Zufall liegt. 



40 § 2. Strafsburg. 

Matthias durch seine Stellung zu Bischof Berchtold aufgeklärt sein 
konnte. Vielleicht liegt auch gerade in der entschiedenen Partei- 
nahme für Bischof Berchtold ein Grund, warum Matthias um die 
Zeit, als derselbe starb, seine schriftstellerische Thätigkeit abbrach. 
Denn auf Berchtold von Bucheck folgte ein Bischof aus dem Ge- 
schlechte von Lichtenberg, welches mit der vorangegangenen Re- 
giei-ung in fortwährender Fehde stand. Wenn man das Capitel über 
die Gefangenuehmung des Bischofs Berchtold dui'ch die Genossen 
des Konrad von Kirkel und des Johannes von Lichtenberg liest, und 
wie er im September 1337 erst nach dem Schlosse Waldeck und 
dann nach Kirkel gebracht worden sei, so empfindet man lebhaft, 
welche Erbitterung zwischen den adeligen Cliquen des Elsafs be- 
standen hat, und "nde schwer es gewesen sein mag nach dem Tode 
Berchtolds eine Stellung zu behaupten, in welcher Parteinahme un- 
vermeidlich war^). Jedenfalls reichten diese Familientraditionen weit 
über das Leben des Matthias von Neubiu'g hinaus, und 17 Jahi-e 
noch nach dem Tode des Bischofs Berchtold kam es zu einem At- 
tentat des Domprobstes Johann von Kiburg auf den Domdecan Johann 
von Ochsenstein, welches eine Verbannung zahlreicher Parteigänger 
des ersteren aus Strafsburg zur Folge hatte, unter denen sich auch 
der schon genannte Sohn unseres Geschichtschreibers, Heinzmann, 
befand. Es läfst sich nun allerdings vermuthen, dafs sich diese 
vertriebene Partei der Zeiten des Bischofs Berchtold mit Schmerz 
erinnerte, sein Andenken daher hoch hielt und mit Zugnmdelegung 
der gefeierten Chronik des Matthias eine selbständige Biographie 
jenes Berchtold verfafste, nur wird man schwerlich deshalb zu der 
gewagten Vermuthung zu gi-eifen brauchen, dafs Heinzmann selbst 
der Verfasser der Biogi-aphie sein müsse'-*). Nur soweit ist der Zu- 
sammenhang sicher gestellt, dafs in der Chronik wie in der Bio- 
graphie ein und derselbe Parteistandp\uikt hervortritt und dafs der 
Verfasser der Biographie eben die betreffenden Capitel der Chronik 
einfach in seine Arbeit aufnehmen zu müssen glaubte. Ein Strafs- 
burger Emigrant mag es immerhin gewesen sein, welcher diese Um- 
gestaltung des betreffenden Theiles der Chronik zu einer Biographie 
Berchtolds von Bucheck in- einem noch bestimmteren panegyrischen 
Tone und mit offeneren Tendenzen vorgenommen hat. 

•) Studcr p. 98 ff. Cap. 6G. 

•■«) Ebd. S. XXXVII und XXX VIII. Wa.s aus den Beziehungen zu 
Speier hier geschlossen werden will, beweist höchstens, dafs die Ucber- 
arbcitung üborliaupt von einem der Strafsburgor Exilirton horrüliren könnte; 
dafs alior lleinzmann selbst SchriftstolkM- gewesen wäre, 7.u dieser An- 
nahnio liegt wenigstens nieht der l(>iscsto Grund voi'. 



Albert von Strafsburg. 41 

Aber noch nach einer anderen Seite hat die Chronik des Mat- 
thias eine Erweiterung erfahren: sie wurde fortgesetzt bis zum Tode 
des Kaisers Karl IV. 1378. Diese achtundzwanzig Jahre der Zeit- 
geschichte, welche ein Fortsetzer beigefügt hat, unterscheiden sich 
schon in der Art der Darstellung sehi- wesentlich. Sie sind kurz und 
dürftig behandelt im Vergleiche zur Darstellimg des Matthias. Es 
wird weit weniger Rücksicht auf die localen Verhältnisse, auf die 
Parteistreitigkeiten von Strafsburg und den benachbarten Herren- 
geschlechtern genommen; der Verfasser hat sich vielmehr die Auf- 
gabe gestellt, die Reichs- und Papstgeschichte zu verfolgen. Man 
meinte in neuerer Zeit, dafs eben diese Fortsetzung von Albertus 
Argentinensis heiTÜhre, dessen Namen man wol auch so erkläi-t hat, 
dals der Mann nicht sowol ein Strafsburger als vielmehr ein Baseler 
aus dem Geschlechte de Argentina gewesen wäre*). Aber alle diese 
Aufstellungen sind höchst zweifelhafter Natur, glücklicherweise je- 
doch auch nebensächlich gegenüber den gröfseren Resultaten, welche 
sich aus der glücklichen Entdeckung der Handschrift in Bern er- 
geben haben, in der die Fortsetzung der Chronik vom Jahre 1350 
ab noch nicht enthalten war. 

Blicken wir somit auf die Ergebnisse der neuesten Forschungen 
soweit sie sich innerhalb des vorliegenden handschriftlichen Materials 
und auf der eigentlichen üeberlieferung im strengsten Sinne des 
Wortes bewegen, noch einmal zurück, so wird man sagen müssen, 
dafs das benutzteste Geschichtswerk des 14. Jahrhunderts ganz und 
gar in den Anschauungen entstanden ist, welche die Regienmg des 
Bischofs Berchtold von Bucheck bezeichnen, — der freundliche Cha- 
rakter füi' das habsburgische Haus in Betreff der allgemeinen Reichs- 
verhältnisse, die Parteinahme für Friedrich den Schönen, die ent- 
schiedene Stellung gegenüber den feindlichen Herren im Elsafs, der 
Hafs gegen die Herren von Kirkel, Kageniink, Hohenstein u. s. w. 
Alle diese Dinge stimmen mit dem äufserlichen Anhaltsj^unkte des 
Abschlusses der Chronik mit dem Jahre 1350 in ex-wünschtester 
Weise überein. Matthias hat sein Werk in dem fünften Jahrzehent 
des 14. Jahrhunderts begonnen 2) und mag wol bis zum Tode seines 



*) Iselin, bist. Lexicon von Albert. Argent. und Rem. Meyer in den 
Baseler Beiträgen zur vaterl. Gesch. IV, 159 ff. 

2) Huber hat in dem Vorwort S. 33 zur Ausgabe alle die speciellen 
Stellen gesammelt, welche die Abfassung im fünften Jahrzehent des 14. 
Jahrhunderts sichern. Dafs die Jalu-e 1346—1350 daher gleichzeitig auf- 
gezeichnet sind, folgt von selbst daraus. Eine etwas abweichende Ansicht 
hat G. V. Wyfs im Jahrbuch f. Lit. d. Schw. Gesch., 1867, S. 39. 



42 §2. Strafsburg. 

Gönners (1353) daran fortgearbeitet haben. Dann haben ihn jeden- 
falls äufsere umstände bestimmt seinen Griffel niederzulegen. 

In seinem Sinne ist jedoch nur das Leben des Bischofs Berch- 
told bearbeitet worden. Was sich dagegen als die Fortsetzung sei- 
ner Chronik äufserlich darstellt, steht in keinerlei innerer geistiger 
Verwandtschaft mit derselben und ist ein zufälliger Zusatz eines 
nicht sicher zu bestimmenden Verfassers. Die Geschichtschreibung 
seit dem 16. Jahrhundert hat das Werk des Mattliias nach zwei 
Richtungen ausgebeutet und ihm in beiden einen grofsen Wertb 
beigelegt: fürs erste in Hinsicht seines grofsen Details und seines 
Reichthums an individuellen Zügen oder richtiger Anecdoten, und 
sodann in Betreff der „Freimüthigkeit, mit der es sich hie und da 
sowol über kirchliche als politische Verhältnisse äufsert"'). Aber 
in beiden Beziehungen bedarf dieses überaus günstige Vorurtheil 
einer gewissen Einschränkung. Denn von den anecdotenartigen Er- 
zählungen, von welchen besonders der erste Theil des Werkes er- 
füllt ist, mufs man gestehen, dafs sie meistens zweifelhaften Ursprungs 
sind, und eben durch den Umstand, dafs sie gleichzeitige nur selten 
kennen, an ihrer Glaubwürdigkeit vieles verlieren; und die Frei- 
müthigkeit in kii-chlichen und politischen Dingen entspringt nicht 
aus principiellen Erwägungen, sondern aus den Parteiinteressen, 
denen der Verfasser dient. So ist es bezeichnend, Avenn er die 
Bettelmönche tadelt, aber nur deshalb, weil sie Gottesdienst hielten, 
während die Stadt zu Gunsten des Bischofs sich im Interdict befand. 
Ueber ähnlichen Freimuth erhebt sich die Chronik eigentlich kaum. 
Ihr Werth als historische Quelle ist daher nicht so unbedingt grofs, 
als die neueren Darstellungen dieser Zeit, welche auf ihr fufsen, 
häufig annehmen ^), wol aber ist es die litterarische Bedeutung der- 
selben besonders in der Beziehung, dafs man aus ihr ersehen kann, 
was man sich im 14. Jahrhundert unter einem interessanten Ge- 
schichtswerk vorgestellt hat. 

Eben dieses ungewöhnliche Interesse des Gegenstandes hat auch 
bewirkt, dafs sich die neueste kritische Forschung bei dem durch 
das handschriftliche Material sicher gestellten Ueberlieferungen nicht 
zu Iieruhigen vermochte. Es war das Verdienst von W. Soltau in 



') Vgl. Strobel in der Ausgabe Closeners, Vorw. S. Vll. 

■*) Vgl. aucli llanncke, die Chronik Albrechts von Stral'sburg und Kai- 
ser Karl IV., Forschungen zur deutschen Geschichte Vll, 189 ff., mit wcl- 
ehcm ich doch gegen Ilogol S. Gl üborcinstimmo. Die J3a.'<clcr Abstam- 
mung Alborts hat Hegel nun gründlich widerlegt: auch was sonst sein 
Verhältniis zu Matthias betrifft vgl. l'^orschungen z. d. Gesch. X. S. 235 ff. 



Chronik und Vita Berchtoldi. 43 

Zabern, den widersprucbsvoUen Angaben des „Pergaments" die lo- 
gische Erörterung des Inhalts der Bücher muthig entgegengesetzt 
zu haben ^). Auf die Unterscheidung der Verfasserschaft der Chro- 
nik und der Vita Berchtoldi gestützt, schrieb Soltau die letztere 
nur dem Matthias von Neuburg, die erstere aber eiuem Anonymus 
zu, dessen Werk nach dem Jahre 1353 von dem Verfasser der Vita 
überarbeitet und durch die neun Capitel der Biogi'aphie erweitert 
worden wäre. Auch sonst habe der gewaltsame Mann den Wortlaut 
der anonymen Chronik verändert. Weiter geht Soltau's auch von 
Leupold getheilte Meinung dahin, dafs die erste Fortsetzung des 
ganzen Geschichtswerks 1350 — 55 eine gleichzeitige Materia- 
lieusammlung sei, welche den Standpunkt des Verfassers der Vita 
Berchtoldi theilt. Wiewol nun die Autorschaft des Matthias nicht 
alsobald von andern Kennern der Sache aufgegeben werden wollte 2)^ 
so machte doch Wiehert in Königsberg die dankenswerthe Entdeckung, 
dafs auch schon der humanistische Geschichtsforsche Naucler sehr 
viele Stellen aus der Chronik dem ^latthias abgesprochen und einem 
andern Schriftsteller, Jakob von Mainz, zugeschrieben habe, der 
auch noch in anderem Zusammenhange für die Reichsgeschichte 
wichtig und dort zu beurtheilen sein wird. 

Zunächst vermochte Wiehert die Theilnahme Jakobs von Mainz 
für die elsässischen und oberrheinischen Angelegenheiten dadm'ch 
zu erklären, dafs er seineu gelehrten und verkannten Autor zu Speier 
wohnen läfst, w^o Werner von Bolanden, in dessen Auftrag er schrieb 
auch DomheiT war 3). So mochte die Geschichtschreibung des 
14. Jahrhunderts durch die Entdeckung eines ungemein fi-uchtbaren 

') Wilhelm Soltau in der Progi-animbeilage des Gymnasiums von Za- 
bern 1877: Der Verfasser der Chronik des Matthias von Neuburg. 

2) Gestützt auf eine Urkunde vom J. 1327, herausg. von Merlan er- 
klärt Studer die Baseler Nachrichten der Chronik als eine eben nm- dem 
Matthias eigenthümliche Kenntnifs. Vgl. Anzeiger füi- Schweiz. Geschichte 
1879. No. 5. 

^) Th. F. A. Wiehert, Jakob von Mainz, der zeitgenössische Historio- 
graph und das Geschichtswerk des Matthias von Neuenburg. Königsberg 
1881. Diese umsichtige Arbeit, welche im Lit. Centralbl. 1881 S. 160S 
bei etwas zu starkem Tadel in den Resultaten voreilig anerkannt wurde, 
hatte das Mifsgeschick in einem Augenblick zu erscheinen, wo sich die 
Untersuchung über Jakob von Mainz in ziemlich entgegengesetzter Rich- 
tung bewegte; vgl. D. König, auf dessen Abhandlung bei der Reichsge- 
schichte zu achten sein ^vird. NA. V, 149 ff. Gegen Wicherts Resultate 
schrieben Soltau, G. G. A. 1882. 559 und A. Huber Matthias von Neuenburg 
und Jakob von Mainz Archiv f. ö. G. 63, 239 S. und Mitth. d. Inst. f. öst. 
Geschf. III, 145. Dagegen sprach sich Hegel mehr zustimmend aus und 
fand die Gesta Henrici des Jakob auch in der Mainzer Chronik benutzt, 
Städtechi-. XVffl, 137. 156. 



44 § 2. Strafsburg. 

Schriftstellers bereichert sein imd in der That wird es immer auf- 
fallend bleiben, dafs ein gewissenhafter Schriftsteller wie Naucler 
sich eines so gi'ofsen In-thums schuldig gemacht hat*). Indessen 
fand die Ansicht Wicherts lebhaften Widerspruch und auch Soltau 
befreundete sich nicht mit derselben nach ihrer positiven Seite. 
Vielmehr war es dem letzteren Yorbehalten, eine aufserordentlich 
scharfsinnige Hypothese aufzustellen, welche durch den grofsen po- 
litischen Blick, der sich in den Combinationen des Verfassers zeigt, 
wo] geeignet war zu frappii-en und zu erfreuen, aber vielleicht auch 
durch die gleichen Eigenschaften den Widerspruch der Gelehrten 
zu reizen. 

Soltau suchte den Verfasser der Chronik in den Ki-eisen des 
schwäbischen Adels und fand ihn mit grofser Wahrscheinlichkeit in 
der Person des Grafen Albert des V. von Hohenberg, welcher Ca- 
nonist und Doctor decretorum war und allerdings von einem Papste 
wie Benedict XII., den er im übrigen verehren mochte, sagen durfte 
er sei eine Niül in der Jurisprudenz 2). Wenn jemals eine glück- 
liche Vermuthung über den Autor eines anonymen Werkes geäufsert 
worden ist. so scheint es mir diese zu sein, doch wird man sich 



') Vgl. Hanucke a. a. 0. und De Alberti Argentmensis Chronico p, 30 
und E. Joachim. Johannes Nauclerus und seine Chronik. Ein Beitrag zui' 
Kenntnifs der Historiogi'aphie der Humanistenzeit. Göttingen 1874 ein- 
gehend besprochen von L. Weiland in der Hist. Z. 34, 423 — 30, wo 
schon darauf aufmerksam gemacht wurde, dafs — was. mir sehr wichtig 
erscheint — auch die Continuatio Matthiae von Nauclerus eitül wird, also 
nicht blofs Jacobus = Matthias, endlieh vgl. D. König, Matthias von Neuen- 
burg und Heinr. von Diessenhoven, Forsch. 19, 335 — 39. 

'^) W. Soltau, Jacob von Mainz, Mattliias von Neuenburg oder Alber- 
tus Argcntinensis ? Abhandl. in den Strafsburger Studien von Martin und 
Wiegand I, 301 ff. Eine kurze Mittheilung seiner Resultate gab Soltau in 
der lit. Beilage zur Gemeinde-Zeitung für Elsafs-Lothringen vom 1. Juli 
1882. Dagegen erhob sich Huber in Mitth. d. Inst. IV. 2,' 202—208 und 
Soltau erwiderte in Hft. 4 der Strafsb. Studien, Albert von Hohenberg als 
Chronist, Eine Entgegnung. Gleichzeitig behandelte dann K. Wenck in 
einem sehr gehaltreiclien, ruhigen und umfassenden Aufsatze NA. IX, 31 
bis 98, Albrecht von Hohenberg und Matthias von Neuburg, (vgl. die Ke- 
cension von Bcrnoulli im Anz. f. Seh. G. 1883), die ganze Frage in einer 
die Annahme Soltaus vielfach bestätigenden und ergänzenden Weise, wo- 
bei ein sehr werthvolles Itinerar All)rcchts von Hohenberg beigefügt ist. 
So erfreulich nun auch hier die Resultate zu sein scheinen, und so sehr 
ich meinerseits unmafsgeblich donsell)en beistimmen mochte, so denke ich 
mir, wenn ich das Schema der Handschriften betrachte, welches S. 92 ent- 
worfen ist, kaum für möglich eine Ausgabe dieses wichtigen Werkes zu 
veranstalten, ohne die gi-öfsten Willkürlichkeiten zu begehen. Für die 
Strafsburger Historiograpliie behält übrigens Matthias von Neuburg unter 
allen Umständen seinen Werth, wenn er auch die Arbeit des H<)henl)ergors 
nur redigirt hätte. 



Die Familie Twinger. 45 

immerhiu sagen raüsseu, dals ein quellenmäfsiges Zeugnifs im an- 
erkannten Sinne des Wortes bis jetzt nicht vorliegt. Ob daher der 
künftige Herausgeber der „Chronik des Matthias von Neuenbürg" 
von der Ueb erliefe rung der Handschriften in dem Sinne unserer 
vorliegenden Hypothesen abzuweichen sich entschliefsen Avird, mufs 
vorläufig dahingestellt bleiben. Völlig auszuschliefsen wäre der Ge- 
danke übrigens nicht, dafs die dem Albert von Hoheuberg zuzu- 
schreibenden Parti(?en der Chronik eigentlich von seinem Geschäfts- 
führer Konrad Hagelstein herrühren könnten, wodurch dann doch 
erklärücher würde, waiiim der Verfasser über Studien und andere 
Lebensereignisse Alberts von Hohenberg in der dritten Person spricht, 
während die Chronik an andern Stellen die erste Person redend 
einzuführen liebt. 



§ 3. Jacob von Königshofen. 

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war in dem geistigen 
Leben Strafsburgs die Nachwirkung der Lehren des Meister Eckart 
vollends zu Tage getreten; unter den gebildeten Classen heiTschte 
die Weltanschauung der Mystiker auffallend vor. Die Gottes- 
freunde bildeten eine stille Gemeinde, Johann Tauler hielt seine 
eingreifenden Predigten und Rulmann Merswin schrieb seine merk- 
würdigen Bücher. Wer nun die Bedeutung dieser ganzen Richtung 
für die Entwickelung der deutschen Litteratur erwägt, der könnte 
die Meinung hegen, dafs die Geschichtschreibung Strafsburgs gewifs 
den Ruhm der Stadt auch nach dieser Seite verkündigt haben würde. 
Zumal wenn man weifs, dafs schon Pritsche Closener über die 
mannigfaltigsten Erscheinungen der Cultur und des sozialen Lebens 
Buch führte, so könnte mau voraussetzen, dafs wir in den Chroniken 
von Strafsburg auch über jene feineren Beziehungen des christlichen 
Lebens und der Litteratur Auskimft bekommen werden. Allein das 
gerade Gegentheil ist der Fall. Die Chronisten lassen eine geistige 
Erscheinung unter ihren Zeitgenossen so gut wie gänzlich unbeach- 
tet, welche den späteren Generationen die höchste Achtung ein- 
flöfst. Es mag sein, dafs hierin ein Charakterzug eines gewisser- 
mafsen grofsstädtischen Lebens hervorti'itt, welches manchen Keim 
späterer Ent\vdckelung unbeachtet läfst, aber wenn man in der langen 
Reihe von historischen Aufzeichnungen vergeblich nach den hervor- 
ragendsten Zeitgenossen und in ihren Einwirkungen sucht, so darf 
man sich nicht der Wahrheit verschliefsen, dafs diese Chronisten 



j^Q § 3. Jacob von Königshofen. 

selbst eben zu den vornehmsten und feinsten Geistern nicht gezählt 
werden dürfen. 

Das Geschäft der Geschichtschreibung erhob sich auch in Strafs- 
burg nicht allzuhoch über die gemeine Kunst des Schreibens und 
zwar des Abschreibens im eigentlichsten Sinne; ja bei dem gefeiert- 
sten Historiker Strafsburgs tritt dieser mechanische Charakter der 
geistigen Arbeit so stark hervor, dafs es in der That niemals mög- 
lich sein wird, den verbreitetsten Chronisten Strafsburgs vom Plagiat 
YÖlHg frei zu sprechen. Dieser Vorwurf gründet sich darauf, dafs 
er ältere und entferntere Autoren, die er ausschreibt, in seinen Com- 
pilationen ausdrücklich nennt imd denselben ihr Verfasserrecht 
wahrt, die Namen seiner einheimischen Vorgänger, deren Werke 
er vollständig in das seinige überträgt, aber behaiTlich verschweigt, 
was die Absichtlichkeit seines Vorgangs nicht verkennen läfst*). 

Dennoch aber wird niemand Jacob von Königshofen jed- 
wede selbständige Thätigkeit absprechen, und man mufs auch ge- 
stehen, dafs es seinen guten Grund hatte, Avenn gerade er und nicht 
seine Originale weit verbreitet imd gelesen wurden. Das Verdienst 
seiner Chronik lag fürs erste in der neuen Anordnung und Compi- 
lation, die man als besonders zweckmäfsig erachtet zu haben scheint 
und ferner in der stofflichen Vervollständigung seiner Vorbilder. 
Jacob von Königshofen Avar ein sehr fleifsiger Sammler und berei- 
tete sich für seine Aufgabe gewissenhaft und mit immer neuen Ent- 
würfen vor. Es scheint ihm grofses Studium gekostet zu haben, 
bis er des Stoffes in jener Weise Herr Avurde, in welcher seine 
Chronik sich ihre Beliebtheit und Verbreitung errang. 

Der vollständige Name des Chronisten ist: Jacob TAvinger von 
Königshofen 2). Der Städtmeister Johann TAvinger. A\'elcher Clo- 

^) Ich imifs hicbei mich auf Sclierer in unserer Geschichte des Elsafs 
S. 82 ff. berufen, weil sich aufscr ihm die meisten gescheut haben, die 
Sache beim rechten Namen zu nennen. Königshofen ist ZAvar ein starkes 
aber sehr gutes Beispiel für die historiographische Methode im Mittelalter. 
Dagegen polemisirt A. Schulte in den Strafsb. Studien I, 283 ff. und ich 
habe daher die Sache gemildert, so dafs der umsichtige Vf. dem wol bei- 
stimmen konnte. 

^) In der neuen Ausgabe von Hegel St. CIn-. VIII, 155 ff. findet sich alles, 
was in den flcifsigcn Forschungen von Schneegans im Code historique etc. 
de Strasbourg zusammengestellt ist, in neuer kritisclier Erörterung. Auch 
die Textausgabe von SoJiilter ist nun vollständig unbrauchbar gemacht. 
Die von Schiltcr 1698 benutzte Hs. befindet sich jetzt im Strafsburger 
Priesterseminar; es ist dies die Reinschrift der Rec. A., in Avclchor nach 
jedem der fünf Kapitel ein Raum für Nacliträge offengelassen und erst 
später ausgefüllt Avurde, A\'as Schilter unbeachtet liofs. Das Datum der 
Abfassung 1386 steht auf Rasur: vgl. A. Schulte, Mitth. d. Inst. IV, 462 und 



Die Familie Twinger. 47 

senern zur Uebersetzung des Waltherianischen Kriegs bestimmte, 
scheint auch nicht ohne Einflufs auf seinen im Jahre 1346 gebo- 
renen Geschlechtsgeuosseu gewesen zu sein. Königshofeu nennt den- 
selben seinen „edelmüthigeu Herrn". Näheres gibt er jedoch nicht 
über sein Yerhältnifs zu dem hochgestellten Vei"T\'andten an. Den 
eigenen Vater bezeichnet der Chronist in einer Stiftung zu dessen 
Seelenheil übrigens nicht mit dem Familiennamen Twinger, sondern 
er nennt seine Eltern Fritsche von Königshofen u.nd Metza dessen 
Ehefrau, während andererseits von dem Geschlechte der Twinger 
keiner der bekannten Städtmeister mit dem Beinamen Königshofen 
vorkommt 1). 

Der Lebenslauf des unermüdlichen Chronisten ist sehr einfach; 
1382 \\airde er zum Priester ordiniit, war Präbendar am Münster 
und Capellan und Presbyter an der Capelle der heiligen Maria. 
Während der Jahre 1384 — 1395 koromt er als Rector der Kirche 
von Drusenhoim vor, was natürlich nicht A'oraussetzt, dafs er dort 
gewohnt hat; 1395 \^alrde er zum Capitelherm von St. Thomas ge- 
wählt. In fi-iiheren Jahren scheint er Siegelbewahrer der bischöf- 
lichen Kanzlei gewesen zu sein und in einer Urkunde vom Jahre 
1394 fühlt er den Titel eines apostolischen und kaiserlichen Notars. 
Dafs er auch als Canonicus von St. Thomas mit dem Kanzleiwesen 
zu thun hatte, beweist das Copialbuch des Stiftes, welches er im 
Jahre 1397 zusammenschrieb. In den Registerbüchern des Stiftes 
findet man seine Handschrift bis zu seinem Todesjahre in fortge- 



Strafsb. Studien I, 297. Dafs ich es hier als meine Aufgabe betrachte, 
Hegel möglichst treu zu folgen, versteht sich von selbst, doch wird eine 
oder die andere Abweichung von seiner Meinung gewifs nicht mifsdeutet 
werden können. Stärker hat sich A. Schulte gegen Hegel in Bezug auf 
die Abfassungszeit der einzelnen Recensionen ausgesprochen. Es mag 
dies Grund haben. Ich bemerke aber hier ein für alleniale, dafs ich da, 
wo gute und neue Ausgaben bestehen, meinen Text lediglich auf diese 
basire, — schon aus dem pädagogischen Grund, weil in anderm Falle die 
bodenloseste Confusion in dem Studium dieser Dinge entstände. Es gibt 
kaum eine — noch so treffliche Ausgabe — gegen die nicht sofort bei 
der fleifsigen und immer wieder erneuten Erörterung in kleinen Schriften 
Bedenken erhoben worden wären. Ich nehme diese Gelegenheit wahr, 
um zu bemerken, dafs hierin keinerlei Unterschätzung solcher Arbei- 
ten liegt. 

^) Mit Berufung auf Kindler von Knobloch, Bulletin de la societe 
pour la conserv. des mon. hist. n. s. X. (1879) p. 285 bezweifelt A. Schulte 
die Verwandtschaft gänzlich, sagt dann aber wieder, dafs er ,.immerhin 
verwandt sein mag", und wundert sich, dafs er Aufnahme ins Capitel ge- 
funden hätte, wenn er nicht verwandt gewesen wäre. Das ist es aber 
gerade, dafs die ärmeren Verwandten — er bleibt eben ein Twinger — in 
die Stifter kamen. 



48 § 3. Jacob von KÖnigshofen. 

setzten Eintragungen, auch verfafste er ein Verzeichnifs der Biblio- 
thek des Capitels. Sein häufiges Vorkommen als Zeuge in Urkun- 
den läfst ebenfalls darauf schliefsen, dafs er seiner Amtsthätigkeit 
nach ein Kanzleibeamter war, der seine Entlohnung in damals 
üblicher "Weise durch Pfründenbesitz fand^). Für den Charakter 
seiner Geschichtschreibung ist es wichtig festzuhalten, dafs Jacob 
von KÖnigshofen nicht Geistlicher in unserm heutigen Sinne, d. h. 
seiner Beschäftigung nach, sondern juristischer Thätigkeit hinge- 
geben war, und wahrscheinlich sein ganzes Leben im Bureaudienste 
des Stiftes stand. Jacob Twinger starb am 27. Dezember 1420 im 
Alter von 74 Jahren. 

Der Notariats- und Kanzleidieust, für welchen Jacob Twinger 
sich vorbereitete, legte es ihm frühzeitig nahe, sich eine genauere 
Kenntnifs der Geschichte zu verchaflen und der Anfang seiner histo- 
rischen Abschriften hatte sicherlich den Zweck eigenen Studiums. 
Daraus würde sich auch erklären, dafs Twinger bis in sein 37. Jahr 
Cleriker blieb und es vermied, die Weihen zu nehmen, denn er 
konnte bei seiner Beschäftigung ohne Zweifel hoffen, eben so leicht 
büi'gerliche wie geistliche und kirchliche Dienste zu erlangen. In 
diese erste vorbereitende Periode seines Lebens fällt die Abfassung 
der lateinischen Chronik, welche nach der üeberschiüft selbst 
nichts als die Collectaneen unseres studirenden Clerikers sind. In- 
dem er aber seine Auszüge aus den allgemeinen Geschichtsbüchern 
begann, war es ihm von Anfang an klar, dafs er sich als Strafs- 
burger eine besondere Kenntnifs der Verhältnisse und Geschichte 
seiner Vaterstadt verschaffen müsse. In diesem praktischen Bedvirf- 
nisse des Studiums, welches Twingern veranlafste für seine Excerpte 
gewisse Ptubrikeu zu machen, möchte man geneigt sein, den Ursprung 
jener Stoffeintheilung in sechs Biicher zu erblicken, durch welche 



^) Canonicate besagen in der Regel nichts für die höheren Weihen 
und seelsorgerische Thätigkeit eines Mannes, doch habe ich in der frühe- 
ren Auflage nicht bemerkt, dafs Jacob ausdrücklidi Rector genannt wird. 
Auffallend genug, dafs die Uebersetzung davon Kirchherr statt Pfarrherr 
lautet — ich mufs die Erklärung davon einem Sprachkenner des Strafs- 
burgischen überlassen. Was die Sache betrifft, so müfste man sich doch 
einprägen, dafs die Regel sec. XIV. ex. — XVI. in. die ist, dafs der, wel- 
cher ein geistliches Amt besitzt, nicht auch die officia hat. Ich sollte den- 
ken, dafs wenn jemand den Titel kaiserlicher Notar führt, den er doch 
nur erhalten haben kann, nachdem er in diesem Berufe erprobt war, so 
ist die Annahme wirklich sehr wahrschcinlicli, dafs Jacob der Insigcler 
des Bischofs dieselbe Person ist. Die üblen Urtheile über den Bischof in 
der von Hegel lange nach dessen Tod gesetzten Recension bestätigen 
selbstverständlich diese Vcrmuthung {fcrade am meisten. 



Die lateinische und die deutsche Chronik. 49 

nachher seine deutsche Chronik so vielen Beifall fand. In den acht 
Rubriken, nach welchen die CoUectaneen gesammelt sind, finden 
sich bereits dieselben Gesichtspunkte, wie in der späteren Chronik: 
die Trennung der geistlichen und weltlichen Geschichte, der allge- 
meinen und localeu, die kostbare Ei-findung eines Materienverzeich- 
nisses nach dem Alphabet. Twinger hielt seine lateinische Sammlung 
übrigens auch in spätem Jahren und nachdem er längst zu Ehren 
und "Würden gekommen für •«dchtig genug, um sie fortzusetzen, zu 
ergänzen und mit allerlei zeitgenössischen Notizen zu vennehren. 
Eine gröfsere Publicität derselben zu geben, scheint wol nicht seine 
Absicht gewesen zu sein. 

Aber schon im Jahre 1382 fafste er den Plan, aus seinen Samm- 
lungen eine deutsche Chronik „für die klugen Laien'' zusam- 
menzustellen, da diese „von alten und vor allem von neuen Ereig- 
nissen ebensogeme lesen, wie die gelehrten Pfaffen". Aus diesem 
Grunde entschlofs sich Jacob Twinger von Königshofen ein „Priester 
zu Strafsburg" aus den Chroniken von Eusebius, Martinus, Sige- 
bertus und Vincentius und über alle nennenswerthen Ereignisse des 
Elsasses und von Strafsbm-g um der Laien willen das Buch zu 
schreiben '). 

Allein in der Gestalt, in welcher es damals verfafst wurde, ge- 
nügte das Werk unserm Autor, wie es scheint, nicht. Immer wieder 
arbeitete er es um. Im Jahre 1386 begann er seine Chronik in kür- 
zerer Gestalt von neuem zu schreiben und zum dritten Male nahm 
er um das Jahr 1400 wieder die ausführlichere Darstellung auf tind 
führte diese zu Ende in der Gestalt, in welcher sie am meisten Ver- 
breitung fand, und jetzt herausgegeben ist. Die erste Bearbeitung 
reichte nicht über das Jahr 1390, die zweite kürzere nicht über 
1391 hinaus. Die dritte Redaction aber geht in ihren zeitgenössi- 
sischen Mittheilungen nahe bis an das Lebensende des Verfassers 
bis zum Jahre 1415. 

"Was den Plan und die Eintheilung des Werkes betrifft, so findet 
sich in den sechs Capiteln desselben ein gedoppelter Parallelismus von 
Profan- und Kirchenhistoiie, welcher den Martinen treu nachgebildet 
ist; das zweite und dritte Capitel enthalten die synchronistische 

^) Hegel sagt es nicht ausdrücklich, doch glaube ich ihn recht zu 
verstehen, wenn ich annehme, dafs die Vorrede zu der im Jahre 1382 
gemachten Ausgabe auch in die späteren Bearbeitungen übergegangen ist. 
Damit -wüi-de dann auch die einfache Titulatur „ein Priester zu Strafsburg-* 
stimmen, da er zur Zeit der Bearbeitung c. 1400 schon Canonicus von 
St. Thomas war. 

Lorenz, Geschichtsqiiellen. 3. Aufl. I. 4 



50 § 3- Jacob von Königshofen. 

Darstellung der Kaiser und Päpste, das vierte und fünfte dagegen 
die weltliche imd die Bischofsgeschichte von Strafsburg. Das erste 
Capitel macht die Einleitung dazu als eine auszugsweise Darstellung 
der vorangegangenen Weltalter und das sechste Capitel enthält ein 
alphabetisches Materienverzeichnifs, auf welches der Verfasser auch 
schon in seiner lateinischen Chronik besonderen Werth legte. 

Was die ersten drei Capitel anbelangt, so ist Königshofen in 
der Angabe seiner Quellen ziemlich gewissenhaft. Aufser den in der 
Einleitung benannten Büchern erwähnt er bei vielen Gelegenheiten 
auch noch andere gebräuchige Geschichtswerke, auch selbst die 
dichterischen Ueberlieferungen der alten Sagen. In den auf Strafs- 
burg bezüglichen Capiteln dagegen hält sich unser Autor der Pflicht 
gänzlich enthoben, seine Gewährsmänner zu nennen; er hält wol 
die Treue seiner Ueberlieferung durch die Bemerkung „wan ich 
bin von Strafsburg geborn" him-eichend gesichert. Wenn ihm übri- 
gens in mannigfaltiger Verknüpfung, Abänderung und Ausschmückung 
seiner Quellen die gröfsten schriftstellerischen Freiheiten zugeschrie- 
ben werden, so beschränkt sich in den uns wichtigsten Capiteln 
dieses Lob lediglich auf eine gewisse Vervollständigung. Da wo er 
in den frühern Capiteln sich Abweichungen von den Quellen erlaubt, 
geschieht es allerdings meist aus Gründen schriftstellerischer Technik. 
Mit grofser Vorliebe führt er, wo es irgend möglich ist, die Personen 
redend ein. 

Als selbständige der eigenen Erfahrung oder Erforschung des 
Verfassers angehörende Theile der Chronik bezeichnet der neueste 
Herausgeber im zweiten Capitel die Darstellung seit Karls IV. 
Kaiserkrönung, wo ihn Älatthias von Neuburg zu verlassen beginnt, 
im dritten Capitel die Zeit seit 1350. Im vierten und fünften Ca- 
pitel werden die Jahre 1353 und 1360 als ohngefähre Anfangsgi-enzen 
der selbständigen chronistischen Thätigkeit Köuigshofens angenommen. 
Doch dürften auch in diesen Theilen die wenigsten Abschnitte den 
Eindruck der Originalität auf den unbefangenen Leser hervorbringen. 
Es ist vielmehr wahrscheinlich, dafs Königshofen den Gewährsmann, 
der ihm von der Schlacht von Nikopolis oder selbst von den nähern 
Schweizer Schiachton berichtete, ebenso schonungslos abgeschrieben 
habe, wie seine Strafsburger Vorgänger, denn nur der verhältnifs- 
mäfsig kleinste Theil seiner zeitgenössischen Mittheilungen weist auf 
eigene Erlebnisse oder auf mündliche Berichte betheiligtor oder mit- 
handelndcr Personen*). Auch die späteren und spätesten Eintra- 

') Eine Reihe von Beispielen für die Nachlässigkeit, mit welcher Jacob 



Bedeutung und Verbreitung. 5J 

gungen in die Chronik tragen ganz dasselbe durch Vorlagen be- 
stimmte Gepräge einer rein mechanischen Compüation, bei der es 
selbst fraglich zu sein scheint, ob auch nur die eingestreuten Sätze 
allgemein politischer Natur und politischen Urtheils Eigenthum des 
Chronisten waren. Jedenfalls aber hat er sich mit Yorliebe den- 
jenigen Autoritäten in UrtheU und Darstellung angeschlossen, welche 
eine entschieden kaiserliche Gesinnung hegten. Von der Kirche 
seiner Zeit erzählt Königshofen wenig gutes, wie es bei dem Cha- 
rakter der Strafsburger Büi'gerschaft vorauszusetzen war. Auch der 
scharfe Gegensatz, der gegenüber von Frankreich und den Franzosen 
überall hervortritt, darf als ein Ausdi'uck der Stimmung seiner INIit- 
bürger bezeichnet werden, an welcher Königshofen lobeuswerthen 
Antheil nahm. Wichtiger ist, dafs der Autor die Ansprüche der 
Franzosen auch wissenschaftlich dadurch zurückzuweisen sucht, dafs 
er einen genauen Unterschied zmschen den deutschen Franken, an 
welche das Kaiserthum gekommen wäre, und den welschen macht. 

Für die ungemein gi'ofse Verbreitung des Strafsburger Chronisten 
ist, von allen andern Umständen abgesehen, schon die Zahl der 
Handschriften bezeichnend, deren die neueste Ausgabe nicht weniger 
als einundfünfzig nachweisen konnte. Dem entsprechend ■\^au■de von 
Hegel auch eine lange Reihe von Schriftstellern des 15. und 16. Jahr- 
hunderts angeführt, welche Jacobs Chronik benutzt haben. Süd- und 
Westdeutschland kann im allgemeinen als das Gebiet der geogi-a- 
phischen Verbreitung des Strafsburger Chronisten bezeichnet werden, 
im Elsafs, in der Schweiz, in Schwaben in Baiern und den Rhein 
hinab bis Köln blieb keinem bedeutenderen Historiker sein Buch 
unbekannt. 

Königshofen war in Süddeutschland der erste , der ein voU- 
komnaen befriedigendes Geschichtswerk universalhistorischen Inhalts 

die Kachrichten compilirt, bringt G. von der Au bei in der Inauguraldiss. 
Zur Kritüf Königshofens, Essen s. a., besonders mit Rücksicht auf die 
Schlacht von Reutlingen und andere Ereignisse der Geschichte des schwä- 
bischen Städtebundes ; ebenso J. Jacobson, die Schlacht bei Reutlingen, 
Leipz. 1882 (Bist. Stud. YEI) S. 4 und Anhang. Vgl. auch Topf, Zur 
Kritik Königshofens Ztschrft. f. G. d. Oberrh. 36, 1. 170. In dieser Göttin- 
ger Dissertationsschiift wendet sich der Vf. einigen von den originalen 
Stücken zu und glaubt constatiren zu können, dafs Königshofen in den 
meisten Fällen schlecht unterrichtet war, und sich sogar durch 'eine aus- 
gesprochene Vorliebe für- das Absurde, Pikante u. s. w.' vom Wege der 
Wahrheit ableiten liefs. Für die Erzählung von Bonifaz IX^ bis zum Tode 
Alexanders V. wird K's. Abhängigkeit von Theodorich von Niem (1. III de 
schismate) nachgewiesen. Ueber die Schlacht bei Sempach hat Bemoulli 
den Köaigshofenschen Bericht einer gi-ündlichen Untersuchung unterzogen, 
Jahrb. f. Schweiz. Gesch. V, 1 S. 

4* 



52 § 3. Jacob Ton Königshofer. 

ia deutscher Prosa geschrieben, und so gering man auch seine histo- 
rische und kritische Kunst dabei schätzen mag, so darf doch nicht 
unerwähnt bleiben, dafs die zum Theil wörtliche, zum Theil freie 
Uebertragung vieler lateinischer Autoren ins Deutsche ganz und gar 
sein Verdienst bleibt. Dafs er sich zum Uebersetzer besonders 
qualifizirte, davon legte er noch einen besonderen Beweis ab. Er 
war auch der A^erfasser eines lateinisch- deutschen Glossars, 
welches die Jahreszahl 1399 trägt. Allerdings stand er auch in 
dieser Thätigkeit auf den Schultern Fritsche Closeners, dessen Voca- 
bular er selbst als Hauptquelle nennt; „doch ist auffallend genug, 
bemerkt Hegel, dafs die Erwähnung dieser Quelle in dem später abge- 
änderten Vorwort wieder fortgeblieben ist." So verhält sich denn 
Königshofen zu Closener auch in Bezug auf die sprachliche Seite 
seiner Verdienste wde der wenig dankbare Schüler zu seinem Lehrer, 
doch hindert dies keineswegs die fortschreitende Entwickelung der 
Strafsbm-ger Historiographie auch in sprachlicher Beziehung rück- 
haltlos anzuerkennen. 

Alle Strafsburger Aufzeichmmgen des 15. Jahrhunderts stellen 
sich lediglich die Aufgabe Fortsetzungen zu Jacob von Königshofens 
Chronik zu liefern. So sehr beherrschte er diese gelehrte Thätig- 
keit, dafs die Namen der zahlreichen Fort setz er in Strafsburg 
so gut wie in Hagenau imd Weifsenburg meistens unbekannt sind^). 
Man begnügte sich hier, wie an vielen andern Orten, aus denen die 
Handschriften Königshofens uns erhalten sind, bald gröfsere, bald 
kleinere, bald allgemeine, bald locale Nachrichten dem Buche des 
geschätzten Autors anzufügen. Eine neue etwas veränderte Bear- 
beitung der Welt- imd Kaiserchronik wurde in Strafsburg erst von 
dem Ammeister Konrad von Duntzenheim bis zum Jahre 
1495 besorgt^). In Weifsenburg dagegen fand Königshofen einen 
wüiTÜgeu Nachahmer und Nachfolger ai;f dem Gebiete zeitgenössi- 
scher Geschichtschreibung. 

Die Weifsenburger Chronik des Eikhart Artzt nimmt 
zwar eine selbständige Stellung in der Historiographie des 15. Jahr- 
hunderts ein, aber sie schliefst sich äufserlich an die Chronik Königs- 
hofens an und steht ihr auch geistig nahe genug, um sie gleichsam 

') Hegel VIIT, 185. Von den Strafsburger Fortsetzungen findet sich 
ein Theil l)ci Scliiltor am Ende der Cap. II. und V., ein ancierer bei Mone 
Quellens. I, 2.52, III, 502 doch bei woitem nicht erschöpft. Die mit Forts, 
versehenen llss. verzeichnet Hegel. Mit Rocht wünscht A. Schulte a. a. 0. 
298 eine kritische Prüfung der Strafsburger Furtsetzungen Königshofens. 

») Hegel I, S. 1!»2, 215. 



Weifsenburger Chronik. 53 

als eine Tocliterchronik dem Werke des Strafsburgers Polyhistors 
anzureihen '). 

Eucharius Artzt nennt sich selbst einen Bürger von Weifsen- 
biirg; im Jahre 1440 begann er sein Bucht nacli seiner eigenen 
spätem Angabe zu schreiben, doch werden seine Aufzeichnimgen 
erst mit dem Jahre 1451 eingebender und bedeutender. Er richtet 
seine Aufmerksamkeit nicht blofs darauf, was in Weifsenburg sich 
begeben, sondern auch auf die benachbarten Länder und Städte. Die 
Fehden und Streitigkeiten zwischen Pfalz, Lothringen, Mainz, Speier, 
die Kriege der Franzosen im Elsafs, die Schicksale der Städte in 
Schwaben und in Franken fallen in den Bereich seiner Darstellung. 
Ein grofses zusammenhängendes Stück Geschichte liefert Ai'tzt für 
die Jahre 1469 — 1471, welcher Theil seines Werkes reichlich ein 
Drittel des ganzen ausmacht. Hier stellt er den Krieg ZAvischen 
Weifsenburg und der Pfalz dar, wobei er ganz pragmatisch zu Werke 
geht, die Ursachen der Entzweiung vorerst entmckelt und dann in 
die Details der Ereignisse eingeht. Es ist möglich, dafs die Ge- 
schichte des Weifsenburger Kriegs ursprünglich als etwas selbstän- 
diges gedacht und geschi'ieben war, doch beffechtigt die handschrift- 
liche Ueb erlief erung keineswegs zu einer Aussonderung derselben 
aus den übrigen Theilen der Chronik. You seiner Person gibt Eucha- 
rius Artzt fast nichts an, woraus man über seine Lebensstellung 
und Geschichte Aufklärung erhielte, er beruft sich auf seine sorg- 
fältig gesammelten Erfahrungen, er selbst scheint keine hervoiTagende 
Persönlichkeit in seiner Vaterstadt gewesen zu sein. Um so mehr 
Beachtung verdient seine Darstellung, Avelche sich neben andern 
später zu nennenden Quellen des pfälzischen Kriegs nicht blofs 
durch einen grofsen Reichthum an Nachrichten, sondern auch durch 
besonnenes Urtheil auszeichnet. 

1) Hs. 50 Hegel VIII. S. 224. Das in dieser Handschrift enthaltene 
Register Königshofons scheint nach Mones Angabe auch als Register für 
die Arbeit des Eikhart Artzt gedient zu haben, woraus sich am deutlich- 
sten der Anschlufs an Königshofen ergeben würde; immerhin aber mag 
Mone Recht haben, wenn er seinen früheren Ausspruch, es handle sich 
um eine Fortsetzung (Pertz Archiv III, 260) des Königshofen später zurück- 
nahm. Alone, Badisches Ai-chiv II, 210—306; besserer Abdruck des Textes 
von C. Hofmann. Quellen und Forschungen zur bair. und deutsch. Ge- 
schichte n, 147 und III, 260. Mone hat die in der Hs. wirr durcheinander 
gehenden Aufzeichnungen streng chronologisch geordnet, Hofmann dagegen 
den reinen Text der Hs. mitgetheilt, doch den Weifsenburger Krieg fol. 46 
bis 70 ausgeschieden und besonders behandelt, ja sogar dem letztern 
Stücke des auf fol. 18 — in der Chronik II, 158 — vorkommende Capitel 
über die Autorschaft der Chronik, als „Vorwort des Verfassers" dem 
Weifsenburger Krieg vorangestellt. 



54 § 4. Aus schwäbischen Klöstern. 



§ 4. Aus schwäbischen Klöstern. 

Zahlreiche Aufzeichnungen finden sich im 13. und 14. Jahrhun- 
dert in den Klöstern des Schwarzwalds, des oberen Rheines und 
Schwabens überhaupt. Hier wii-kten noch die blühenden Zeiten der 
klösterlichen Annalistik in ermunternder Weise nach, ohne dafs 
jedoch irgend etwas den Miheren Jahrhunderten vergleichbares ge- 
leistet worden wäre. Die den Casus monasterii sancti Galli nachge- 
bildeten Casus monasterii Petershusani haben keine so glückliche Fort- 
setzung gefunden 1), ^de sie uns in jenem Kloster entgegentreten 
wird. Auch in St. Blasien war die Geschichtschreibung verstummt, 
Abt Arnold II. untersagte sogar das Ausfertigen von Urkunden und 
zudem -niirde im J. 1322 die dortige Bibliothek ein Raub der Flam- 
men. Möglicherweise hat es aber doch eine Chronica S. Blasii ge- 
geben, auf welche der schwäbische Humanist Johannes Nauclenis 
sich zu beziehen scheint 2) und nur in Engelberg wurden das 14. 
und 15. Jahrhundert hindurch Aufzeichnungen au die alten St. Bla- 
sianischen Annalen angeschlossen, von denen sich vermuthen läfst, 
dafs sie grofsentheils gleichzeitig entstanden oder jedenfalls alhnäh- 
lich zugewachsen sind^). Etwas mehr bietet ims St. Georgen im 
Schwarzwald. Die Annaleu dieses Klosters beginnen schon mit 
1083 selbständig zu werden und reichen dann bis zum Jahre 1308. 
"Wie sie ursprünglich beschaifen waren, läfst sich aus den erhalte- 
nen Fragmenten eigentlich nicht beurtheüen, zumal der historische 
QueUenwerth der letzteren denn doch nur ein unbedeutender ist*). 
Nicht wichtiger ist, was im Kloster Lichtenthai geleistet ■v^'urde, 
imd es ist wol nichts unrichtiger, als die zerstreuten Aufzeichnun- 
gen, die da theils über die Gründung des Klosters, theils über die 



') Chronicon Petershusanum bricht leider schon mit dem Jalire 1164 
ab, woran sich nur noch eine längere Notiz zum Jahre 1249 anschliefst. 
Vgl. W. G. II, N. Abgedruckt Mono, Quellensammlung I, 114, jetzt in 
SS. XX von Pertz. Vel. Stalin, wirt. Gesch. II, IG. 

2) Vgl. J. Bader, das ehemalige Kloster S. Blasien, Freiburg 1874 
S. 28. 30; über die 'Chronica S. Blasii' oder 'ad S. ßlasium' E.Joachim, 
Johannes Nauclerns und seine Chronik (1874) S. 57 und D. König, zur 
Quellenkritik d. Nauclerus, Forsch. XVIII, 49— 57; dagegen L. Weiland, 
hist. Zs. 34, 429—430. 

') SS. XVII, 275. W. G. II, N. 

*) SS. XVII, 295. Nach den Auszügen von Gerbert und Usscrmann. 
Vgl. Stalin, wirt. Gesch. II, 8. Potthast citirt auch eine Schrift von Mar- 
tini, Geschichte des Klosters und der Pfarrei St. Georgen, 1859, die ich 
nicht gesehen habe. 



Stift Sindelfingen. 55 

■wichtigsten Ereignisse in der markgräflichen Familie gelegentlich 
gemacht wurden, mit dem Namen einer Chronik zu bezeichnen. 
Es sind Anmerkungen, die sich in Nekrologien oder in Schenkungs- 
büchern finden, und die keinerlei Anhaltspunkte geben, auch nur 
auf einen früheren Bestand von Klosterannalen zu schliefsen^). In 
Lichtenthai war ein Frauenkloster Cistercienser- Ordens, welcher 
überhaupt keinen hervorragenden Antheil an der Litteratur mehr 
nahm. Am wenigsten wurde neues producirt. Ueberarbeitungen 
älterer Stoffe oder Uebersetzungen treten hie und da an die Stelle 
der älteren litterarischen Thätigkeit in den Klöstern überhaupt^). 

Eine Ausnahme dagegen macht das Stift Sindelfingen, 
welches zwei bedeutendere Geschichtschreiber in der zweiten Hälfte 
des 13. Jahrhunderts aufzuweisen hat: den Canonicus Heinrich 
von Möskirch^) und den Kellermeister Konrad von Wurme- 
lingen. Wir haben es hier eigentlich nur mit dem letzteren zu 
thun, über den wir ziemlich eingehende Nachrichten besitzen. 1255 
trat er in den Besitz einer Präbende an der Stiftskirche des h. Martin 
zu Sindelfingen, 1278 wurde er Diacon. Er genofs jedoch diese 
Einkünfte offenbar für das Kellermeisteramt, das er bei dem Kloster 
verwaltete ohne selbst dem Kloster anzugehören, denn er war ver- 
heirathet. 1295 im April ist er gestorben. Seine Arbeit umfafst 
die Jahre 1276 — 1294 und wird von allen Geschichtsforschern sehr 
geschätzt, obwol man nur die Auszüge aus dem verloren gegange- 
nen Original besitzt, welche Crusius und Gabelkover daraus gemacht 
hatten*). 



^) Mone, Quellensaramlung I, 190, vgl. 529, nimmt ganz willkürlich 
an, dafs eine Klosterchronik bestanden habe, und gibt daher den von ihm 
zerstreut gefundenen Noten den Namen Chronik von Lichtenthai. Von 
Interesse ist blofs die Stiftungsgeschichte (1245), die folgenden histoinschen 
Bemerkungen bis 1257 sind untergeordnet, alles andere ist aus anderen 
Handschriften zusammengeleimt. Mone und Potthast beziehen sich auf 
Bader, kurzgefafste Geschichte des altbadischen Frauenklosters Lichten- 
thal, Alterthumsverein des Grofsherz. Baden I, 121, aber hier findet sich 
keinerlei Andeutung über das Vorhandensein einer Chronik des Klosters. 

^) Solche Uebersetzungen und Bearbeitungen finden sich z. B. von 
dem Leben des Grafen Eberhard III. von Neuenbürg und von dem Leben 
des heihgen Fridolin bei Mone I, 80 — 111. Die spätere Bearbeitung (B.) 
des Lebens des heil. Fridolins ist datirt: geschrieben von Johannes 
Gerster 1432. 

3) W. G. II, N. 

*) Auf der Ausgabe Clironici Sindelfingensiti quae supersunt primum 
edidit C. F. Haug, Tubingae 1836, beruhen die späteren Ausgaben von 
Böhmer, Fontt. U, 464 und die vollständigere als Anna/.. Sindelf., SS. 
XVII, 299. Wie schon Böhmer, Fontt. II, XL VI bemerkt, hat Nauclerus, 
Chron. univers., das vollständige Original vor sich gehabt, doch hat der 



56 § 4. Aus schwäbischen Klöstern. 

Konrads Annalen sind sehr sorgfältig uud tragen überall das 
Gepräge der Gleichzeitigkeit an sich. Ihn beschäftigen hauptsäch- 
lich die Angelegenheiten seiner Heimath und über die Fehden und 
Meinen Kriege des schwäbischen Adels weifs niemand sonst so de- 
taülirt zu berichten, aber auch das Eingreifen des Königs Rudolf 
in die allgemeinen und speciell in die schwäbischen Yerhältnisse 
■wird aufmerksam verfolgt. Nichts destoweniger ist der bestimmte 
Standpunkt des Verfassers nirgends zu verkennen, denn er ist ein 
entschiedener Feind der Grafen von AVü-temberg, deren Wachsthum 
und Machtzunakme seinen Beifall kaum zu haben scheint. In den 
originalen Aufzeiclinungen wh'd das noch mehr hervorgetreten sein. 
Die Gelehrten aber, welche uns die vorhandenen Excerpte über- 
liefert haben, mögen die Wirtemberg feindlichen Stellen vielfach ge- 
tilgt haben, so dafs nur wenige, aber immerliin deutliche Beweise 
für die Richtung Konrads von Wurmelingen geblieben sind. Dahin 
gehört z. B. die Nachricht über die Schädigungen, w^elche Graf 
Eberhard von Wirtemberg dem Stifte angethan hat*). Ueberhaupt 
ist er ein grofser Freund der Hohenbergischen Grafen, welche er 
mit ihren gesammten Parteigenossen besonders aufmerksam verfolgt 
uud über die er nicht eine einzige ungünstige Nachricht bringt. 
Hieraus ergeben sich denn auch die Beziehungen zu dem habsbur- 
gischen Hause von selbst, dessen erneuerte Erhebung er jedoch 
nicht mehr erlebt hat. Nur mit ganz kurzen Worten erwähnt er 
noch zum Jahre 1292 die Wahl Adolfs, macht aber zugleich die 
nicht unwichtige Mittheilung, dafs Herzog Albrecht auf dem Wege 
nach Frankfurt in Groningen geweilt habe-). Eine auffallende Un- 
genauigkeit findet sich noch zum Jahre 1293, wo Kourad den König 
Adolf einen Zug gegen Besanc^on unternehmen läfst, Avährend von 
dem folgenden Jahre nur noch die Annäherung zwischen dem nas- 
sauischen Hause und dem von Wirtemberg erzählt wird. Jedenfalls 
Avar der Gang der öffentlichen Dinge schwerlich nach dem Wunsch 
und Geschmacke der Sindelfinger Canoniker, die denn auch das 
Buch Konrads niclit weiter fortgesetzt haben, und in der Litteratur 
gänzlich verstummten. 

Umständlichere Erzählungen als in den annalistischeu Aufzeich- 
nungen Konrads von Wunnelingen hat sein Landsmann l^irkard 

Reconstructionsvcrsuch D. Königs, Forsch. XVIII, 83 — 84 zu keinem ge- 
sicherten Ergcbnifs geführt; vgl. L. Weiland, liist. Zs. 34, 42G. 

') Vgl. meine deutsche Geschichte im 13. und 14. Jahrliundert, Bd. II. 
S.414. 

''') Kopp, Gesch. d. eidgen. Bünde III, 2G. 



Stift St. Peter zu Wimpfen. F^'J 

von Hall hinterlassen, der sich nicht so strenge au die annalistische 
Torrn hält, aber dafür einzelne Ereignisse genauer erzählt und einen 
Anlauf zu einer eigentlichen Geschichtsdarstellung seiner Zeit zu 
nehmen scheint. Leider fehlt uns jede klare Einsicht in die Arbeit, 
da nur gelegentliche Excerpte daraus publicirt worden sind^). Der 
Verfasser aus schwäbisch Hall gebürtig, war Decan zu St. Peter 
in Wimpfen^) und wurde von einem Collegen, Dyther von 
Helmstädt, unterstützt oder fortgesetzt, was nicht ganz deutlich 
hervorgeht. Dieser sagt, dafs der treffliche Burkard die Geschichte 
fortzuschreibeu unterlassen habe, weil er durch andere Geschäfte 
in Anspruch genommen wurde und dafs er den Fufstapfen Burkards 
nun folge, gleichsam wie ein Schüler dem Lehrer. Daraus geht 
hei-vor, dafs, wenn Dyther, der doch damals schon Canonicus war, 
auch etwa der jüngere Mann gewesen sein mochte, beide doch Zeit- 
genossen und mit einander im Verkehre waren. Nach dem, was in 
unseren Ausgaben gedruckt vorliegt, mufs man Dj-thers Thätigkeit 
als die gröfsere und umfassendere halten, gleichwol hat man seine 
Beschreibung der Ereignisse vom Jahre 1298 mannigfach über- 
schätzt; denn er bringt eigentlich nur sehr äufserliche Nachrichten, 
und die tieferen Vorgänge bei Albrechts Erhebung zum König, 
welche nach Dyther in Alzei geschehen sein soll, sind ihm unbe- 
kannt 2). Burkard von Hall soll am 4. August 1300 gestorben sein*). 
In den Aufzeichnungen des Stiftes wird er besonders darum gelobt, 
weil er in die Geschäfte Ordnung gebracht und sich um die Ver- 
waltung der Güter und Einkünfte im hohen Grade verdient gemacht 
hätte. Das Stift war, wie aUe dergleichen, vorzugsweise Versorgungs- 
anstalt für den Adel; so war vermuthlich Burkard von Hall durch 
seinen Oheim, Konrad von Heilbronn, hinein gekommen, der 1289 
starb. Dyther von Helmstädt hatte einen Oheim gleichen Namens 
im Stifte, der am 12. Nov. 1294 starb, nachdem er 20 Jahre Propst 

') Schannat, vindem. lit. II, p. 57 und Böhmer in den Fontt. II, 473 ff. 
haben Auszüge gegeben, aber sehr ungenügend. Schannat ist vollstän- 
diger, doch ist auch hier nicht einmal der Umfang der JSotae Imtoricae 
ersichtlich. Dafs dieselben von 1273 — 1325 reichen, ist nur mit Einschrän- 
kungen richtig. 

2) Wimpfen gehörte im 14. Jhrd. zu Schwaben, vgl. Frohnhäuser, Ge- 
schichte der Keichsstadt Wimpfen und des Ritterstifts St. Peter 1870. 

^) Das ist nämlich sein* bezeichnend für die Kenntnisse des Verfassers: 
er weifs nur, dafs Herzog Albrecht im Lager ausgerufen worden ist; eine 
Verlegenheit für den Geschichtschreiber, aus der er sich durch den möglichst 
allgemein gehaltenen Ausdruck hilft sublimarunt in regem. Er ist doch 
gescheidt genug, um das, was er darüber gehört hat, nicht für die electio 
zu halten. 

*) Schannat, Episcop. Wormat. I, 115. 



58 § 4. Aus schwäbischen Klöstern, 

war. Auch der Geschichtschreiber Dyther vAxd als Decan genannt 
und ist als Probst am 25. Februar 1299 gestorben i). Daraus geht 
zugleich hervor, dafs er die Chronik noch in jüngeren Jahren als 
Cauonikus schrieb, da er sich ausdrücklich als solchen bezeichnet, 
während er Burkard als Decan nennt. Vermuthlich ist auch seine 
Thätigkeit später durch andere Geschäfte unterbrochen worden. 
Der mit 'bis ita gestis' beginnende Theil der Continuatio stammt 
von dritter und noch späterer Hand, welche noch den Tod des 
Probstes Peter von Mauer (1374 Nov. 9) eintrug; überhaupt ist noch 
bis 1520 nachgetragen worden 2). 

Den Stiftsauf zeichnimgen von Sindelfingen und Wimpfen reihen 
sich diejenigen der Stuttgarter Stiftsherren an. Sie haben fast 
das gleiche Schicksal erfahren, wie die früher genannten Annalen. 
In vollständiger Weise sind sie uns nicht erhalten, und nur die 
fleifsige und kunstvolle Hand Stalins vermochte aus verschiedenen 
Handschriften die ehrwürdigen Reste dieser Stuttgarter Annalen 
herszustellen, nachdem dieselben schon früher theilweise publicirt 
waren ^). Die Annalen beginnen mit einer Notiz zum Jahre 1265 
und sind lange Zeit, bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, 
fortgesetzt worden, doch läfst sich bei den spärKchen Resten nicht 
bestimmen, in welchen Zeitabschnitten die verschiedenen Autoren 
der Aufzeichnungen eingetreten seien. Darüber ist jedoch kein Zwei- 
fel, dafs die ältesten Theüe schon im 14. Jahrhundert, vielleicht 
schon zu Anfang desselben abgefafst wurden, da die Notizen durch- 
aus original sind und das Gepräge der Gleichzeitigkeit tragen. Mit 
dem Jahre 1452 endigen die Stuttgarter Annalen. Sie sind kurze 
Zeit nachher von einem unbekannten Autor benutzt worden, welcher 

1) Zs. f. Gesch. d. Oberrli. XI, 176. 

2) Vgl. Falk, Litter. Handweiser 1876 S. 443. Die Abhandlung von 
Baur, Archiv für hess. Gesch. III, 1 ff., Beitrüge zur älteren Geschichte der 
vormals freien Reichsstadt Wimpfen am Berge und des vormals adligen 
Ritterstiftes ad S. Petrum zu Wimpfen im Thal, enthält in ihrem 2. Theile 
interessante Zusammenstellungen über die Pröpste und Decane des Stiftes. 
Eine genauere Untersuchung über diese Wimpfener Quellen wäre am 
Platze, namentlich eine genaue Beschreibung der in Darmstadt liegenden 
Handschrift. 

**) Diese Jahrbücher wurden von den älteren wirtembergischen Ge- 
schichtschreibem als Anonymi c/ironicun Wirtein/K'rtjiciim nianiii<crifitiini oder 
als Continuatur Ilermanni minoritac citirt. Sie tinclen sich häufig im An- 
hange an die Flores temponim (vgl. weiter unten). Doch sind os Stutt- 
garter Jahrbücher, welche Monc im Anzeiger ISIM S. 137 nach einer 
Reichcnaucr Papierliandsclirift druckte. Dann iiat Stalin in den wirt. Jahrb. 
1819 die volle Reconstruirung untcrnonuncn. Sonderabdruck Stuttgart 
1H51. Nach seiner Ansicht lial)en die Ant'zeicliiuingon nicht vor Mitte des 
14. Jahrhunderts begonnen. Vgl. Wirt. Gesch. HI, ö. 



Stuttgarter und andere Annalen. 59 

■vermuthlicli zu Gmünd ein Buch verfafste, das unter dem Namen 
der Gmünder Chronik bekannt ist und in seinen älteren Theilen 
viel abenteuerliches und fabelhaftes, in Bezug auf die Geschichte 
des fünfzehnten Jahrhunderts bis 1462 manches schätzbare enthält. 
Die Geschichte des Grafen Eberhard des Erlauchten ist aus 
den Stuttgarter Annalen übersetzt^). An den Reichskrieg des letz- 
teren knüpft sich ein inhaltlich nicht unbedeutendes Gedicht eines 
gewissen Trütwein aus Esslingen, der aber nicht weiter nachzu- 
weisen ist 2). 

Wie die Stuttgarter Annalen in ihren Anfängen bis in die zweite 
Hälfte des 13. Jahrhunderts zurückreichen, so erstrecken sich andere 
schwäbische Jahrbücher in iliren Ausläufern bis in diese und die 
folgenden Zeiten hinein. So die Annalen des Klosters Neresheim, 
die Jahrbücher Yon St. Udalrich und Afra in Augsburg und des 
zum Augsburger Sprengel gehörigen Ottobeuern^). Die Neres- 
heimer und älteren Elwanger Annalen erhielten im 14. und 15. 
Jahrhunderte -wichtige Zusätze durch verschiedene Verfasser, so dafs 
das Jahrbuch, welches mit dem Namen Chronicon Elwacense bezeich- 
net wurde, bis zum Jahre 1477 reicht. Es mufs schon in älterer 
Zeit bekannt gewesen sein, weil in Fortsetzungen des sogenannten 
Martinus ^linorita bis z. J. 1409 von demselben Erwähnung ge- 
schieht*). Ebenso haben wir es im Kloster Marchthal nur mit 
einer Fortsetzung schon früher in Angriff genommener Aufzeichnun- 
gen zu thun^); diese Fortsetzung bis 1299 ist von dem Canouicus 
Heinrich in einer Art Reimprosa abgefafst, welche dem Verfasser 
offenbar als die Hauptsache erschien, da er nach eigenem Geständ- 
nisse das Urkundenstudium viel zu unbequem fand. Seinen Probst 
Heinrich ■will er nicht loben, weil derselbe noch am Leben ist, aber 
auch nicht tadeln 'quia juberet me forsitan fustigare' (c. 9.). Eine 
kurze Geschichte seines Klosters bis 1257 schrieb auch ein Prae- 



') Wahrscheinlich nur zufällig mit dem Werke Thomas Lyrers von 
Rankweil verbunden 1486 und Lindau 1761 gedruckt, aber auch selbstän- 
dig handschrifthch überliefert vgl. Stalin, Wirtemb. Gesch. III, S. 9, 
0. Breitenbach NA. II, 190. 

2) Dieses Gedicht und ein zweites über die Schlacht bei Döffingen 
(1388) hat StäUn d. J. herausgegeb. Württemberg. Vierteljahrshefte VI (1883), 
1 bis 6. 

3) Vgl. W. G. n, N. Beachtenswerth ist der Catalogus abbatum mo- 
nasterii Sancti Udalrici et Afrae Augustensis, herausgegeben von Steichele 
und das von demselben herausgegebene Schenkungsbuch des Klosters 
Ottenbeuern im Arch. der Gesch. des Bisthums Augsburg, 1858 2. Bd. 

*) SS. X,34— 5L 

s) Herausg. von Waitz, SS. XXIV, 678-683. Vgl. NA. IV, 166. 



ßO § 4:. Aus schwäbischen Klöstern. 

monstratenser in Weissenau, avo man bisher nicht viel mehr be- 
safs als die von den Cisterciensern von Salem entlehnte Fundatio*). 
Auch die Annales Zwi/altenses ^) bringen Notizen bis zum Jahre 1503. 
Nicht mindere Beachtung verdienen die Annales Behenhusani, welche 
Verzeichnisse der Schenkungen für das Kloster und die Reihe der 
Aebte enthalten. Sie sind erst im 15. Jahrhundert begonnen worden 
imd reichen bis ins 16. hinab 3). 

In Reicbenau endlich wurde im letzten Decennium des XV. 
Jahrhunderts die lange unterbrochene historiographische Thätigkeit 
noch einmal von Martin oder Gallus Oehem (Oheim) aufgenom- 
men, der eine deutsche Chronik seines Klosters in den Jahren 
1496 — 1498 bereits als alter Mann verfafste*). Er verliefs seinen 
Geburtsort Radolfszell, um an der Freiburger Universität zu studireu, 
in deren Matrikel er am 6. Mai 1461 eingetragen wurde. Er erhielt 
das Baccalaureat und erscheint im J. 1487 als Caplan in Radolfszell. 
Sein fleifsiges "Werk arbeitete er mit Benutzung aller Hilfsmittel, 
welche ihm Archiv und Bibliothek von Reichenau gewähren konn- 
ten und bewährt sich daher auch im Einzelnen als genau imd zu- 
verlässig; freilich sind gerade für das XIV. und XV. Jahrhundert 
seine Nachrichten von nicht allzu gTofser Bedeutung. Ausführlich 
behandelt er die Gründungsgeschichte des Klosters, dessen Besitz- 
stand und Wohlthäter, dann im 2. Theile die Geschichte der 
Reichenau bis auf den 54. Abt Friedrich von Wartenberg und 
stellt schliefslich im 3. Theile ein Wappenbuch der Aebte, Capitel- 
herrn und Lehnsleute zusammen. Unter seinen Quellen dürfte sich 
auch manches vorfinden, das uns heute in selbständiger Fassung nicht 
mehr erhalten ist. Zum letzten Mal erscheint Oehems Namen in einer 
Urkunde von 1511 und bald darauf wird er auch gestorben sein^). 

') Historiae Auqienses hg. von Waitz, SS. XXR', 647 — 659. 

2) SS. X, 60-64. 

3) Stalin III, 11. Hess Mon. Guclf. 253—268. Besser von Pfaff im 
Wirt. Jahrb. f. vaterl. Gesch. Jhrg. 1855. Hft. II, 172. 

*) Herausg. von Barack Bibl. d. Litt. \er. in Stuttgart. Bd. 84 (18G6). 
0. Breitenbach, die Quellen der Keichenauer Chronik des Gallus Ochem 
u. der hist. Wcrth dieses Werkes NA. II, 157—203. Barack, Schriften d. 
Ver. f. Gesch. d. Bodensees L 125 ff. Gmelin, das. IX, (1879) 115—120. 
Roth v. Schreckenstein, Zs. f. Gesch. d. Oberrh. 32, 331—339. Mc3'cr, J., 
Alemannia IX, 274. 

*) Bis zum J. 1604 fortgeführt findet sich Oehems Chronik in dein 
Samniohvorke Reutlingers (s. XVII) in der Bibliothek zu Uebcrlingen, 
Band VIII. S. 203—488, nach Beeil, Zs. f. Gesch. d. Oberrh. 34, 350. 
Unter diesen höchst werthvoUen Collectaneen findet sich auch Band XIII. 
S. 15 — 109 eine Chronik 'von Lienliardt Wintersulgor burgormaister 
und Conrad ten Zedtlern gerichtschroibcr'' zu Uebcrlingen, welche bis 



Hugo von Reutlingen. g^ 

Eine litterarisclie Berühmtheit der ersten Hälfte des XIV. Jahr- 
hxinderts war in Schwaben ein gewisser Hugo Spechtshart, 
Priester zu Reutlingen, der noch im Jahre 1358 73j ährig lebte i). 
Dieser Mann ist durch seine musikalischen und grammatischen Stu- 
dien bekannter als durch die historischen, aber ohne seine Schuld, 
denn er hat neben den uns erhaltenen miisikalischen und gi-amma- 
tikalischen Lehrgedichten auch ein in Hexametern abgefafstes ge- 
schichtliches Werk geschrieben, allein dasselbe war bisher yerschoUen. 
Erst vor Kurzem hat K. Gillert-) das Büchlein aufgefunden, in wel- 
chem der Verfasser Hugo sacerdos von Rütlingen sich nennt und 
als Abfassungszeit das J. 1347 angibt. Es ist für die Schule be- 
stimmt (discere quem clericus debebit ubique novellus; v. 796) und 
reichte ursprünglich bis zimi Tode K. Lud^vigs; 1349 schrieb der 
Autor eine Fortsetzung und bald darauf noch zwei kleine Zusätze 
bis zum Jubeljahr. Die Chronik dieses Schulmeisters gehört zu 
jenen litterarischen Erscheinungen, die nicht um ihrer selbst -udllen, 
sondern vielmehr durch den Einflufs auf die Zeit, in welcher sie 
entstanden sind, beachtenswerth erscheinen; sie behandelt die ge- 
schichtlichen Ereignisse bis auf Karl IV. in 800 Versen und erübrigt 
dabei noch Raum, um den wissensdurstigen Kleiiker über die me- 
trische Quantität der Eigennamen 'Innocentius' und 'Bonifacius' 
aufzuklären, aber das geschichtliche Wissen ist wol durch dieses 
Schulbuch in weit höherem Mafse popularisirt worden als durch 
viele andere, unvergleichlich bessere Arbeiten. Schon bei Lebzeiten 
ihres Verfassers sind Hugos Werke commentirt worden, und so ha- 
ben sich denn in einem W^iener xmd einem Petersburger Codex eine 
Anzahl von historischen Glossen zu der Chronik Hugos von einer 
unbekannten Hand hemihrend erhalten, welche über die Jahre 1218 
bis 1348 Nachrichten geben^). Von grofsem Werthe sind die Mit- 
theilungen des Glossators ebenfalls nicht. 

1498 reicht, femer S. 111 — 189 'ain cronickh . . von weylandt Werner 
Dreybroth umb ain getruckhte allte cronich ad margines herumb uff- 
gezaichnet'; vgl. Boell, a. 0. 360. 

*) Stalin, wirt. Gesch. III, 757. 

^) Die Chronik des Hugo von Reutlingen herausgeg. von K. Gillert 
Forsch. XXI, 21— 65; über die Petersburger Hs. ders. N. Arch. V, 262 
bis 265 und B. Dudik, SB. d. Wiener Acad. XCV, 375. Erwähnt zu wer- 
den verdient eines Reutlinger Bürgers, Conrad Winziecher, Gedicht: 
'de Castro Hochen Zorn' über die Einnahme der Burg Hohenzollern 1423, 
herausgeg. von A. Stalin, Württemb. Jahrbücher 1851, und von A. Hol- 
der, Alemannia V, 197. 

^) Die Wiener Glossen herausg. von Huber in Böhmer, Fontt. IV, 
128 — 137 als Excerpta ex expositione Hugonis de Rutl. in chronicam 
metricam (vgl. Vorrede S. XX) : die Petersburger Glossen, mit den Wiener 



52 § 5. Minoriten. 



§ 5. Minoriten. 

Von ähnlichen Antrieben wie die Dominikaner waren, wie wir 
gesehen haben, auch die Minoriten zur Gescliichtschreibung geleitet. 
In Schwaben treffen wir sie zunächst mit annalistischen Aufzeich- 
nungen über die Zeit und Regierung König Rudolfs von Habsbui'g 
beschäftigt, von 1273 — 1292, wo mit der Angabe der Wahl König 
Adolfs die kurzen Aufzeichnungen schliefsen^). Sie sind sehr allge- 
mein gehalten, wenn auch die Rücksicht aiif die Basler und Con- 
stanzer Bischöfe nicht verkennen läfst, dafs der Verfasser seine 
Heimath in einer dieser Diöcesen hatte. Sonst ist doch die Reichs- 
geschichte der eigentliche Gegenstand des Interesses für den unbe- 
kannten Minoritenbruder. 

Der unbedeutende Rest dieser Annalen ist aber auch alles, was 
wir in localer Beziehung von den Minoriten in Schwaben finden. 
Einen ganz anderen Charakter trägt das umfangreiche Werk, welches 
unter dem Namen der Flores temporum viel gebraucht und gelesen 
worden ist und eine ähnliche Stellung behauptete, wie das Werk 
des Dominikaners Martin von Troppau. Das Buch ist in zahlreichen 
Handschriften, doch meistens in Deutschland, verbreitet, und hat im 
XIV. imd XV. Jahrhundert überall, gleich dem Werke des Domini- 
kaners Martin dazu gedient, um zeitgenössische Aufzeichnungen 
daran anzuschliefsen; und so ist es gekommen, dafs sehr verschie- 
dene Autoren mit den Flores temporum in Verbindung gebi'acht wor- 
den sind, worunter jedoch zwei die erste Stelle behauptet haben. Der 

nicht ganz indentisch, sind theils in die Hs. der Chronik eingetragen, 
theils zu einem selbständigen Commentar zusammengefafst: Gillcrt, N. Arch. 
V, 599. Doch ist keineswegs anzimehmon, dafs der Dichter der Chronik 
diese Adnotationcn selbst geschrieben habe, vgl. Gillert, Forsch. XXI, 26. 
— Bei dieser Gelegenheit mögen die auch im vierten Band der Fontt. 
aus einem St. Galler und Weingartner Codex entnommenen Anmerkungen 
zu den Jahren 1262 und 1267, 1268, 1273 erwähnt werden; das. S. 126 
Notae hiatoricae de Ciinradino et Rudolfo über Cmiradins Römerzug und K. 
Rudolfs Wahl, neuerdings mit einigen Klosternotizen als I^otae Weingar- 
tenses hg. von Waitz SS. XXIV, 830—833, vgl. Riibsam, Hist. Jahrb. I, 
(1880) 643 ; Busson, Forsch. XV, 140. Aufserdem wollen wir hier noch 
auf die Arbeiten über Besitzungen schwäbischer Klöster hinweisen : Meh- 
rcrcs in Monc's Zs., Güterbesitz von Salmansweilor 1251 — 1280 111, 1 u. 2; 
vom heiligen Kreuz in Donauword im Arch. für Gesch. d. Bisthums Augs- 
burg II, 3. lieft. 

') SS. XVII, 283 aus einem Londoner Cod. sec. XIII. Die schwä- 
bische lleimath des Verfassers ist kaum zu bezweifeln, aus welchem Grunde 
es aber ein Minorit sein soll, ist mir eben nicht ganz so deutlich, wie 
Pcrtz. 



Flores temporum. ßg 

eine wird mit dem Namen Martins des Minoriten, der andere mit 
dem Hermanns von Genua vom Orden des heiligen Wilhelm be- 
zeichnet. 

Das Werk, welches nun Martin dem Minoriten zugeschrieben 
wird, ist eine nach den sechs Weltaltern geordnete Chronik, und 
concurrirt auch in der Form mit dem berühmten Geschichtsbuch 
Martins von Troppau, indem es ebenfalls die Geschichte der Päpste 
und Kaiser synchronistisch behandelt, doch gibt es auch eine zweite 
Recension, in welcher Kaiser und Päpste nacheinander oder auch 
abwechselnd besprochen werden. Es soll mit dem Jahre 1290 
(richtiger 1288) abgeschlossen haben, bezeichnend, da eben damals 
zum erstenmale ein Minorit den päpstlichen Stuhl bestiegen hatte, 
doch ist zu bemerken, dafs man sehr wenige Handschriften hat, 
welche diesen angeblich ältesten TheU selbständig bewahrten. In 
den meisten Handschriften schliefst sich unmittelbar an das Werk 
des Minoriten ohne Unterbrechung imd ohne erkennbaren Abschnitt 
eine Fortsetzung, die bis zum Jahre 1345 oder 1349 reicht, und 
welche einige Gelehite dem Hermann von Genua zuschreiben'). 
Durch diese Theiluug der Autorschaft wäre zwar die Frage am ein- 
fachsten gelöst, aber es sind nicht geringe Bedenken, die sich doch 
auch gegen diese Annahme erheben. Das stärkste ist dies, dafs die 
Einleitung zu dem Werke in einigen Handschriften auf den Namen 
Martins des Minoriten und in anderen wörtlich gleichlautend 
auf denjenigen Hermanns des Wilhelmiten geschrieben ist. Um 
aber die VerwÜTung noch gröfser zu machen, so fehlt es nicht an 
anderen Angaben, welche besagen, dafs der Fortsetzer Martin des 
Minoriten ebenfalls ein Minorit Namens Hermann gewesen ist 2). 

') Die Ausgabe von Eccard, corp. bist. med. aevi I, p. 1551 ist iden- 
tisch mit dem Stuttgarter Codex 269, beschrieben Pertz, Archiv I, 403. 
Darnach hat Eccard combinirt, dafs das Werk bis 1290 (1288) Martin 
dem Minoriten angehöre und die Fortsetzung dem Hermannus Januensis 
ord. S. Wilhelmi. Dagegen hat Menschen in der Ausgabe unter dem 
Titel: Hermanni Gjgantis ordinis fi-atrum minorum flores temporum, Lugd. 
Bat. 1743 und 1750 die beiden Namen Martins des Minoriten und Her- 
manns von Genua ganz cassirt. Die Ausgabe von Gewold, Ingolstadt 
1618 und die von Ulm 1486 (vgl. Potthast, v. Martinus minorita) existiren 
nicht; der Text, mit Hinweglassung der Geschichten bis zum VIII. Jh. 
hg. von 0. Holder-Egger SS. XXIV. 230-249. 

2) Die Berliner Hs. Auct. lat. 21 hat nur den Namen Hermannus Jan- 
uensis vgl. Pertz Arch. VIII, 835; eine Hs. des Brit. Mus. vom J. 1500: 
Incipiunt flores temporum intitulate Cronica Hermanni, N. Arch. IV, 387; 
die Wiener Hs. 3332 s. XV.: Flores temporum Hermanni Minoritae, N. 
Arch. V, 139; eine Maihinger Hs. s. XV.: Cronica fratris Hermanni dictus 
Gigas de ordine fratrum minorum, N. Arch. VH. 175. 



ß4 § 5- Minoriten. 

Wenden wir uns zn dem Inhalte des Buches selbst, so ist dieses 
in seinen älteren Theilen, obwol der Verfasser aus seinen Quellen, 
als welche er Orosius, Isidor, Hennann den Lahmen und Martin 
von Troppau anführt, kein Geheimnifs macht, doch so sehr von 
dem letztgenannten dominikanischen Geschichtsbuch abhängig, dafs 
man den Verfasser geradezu als blofsen Abschreiber bezeichnen 
wollte. Doch läfst sich nicht verkennen, dafs Unterscheidungen 
genug da sind, welche dem bewufst angestrebten Zwecke entspre- 
chen, das geschichtliche Material zu einer Notizensammlung für Pre- 
digten im Sinne des Minoritenordens zu verwerthen. Denn, sagt der 
Autor in seiner VoiTede, wenn ich dem Volke in meinen Predigten 
sage, heute sind es so und so viele Jahre, dafs dieser und jener 
Heilige gestorben ist, so ist es nöthig, den Faden der geschichtli- 
chen Ereignisse chronologisch genau zu ordnen i). Zu den Quellen 
der Flores gehören femer auch noch die "Würzburger Chronik, welche 
sehr ausgiebig benutzt worden ist und die Erfiu'ter Chronica Minor, 
deren Verhältnifs zu den Flores noch nicht ganz klar ersicht- 
lich ist 2). 

Aeufseningen solcher Art stimmen nun sicherlich mehr zu den 
Tendenzen der Minoriten, als zu denen der Wilhelmiten, und wir 
wollen doch auch gleich hier bemerken, dafs das Buch in den Fran- 
ziskanerklöstern am meisten verbreitet war, und in den Handschriften 
fast allenthalben die Beziehung zu den Minoriten kervortritt. Auch 
ein anderes Moment läfst sich aus dem Inhalt der Flores temi>orum 
entnehmen. Dies nämlich, dafs die Abfassung derselben in Schwaben 
zuerst stattgefunden hat; denn so viele Localgeschichten Aveisen auf 
dies Land hin, dafs man nicht begreifen könnte, wie ein Fernstehen- 
der ein so spezielles Interesse für den Grafen Eberhart den Er- 
lauchten von Wii-temberg oder für die Begebenheiten in den gräf- 
lichen Häusern von Hohenberg und Tübingen hegen mochte. Nun 
ist es allerdings richtig, dafs es in Schwaben auch Wilhelmiten- 
Klöster gegeben hat^), aber würde Hermann von Genua, wenn man 

») SS. XXTV, 230. Es hcifst dann noch, er wolle die fünf Wcltalter 
kurz und nur das sechste Wcltalter eingehend beschreiben: usqnc ad Ny- 
colaum quartum qui primiis de ordinc sancti Francisci papa fuit, eoriim- 
quc tempora et statuta pociora clucidans atquc divcrsa mundi mirabilia 
interserens oninium rcguni Konianorum tempora ot annos brcvitcr annotavi, 
non ad coruin laudcni, scd ad sanctorum cisdcm contomporanoorum glo- 
riam et honorem ut intor spinas principum tcrrenorum cclico rose pullu- 
lent et lilia paradisiaoa bcatorum. Et ob hoc praesens opuscnlum Flores 
temporiim nuncupavi. 

«) V^I. T>. Woiland, Ilist. Zs. 43, 315. 

^) Auliertus Miraeus, originum monastioarum liliri IV. Vgl. über den 



Martinus Minorita. ary 

ihn schon nach Schwaben versetzen wollte, was sich ebenfalls in 
keiner Weise sicher stellen liefse, diesen localen Ton der Erzäh- 
lung darbieten*)? 

Soviel scheint demnach als sicher angenommen werden zu 
können, dafs schwäbische Minoriten den hervorragendsten Antheil 
an der Abfassung der Flores temj^orum hatten, üeber die Personen, 
die daran betheiligt waren, läfst sich aber um so weniger etwas be- 
gründetes sagen, als weder über einen ^linoriten Martin noch einen 
solchen Namens Hermann oder Hermann Gygas im XIH. und XIV. 
Jahrhundert sonstige Nachrichten vorhanden sind. Völlig unerklärt 
bleibt endlich das Verhältnifs des "Wilhelmiteu zu dem miuoritischen 
Werke. 

Unter allen Umständen mufs aber einiges Gewicht darauf ge- 
legt werden, dafs der Autorname der Flores temporum von manchen 
Abschreibern derselben als etwas unbekanntes behandelt wird 2). 
Der urspriingliche Bearbeiter der Chronik begnügte sich offenbar 
damit, das !Martinianische Werk als eine Leistung des Minoritenordens 
in Anspruch zu nehmen und da er ehi'lich genug w^ar neben andern 
seiner Gewährsmänner auch Martin von Troppau in der Vorrede zu 
nennen, so war es natürlich, dafs sich für die in den Minoriten- 
klöstem verbreiteten Martinianischen Chroniken auch alsbald der 
Name eines Mai^tinus Minorita einstellte; diese Zusammenstellung 
der beiden Werke ging ja so weit, dafs man die Flores als die 
kleinere Chronik Martins bezeichnete^). 

Für das Verhältnifs der Flores temporum zu der Chronik Mar- 
tins von Troppau aber ist ein Beispiel bezeichnend : die Behandlung 



Wilhelmiten-Orden Hb. 11, cap. 15 ff. Zahlreich scheinen die Klöster doch 
nur in Italien und Frankreich gewesen zu sein. Ueber die Klöster am 
MitteLrhein, in der Diöcese Strafsburg und Constanz vgl. Falk, Litt. Hand- 
weiser 1876, S. 443 und König, Freiburger Diöces. Arch. XV, 131. 

') Mulier leonem peperit in Wibelingen dum ipse praesens fui dum 
hoc opus compilavi SS. XXIV, 226 : ist eiae Glosse und kann daher nur 
dem Sinne nach in Betracht kommen. Vgl. wegen Schwabens überhaupt 
Stalin, wirt. Gesch. III, 1. 

-) In der Wiener Hs. 8402 wird die Chronik mit folgenden Worten 
eingeführt: Incipiunt flores temporum coUecti per quendam fratrem de oi'- 
dine minorum, während gleich darauf in derselben Handschrift Martins 
Werk ganz ordnungsmäfsig: Incipit cronica fratris Martini ordinis predi- 
catorum bezeichnet wird; ein Beweis, dafs man schon im 15. Jahrhundert 
die von mir vertretene Ansicht hatte. Die letztere fand zwar nicht über- 
all, aber unter anderm in der Revue critique v. 1872, nro. 9. Beifall. 

^) Minor chronica Martini im Cod. Vindob. 4265 vgl. Arch. X, 573, 
N. Archiv V, 137; aber auch Clni. 3070: Martini Minoritae chronica minor 
vgl. Catal. I, 2, 59. 

Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I. 5 



66 § 5. Minoriten. 

der Sage von der Päpstiu Johauua. Diese ist zwar ganz auf Grund- 
lage der späteren Handschriften des Dominikaners mitgetheilt, aber 
sie hat auch schon einen Zusatz nicht unerheblicher Art erfahren, 
der schwerlich dem XIII. Jahrhundert angehören kann, und deshalb 
auf das entschiedenste gegen die Abfassung dieses Theiles der Flores 
vor dem Jahre 1312 spricht i). 

"Was die Geschichte des XIY. Jahrhunderts betrifft, so ist es 
sicher, dafs die erste Abfassung das Jahr 1346 nicht überschritt, 
wie man aus dem Schlüsse des bei Eccard gedruckten Theiles sieht. 
Für die Geschichte Ludwigs des Baiem sind manche nicht unbe- 
deutende Mittheilungen darin enthalten, wie denn die Parteinahme 
für diesen Kaiser gegenüber dem Papste Johann XXII. auch einen 
weiteren Beleg für die minoritische Urheberschaft abgibt. Im ganzen 
wird man die Verbreitung des Werkes weniger den inneren Eigen- 
schaften desselben beiziunessen haben, als vielmehr dem äufserlichen 
Umstände der im XIV. Jahrhunderte immer heftiger hervortretenden 
Eifersucht zwischen Dominikanern und Franziskanern. Deutlich ge- 
nug scheinen die Flores temj)orum die Nebenbestimmuug zu erfüllen, 
bei dem Untemchte der Geschichte nicht völHg vom Dominikaner- 
orden abhängig sich zu erweisen imd dem Zöglinge der Minoriten 
auch in diesem Zweige des Wissens ein aus den franziskanischen 
Klöstern hervorgegangenes Werk darzubieten. War alles Geschichts- 
studium überhaupt mehr auf die Handbücherlitteratur eingeschränkt 
worden, so war es eine Sache der Ordeusreputation den Domini- 
kanern ein selbständig scheinendes minoritisches Schulbuch an die 
Seite zu stellen. Hängt es vielleicht damit zusammen, dafs der 
erste Verfasser ebenfalls Martin und zwar Martinus ord. frati-um 
luinorum heifsen mufste^)? Jedenfalls erwarb sich das Buch ein bis 

^) Vgl. Döllinger, Papstfabeln, S. 12. Das Vcrhältnifs zwischen dem 
Minoriten Martinus und dem Wilholniiten Hermann von Genua scheint in- 
dessen doch dies zu sein, dafs der letztere den Minoriten, ohne ihn zu 
nennen, mit manchen Weglassungen und Zusätzen abgeschrieben hat — 
aber Tolomeo von Lucca, der sein Geschichtswerk 1312 vollendete, kannte 
ja die Flores teinporuin noch nicht, wo bleibt da die erste Vollendung des 
"Buchs vor 1290? IIolder-Egger SS. XXIV. 227 will dies dadurch erklären, 
dass die Flores wol schon 1292 und 1294 vcrfafst worden sind, aber nur 
in Deutschland rasche Verbreitung fanden, weshalb Tolomeo sie nicht be- 
nutzen konnte. 

^) Ein berühmter Ordensbruder Martin Minorita wird um dieselbe Zeit 
erwähnt, aber in Provincia Castellac et conventu Burgcnsi — miraculis 
clarus. Wadding, Annal. Minorum IV b, S. 153. In Wien war im Anfang 
des 14. Jahrh. ein Bruder Martin Lector der Minoriten und schrieb eine 
expositio diuini officii misse, eine Abschrift davon 1.311 aus Salzburg im 
Cod. Vindob. 350, allein der Herausgeber der Maitinianischon Chronik 



Johann Fistenport und Steinhöwel. Q'J 

ins XYI. Jahrhundert hineinragendes Ansehn. Unter den F ort- 
setz imgen sind bis jetzt besonders zwei bekannt geworden. Die 
eine reicht von 1352 — 1421 und eine spätere zweite von 1423 — 1475. 
Die Erstere wird Johann Fistenport zugeschrieben, welcher aus 
Mainz gebürtig, seit 1410 im Heiligen Grab-Ordeu zu Speier lebte, 
wahrscheinlich aber nur Abschreiber einer fremden Arbeit sein dürfte, 
da er sich als 'scriptor huius libri' bezeichnet. Für die Jahre 
1415 — 21 sind seine Nachrichten eigenthümlich. Die zAveite Fort- 
setzung enthält manche brauchbare Mittheilungen für schwäbische 
Geschichte, ist aber sehr km-z. Von anderen Fortsetzungen haben 
wii- um- ganz ungenaue Keuntnifs, so von der eines gewissen Jo- 
hannes Spies und einer in München entstandenen, welche der 
dortige Kaplan Otto Ebner verfafst hat^). Eine auszugsweise 
deutsche Uebersetzung der Flores temporum unternahm im Jahre 
1473 Heinrich Steinhöwel in Ulm, welche der Oppenheimer 
Stadtschreiber Jacob Köbel (f 1533) 8 Jahre später neu heraus- 
gab und mit Zusätzen versah 2). 

Wenn der Minoritenorden durch seine allgemeine Geschichte, 
die er uns in den Flores temporum bietet, gerade auf keinem hohen 
geschichtlichen Standpunkt zu stehen scheint, so hat ein einzelnes 
Mitglied desselben um die Mitte des XIY. Jahrhimderts um so mehr 
durch eine Darstellung der Zeitgeschichte geleistet, welche zu dem 
besten gehört, Avas damals überhaupt iu Geschichte geschrieben 
wurde. 

Der Miuderbruder Johannes von Wiuterthur war etwa 



nennt sich sacrista et edituus, nirgends Lector und seine Arbeit weist 
durchaus nicht nach Oesterreich. Eine ansprechende Yermuthung, der 
Verfasser des ältesten Theils der Flores möchte in Esslingen zu suchen 
sein, spricht Lütolf aus in Forschungen z. d. G. XV, 575. Dafs dieser 
Theil ganz absichtlich bis 1290 reiche, ist ebd. gezeigt. Im übrigen vgl. 
die wichtige Collation Kerns in Zeitschrift für Gesch. Freiburgs I. 186 und 
Chroniken X, 60, 81. Das merkwürdigste aber ist wol, dass Wadding SS. 
ord. minorum einen Geschichtschreiber Namens Martin gar nicht und einen 
angeblichen Hermannus Germanus, der Vita Pontijicum geschrieben habe, 
nur nach Aventins Versicherung anführt. Und so legen wir die Persön- 
lichkeit des Martinas Minorita getrost zu den litterarischen Fabeln. 

1) Vgl. Martin Mayr NA. V, 139. 

^) Joannis Fistenport Mog. Ord. Sep. Dom. continuatio chronice ab Hei'- 
manno Januensi scripti. abgedruckt bei Hahn, Collectio monum I, 397 — 405. 
Excerpte aus Fistenport bei Naucler vermuthet D. König, Forsch. XVIII, 85. 
Ueber die Fortsetzungen vgl. besonders Stalin, wirt. Gesch. III, S. 7 und 
in den Würt. Jahrb. 1852, S. 158 ff., wo auch über Fistenport gehandelt 
und aufserdem die Continuatio Suevica posterior S. 160 — 166 mitgetheilt 
wird. Ueber Steinhöwel vgl. Potthast, s. v. Cronica hie hebt sich an; über 
Köbel vgl. Falk, Corresp. Bl. d. Ges. Ver. 1876 S. 50. 



ß3 § 5. Minoriten. 

lim das Jakr 1300 geboren. Sein Vater war vermutlilich ein Bürger 
von Winterthur, denn im Jahre 1292, so erzählt der Sohn, habe 
derselbe den Krieg gegen Zürich mitgemacht und einen Reisigen 
als Gefangenen heimgebracht. Johann erinnert sich als Knabe den 
Brand des Schlosses Wart, das die östen-eichischen Herzoge in der 
Blutrache um König Albrecht zerstörten, von seiner Heimat aus ge- 
sehen zu haben. und noch mehr dergleichen Thatsachen werden 
von unserem Geschichtschreiber aus der eigenen Eiinnening ange- 
führt, welche zugleich einen Einblick in die Lebensgeschichte des- 
selben gewähren. Im dritten Jahrzehnt des XIV. Jahrhunderts trat 
er in den Orden der Minderbrüder und wanderte viel in Schwaben 
umher. Im Jahre 1328 befand er sich in Basel, bald darauf gieug 
er nach Schaffhausen und um das Jahr 1336 weilte er zu Villingeu 
im badischeu Schwarzwald, wo die Minoriten seit 1265 durch den 
Grafen Heinrich von Fürstenberg eine Ansiedlung erhalten hatten. 
Seit 1343 lebte Johann in Lindau und war in der hervorragenden 
Reichsstadt in die "Wirreu des Kirchenstreits persönlich hereinge- 
zogen worden. Hier hatte er die Folgen der päpstlichen Interdicte 
gleichsam am eigenen Leibe erfahren, da sich der ganze Clerus in 
zwei Lager spaltete. Später und bis an sein Lebensende scheint 
er in Zürich seinen Wohnsitz avifgeschlagen zu haben, woraus sich 
erklärt, dafs die Origiualhandschi-ift seines Werkes hier gefunden 
wui'de ^). 

Auf seinen vielen Wanderungen mag Johann von Winterthur 



') Die ersten, welche auf Johann von Winterthur aufmerksam mach- 
ten, waren im 16. Jahrhundert Bullinger und Stumpf, dann Goldast. Der 
Hauptcodex, welcher für die Originalschrift Johanns gehalten wird, kam 
aus dem Besitze Bullingers in die Stadtbibliothek von Zürich, wo er sich 
noch befindet. Ueber eine andere Handschrift vgl. Vofs, de bist, latinis 
Hb. lll, p. 799. Vgl. aufserdem Potthast, S. 399, wo aber zwei Züricher 
Handschriften, nämlich das Original sec. XIV nicht XV und die Abschrift 
Hottingcrs zu verzeichnen waren. Pertz, Arch. VII, 181 ist darnach 
ebenfalls zu berichtigen. Die erste theilweise Publication in Leibnitz, Ac- 
cessiones bist. I, 1 ff., dann Eccard vollständig, Corp. bist. tom. I, 1793 ff., 
später im Thesaurus hist. Helv. 1 ff. Bruchstücke daraus von Schneller, 
Geschichtsfreund III, 53. Unvergleiciilich ist die Ausgabe von G. v. Wyfs 
im Archiv für Schweiz. Gesch. und Sondera>>druck Zürich 1S5G. In der 
folgenden Besprechung folgen wir fast ausschlicfslich der trefllichen Ein- 
leitung dieser Ausgabe. Üeber das Leben Johanns sind nur von Dr. R. 
Meyer in den Beiträgen zur vaterl. Gesch. in Basel IV. 151 einige Be- 
merkungen. Vgl. auch Kopp, Geschichtsbl. II, 0, 185(i und eine Berichti- 
gung im Anzeiger für Schweizer Gesch. Nr. 3 Sept. 18(50. Eine deutsche 
Uebersetzung lieferte Bernhart Freuler, Winterthur 18GG. Vortreffliche 
Beiträge brachte Meyer v. Knonau, Anz. f. Schw. Geschichte 1872 no. 1 und 
Hist. Zs. 29,241. 



Johann von Winterthui\ ß9 

vieles von den Weltbegebenheiten erfahren, und bei seinem ausge- 
sprochenen historischen Interesse frühzeitig begonnen haben, Auf- 
zeichnungen zu machen. An die eigentliche Ausarbeitung seiner 
Chronik ist er jedoch erst seit den Vierziger Jahren gegangen und 
schrieb die Geschichte von den Zeiten Kaiser Friedrichs II. bis auf 
das Jahr 1339 in einem Zuge fort. Man ist darüber nicht im Zweifel, 
dafs die Handschrift, die Avir besitzen, des Verfassers Autograph ist. 
Im Herbste 1343 holte er dann die Darstellung der Ereignisse seit 
1340 nach und Tom Jahre 1344 bis 1347 machte er sich noch 
weitere gelegentliche Aufzeichnungen, indem er wol auch einmal den 
Gedanken hatte, die Yor die Zeit Kaiser Friedrichs fallende Geschichte 
nachzuholen. Wahrscheinlich wird man drei Bearbeitungen zu unter- 
scheiden haben, von welchen die früheste bis 1339 reichende in der 
ursprünglichen Gestalt nicht mehr Torliegt, die letzte, welche vor 
die Zeit Kaiser Friedrichs II. zurückgriflf, unvollendet blieb. Nach 
dem Jahre 1347 verschwindet jede Spur seiner Thätigkeit, ja auch 
seiner eigenen Existenz und man ist nicht ganz sicher, ob die gleich- 
zeitigen Zusätze bis zur Mitte des Jahres 1348 noch von seiner 
Hand heiTÜhren ^). Ueber das Leben des Geschichtschreibers sind 
Avir überhaupt nur durch sein Buch selbst unterrichtet, durch dessen 
gründliche und scharfsinnige Analyse der letzte treffliche Heraus- 
geber, Georg von Wyfs, die erwähnten Daten festgestellt hat. 
Aeufsere Nachrichten gibt es über Johann von Winterthur nicht, 
wie denn seine Ordensbrüder den Werth des Mannes kaum hin- 
reichend gewürdigt haben, und in späteren Zeiten seiner kaum ge- 
denken. 

Er w^ar ein Erzähler von rührender Treue und Behaglichkeit, 
anspruchslos und ohne jede Leidenschaft. Nur der Orden der Fran- 
ciskaner wird mit Vorliebe behandelt und alles hervorgehoben, was 
zu dessen Ruhme dienen kann. Die Männer, welche sich aus den 
Reihen der Minderbrüder zu höheren Stellen emporgearbeitet haben, 
wde etwa Heinrich Knoderer von Isny, werden mit besonderer Aus- 
zeichnung genannt. Wiewol er seinerseits keinen einzigen Satz aus- 
spricht, der ihn als Anhänger der spiritualistischen Richtung ver- 
dächtigen könnte, so weifs er dennoch nicht Lob genug auf die 
gelehrten und berühmten Männer zu häufen, welche die Ai-muth 
Christi tapfer vertheidigten. Michael von Cesena und Boftagracia 
werden rückhaltlos gefeiert und ihr Ausscheiden aus dem Orden 

1) Vgl. Wyfs, Einl. S. XIV; R. Höniger, d. schwarze Tod in Deutsch- 
land S. 120. 



7Q § 5. Minoriten. 

tief betrauert. Das Zerwürfnifs zwischen dem Kaiser Ludwig und 
dem Papste hat nicht entfernt seinen Beifall, es bekümmert ihn wie 
aller Streit, den er in der Christenheit wahrnimmt. Er verzeichnet 
nicht nur die Versöhnungsversuche, sondern auch die jedesmal auf- 
tretenden Hoifnungen auf endliche Beilegung des Streites. Nichts 
ist bezeichnender für die schwächliche Gesinnung des mit austhei- 
lender Gerechtigkeit überallhin lobenden und tadelnden Minder- 
bruders, als dafs er die geringere Schuld des Kaisers darin erblickt, 
dafs sich dieser ja dem Papste hätte unterwerfen wollen. Dafs 
Johann während des Interdicts in Lindau blieb und zu den Singen- 
den gehörte, scheint sicher zu sein und es ändert daran nichts, 
dafs er sich in seinem Buche sehr vorsichtig und gemäfsigt aus- 
spricht und zu den Schwachmüthigen gehört, denen der ganze Streit 
sehr ärgerlich und beklageuswerth erscheint. Meyer von Knouau 
charakterisirt ihn daher ganz richtig, wenn er aus den Versen auf 
K. Ludwig deducirt, dafs diese "Worte den Hintergedanken verber- 
gen sollen, der Kaiser zeigte sich unterwürfig, wodurch seine Schuld 
geringer, um so gi-öfser aber diejenige des Papstes erscheine. Nur 
darf nicht zu Anel Gewicht darauf gelegt werden, dafs Johann zu 
den Singenden gehörte, denn dies war eine Sache, welche locale Ur- 
sachen hatte und nicht von dem Einzelnen sondern von der politica 
ecclesiastica abhing, wobei Johann dem Befehle eines Oberen zu ge- 
horchen hatte. 

In der ganzen Geistesrichtung Johannes von Winterthur spiegelt 
sich die Bildung des Franciskanennönches. Er läfst sich mit dem Bru- 
der Berthold von Regensburg, den er so sehr schätzt und dessen Wir- 
kung auf die sjjäteren Generationen bekannt ist, am besten vergleichen. 
Der Freimuth gegen Weltgeistliche und gegen den päpstlichen Stuhl 
liegt ebenfalls ganz in der franciskanischen Richtung'). Johann ist 
sehr belesen, nicht blofs in der heiligen Schrift, sondern auch in den 
Büchern der franciskanischen Philosophen; insbesondere hebt er 
Nicolaus de Lira und Wilhelm von Occam rühmend hervor. V^r 
citirt nicht selten die Decretalen der Päpste und führt genau an, 
welche Päpste Bücher derselben erlassen haben. Einzelne Schriften 

') Johann XXII. führt er gleich folgcndermafsen in die Geschichte 
ein: Qui contra prohibitionem sui prcdece.ssoris VII deoretalium publicavit, 
Proptcr c|uod tanta pericula, scandala, dissonsiones, conmocionos in popii- 
lis tot tcrrorcs tot perplexitates saltem in Thoutonia olnilliol)aiit, qii<>tl 
nemo diniuncrarc valcrct. Aber das Verhältnifs der Franciskancr wird 
nur ganz schüchtern angedeutet: Quot et (piantos tunc labores et sumjitus 
apud sedem apostolicain fratres minores habucriut nemo facilc estimabit. 
S. 66 und 67. 



Johann von Winterthur. Yl 

von Aristoteles, die Fabeln Aesops, Horaz und der Liber Etymolo- 
giarum von Isidor bilden neben den Predigten des Bruders Berthold, 
für welche er sehr begeistert zu sein scheint, die Fundamente der 
"wissenschaftlichen Erkenntnifs unseres Minderbiaiders ^). Dabei 
ist er aber voll abgeschmackter Teufels- und Wuudergeschichten und 
erzählt derlei aus der ganzen Welt; selbst "was in dieser Beziehung 
bei den Minderbrüdern in Lübeck sich zugetragen hat, stellt er lang 
und breit dar, und überhaupt ist es merkwürdig, dafs die Ordens- 
brüder hauptsächlich als die Acteurs bei diesen Phantasiestückchen 
fungiren. Es mag dies daher kommen, dafs die Wundergeschichten 
einen Hauptgegenstand der Klosterunterhaltung bildeten, wie denn 
dergleichen bei Johann von Wintherthur mitten in der Erzählung 
der wichtigsten Weltereignisse vorkommt, eben eingetragen, \\ie ge- 
rade reisende Brüder die Stoffe zufällig darboten. 

Auch bei ernsteren Dingen merkt man indessen den Einflufs 
fremder Berichterstatter auf unseren Geschichtschreiber. Seine 
Quellen waren in dieser Beziehung leider nicht immer die lautersten 
und man hat Ursache, wenn nicht gegen Johann, doch gegen seine 
Gewährsmänner zuweilen mifstrauisch zu sein; denn zeigt er sich 
uns schon in der erwähnten Richtung seines Wunderglaubens als ein 
Mann, dem allerlei aufzubinden nicht schwer gewesen sein mag, so 
ist sein kritischer Scharfsinn auch in anderen Dingen nicht Vertrauen 
erweckend. So versichert er noch ausdrücklich von einem Soldaten, 
dafs derselbe ein höchst glaubwürdiger Mensch gewesen sei, obwol 
er ihm erzählte, in dem Kriege zwischen dem Papste Johann einer- 
seits und dem Kaiser und den Longobarden andererseits wäre soviel 
Blut vergossen worden, dafs man den lacus Potamicus, der 2 Meilen 
breit und 6 Meilen lang sei, hätte leicht damit anfüllen können 2). 
Auch die Ordensbrüder selbst scheinen auf die Leichtgläubigkeit 
des Geschichtschreibers hin gesündigt zu haben, wie wenn etwa 
ein Guardian eine höchst sonderbare Verwundungsgeschichte erzählt, 
die ihm selbst passirt sei und die mehr nach einer starken Renom- 
misterei, als nach Wahrheit aussieht^). Seinem Interesse für alles 
"wimderbare verdanken wir übrigens, falls die betreffende Stelle ihm 
noch zugeschrieben werden darf, die Ueberliefenmg der Sage von 
der Wiederkunft des Kaisers Friedrich in einer sehr merk-ftürdigen 
Form. Denn er erzählt uns, wie man um das Jahi- 1348 erwartet 

^) Dass er die Fortsetzimg der Flores temfjorum nicht gekannt hat, 
zeigt Th. von Libenau Anz. f. schw. Gesch. 1876 n. 2. 

2) Ed. Wyfs S. 91. 

3) Ebend. S. 118. 



72 § 5. Minoriten. 

habe, dafs Friedrich mit grofser Heeresmacht kommen und die 
Kirche reformii'en werde. Er deutet auf die Abschaffung des Cöli- 
bats und auf eine Ausgleichung der Vermögensverhältnisse. Dafs 
Johann von Winterthur mit gelehrten theologischen Gründen diese 
Meinung als einen grofsen Irrwahn erklärte, benimmt seiner Ueber- 
liefervmg nichts an ihrem Werth*). 

So möchte man kaum dem Manne, der es so wenig streng mit 
seinen Nachrichten nahm, ein unbedingtes Vertrauen schenken dür- 
fen, wo er in selbständiger Weise Neues, namentlich auf die grofsen 
Fragen Bezügliches mittheilt. Wol aber ist er für die engere Lan- 
desgeschichte besonders lehrreich und niemand hat so treu wie er 
die Kämpfe in dem oberen Schwaben zwischen Adel und Städten, 
zwischen den Gemeinden und den Herrschaften erzählt. Und 
gerade weil er so gerne Yom Hörensagen berichtet, ist sein Buch 
in dem, was es über speciellere Landesgeschichte verschweigt, fast 
noch lehrreicher als in demjenigen, was es mittheilt. So kann man 
auf Johannes von "Winterthur Autorität hin wol mit Bestimmtheit 
behaupten, dafs die Teilsage zu seiner Zeit noch nicht einmal ihre 
Keime trieb ^), während merkwürdiger Weise die Winkelriedsage 
bereits in seinem Buche ihr starkes Vorbild und ihre ersten Ansätze 
findet^). Doch hat unser Geschichtschreiber überhaupt noch keine 
Vorstellung von der Zukunft der Bündnisse, welche zu seiner Zeit 
in seiner Heimath zwischen den Gemeinden geschlossen worden, und 
am wenigsten hat er eine Ahnung, dafs die HeiTschaftsbestrebungen an 
diesen Gemeinden einen dauernden Widerstand finden Avürden. Der 
unglückliche Zug des Herzogs Leopold, der von den Schweizern am 
Morgarten geschlagen worden war, erweckt dem für die Herrschaft 
eher sympathisirenden Geschichtschreiber keine vorahnenden Ge- 

1) S. 250. Vgl. Victor Meyer, Tile Kolup S. 51. G. Voigt hist. Zs. 
26, 152. R. Hocniger a. 0. S. 119. 

'■*) Vgl. Vischer die Sage von der Befreiung der Waldstädte, Leipz. 
1867, S. 20. Die eigcnthümlichen Erklärungsvorsuche, welche von ande- 
ren Seiten für das Schweigen Jolianns gemacht werden, mögen hier über- 
gangen werden, da sie nicht zur Charakteristik dieses Schriftstellers die- 
nen können. 

^) Nam cum utraque pars in campo ante civitatem sito convenissct, 
pars Bcrnensium stetit contra hostcs conglobata in modura corone et com- 
pressa cuspidibus suis prctcnsis. Quam dum de adversa parte nemo ag- 
gredi prcsumerct .... quidam cordatus miles .... in cos cfforatus fuisset 
et in eoruni lanceas rcceptus, in frustra disoorptii.s et concisus lamontabili- 
ter pcriit etc. Das ist also die erste WiiikolriiMi^oscliichte, ebend. S. 27; 
vgl. Meyer v. Knf)nau im Anz. f. scli. G. I. S. 175. Otto Kleissner, Die 
Quellen zur Sonipaclior Snhlaclit und die W'inkchiedsage, Göttingen 1873, 
welcher dieselbe Anekdote in 200 Jahren viermal nachweist. 



Johann von Winterthiir. Y3 

danken, wie sie ia unseren heutigen Geschichtsbüchern an den Sieg 
der Schweizer angeknüpft zu werden pflegen. Er behauptet viel- 
mehr, das Bauernvolk habe die schuldigen Dienste dem Herzog 
Leopold verweigert und dieser sei die Leute zu strafen gekommen. 
Sein eigener Yater war im Heere des Herzogs Leopold und unser 
Autor erinnert sich noch als Schulknabe das rückkehreude Heer und 
den verstört aussehenden Herzog gesehen zu haben. Man merkt 
wol, dafs das Ereignifs gi'ofsen Eindruck machte, aber durchaus 
nicht von seiner politischen, sondern lediglich von der militärischen 
Seite, da man nicht für möglich gehalten, dafs ein so tapferer Kriegs- 
mann, wie Leopold, diese Niederlage erfahren könnte i). • 

lieber die Zukunft und Ent^^ickelung der eidgenössischen Bünde, 
hatte imser Geschichtschreiber auch dreifsig Jahre später noch keine 
höhere Ansicht gewonnen. Trocken schliefst er den Bericht damit, 
dafs die Schweizer beschlossen hätten, den Tag, an welchem ihnen 
Gott den Sieg verliehen, jährlich festlich zu begehen. Dann folgt 
sogleich die für die Habsburger noch unglücklichere Schlacht bei 
Müldorf und die Gefangenschaft Friedrichs von Oesterreich. Im 
Jahre 1347 noch vor der Erzählung von dem Tode Kaiser Ludwigs 
hat der Verfasser sein Buch beenden wollen^), wenigstens findet 
sich da eine bedeutende Lücke in dem sonst fleifsig fortgeschriebe- 
nen Manuscript des Verfassers. Der Tod Kaiser Ludwigs begeisterte 
ihn aber nachher zu einigen schlechtgelungenen Versen, und es 
folgen noch eine Anzahl Notizen über das Jahr 1348, wo das Buch 
charakteristisch genug mit einem der schlimmsten Märchen endet, 
welches ihm mederum von seinen eigenen Ordensbrüdern und dies- 
mal wol mit der unzweifelhaften Absicht ihn zu mystificiren, war 
beigebracht worden. Der Mann hätte etwas mehr Rücksicht ver- 
dient, da sein Erzählertalent in der That kein geringes war, und 
da er seine fleifsig gesammelten ErfahiTiugen in einer populären, 
ansprechenden Weise voi-trug, die durch Sorge um den Stoff und 
durch Zweifel um Wahrheit oder Unwahrheit freilich nicht beein- 
trächtigt worden ist. 

Sehr verbreitet mag das Buch nicht gewesen sein; ältere Ab- 
schriften fehlen fast gänzlich. Erst im 16. und 17. Jahrhundert hat 
die sorgfältige schweizerische Geschichtsforschung den wahren Werth 
des Verfassers richtig zu beurtheilen ge^Naifst, obwol man nicht ganz 

') Vgl. auch Kopp, eidgen. Bünde IV, 2 S. 114, wo die Erzählung Jo- 
hanns genau verglichen ist. 

2) Ueber das Aeufsere des Werkes macht v. W}'fs alle wünschens- 
werthen Angaben S. XXII und 252. 



74 § 6- Anfänge schweizerischer Geschichtschreibung. 

zutreffend in ihm den ersten Geschichtschreiber der Schweiz seilen 
wollte. In den Ueberlieferungen des Minoritenordens hat sich eben- 
falls aufser dem Namen keinerlei Kunde von Johann von Winter- 
thur erhalten^). 

§ 6. Anfänge schweizerischer Geschichtschreibung. 

In Constanz war während der Stauferzeit die alte rüstige 
Thätigkeit in der Geschichtschreibung einigermafsen abhanden ge- 
kommen. Im Jahre 1293 wurde aber ein Mann von ausgezeichneter 
Gelehrsamkeit, nach dem Tode des Bischofs Rudolf von Habsburg- 
Laufenburg auf den bischöflichen Stuhl erhoben. Das war Hein- 
rich von Klingenberg, der sich unter König Rudolf besonders 
in dessen letzten Jahren eines grofsen politischen Einflusses erfreute. 
Nachdem er unter König Adolf von dem königlichen Hofe und aus 
der königlichen Kanzlei durch die Gegenpartei verdrängt worden 
war, gelang es ihm doch zum Bischof von Constanz erwählt zu 
werden, in welcher Stellung er mehr Mufse besafs, um sich littera- 
rischer Beschäftigung hinzugeben ; doch ist leider von seinen histori- 
schen Büchern nichts wieder aufgefunden worden, und nur ungewissen 
Spuren gehen wir in dieser Beziehung nach. Die Bedeutung des 
Mannes als langjähriger Rathgeber und Protonotar König Rudolfs, 
seine sonst gerühmte umfassende Gelehrsamkeit und sein bewegtes 
Leben lassen die Annahme berechtigt erscheinen, dafs wenn es ge- 
lingen würde die Schriften Heinrichs von Klingenberg zu entdecken, 
unsere Kenntnifs jener Zeit nicht unerhebliche Bereicherungen erfahren 
würde. Zugleich ist uns Heinrich von Klingenberg dadurch von 
Interesse, dafs er fast der einzige in jener Zeit war, der in hervor- 
ragender Lebensstellung mit Abfassung der Zeitgeschichten sich be- 
schäftigte. 

Das Schlofs Klingenberg, von welchem Heinrich seinen Namen 
trägt, befindet sich im Thurgau. Sein Geschlecht ist ein ritter- 
liches, seine Mutter war wahi-scheinlich eine Constanzer Patricierin ; 
Heinrich studirte in Italien und wurde Magister des römischen und 
Kirchenrechts. Man bewunderte ihn aufserdem wegen seiner nigro- 
mantischen Künste^). Hadloiib rülimt ihn, weil er Wort und Weise 

') Wadding, SS. S. 228. 

'■') Episcopatus Constantiensis a. P. TnidptM-to NiMigart, tnin. 11, p. 178 ff", 
liaiulclt aiisfüiirlich über Heinrich von Klingonlierg. Die Zeugen für das 
vcrlorcino Buch da principilnis Ila/is/mr;/. oder Ini^toria IJn/isfiiinf. ((imiliiin 
eind in erster Linie Jacob Manlius im C/i/uii. C<>>ixtaii(ifiisi\ Pistorius, SS. 



Zürcher Chroniken: Eberhart Müllner. 75 

kenne 1). Für uns hat die übereinstimmende Meldung das gröfste 
Interesse, dafs er ein Buch de principibus Habsburgensibus oder "wie 
andere es nennen: historiam Habsburgensmm comitum verfafst habe. 
Sehr verbreitet war es indessen wol nicht, da Constanzer Chro- 
niken des XV. Jahrhunderts davon keine Nachricht geben 2). Erst 
die Forscher der spätem Jahrhunderte, hauptsächlich Manlius in 
Constanz, versichern das Buch gekannt und gelesen zu haben 3). 
Bei so bestimmter Angabe des Titels läfst sich nicht zweifeln, dafs 
der Inhalt demselben durchaus entsprochen haben mufs und es wird 
daher nicht gestattet sein, diese Schrift des Bischofs Heinrich von 
Constanz mit jenen Aufzeichnungen zusammenzustellen, welche an- 
dere Forscher der neuern Zeit als die Klingenberger Chronik be- 
zeichneten*), und welche nach der Meinung des neuesten Heraus- 
gebers neben den Aufzeichnungen späterer Klingenberge theilweise 



ni, 751 : cuius chronicam de principibus Habsburgensibus apud me habeo 
in pretio. Vofs, de bist. lat. U, 499 schöpft seine Kenntnifs aus Eisen- 
grinius, Catal. test. veritatis, auch angeführt bei Neugart. Vgl. Schweizer 
Museum 1790, p. 804, wo Schintz über die Poemata Heinrichs handelt. 
Karl Rieger, Heinrich von Klingenberg und die Gesch. des Hauses Habs- 
burg, Arch. f. oester. Gesch. 48. 303. D. König, Forsch. XVIII, 67 ff. fin- 
det Spuren der Benutzung der bist, comitum auch bei Naucler. Zu den 
in die verwandte Gruppe gehörenden Chroniken zählt aufser der Sprenger- 
schen Chronik von Zürich auch die Constanzer von Kern edirte. 

^) Heinrich von Klingenberg wurde von Adelung, Lafsberg u. a. für 
den Dichter gehalten, welcher mit dem Namen der Kanzler bezeichnet 
wurde, wogegen v. d. Hagen II, 280, vgl. IV, 625. Rieger scheint geneigt 
zu sein, Hadloub's Lob auf die lateinischen Gedichte Klingenbergs zu 
beziehen, von welchen er Fragmente in den Züricher (Klingenberger) 
Chroniken findet. Das Lob Iladloubs auf Heinrich v. Klingenberg v. d. 
Hagen IV, 701. 

2) In der Constanzer Chronik, Mone, Quellensammlung I, 312, wird 
Heinrichs von Klingenberg mit Rücksicht auf seine Bauten gedacht, aber 
von seinem Geschichtsbuch ist keine Erwähnung gemacht, ebensowenig 
in der älteren in Wien handschriftlich liegenden Constanzer Chronik. 

^) Böhmer, Regesten K. Rudolfs S. 56, hat die Vermuthung ausge- 
sprochen, Manlius möchte eine Verwechselung mit dem Buche des Hein- 
rich von Gundelfingen, ebenfalls eines Constanzers begangen haben, allein 
das ist doch schwer glaublich, da sich gleich die ersten Worte dieser in 
Wien handschriftlich liegenden Chronik an den Erzherzog Sigisnumd von 
Oesterreich und Tirol etc. richten, also ein so ungeheuerer IiTthum, da 
wo Manlius von der Geschichte des XHI. Jahrhunderts redet, undenkbar 
ist: über Heinrich von Gundelfingen, jetzt Cod. Vindob. 516, vgl. 
Chmel, Handschriften I, 565. 566, wo auch die nöthigen Verweisungen auf 
Kollar und Lambeck sind. 

•») Ganz richtig ist, dafs Tschudi, Stumpf und Guilliman den betref- 
fenden Sammelcodex als eine Ai-beit der Klingenberger zu bezeichnen 
pflegten, ohne dafs der Grund hievon eigentlich einzusehen ist. Jetzt ist 
die Klingenberger Chronik herausgegeben von Dr. Anton Henne von Sar- 
) gans, Gotha 1861. 



'2Q § 6. Anfänge schweizerischer Geschichtschreibung. 

auch dem Protonotar und Bischof Heimich zuzuschreiben -wäre*). 
Es ist vielmehr sicher, dafs das Zeitbuch, welches von einigen als 
Klingenberger Chronik bezeichnet worden ist, in seinem ältesten 
Theile wesentlich Zürcherschen Ursprungs und ein Produkt Zürcher- 
scher Bürgergelehrsamkeit ist; es steht jedenfalls den Forschungen 
und Arbeiten des Zürcher Rathsherrn Eberhart Müllner näher, 
welcher in der Mitte des XIV. Jahrhunderts eine so bedeutende 
Rolle spielte, als dem thurgauischen Rittergeschlecht, dessen Namen 
jetzt damit in Verbindung gebracht worden ist 2). 

Dagegen läfst sich erweisen, dafs die Zürcher Jahrbücher auf 
eine Quelle zurückführen, welche gewisse üeberlieferungen des Hau- 
ses Habsburg in derselben Weise darstellten, wie Matthias von Neu- 
burg, und die Constanzer Weltchronik Heinrichs von Gundelfingen, 
und dafs in diesen übereinstimmenden Berichten von verschiedenen 
unabhängigen Gewährsmännern die gesuchten Fragmente der historia 
comitum Habsburgensium vorliegen. Auch die sonstigen Constanzer 
Nachrichten der Zürcherschen Chroniken dürften wol auf dieselbe 
Quelle zurückzuführen sein; so wird in der letztern die Zeit an- 
gegeben, wo Bruder Berthold in Constanz zum erstenmale predigte. 
Eine bestimmtere Hinweisung auf die habsburgische Hausgeschichte 
darf man nun auch in den Worten der sogenannten Klingenberger 
Chronik erblicken, wo es von dem König Rudolf ausdrücklich heifst, 
seine Thaten wären so zahlreich, dafs man ein eignes Buch davon 
gemacht hätte ^). 

') So mufs man wenigstens glauben, dafs die Ansicht Henne's wäre, 
nach dem, was S. TV der Vorrede gesagt ist, obwol der Herausgeber ziem- 
lich unbestimmt die Chronik fünf oder sechs Klingenbergorn zuschreibt. 

2) Vgl. die Analyse des Werkes von G. Waitz, Götting. gel. Nach- 
richten 1862, Nr. 5. Febr. 15) und die handschriftlichen Forschungen von 
G. V. Wyfs, Ueber eine Züricher Chronik aus dem 15. Jahrlumdert, Vor- 
trag in der antiquarischen Gesellschaft in Zürich 18G2. Einen Theil der 
Züricher Chroniken hat EttmüUer, Mittheil, der antiq. Gesellschaft IV, (1844) 
41 ff. herausgegeben. Aber schon 1861 hat Prot". Scherer^ in einer vor- 
trefflichen Abhandlung die Klingenberger Frage erledigt: Ueber das Zeit- 
buch der Klingenberge, Mittheilungen zur vaterl. Geschichte vom histor. 
Vorein zu St. Gallen I, 65 ff. So sicher nun die Züricher Chroniken aus 
l)l()fser Laune zu dem Namen der Klingenberger gekonuncn sind, sowenig 
treffend ist jedoch, was gegen die Existenz eines Buches des Bischofs 
Heinrich S. 75 gesagt ist. Ueber eine ältere (?) Recension vgl. Zs. f. Gesch. 
d. Obcrrii. XXIV, 366. 

■•») Vgl. in Henne's Ausgabe S. 10 Nr. 13, S. 18 Nr. 16, S. 22 Nr. 18 ff. 
und vor allem S. 30 die gewifs aus Constanz stammenden Verse. Ferner 
heifst es S. 31: Er tat soviel stryt und redlicher taten, dafs man ain aigen 
buocii darvon gemacht hat. Dieselbe Stelle kommt denn auch im Konigs- 
hofen vor, wozu eine Note der Schilterschen Ausgabe S. U!» auf des Bi- 
schofs Heinrich von Klingenberg liintorin vomitum Unl»tlnir<]cnxiiiin vorweist. 



Konrad von Mure. "JY 

Eines stellt sich demnach als gewifs heraus, dafs es ein Ge- 
schichtswerk des Bischofs Heinrich von Klingenberg gegeben habe, 
"welches eine Geschichte der Grafen von Habsburg bis auf die Zeiten 
König Rudolfs und die Erzählung von dessen Thaten enthielt. Es 
ist bereits um die Zeit der Schlacht bei Dürnkrut begonnen worden, 
und mag die Vorgeschichte und den ersten Theil der Regierung 
Rudolfs von Habsburg zum Theil in Versen geschildert haben. Dafs 
es dann bis zum Ende des dem Verfasser nahe stehenden Königs 
fortgesetzt wurde, läfst sich zwar nicht so bestimmt, aber doch mit 
vieler Wahrscheinlichkeit behaupten. Dafs Heinrich von EHingen- 
berg ganz der geeignete Mann w^ar, um ein werthvolles Geschichts- 
buch dieser Art zu hinterlassen, unterliegt keinem Zweifel. Viel- 
leicht dankt man ihm auch die Ueb erlief er ung jener gTofsen Anzahl 
von Anekdoten, die die Regienmg seines königlichen Herrn in den 
späteren Büchern als eine so ungemein populäre erscheinen lassen 
und die seit dem XIV. Jahrhunderte so üppig ^^'ucherud überall er- 
zählt WTirden. 

In Zürich herrschten damals jedenfalls noch keine Antipathien 
gegen die Habsburger, wie in späterer Zeit. Am deutlichsten sieht 
man dies aus Konrad von Mure's historischen Poesien, welche 
uns freilich auch dem gröfsten Theile nach verloren sind. Schon 
etwa 1210, wie mau glaubt, geboren, war er Cantor der Propstei 
Zürich, und Decretorum Doctor. Sein wichtigstes Geschichtswerk 
bestand aus 1800 Versen de Victoria Rudolfi contra Odoacrum regem 
JBohemorum, doch ist ein anderes allgemeiner gehaltenes Lobgedicht 
auf König Rudolf wirklich erhalten, welches wenigstens in seinen 
letzteren Theilen von den allgemein rednerischen Phrasen zu einigen 
thatsächlichen, wenn auch allgemein bekannten Ereignissen der Ge- 
schichte König Rudolfs übergeht. Die Commendatitia, wie dies Ge- 
dicht genannt ^^airde, bestehen aus sechs Abschnitten, von denen 
die meisten akrostichisch behandelt sind. Im dritten Abschnitt wird 
die Wahl und Krönung Rudolfs beschrieben, das Ganze ist eine Gra- 
tulationschrift eben aus Anlafs dieser Ereignisse, und ist zwischen 
1273 und 1276 (vor dem Tode Gregors X.) gedichtet'). 

Bald darauf folgte das umfassendere Reimwerk Konrads über 
die Schlacht von Dürnkrut, welches unmittelbar nach dem Ereiguifs 
niedergeschrieben sein mufs, da Konrad schon im Jahre 1281 am 

Ueber die von Hegel Städtechr. Bd. 8, S. 451, n. 1 gegen Schilter erho- 
benen Einwendungen vgl. Rieger a. a. 0. 341. 

1) Abgedruckt in Kopp, Acta Murensia p. 309. Vgl. D. König, Forsch, 
XVni, 87 Nachweis der Benutzung diu'ch Faber. 



73 § 6- Anfänge schweizerischer Geschichtschreibung. 

29. März starb. Er hat auch eine vita Caroli Magni verfafst^), aber 
seine eigentliche litterarische Bedeutung liegt in seinen philologi- 
schen und encyklopädischen Werken, welche für Schule und Unter- 
richt nicht zu unterschätzen waren und neuerlich sehr eingehend 
gemirdigt worden sind 2). 

Ob in Zürich schon vor der Mitte des XIY. Jahrhunderts eigent- 
liche annalistische und chronikalische Thätigkeit heiTschte, darüber 
lassen uns die handschriftlichen Ueberlieferungen der zahlreichen 
späteren Chroniken im Ungewissen 3). Um so mehr bietet uns da- 
gegen Ein siede In dar, wo die älteren Klosterannaleu bis zum 
Jahre 1298 fortgehen*). 

In diesem Jahre wurde Johannes von Schwanden Abt von 



') Büdinger hat in sorgfältigster Weise die Quellen dieser Vita fest- 
gestellt in seiner Rectorsrede: Von den Anfängen des Schulzwangs, Zürich 
1865, S. 29 ff., Note 22. 

^) Vgl. P. Gall Morel, Conrad von Mure, Cantor der Propstei Zürich 
und dessen Schi'iften, Neues Schweiz. Museum, Zeitschrift für die huma- 
nistischen Studien und das Gymnasialwesen, herausgegeben von Vischer, 
Schweitzer-Sidler und Kiefsling (nicht zu verwechseln mit dem N. Schweiz. 
Mus. von 1790 — 94 und mit dem von Hottinger und Wackernagel 1837 
bis 39) V, 1865, S. 29—62. Aber auch Gerbert war neben dem älteren 
Hottinger, Schola Tmünginorum Carolina 1664, auf Conrad von Mure auf- 
merksam, wie man aus Episcopatus Constantiensis II, S. 490 ff. sehen kann. 
Unter den sonstigen Werken Konrads ist der Clipearius Teutonicorum be- 
achtenswerth, von Hemmerlin in seine Schrift de nohilitate et rusticitate 
aufgenommen, zum Theil herausg. von Th. v. Liebenau, Auz. f. schw. Gesch. 
XI, (1880) S. 229—243 und Vierteljahrschrift f. Heraldik u. Geneal. 1880 
S. 20 — 34; über die Schrift de sacramentis vgl. Fiala, Anz. f. schw. Gesch. 
X, (1879) n. 5. Konrads Summa de arte prosandi hat Roekinger theilweise 
Ijublicirt, Quellen und Erörterungen z. bavr. u. deutsch. Gesch. IX, 417 
bis 482. 

^) In dem ältesten Theile der von Ettmüller herausgegebenen Jahr- 
bücher findet sich zwar eine Notiz, welche auf einen Autor des letzten 
Viertels des XIII. und der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts hinweist, 
dieselbe ist jedoch sehr unklar, wenn es a. a. 0. heifst: Do ih dis materi 
von Zürich an Kaiser Julien coronica las daz was von Gottes geburt 1286 
Jar aber do ich dis coronica abschreib zu Rom das war 1339 Dar. Aller- 
dings ein bedenklich langer Zwischenraum! Ueber eine bisher unbekannte 
Zürcherclironik, Anz. f. schw. G. 1881 n. 3. 

••) Annah's Einsid/enses majores 814 — 1298, herausgegeben von P. Gall 
Morel im Geschichtsfreund I, 391, 1843, aus einer Handsollirift von Tschudi's 
Hand. Der Codex enthält Nokrologien und Dotationes Einsidlenses und 
anderes und fülirt den Titel Lihcr lleremi. Andere Einsidlcnsia findet man 
auch in Documenta Arcliivii Einsidleiisifi abgedruckt (1670). Benutzt und 
theilweise wieder abgeschrieben wurden die alten Annaion von Hartmann, 
Annalos Einsidlenses. Die sogenannten Annalcs minores sind als Annales 
Einsidlenses a. 746—1569 in Mon. SS. HI, 145—149. In Lnzorn hatte man 
das sehr merkwürdige alte Stadtbucii zu beachten, über welches mehrfach 
Mittheilung gemacht ist. Am besten in Kopp, Geschichtsbl., I. Bd., 
5. Holt. 



Einsiedeln, St. Gallen. 79 

Einsiedeln, dessen bewegte Regierung bis zum Jahre 1326 auch zu 
einem epischen versereichen Ergufs Einsiedlischer Geschichtschrei- 
bung Anlafs gegeben hat. Seit langer Zeit stand Schwiz mit dem 
Benedictiuer-Kloster zu Einsiedeln im Streit um die Gemeinmarken 
imd die Entscheidungen des Reichs vermochten selbst in den Zeiten 
kaiserlicher Vollgewalt denselben nicht dauernd zu beheben i). So 
standen die Schwizer als sie anfingen ihre ewigen Bünde zu schliefsen 
noch immer in lebhafter Opposition gegen Einsiedeln, dessen Abt 
Johannes nicht der Mann war durch Nachgiebigkeit dieselben zu 
beschwichtigen. Da trat am 1. März 1314 das entscheidende Er- 
eignifs ein. Das Gotteshaus \\Tjrde in der Nacht geAvaltsam über- 
fallen, und mehrere Conveutbrüder und der Scholasticus Rvidolf 
von Radegg gefangen und nach Schwiz geführt. Der gelehrte Ge- 
fangene, dem es schlimm genug ergangen sein mag, und der wol 
nicht ganz unparteiisch in der Sache war, verewigte nachher die 
seinem Kloster angethane Schmach durch ein umfangreiches Gedicht, 
welches er unter dem Titel capella heremitarum zu Ehren seines 
Klosters und des Abtes Johannes von Schwanden abfafste. Es ist 
durchaus panegyrisch und mit vielen scholastischen Phrasen ange- 
füllt; historischen Werth hat der zweite und vierte Theil des Ge- 
dichts, wo die Regierung des Abtes Johann erzählt und der erwähnte 
Ueberfall der Schwizer weitläufig geschildert wird. Der Dichter 
Magister Rudolf von Radegg stammte aus einer alten edlen 
Familie, deren Mitglieder zugleich Bürger von Schaff hausen waren. 
Rudolf A^Tirde hier wahrscheinlich geboren, kam frühzeitig nach 
Rheinau, wo er erzogen wiu'de. Wann er in den Convent von Ein- 
siedeln eintrat ist ungewifs, aber schon vor 1314 war er der ange- 
sehene Rector der Schule daselbst 2). 

Eine der bedeutendsten historischen Erscheinungen der ersten 
Hälfte des XIV. Jahrhimderts für Deutschland überhaupt trifft man 
in St. Gallen, wo die uralte geschichtliche Tradition fortlebte und 
immer zu neuen historischen Versuchen einlud. Bekanntlich haben 
die Casus monasterii St. Galli vom IX. bis zum XIII. Jahrhundert 
hervorragende Darsteller in Ratpert, Ekkehard IV., Burchard und 
Conradus de Fabaria gefunden^). Diesen schliefst sich im XIV. Jahr- 



1) Vgl. Kopp, eidgen. Bünde II, 311—322. Regesten der Benedictiner- 
Abtei Einsideln von Gall Morel bei Molir, Schweiz. Reg. I, 15 ff. 

2) Die einzige Handschrift ist vom Jahre 1414, herausgegeben und 
mit allen wünschenswerthen Nachrichten versehen von P. Gall Morel im 
Geschicbtsfreund X, 170 ff. 

3) AV. G. I, 305, II, N. 



gQ § 6. Anfänge schweizerischer Geschichtschreibung. 

hundert Christian Kuchimeister würdig und doch eigenthüm- 
lich au'). 

Bezeichnend ist vor allem, dafs sich ein Werk in deutscher 
Sprache unmittelbar an die alten durch Jahrhunderte fortgeführten, 
lateinischen Aufzeichnungen der Aebte you St. Gallen anschliefst, 
und mit ausdrücklichem Hinweis auf die Vorgänger als Fortsetzung 
derselben ankündigt. Und nicht nur im Idiom, sondern auch in der 
Darstellungsweise tritt die auch anderwärts beobachtete Populari- 
sirung der GeschicMserzählung hervor. Denn keineswegs deshalb, 
weü Kuchimeister ein Laie war, hat er sich der deutschen Sprache 
bedienen müssen; vielmehr scheint es keinem Zweifel zu unterliegen, 
dafs er des Lateinischen mächtig war, da er das Archiv des Klosters- 
benutzte und von mancherlei Urkunden Kenntnifs hatte, die ihm 
schwerlich in Uebersetzung vorlagen. Es ist auf diese Weise doch 
kein Grund vorhanden, die Meinung abzuweisen, dafs er mit voUei* 
Absicht von dem Gebrauch der lateinischen Sprache für die Geschicht- 
schreibung abgegangen ist, und so auch in einer Klostergeschichte 
ein frühzeitiges Beispiel für die erweiterten Bedürfnisse eines Leser- 
kreises, der auch die Laien umfafste, aufstellen wollte. Aehnliche 
Tendenzen lassen sich ja um diese Zeit auch anderwärts nachweisen, 
und gerade eine Uebersetzung der Biographie Bischofs Salomo IIL 
von Constanz aus den alten Casus S. Galli, welche in der zweiten 
Hälfte des XV. Jahrhunderts in Schwaben entstanden zu sein scheint, 
läfst sich mit Kuchimeister in dieser Beziehung recht gut vergleichen 2). 
Er hat sein Buch im Jahre 1335 zu schreiben begonnen, da er fand, 
dafs die alten Aufzeichnungen des Klosters schon mehr als hundert 
Jahre früher abbrachen. Er begann mit dem Abte Konrad von 
Bufsnang, der vom Jahre 1226 — 1239 regierte, und dessen Ge- 
schichte mit voller Kenntnifs des Vorgängers in der St. Gallischen 
Quellenlitteratur, des Konradus de Fabaria zunächst in mehr anek- 



^) Neue Casus monasterii Sancti Galli, jetzt herausgegeben durch G. 
Mever von Knonau, Mitth. z. vatcrl. Gesch. vom hist. Vorein in St. Gallen 
N. F. 8 (XVlll) St. Gallen 188L In dieser Arbeit von staunonsworther 
Gelehrsamkeit wird die Geschichte König Rudolfs mit Beziehung auf die 
Schweizer Vcrliältnisse fast auf eine ganz neue von Kopp sehr Avesentlich 
unterscliiedenc Grundlage gestellt vgl. des Heransg. Die Beziehungen des 
Gotteshauses St. Gallen zu den Königen Rudolf und Albert, Jain-b. f. 
schw. Gesch. 1882, 1 — 37. Auch einiges ergänzende im Anz. f. schw. G. 
1883 no. 2. — Die älteren Ausgaben der Nüwe "Casus: zuerst von J. Brei- 
tingcr in der Helvetischen Bibliothek, Stück V und neuerdings mit Ver- 
gleichung aller bekannten Ilandscliriftcn von Prof. J. llardoggcr in den 
Mittheilungon zur vatcrl. Gesch. vom hist. Vorein in St. Gallen I, 1 flf., 18(J2. 

*) Herausg. von Jos. Bader, Freiburgor Diuccs. Aroh. X, (1876) 4'.) — 70_ 



Christian Kuchimeister. gl 

dotischer Weise erzählt wird. Er schlofs das Buch mit dem Tode 
des Abts Hyppolt von Wersteyn 1319 — 1328, worauf er nur kurz der 
Gegensätze gedenkt, die bei der nächsten Abtswahl folgten, so dafs 
also seine Geschichte so ziemlich genau den Zeitraum eines Jahr- 
hunderts umfafste, in welcher Zeit neun Aebte regierten. 

Im Mittelpunkte der Darstellung für die ältere Zeit steht Abt 
Berthold von Falkenstein und für die spätere Epoche Abt Wil- 
helm, dessen mannigfache Lebensschicksale mit ge"\vinnendster An- 
schaulichkeit geschildert werden. Keineswegs aber beschränkte 
Christian Kuchimeister seine Darstellung auf die Ereignisse im 
Kloster oder in dessen nächster Umgebung. Er nimmt von den 
eingreifenden Beziehungen St. Gallens zu dem Reiche und den Kai- 
sern lind Königen überall Gelegenheit, sehr schätzbare Nachrichten 
von den letzteren zu geben. Er war überhaupt ein erfahrener imd 
gewandter Mann, der über die Dinge der Welt sich keine mönchi- 
schen Illusionen machte; in die sehr weltKche Richtung der Aebte 
von St. Gallen in diesem Jahrhundert hat er einen deutlichen Ein- 
blick und strebt nicht das Mindeste daran zu bemänteln. So er- 
zählt er mit gi'öfster Unbefangenheit von dem Aufwand, welchen 
Abt Berchtold von Falkenstein zu machen liebte, und er ist nicht 
in Unkenntnifs über die hohen Fordeinangen, welche Wilhelm von 
Montfort für seine Dienste dem Könige Adolf gestellt hatte '). Bei- 
spiele dieser Art beweisen aber zugleich, dafs Kuchimeister die 
Quellen des Klosters so vollkommen benutzen durfte, wde man dies 
nur von einem MitgUede oder von einem Beamten desselben vor- 
aussetzen kann. Aus der genauen Kenntnifs, welche der Verfasser 
von den Lehnsverhältnissen St. Gallens und von der Verw^altung des 
Stiftes zeigt, hat man Avirklich auch geschlossen, dafs er ein Be- 
amter des Klosters war. Keineswegs aber bekleidete er ein Amt, 
welches sein Name zu bezeichnen schien. A^ielmehr ist sicher ge- 
sellt, dafs die Kuchimeister eine St. Gallische Bürgerfamilie waren, 
und dafs der Verfasser der Neuen Casus derselben angehörte 2). 
Darüber hinaus läfst sich aus dem Buche nichts Bestimmteres über 
das -Leben und die Schicksale seines Verfassers angeben. Auch 
sonstige Nachrichten über ihn mangeln uns. Nach Meyer von Kjio- 

•) Ebend. S. 16. Also lebt unser Abt allweg mit grofser kost* Vgl. 
über Wilhelm von Montfort, dessen Geschichte überhaupt der wichtigste 
und reichste Theil des Kuchimeisterschen Werkes ist, die treffliche Ana- 
lyse Meyers von Knonau: Einleitung und die Anm. su Cap. 61— 64. 

2) Darüber ist schon Hardegger in der Einleitung seiner Ausgabe er- 
schöpfend, S. V ff. 

Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I. 6 



g2 § 6. Anfänge schweizerischer Geschichtschreibung. 

naus unauzutasteuder Meinung wäre anzunehmen, dafs er 1314 schon 
in einem ganz reifen Alter stand. Es scheint, nach der ungleich- 
mäfsigen Beiu'theilung der beiden Aebte Wilhelm und Heinrich zu 
schliefsen, dafs er diesen zweiten mehr als seinen Zeitgenossen 
kannte. Also mag wohl Kucliimeisters eigene Beobachtung gerade 
mit dem Wechsel des Jahi-hunderts mit Abt Heinrichs Zeit anheben i). 
Indessen bleibt auch dann noch unerklärt, wanim das Werk so fiüli 
abbricht, denn wäre Kuchimeister tun die Wende des Jahrhiinderts 
zu seinen eigenen Erinnerungen gelangt, so hätte er kaum als fünf- 
zigjähriger seinen Griffel schon bei Seite gelegt. Dagegen findet 
sich in Handschriften des XV. Jahrhunderts eine Reihe von Auf- 
zeichnungen, welche sich gewissermafsen als Fortsetzungen Kuchi- 
meisters bezeichnen lassen. Aber der Name der Casus monasterii 
wau'de vergessen, und die chronikalischen Bemerkungen der spätem 
Zeit reichen nicht entfernt an die Bedeutung Kuchimeisters heran. 
Eine solche Aufzeichnung findet sich für die Zeit von Bischof Ru- 
dolf von Constanz, Administrator zu St. Gallen, bis auf Abt Georg 
von Wildenstein 1329 — 1360, hierauf eine ziemlich oberflächliche 
Ueb ersieht der Stiftsgeschichte bis 1463 aus Anlafs des Klosterbaues 
zu Rorschach unter Abt Ulrich YHI. und endlich die Sammlung 
von Notizen, Verträgen und Liedern, welche ein Conveutuale des 
ausgehenden XV. \delleicht des XVI. Jahrhunderts bis 1490 zu- 
sammentrugt). 

Aus der Zeit Kucliimeisters aber gibt es noch eine andere 
in deutscher Sprache geschriebene Chronik, welche im oberu 
Schwaben abgefafst Mairde, von deren Verfasser wir aber noch we- 
niger wissen als von Kuchimeister. Sie ist unter dem Namen einer 
oberrheinischen Chronik herausgegeben 3) und gleichfalls wie 
Kuchimeisters Werk im Jahre 1335 abgefafst. Dann aber hat sie 
noch Zusätze bis zum Jahre 1349 erhalten. Es ist eine Weltchro- 



') Die von mir früher hervorgehobene Stelle: Die sayten die yn be- 
kannten, daz er elter war denn 90 yar, Meyer von Knonau S. 330 n. 625, 
versteht der Herausgeber so: „die ihn von jüngcrn Jahren her kannten, 
und also sein sehr hohes Alter schätzen konnten." Merkwürdig ist, dafs 
sich Kuchimeister auf derselben Seite darüber wundert, dafs die im Jahre 
1314 erbauten Mauern, die noch 1755 schwer abzubrechen waren „noch 
heutigen Tages stehn." 

'■') Verschiedenen Handschriften entnommen, stehen alle diese Aufzeich- 
nungen des XV. Jahrhunderts in den Mittheilungen des hist. Vereins St. 
Gallen II, 1—143 hrsg. von J. Hardcggcr. 

2) ObeiTheinischo Chronik, älteste bis jetzt bekannte, in deutscher 
Prosa aus einer gleichzeitigen Handschrift herausgegeben von Franz Karl 
Grieshaber, Rastatt 1850. 



Oberrheinische Chronik. gß 

nik, die auf bisher noch nicht festgestellten Quellen beniht'). Unser 
Yerfasser hatte eine Papstreihe vor sich, in Avelcher die interpolirte 
Stelle Ton der Päpstin Johanna noch nicht enthalten war. Im 
Uebrigen beschränkt sich die weltgeschichtliche Üebersicht, welche 
das Buch gibt, auf die allerdürftigsten Auszüge aus dem bekannten 
Compendium und niu- die Reihe der Kaiser ist mit einigen Nach- 
richten ausgestattet, welche auf die Verbreitung gewisser Sagen aus 
dem Karolinger Kreise schliefsen, und Benutzung der Legencla aurea 
erkennen lassen. Eine darstellende Form erhält die Chronik erst 
mit König Rudolf von Habsburg, dessen Geschichte sowie die seiner 
Nachfolger auch mit Hinzuziehung der entfernteren Ereignisse am 
Niederrhein und in Oesterreich erzählt wird. Um eigentlich bedeu- 
tenderes, selbständiges zu bringen, dazu ist die Aufzeichnung schon 
äufserlich vermöge ihrer Kürze nicht angethan, doch sind die Nach- 
richten über Ludwig von Baiern, Friedrich von Oesten-eich und 
seinen Bnider Leopold — also über die Zeitgenossen des Verfassers 
— nicht ohne selbständiges Urtheil und eigenthümliche Charakte- 
ristik. Es sind blofs sprachliche und localgeschichtliche Gründe, 
welche in dem Verfasser einen Mann aus dem Aargau oder aus 
Zürich oder der Umgegend vermuthen lassen. Er selbst hat sich in 
keiner Weise zu erkennen gegeben-). In den Zusätzen ist mancherlei 
vom Hochmeister des deutschen Ordens erzählt, und werden mit 
voi-^iegendem Interesse die Kriege des Ordens gegen die Letten er- 
wähnt. Deshalb aber auf einen Deutschordensbruder als Verfasser 
zvi schliefsen, wäre gewifs übereilt. 

In diesen Anfängen der schweizerischen Geschichtschreibung 
treten übrigens die Fragen, an welche sich das Aufkommen der 
neuen Eidgenossenschaften knüpft, sämmtlich nur erst sehr leise 
hervor. Bedeutenderes in dieser Richtung ist erst seit den letzten 
Decennien des XIV. Jahrhunderts geleistet worden und dieses selbst 



^) L. Weiland stellt die Benutzung Martins von Troppau in Abrede 
(briefl. Mittheilung). 

2) Grieshaber S. XV hebt noch eine Stelle hervor, um wahrscheinlich 
zu machen, dafs der Verfasser an einer dem heiligen Bartholomäus ge- 
weihten Kirche des Oberrheins bestallt gewesen sein möchte. G. v. Wyfs 
war der Ansicht, der Verfasser der oberrh. Chronik hätte in Basel ge- 
schrieben, wogegen sich Hartmann im Anz. f. schw. G. 1881 no. 2 erklärt, 
ohne jedoch die Frage „Wo hat der Verfasser der oberrh. Chronik von 
Grieshaber geschrieben?" anders als rein negativ beantworten zu können. 
Es wird daher noch immer auf die Ansicht von Wyfs Anz. f. schw. Gesch. 
Xn, no. 1 (1866) Gewicht zu legen sein. Gröfsere Sicherheit scheinen 
Hartmanns Einwendungen gegen Amrein zu haben, dafs die Aufzeichnun- 
gen nicht zu Römerswyl gemacht wären. 

6* 



34 § 7. Heinrich von Diessenhoven. 

steht mit der grofseu chronistischen Thätigkeit des XV. Jahrhunderts 
dann wieder in so innigem Zusammenhange, dafs es davon nicht 
getrennt werden kann. Eine ältere sehr interessante Erzählung über 
die Laupener Schlacht, eine Art von Zeitungsblatt ist neuer- 
dings vollständig gedruckt worden^). Für die Geschichte der habs- 
burgischen Besitzungen und herrschaftlichen Rechte ist in den Amts- 
rodeln eine imerschöpfliche Quelle zu erblicken, welche zur Zeit 
Albrechts angelegt sind^). 



§7. Heinrich von Diessenhoven. 

Indem wir uns nun zu der berühmtesten Persönlichkeit unter 
den Historiographen Schwabens wenden, sehen wir uns der beste- 
henden Ueberlieferung von der Bedeutung des Mannes als Schrift- 
steller gegenüber in eine eigenthümliche Verlegenheit gesetzt, denn 
es läfst sich nicht leugnen, dafs die Leistungen desselben einiger- 
mafsen überschätzt worden sind; dennoch aber könnte kaum 
durch ein anderes Werk die Geschichtschreibung der ersten Hälfte 
des XIV. Jahrhunderts passender in den oberen Landen charakte- 
risirt werden, als durch das des Constanzer Canonicus und Doctor 
decretomm Heinricu^s dapifer de Diessenhoven^). In einer 
eigenthümlichen Stellung befindet sich dieses Geschichtsbuch zu der 
Kirchengeschichte des Ptolemäus de Fiadonibus aus Lucca, Prediger- 
Ordens, der ein Schüler des Thomas von Aquino gewesen und an- 
geblich schon 1236 geboren sein soll, aber erst 1327 c. starb. Die 

') Narratio de conflictu Laupensi 1339 — 1340, im Schweiz. Geschichts- 
forscher n, 37 ff. ; dann mit vortrefflicher Vorrede von Huber, Fontes IV, 
p. IX. Vgl. Studer, Quellen des Laupener Krieges, Arch. des hist. Vereins 
von Bern, IV. Jahrg., 3. Heft, 17 ff., wo auch noch andere kleine hand- 
schriftliche Stücke besprochen sind. Ueber desselben Ausgabe Justiugers 
später. 

^) Musterhaft von Franz Pfeiffer und gesammelt herausgegeben: Habs- 
burg. Urbar., Stuttg. 18.Ö7. Hierbei möge auch noch der Beziehungen 
der französischen Schweiz gedacht werden, deren Chroniken nicht unbe- 
deutend sind und worüber man sich aus dem Aufsätze von GauUicr, Les 
chroniques de Savoie dans leurs rapports etc. im Arch. f. Schweiz. Gesch., 
X. Bd. 1855, Raths erholen kann. 

') Ausgaben: Höfler, Chronik des Heinrich Truchscfs von Diessen- 
hoven, 1342— 13G2, in Beiträge zur Geschichte Böhmens, Abth. l, Quellon- 
sammlung, Tl. Bd. Die Krönung K. Karls IV. nach Johannes dictus Porta 
de Avonniaco, Prag 1804. Dann Böhmer, Fontes IV, IG— 12(!, mit Vor- 
rede S. XI. Benutzt wurde er .schon früher von Stalin, wirt. Gesch. HI, 5 
und die einzige Handschrift (Clm. 2125!)) beschrieben von Docen. Portz, 
Archiv II, 2G. 



Ptolemäus von Lucca. 85 

Ubri XXIV. ecciesiasticae historiae novae waren in Italien verbreitet; 
eine Handschrift davon ist in die Hände des Heinrich von Dies- 
senhoven gelangt und er hat allerlei Znsätze dazn gemacht, die 
sich in den Ausgaben des Ptolemäus finden, ohne dafs die Autor- 
schaft ausdrücklich angegeben wäre i). Auch in dem Codex, Avelchen 
Heinrich selbst angelegt zu haben scheint, und in welchem- er der 
Kirchengeschichte ein 25. Buch beigefügt hat, sind nicht alle von 
ihm gemachten Zusätze zum Ptolemäus als solche sofort erkenntlich. 

Die Bedeutung des Ptolemäus von Lucca für die Kirchenge- 
schichte im allgemeinen und für die kirchenpolitischen Anschauungen 
der Zeit mufs in einem andern Zusammenhange gewürdigt werden 
und wenn Heinrich von Diessenhoven ein Fortsetzer des grofsen 
Dominikaners im eigentlichen Sinne des Wortes wäre, so würde 
man ihn nicht unter die localen Geschichtsquellen einreihen dürfen. 
Aber sein Anschlufs an das kirchengeschichtliche Werk ist und 
bleibt etwas äufserliches und bei aller schätzenswerthen Ausdehnung 
seines Interesses für die grofsen Weltbegebenheiten ist der Horizont 
des Schriftstellers durch Constanz und seine Thurgaxdsche Heimath 
deutlich gekennzeichnet. Die Reichsgeschichte seiner Zeit spielt 
indessen hauptsächlich in den oberrheinischen Gebieten sich ab, 
und so bildet das Werk Heinrichs von Diessenhoven das bedeutend- 
ste Seitenstück zu d«m Buche, welches man heute seinem giöfsten 
Theile nach dem Grafen Albert von Hohenberg zuschreiben darf^). 

Um sich aber von der Arbeit Diessenhovens ein richtiges Bild 
zu machen, ist es nöthig, fortwährend sich die folgenden hand- 
schriftlich feststehenden Thatsachen gegenwärtig zu halten. Das 
25. Buch der Kirchengeschichte wird von Heinrich von Diessenhoven 
als sein geistiges Eigenthum mit Ausschlufs des ersten Capitels in 
Anspmch genommen. Dieses erste Capitel mnfafst einen Theil des 
Lebens Johanns XXII., woran sich die Arbeit Heinrichs von 1333 

') Es wäre zu wünschen gewesen, dafs Huber die betreffenden Stellen 
aus Ptolemäus nach der Muratorischen Ausgabe aufgenommen hätte, doch 
hat er dieselben wenigstens in der Von-ede bezeichnet. Zur Ausgabe des 
Schriftstellers gehörte aber auch der Abdruck im Texte. Hier ist über- 
haupt ohne eine Vergleichung der Codices des Ptolemäus nicht fortzukom- 
men, was noch aussteht. 

2) Uebcr das Yerhältnifs zu 'Tolomeo von Lucca' hat zuerst D. König 
die richtige Bahn eröffnet, Ptolemaeus von Lucca und die Flores chroni- 
corum des Bernardus Guidonis, Würzbm-g 1875. S. 61, nachdem schon 
Lindner, Forsch, z. d. G. XII. 241 den Anfangspunkt der Arbeit Hemnchs 
von Diessenhoven richtig bezeichnet hatte. Umfas.,ender hat dann noch 
Siraonsfeld die in Betracht kommende Frage erörtert Forsch, z. d. Gesch. 
XVm, 300, wo ich für viele Berichtigungen besondern Dank zu sagen habe. 



gg § 7. Heinrich von Diessenhoven. 

anschliefst und bis zum Jalu-e 1337 in mehreren Handschriften er- 
halten ist. Nur in einer einzigen dagegen sind die Aufzeichnungen 
Heinrichs von 1333 bis zum Jahi-e 1361 unimterbrochen fortgesetzt. 
Was nun aber die Form anbelangt, in welcher hier das Geschichts- 
werk erscheint, so ist zu bemerken, dafs das sogenannte 25. Buch 
15 wolgegliederte Capitel zählt, welche bis zum Jahre 1343 reichen. 
Sodann folgi eine Beilage, bestehend aus der Abschrift von zwei 
Briefen an Papst Clemens VI. und hierauf eine lange Reihe von 
gröfsern und klein ern Abschnitten ohne Eintheilung bis 1361. 

Mit der Ungleichheit der äufseren Form wächst von Jahi- zu 
Jahr die innere Verschiedenheit des Charakters der Aufzeichnungen. 
Die Beobachtung des gelehrten Herausgebers der Chronik konnte 
auch von späteren Kritikern nicht bestritten werden, dafs dieselbe 
sich bis 1337 vorherrschend mit Avignonischen imd allgemeinen An- 
gelegenheiten beschäftigt, während sie im weitern Verlauf den loca- 
len Constanzer Standpunkt immer ausschliefslicher hervortreten läfst. 

Welchen Werth man nun auch diesen historiogTaphischen Mo- 
menten beimessen mag, so ist doch auf diese Weise sichergestellt, 
dafs der Beginn der geschichtlichen Thätigkeit Heinrichs von Dies- 
senhoven schon in eine frühe Zeit seines Lebens fällt, und dafs er 
mithin zu den zeitgenössischen Geschichtschreiberu im eigentlichsten 
Sinne des Wortes zu rechnen ist. Wollte man den zuweilen aufge- 
stellten Unterschied zwischen Annalisten und Chronisten auch auf 
diese späten Jahrhunderte anwendbar erachten, so dürfte Heinrich 
jedenfalls den ersteren melu- als den letzteren beigezählt werden. 
Er tritt uns auch in seinem sonstigen Leben als früh gereifter ^lann 
entgegen und so vnid man der Ansicht Simonsfelds nur beistimmen 
können, dafs das sogenannte 25. Buch der Kirchengeschichte noch 
vor dem Tode Johanns XXH. in Avignon selbst, ohne Zweifel 1333, 
begonnen worden ist. 

Das ganze Werk ist auf solche Weise mit dem Leben seines 
Alltors auf das engste verwachsen, und es war daher ein aufser- 
ordentliches Verdienst das letztere mit gröfstem Forscherfleifse bis 
ins einzelnste aufzudecken '). Heinrich Truchsefs von Diessenhoven 
mnfs darnach neben dem Grafen Albert von Tlohenburg zu den po- 
litisch und kirchlich merkwürdigsten Persönlichkeiten der kampies- 
reichen Zeiten Ludwigs des Baiern und Karls IV. gerechnet werden, 
und es ist erfrenlich, dafs Männer dieser Art in inisern Tagen erst 
recht eigentlich entdeckt worden sind. 

') Heinrich, der Truchsefs von Diessenhoven, der Zoitbuohschroiber. von 
J. l.. Acl)i, Chorliorrn. Gcschichtsfr. Bd. XXXIl, 130-220. 



Heinrich von Diessenhoven 37 

Das Geschlecht der Truchsessen von DiesseuhoYeu stammt von 
den Rittern von Hetelingen, welche in das Bürgerrecht der Stadt 
Diessenhoven aufgenommen worden waren. Im Anfang des XIV. 
Jahrhunderts spielte ein Johannes Truchsefs von Diessenhoven eine 
hervorragende Rolle in Diensten der Herzoge von Oesterreich. Er war 
insbesondere in Finanzangelegenheiteu thätig und ^\airde nach kur- 
zer Zeit zum Hofmeister des Königs Friedrich erhoben. Im Streite 
um die deutsche Krone war der Truchsefs Johannes zu wichtigen 
politischen Geschäften verwendet worden imd man findet ihn im 
Jahre 1322 imter den Abgesandten, welche König Friedrich an den 
päpstlichen Hof nach Avignon schickte. Seine Beziehungen zu dem 
österreichischen Hause dauerten auch nach dem Tode Friedrichs des 
Schönen fort und der alte Hofmeister scheint noch bis zum Jahre 
1342 gelebt zu haben. Er hinterliefs eine ziemlich zahlreiche Fa- 
milie. Von sechs benannten Söhnen waren zwei dem geistlichen 
Stande zugewendet worden; unser Autor Heinrich von Diessenhoven, 
dürfte zwischen 1300 und 1302 geboren sein. 

Als zwanzigjähriger Jüngling begleitete Heinrich seinen Vater 
nach Avignon und scheint von hier an eine der grofsen Universitäten 
gegangen zu sein, wo er den Doctorgi'ad erlangte. Nach seiner 
Rückkehr in die Heimath wurde er alsbald Gustos von Beromünster 
und Chorherr von Constanz. Wähi-end der Vater nach dem Tode 
des Königs Friedrich in Reichsangelegenheiten für die Herzoge von 
Oesterreich thätig war, scheint Heinrich nach Avignon zu dauernde- 
rer Mission abgeordnet worden zu sein, denn erst im Jahre 1338 
findet man ihn wieder in Beromünster in einer wichtigen Angele- 
genheit thätig. In dieser Zeit des Avignouer Aufenthalts begann 
Heinrich von Diessenhoven sich mit der Aufzeichnung der Zeiter- 
eignisse zu beschäftigen. Er wurde schon von Papst Johannes XXII. 
zum Capellan ernannt und scheint bei der Curie viele Freunde er- 
langt zu haben; seine Erhebung zu einem Cauonicat in Constanz 
erfolg-te nicht erst durch Clemens VI., sondern schon um 1338. Er 
übersiedelte jedoch von Beromünster erst im Jahre 1340 nach Con- 
stanz, eben in einem Augenblicke, als der Domherr Albrecht von 
Hohenberg an den Hof LudA^'igs von Baiern als Canzler berufen 
worden war. In Constanz befehdeten sich die Parteien in der 
Stadt und im Domcapitel und in der äusserst bewegten Zeit' gaben 
die Bischofswahlen Anlafs zu manchem schweren Eingriff der Curie 
in die Rechte des Capitels. Als endlich eine einmüthige Wahl zu 
Stande kam, traf dieselbe einen Mann, dessen ziemlich gewaltsames 
Wesen eine Verschwönuig herbeiführte. Johannes Windloch wiurde 



gg § 7. Heinrich von Diessenhoven. 

13. Nov. 1355 ermordet. Bei der darauf folgenden Biscliofswahl 
stimmte, was selir merkAvürdig war, Heinrich von DiessenhoTcn für 
den Grafen Albreclit von Hohenberg, damals bereits Bischof von 
Freising. Aber keiner von den Vorgeschlagenen \\T.irde genehmigt, 
und durch die Curie Avurde abermals eine Provision vorgenommen 
in der Erhebung des Abtes von Eiusiedeln Heinrich von Brandis. 
Die Verhältnisse des Domherrn Heinrich zu dem Bischof Heinrich 
lassen sich nicht klar erkennen. Auffallend ist, dafs die Geschichts- 
aufzeichnimgen des gelehrten DomheiTn in einer Zeit verstummen, 
Avo im Allgemeinen die Verhältnisse ruhiger und besser geworden 
AA-aren. Er lebte noch bis zu Ende des Jahres 1376 avo er am 
22. Dezember, es ist unsicher ob in Constanz oder zu Beromünster, 
starb. Er war noch bis zuletzt Thesaurar des Stifts geblieben i). 

Es ist nun nicht leicht sich eine richtige Vorstellung zu machen, 
Avie Heinrich von Diessenhoven in der Zeit seines kaum unter- 
brochenen Aufenthalts in Constanz und Beromünster das ungemein 
gTofse historische Material zusammenzubringen AAiifste, welches in 
seinem Buche enthalten ist. -Man hat gemeint, dafs der Verfasser 
stückAveise geschrieben und sich im Alter seine eigenen Notaten habe 
copii-en lassen. Doch AAau'de dagegen bemerkt, dafs bei der Erwäh- 
lung Benedicts XII. bereits auf seinen Nachfolger liiugeAvieseu wird, 
bei der Verleihung der Cardinalswürde an den Erzbischof Petrus A'on 
Ronen im Jahre 1338 ebenfalls schon seiner späteren Erhebung auf 
den päpstlichen Stuhl als Clemens VI. gedacht wird und A-ieles ähn- 
liche. Dieses Vorgreifen der Erzählvmg setzt für jede solche Notiz 
eine spätere Zeit der Aufzeichnung voraus und es bleibt daher auch 
heute noch manches in Betreff der Abfassuugszeit der ganzen Chro- 
nik sowie ihrer Theile recht dunkel, und die scharfsinnigste Kritik 
mufste sich schliefslich mit der Vennuthuug begnügen, dafs Hein- 
rich A'on Diessenhoven die uns heute vorliegende Reinschrift seines 
Werkes nicht selbst besorgt habe 2). 

Während die Erzählung der Ereignisse des Jahres 1342 nocli 



') Zur Feststellung der porsönliclien und Familionverliältnisse hat Aebi 
ein umfassendes Material neben den älteren Arbeiten von Neugart, Episc. 
Const. II, 708, ferner Arch. f. schw. G. 1:5. 20!): Geschiclitsfrcund V, X, 
XVII. schon von Huber in der Einlcitunii p. XI— XIIl zu den Fontes be- 
nutzt und durcli Aveitere Mittlicilungeu Xli. von Liebcnau's ergänzt. 

''') Weshalb in Folge dieser Annaliine Weilands Ilypotliese in hist. Zs. 
XXXIV, 429, dafs von Heinrichs Clnonik ausgefülirtere Reinsclu-iften 
existiren köiniten „nicht recht plausi))el" wäre, gestelie ich nicht recht 
begreifen zu können. Ich fürchte nur, dafs mit allen diesen Hypothesen 
das Geschichtsbuch seinen zusammenhangslosen Charakter niiht verändert. 



Heinrieb von Diessenhoven. g9 

deutlich das Bedürfnifs des pragmatischen Zusammenhanges früherer 
und späterer Thatsachen zeigt und also als Geschichtschreibuug ver- 
standen werden muTs, erhalten die späteren Eintragungen immer 
mehr einen ephemeren und notizenhaften Charakter. In dem Codex, 
der allein entscheidend wäre, wechseln die Hände noch in den Jah- 
ren 1345, 1350, 1355. Ohne Frage hat der Constanzer Domherr 
mindestens nicht mehr jenen Fleifs auf seine Arbeit verwendet, wie 
der Capellan des Papstes Johannes bei seinem Aufenthalt in Avignon. 
Wenn er seine Notaten persönlich wirklich bis zu Ende fortgesetzt 
hat, so könnte mau wenigstens nicht behaupten, dafs seine schrift- 
stellerische Feder sich im Verlauf der Jahre vervollkommnet hätte. 
Es soll dies nicht gesagt sein, vim die Bedeutimg des Truchscfs von 
Diessenhoven zu schmälern, sondern niu: um den Werth der späte- 
ren Aufzeichnungen objectiA' richtiger zu nehmen. Denn es fehlt in 
diesem Theile des Buches nicht an recht sonderbaren Behauptungen 
und Yerwechslungen von Personen und Sacheu. Selbst iiber Hoch- 
zeiten und Genealogien, für welche der welterfahrene Domherr ge- 
wifs alles sachliche Interesse hatte, sind die Angaben zum Theil 
leichtfertig. Er spricht vou einer Verlobung der Tochter des Mark- 
grafen Johann Heinrich mit einem Sohne des Herzogs von Oester- 
reich und es sollte heifsen, dafs sich der Markgi-af mit einer Tochter 
des verstorbenen Herzogs von Oesterreich, Schwester Rudolfs IV., 
vermählt habe^). Ebenso wenig genau ist über die Heiratheu König 
Karls IV. und Ludwigs von Ungarn zu Ofen 1353 berichtet, Avobei 
die beiden Bräute zu Polinnen gemacht und der bekannte Bauus von 
Bosnien als Herzog von Ofen bezeichnet wird^). Fortwährende und 
recht auffallende Verwechslungen finden sich zwischen den Brüdern 
Karls IV.; manchmal hat man den Eindruck, der Schreiber der 



') Fontt. IV, 87. Diese angeblich in das Jahr 1353 fallende Bege- 
benheit ist eine einfache Verwechslung mit der Verheirathung des Mark- 
grafen, welche aber im Jahre 1364 stattgefunden hat. Dafs dieser Um- 
stand ein sonderbares Licht auf die Gleichzeitigkeit der Notizen wirft, 
hätte Simonsfeld lieber bemerken sollen, anstatt sich an einem Druck- 
fehler meiner frühern Ausgabe zu erheitern. An derselben Stelle verdient 
auch die ganze Behauptung von der Verheirathung Rudolfs IV. zum Jahre 
1353 eine sehr ernstliche Ueberlegung. Ich begi'eife nicht, dafs Huber 
Reg. Karls R^. S. 123 die Vermählung der Eilfjährigen ohne weiteres an- 
nimmt, wo es noch obenein bei Diessenhoven heilst, die Verlobung habe 
schon früher — und also die unzweifelhafte Heirath zu Prag nach Ostern 
stattgefunden. Alle sonstigen Ueb erliefer ungen geben 1357 als Vermäh- 
huigsjahr an. 

2) Ebend. 87, 88. Huber, Reg. Karls IV S. 124. 



90 § '^- Heinrich von Diessenhoven. 

Notiz denke an Johann von Görlitz, welcher dann wieder statt 
Wenzels zum Herzog von Luxembm-g gemacht wird ^). 

Dennoch darf man über die Menge der Nachrichten erstaunen, 
welche in Constanz gesammelt werden konnten. Sei es, dafs durch 
Reisende auf der grofsen Strafse nach Italien und Frankreich die 
zahlreichen Mittheilungen eintrafen, sei es, dafs Bischöfe und Stadt- 
behörden selbst Sorge trugen, Zeitungen aus allen Theilen des Rei- 
ches zu erhalten 2), der Unterschied zwischen den älteren und jün- 
geren Theilen der Chronik ist ersichtlich und sehr erklärlich. Dort 
ist alles auf den persönlichen und unmittelbaren Eindiiick begrün- 
det, hier beruht das meiste auf der Vermittelung dritter Personen. 
Man bemerkt überall, dafs man es mit unvollendeten Collectaneeu 
zu thun hat, die dann durch sehr umfangreiche Titelüberschrifteu 
das Aussehen eines geordneten Ganzen und einer eigentlichen Chro- 
nik erhalten haben. 

Unter allen Umständen reicht das trockene Material, welches 
das Werk darbietet, nicht aus, um eine eigentliche schriftstellerische 
Beurtheilung des Mannes zu versuchen, dessen politische, kirchliche 
und persönliche Bedeutung den Kreis der meisten Chronisten des 
XIV. Jahrhunderts hoch überiTigt. Seine Urtheile machen in den 
meisten Fällen den Eindruck eines gewiegten Kenners der Welt und 
stehen überall auf einem den Päpsten sebier Zeit gegenüber höchst 
loyalen Standpunkt. In der gesicherten und verhältnifsmäfsig ruhi- 
gen Stellung, in welcher er sich zu Constanz befand, zeigt er An- 
schauungen eines so zu sagen aufgeklärten Mannes über Judenver- 
folgung und Heidenbekehrung, welche von den Herausgebern des 
Werkes besonders rühmlich envähnt wei-den^). 



') Auch diese Verwechslungen, vgl. IV, 91, sind ausserordentlich ver- 
dächtig für die Zeit der Notirung. 

2) Ein Beispiel für die Verbreitung gewisser Briefe, welche Zeitereig- 
nisse schildera, ist ebend. S. 99 zu finden, wo der Bericht des Comthurs 
Rudolf von Homburg über den Aufstand gegen Karl IV. zu Pisa 1355 
angeführt wird. Merkwürdigorweise heifst es gerade an dieser Stelle: 
quam litteram, qui heo scripsit, vidit et legit, et insupor percopit ab hiis 
qui tunc praesentcs erant et ab ipso predicto comniondatoro. Ist dieser 
Schreiber, der hier spncht und überdies die betreffenden Zeugen — offen- 
bar später — gesprochen haben mnfs. Heinrich von Diessenhoven persön- 
lich? Der Bericht des Comthurs Rudolf von Homburg liegt in einem 
zweiten Auszuge I)ei Heinrich von Rebdorf ebend. IV, 541. 542, wo die 
entscheidendsten Worte übereinstimmen, vor. 

•'') Vgl. auch Roth von Sclircckcnstcin Zs. f. G. d. Olionli. XXV, S. 34 
>md den im selben Hefte erschienenen Aufsatz über die Ermordung des 
Bischofs Johann HI. von Constanz, wo mannigfacli Bezug auf Heinrich 
v. D. genomnu'H wird. 



Heinrich von Diessenhoven. 91 

Als Geschichtschreiber erhebt sich Heinrich von Diessenhoven 
nirgends zur Höhe eines Matthias von Neuburg oder des Colma- 
rer Chronisten oder auch nur des Minoriten von Winterthur. Kaum 
dafs man aus dem Werke einen Einblick in die allgemeine Lage 
erhielte und wenn Höfler eine Reihe von Betrachtungen über die 
Regieningen Karls IV. an die Mittheüungen Heinrichs anknüpft, so 
wird man nicht finden können, dafs die Belegstellen aus diesen selbst 
zu gewinnen wären'). Aber so wenig die schriftstellerischen Lei- 
stungen Heinrichs hoch anzuschlagen sein mögen, so dankenswerth 
sind seine Angaben über einzelnes schon deshalb, weil sie in Bezug 
auf die Chronologie mit so grofser regestenartiger Sorgfalt gemacht 
sind und meist neben der Jahresangabe, was so selten ist, auch die 
Tagesbestimmung enthalten. Wenn es daher sehi- erfreulich ist, 
aus dieser neuen unschätzbaren historischen Quelle, als solcher, mit 
Thatsachen bekannt zu werden, welche die Regierung imd die Ten- 
denzen Karls lY. in ein besseres Licht zu stellen und zu zeigen 
geeignet sind, dafs dieser Kaiser vielfach ungerecht angegTifl'en w'orden 
sein mag, so ist doch keineswegs zvi sagen, dafs Heinrich von 
Diessenhoven selbst die Summe dieser Thatsachen gezogen und sich zu 
einer Gesammtanschauung der Dinge erhoben hätte, wie man es von 
seinem späteren historischen Gegner dem Westphalen Dietrich von 
Niem wohl anerkennen mufs. Das Buch Heinrichs von Diessen- 
hoven stellt sich demnach als eine höchst werthvolle historische 
Materialien Sammlung dar, deren endgütige Redaktion bis zum Jahre 
1343 von ihm selbst besorgt worden sein mag. Die späteren Theile 
dürften Avenigstens unter seinen Augen und seiner unmittelbaren 
Leitung angelegt und bis zum Jahre 1362 fortgesetzt worden sein. 
Ausführlich benutzt wau'den übrigens die Aufzeichnungen Heinrichs 
schon von Felix Fabri am Ende des XV. Jahrhunderts 2). 



') Höfler in der Von-ede S. II will sogar auf seine neue Quelle 
den JBeweis füi- die Politik Karls IV., die Bisthümer im Reichsinteresse 
zu besetzen, das Kaiserthum selbständig zu machen u. s. w. stützen. 
Das sind Dinge, die hier nicht untersucht werden wollen, aber für die 
richtige Charakterisirung des Geschichtswerkes Heinrichs leicht irreleitend 
sein könnten. 

2) Historia Siievorttm bei Goldast, SS. rer. suevicarum, ed. Ulm 1723 
p. 51 ff. . ^ 



92 § 8. Schwäbische Städtechroiiiken. 



§8. Schwäbische Städtechronikeu. 

An die Thätigkeit Heinrichs von Diessenhoven knüpft sich in 
Constanz die Entwickeluug der populären deutscheu Geschichtschrei- 
bung. Die Bjrchengeschichte des Bartholomäus und seines Fortsetzers 
wurde in der zweiten Hälfte des XIY. Jahrhunderts, wie es scheint, 
von einem Geistlichen auszugsweise übersetzt; aber auch an- 
dere bekannte Bücher waren dem Autor zur Hand, die er ebenfalls 
den Laien zugänglich machen wollte, Avie die Martinianischen Clu'o- 
niken und Gotfiied von Viterbo. Auf diese Weise entstand eine 
deutsche Weltclironik in Constanz, welche nach des Verfas- 
sers Versicherung absichtlicli so kurz als möglich gehalten -wurde, 
damit „die einfältigen Leute" dieselbe „desto besser begreifen und 
im Gedächtnisse behalten könnten'). " Für die ältesten Zeiten folgte 
der Uebersetzer hauptsäclilich dem miuoritischen Lehrbuch, hierauf 
wendete er sich Gotfiied insbesondere für die Kaisergeschichte, dann 
dem Ptolemaeus uud Heinrich von Diessenhoven zu. Es maugelt 
nicht an groben Mifsverständnissen uud Fehlern uud je dürftiger die 
Auszüge werden, desto w^eniger sorgfältig erscheinen sie. Doch sind 
auch manche selbständige Notizen für die Geschichte des XIV. Jahr- 
huuderts gesammelt worden, welche den Zweck haben, Diessenhoven 
zu ergänzen oder zu verbessern. In Zürich und in Nürnberg war die 
Constanzer Weltchronik schon im XV. Jahrhundert bekannt, 
und die Stellen, welche aus derselben in Geschichtsbüchern dieser 
Städte Aufnahme gefunden haben, beweisen sogar, dafs es eine ältere 
Fassung derselben gegeben haben mufs, als diejenige ist, welche in 
dem in Constanz noch vorhandenen prächtig verzierten \ind gemalten 
Codex vorliegt. Hiernach erscheint es auch durchaus u^ngewifs, ob 
uns die ganze und vollständige Arbeit des iibersetzendeu und er- 
gänzenden Geschichtschreibers erhalten ist; denn mit der Angabe 
der Pontifikate Urbans V. und Gregors XL, von welchem letzteren 
gesagt ist, dafs er sechs Jahre regiert habe, schliefst die Handschrift 
in unbestimmter Weise ab. Jedenfalls verzichtete der Autor von 
dem Augenblicke an. wo ihm seine Haniit(|U('lh' II(>inricli von Dies- 



') Eine Contstiinzor Wohciinmilv iuis doiii Endo des X\\ . .);iiirliwiidortvS 
von Dr. Th. von Kern, Froiburg 18(38. Sondondidruck aus der Zeitschrift 
für Geschichte Freiburgs und der angrenzondeu Landschaften Bd. I. Die 
Ausgabe ist von auferordentlicher Sorgfalt und mit vollständiger Nach- 
weisung der Quellen dieser Cin-onik für jodon einzelnen Satz, sowie auch 
mit sachlirh kritisciien AunierkunKcn vorsehen. 



Constanze!- Chroniken. 93 

senhoven im Stiche liefs, auf jede axisfiihrlichere Mittheilung. Er 
schrieb aber sein Buch nach dem Jahr 1383, da dieses mit Angabe 
des Todestages Bischofs Heinrich von Constanz noch erwähnt ist. 

Spätere Constanzer Aufzeichnungen haben einen mehr 
localen und zeitgenössischen Charakter, als die Weltchronik aus dem 
Ende des XIV. Jahrhunderts, doch sind dieselben zunächst meist im 
Anschlüsse an gTÖssere Chroniken gemacht worden. So finden sich 
zum Jacob von Knnigshofen Constanzer Zusätze und Fortsetzungen, 
welche theils städtische Ereignisse, theils die Reihe der Bischöfe 
verzeichnen'). Doch weisen diese Nachrichten in Handschriften 
Königshofens auf ältere selbständige Quellen zurück, welche um den 
Beginn des XV. Jahrhunderts sicherlich schon vorhanden waren. 
Denn das Bi schofsverzeichnifs und die kleinen Constanzer 
Anualen sind auch schon in einer Chronik benutzt, welche etwa 
im ersten Dezennium des XV. Jahrhunderts abgefafst sein dürfte^). 

Was sich nun als eigentlich städtische Chronik von Constanz 
gibt, charakterisirt sich durch die Sage der Entstehung und Er- 
bauung der Stadt durch den König Constantinus. In mehr 
oder minder ausgeschmückter Form findet sich dieselbe in allen 
Constanzer Ueberlieferungen des XV. Jahrhimderts. In der oben er- 
wähnten handschriftlichen Chronik aus dem Anfange des XV. Jahr- 
hunderts wird die Sage von der Erbauung von Constanz ganz be- 
sonders ausführlich erzählt. Die Chronik läfst die Stadt noch über 
Constantins Zeit hinaus durch das Zusammenwirken eines „Herzogs 
von Stoffen" und eines „Herzogs von Baiern'' entstehen. Mit genauer 
Angabe der Stadttheile, welche ursprünglich erbaut worden seien, 
beginnt die Darstellung, jedoch ist der Anfang in der Wiener Hand- 
schi-ift vmvollständig, da dieselbe überhaupt nur ein Fragment ist. 
Im w^eitern Verlaufe der Erzählung kommt die Chronik auf den 
Bischof Salomo, über den sie ähnlich berichtet, wie die Bischofs- 
verzeichnisse, dann aber verbreitet sie sich ziemlich ausführlich über 
eine Reihe von Ereignissen aus der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhun- 
derts in mehr annalistischer Weise, und gibt schliefslich das mehi-fach 



1) Vgl. Hegel, Städtechr. Vffl, 217, Hs. nro. 30, 33, 43 und 46 zu 
letzterer vgl. Scherer in der Abhdl. über Klingenberger Zeitbuch S. 90. 
Aus der Hs. nro. 30 hat Mone Quellensammlung I, 301 ff. die Stücke : 
Constanzer Jahresgeschichten von 1256—1388 und die Constanzer Bischöfe 
bis 1411 mit Zusätzen bis 1496. Welche Wichtigkeit gerade der nait die- 
sen Constanzer Zusätzen versehene Codex nro. 30 hatte, geht aus Hegels 
Entdeckung hervor, dafs dieser es ist, welcher dem ersten Augsbiu-ger 
Druck des Königshofen zu Grunde liegt. 

2) Wiener Codex 2807. 



94 § 8. Schwäbische Städtechroniken. 

erwähnte Bischofsverzeichnifs vollstäudig. Die ganz lose Form, in 
welcher die einzelneu Theile verknüpft sind, legt die Yermuthung 
nahe, dafs man es mit einem Auszuge aus einer umfassenderen Con- 
stanzer Chronik zu thuu habe. Daraus würde sich dann erklären, 
dafs einzelne Theile der Chronik in wörtlicher Uebereinstiuimuug 
auch in dem Constanzer Codex wiedergefunden werden, welchen 
Mone bei der Herausgabe jener Constanzer Chronik benutzte, welche 
man gewöhnlich unter seinem Namen zu nennen pflegt i). 

Die letztere kann aber nur als eine Compilation angesehen 
w'erden, welche das Torhandene Material Constanzer Aufzeichnungen 
in Auszüge brachte, und es ist klar, dafs die fünf verschiedenen 
Hände, welche der Codex erkennen läfst, nach verschiedenen Rich- 
tungen hin excerpirten, da sich die beiden so nahe verwandten Chro- 
niken nur immer in einzelnen Abschnitten decken und dann sogleich 
wieder von einander abweichen. Unter diesen Umständen scheint 
die Annahme einer gröfseren Arbeit, welche in Constanz um das 
Jahr 1400 vollendet worden sein mag, wol gerechtfertigt, und die 
Nachrichten, welche in diesen Constanzer Chroniken für die zweite 
Hälfte des XIV. Jahrhunderts aufbewahrt sind, werden daher nicht 
zu unterschätzen sein. 

Am meisten Verwandtschaft zeigen die mehr annalistischen Ueber- 
lieferungen des XIV. Jahrhunderts in den Constanzer Chroniken mit 
Justinger von Bern, iiud mit den Züricher Jahrbüchern, doch sind 
sie der Hauptsache nach selbständig und eine Entlehnung aus den 
beiden genannten Quellen wird kaum behauptet werden wollen. In 
der Wiener Handschrift bricht die Erzählung der profanen Geschichte 
mit dem Jahre 1388 ab, worauf die Bischofsreihe und Bischofsge- 
schichte folgt, leider aber nur als Bruchstück; in der von Mone be- 
nützten Handschrift des städtischen Archivs von Constanz dagegen 
reicht die erste Hand bis zum Jalirc 1434. Ein zweiter Schreiber 
hat Notizen hinzugefügt, welche nicht jünger als 1437 sind, ein 
dritter bis 1435, ein vierter aber hat Zusätze bis 1450, ein fünfter 
bis 1466. Dafs nun alle diese Abschreiber oder wie mau lieber 
vermuthen darf, Epitomatoren ein Werk vor sich hatten, welches 



') Mone, QuoUcnsammlnng I, 309. Constanzer Chr. von 307 — 1466. 
Die Ausgabe hat alle Nachriciiten chronologisch aneinandergereiht, doch 
worden die verschiedenen Eintragungen a b c d e durch Buchstaben un- 
terschieden. Das Verhilltnifs der beiden Constanzer Chroniken zu einan- 
der war Otto Kleifsncr in der erwähnten trefflichen Schrift, Die Quellen 
etc. S. 14 ff. bemüht fostzustollon, doch war von demselben Verf. eine ge- 
nauere Untersuchung des Gegenstandes versprochen. 



Ulrich von Richental. 95 

um 1388 von einem Zeitgenossen geschrieben wnrde, ergibt sich mit 
Sicherheit*). 

Die erste eigentliche Stadtchronik von Constanz mit den Fabeln 
über seinen Ursprung wird man mithin in die ersten Jahre des XV. 
Jahrhunderts setzen dürfen. Spätere Constanzer Geschichtschreiber, 
unter denen Gebhart Dacher von Dingelstorff, der uns noch in 
anderem Zusammenhange begegnet, den hervon'agendsten Platz be- 
hauptet, machten von der alten Stadtchronik wiederholten und sehr 
mechanischen Gebrauch bis auf Jakob Manlius, welcher die Sagen 
bekämpfte, von denen er bemei'kte, dafs sie zu seiner Zeit allge- 
mein verbreitet gewesen wären. Leider sind die Citate des Jakob 
MarJius in seiner Chronik so ungenau, dafs wir aus ihm wenig über 
die weitere Entwickelung der Constanzer Historiographie entnehmen 
können. 

Neben den gi-öfsern Welt-, Stadt- imd Bischofschroniken von 
Constanz gab es aber in der merkwäirdigen Geschichte der Stadt 
Anlafs genug zur Aufzeichnung spezieller Ereignisse. Das grofse 
Concil fand seinen protokollarischen Geschichtschreiber in Ulrich 
von Richental 2), dessen tagebuchartige Mittheilungen ein Stück 
städtischer Geschichte in bewegter Zeit bilden. Wir gev^dnnen aus 
derselben nicht blofs eine Menge von chronologischen und besonders 
statistischen Daten sondern sehr schätzbare Charakteristiken vieler der 
anwesenden weltlichen und geistlichen Herren. Gerade weil der 
Verfasser sich nirgends den Anschein oder die vergebliche Mühe 

*) „Die stett, so in dem bimd sint" heifst es Mone I, 325 vgl. Kleifs- 
ner a. a. 0. S. 16. Diese Stelle ist aber in dem Wiener Codex nicht mehr. 
Dieser bricht bei Mone I, 325, Absatz 3 „menschen" ab und geht von da 
zur Bischofsgeschichte über. 

2) Ulrichs von Richental Chronik des Constanzer Concils 1414 — 1418 
hg. V. M. R. Bück. Tübingen 1882 (Litterar. Verein Bd. CLVIII) nach der 
Aulendorfer Hs.; die älteren Ausgaben sind alle unvollständig. Die pho- 
tographischen Reproductionen der Constanzer Hs. (Stuttg. 1869) und der 
Aulendorfer Hs. (hg. v. Dr. H. Sevin Karlsruhe 1881) sind nur in sehr klei- 
ner Auflage erschienen. Gmelin, eine urkundliche Notiz über Ulr. Richen- 
tal, Anz. f. K. d. V. 1878 Sp. 320 aus dem Salemer Urkundenschatz, der 
jetzt von Herrn v. Weech herausgegeben worden ist, Codex dipl. Salemitanus, 
Karlsruhe 1881 f. Ueber das Verhältnis Ulrichs zu Dacher versprach 
W. Berger, Joh. Hus und K. Sigmund, Augsbui-g 1871 weitere Aufklärun- 
gen. Die Stelle in der Constanzer Chronik, Mone I, 323, aus welcher 
man entnehmen -wollte, dafs Ulrichs Geschlecht aus Schlesien stamme, 
handelt keineswegs von einem schlesischen Ort, der übrigens richtig ge- 
lesen Reichenweil (im Elsafs) lautet. Bucks Vermuthung, dafs die Chronik 
Richentals zuerst lateinisch abgefafst worden ist (Verhandlgn. d. Ver. f. 
Kunst u, Alterthum in Ulm 1871, 8. Heft und Vorrede zur Ausg. S. 1 be- 
darf wol noch weiterer Bestätigung; vgl. Marmor, Freiburger Dioeces. Arch. 
VH, 133—144. 



96 § 8. Schwäbische Städtechvoniken. 

gibt, in diplomatische oder conciliare Geheimnisse einzudringen, ge- 
winnt seine auf die äusseren Yerhältnisse gerichtete Erzählung desto 
mehr Vertrauen. Ulrich von Richental gehörte einer Constanzer 
Familie an, deren patricisclier Urspiimg jedoch bestritten worden 
ist. Er war höchst wahrscheinlich der Sohn des Stadtschreibers 
Johannes von Richental, dessen Thätigkeit im letzten Viertel des 
XIV. Jahrhunderts festgestellt ist. Ulrich war verheirathet, wohnte 
im Hause zum 'giüdin bracken", besafs ein Landgut auf dem Hard 
xmd führte einen Eberkopf mit offenem Rüssel im Wappen. Sein 
Namen wird bis zum Jahr 1438 in Urkunden vorgefunden und läfst 
die Vermutung zu, dafs er das Amt eines bischöflichen Notars be- 
kleidete. Die Ausarbeitung der Chronik, zvi welcher er das Material 
während der Concilszeit von Haus zu Haus absammelte, lag ihm 
so sehr am Herzen, dafs er nicht zögerte, einem Curtisan einen 
Gulden zu bezahlen, um eine interessante Bulle Johanns XXHI. co- 
piren zu dürfen; er kann daher wol mit Recht solche Baarauslagen 
registriren und den Leser um Nachsicht für seine Chronik bitten, 
Avelche er 'on menglichs hilf und uff min Kosten, on menglichs stür 
\ind hilf", mit Berücksichtigung mancher amtlicher Notizen, wol schon 
in den letzten Zeiten seines Lebens so emsig zusammengestellt hat. 
Vielleicht schrieb er seine Notizen zuerst in lateinischer Sprache 
nieder, da wir auf eine Urkunde im 'latinischeu buch' verwiesen 
werden; dieses Buch kann aber ebensogut ein fremdes gewesen sein. 
Ob er selbst die prachtvolle Austattimg seines Werkes mit zahl- 
reichen Handzeichnuugen und kuustgeschichtlich interessanten Bildern 
besorgte, ist ungewifs, da in den bis jetzt bekannten Codices des 
merkwürdigen Buches das Autogi-aph wol nicht erkannt werden konnte. 
Die vorhandenen Handschriften weisen nicht unei-hebliche Varianten 
auf. welche auf verschiedene Redactionen des Buches hinzudeuten 
scheinen, von denen die Aulendorfer Handschrift alle persönlichen 
Bemerkungen des Autors in der ersten Person, die Constanzer Hs. 
dagegen in der dritten referirt; je näher man den Zeiten des 
Buchdrucks kommt, desto häufiger werden solche Redactions- 
differenzen, in welchem man nur eine natürliche Folge des gestei- 
gerten Bedarfes zu erblicken hat'). 



') lieber die Hss. vgl. Bück, Vorr. Die Wiener Handschrift ist un- 
datirt und nicht vollendet, denn für die Bilder is» im letzten Viertel der 
Handschrift der Raum unansgofüUt. der Text aber geht bis zu Ende. 
Datining derselben fehlt. Die Zcitltcstimmung ist nach meiner Ansicht 
schwierig, doch dürften die Bilder später als der Schrifteharakter zu 
setzen sein. 



Gebhard Dacher. Augsburg. Q'j 

Nach seinem Tode machte sich eiu anderer Constanzer Bürger 
Gebhard Dacher (d'Acheiy) um die Conciliumschronik verdient, 
indem er Abschriften besorgte und Tielleicht auch den ersten 1483 
erschienenen Druck veranlafste. Er beides sein Interesse für die 
Geschichte seiner Vaterstadt auch dadm-ch, dafs er die Chronik 
Jakobs von Königshofen durch Zusätze vermehrte, welche aus den 
älteren Constanzer Chroniken entlehnt und deren Notizen bis 1473 
fortgeführt A\'urdeni). Gebhard Dacher, den man lange Zeit fälsch- 
lich fiir einen Rath des Kurfürsten Rudolf von Sachsen hielt, war 
1461 Zolleinnehmer im Kaufhause zu Constanz und ein gelehrter 
Bücherfreund, auf dessen Geheifs manche Handschrift geschrieben 
worden sein mag. Auf diese Weise konnte der Irrthum entstehen, 
dafs Dacher eine selbständige Chronik von Constanz und eine Cou- 
ciliumsgeschichte verfafst hätte. 

Nur in losem Zusammenhange mit den Ueberlieferungen von 
Constanz stehen die Excerpte, weiche der augsbm-gische Vicar in 
Althain bei Dillingen Nicolaus Stulmann aus Chroniken ge- 
macht, welche am Bodensee verfafst wurden. Vielleicht liegt auch 
in seinen sehr zerstreuten und zufälligen Notizen Benutzung jeuer 
Quelle vor, auf welche die obenerwähnten Constanzer Chroniken 
hinweisen. Ge^s-ifs ist nur, dafs in der Handschrift Stulmanns, die 
jetzt in Lindau liegt und aus St. Gallen stammt, allerlei Beschi-ei- 
bimgen von Schlachten und andern merkwüi-digen Ereignissen aus 
den Jahren 1314 — 1403 ziemlich wirr enthalten sind und der An- 
gabe nach 1407 zusammengestellt wurden. Grofsen Werth haben 
diese Excer^Dte nicht 2). 

Zusammenhängendere Thätigkeit auf dem Gebiete der Geschicht- 
schreibung bietet Augsburg dar, und überragt bei weitem alle übri- 
gen schwäbischen Städte. Nach dem heutigen Stande der Forschung 



^) Vgl. oben Sanct Galler Hs. Königshofens nro. 46. HierLa ist nach 
G. Scherer, Mittheilimgen z. vat. G. I, 90 (über das Zeitbuch der Klingen- 
berge) ein Werk Dachers zu vermuthen, Pertz, Arch. I. 394. V, 506. 
Zum Jahre 1470 werden daselbt merkwürdige Witterungsverhältnisse er- 
wähnt, welche auf einen Zeitgenossen deuten. Die Dachersche Constanzer 
Chronik wurde auch von Henne Kling. S. 140 verglichen und deckt sich 
an der betreffenden Stelle mit den älteren Chroniken vollständig. Vgl. 
Mone a. a. 1388 = Wien. Cod. fol. 17 a. Genaue Beschreibung der 
Dacherschen Chronik findet sich in dem Verzeichnifs der Handschriften 
der Stiftsbibliothek von St. Gallen herausg. Halle 1875. S. 212 nro. 646. 

2) Chronik des Nicolaus Stulmann mitg. v. J. Würdinger im 32. Jah- 
resbericht des historischen Kreisvereins von Schwaben und Neuburg füi- 
das Jahr 1866. Augsburg 1867. Anderes aus einer Lindauer Handschi-ift, das 
sich fragmentarisch vorfand, theilt Stalin in den Wirtemb. Jahrb. 1864 mit. 

Lorenz, GesehichtsqueUen. 3. Aufl. I. ' 



98 § 8. Schwäbische Städtechroniken. 

erscheint uns das schriftstellerische Uebergewicht Augsburgs um so 
gewaltiger, weil durch treffliche Sichtung und Herausgabe der Augs- 
burger Chroniken uns ein üeberblick gewähil ist, der bei ande- 
ren schwäbischen Städten zur Zeit noch fehlt; aber wahrscheinlich 
dürften die Vorzüge der Augsburger Geschichtschreiber auch sach- 
licli begründet sein und durch spätere Forschungen nicht leiclit ver- 
dunkelt werden. Uns fällt hier die leichte Aufgabe zu, au der Hand 
Yon Frensdorffs Arbeiten, so weit sie erschienen sind, Bericht zu 
erstatten*). 

Trotz der genauen Erforschung der Augsburger Historiographie 
läfst sich der Uebergang aus der alten mönchischen Geschichtschrei- 
bung zur neuen bürgerlichen Darstellung hier nicht so genau fest- 
stellen, ^-ie sich dies in Strafsburg oder selbst in Constanz deutlich 
machen liefs. Wie sich das historische Interesse in den bürgerlichen 
Kreisen allmählich entwickelt haben mag, dafür ist vielleicht eine 
Anekdotensammlung charakteristisch, welche von einem Augsburger 
Magister Conrad Deri'er aus der Zeit Ludwigs des Baiern stammt. 
L. Weiland hat einiges davon aus einem Codex des Andreas von 
S. Mang bei Regensburg mitgetheilt^). Mit dem letzten Viertel des 
XTV. Jahrhunderts tritt das städtische ' Jahrbuch in Augsburg sofort 
und in seltener Vollkommenheit gleichsam mit einem Schlage auf. 
Es ist die annalistische Lebensarbeit eines sehr verständigen, wol- 
unterrichteten, aufmerksamen Mannes, der sich aber selbst dem 
scharfsinnigsten Auge der neuesten Herausgeber zu verbergen wufste. 
Nichts deutet auf den Charakter, Stand oder Namen des Verfassers 
der Chronik von 1368 — 1406 mit Bestimmtheit hin 3). Knappe 
Darstellung, häufig wiederholte Redewendungen, absichtlich sich mit 
blofsen Andeutungen begnügende Zimickhaltung, Kenntnifs urkund- 
lichen Sprachgebrauchs charakterisiren die Form; objectives ruhiges 
ürtheil bei aller TheUuahme für die städtischen Angelegenheiten, 
bei aller Unerschrockenheit und Unabhängigkeit der Aeufserung be- 
zeichnet den Geist und den Inhalt der Aufzeichnungen. Eben durch 
diese scharf ausgeprägten Eigenthümlichkeiten ist die Einheitlichkeit 
des Werkes sicher gestellt. Dieser so gleichmäfsige Grundzug be- 
herrscht alle Jahreseintraguugen von 1372—97. Nur gegen das Ende, 

') Die Chroniken der deutschen Städte IV. u. V. Bund. Leipzig 1875. 

■'') NA. IX, 211— 214. 'Ex quibusdam eronicis'. Sohl.: llas predictas 
hystorias seu fal)ulas scripsi ex eronicis magistri C. Derrerii rectoris sco- 
larum in Augusta u. s. w. 

3) Chronik von 1368— 140G Fortsetzungen dazu sind bei weitem we- 
niger ausfiiln-lioli und inlialtlidi unbedeutender bis 1447 S. 1 — 125. 



Augsburg. 99 

bei dem Jahre 1395, fällt die Darstellung des Püttricli-Oiisorgsclien 
Streites aus dem Rahmen der sonstigen annalistischen Aufzeichnun- 
gen heraus, und geht zu einer Pragmatik der Ereignisse über, welche 
mehrere Jahre umfafst. Ebenso mufs die Darstellung der Leichen- 
feier Karls IV. in Prag unter einem besonderen Gesichtspunkte auf- 
gefafst werden, der sich ja schon daraus ergibt, dafs eben hier ein 
Prager Augenzeuge spricht und also der Wortlaut eines Berichtes 
vorliegt, der auch seiner Fassung nach dem sonstigen Charakter der 
Aufzeichnungen geradezu widerspricht. Mit diesen von dem Heraus- 
geber selbst hervorgehobenen Ungleichförmigkeiteu, zu denen er noch 
den Bericht über das Treffen von Reutlingen hinzufügt, stehen wir, 
was den übrigen Theil der Aufzeichnungen betrifft, vor der Frage, 
die gleichwol nicht beantwortet wurde, ob dieselben überhaujit als 
Chronik bezeichnet werden können, oder als Annalen zu gelten 
hätten. Es wird zwar hervorgehoben, dafs jemand, der sich an die 
schriftstellerische Abfassung einer Chronik gemacht, nicht ohne Vor- 
bedacht mit 1368 angefangen haben würde, aber wenn eine solche 
aus den Epochen der Stadtgeschichte geschöpfte Absicht vorgelegen 
hätte, so -würde der Verfasser wol die ersten Jahre nicht so notizen- 
haft behandelt haben. Die Aenderimg in der Stadtverfassuug ist 
von gröfster Wichtigkeit, aUein wenn sich ein nachträglich schrei- 
bender Chronist, ein Geschichtschreiber, durch das städtische Er- 
eignifs bestimmen liefs, sein Augsburgisches Werk mit diesem Jahre 
zu beginnen, so ist es auffallend, warum derselbe Schriftsteller nach- 
her den städtischen inneren Angelegenheiten so wenig Interesse 
schenkt, und davon mehr verschweigt als mittheilt. 

Durch nichts -ward der annalistische, vielleicht amtliche, Cha- 
rakter dieser Aufzeichnimgen in helleres Licht gestellt als durch die 
Vergleichung mit anderen Zusammenstellungen, welche über Ereig- 
nisse der Vergangenheit von einzelnen Chronisten des XV. Jahrhun- 
derts gemacht worden sind, und welche mit dem passenden Namen 
von Notizenchroniken bezeichnet woirden. Eine solche aus an- 
deren oft nicht mehr nachweisbaren, zuweilen aber auch bekannten 
Chroniken genommene Reihe von Jahresnachrichten \^^^^rde am Ende 
des XIV. Jahrhunderts verfafst^). Eine andere scheint von einem 
Anonymus in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts verfertigt zu 



1) Chronicalische Notizen von 1324—1393 St. Chr. IV, 245—249. In 
diesen wie in den Constanzer ähnlichen Chroniken ist charakteristisch der 
häufige Wechsel von deutsch und latein, der klarste Beweis für die excer- 
pirende Thätigkeit des Verfassers. 



lOQ § 8. Schwäbische Städtechroniken. 

sein^). Spuren von noch anderen solchen kurzen, der Form nach 
annalistischen, der Sache nach chronikalischen Zusammenstellungen 
finden sich noch mehrfach. Die hervorragendste Leistung dieser 
Art knüpft sich an einen bestimmten bedeutenden Namen und Ver- 
fasser. Erhart Wahraus stammte von Eichstädt, wo sein Stief- 
vater und seine Vettern lebten, mit denen er mancherlei Rechts- 
streitigkeiten hatte. Sehr jung mufs er nach Augsburg gekommen 
sein, da er bei einem Ereignifs des Jahres 1409 daselbst anwesend 
war; später trifft man ihn unter den angesehensten Kaufleuten der 
Stadt, im Jahre 1442 als Mitglied des grofsen Raths. Eben um 
diese Zeit scheint er seine Stadtchronik begonnen zu haben, welche 
der ursprünglichen Absicht nach von Adam beginnen sollte. Vom 
Jahre 1126 an werden die Notizen vollständiger und zahlreicher; 
vielleicht sind sie mit einer gewissen Raum- und Papierverschweu- 
dung in ein Buch eingetragen worden, um dem Verfasser bei Lee- 
türe anderer Bücher immer wieder Gelegenheit zu geben neue Daten 
an dem richtigen chronologischen Orte hinzuzufügen. Später mag 
die Absicht des Verfassers verkannt worden sein, und fremde Hände 
mögen das Buch zu vielerlei nicht eben zur Geschichte gehörigen 
Einschreibungen benutzt haben '^). 

Der vorliegende Schatz von chronikalischen Nachrichten, welche 
Erhart Wahraus gesammelt und hinterlassen, bietet mancherlei 
SchAvierigkeiten, falls man es unternimmt denselben auf seine Quellen 
zu prüfen. Gleichwol ergibt sich doch, dafs die Leetüre des Augs- 
burger Geschichtsehreibers ziemlich beschränkt war, obwol er selbst 
für die Zeit, wo ihm die ausführlichen oben erwähnten Annalen 
von 1368 — 1406 vorlagen, manches bringt, was in den letzteren 
nicht vorkommt. Die Reihe seiner Nachrichten vor dem Jahre 1349 
deckt sich mit Aufzeichnungen, die in Nürnberg vorkommen. Der 
gleichmäfsige und vorbedachte Charakter der Chronik des Wahraus 
zeigt sich besonders darin, dafs er sich in seiner Kürze auch nicht 
in jenen Zeiten stören läfst, wo er eigene Erlebnisse in viel bedeu- 
tenderer Weise anführen könnte, als er es thut. Im Jahre 1443 
schlofs er seine zunächst gefertigten Excerpte mit einem chronolo- 
gischen Resume über das Alter von Augsbm-g, welches er auf 2572 

') Breve C/ironicon Auyustanum a. a. 125(5—1467 aus den Peutinger- 
schen Papieren bei Oefele SS. rcr. boic. T, G15. Das meiste ist Exccrpt 
aus Erhart Wahraus und dafs dieser und nicht eine gemeinschaftliche 
Quelle vorliegt, scheint aus der falschen Angabe dessellten z. J. 1372 hor- 
vorzugclicn, ciafs der ermordete Jlclfcnstrin sieben Kinder hinterliefs. 

2) Chronik des Erhart Wahraus 112(i— 1145 mit Nachträgen z. J. 1462 
St. Chr. IV, 199—241. 



Sigmiind Meisterlin. 201 

Jahre schätzte. Für das Jalu- 1444 folgte hierauf eine ziemlich aus- 
führliche Eintragung. Das folgende Jahr enthält nur noch die Mel- 
dung von dem Tode des Herzogs Ludwig des Bärtigen. Möglich, 
dafs dieser Nachricht der Tod des Verfassers selbst bald folgte. 

Das Interesse für geschichtliche Dinge war unter seinen Zeit- 
genossen jedenfalls in hohem Grade angeregt, wie sich daraus am 
besten erkennen läfst, dafs auch officielle Persönlichkeiten auf die 
Geschichtschreibung Einflufs zu nehmen begannen. Und zwar wen- 
dete sich die einmal in Flufs gebrachte Wifsbegierde vorzugsweise 
der Vorzeit und dem ürspi-unge der Vaterstadt zu. Der Büi'ger- 
meister Peter Egen, der später den Namen von Argun annahm, 
veranlafste um das Jahr 1440 einen Geistlichen, der sich selbst 
Küchlin nennt, zur Abfassung einer Geschichte des Ursprungs von 
Augsburg. Küchlin entledigte sich zögernd und mit vielen Ent- 
schuldigungen dieses Auftrags durch ein Gedicht von 396 Versen, 
in welchem die Herkunft der Stadt Augsburg von den über Afi-ika 
und die Rheingegenden wandernden Trojanern beschrieben wird^). 

"Wenige Jahre nachher begann der Mönch bei St. Ulrich und 
Afra Sigmund Meisterlin seine fruchtbare historische Thätigkeit, 
welcher zwei Reichsstädte, Schwaben und Franken, Augsburg und 
Nürnberg geschichtliche Anregung und langdauernde Fortsetzung 
zahlreicher Fabeln verdanken 2). Meisterlin schrieb sein Werk, dem 
er den Titel Chronographia Augustensium gab, auf Anregimg des her- 
voiTagenden Bürgers Siegmund Gossenbrot des älteren^) und 
übersetzte dasselbe „zu einem gemeinen Nutz" unter Einflufs des- 
selben Mannes ins Deutsche. In der lateinischen Abfassung schliefst 
Meisterlin mit dem Jalu-e 1425, in der deutschen Bearbeitung läfst 
er die ganze neuere Geschichte seit K. Ludwig bei Seite. Nicht min- 
deren Einflufs auf Meisterlins Thätigkeit nahm sein Abt Johannes 
von Giltlingeu, der ihn später zur Abfassung einer Chi-onik der 
Augsburger Kirche veranlafste, in welcher Meisterlin zwar nochmals 
auf den fabelhaften Ursprung der Stadt zurückkommt, aber dann 
doch sehr wolgeordnetes Material für die Geschichte der Bischöfe 
von Augsburg bis auf den letztregierenden Johann von Werdeuberg 
bringt*). Meisterlin lebte sicher noch im Fmhjahr 1489. Sein 

') Die Reimchronik des Küchlin, nach der Textrecension von Lexer, 
ebd. IV, 333 ff. 

^) lieber Meisterlin St. Chr. III, 1 ff. Die Ausgabe der Augsburger 
Chronik von Ramminger 1522 ist unvollständig. 

^) Sigismund Gossenbrot als Vorkämpfer der Humanisten und seine 
Gegner, Zs. f. Gesch. d. Oberrh. 25, 36. 

*) Pist. Sti'uve III, 655. Die Verwechslung von Meisterlin mit Gossen- 



102 § S- Schwäbische Städtechi-onikeD. 

fabelhaftes Buch über den Ursprung von Augsburg ist daher aller- 
dings in früher Jugend geschrieben i). 

Meisterlin gehört bereits der neuen Richtung der humanistischen 
Historiographie an und übte einen unmittelbaren und raschen Ein- 
flufs auf die Geschichtschreibung Augsburgs aus. Ein leider ano- 
nymer Schriftsteller, dem es besonders um die Darstellimg der 
eigentlichen Stadtgeschichte in den letzten anderthalb hundert Jah- 
ren zu thuu war, vermochte nach dem Vorgange Meisterlins um das 
Jahr 1469 von der Erzählung des Ursprungs der Stadt nicht mehr 
abzusehen 2). Er reihte hieran ein Verzeichuifs der römischen, frän- 
kischen und deutschen Kaiser und lenkte mit dem XIV. Jahrhundert 
allmählich in die Geschichte der Stadt wieder ein, die er seit 1368 
mit grösserem Interesse für die inneren Verhältnisse verfolgte, als 
die meisten seiner uns schon bekannten Vorgänger. Von diesem 
für die Stadtgeschichte so wichtigen Jahre angefangen, nimmt er 
fast gar keine Rücksicht mehr auf Kaiser und Reichsgeschichten, die 
ihm in den filiheren Zeiten nur als Lückenbüfser gedient hatten. 
Sein Buch schliefst mit dem Jahre 1469. 

Eben zu dieser Zeit entwickelte der berühmteste und weitaus 
interessanteste Augsburger Geschichtschreiber seine Thätigkeit, Bur- 
kard Zink, welcher alle übrigen Zeitgenossen in Schatten stellte, 
und dessen Andenken in so lebendiger Erinnerung blieb, dafs ihm 
im Jahre 1862 von seinem Landsmann dem Bildhauer Joh. Leeb 
ein Denkmal gesetzt wurde, noch bevor die neuere Forschung daran 
gegangen war, auch seinem "Werk die gebührende Aufmerksamkeit 
zu schenken. Dafs Zink sich das Interesse unserer Zeit in hervor- 
ragenderem Mafse bewahrte, wird ohne Zweifel auch dem Umstände 
zuzuschreiben sein, dafs der beste und unterhaltendste Theil seiner 
Bücher gedruckt vorlagt) und dafs man auf solche Weise den be- 
wegten Lebenslauf eines Bürgers des XV. Jahrhunderts in persön- 
licher Anschaulichkeit kennen lernen konnte. 

brot wird doch auch schon hier richtig gestellt, weitere Verweisimg in 
den St. Chr. III. a. a. 0. besonders auf P. Braun Notitia histor. lit. UI, 
12 bis 75. 

') Struve III, 664. Extant desuper a nobis exili stylo in pucritia ex- 
arata majurum tarnen authoritatibus fulcita ad quac diligentem lectorem 
transmittimus. 

^) Chronik von der Gründung der Stadt Augsburg bis zum Jahre 1469. 

') Oefele I, 243—300. Excorpta l)oica ex Burckardi Zenggii (latei- 
nische Form für Zink nicht Zengg) Mcmmingani, sonatoris Aug. Chronico 
Augustano, bringt die biograpliisclicn Particcn und von der städtischen 
Geschichte die unmittelbar auf Baiern Bezug habonden Berichte, jetzt füllt 
das Werk den ganzen V. Bd. d. St. Chr. hrsg. von Frcnsdurff und Lexer, 



Burkard Zink. j^Qg 

Biirkard Zink A\iirde im Jakre 1396 zu Memmingen geboren. 
Sein Vater war ein Gewerbsmann, der zu Wolhabenbeit gelangt 
war^), und einen Bruder hatte, der sieb als Pfarrer zu Rieg in Krain 
befand, bei welchem der junge Burkard ebenfalls zum GeistKchen 
erzogen werden sollte. Der Oheim liefs den eilfj ährigen Knaben 
zu Reifaitz in Krain die Schule besuchen, aber in seinem 18. Jahr 
trieb es den letztem fort; da er den Wunsch seines Oheims nicht 
erfüllen und nicht die Uniyersität in Wien beziehen wollte, so ent- 
zweite er sich mit demselben. Als aber Bm-kard nach Memmingen 
zurückgekehrt war, fand er seineu Yater todt und das väteriiche 
Erbe an seine Geschmster vergeben. In dieser Not kehi-te er zu 
seinem Oheim nach Krain zurück, aber auch dieser war inzwischen 
verstorben. So hatte der junge Mann Jahre der Noth durchzu- 
machen, während welcher er als fahrender Schüler manche Städte, 
auch Nürnberg, besuchte und kennen lernte. In Augsburg entschlofs 
er sich in das Geschäft eines Kaufmanns einzutreten, und in diesem 
Stande mochte er seine Genossen bald übertreffen und sich Geltung 
verschaffen. Als er aber im Jahre 1420 sich einen eigenen Haus- 
stand gTÜnden wollte, mufste er sich mühsam dm-chkämpfen. Als 
den entscheidenden Wendepunkt seines Glückes darf man seinen 
Eintritt in eine kaufmännische Gesellschaft betrachten, bei der er 
27 Procent seines Anlagekapitals gewann und nun Mittel genug be- 
safs, um auf eigene Hand Häuser zu kaufen und zu verkaufen. 
Aber auch mit dem Stadtrath, dessen Aufmerksamkeit der junge 
sprachenkundige Neubürger erregt hatte, trat er in mancherlei Be- 
ziehungen. Er wurde Agent des Rathes für auswärtige Angelegen- 
heiten und betrieb theils auf eigene, theils auf fremde Rechnung 
Handelsgeschäfte mit Venedig. Er hatte mit drei Frauen 13 Kinder, 
wovon die meisten jedoch starben. Wegen des ältesten Sohnes, der 
aus Anlafs der Gredner Fehde des Erzherzogs Sigismuud von Tirol 
in Gefangenschaft gerathen war, hatte er noch in spätem Lebens- 
jahren einmal einen scharfen Ritt nach Trient thun müssen, vnn über 
das Lösegeld mit dem Bischof zu verhandeln. Seit 1460 etwa mag 
er sich einer mhigeren Lebensweise erfreut haben und hauptsäch- 
lich mit der Abfassung seiner umfangreichen Memoiren und Ge- 



') Frensdorff versteht die Worte: „und arbait auf der Steier- 
mark" so, als ob er dahin Handel getrieben hätte, was mir nach dem 
Glossar nicht sicher zu sein scheint. Es kann wol auch sein, dafs er 
..ain gewerbig man" dort einstmals in Arbeit gestanden habe. Für 
Kaufmannschaft scheint doch stets die Bezeichnung als „Kramer" bei Zink 
vorzukommen. 



104 § 8. Schwäbische Städtechroniken. 

' schichtsbücher beschäftigt gewesen sein. Im Jahre 1474 dürfte er 
gestorben sein. 

Sein bewegtes Leben lernt man au einer Stelle seiner Bücher 
kennen, wo er den Zweck verfolgt, allerlei Nachrichten über fremde 
Länder, Städte, Dynasten zusammenzustellen. Aus diesem Anlasse 
will er auch eine geographische Skizze aller derjenigen Orte mit- 
theilen, die er selbst kennen gelernt. Es sind sorgfältige Verzeich- 
nisse von Reiserouten, welche sich fast nach allen Weltgegeuden hin 
ausdehnen. Hie und da wii-d auch über die Beschaffenheit der an 
diesen Strafsen gelegenen Orte eine kurze Notiz beigefügt. Man 
dürfte schwerlich ein ähnliches Cours- und Reisebuch aus dem XY. 
Jahrhundert mit gleich genauer Bezeichnung auch der kleinsten Sta- 
tionen voi-finden. Eine eingehendere Beschreibung gibt Burkard Zink 
von seiner Reise in das Ungarland, wohin er als Bote der Stadt an 
den Hof Kaiser Sigismunds geschickt wurde. Noch nach langen 
Jahren weifs er lebhaft darzustellen, wie er am Abend nach einer 
IiTfahrt durch wegelose ungarische Wälder in demselben Wh-thshaus 
wieder anlangte, von wo er des Morgens ausgeritten war. 

Zink verfafste vier Bücher, deren Abfassung neben einander 
stattfand, wobei es dahin gestellt sein mag, ob die von ihm als 
Bücher bezeichneten TheUe nicht etwa wirklich als selbständige 
Bände anzusehen sind. Dafs hie und da Verweisungen mit der 
Bezeichnung : „wie obgeschrieben" vorkommen, dürfte die Annahme 
für sich bestehender Bände, die eben numerh't waren, nicht hindern. 
In dem ersten Buch „erneuerte" er die uns schon bekannte Chronik 
von 1368—1406. Das zweite Buch von 1401 — 1466 enthielt alle 
allgemein historischen Begebenheiten, die ihm bekannt gcAvorden 
waren, in dem. dritten Buche stellte er die FamiUenereignisse dar, 
und das vierte widmete er den Ereignissen in seiner zweiten Vater- 
stadt. Es ist das umfangreichste von allen, und umfafst Geschich- 
ten, die sich innerhalb der Jahre 1416 — 1468 meist zu Augsburg 
zugetragen haben. Selbstverständlich ist diese Eintheiluug des Stoffes 
keine solche, bei welcher die doch klar hervortretenden Absichten 
im einzelnen immer festgehalten werden konnten; wenn die Stadt 
Augsburg Antheil an Begebenheiten nahm, die für Schwaben oder 
das Reich überhaupt Bedeutung hatten, so war es natürlich, dafs 
solche Dinge gelegentlich auch im zweiten Buche erzäldt Avui-den. 
und da die Quellen der Kenutnifs ohnehin meist Augsbiu'gischen 
Ursprungs waren, so entstand dann eine Ungleichmäfsigkeit der Er- 
zählung, welche dem Gegenstande des betreffenden Buches nicht 
ganz entsprach, und ebenso kamen auf diese Weise manche allgo- 



Burkard Zink. 2Q5 

meinere Dinge in die Geschichten der Stadt Augsburg. Allzu viel 
üeberlegung und methodisches Verfahren niufs man unserem Ge- 
schichtschreiber bei Benutzung seiner Tier Bücher nicht zumuthen; 
manchmal wird er sich wol auch von dem Umstände haben leiten 
lassen, ob da oder dort leere Blätter und überflüssiges Papier vor- 
handen waren. 

Was man zur Charakteristik der Aufzeichnungen sagen könnte, 
wird immer nur eia schwaches Bild von der höchst originellen und 
merkwürdigen Verbindung einer grofsen formellen Bildung mit der 
primitivsten historischen Darstellungskunst geben. Alan befindet 
sich überall an der Grenze antikisirender Geschichtschreibung, ohne 
dafs nur in einem einzigen Momente der mittelalterliche Chroniken- 
stil verlassen wäre. Doch weifs der Verfasser, dafs die Dinge einen 
über verschiedene Jahre hinaus sich erstreckenden Zusammenhang 
haben, und strebt daher redlich nach einer Pragmatik der That- 
sachen, ohne jedoch selbst die entsprechende üebersicht zu besitzen. 
Was seine politischen und religiösen Ansichten betrifft, so wird man 
in dem Chronisten schwerlich einen Vorläufer der grofsen Augs- 
burger Humanisten- und Reformationsperiode erkennen dürfen. Be- 
sonders in religiösen und kirchlichen Fragen steht Burkard Zink im 
tiefen ^littelalter, und auch seine politischen Ui'theile erheben sich 
selten über die Linie eines ziemlich befangenen Stadtbürgersinnes. 
Dennoch aber fesselt uns seine Erzählung. Er erzählt einfach und 
sehr lebendig, er läfst wol erkennen, dafs er viele Jahre sein Latein 
gelernt, aber er quält nicht diu'ch unpassende Gelehrsamkeit. Was 
den Werth seiner Nachrichten betrifft, so zeichnen sich dieselben 
durch ein vollständiges und vortreffliches Verständuifs für die städ- 
tischen und Verfassungsangelegenheiten aus. Was uns in mehreren 
anderen Augsburger Aufzeichnungen früherer oder gleicher Zeit 
mangelhaft erscheint, die Aufmerksamkeit für die inneren und in- 
timeren Verhältnisse und Vorkommnisse der Stadt gewährt Bui'kard 
Zink in reichem Mafse für eine lange Reihe von Jahren — eigent- 
lich schon für die Zeit von 1368 an, denn, was er zu der ältesten 
von ihm erneuerten Aufzeichnung Augsburgs in seinem ersten 
Buche hinzuthut, sind Awklich meist Nachrichten über städtische 
Zustände. 

So kann man denn allerdings sagen, dafs die Augsburger Histo- 
riogi-aphie in Bm-kard Zink wenn nicht ihren Höhestand erreichte, 
so doch zur vollen Blüthe kam. Häufig benutzt und abgeschrieben 
ANTirde Zinks Werk in Augsbui-g nicht, wenigstens liegt es gegen- 
wärtig niu- in wenigen Handschriften vor. In diesem Punkte scheint 



IQg § 8. Schwäbische Städtechroniken. 

ihm Hektor Mülich den Rang abgelaufen zu haben, dessen Chronik 
vorzugsweise Grundlage der späteren Historiographie Augsburgs 
blieb 1). 

"Während in Augsbiu"g die städtische Geschichtschreibuug ur- 
sprünglich einen annalistischen Charakter trägt und erst von da aus 
zu umfassenderen Darstellungen fortschi*eitet, schliefst sich in Ulm 
ähnlich wie in Constanz die deutsche Chi'onik an die allgemeineren 
weltgeschichtlichen Arbeiten an. So erscheint die deutsche Cronica 
des Ai'ztes Heinrich Steinhöwel als eine Bearbeitung der mino- 
ritischen Lehrbücher der Weltgeschichte-). Wie sich die erste Con- 
stanzer Weltchronik an die Kirchengeschichte des Ptolemäus, so 
schliefst sich das Werk Steinhöwels treu an das minoritische Lehr- 
biTch an. Aber so wie jene, so ist auch dieses nicht eine blofse 
Uebersetzung, sondern beide enthalten mancherlei Eigenthümlichkei- 
ten, welche auch für locale Verhältnisse beachtenswerth sind. 

Auffallend möchte man es beinahe bezeichnen, dafs in Ulm die 
schwere lateinisch geschriebene Geschichtsdarstellung sich behauptete, 
nachdem die deutsche Chronik Steinhöwels bereits Bahn gebrochen 
hatte. Felix Faber schrieb gegen Ende des XV. Jahrhunderts 
seine Bücher lateinisch, obwol er auch seinerseits einen Werth auf 
die Stadtgeschichte legte ^). In seiner in zwei Büchern wol noch 
vor dem Tode Kaiser Friedrichs IH. vollendeten Historia Suevorum, 
kommt Faber mehrfach auf deutsche Chroniken zu sprechen, deren 
Inhalt er theilweise mittheilt, aber mit offenbarer Verachtung behan- 
delt. Schon im 20. Capitel erzählt er eine wie er sagt jocose aber 
nicht wahre Geschichte, welche er in einem deutschen Geschichts- 
buche gefunden, welches auch Lyrer von Rankweil gekannt zu haben 
scheint. Ebenso ist eine andere fabelhafte Geschichte von Schwaben 
seit dem Jahre 444 mitgetheilt, welche aus dem Deutschen ins 
Lateinische übertragen Avurde, imd die mit der von Crusius wol er- 

') Städtechron. IV, XLI. Die seit Anfang des XVL Jahrh. häufig ge- 
druckte Chronica new: manicherlav Historien vgl. Zapf, Augsb. Bibl. I, 
13—16, Stalin, Wirt. Gesch. III, 6. '7. 

2) Vgl. Stalin, Wirt. Gesch. III, 2, oben S. 67. Clironica, hie hebt 
sich an ein tütsche Cronica etc. 1. Ausg. Ulm 1473. 

^) Goldast, Rerum Suevic. SS. 2. Ausg. Ulm 1727 mit guter Einlei- 
tung über Felix Faber. Das erste Buch der Historia Suevorum reicht im 
cap. XVIII bis zum Jahre 1488. Doch scheint zur Zeit der letzten Re- 
daction des Buches Kaiser Friedrich schon todt gewesen zu sein, vgl. die 
Ueherschrift zum Cap. 16. Ein Theil der Historia Suevorum, descriptio 
Sueviae 1488 — 1489 ist jetzt herausg. v. H. Eschor. Quollen z. Schweiz. 
Gesch. VI. 1884. Schon vor Faber wurden Pilgerfahrten von 1440 und 
1453 von den Basler Bürgern Hanns und Peter Rot unternommen und be- 
schrieben. Beitr. z. vaterl. Gesch. v. d. hist. Ges. in Basel 11. Band. 



Ulm. 107 

wähnten Ravensb arger Chronik^) zusammenzuliängen scheint. 
Felix Faber selbst bemüht sich eine wahrheitsgetreuere Geschichte 
von Ulm im zweiten Buche seiner Geschichte zu liefern. Doch 
scheint es, dafs das letztere schon vor dem ersten Buche abgefafst 
wurde. Denn ausdi-ücklich bemerkt der Verfasser, das Jahr, in wel- 
chem er von und iiber Ulm zu schreiben beginne, sei 1454. Dar- 
nach scheint es, dafs der werthvollste und wichtigste Theil der Fa- 
berschen Geschichte ursprünglich selbständig als eine Geschichte von 
Ulm bearbeitet wurde. 

Felix Faber war Predigermönch und erwarb seinen gi'öfsteu 
litterarischeu Ruhm durch seine umständlich beschriebene Reise in 
das heilige Land, welches er im Jahre 1480 und 1483—84 be- 
suchte. Seine erste Reise dauerte 215, die zweite 289 Tage^). Aufser- 
dem erzählt Crusius habe Faber auch eine deutsch geschriebene Ge- 
schichte der Abtei Ochsenhausen verfafst. In den ersten Jahi-en des 
XVI. Jahrhunderts starb Felix Faber. 

In andern schwäbischen Städten finden sich wie in Ulm man- 
cherlei Spuren fi'üherer historiographischer Thätigkeit, doch in den 
meisten dürften die Chroniken nicht über das XVI. Jahrhundert 
hinauf reichen. In Schwäbisch Hall versicherte Johannes Herolt, 
dafs ältere Historien durch die gi-ofse Feuersbiimst verloren gegan- 
gen seien ^). 

§ 9. Schweizer Chroniken. 

Im fünfzehnten Jahrhundert erst trat in der Geschichtschreibung 
der oberschwäbischen und burgimdischen Gebiete das Bewufstsein 
gemeinsamer Interessen und Ideen hervor, welche sich an die lange 
Reihe eidgenössischer Bünde knüpften. Doch auch damals war man 
noch sehr weit von einer engeren staatlichen Gemeinsamkeit ent- 
fernt, und es ist daher eine sehr natürliche Erscheinung, dafs die 
älteren Schweizer Chroniken den ausgeprägtesten localen und par- 
ticiüaren Charakter an sich tragen, der nur immer der Geschicht- 
schreibung des Mittelalters eigen ist. Eine Schweizer Chronik, wie 

') Crusius Ann. Suev. III, 375. Hinc illud in Ravensburgensi Chro- 
nicon. 

■) Herausg. vom litt. Verein zu Stuttgart. Band II— IV, Evagatorium 
in terrae sanctae Arabiae et Aegypti peregrinationeiii ed. Hassler. 

3) Chronica von der Statt Hall durch Johann Herolt, herausg. von 
Schönhuth. Vorrede vom Jahre 1541 ; Rotenburg a. d. Tauber, vgl. Vogel 
Mittheilungen über e. Sammelband d. Stadtarchivs zu Rotenburg. Erlan- 
gen 1876. 



108 § 9. Schweizer Chroniken. 

man sich heute gewöhnt hat von solcher zu sprechen, gibt es auch 
im fünfzehnten Jahrhundert eigentlich nicht und insbesondere in den 
alten Reichsstädten der Schweiz unterscheidet sich die Geschicht- 
schreibung Ton derjenigen von Strafsburg, Augsburg oder Constanz 
in keinem Stücke. Nur die aufkommende und immer mehi* sich 
ausbreitende Ueberliefeiamg von der Eidgenossenschaft knüpft erst 
ein leises, allmählich ein festeres Band zwischen den localen Historien 
der einzelnen Städte oder Länder und verleiht denselben allmählich 
einen einheitlicheren Charakter. 

Wenn man aber die älteste im Umfange der heutigen Schweiz 
erhaltene Chronik betrachtet, die der üeberlieferung des Eidgeuossen- 
schaftsbundes gedachte, so sieht man wie dünn zunächst der Faden 
war, welcher die zahlreichen städtischen Aufzeichnungen unterein- 
ander verknüpfte. Dem Geschichtschreiber der Stadt Bern*) standen 
im Anfange des XY. Jahi-hunderts die alten eidgenössischen Ueber- 
liefemngen noch so fern, dafs es ihm wenig Kummer verursachte, 
wenn er berichtet, dafs die Herrschaft von Habsburg ihre Rechte 
an die "Waldstädte der HeiTSchaft von Oesterreicli verkauft hätte, 
aber dafs man die darüber bestehende „Rechtung- nicht mehr genau 
kenne. Konrad Justinger weifs besseres und nützlicheres zu 
thun, als sich um die dunkle Geschichte der Waldleute ernstlich zu 
bemühen, obwol ihm ja nicht unbekannt war, dafs es viel „Majestäts- 
briefe" über die Rechte derer von Sch\\dz und anderen alten Orten 
gab. Allein der Mann der in seinem wolgeordneteu Berner Gemein- 
wesen als ein sorgfältiger Sammler und Kenner der Urkunden galt, 
welche das Archiv verwahrte, verspürte keine Nöthigiuig in seiner 
Chronik von Bern, eine genauere Untei'suchung und Erzählung 
von den Waldstätten einzufügen, mit denen die Stadt im Bunde 
war. „Den Städten, sonderlich des heiligen römischen Reichs 
Städten gezieme es sich die Ereignisse aufzeichnen zu lassen, welche 
auf die Städte und auf die Leute, die zu ihnen gehören, und auf 
ihre Eidgenossen und Freunde sich bezögen. Und deshalb habe es 
Konrad Justinger, derselben Stadt Bern gewesener Stadtschreiber, 
mit Gottes Hilfe im Jahre 1420 unternommen, aus Schriften und 
Urkundenbüchern die Wahrheit über Bern seine Freunde und 
Eidgenossen darzustellen 2)." 

') Die älteren Quollen von Bern Itei W. G. IT, N. mit Rücksicht auf 
Fontes verum Benionsium II. Bd. Born 1880. 

^) Die erste Ausgal)o Justingers von E. Stiorlin und .1. K. Wyfs beruht 
auf der Handsclirift, Avel(^he 1484 von Diol)oUl Soliilling dorn Katlio von 
Bern übergeben wurde und welche drei Bände entliielt (Justingor, Tsohachtlan, 



Konrad Justinger. - JQQ 

Der Name Justinger findet sich weder unter den früheren noch 
unter den spätem bürgerlichen Geschlechtern von Bern. Nur in 
den Jahren 1400 — 1420 kommen die beiden Brüder Werner und 
Konrad Justinger in Urkunden vor, und es vnrd der erstere als Unter- 
schreiber auf der Staatskanzlei bezeichnet, der letztere nennt sich 
selbst im Jahre 1421 einen gewesenen Stadtschreiber, als welcher 
er 1384—1393 und 1411—1416 auch sonst erscheint. Seit 1416 
aber war Heinrich von SiDeichingen sein Amtsnachfolger. Zur Ab- 
fassung der Chronik mag Justinger die fr-eie Zeit benutzt haben, die 
ihm sein Rücktritt vom Amte gewährte. Den Auftrag zu seiner 
Arbeit erhielt Justinger vom Rathe der Stadt Bern selbst. Er fand 
in Bern eigentlich wenig vor, was ihn aus der früheren Periode 
der Geschichtschreibung als Quelle dienen, oder woran er anknüpfen 
konnte. Die kleine Chronik von Bern und der Laupenki-ieg^), endlich 
eine Aufzeichnung über den Freiburger Krieg gegen Bern, beginnend 
mit dem Jahre 1386, dem Tode des Herzogs Leopold HI. und der 
Schlacht bei Sempach^), nicht viel mehr als diese dürftigen Notizen 
dürften Justinger von eigentlich auf Bern bezüglichen Nachrichten 
zur Hand gewesen sein. Was er daniber hinaus mittheilen wollte, 
mufste er aus archivalischen Studien und aus anderen allgemeinen 
oder Chroniken von benachbarten Städten und Orten zu gewinnen 
suchen. Coustauzer und Zürcher Chroniken zeigen daher die gröfsten 
Verwandtschaften mit dem Werke des Berner Stadtschreibers, doch 
dürfte es schwerlich gelingen, die eigenartigen Verschlingungen dieser 
Ueberlieferungen blofs zu legen imd die Frage zu entscheiden, ob 
die uns vorliegenden Chroniken des XIV. Jahrhunderts unmittelbare 
Quellen Justingers waren, oder ob gemeinsames Material benutzt 
"wurde, oder ob Justinger selbst für manche Notiz Urheber war, 
die in Handschriften benachbarter Stadtchroniken nachträglich Auf- 
nahme fand. Kleist wird sich nur im einzelnen Fall hierüber eine 
Vermuthung aufstellen lassen. Eine allgemeine Nonn für die Ver- 
wandtschaftsverhältnisse der Berner Chronik finden zu wollen, dürfte 
ein eitles Unternehmen bleiben. Justinger ist in seinen Mittheilungen 
über Quellenbenutzung so wenig genau wie die anderen Geschicht- 

Schilling) gedruckt Bern 1819 und 1820. Nunmehr hat Studer auf Grund 
sorgfältiger handschriftlicher Vergleichungen. worüber im Archiv des hist. 
Vereins zu Bern Bericht erstattet, die Wintenthurer Hs. der neuen vor- 
züglichen Edition zu Grunde gelegt. Bern 1871. 

J) S. oben S. 84 § 6 Anm. 1. 

-) Anonymus Friburgensis Schw. Museum. 1794. S. 613 jetzt mit dem 
Conflictus Laupensis und der Crouica de Berno als Beilagen I. II. und IV. 
bei Studer, Justingers Bemer Chi'onik. 



wo § 9. Schweizer Chroniken. 

Schreiber jener Zeit und huldigt genau derselben Methode des Ab- 
schreibens und gleichzeitigen Yeränderns vorliegender Quellen, -wie 
diese 1). Noch mehr wurde jede Spur originaler Quellen von den 
späteren Benutzern und Ueberarbeitern der Berner Chronik ausgetilgt, 
so dafs in der Diebold Schillingschen Zusammenfassung des ge- 
sammten Bestandes Bemer Geschichtschreibung am Ende des XY. 
Jahrhunderts auch der Name Justingers selbst ausfiel. Die ob- 
jektive Geschichtsüberlieferung schien desto besser gesichert, je we- 
niger die Namen der Gesctichtschreiber aufbewahrt "WTU-den. So 
sollte es von Bern eben nur Eine Chronik geben, an welche sich 
jedermann zu halten hätte. Von A.mtswegen die Chronik zu corri- 
giren und eine heilsame Censur zu üben schien als besonders wün- 
schenswerth und die Aufmerksamkeit des Rathes in mehrfachen 
Wiederholungen zu fordern. Es war eigentlich erst neuerer Zeit vor- 
behalten, die Autoren wieder in ilire Rechte einzusetzen, aber es 
war nicht mehr vollständig möglich den Antheil zu bestimmen, wel- 
chen jede einzelne Persönlichkeit an den einzelnen Theilen der ge- 
sammten Bemer Chroniken in Anspruch nehmen durfte. 

Was Justingers Thätigkeit anbelangt, so gut es nicht als aus- 
gemacht, ob er das Werk bis zum Jahre 1421 selbst geführt habe 2). 
Dennoch aber läfst sich wol ein Bild dieses geschickten und fleifsi- 
gen Sammlers auf Grund jener Partien ge^^^nnen, deren Autorschaft 
ihm unzweifelhaft gebührt. Vor allem charakterisirt unseru Geschicht- 
schreiber, wenn vnv nicht iiTen, der streng historische Beginn seines 
Werkes ohne alle fabelhafte Urgeschichte von Bern. Mit der Wahl 
Kaiser Friedrichs I., mit der üebertragung der heiligen drei Könige 
von Mailand nach Köln, mit des Kaisers Meerfahrt und der Stiftung 
von Bern im Jahre 1191 beginnt der Chronist sein Werk in ruhiger 
Sicherheit und BeheiTSchung des Stoffes, ohne alle nachhelfende Phan- 
tasie sachlich und wolgeordnet und mit dem sichtbaren Bemühen, 
die nicht völlig abzuweisende Sage wenigstens auf sehr kleineu Raum 
zu beschränken. Die gedrungene Sprache, welche Justinger meister- 
haft behen'scht, meist wolgebaute kurze Sätze, und die grosse Selten- 

') In den Studien über Justingor ii:it Studer namentlich im Arch. f. 
Bern. V, 213—248, 523—604, VI, 20—080 in der Tiiat für eine grofse 
Masse von einzelnen Punkten das Quellonvorhältnirs fostzustellcn gesucht, 
aber wo sich nicht die Frage auf urkundliches Material stützt, da scheinen 
die Resultate ziemlich unsicher zu sein. 

^) Studers eigene Bemerkungen Arcliiv IV, 4. S. 11 sind in der Aus- 
gabe nicht l>esonaers im Drucke angezeigt, doch scheint ohne Frage die 
spätere Hinzufügung dieses Theiles sowie der eben daselbst angezeigten 
Einschiebsel festzustehen. 



Konrad Justinger. Hl 

heit hervortretender subjektiver Momente, die Sparsamkeit in Mit- 
tiieilung persönlicher Eindrücke lassen es wol keinen Augenblick 
zweifelhaft, dafs der Geschichtschreiber gleichsam eine amtliche 
Mission erfüllte. In der Benutzung des reichen Urkundenschatzes 
des Berner Archivs woirden Justinger neuestens sehr zahlreiche Ver- 
stöfse nachgewiesen, doch bleibt es ungewifs ob nicht ein grofser 
Theil davon den Abschriften zur Last fällt. Der Gang der Er- 
zählung richtet sich denn auch wesentlich nach dem urkundhchen 
Material, daher kommt es, dafs Justinger so viel mehr von den 
burgundischen Yerhältnissen des XIII. Jahrhunderts weifs als von den 
schwäbischen. Innere Stadtangelegenheiten werden doch im ganzen 
wenig ei-wähnt. Durch die Beachtung und Aufnahme von vielen 
historischen Liedern erwarb sich dagegen Justinger ein ganz be- 
sonderes Verdienst, welches in seiner Totalität kaum hinreichend 
gewürdigt worden ist, denn wenn auch schon andere vor ihm, wie 
Fritsche Closener und Königshofen es nicht verschmäht haben, ihren 
Chroniken diese volksthümlichen Ueberlieferungen einzufügen, so 
thut es doch keiner vor ihm so systematisch und wolgeordnet. Man 
sieht, er sammelt die Lieder zum besondem Zwecke der Mittheilung 
und fügt sie unter gewissen Rubriken ein. Diese Methode haben 
alle spätem Schweizer Geschichtschreiber nachgeahmt und diesem 
Umstand verdankt man das Ueberge-wicht der historischen Volks- 
lieder der Schweiz, von welchem man sich leicht überzeugen kann. 
Justinger aber darf man als wesentlichsten Begründer oder Beförderer 
der Aufnahme der Lieder in die Chroniken bezeichnen. 

Die allgemeine Geschichte war Justinger durch Königshofens 
"Werk bekannt; einzelne Abschnitte, wie die Geifslerfahrten, beweisen 
mit vollkommener Ge^ifsheit, dafs ihm der Strafsburger Autor be- 
reits bei Abfassung der Bemer Chronik vorlag, aber auch diese 
Quelle wii'd überall systematisch verläugnet^). Dagegen gibt es ein 
mit Justingers Berner Chronik in engster Verwandtschaft stehendes 
Werk, welches sich auch äufserlich an Königshofen anschliefst, ja 
eigentlich als dessen Fortsetzung sich darstellt. Dieses Werk wm-de 
in mehreren Handschriften dem Königshofen so eingefügt, dafs das- 
selbe im Register als fünftes Capitel der Elsässer Chronik erscheint. 
Man bezeichnet gegenwärtig dieses Werk als Königshofen- Justin - 
ger, während andere demselben einen VoiTang vor Justingers Chro- 

') Mehrere Beispiele führt Studer in seinen fleifsigen Quellenstudien 
über Justinger selbst an, so z. B. nro. 138. nro. 140 im VI. Band des 
Archivs S. 279 und a. a. 0. Andere Beispiele auch bei Hegel, Städtechi-. 
Vm, 186. 



112 § 9. Schweizer Chroniken. 

nik einräumen möchten und dasselbe als eine ältere anonyme 
Stadtchronik betrachten, auf deren Schiütern der ausführlichere 
Justinger selbst stände. Und in der That hätte diese Ansicht viel 
Ansprechendes, wenn nicht die handschriftlichen üeberlieferungen 
sich so sehr dagegen erhöben^). 

Auf den Bestand einer älteren anonymen Stadtchronik 2) 
wird man daher wol verzichten müssen. Das Werk, welches an und 
in die Königshofenschen Handschriften gefügt worden ist, erweist 
sich als ein Auszug aus Justingers Berner Chronik, von dem nur 
das eine unsicher ist, ob derselbe von Justiuger selbst oder von 
einem spätem Schreiber des Königshofen herstammt. Das Verhältnifs 
beider Werke zu einander bezeichnet sich dadurch am besten, dafs 
das 243. Capitel des Königshofen - Justinger dem 470. des echten 
entspricht. Wiewol nun der erster e keineswegs jeder selbständigen 
Mittheilung bar ist, so zeigt sich der epitomatorische Charakter dessel- 
ben doch hauptsächlich darin, dafs er kein einziges Capitel enthält, 
welches nicht einem oder mehreren Capiteln der gTÖfseren Chronik 
entspricht und die Kürzungen deutlich als solche sich bemerkbar 
machen. Auch die Ansicht, dafs Justinger selbst seine Chi-ouik ex- 
cei-pirt habe, ist unwahrscheinlich genug und somit dürfte das wahre 
Sach verhältnifs nicht leicht zu verkennen sein. Die beiden Bücher, 
welche nach Justingers Tode in Bern und den oberschwäbischen 
Städten verbreitet waren, -wairden der Bequemlichkeit halber zusam- 
mengezogen, indem man dem Strafsburger Chronisten einen Auszug 
aus dem Berner beifügte, um beide Zwecke, Kenntnifs der allgemeinen 
sowie der heimischen Geschichte gleichzeitig zu eiTeichen. 

Auf diese compilatorische Thätigkeit beschränkte man sich in 
Bern längere Zeit hindurch. Erst ein halbes Jahrhundert später liefs 
Bendicht Tschachtlan im Verein mit Heinrich Tittlingen 
die Justingersche Chronik neuerdings schreiben, mit Bildern verzie- 
ren, ergänzen und fortsetzen^). Tschachtlan war eine vornehme und 

') Wattenwyl, Gesch. Berns I, 14. 

^) Unter diesem Titel druckt Studer in seiner Ausgabe der Berner 
Chronik die Königshofen- Justingersche Chronik als S.Beilage S. 314 ff. 
ab. S. XXrn ff. weist Studer sechs Handschriften dieses Justingerschen 
Auszugs nach. 

■'') Die Ausgabe von Bendicht Tschaehtlans Berner Chronik von dem 
Jahre 1421—1466 herausg. von Stieriin und J. R. W^fs. Born 1820 be- 
ruht ebenfalls wie jene Ausgabe Justingers nicht auf Tschachthins erhal- 
tenem Original, sondern auf der Dicbold Schillingschcn Arbeit, welche 
auch T.schachtlans Werk enthidt, vgl. auch die Chronik von Tschachtlan 
von Dr. G. Studer, Archiv f. Bern. VI, 627 — 653. Uebor dio neue Ausgabe 
in Quellen zur Schw. Gesch. I. s. weiter unten. 



Die Tendenzen der alten Cantone. j[]^3 

einfliifsreiche Persönlichkeit in Bern. Seit 1469 Venner, safs er 
schon im Jahre 1452 im gi-ofsen und 1458 im kleinen Stadtrath, 
das Venneramt bekleidete er bis 1473. Wenn neben Tschachtlan 
Tittlinger als Schreiber des Buches genannt wird, so wird man 
es doch nicht ganz unbillig finden, wenn man die Auswahl und Re- 
daction der abzuschreibenden Werke vorzugsweise Tschachtlan zu- 
schrieb, indem man seinen Namen als den des Urhebers vorzugsweise 
im Gedächtnisse behielt. 

Tschachtlan gieng mit dem Werke Justingers ziemlich eigen- 
mächtig um, er änderte und „verbesserte" daran in mancherlei Weise. 
Mit dem Ende der Justingerschen Aufzeichnungen fand aber Tschacht- 
lan die Bernischen Geschichtsquellen wesentlich erschöpft; um der 
Zeit vom Jahre 1421 bis 1470 gerecht zu werden, mufste sich 
Tschachtlan an auswärtige Schriften halten und er that dies auch 
in ziemlich mechanischer Weise, indem er grofse Stücke fremder 
Darstellungen sich aneignete und den Ursprung seiner Chronik nach 
allgemeiner Sitte so sehr als möglich verdunkelte. Der gröfste Theil 
des Tschachtlanschen Werkes führt daher zunächst in die östliche 
Schweiz, wo die Historiographie inzwischen zu einer grofsen Ent- 
wickelung gekommen war und anfieng ihren Einflufs auf die west- 
lichen burgundischen und die nördlichen schwäbischen Städte und 
Geschichtschreiber immer deutlicher zu üben. 

Für die Urkantone der Schweiz hatte der grofse Zürcher 
Krieg, welcher um die Toggenburgsche Erbschaft entstanden war, 
eine eigenthümliche historiographische Bedeutung erlaugt. Es ist 
offenbar eine grofse geistige Veränderung, welche um die Mitte des 
XV. Jahrhunderts in den alten Waldstätten vor sich gieng. Das Be- 
\^'ufstsein der Bedeutung der Schwyzer für die gesammte Entstehung 
der Bünde erhob sich im Kampfe mit den grofs- vmd reichsstädti- 
schen Rivalen. Dem Landamman von Schwjz Ulrich Wagner 
schrieb man gewisse litterarische und historische Interessen und 
Neigungen zu, und um das Jahr 1440 war eine alte, leider verlorene 
Schwyzerchronik vorhanden, welche aller Wahrscheinlichkeit nach 
von dem Landschreiber Johann Fründ verfafst Av-urde'). Dieselbe 
ist von Etterlin in seinem später zu erwähnenden Geschichtswerk 
benutzt worden, war aber schwerlich weit verbreitet, so dafs schon 

^) Von Bernoulli schön gezeigt im Jahrb. f. Schw. G. VI, 177 — 200. 
Darnach wird theilweise berichtigt, was in der Abhandlung über Etterlin 
(s. weiter unten) in Betreff des „Herkommen der Schwyzer und Oberhasler 
bemerkt worden war. Dagegen wird nun die Schwyzerchronik auch als 
Quelle für das weisse Buch angenommen. 

Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I. 8 



'114: § ^- Schweizer Chroniken. 

bei den Geschichtsclireibern des XIV. Jahrhunderts Unsicherheit 
über die alte Schwyzerchi'onik heiTschte und Yerwechslungen mit 
andern gleich zu nennenden Büchern eintreten konnten. 

Die Bedeutung Hans Fründs als Geschichtschreiber liegt indes- 
sen niu' in seinem zeitgenössischen Werke über den Zürcher Krieg, 
dessen Darstellung in vier Haupttheile zerfällt i) und zehn ereignifs- 
reiche Jahre mit einer ermüdenden Fülle von Details schildert. 
Hans Fründ war ein geborener Luzerner und soll bei den Chorherrn 
im Hofe daselbst die Schule besucht haben. Er wurde ünterschrei- 
ber seiner Vaterstadt und durch Egüolf Etterlin in die diplomatische 
Laufbahn eingeführt. Als der Zürcher Krieg ausbrach, bedurfte 
Schwyz, das sich bis dahin des Stadtschreibers von Raperswyl be- 
dient hatte, eines eigenen Beamten und berief zu diesem Ende 
Hans Fründ. Er wurde ein Vertrauter Itel Redings, Hans Abybergs 
und Ulrich "Wagners und gehörte zur Bauernpartei, deren Stellung 
damals und gerade vermöge der von ihm geschilderten Ereignisse 
in einem bewufsten Gegensatz zu dem Städte- und Landadel sich 
befand. Er erkrankte 1450, lebte dann in Schwyz nur noch bis 1453 
und starb 1469. 

Die Darstellung des Zürcher Kriegs imternahm Fründ noch vor 
der Herstellung des Friedens aus eigener Bewegung; denn er war 
sich. beviTifst, dafs niemand anderer als er so genau über die Ereig- 
nisse berichten konnte, an denen er im Felde, wie in den Kanzleien 
den thätigsten AntheU genommen hatte. Dieser üeberzeugung gab 
er auch an passendem Orte in seiner Chronik Ausdruck ; er glaubte 
um so mehr für seine Sachkenntnifs einstehen zu müssen, je weniger 

') Die Unsicherheit, ob Wagener oder Fründ Verfasser des alten 
Zürcher Kriegs wäre, geht durch die ganze Schweizer Litt. Gesch. durch. 
Vgl. Haller Schweiz. Bibl. V, 160. Bullinger hält sich an den Namen Wa- 
gener, Tschudi an Fründ. Sichergestellt wird die Sache durch die von 
Melchior Rupp, Cappellan von Rorschach, im Jahre 1476 geschriebene 
Handschrift, worin die entscheidenden Stellen zu finden sind. In Tschacht- 
lans Berner Chronik reicht der Fründsche Theil von Cap. fi — 268. Ausg. 
von Wyfs u. Stierlin S. 5 — 308, wo sich nach der Zürcher Tschachtlan- 
Handschrift die ausdrückliche Beziehung auf das Ende des Zürcherkrieges 
findet, welche Schilling nachlier ebenfalls wegliefs. Tschachtlan hat die 
persönlichen Urtheile Fründs mechanisch nachgeschrieben, aber die Stellen, 
wo der Autor von sich spricht, sehr sorgfältig ausgemerzt. Zur Charakteristik 
der Chrunikschreiber des alten Zürichkriegs bringt Studer im Arch. f. 
Bern. G. VII, OP» einen Aufsatz. Der Soliulineister und spätere Caplan Mel- 
chior Kupp hat die Chronik Fründs abgoscluioben und sie ist jetzt nach 
dessen Handschrift von 1476 durch Clir. J. Kind, Chur 1875 herausgege- 
ben. In der Einleitung sind alle auf Fründ bezüglichen Fragen sorgfältig 
untersucht, aber seitdem auch wiederholter neuer Erörterung unterzogen 
worden. 



Volkssage oder Gelehrtenfabel. U5 

er bestrebt war, eine objektive Darstellung zu lieferu. Es gibt 
wenige Schriften des XV. Jahrhunderts, in denen die subjektive An- 
sicht des Geschichtschreibers so bestimmt in den Vordergrund tritt. 
Man gab deshalb schon -s^iederholt der VerAvunderung Raum, dafs 
Tschachtlan ein Buch, welches man als eine Parteischrift bezeichnen 
zu müssen glaubte, ohne weiteres in seine Berner Sammlungen auf- 
nahm. 

Während nun die zeitgenössische Aufzeichnung Fründs ihre 
eigenthümlichen litterarischen Schicksale in der Berner HistoriogTa- 
phie erlebte, gieng seine alte Schwyzerchronik in einem Werkchen 
imter, dessen Verfasser nur durch Combinationen zu erkennen war 
und welches eigentlich nur litterarisches Interesse bietet, „üeber 
den Ursprung und das Herkommen der Schwyzer und 
Oberhasler" ist der Titel einer merkwürdigen Schrift i), welche 
die sonst blofs auf dem Gebiete der Mythologie sichergestellte Ver- 
knüpfung zwischen der Schweiz und den Nordgermanen auf die 
Völkerwandeiaingsgeschichte übei-ti-ägt. In diesem Gewebe von Fa- 
beleien tritt die Erfindung von der Abstammung der Schwyzer und 
Oberhasler von den Schweden in voller Ausbildung hers-or. Den 
letzteren werden nun auch noch die Friesen als Stammväter der Landes- 
genossen hinzugefügt. An welches historische Ereignifs dabei etwa 
zu denken sein möchte, läfst sich aus den dunkeln Citaten nicht 
feststellen; ob die cimbrische Wandening, oder aber Gothische, oder 
noch lieber normannische Geschichten bei der phantastischen Con- 

*) Herausg. von Dr. Hugo Hungerbühler, Vom Herkommen der Schwv- 
zer. Eine wiederaufgefundene Schrift aus dem XV. Jahrhundert. Mitthei- 
lungen zur vat. Gesch. von St. Gallen XIV. neue Folge IV, 1 — 100. Neben 
dem Abdruck der Quelle liefert Herr Hungerbühler eine Abhandlung, in 
welcher die tiefsten Blicke in den Zusammenhang der Tradition gemacht 
sind. Mag nun Eulogius Kiburger oder Fründ die Quelle der Schweizer 
Schwedentraditionen sein, jedenfalls dürfte durch sie der Zusammenhang 
für die Schweizer Sage gewonnen werden. Ich denke, dafs der König 
Gifsbertus Schreibfehler für Sigfridus ist und in ihm die dänische Tra- 
dition, auf welche auch schon die Beziehungen zu den Ostfriesen weisen, 
mit der schwedischen verwechselt vorhegt; damit wäre dann nachgewiesen, 
dafs die weitere Ahnenreihe auf dänische Geschichtsquellen weise, womit 
ich jedoch nicht behaupten, aber auch nicht verneinen möchte, dafs Saxo 
Grammaticus diesen waldstättischen Gelehrten \virklich bekannt war. Vgl. 
Rochholtz, Teil und Gefsler, Heilbr. 1877. Gleich hier erwähne ich auch 
die Chronik Joh. Püntiners, welche Hungerbühler a.a.O. S. 74, ge- 
stützt auf Vaucher, Anz. f. schw. Gesch. 1870, p. 24 als ein Machwerk 
späterer Zeit bezeichnete. Versuche zu ihrer Rettung haben ßernoulli, 
Baechtold und Vetter gemacht, wogegen Schiffmann, Die Urner Chronisten 
Joh. Püntiner und J. A. Wohlleb, Geschichtsfi-eund 37, 309 die ganze 
Sache auf ein Mifsverständnifs Schmids zurückführt, der damit ein Msc. 
des 1748 gestorbenen Landammans Püntiner gemeint hat. 



Wß § 9. Schweizer Chroniken. 

stniction vorschwebten, vermag man nicht zu sagen. Der Verfasser 
hat blofs die deutliche Absiclit seine Schw'yzer in eine Beziehung zu 
uralten nordgermanischen Helden zu setzen, und es zeigt sich auch 
hierin ein gewisser gelehrter Gegensatz gegen die in den damaligen 
Städten beliebten Abstammungssagen von Römern und Trojanern. 

Die seit einigen Jahren stark in den Vordergrund der Discus- 
sion getretene Abhandlung rührt nun nach einer schönen Vermuthung 
von J. Baechtold A^on Eulogius Kiburger her, der sich eines gewissen 
Namens durch seine Stretlinger Chronik erfreut, und erst 1506 
gestorben, aber schon 1446 — 1456 Pfai-rer zu Einigen am Thunersee 
gewesen sein solP). 

Die Stretlinger Chronik zeigt in jeder Beziehung einen grund- 
verschiedenen Charakter und man hat wohl nicht unrecht gehabt 
die Ungleichheit dieser beiden Quellen zu betonen, indessen be- 
schwichtigte man die Einwendung gegen die Identität des Ver- 
fassers dadm'ch, dafs man meinte, die Schrift vom Herkom- 
men der Schvpyzer sei älter als die Stretlinger Chronik '). Die 
letztere, welche sonst auch als Bubenberger Chronik bezeichnet 
wurde, ist ein w^inderbares Gemisch von Sage und Geschichte und 
beginnt erst im fünften Capitel eine chronologisch geordnete Er- 
zählung anzunehmen. Sie schliefst sich au die iinkontrollirbare 
Geschichte der Herren von Stretlingen an und endet mit dem 
Aussterben des Geschlechts ohne genaueres Datum. Kiburger war 
übrigens auch Leutpriester und Kirchherr in Worb und nahm 1492 
Einflufs auf die Abfassung des Jahrzeitbuches daselbst, welches von 
Petermann Ettlinger geschrieben wurde 2). 

Allen diesen Fabeleien kann man eine doppelte Deutung geben; 
entweder war die Abstammung der Schwj^zer den Gelehrten des 
XV. Jahrhunderts gleichsam Avie eine neue Offenbarung Wodans 
auf dem Wege der schon vorhandenen Erzählungen von Toko und 
Harald Blauzahn klar geworden, oder die friesisch-schwedische Hy- 
pothese erzeugte in weiterer Ausbildung das Uebersetzungsgebilde 



') Die Stretlinger Chronik, hcrausg. von J. Baechtold. Vgl. Anz. f. d. 
Altorth. IV, 22. Gestützt auf Naucler.s Clironicon hat der letztere p. Ii3 
Eulogius Kiburger auch für das Herkommen etc. als Verfasser nachgewie- 
sen und die Abfassungszeit auf 1470 gesetzt. Dagegen äufsorte Vaucher 
einige Bodenken, Anz. f. schw. Gesch. 1877 p. 330. wogegen BornouUi 
a. a. 0. oben S. 113 N. 1. Für Fründ ist auch die Recension Moyers von 
Knonau in hist. Zs. 38 S. 512 zu beachten. Nach einer Mittlioihing im 
NA. VlII, 411 hält HciT Schift'mann eine l>is 1426 reichende Weltchronik 
auch für eine Jugendarboit von Hans Früud. 

2) Abh. d. h. V. von Bern IX, S. ÖS-IUD. 



Das weifse Buch von Sarnen. WJ 

von Toko und TelU). Aber sehr beachtenswerth ist es, dafs in 
einer andern waldstättischeu Aufzeichnung eben um diese Zeit die 
naturnothwendige Verbindung der ethnographischen und mythischen 
Tradition wirklich bereits vollzogen ist und in den obwaldischen 
Geschichtserzählungen mit jener ungeschmückten Naturwahrheit er- 
scheint, welche erkennen läfst, dafs der Erfinder des Märchens schon 
etwas älter sein mufste und sich bereits seinen Gläubigen gegenüber 
des erwünschten Dunkels erft"eute. 

Das weifse Buch von Sarnen^), nicht eigentlich zu chro- 
nikalischen Zwecken angelegt, ein den pergamentenen Diplomatarien 
der grofsen Nachbarstädte nachgeahmter Papiercodex, diente nur 
gleichsam zufällig z\\i Aufnahme der merkwürdigen Urgeschichte 
der Waldcantone, aber es ist sichergestellt, dafs der Schreiber des 
Diplomatars auch der Verfasser der grundlegenden Schweizer Histo- 
rien war. Er weifs davon zu erzählen, dafs die Schweden nach 
Schw}-z kamen imd dals der Teil seinen Namen habe, weil er nicht 
witzig Aväre. Die letztere so verrätherisclae Bemerkung war um das 
Jahr 1467 — 76, wo die Erzählung des weifs en Buches geschrieben 
wurde, zugleich ein Beweis, dafs eine sehr absichtliche Tendenz in 
den Waldstätten bestand, ihre edlere, uneigennützigere und eingrei- 
fendere Heroengeschichte zur Belehiimg der reichsstädtischen Leute 
und Geschichtschreiber zu verbreiten. 

Denn allerdings fehlte der Gegensatz in der Geschichtschreibung 
der benachbarten Orte und Städte nicht. Aeufserst scharfsinnig wurde 
darauf hingewiesen, dafs gcAvisse Aeufsenangen des weifsen Buches 



') Hierüber wünschte man am liebsten bei Wilhelm Vischer, Die Sage 
von der Befreiung der Waldstädte. Leipzig Vogel 1867 Auskunft zu er- 
halten. Dagegen geht Hungerbühler wirklich auf den Geist der Frage 
ein. Abschnitt IV S. 51 ff. gibt einen sehr beachtenswerthen Anstofs für 
die Erkenntnifs dieser Dinge, mit denen jetzt der Litterarhistoriker, wenn 
er wirklich für die Werkstätte des geistigen Lebens Sinn hat, mehr als 
der Historiker zu thun hat. W. Vischer liefs noch den eigentlichen Kern 
der Sache — Volkssage oder Gelehrtensage (s. Einleitung) völlig unbe- 
rührt. Entschieden spricht sich Baechtold, Stretlinger Chronik Vorw. 84 
aus indem er sagt, alle diese Dinge seien „auf gelehrtem Wege zugerich- 
tet worden''. 

^) Die Chronik im weifsen Buche zu Sarnen herausg. von Meyer von 
Knonau im Geschichtsfreund Bd. XIII. Einsiedeln 1857 S. 66 — 86 die 
Fortentwickelung der Richtung von Fründ und dem weifsen Buche ist in 
der Poesie aufzusuchen. Hieher gehört das schon früher bekannte Teilen- 
lied, jetzt von Liliencron II, 109 ff. Darüber hinaus das Urnerspiel (mehr- 
fach) vgl. Vischer a. a. 0. S. 168. Die Fründsche Schwedenüberlieferung 
findet Fortent-wickelung und Verbreitung durch Nicolaus Schradin, Schrei- 
ber zu Luzern, in der Reimchronik vom Schwabenkriege 1499. Geschfr. 
IV, 3—66. 



IJ^g § 9. Schweizer Chroniken. 

über die rechtliche Stellung des Hauses Habsburg zu den "Wald- 
stätten in einem be\Naifsteu Gegensatze gegen die Justingersche 
Chronik niedergeschrieben worden sind. Daraus erhellt zugleich, 
dafs dem Verfasser Quellen allerdings nichts unbekanntes waren, ja 
dafs er eine gemsse kritische Vergleichung der Nachrichten mit 
dem, was in seinen Urkunden stand, nicht scheute'). Ton den 
Chroniken, welche ganz und gar das österreichische und habsbvu:- 
gische Interesse in der Schweiz vertreten bis zu jenen, welche sich 
zu den abenteuerlichsten Erfindungen uralter Schweizer Freiheit 
versteigen, läfst sich gleichsam eine Stufenleiter verfolgen, an der 
kaum irgend ein Grad der Zu- und Abneigung, der Liebe und des 
Hasses mangelt. Ganz im österreichischen Sinne, zum Theü selbst 
gegen Zürich feindselig, ist die Chronik von Rapperswil^), welche 
im Anfange des XY. Jahrhunderts abgefafst ist und in der erhalte- 
nen Gestalt bis zum Jahre 1388 reicht, wo die Schlacht von Näfels 
in eigenthümlicher Weise erzählt Avird. In Züiich fand diese übri- 
gens fleifsige Arbeit keine Aufnahme, obwol nach Ausgang der MüU- 
nerschen Aufzeichnungen in der grofseu Reichsstadt ein Stillstand 
eingetreten war. 

Erst später wurde in Zürich die frühere chronistische Thätig- 
keit wieder aufgenommen, doch entbehren die zahlreichen Aufzeich- 
nungen und Abschriften durchaus einer geordneten Publikation 3). 
Auch sind die Namen jener Persönlichkeiten gänzlich unsicher, 
welche die Chroniken des XV. Jahrhunderts geschrieben oder ihre 
Schreibimg veranlafsten, obwol es eine bekannte Thatsache ist, dafs 
der damalige Stand der Bildung in Zürich ein sehr ungünstiger war, 
und von einem der weniger hervorragenden Schiüftsteller der Aus- 
spruch berichtet ist, es habe in Züi-ich seit Konrad von Mure keinen 
gelehrten Mann gegeben. So unterscheidet man denn auch die Hand- 
schriften, welche ziemlich zahlreich aus der letzten Hälfte, ja viel- 
mehr aus dem letzten Viertel des XV. Jahrhunderts von Zürcher 
Chroniken vorliegen, nach blofseu Zufälligkeiten. Einige derselben 
knüpfen sich an den Namen Ulrich Kriegs und au die Zeiten 
des Königs Rudolf. Ein Zürcher, Hanns Gloggner, soll 1432 

■) F. Vaucher Anz. f. scliw. Gesch. 1874. L;i chronique du livro blanc. 
Vgl. auch zur Tdlsago, desselben Aufsatz ebcnd. 1875 uro. 4 und aus An- 
lals des umfassenden Buches von Rochholtz, Teil und Gefsler, Heilbronn 
1877 vgl. ebenfalls Vaucher im Anz. 1877. nro. 4. 

*) Chronik von Rapperswil herausg. von EttmüUer Mittli. d. aut. Gos. 
v. Zurch IV, 228-237. 

^) Vgl. oben S. 76 Note über Hennes Klingenbergcr Chronik und 
Scherers Aufsatz Mittli, von St. Gallen I. 



Saraen, Zürich. WQ 

\ind mit Zusätseu vou 1437 uud 1438 die werthvollste darunter 
geschrieben haben. Aufserdem findet man die Namen Gebhart 
Sprenger von Konstanz und Hans Hüpplin in einer Klasse von 
Handschriften, welche auch in St. Gallen yerbreitet waren und welche 
Zürcher Geschichten mit Konstanzer und Strafsburger Ueberliefe- 
rungeu in eine bunte Mischung gebracht haben. Im Uebrigen be- 
wahrten sich die Schreiber dieser Handschriften sämmtlich eine ge- 
wisse Selbständigkeit und wenn man auf die politischen Tendenzen 
und Aufi'assimgen blickt, so darf man sagen, die Zürcher Chroniken 
sind, dem einen Theile nach mehr habsburgisch, dem andern mehr 
reichsstädtisch gefärbt, ein besonders lebhaftes Interesse für die 
eigentlich Schweizerische Geschichte findet sich aber in allen diesen 
Chroniken nicht. Selbst das wenige, was in dieser Richtung die von 
Henne publicirten sogenannten -Klingenberger" an Mittheilungen 
echt schweizerischer Herkunft enthalten, wurde ihnen durch Ver- 
mittlung Konstanzer, Strafsburger oder Berner Aufzeichnungen zu 
Theil. Ob in denjenigen Züi'cher Chroniken, welche ^nan noch im 
Sinne einer vierten und fünften Handschriftenclasse zusammengefafst 
wissen wollte i), etwas mehr spezifisch eidgenössisches zu finden 
sein möchte, oder ob solche Stellen, wie an dem einen aufgezeigten 
Beispiele des Sempacher Schlachtberichts sicher ist, blofs auf Inter- 
polationen imd spätere Eintragungen zurückzuführen sind, darüber 
kann vorläufig kein Urtheil ausgesprochen werden. 

So lange der Zürcher Krieg mit den Eidgenossen dauerte, war 
die Meinung eine feindselige auch unter den Züi'cher Geschicht- 
schreibem und Gelehrten. Hiefür ist die Thätigkeit Felix Hem- 
merlins der deutlichste Beweis. Schon der Titel und die Fonn 
seines Werkes^) über den Ursprimg der Schweizer läfst keinen Zwei- 



^) V. Wyfs, lieber eine Zürcher Chronik aus dem XV. Jahrhundert 
S. 14 u. 15. In einer Abschrift der Zürcher Chroniken, die unter den 
Namen von Müller Hüpplin und lüingenberg bekannt sind, findet sich in 
Luzem eine Reihe von Notizen für die Jahre 1442 — 1448, welche Herr 
von Liebenau als Ostschweizerische Chronik im Anz. f. schw. C 1879 
S. 154, und 1883. 1 mitgetheüt hat. Auch verweise ich gleich hier auf 
die von Herrn von Liebenau mitgetheilten Notizen aus St. Urban (Cant. 
Luzem), Anz. f. schw. Gesch. 1882 n. 3 imd Annalen von Murbach, auf 
welche derselbe Gelehrte ebend. 1883 n. 4 aufmerksam machte, welche bis 
1478 reichen. 

-) Aelteste Ausg. der Tractate: Clarissimi viri Juriumque Doctoris 
Felicis Hemm erlin cantoris quondam Thuricensis variae oblectationis opus- 
cula et tractatus, s. 1. e. a. (das Elegiacum Episodion von Seb. Brant ist 
datirt: ex Basilea Idib. Augusti 1497). Felicis Malleoli vulgo Hemmerlein 
Dialogus de Suitensium ortu, nomine, confoederatione et quibusdam gestis 



120 § 9. Schweizer Chroniken. 

fei darüber, dafs er den Anspi-ücheu der Bauerngemeinden in den 
Waldstätten sehr abgeneigt war. Ob mau sein Buch als ein histo- 
risches im eigentlichen Sinne des Wortes betrachten dürfe, läfst sich 
bezweifeln. Es ist ein Dialog zwischen einem Edeln und einem 
Bauer über sehr verschiedene Gegenstände, unter denen auch die 
Herkunft der Schwyzer von den durch Karl den Grofsen besiegten 
und vertriebenen Sachsen und die Entstehung der Eidgenossenschaft 
behandelt wird. Die Art wie der Edle den Bauer belehrt und die 
Geringschätzung, mit welcher die Erhebungen der Schwyzer und 
ünterwaldner, zu denen sich, erst später die Leute von Uri gesellt 
hätten, erzählt wird, erklärt zur Genüge den Standpunkt, welchen 
dem gegenüber die Waldstätten einnehmen mufsten. Beachtenswert!! 
ist es aber allerdings, dafs der von Hemmerlin zuerst in die eid- 
genössische Frage eingeführte Gegensatz des Adels und der Bauern- 
schaft auch der spätem poetischen und prosaischen Schweizer Ge- 
schichtslitteratur anhaftete. 

Aufser dem Dialoge schrieb Hemmerlin auch einen Tractat de 
nobilitate, in welchem sich ebenfalls mancherlei historische Notizen 
finden*) und endlich behandelte er in einer besonderen dem König 
Friedrich HI. gewidmeten Schrift die Streitsache Zürichs gegen die 
Schwyzer und die Ereignisse nach der Schlacht bei St. Jakob^). 
Als Geschichtschreiber A\ird man Hemmerlin weder in Betreff sei- 
ner Treue und Genauigkeit, noch des Werthes seiner Mittheilungeu 
sehr hochstellen. Seine Bedeutung liegt in einer andern Richtung. 
Er war ein entschlossener Kritiker der kirchlichen Zustände, be- 
sonders in der Konstanzer Diöcese^), und bietet uns reichliche 

im Thesaurus Historiae Helveticae, Tiguri 1735 S. 1 — 16. Die Heraus- 
geber gestehen in den Prologen, die übrigens vieles nützliche über Hem- 
merlin enthalten, dafs sie in Bezug auf die Edition ganz willltürlich vor- 
fahren seien. 

') Ebd. Thesaurus S. 14. Excerpta historica ex MalleoU libro de No- 
bilitate. Uebrigens bildet der obenerwähnte Dialogus auch nur einen Theil 
des Buches de Nobilitate. Vgl. auch Meyer von Knonau, Der Cauton 
Zürich II, 39. 

^) Meyer von Knonau ebd. Stachlicht ist auch sein Processus judicia- 
rius coram omnipotente deo inter Nobiles et Tluu'iceuses ex una et Sui- 
tenses cum complicibus partibus ox altera. Ucber das Leben und die 
ausgebreitete Thätigkeit Hemmerlins handelt Balthasar Reber Zürich 1846. 
Die Beziehungen Hemmerlins zum Constanzer und Basler Coucil, sein 
Eifer für die Reform, seine Kämpfe mit den Chorherren in Zürich und 
sein Martyrium bilden einen Gegenstand interessanter Botraolitungen über 
die Verhältnisse der Kirche. Die liistorische Thätigkeit HoiiunerUns steht 
in keinem Vergleiche zu seiner tlieoKigischen. 

^) Von Schriften dieser Richtung werden unter andern augefüiirt: de 
matrimonio, — Contra validos mendicantes (1438 vgl. L. Keller, die Rc- 



Zürich, Luzem. 121 

Schilderungen der Zustände seiner Zeit auf allen Gebieten des gei- 
stigen Lebens. Aber auch hier erhebt sich seine Kiütik nicht hoch 
über die eines Zuchtpredigers, während er in Glaubenssachen nicht 
nur an dem Hergebrachten festhält, sondern sich auch als ein Yer- 
theidiger von Exorcismen und Teufelsbeschwörungen zeigt i). Er 
war Chorherr an der Zürcher Kirche und wurde wegen seiner An- 
griffe auf das Bisthum und die Konstanzer Kirche vor ein geist- 
liches Gericht gestellt und ins Gefängnifs gesetzt^). Im Jahre 1457 
starb er. 

Während sich zwischen den WaJdstätten und Zürich eine Art 
Yon historiographischer Feindseligkeit entwickelte, war Luzern ohne 
Zweifel der Ort, wo die Gegensätze Yermittlung finden konnten. 
In Luzern fehlte es schon seit dem XIY. Jahrhundei'te nicht an ge- 
schichtlichem Interesse und mancherlei historische üeberlieferungen 
WTirden hier theils in Volksliedern 2), theils in amtlichen Büchern 
höchst sorgfältig aufbewahrt*). Beide Richtungen historischen Geistes 
blühen in Luzern recht eigentlich neben einander: die urkundliche 

formation u. d. älteren Reformparteien, Lpzg. 1885 S. 246; F. H. Reusch, 
d. Index d. verbot. Bücher, Bonn 1883 S. 275). — De crudelitate daemo- 
nibus exhibenda. — De boni et mali occasione. — De exorcismis seu ad- 
jurationibus. Ewald vezeichnet NA. EI, 163 in der Bibliothek des Fürsten 
Boncompagni in Rom einen Dialog über den Religiosus und Plebanus über 
Competenz von Kirche und Staat, femer Tractate zur Geschichte des Bas- 
ler Concils (von Hemmerlin?). 

^) Unter anderen Wundergeschichten erzählt Hemmerlin zuert The- 
saurus S. 15 die nette Geschichte von der e-nägblühenden Blume zu Sem- 
pach, deren urkundliche Beglaubigung ich anderwärts nachgewiesen habe. 
Vgl. Geschfi-. IV, 85, XV, 59. 

2) üeber Franziskaner Burkard und seine Beziehungen zu Hemmerhn 
von Liebenau Anz. f. K. schw. G. 1876 n. 1. Beachtenswerth ist auch eine 
Notiz Brunners ebd. 1876 n. 3, womach Hemmerlin als Chorhen- von Zo- 
fingen thatsächlich gewirkt, nicht blofs den Titel fühi-te, wie Reber 
annahm. 

^) Der ältere Halbsuter, ferner der Dichter des Schlachtliedes von 
Ragatz Hanns Ower, ferner Hanns Vi ol, dann der jüngere Halbsuter, 
vgl. Ueber Lucerns Schlachtliederdichter im XV. Jahrhdt. von H. Lütolf im 
Geschfr. XVHI. Ueber die historischen Volkslieder vgl. weiteres Meyer 
von Knonau Arch. d. bist. Vereins zu Bern VII. Hft. 2. Mit Rücksicht 
auf Halbsuter bemerke ich hier, dafs die Litteratur über Sempach sehr 
rege fortgesponnen wird, es dürfte aber wol genügen einiges zu verzeich- 
nen, vgl. V. Liebenau, Bemerkungen über historische Lieder, Fragm. eines 
gröfseren Liedes über den Rapperswiler Krieg. Hier wird auch bemerkt, 
dafs Hanns Ower ein Schaff hauser gewesen zu sein scheint, anderes über 
den jüngeren und älteren Halbsuter Anz. f. schw. G. 1877 uro. 1. Zur 
Genesis der Winkelriedfrage ebd. 1878. 2. Zur Schlacht bei Sempach 
von Fiala, und eine Todtenliste von A. Bernoulli. Vaucher. ä propos de 
Winkeb-ied ebenfalls hierher gehört die Mittheilung von dem Liede von 
Hanns von Anwil 1443 gegen die Schweizer ebd. 1880. 2 u. v. a. 

*) Das älteste Stadt- oder Rathsbuch Lucems. Geschfr. III, S. 71 und 



X22 § 9- Schweizer Chroniken. 

Sicherung von Thatsachen und die freie Darstellung im Liede. So 
konnte in den letzten Dezennien des XV. Jahrhunderts ein fleifsiger 
imd feinsinniger Schriftsteller gerade in Lnzeru daran gehn, die 
mannigfaltigen Ueberlieferuugen theils aus den benachbarten Alt- 
kantonen, theils aus den grofsen Städten, theils aber auch in seiner 
engeren Heimath und unter den Bürgern seiner Vaterstadt zu sammeln. 
Indem Melchior Rufs nur die Absicht hatte eine Lvizerner Chronik 
zu schreiben 1), bot sich ihm dennoch ein so massenhaftes Material 
aus verschiedenen Orten dar, dafs man nicht ungerechtfertigt, wenn 
axich fälschüch, sein Werk als die erste eigentlich eidgenössische 
Chronik bezeichnete. Jedenfalls bildet die Arbeit des Rufs einen 
klar zu erkennenden Abschnitt und Ruhepunkt in der Entwickehmg 
der Historiographie der östlichen Schweiz. 

Die umfassende Berücksichtigung und Herbeiziehung der Quellen, 
der gröfsere über den Kantongeist sich erhebende Blick war unserm 
Luzerner Geschichtschreiber schon durch seine Abstammung und 
seine Familienbeziehungen gegeben. "Während seine väterKchen Ver- 
wandten Bürger Yon Luzern waren, stammten seine mütterlichen 
Ahnen aus Uri. Hier und im Kanton Solothuru hatte er Verwandte. 
Sein Vater war Stadtschreiber von Luzern und vererbte das Amt 
auf seinen Sohn. Auch ist nicht unwahrscheinlich, dafs schon der 
Vater als Geschichtschreiber thätig w-ar, denn in einem verloreneu 
Theile des Luzerner Bürgerbuches war eine historische Darstellung 
der Burgunderkriege eingefügt, welche wol von dem altern Rufs 
herrührte. Vater und Sohn nahmen iibrigens au diesen Kriegen 
Antheil. Der jüngere Rufs stand zwar nicht auf der Höhe des da- 
mals auch in Deutschland mächtig sich entwickelnden Humanismus, 
aber er studierte doch auf Universitäten, sicher im Jahre 1471 zu 
Basel. Im Jahre 1482, avo er schon seit mehreren Jahren im prak- 



das Bürgerbuch im Geschfr. XXII und über die Rathsbücher überliaupt 
Segesser, Rechtsg. v. Luzern I, 14. 

') Die sehr verdienstliche Ausgabe von Jos. Schneller mit Anm. und 
Vorrede Bern 1834, auch im Geschfr. Bd. X, beruht auf der ältesten Hs., 
die bekannt ist, aber nicht auf dem Autograph, das bis jetzt ungefunden 
geblieben. Segesser, Rechtsgesch. von Luzern I, 14 und in der schönen 
kleinen Schrift: Die Beziehungen der Schweizer zu Matthias Corviuus, 
Lucern 1859 bringt biogr. Notizen und beschäftigt sich besonders mit der 
Sendung des Melchior Rufs d. J. an den König v(m Ungarn im Jahre 1487. 
Vgl. Th. V. Liebonau: Ritter Melchior Rufs von Luzern; und die eingehende 
Quellenuntersuchung von August Bernoulli, die Luzerncr Chronik des Mel- 
chior Rufs, Basel 1872. Eine seltsame Erklärung für das Schweigen von 
Rufs über Sempach hat Dändliker, Anz. f. schw. G. 1882 uro. 2. Ueber 
.lakob Kufs vgl. Kind, Anz. f. schw. G. 1877. 



Melchior Rufs. 123 

tischen Dienst seiner Vaterstadt war, begann er seine Chronik zu 
schreiben, nachdem er dm-ch grofse Reisen Gesichtskreis und Er- 
fahrungen erweitert hatte. 

Es ist ein eigenthümliches Dunkel, welches über dem Abschlüsse 
der Luzerner Chronik schwebt, denn während es sicher ist, dafs 
Rufs in voller Mauneskraft das Werk begann und ihm auch später 
Zeit und vor allem Gelegenheit zur Fortsetzung nicht fehlte, so 
scheint dasselbe doch bereits mit dem Jahre 1412 abgebrochen 
worden zu sein und blieb wahrscheinlich ein Torso. Während die 
Darstellung Russens gerade für das XV. Jahrhundert bei seinen treff- 
lichen amtlichen Quellen, bei seinen persönKchen Verbindungen und 
bei seiner Sorgfalt in der Auswahl seiner Nachrichten und Gewährs- 
männer von unschätzbarem Werthe geworden wäre, hat entweder 
ein böses Schicksal oder der Einspruch der Behörde, oder die Un- 
gunst der Verhältnisse den jüngsten Theil der Luzerner Geschichte 
entweder vernichtet oder nicht zur Abfassung kommen lassen. So- 
viel scheint gcA^ifs, dafs für offizielle Aufzeichnungen im Bürgerbuche 
der jüngere Rufs mit dem Vertrauen des Rathes nicht beehrt wurde, 
und dafs ihm hierin sein jüngerer Zeitgenosse Petermann Etterlin 
den Rang ablieft). Vielleicht sind die Abweichungen, welche nach- 
her Etterlins grofse Chronik von derjenigen Russens aufweist, doch 
auf einen bewufsten Gegensatz zuräckzufühi'en und daraus zu er- 
klären, dafs das Buch von Rufs in Luzern keinen Anklang finden 
konnte, vielleicht auch nicht finden durfte. Und in der That kann 
man leicht denken, dafs weder die Quellen des Rufs, noch auch 
seine dm-chaus nicht abzuläugnende kritische Haltung gar vielen eid- 
genössischen Mährchen gegenüber besonderer Gunst sich bei dem 
Luzemer Publikum nicht erfreuen mochten. Luzem mit seinem ge- 
theilten Herzen, immer unsicher, ob es sich mehr der Schweizeri- 
schen Landpartei, oder der vornehmeren Reichsstädtischen Richtung 
anschliefsen solle, gewährte keinen ganz sicheren politischen Boden 
für die Geschichtschreibung und es ist kein Zufall, dafs Etterlins 
vollends rivalisirendes Buch nicht nur viel mehr- Verbreitung fand, 
sondern vor allem sogleich als druckfähig und Avürdig anerkannt 
worden ist. 

') Bernoulli a. a. 0. S. 4. Der Luzerner- und Eidgenossen«ug zum 
Schutze des Abtes von St. Gallen von 1490 wurde im Rathbuche von 
Etterlin besclmeben. Ueber das VerhältniTs von diesem zu Rufs macht 
ebenfalls Bernoulli eine Anzahl feiner und beachtenswerther Bemerkungen. 
Etterlins Chronik 1507 zu Basel autorisirt und kostbar gedruckt. Alles 
nähere bei Bernoulli, Etterlins Chi-onik der Eidgenossenschaft nach ihren 
Quellen untersucht. Jahrb. f. schw. G. L 47 fi". 



124 § 9- Schweizer Chroniken. 

In diesen Yerhältnissen scheinen noch mancherlei litterarisch- 
politische Geheimnisse verborgen zu liegen, indessen fällt die Thätig- 
keit Petennann Etterlins fast schon über die Zeitgrenze hinaus, die 
wir uns hier gesteckt haben. Aber es ist immerhin merkwürdig 
genug, dafs persönliche und litterarische Bemhrungeu und Gegen- 
sätze zwischen Rufs und Etterlin nachgewiesen w^urden, bei welchen 
sich der letztere in dem ungünstigsten Charakter zeigt. Seine Le- 
bensgeschichte ist voll dunkler Punkte, unter denen seine Frauzosen- 
freundlichkeit verhältnismäfsig zu dem unschuldigsten gehört. Dafs 
man ihn einen Schelm und Bösewicht gescholten hatte, dürfte viel 
schlimmere Gründe gehabt haben. 

Petermann Etterlin war ein jüngerer Sohn des Luzerner Stadt- 
schreibers Egloff Peterlin, der von Brugg gebürtig war. Der Vater 
starb 1463. Der Sohn wurde erst Kanzleischreiber, später Gericht- 
schreiber und nahm an vielen diplomatischen und militärischen 
Unternehmungen seit den Burgunderkriegen Theil. Er macht aber 
über seine gesammten Beziehungen zu dem sehr verkommenen Lu- 
zerner Gemeinwesen durchaus keine Enthüllungen und seine Chro- 
nik, die er wahrscheinlich erst in den letzten Jahren seines Lebens 
schrieb, ist passend als der Abschlufs mittelalterlicher Geschicht- 
schreibung nach Charakter und Quellenbenutzuug bezeichnet worden. 
Etterlin dürfte um 1509 gestorben sein. 

Vergleicht man Etterlins "Werk mit demjenigen von Rufs, wel- 
ches durch das erstere verdrängt werden sollte, so zeigt sich in 
jeder Beziehung der letztere als der ehrenwerthere und überlegtere 
Schriftsteller, und Melchior Rufs wird immer unter de« Chronisten 
der östlichen Schweiz die hei-vorragendste Stelle behalten. 

Wenn auch die Erzählungen in seiner Chronik den Standpiuikt 
der uralten sogenannten Freiheit der Schweiz gegenüber dem habsbur- 
gischen HeiTScherhause treulich wahren, so gibt es doch eine Menge 
von Punkten, wo Rufs die Rücksichten gegen die Waldstätten bei 
Seite gesetzt, wie in der Geschichte des waldstättischen Krieges, oder 
aber ihre Fabeln kritisch abgewiesen hatte, wie in der Winkelried-, 
theilweise auch in der Teilgeschichte. Unter seinen Gewährsmän- 
nern konnte der Vorkäinpfer für die Bedeutung und Gröfse des habs- 
burgischen Hauses Heinrich von Gundelfiugen in den alten 
Schweizer Kantonen sich gewifs keiner Freunde rühmon '). Von 

') Auch Heinrich von Gundelfingeu soll aus Luzorn stammen ? Ber- 
nouUi a. a. 0. S. 134. Ucber bellum adv. Burgundiunos vgl. auch Abb. des 
Bern. G.V. IX, 191; auch ist zu erwähnen die Topograpliia urhis Bernensis 
auctore Ilenrioo Gundelfingen, wo auch über den Verf. einige Bemerkungen. 



Albert von Bonstetten. 225 

Luzenier Aufzeichnungen wurde es zwar wahrscheinlich gemacht, 
dafs die annalistischen Notizen der Bürgerbücher von Rufs benutzt 
wairden'), aber der gröfste Theil der Chronik beruht einfach auf 
Justingers Arbeit, welche zwar im Sinne der Eidgenossen da und 
dort purifizirt, aber doch nicht in dem Mafse mit Zusätzen bedacht 
wurde, als nach der Menge der üppig wuchernden eidgenössischen 
Gelehrtenerfindungen, beschönigend Sagen genannt, zu erwarten ge- 
wesen wäre. Endlich wird durch nichts ein so scharfes Licht auf 
den Geist und Charakter des jungem Melchior Rufs geworfen, als 
durch den Umstand, dafs er sich in die Schriften Alberts von 
Bonstetten so sehr vertiefte, dafs er die Vorrede seines Werkes 
diesem entnahm 2). 

Albert von Bonstetten^) wh'd ganz im allgemeinen zu den 
hervoiTagendsteu Schweizern des XV. Jahrhunderts gezählt, aber 
seine Wirksamkeit fällt weit mehr als diejenige ii-geud eines andern 
Geschichtschreibers unter die Gesichtspunkte der humanistischen 
Weltrichtung. Seine Bildung und der gröfste Theil seiner Schriften 
gehören der neuen Epoche der Litteratur an, nur in politischer Be- 
ziehung mag hier auf sein Leben und auf seine historischen Schriften 
ein Licht geworfen werden, weil er einer der grofsen Vermittler der 
Litteraturströmungeu der östlichen und der westKchen Schweiz war. 
Aus einer Familie stammend, welche die genauesten Beziehungen 
zu Bern hatte und endlich ganz dahin übersiedelte — Alberts Vater 
vmrde 1468 Bürger von Bern — führte das Schicksal nach langen 
gelehrten Waudeningen den jungen Bonstetten in die Mitte der alten 
Kantone als Decan von Einsiedeln. Er bekleidete diese Würde schon 
lange bevor er noch Priester war, und eben diese Pfriinde bot ihm 
andererseits die reichen Mittel, um ItaKen nicht blofs zu sehen, 
sondern in den humanistischen Geist seiner Schulen sich einzu- 
leben. Den gelehrten Decan von Einsiedeln mufs man sich über- 

') Ebd. 69. Annalistische Aufzeichnungen will man hier auf die 
Stadtschreiber Werner Hofmeyer, Johannes Fricker imd Nikiaus 
Schulmeister aus Strafsburg zurückführen, welcher letztere sicher la- 
teinische Annalen über den Sempacherkrieg geschrieben, wie Schneller zu 
Rufs p. XII. nachweist. 

^) Vgl. G. V. Wyfs im Anzeiger für Schweiz. Gesch. VII. Jahrg. 

') Alles Nöthige über Bonstetten findet man in der Abh. von Gall 
Morel, Archivar in Einsiedeln im Geschichtsfr. LEI, 1 — 52. Sehi- inter- 
essante, füi- die Entwicklung des Humanismus in der Schweiz erst noch 
zu verwerthende Briefe sind beigegeben. Aus der Descriptio confedera- 
tionis superioris Germaniae ist ein kleines Stück mitgetheilt. S. 29. Zu 
den erhaltenen Büchern gehört auch die Legende von der heiig. Idda und 
V. heiig. Gerold. An verlornen z. Th. poetischen Stücken hat Morel sechs 
Nummern nachs^ewiesen. 



^26 § 9. Schweizer Chroniken. 

haupt nach damaliger Sitte an den Höfen und in den grofsen Städten 
viel mehi' und häufiger anwesend YOrstellen, als in dem sehr ver- 
fallenen Kloster. Er war auch Hofkaplan König Maximilians. Ge- 
burts- und Todesjahr des Mannes sind unsicher, doch dürfte er um 
1513 gestorben sein. 

Unter den historischen Schriften des Schweizer Humanisten ge- 
hört seine Historia Austiiaca in einen andern Zusammenhang; seine 
Geschicbte von Eiusiedelu ist schon zu seinen Lebzeiten gedruckt 
worden, ist aber ganz unbedeutend. Die Statistik der Eidgenossen- 
schaft, welche dem König Ludmg von Frankreich gewidmet ist, 
■«oirde in der Schweiz am meisten geschätzt. Sein Bm'gunderkrieg 
von 1477 aber gehört mitten in den Zusammenhang der histoiiogra- 
phischen Thätigkeit, die uns hier beschäftigt'). Eben die Vorrede 
zu diesem mäfsig langen Berichte über den Krieg gegen Karl den 
Kühnen hat Melchior Rufs sich angeeignet. Betrachtet man die 
Arbeit selbst, welche übrigens sowol lateinisch als auch in deutscher 
Uebersetzung vorliegt, so macht sie in der That mehr den Eindiaick 
eines rhetorischen Uebungsstückes als einer historischen Erzählung. 
In der Form eines Briefes gehalten, erfüllte sie auch äufserlich die 
Zwecke einer überall hin versendeten Relation, und finden sich da- 
her in verschiedenen Handschriften verschiedene Adressaten genannt. 
Doch ist der Inhalt der Schrift sachlich höchst dürftig und neben 
den vielen anderweitigen Berichten über die Burgunderkriege kaum 
beachtenswerth. 

Vor allem gebührt dem Berner Gerichtschreiber Diebold 
Schilling das Verdienst einer viel genaueren chronologischen 
Darstellung des Burgunderkriegs, in welcher es auch nicht an Be- 
nutzung von urkundlichem Material fehlt 2). Diebold Schilling kannte 



1) Herausg. im Archiv für Schweiz. Gesch. 1862. Bd. XEI, 283—324. 

^) lieber Diebold Schilling und seine Thätigkeit gibt die auf der Zür- 
cher Bibl. befindliche Abschrift die genaueste Auskunft, jetzt bei Studer, 
Die Berner Chronik, Einleitung 1. Der dritte Band des Diebold Schil- 
lingschen Gesammtwerkes (enthaltend den überarbeiteten Justinger, den 
überarbeiteten Tschachtlan und die Schillingsche Chronik) wurde herausg. 
Bern 1743 fol. (mit vielen Kupfern): „Beschreibung der burgundischen 
Kriegen und einicher anderer in der Schweitz mid sonderlich zu Bern um 
selbige Zeit vorgefallenen merkwürdigen Begebenheiten". In der neuen 
Ausgabe, Quellen zur Schw. Gesch. 1, li)l— 298 hat Studer sorgfältig die 
Schillingschen Ergänzungen zu Tschachtlan hinzugefügt, so dafy der Text 
auch äufserlich auseinandergehalten wird. Selbstverständlich kommt dabei 
das Verliältnifs von Tschachtlan zu Diebold Schilling 1424 — 1470 allein in 
Betracht. Diebold Schilling, der ältere, ist nicht zu verwechseln mit Diebold 
Schilling dem Jüngern zu Luzern, dessen Schweizer Chronik (herausg. Luzern 
1862) eine sehr freie Umarbeitung von PetiTmann Etterlin ist und aufser 



Bern. Diebold Schilling. 127 

auch schon zum Theil die historischen Lieder, welche über die 
Schlachten gegen Karl den Kühnen gesungen worden sind und 
welche mit seinem Werke verbunden wurden'). Diebold Schilling 
ist derselbe Geschichtschreiber, den vm schon zu Eingang dieses 
Capitels zu erwähnen hatten als den Bearbeiter der vorhergehenden 
Berner Geschichtslitteratur und welcher Justingers, Tschachtlans und 
sein eigenes Werk in drei Pergamentbände zusammenschrieb. Dieses 
Exemplar der Berner Chroniken war es, das man 1484 vor dem 
Rathe von Bern amtlich verlesen und corrigirt hat, und welches bis 
auf neuere Zeiten, im Benier Archiv gleich andern Urkunden und 
Schätzen aufbewahrt worden ist. Indem sich Schillings selb- 
ständige Arbeit an Tschachtlan und Dittlinger anschlofs, welche 
die Geschichte bis zum Jahre 1466 gefühi't hatten, so war der In- 
halt seines Buches gleichsam ungezwungen zu einer Darstellung der 
Burgunderkriege geworden und fühi-t auch nun, von 1468 — 1484 
reichend, hauptsächlich den Titel: „Beschreibung der bui-gundischen 
KJriege". 

Während nun Tschachtlan und Dittlinger in den letzten Capiteln 
ihres Buches einerseits dem Kriege von Freibiu'g mit Bern, an avöI- 
chem auch Savoyen AntheU nahm, 1448, andererseits dem inneru 
Bürgerkriege in Bern, der unter dem Namen des TwingheiTnstreites 
bekannt ist, die gröfste Aufmerksamkeit zuwenden, Diebold Schilüug 
aber alle diese noch von seinen Vorgängern übernommenen Partieen 
wesentlich umgearbeitet hat, concundren mit diesen grofsen Werken 
eine Anzahl kleinerer, aber sehr unterrichtender Geschichtsbücher, 
denen noch einige Aufmerksamkeit zu schenken sein wird. 

Vor allen kommen da die Memoiren des Basler Stadtrathes 
Hern an Offen bürg 2) in Betracht, dessen vornehme Persönlich- 

unserer Betrachtung steht. Die Familie Schilling stammt aus Solothum, 
die beiden Brüder Diebold Schilling und Johannes Schilling wandten sich 
der eine nach Bern, der andere nach Luzem. Ersterer wurde Gericht- 
schreiber in Bern und ist unser Chronist; der letztere Unterschreiber zu 
Luzem hatte einen Sohn, der den Namen des Oheims trug und zu Luzem 
wol erst in den zwanziger Jahren als Kaplan starb. 

') Hierüber gibt Liliencron alle wünschenswerthen Aufschlüsse. Histor. 
Volkslieder U, m-o. 138 — 146. Die Namen der Dichter dieser bürg. Kriege 
sind Veit Weber, Hanns Viol, Matthias Zoller oder Zollner. 
Veit Webers Kriegs- und Siegeslieder neuerlich herausg. von Schreiber, 
Freiburg 1819 und EttmüUer Mitth. IL ; über die Volkslieder der Schweiz: 
Tobler, Arch. für Bern \'I1, 305; Geige, Veit Webers Lied, in Schauins- 
land, Bll. f. G. d. Breisgaus IX, 1882 S. 3. 

^) Offenburgs Bericht von seinen Leistungen, abgedruckt im Schweiz. 
Geschforsch. XIL (Neuburg 1844) S. 33£f.; vgl. A. Burckhardt, das Kar- 
thäuser Kloster, Heman Offenbursj u. s. w. Basel 1878. 



X28 § 9- Schweizer Chroniken. 

keit wol einiges Interesse beanspruclien darf, 1413 war er oberster 
Zunftmeister, bald darauf Abgeordneter der Stadt an K. Sigmund 
nach Constanz und am Hussiten-Reichstage zu Nürnberg (1421); 
in Concilsangelegenbeiten weilte er eine Zeit lang in Italien und 
konnte die Kaiserki-önung in Rom mit ansehen, bei welcher Ge- 
legenheit Kaiser Sigmund ihm die Ritterwürde verKeh. Seine Er- 
lebnisse welche die Jahre 1413 — 1454 umfassen, zeugen von ge- 
reiften Erfahrungen, welche er sich im laug jährigen Dienste um 
seine Vaterstadt und auf ausgedehnten Reisen bis nach Wien und 
Constantinopel erworben hat. Von einem Zeitgenossen Offenburgs, 
dem Zunftmeister der Basler Bäcker, Hans Sperrer, genannt 
Brüglinger, besitzen wir eine interessante Schilderung des Sanct 
Jacober Krieges von 1445, welcher für die Geschichte der 'armen 
Gecken' (Armagnaken) vielfache Aufschlüsse gewährt i). lieber 
die Persönlichkeit des Verfassers sind wir leider nur sehr ungenau 
untenichtet. 

Die Kriege von Bern und Freiburg wairden auch in dem letztern 
Orte und hier selbstverständlich vom Standpunkte Freiburgs be- 
schrieben, und zwar sowol der erstere, welcher in die Jahre 1386 
bis 1388 fällt^), wie auch der zweite Krieg von 1448^). Der Frei- 
burger Notar Johann von Greyerz führte ein Tagebuch in la- 
teinischer Sprache. Seine Aufzeichnungen sind trotz Stil und Par- 
teilichkeit reichhaltiger und werthvoller als Tschachtlau und die 
Ueberarbeitung Schillings. Johannes Gruyere, gestorben 14. Juli 
1465 als Freiburgischer Notar, beschrieb die Ereignisse des Frei- 
burger Krieges vom 20. Dezember 1447 bis 16. Juli 1448. Er kenn- 
zeichnet die Tendenzen des Herzogs von Savoyen, welche auf die 
Unterwerfung von Freiburg gerichtet wären, mit der Hoffnung, dafs 
dieser Zweck nicht erreicht werden würde. Daraus geht hervor, 
dafs die Abfassung des Werkes jedenfalls vor dem 1. Juni 1452 zu 
setzen ist, was sich übrigens auch aus der Form des Tagebuchs 
selbst ergibt. 

Noch wichtiger aber ist die Schrift über den Twinghermstreit 

') Abgedruckt das. S. 1—29. 

^) Anonymi aliqua gesta de morte ducis Lutoldi et de guerra domi- 
norum Friburgensium contra Bernenses 138(5 — 1389. Herausg. v. Zurlauben. 
Neues Schweizer Museum 1793 I, 609— G37, jetzt herausg. von Studer 
a. a. 0. 8. oben S. 109 N. 2. 

') Archives de la Societe de Thistoirc du Canton Fribourg vol. II, 
299. Vgl. auch Schweiz. Geschforsch. VIII, 102. Quellen zur sehw. Gesch. 
I, 800—318, herausg. von P. Nie. Rädle, Franziskaner in Freiburg aus 
einer Abschrift sec, äV'III. 



Freiburg, Burgunder Kriege. 229 

in Bern, welche zu den vorzüglichsten kleinern Geschichtsdenkmälem 
der Schweiz im XV. Jahrhundert gerechnet werden kann. Nach 
der Darstellung Tschachtlans und Diebold Schillings erscheint der 
Streit zwischen der Bemer Bürgerschaft und dem Adel ledigKch als 
eine Folge der städtischen Kleiderordnungen, wie sie damals allent- 
halben in Gebrauch und Anwendung gekommen waren ^). Dagegen 
gibt nun der Stadtschreiber Thüring Frickart oder Fricker einen 
"viel Tollkommeneren Einblick in die Motive des innem Krieges, und 
schon im XVII. Jahrhundert ■^\airde deshalb der Freimuth des Bemer 
Geschichtschreibers rühmend anerkannt. Als er die merkwürdigen 
Aufzeichnungen über die Bemer Stadtkämpfe machte, befand er sich 
im 41. Lebensjahr und in einer Stellung als Stadtschreiber die ihm 
jede Vorsicht seinen gnädigen Hemi gegenüber empfehlenswerth 
machte. Er war Doctor der Rechte und wie der Säckelmeister 
Fränkü ihn nannte, ein „in kaiserlichen Rechten gelehrter Mann." 
Er starb erst 1519 nach einer bewegten Laufbahn im Staatsdienst 
von Bern. Seine Mittheilungen über den TwingheiTustreit sind von 
einer seltenen Lebendigkeit, die insbesondere durch die eingestreu- 
ten Reden und Gegenreden hervorgebracht ist. Es liegt ein Moment 
in seiner Darstellung, welches auf classische Vorbilder weist und in 
jeder litterarischen Beziehung beachtenswerth ist; denn der zu persön- 
lichem Gegensatz zugespitzte Streit der Parteien, welche von dem 
Metzger Kistler und dem Säckelmeister Fränkli geführt wurden, 
erhält hier zum erstenmale eine Darstellung, welche den Rahmen 
älterer Chroniken schon gänzlich verläfst und sich der modernen 
Motiven erzählung in intei'essantester Weise nähert 2). 

Für die Burgunderkriege concuiTnl mit der Darstellung Schil- 
lings das Buch des Kaplans Knebel, welcher auch die ältere 
Schweizer Geschichte in eigenthümlicher aber selbst litterarisch 
werthloser Art in die Aufzeichnung über die Jahre 1473 — 1475 
hereinzieht^). Indem nämlich der Verfasser einen Edlen Nikiaus 

^) In der Ausgabe von Stierlin und Wyfs ist der Twinghermstreit 
nicht mehr aufgenommen: dagegen vgl. Studer im Archiv f. Bern VI, 639. 
Dagegen vollständig in den Quellen zur schw. G. I, 262 — 299. „Von dem 
gebot, so zu Bern gemacht ward von der spitzen an den schuchen, den 
langen schwentzen an den Kleidern und ander sachen wegen." 

2) Frickart zuerst hrsg. im 3. Stück der Helvet. Bibliothek aber ver- 
kürzt; besser von E. v. Rodt, Beschreibung des Twinghermstreites. Bern 
1837. Jetzt vollständig und mit trefflichen Erläuterungen von Studer, 
Quellen z. schw. G. I, 1 — 187. Ueber die Geschichte der TwingheiTschaf- 
ten hat Studer auch neuerlich m den Berner Abhdlgn. IX, 235 gehandelt. 
Aufzeichnungen über Bernische Finanzen ebd. S. 200 ff. von Howald. 

^) Johann Knebel, Chronik des burgunder Krieges, herausg. und über- 
Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I, 9 



]^30 § 9- Schweizer Clironiken. 

Yon Diefsbach in die Erzählung einführt, soll dieser dem Kaiser 
Friedrich III. beweisen, dafs die Schweizer Freiheiten ToUkommen 
im Rechte begründet seien. So wenig nun aber von den Argumen- 
ten dieses Schweizer Boten zu halten ist, so sicher beruht die Dar- 
stellung der zeitgenössischen Ereignisse auf sehr guten Informationen 
und ergänzt in ausgiebiger Weise die oft einseitige biu-gundisclie 
Geschichte Diebold Schillings. 

Noch ein anderes Werk darf man aber mit den Chroniken über 
die schweizerisch -burgundischen Kriege in Zusammenhang bringen, 
welches zwar nicht auf schweizerischem Boden entstanden ist, aber 
die mannigfachsten Berührungspunkte mit denselben darbietet'). 
Unter dem Titel einer Reimchronik über Peter Hagenbach 
behandelt das Buch eigentlich die Burgunderkriege vom elsässischen 
Standpunkt gesehen. Obwol demnach der gröfste Theil dieser Reim- 
chronik im Elsafs den Schauplatz ihrer Erzähhuigen findet, so wird 
es doch hier am Platze sein, dieselbe kurz zu besprechen ^). 

Durch dieses sehr ausgedehnte und grofsartig angelegte Reim- 
werk kommt übrigens in später Zeit des XV. Jahrhunderts in den 
weiten Gebieten von Elsafs und Schwaben eine in andern Ländern 
längst und sehr eifrig gepflegte Litteraturgattung zum Durchbruch. 
Man mufs es als eine sehr eigenthümliche Erscheinung betrachten, 
dafs sowol im Elsafs wie in den nieder- und oberschwäbischeu 
Städten, wo die populäre und bürgerliche Geschichtschreibung in 
so grofser Blüthe stand, die Reimchrouiken eigentlich fast gänzlich 
fehlen. Während einerseits die prosaische Erzählung der Stadtchro- 
niken, andererseits das historische Volkslied fast in zu üppiger Weise 
sich entwickeln, wird die in Oesterreich, am Niederrhein und in 
den sämmtlichen Ostseeländern beliebteste Form der historischeu 
üeberlieferung hier entschieden vernachlässigt. Im Anfange des 

setzt von Karl Buxtorf-F alkeisen, Basel 1851, 1855; neuerdings in Basler 
Chroniken Bd. II. hsg. von W. Vischer und H. Boos. In dieser vortrefflichen 
Ausgabe reicht das Diarium Knebels vom Sept. 1473 Ins Jan. 147G. Die 
persönlichen Beziehungen Knebels werden in dem folgenden Bande der 
Ausgabe zusammengestellt werden, auf welchen hiermit verwiesen sei. 

') Einiges andere zu den Burgunderkriegon im NA. IV, 608, VII, 172. 
574 handschriftlich. Ein Gedicht von Rudolf Mnnzigel von Luzern über 
Murtcn bei Baechtold, bist, du cantnn de Fribourg II, 35, vgl. Anz. f. schw. 
Gesch. XI, 272—274 von Liebonau. Einige lat. Gedichte hrsg. von A. Zin- 
gerle, Beitr. z. Gesch. d. Pliih)!. I. de carminil)us lat. s. XV — XVI. Innsbr. 
1880 und von W. Wattenbach, Anz. f. K. d. V. 1881, KJl — KU). 

^) Keimchronik ii1)or Peter von HagenV)acli von Mono Quollensammlung 
zur bad. G. III, S. 183—434. Nachträge (;81— (184. Die kleineren Lieder 
über Peter von Hagonbach bei v. Liliencron II, nro. 131 — 132. Vgl. Tuef- 
ferd, Revue dAlsace 1878. 



Breisacher Reimclironik. JgJ^ 

XV. Jahrhunderts wurde allerdings ein Versuch dieser Art gemacht, 
indem der Appenzeller Krieg von 1399 — 1405 einem unbekannten 
Verfasser Stoff zu einem ziemlich ausgedehnten Reimwerk darbot, 
in welchem der Kampf der Appenzeller Bergbewohner gegen das 
Stift und die Hoheitsrechte von St. Gallen in lebendiger Weise, aber 
ziemlich roher Form dargestellt wird^). SjDrache und Versbau zeigen 
von grofser Unbeholfenheit. Auch ist es nicht eine fortlaufende Er- 
zählung, was der Reimchronist bietet, sondern eine Reihe von Schil- 
derungen, welche einzeln betrachtet sich mehr mit den historischen 
Liedern, als mit den grofsen Reimchroniken des XIV. Jahrhunderts 
vergleichen lassen. Die siebzehn aufeinanderfolgenden Capitel sind 
auch äufserlich dvirch Anfang und Schlufsverse jedesmal wie ein 
besonderes Ganzes behandelt. Das Werk hält sich gleichsam in der 
Mitte zwischen dem historischen Lied und der eigentlichen Reim- 
chronik, allein es gab keinen Anstofs zm* Weiterentwickelung der 
letzteren Gattung von historisch -litterarischen Quellen. Es war auch 
nur sehr wenig verbreitet und lange Zeit in der Bibliothek von 
St. Gallen gänzlich vergi-aben. 

So läfst sich denn in der That behaupten, dafs der Verfasser 
der Breisacher Reimchronik über Peter von Hagenbach in dem 
weiten Umkreise von Schwaben kein Vorbüd fand, dui'ch welches er 
zu seiner umfangreichen Arbeit angeregt werden konnte 2). Litte- 
rarisch betrachtet würde man daher ohne Zweifel die Breisacher 
Reimckronik in einen ganz anderen Zusammenhang bringen müssen, 
als in denjenigen, der sich uns aus dem Stoffe ergibt. Denn ob- 
gleich der letztere zu stetem Vergleiche mit Knebels und Schillings 
Werken auffordert, zeigt sich die Form unserer Reimchronik so 
vollendet, dafs man dem Verfasser eine grofse Bekanntschaft und 
Vertrautheit mit diesem grofsen Zweige der Litteratm- zuschreiben 
mufs. Ob hiebei an den Eiuflufs der Leetüre Ottokars von Steier 
oder der niederrheinischen Reimchi'oniken zu denken sein möchte, 
wurde bisher nicht genauer untersucht 3). 

Was den Inhalt der Breisacher Reimchronik anbelangt, so ist 
der erste gröfsere Theil, 142 Capitel, vorzugsweise der Person 

') Reimclironik des Appenzeller Krieges 1400 — 1405 herausg. von 
Ildefons von Arx 1830. 

^) Wie verhält sich die Reimchronik von Hans Erhart Tusch herausg. 
von Edm. Wendung und Aug. StÖber, Alsatia 1876 S. 341—451 zu der 
Breisacher Chronik ? 

^) Auf das Vorhandensein niederrheinischer Formen des Reims und 
niederrheinischer Ausdrücke, welche in Breisach sonst unbekannt wären, 
macht Mone aufmerksam III, 256. 

9* 



232 § !*-*• Mittelrheinische Länder. 

Peters von Hagenbach, der zweite Theil, 23 Capitel, den bm-gim- 
dischen Kriegen gewidmet. Mit der Scblaclit bei Nancy und dem 
Tode Karls Yon Burgund endet die Darstellung, welche nach dem 
Schlufsworte im Jahre 1480 geschrieben zu sein scheint. Was sich 
an Vermuthungen sowol über den Verfasser, \Aae auch über den Maler 
sagen läfst, welcher den schönen Codex mit Handzeichmmgen zierte, 
hat der Herausgeber völlig erschöpft, doch ^drd man nur soviel mit 
"Wahrscheinlichkeit festhalten können, dafs der Büi-germeister Ste- 
heUin von Breisach au der Aufzeichnung einen regen Antheü nahm. 
Die merk-v\i.\rdigen Ereignisse, welche in Breisach vorfielen, der 
grofse weltbewegende Zusammenhang derselben mit den Thaten des 
angestauntesten Kriegsfürsten der Zeit, drückten einem Breisacher 
Dichter gleichsam die Feder in die Hand, um diese Dinge nach Art 
der Flandrischen oder Kölnischen populären Geschichtspoesieen zu 
beschreiben. Da es an einem Maecen in Breisach nicht mangelte, 
und da Martin Schongauers Schule ohne Zweifel im Elsafs ausge- 
breitet war, so hindert nichts, das Reimwerk als eine Leistung von 
Breisach und als „Breisacher Reimchronik" kurzweg zu be- 
zeichnen. Ein Vierteljahrhundert später v^oirde auch der Schwaben- 
krieg von 1500 in einer Reimchronik behandelt, welche von Joh. 
Lenz herrührt und neuestens eingehendere Beachtung gefunden hat^). 



§ 10. Mittelrheinische Länder. 

Während in den oberrheinischen Gebieten die Geschichtschrei- 
bung unter dem Einflufs volksthümlicher Staatenbildung zu immer 
gröfserer Entwicklung gedieh, trat in den fränkischen Rheinlandeu 
eine Art von Stillstand ein, und es wurde wenig zu dem hinzuge- 
fügt, was in den früheren Perioden in gröfserem Stile begonnen 
wurde. Von den Wormser Annalen reichen die aufgefundenen 
Spuren bekanntlich bis 1298 -). Wenn dieselben überhaupt fortge- 

') F. Vetter im Anz. f. schw. Gesch. 1884 N. 2. 3. Erwähnt sei hier 
noch die Schrift Conrads Fürst: De situ confoedcratorum dcscriptio 1495 
bis 1497, herausg. von G. v. Wyfs und II. Wartmann in Quellen z. schw. 
Gesch. VI. 

2) Wattenbach Geschq. spricht sich schon in der 3. Aufl. 11,282, 4. Aufl. 
S. 308 gegen die Abweichungen der Portzsolicn Ausgabe von der Böhnier- 
schcn aus, auf welche ich früher glaubte aufnierksan\ machen zu sollen und 
motivirt seine Ansicht vollständig. AVas aber den Kirschgartncr Mönch an- 
belangt, so mufs er — das dürfte wol sicher sein — Aurzeichnungen auch 
für das XIV. Jahrhdt. vor sich gcliabt haben. Auf Falks Naohweisungen 
in Forschungen XIII, 584 hat gleichfalls W. schon aufmerksam gemacht. 



Worms, Speier. 133 

führt wui-deu, so sind ihre Reste um- aus sehr- viel späteren Schiift- 
stellern zu entnehmen. Doch kann dem Mönche von Kirsch - 
garten au diesem Orte noch eine für sich geltende Bedeutung zu- 
geschrieben werden, da er um die Wende des Jahres 1500 seine 
Wormser Chronik verfafste^). Seine Äßttheüimgen sind übrigens 
für das XIV. Jahrhundert dürftig genug und beschränken sich we- 
sentlich auf die Bischofsgeschichte. Seine Wormser Quellen gibt 
er hier nh-gends zu erkennen, und es können dieselben auch keine 
Beziehungen zu einer für die Jahi-e 1381 bis 1389 für sich be- 
stehenden Avifzeichnung gehabt haben-). Für allgemeinere Ereig- 
nisse belehrte er sich aus Königshofens Chronik. lieber die Schick- 
sale des Klosters Kirschgarten im XV. Jahi-hundert ist der Mönch 
etwas ausführlicher, wo er erzählt, dafs dasselbe von den Cister- 
ciensern verlassen, seine Güter verschleppt oder verpfändet und von 
dem Bischof Friedrich Domneck reformirt worden sei. Er verspricht 
bei dieser Gelegenheit eine Geschichte seines Klosters zu liefern 
imd erzählt, dafs sich das Kloster nach der Reformation desselben 
so rasch gehoben hätte, dafs der Bischof von Eichstädt Mönche 
von dort zm- Refonn von Rebdorf geholt hätte. Der Verfasser selbst 
war um jene Zeit (1443) noch kein Augenzeuge dessen, was er 
mittheüt, da ihn, vde er angibt, Bischof Reinhard von Sickingen 
(1446 — 1482) ordinirte und er selbst 1470 nach Worms kam 3). 

Aehnlich wie in Worms verhält es sich auch mit der Historio- 
graphie in Speier*). Auch hier brechen die älteren Annalen schon 
1259 ab und erst im XV. Jahrhundert beginnt wieder eine regere 
Thätigkeit und zwar sowol auf dem Gebiete der bischöflichen, wie 
auf dem der städtischen Geschichtschreibimg. Auf dem ersteren Ge- 
biete begegnet uns Johann Seffried von Mutterstadt mit 



Doch beziehen sich leider die Quellencitate des Barschgartner meist nur 
auf die frühem Perioden. 

^) Chronicon Wormatiense auctore monacho Kirsgartensi, Ludewig Reli- 
quiae II, 1 — 175. Die Beziehungen zu den Annalen reichen bis S. 142. 
Die Es. in Worms, vgl. Corresp. Bl. d. Westd. Zs. I, 72. 

2) Buders Sammlung ungedr. Schi'iften 491 nach Böhmer, Fontes II, 
XXV, Eine Beziehung zu dieser 'Historischen Nachricht von dem Bund 
der Rheinischen imd Schwäbischen Städte de anno 1381' kann nicht 
mehr angenommen werden, seitdem C. Hegel diese Schrift als eine Worm- 
ser Compilation aus dem Chron. Mogunt. nachgewiesen hat: St. Chr. 
XVIII, 132. 

2) Falk, Corresp. Bl. d. Altert. Ver. 1874 S. 3. — Königshofen whd 
zum Städtebund citirt. Die ausführliche Erzählung von der Kirschgartener 
Reform S. 154. 

*) W. G. II, N. 



134 § 10- Mittelrheinische Länder. 

seiner bis 1464 reichenden Bis chofschronik*). Er war ein Sohn 
des 1466 verstorbenen Nicolaus Seffried, Schultheifseu zu Mutter- 
stadt, erscheint 1431 als kaiserlicher Notar, bekleidete fünfzig Jahre 
lang die Stelle eines Domvicars in Speier und starb 1472. Die Ge- 
schichte der Bischöfe verfafste er auf Wunsch des Bischofs Matthias. 
Seine Quellen waren ziemlich leicht nachzuweisen 2) und die Kennt- 
nisse des Domvicars nicht eben sehr bedeutend. Indessen zeigen 
auch die officielleu Aufzeichnungen des Speierer Bisthums in der 
Zeit Seffrieds ein entwickelteres historisches Interesse. Wahl, Re- 
gierungsantritt and Landeshuldigung der Bischöfe Sigfrid, 
Johann und Matthias 1456 — 1464 wui-den, namentlich die Ge- 
schichte des letzteren, von einer wolgeschulten Hand in den Amts- 
büchern beschrieben^). Yon diesen in deutscher Sprache gemachten 
Aufzeichnungen wird man wie von selbst zu den, städtische, bischöf- 
liche und aUgemeine Angelegenheiten zusammenfassenden Sammlun- 
gen hinübergeleitet, welche Mone unter dem Namen der Spei er i- 
schen Chronik herausgab*). 

Der Sammler und Verfasser der Speierischen Chronik be- 
schäftigte sich mit zeitgenössischer Geschichte in umfangreichstem 
Sinne des Wortes. Er besafs ein reiches Archiv von Abschriften 
und war aufserdem ein vortrefflicher Erzähler, wobei es unentschie- 
den bleiben mufs, ob der Besitzer und Sammler mit dem Erzähler 
und Geschichtschreiber eine und dieselbe Person gewesen sein mag. 
Wenden wir uns dem materiellen Inhalte der trefflichen Aufzeich- 
nungen zu. Vor allem war es dem Verfasser um Darstellung der 
Reichsgeschichte zu thun. Er sammelte daher vorzugsweise Nach- 
richten, welche sich auf die gi-ofsen, besonders durch die Türken- 
gefahren herbeigeführten Weltbegebenheiten bezogen. Dafs ihm hier- 
für ein reiches Material ziu- Verfügung stand, beweisen die vielen 

1) Böhmer und Huber, Fontes IV— XL! und 327— 35L Die früheren 
Ausgaben ebd. angeführt. Hieran schliefst sich der ebenfalls von Eccard 
zuerst bekannt gemachte Catalogus episcoporum Spirensitiiii S. 351 — 355. 

^) Huber vermuthet in dem von Seffried benutzten Bischofsverzeich- 
nifs dasselbe, welches Mone Quellens. I, 187 — 189 mitthcilt. 

^) Unter dem Titel Landesliuldigung etc., wozu die liübsche Beschrei- 
bung: Einzug des Bischofs Johann II. zu Speier 14G1 hinzukommt bei 
Mone Quellens. I, 355—367, 520-524. 

*) Quellens. I, 3G7— 520. Unter sonstigen Speierischen Geschicht- 
schrcibern des XV. Jahrlults. verdient der Decan Nicolaus Burgmann 
mit seiner lUstoria iinpcratorum et nyuin Romaiwrum bis 1377 bei Oefole I, 
600 kaum eingehendere Beachtung; zu erwähnen ist nur, dafs er zu seiner 
Arbeit beauftragt wurde 'de mandato serenissimi principis Sygismundi 
Romanorum regis hoc scire volentis'. Eine Hs. in Lindau N. Aroh, 
], 605. 



Rheinische Pfalz. ISb 

Urkunden und Actenstücke, die von vielen Abschreibern angefertigt, 
zuweilen wol auch axis der Ferne zugesandt wurden. Aber auch 
über den Hergang einzelner Ereignisse namentlich in Oesterreich 
und Ungarn zeigt er sich sehr genau unterrichtet. Man vermuthet, 
dafs es die Absicht des Verfassers war, den Stoff in vollständig 
pragmatischer Weise zu ordnen, doch kam er nicht zur Ausführung 
dieses Planes. Die Zeitfolge in der Erzählung ist daher in dem vor- 
liegendem Sammelwerke häufig unterbrochen. Neben der Reichs- 
geschichte lag dem Verfasser die Geschichte seiner engeren Heimath 
nicht minder am Herzen. Ge^Ndssermafsen knüpfte sich die letztere 
an die rheinische Pfalz. Pfalzgraf Friedrich I., der des Ver- 
fassers Zeitgenosse war und in vieKachen Beziehungen zu Speier 
stand, bildet den Mittelpimkt der Darstellung heimischer Geschichte. 
Eben auch nur in dem einzigen Falle, wo von den Thaten Friedrichs 
zu berichten ist, greift der Chronist tiefer in die Geschichte zurück 
und erzählt von den frühem Schicksalen der Pfalz und des wittels- 
bachischen Geschlechtes. Im übrigen beginnt seine Darstellung mit 
den französisch-englischen Kriegen ohngefähr seit der Schlacht von 
Azincourt, und endet mit dem Tode Karls des Kühnen von Burgund. 
Zur Charakteristik der Erzählung selbst liefsen sich viele Beispiele 
vortheilhaft hervorheben: die Anschaidichkeit, mit welcher ferne 
Begebenheiten, wie der Tod des Grafen von Cüli in Ungarn oder 
die Ermordung der Tochter des Herzogs von Cleve beschrieben 
werden. Flu* das fi'anzösische Nachbarvolk war der Verfasser nicht 
ohne lebhafte Sympathieen, „denn man soll mssen, dafs das König- 
reich Frankreich das edelste Königreich in der Christenheit war und 
das reichste an Gut und das edelste an Herrn, Ritter und Knechten 
\md das beste in aller Genügsamkeit." 

Derselbe Kurfürst Friedrich von der Pfalz, für dessen Geschichte 
der Speierer Chronist mit Vorliebe und in grofser Breite seine treff- 
lichen Sammlungen anlegte, wurde auch Gegenstand eines selb- 
ständigen historischen "Werkes in deutscher Sprache, welches am 
Pfälzer Hofe entstand und den gewandten Kaplan Matthias von 
Kemnat zum Verfasser hat*). Matthias Widman, um das Jahr 

') Matthias von Kemnat herausg. von C. Hofmann, Quellen u. Erört- 
zur bayr. u. deutschen Gesch. (nach Cod. Bav. 1642 s. XVI) II, 1 — 141, 
in, 303— 315 (Varianten u. Register); die Ausgabe umfafst blofs das auf 
Friedrich I. bezügliche. Fischer, noviss. SS. ac monumentor. Coli. Halae 
1781 1—36 ist ein knapper Auszug. Kremer, Gesch. des Kurf. Friedrich, 
Mannheim 1766. Rudhart im Archiv f. Gesch. u. Altert, d. Obermainkrei- 
ses II, 2 (1835). Das wichtigste Material hat Wattenbach entdeckt. Zs. f. 
Gesch. d. Oberrheins XXII, 72. XXIII, 21. XXVII, 95. XXXHI. 439; N. 



136 § 10- Mittelrheinische Länder. 

1430 zu Keninat in der Obei-pfalz geboren, erscheint 1447 im Ma- 
trikelbuch der Universität zu Heidelberg und zehn Jahre später als 
Schüler des iltalienischen Humanisten Arriginus auf der Plassenburg 
bei Kulmbach. Dann kehrte er mit Empfehlungen an den Pfalz- 
gxafen Friedrich und an Peter Luder nach Heidelberg zurück und 
1460 war er bereits Kaplan des Pfalzgrafen, nicht aber Universitäts- 
professör, wie man aus einer Stelle der Chronik annehmen müfste, 
welche jedoch Wattenbach als Plagiat ermesen hat. Dagegen er- 
fahren wir von anderer Seite von seinen astrologischen Kenntnissen, 
welche ihn veraulafsten den Pfalzgrafen vor einem Aufenthalt in Mainz 
im. October 1462 dringend zu warnen i). Mit seinen humanistischen 
Freunden scheint Matthias zu Heidelberg ein recht behagliches Leben ge- 
führt zu haben, nur dafs ihm bisweilen das Podagra ein wenig zusetzte. 
Seine Geschichte Friedrichs ist zwar ein höfisches und schmeich- 
lerisches Werk, bietet aber in Anlage, Darstellung und Stoff so viel 
eigenthümliches und reizendes dar, dafs man es getrost zu den 
interessantesten Leistungen des ausgehenden Mittelalters und der an- 
brechenden neuen Zeit zählen darf. Es ist reich mit lateinischer 
Poesie dm-chzogen und so recht im Frühling des deutschen Huma- 
nismus entstanden, von dessen Pflege am Hofe seines Gönners es 
zugleich ein deutliches Beispiel gibt; nur können wir leider hier 
nicht mehr auf eine Schilderung jener gelehrten Gesellschaft ein- 
gehen, welche sich um Friedrich und noch mehr um den jungen 
Pfalzgrafen Philipp sammelte. An einer Stelle gibt sich Matthias 
als Verfasser eines zierlichen Gedichtes zu erkennen, in welchem 
der Dichter spricht, er möchte der Pfalzgraf nicht sein und der 
Pfalzgi'af antwortet, er möchte Matthias nicht sein. Ob der Ver- 
fasser auch an manchen anderen von den zahlreichen lateinischen 
Gedichten Antheil hatte, wie etwa an jenem, welches den beiden 
natürlichen Söhnen Fx'iedrichs in den Mund gelegt wird, als der 
Vater 1471 aus dem Kriege heimkehrte, mag dahin gestellt bleiben; 
einiges davon ist sicher nicht sein Eigenthum-). Nicht blofs als 
Lobredner des französischen Königthums ist Matthias dem Speierer 

Arch. IX, 630. K. Hartfelder, Forschungen XXII, 329—349, wo auch die 
Edition einiger lat. Gedichte, welche llofmann weggelassen hat, verspro- 
chen wird. Uebcr Cod. Vindob. 13,428 \gl. N. Arch. V, 144. 

') Mainzer Chronik II, in St. Cln-. XVIII, 51. 

'■') Einige dieser Gedichte hat Jacob Wiuipholing verfafst, (vgl. Mart- 
felder a. 0. 33G) der mit Matthias V)ofrcnndet war; von ihm sind aucli die 
Verse auf Petor Hagenbachs Tod, Zs. f. Gesch. d. ObeiTh. XXII. Die- 
sem Kreise gehörte auch Dringenberg an, dessen Gedicht auf Karl den 
Kühnen das. XXYIl, edirt ist. 



Matthias von Keninat. J37 

Chronisten veiAvandt, auch was er über den Ursprung der Pfalz be- 
merkt, hat grofse Aehnlichkeit mit dem gelegentlichen Excurs der 
Speierer Chronik und auch der Form nach werden die meisten 
Begebenheiten mit der gleichen Phrase eingeleitet. Der Gesichts- 
kreis der Erzählimg der Chronik Friedrichs ist im Vergleicb zur 
Speierer Chronik bei weitem enger, doch geben die Unternehmun- 
gen Friedrichs bisweilen Gelegenheit auf benachbarte Gebiete und 
deren Geschichte hinüberzugreifen. Nicht ohne cidturhistorisclies 
Interesse ist die detaülirte Beschreibung der im XV. Jahrhundert 
vorkommenden Betriiger, deren urwüchsige und handgreifliche Be- 
rechnung wol mehr füi' die Betrogenen als für die Betrüger bezeich- 
nend ist; nur erweist sich leider auch dieser Abschnitt, was man 
bisher noch nicht bemerkt hat, als plumpes Plagiat *), ebenso wie 
der Bericht über den h. Simon von Trient und noch manches an- 
dere. Ueberhaupt dürfte sich, zumal wenn vielleicht einmal die 
ganze Chronik auf ihre Quellen geprüft sein wird, das Resultat für 
Matthias keineswegs günstig gestalten, aber interessant bleibt seine 
Arbeit für uns auf jeden Fall, besonders als überaus lehrreiches 
Exempel, wie ein Chronist des ausgehenden Mittelalters durch Ein- 
schieben von Zeitungen und einzelnen Berichten, oft ohne jede Be- 
arbeitung, sein Opus zu Stande brachte. Wann Matthias seine Ex- 
cerpte zu sammeln und zu redigiren begonnen hat, läfst sich im 
Einzelnen nicht leicht feststellen; gegen Ende erscheinen die vor- 
handenen Notizen noch weniger verarbeitet und nur lose aneinander- 
gereiht, vielleicht sollte da eine letzte Redaction erst erfolgen. Mat- 
thias ist anfangs 1476 gestorben, das gesammelte Material reicht 
noch bis in den Herbst des vorangehenden Jahi'es. Den gröfsteu 
Theil des Buches benutzte bereits ^Michel Behaim zu seiner Reim- 
chronik, welche sich ebenfalls mit dem Pfalzgxafen Friedrich be- 
schäftigt, wenn nicht vielmehr Matthias von Kemnat, nach Behaims 
Aussage, als ' mitbeschriber und mittichter' an der Reimchronik des 
Letzteren aufzufassen ist; jedenfalls steht der Inhalt des versereichen 
Buches in keinem angemessenen Verhältnisse zu seinem Umfange 2). 

') S. 102 ff. Ein ihm vorliegendes amtliches Gaunerverzeichnifs hat 
Matthias einfach dadurch annectirt, dafs er die Aufzählung der yerschie- 
denen Gaunerspecies mit den Worten beginnt: die ersten die ich nennen 
wil, sint mir mit irer bosheit bekannt u. s. w. Das Plagiat läfst sich leicht 
nachweisen, da uns das Verzeichnifs als sogenanntes 'Basler Rathsmandat' 
auch selbständig bekannt ist; vgl. J. M. Wagner, Arch. f. neuere Sprachen 
XXXIl, 217. — Die Erzählung vom hl. Simon soll aus einem Passional 
stammen, vgl. K. E. H. Krause, NA. X, 406; dieselbe steht übrigens fast 
wörtlich auch in der OesteiT. Chronik des Jacob Unrest. 

2) Eine Reihe kurzer Nachrichten über Pfalzgraf Friedrich I. nebst 



138 § 10. Mittelrheinische Länder. 

Eine erw'linsclite und sachgemäfse Ergänzung gewinnen die 
Speierisclien und Pfälzer Quellen in den inhaltreichen Mainzer Chro- 
niken'). Yoran stellt das lange verschollene Chronicon Moguntinum, 
■welches neuerdigs von C. Hegel wiederentdeckt worden ist 2). Auf 
eine Anzahl ungeordneter werthloser Excerpte folgt in demselben 
eine stattliche Reihe vortrefflicher Nachrichten zu den Jalu'eu 1346 
bis 1406, welche mindestens seit 1389 als gleichzeitige Eintragungen 
anzusehen sind. Naturerscheinimgen imd Preise von Lebensmitteln 
sind besonders häufig verzeichnet, doch hat der Chronist, wde es 
scheint, alles was er in Mainz erfahren konnte, notirt, ohne sich 
dabei auf Mainzer oder Rheinländische Geschichten oder auch nur 
auf die Reichsgeschichte zu beschränken. Was er gelegentlich über 
Papst und Kaiser äufsert, zeugt von recht besonnenem Urtheil, da- 
gegen ist der heftigere Ton, dessen er sich Gregor XI. gegenüber 
bedient einigermafsen befi'emdend, da der Verfasser wol unzweifel- 
haft dem Mainzer Regularclerus angehörte. Eine Fortsetzung, welche 
dem Werke nur wenig ähnlich sieht und überdies erst mit dem 
Jahre 1440 anhebt, ist als eine wol ebenfalls mit den Ereignissen 
gleichzeitige Notizensammlung anzusehen, in welcher lateinische und 
deutsche Eintragungen bis zum Jahr 1448 vereinigt sind. Ganz 
anders geartet tritt uns naturgemäfs auch in Mainz die bürgerliche 
Geschichtschreibung entgegen; statt bunter CoUectaneen erhalten wir 
eine pragmatische Darstellung der städtischen Geschichte aus den 
Jahren 1332 bis 1452 in den Sagen von alten Dingen der er- 
lichen Stadt Mentze^). Ein ganz eigenthümliches Büd gewähren 



Wimphelings Gedicht zum Ruhme desselben schliessen sich einer Excerp- 
tensammlung aus dem Chron. Mogunt. an, welche Würdtwein, Nova Sub- 
sidia VIII, 392 — 402 als Chronicon rtr. in tracta Rheni siiptrioris gestarum 
1361—1501 edirt hat; vgl. Hegel, St. Chr. XVIII, 139. 

') Ueber die Geschichtsquellcn des Erzstiftes Mainz im MA. von 
Böhmer, Period. Bll. f. d. histor. Vereine beider Hessen 1849 N. 13. ße- 
achtenswerthe Beiträge von Dr. Falk im Serap. 1869 S. 196 ; Intellig. Bl. 
N. 22 S. 172 und über Mittelrh. Chronisten am Ende des MA. im Arch. f, 
Gesch. u. Kunst in Frankfurt NF. V, (1872) 361 ; Mitth. d. Ver. f. Gesch. 
u. Altert, in Frankf. V, (1879) 610. 

^) Chronicon Moijuntinum lierausg. von C. Hegel, St. Chr. XVHI, 129 
bis 250. Vgl. A. Wyfs, Westd. Zs. III, Heft 1, dagegen Hegel, N. Arch. 
X, 366. Von Joannis (f 1735) als Collectanea miscella citirt. Fragmente 
aus späteren Mainzer und llheingauisclicn Schriftstellern gesammelt bei 
Huber, Fontes IV, 367 — 391. Nar ratio de rc/>us gextin aejwr. iMog. 363 
bis 367. Siiccesxio episcoporiim Mog. 355 bis 363. Notae historicae Mag. 
391-392. 

^) Sagen von alten Dingen der erlichen Stadt Mentze (Titel nicht ur- 
sprünglich), hcrausg. v. C. Hegel, St. Chr. XVll: ülicr den Verfasser vgl. 
F. Bech: Litt. Centralbl. 1882 N. 6: dagegen Hegel, St. Chr. XVHI, 244. 



Mainzer Historiographie. 139 

dieselben dadurch, dafs sie ausschliefslich die städtische Geschichte 
im Auge behalten und sich hier wiederum auf die inneren Verhält- 
nisse der Bürgerschaft und der Geschlechter und auf die Stadtver- 
waltung beschränken. Dieses noch immer sehr umfassende Thema 
wird nun auf breitester Grundlage mit gründlicher Benutzung des 
urkundlichen Materials, welches zumeist in getreuen Abschriften der 
Darstellung eingefügt ist, behandelt. Was man dagegen sonst von 
Wundergeschichten und Stadtklatsch in einer Stadtchronik zu finden 
gewohnt ist, mangelt hier gänzlich und scheint absichtlich wegge- 
lassen zu sein. Der Verfasser gehörte den Geschlechtern an und 
war an dem Kampfe derselben mit der Gemeinde, welchen er aus- 
führlich darstellt, unmittelbar betheiligt. An einer Stelle nennt er 
sich Clesse (Nicolaus) und es läge nahe, dabei an den Rechen- 
meister und Wortführer der Alten, Clesse Reysse, welcher sehr oft 
in der Chronik genannt wird, zu denken, wenn nicht gerade die 
Objectivität, mit welcher der Autor in diesem Falle von seinen 
eigenen Handlungen spräche, gar zu auffallend erscheinen würde. 
Ein zweites Werk von so hohem Werthe scheint die Mainzer Histo- 
riographie nicht hervorgebracht zu haben, allein sehr beachtenswerth 
sind auch einige kleinere Darstellungen aus der städtischen Ge- 
schichte, welche sich glücklicher Weise in einer späteren Compila- 
tion des XVI. Jahrhunderts fast unverändert erhalten haben i). Die 
Eroberung der Stadt durch Erzbischof Adolf von Nassau am 28. Oc- 
tober 1462 hat ein Zeitgenosse in lebhaften Farben geschildert; er 
war mit an der Sache betheihgt und stand auf der Seite Diethers 
von Isenburg^). Ein zweiter Mainzer Bürger, Hans Gutkorn, der 
sogar an dem Strafsenkampf theilgenommen hat, schrieb ein Reim- 
gedicht, in welchem er sich deutlich als ein Gegner des Nassauers 
zu erkennen giebt^). Beide Erzählungen erhalten in einem nieder- 
deutschen Berichte, den ein eifriger Anhänger Adolfs verfafst hat, 
eine willkommene Ergänzung, was von einem kleinen lateinischen 
Gedichte eines Sponheimer Mönchs Andreas von Utrecht wol 
nicht gesagt werden kann*). Auch der Bericht über den Aufstand 
der Bürger gegen das Domcapitel vom Jahre 1476, mit welchem die 
genannte Compilation schliefst, scheint auf einer gleichzeitigen Vor- 

Sachlicher Commentar in Hegels Verfassungsgesch. v. Mainz St. Chr. XVIII, 
2. Abt. S. 63 ff. 

1) Chronik H, 1459—1484 herausg. von C. Hegel St. Chr. XVEI, 14 
bis 86. Vgl. Einleitung S. 10—13. 

2) Das. S. 14—74. Vgl. S. 89—94, wo über die Quellen gehandelt ist. 

3) Das. S. 74—81. 

*) Der niederdeutsche Bericht das. S. 95— 99; das Gedicht S. 100. 



140 § 10. Mittelrheinische Länder. 

läge zu beruhen 1). Unsicher dagegen ist die Existenz eines Büch- 
leins vom Kriege zmschen Mainz und Hessen im Jahre 1404, wel- 
ches nach Bodmann der Mainzer Domvicar Johannes Hexheim 
verfafst haben soll 2). Der historischen Legende gehört schhefslich 
die Erzählung vom Ursprung der Stadt Mainz an, den eine alte 
Tradition bis auf Attila und König Dagobert zurückzuführen wufste; 
so weit geht auch ein unbekannter Eberbacher Mönch^) in seiner 
kurzen Chronik der Mainzer Erzbischöfe zurück, doch besteht der 
Werth dieser bis auf Berthold von Henneberg (1484) fortgeführten 
Compüation nur darin, dafs manches aus bisher noch nicht wieder- 
gefundenen Quellen benutzt zu sein scheint. 

Ganz eigenthümlich gestaltete sich die Entwicklung der Historio- 
graphie in Frankfurt am Main, wo schon für die ältere Richtung 
der dominirende Einfluss des Bartholomaeusstiftes in Rechnung ge- 
bracht werden mufs, da derselbe eine gewisse innere Verwandtschaft 
und Gleichförmigkeit der hier entstandenen geschichtlichen Auf- 
zeichnungen zur Folge hatte. Um die Mitte des XIV. Jahrhunderts 
hat jemand einen unbedeutenden Anlauf zur annalistischeu Thätig- 
keit genommen und eine Anzahl städtischer Nachrichten von 1306 
bis 1342 notirt, welche später von verschiedenen Händen bis 1364 
vermehrt worden sind*). Eine jüngere Compilation sind dann die 

') Das. S. 82. Der Bericht über das Treffen von Pfedderheira (1460 
Juli 4), mit welchem Chronik 11 beginnt (S. 15 — 18) stimmt fast wörtlich 
überein mit der Speyerischen Chronik von Lehmann (1612), der seinerseits 
aus einer sonst nicht bekannten 'bischöflich Speyerschen Beschreibung' 
geschöpft hat: vgl. Hegel a. 0. S. 11 und ein Verzeichnifs der Gefange- 
nen S. 134. 

2) Bodmann, Rheingauische Alterth. 809, dagegen Hegel, St. Chr. 
XVIli, 5. 241, dessen aufbauenden Forschungen durch seine destructive 
Kritik der Bodmannschen Fälschungen in erfi'eulicher Weise ergänzt 
werden. 

3) Die Legende herausg. von Hegel, St. Chr. XVHI, 241—243. Die 
Chronica de episcopis Mog. des Eberbacher Mönchs herausg. von Roth, 
Fontes rer. Nassoicar. I, 3. Abth. 146 — 162 und genauer das. 4. Abth. 138 
bis 149; vgl. Falk, Mitth. d. Vor. f. Gesch. u. Alterth. in Frankf. V, 610 u. 
Frt. Arch. N. F. V, 362. VI, 424. E. Zais, Beitr. z. Gesch. d. Erzstiftes 
Mainz, Wicsb. 1880. lieber eine andere Mainzer Chronik im Cod. Darmst. 
820 s. Falk, Frt. Arch. N. F. V, 369 und D. König, Forsch. XVIIl, 74. 
Bruchstück d. Chronik d. Kl. Jacob.sbcrg bei Mainz (1470 — 1497) iisg. von 
Roth, Fontes I, 3. 174 — 175. Uobcr Georg Hey 1 mann alias Pfeffer, dessen 
Compilation von Mainzer Geschichten eigentlich nicht mehr hergehört, vgl. 
M. Mayr N. Arch. V, 142. D. König, Forsch. XX. 56. C. Will, liist. Jahrb. 
n, 338 (ob verschieden von Georg Hell vgl. Falk, Frt. Arch. N. F. V, 365 
und Froning das. VIII, 290). 

'') Anna/es Frankofurtani bis 1358 bei Böhmer, Font. IV, .'594 ; voll- 
ständig in Frankfurti^r Chroniken bearb. von R. Froning, Frankf. 1881 
(= Quellen z. Frankf. Gesch. 1.) S. 1—3; vgl. Froning, d. beideu Frankf. 



Frankfurter Familienchroniken. 141 

Deutschen Aunalen 1306 — 1343, welche zum Theil mit den soeben 
erwähnten lateinisch geschriebenen Annalen auffallend übereinstim- 
men und bei den späteren Localhistoriken sich grofser Beliebtheit 
erfreuen 1). Sehr interessant ist dagegen eine Beschreibung der 
Stadt Frankfurt, welche Baldemar Yon Peterweil oder Fabri, der 
um 1384 starb und ein fleifsiger Canonicus des Bartholomaeus- Stif- 
tes war, verfafst hat; es ist dies eine Beschreibung aller Gassen 
und Plätze Frankfurts, welche einem liber redituum des Stiftes 
vorangestellt war und die topogi-aphische Orientining erleichtem 
sollte. Zu bedauern ist, dafs nur ein Theil seiner Arbeiten auf uns 
gekommen ist^). In demselben Stifte finden sich auch Aufzeich- 
nungen über den Empfang und die Wahl eines römischen 
Königs im Stift, über den Aufenthalt Kaiser Friedrich III. 
in Frankfurt in den Jahren 1474 — 1475 und 1485, über die Wahl 
K.Maximilian 1486 und dessen Anwesenheit 1489, wie sie 
aus ähnlichen Anlässen in vielen anderen Reichsstädten bald von 
amtlichen bald von privaten Personen gemacht zu werden pflegten^). 
Der bürgerlichen Geschichtschreibung Frankfurts hat man bisher, 
wie sich neuerdings herausstellt, entschieden unrecht gethan, wenn 
man ihi'e gedeihliche Entwickelung oder gar ihre Existenz in Ab- 
rede gestellt hat. Was in jüngster Zeit ans Licht getreten ist, ist 
freilich keine Stadtchronik im eigentlichen Sinne dieser Bezeichnung, 
aber es genügt vollauf, um das rege Interesse der bürgerhchen Ele- 
mente zunächst an der Geschichte ibrer eigenen Familie, dann aber 
auch an dem geschichtlichen Leben weiterer Kreise zu beweisen. 
Eine Familiengeschichte im engsten Kreise ist die Stirps Ror- 
bach*) des Frankfurter Patriziers Bernhard Rorbach, der den 



Chroniken des Job. Latomus und ihre Quellen, Arch. f. Frankf. Gesch. NF. 
Vm, (1882) 233—318. 

*) Das. S. 4 — 6; eine Umarbeitung der Annal. Francof. in den CoUec- 
taneen des Dominikaners Peter Herp, das. S. 58. 

^) Baldemar von Peterweil, Beschreibung der kaiserl. Stadt Frankfurt 
herausg. u. übersetzt von L. H. Euler, Mitth. d. Ver. f. Gesch. u. Alterth. zu 
Frankf. I, (1858) 51—110. 

3) Notae hist. Böhmer, Font. IV. 396—399 und Frankf. Chron. S. 9 
bis 15. 22 — 27. 52 — 57 mit anderen localen Notizen aus Büchern des Bar- 
tholomäusstiftes von verschiedenen Händen, z. Th. von Custos Nicolaus 
Gerstung (f ca. 1420), dem Dechanten Johannes Königstein (f 1462) und 
den Cantoren Kaspar Feldener (f 1481) u. Georg Schwarzenberg (■{■ 1500) 
S. 15—57. Ueber den Dombrand und Judenschlacht 1349 aus dem XIV. 
Jahrh. S. 7—8. 

*) Herausg. von Steitz, Arch. f. Gesch. u. Kunst in Frankf. N. F. II, 
404 — 437 und von Froning a. 0. 156—180. Ueber den FamiHenbesitz der 
Rorbach das. S. 392 und die Stammtafel S. 434. 



242 § 10. Mittelrheinische Länder. 

Ursprung seines Hauses unrichtig Ton den Rittern von Rorbach ab- 
leitet. Familiendocumente, die ihm reichKch zu Gebote standen, 
hat er sorgfältig benutzt und konnte die Geschichte seiner Yorfah- 
ren ungefähr hundert Jahre verfolgen. Allerdings begnügt er sich 
immer mit ganz kurzen Notizen, welche die Erinnerung an das Ver- 
gangene blos fixiren sollen und selbst für seine Zeit behält er diese 
lakonische Form bei, erwähnt nichts mehr als Geburts- und Sterbe- 
tage der Seinigen und die ihm übertragenen städtischen Aemter. 
Diese Aufzeichnungen, welche wabrsclieinlich aus dem Jabre 1478 
stammen, werden durch andere in bemerkenswerther "Weise ergänzt. 
"Was ihn sonst von Tagesneuigkeiten interessiite, trug nämlich 
Bernhard Rorbach bis kurz vor seinem Tode (1482) sorgsam nach 
Rubriken geordnet in ein besonderes Büchlein ein, woraus eine ganz 
interessante Sammlung, der Liber gestorum^) entstanden ist. 
Schon aus einigen Kapitelüberschriften, wie etwa: Weltlich geist- 
lichkeit zu Frankfurt, unsere hern des rats vor und nach mir, Male- 
fici sententialiter condemnati, Desponsationes, Adventus imperatorum 
et alioi-um, Processionen, Schiessen, kann man leicht eine Vorstel- 
lung von dem bunten Inhalt dieser Notizen gewinnen, in welchen 
sich das bewegte Leben einer Grofsstadt des XV. Jahrhunderts spie- 
gelt. Noch interessanter sind die Memoiren seines Sohnes Job, 
welchem wir ein vortreffliches Bild des städtischen Lebens kurz vor 
Beginn der Reformation verdanken 2). Das gesellige Leben in den 
bürgerlichen Kreisen in Frankfurt, ihre Gastmäler und Zusammen- 
künfte, ihre rege Theilnahme an der Stadtverwaltung tritt uns in 
diesen Aufzeichnungen plastisch entgegen. Job Rorbach war ein 
gebildeter Mann, sprach italienisch und erzählt nicht selten von 
Bücherankauf; er war Kanouicus am Bartholomaeus-Stifte und starb 
in jungen Jahren (1502). Eine bemerkenswerthe Erscheinung in 
seinem Tagebuche sind die zahlreichen Tilgungen, welche Job vor- 
nahm, nachdem er in den geistlichen Stand getreten war. Allein 
nicht blofs in Patricierfamilien war das Bedürfnifs vorhanden, das 
Erlebte in der Erinnerung festzuhalten; ganz ähnlich, nur vielleicht 
noch etwas bunter sind die Aufzeichnungen eines schlichten Hand- 
werkers, des Visirers und Aichmeisters Johann Heise, der nebst 
vielem anderen auch seine KöriDcrlänge einzutragen nicht vergafs^). 

') Bernhard Rorbach, Liber gestorum reconstruirt von Froning das. 
S. 181—223. 

^) Hcrausg. von Steitz, Arch. f. Gesch. und Kunst in Frankf., N. F. 
III, 47—203 und von Froning a. 0. 237—313. 

^) Herausg. von Froning a. 0. Ein paar Notizen vnn Heinrich v o ni 
Rhein 1306-1472 das. S. XLl— XLIl. 



Limburger Chronik. ;[43 

Man rnufs etwas mehr nach Norden hin ausgreifeu, um ein frühes 
Beispiel einer anziehenden und sehr merkwürdigen populären Dar- 
stellung zu gewinnen. Es ist die Limburger Chronik, welche 
wahrscheinlich unter allen deutsch geschriebenen Geschichtsbüchern 
des XIV. und beginnenden XV. Jahrhunderts seit längster Zeit Be- 
achtung und Werthschätzung fand^). Wiewol nun Limburg geo- 
graphisch nicht zu dem Gebiete gehört, das zunächst unserer Be- 
trachtung zufällt, und mewol auch der Stoff und die in den Bereich 
der Erzählung gezogenen Ereignisse vorwiegend die nordwestlichen 
Gegenden des Rheins berühren, so sollte doch vennöge der Sprache 
und der gesammten Cultm-anschauung das Buch gerade unter den 
fi'änkischen Quellen nicht fehlen. Man kann nach den Ergebnissen 
einer sehr sorgfältigen Prüfung jüngster Zeit als den Verfasser der 
Limburger Chronik mit gi'öfster "Wahrscheinlichkeit den kaiser- 
lichen Notar Tilemann Elhen von Wolfhagen in Nieder- 
hessen bezeichnen. Die notarielle Thätigkeit Tilemanns zeigte sich 
schon bei der ersten flüchtigen Untersuchung der Urkunden für die 
zweite Hälfte des XIV. Jahrhunderts wol beglaubigt und ist jetzt 
für die Jahre 1370 bis 1398 vollkommen sichergestellt. Er war 
Cleriker der Diöcese Mainz, ^Noarde aber niemals Priester, sondern 
vertauschte den geistlichen Stand mit demjenigen des öffentlichen No- 
tariats 2). Er TiTirde 1347 geboren und machte seit 1377 seine histo- 
rischen Aufzeichnungen. Die Redactiou des Werkes, welches, wie 
es uns jetzt vorliegt, mit dem Jahre 1398, mit der Erzählung von 
dem Brande zu Fulda plötzlich abbricht, mufs bald nachher erfolgt 
sein^). Dafs Tüemanu eine philosophisch -theologische Bildung be- 

') Zuerst von Job. Fr. Faust als Fasti Limpurgenses 1617 und 1619 
herausg.; über die Hss. und die folg. Ausgg. s. A. Wyfs, die Limburger 
Chronik, Marburg 1875 und dessen kritische Ausg.: Die Limburger Chro- 
nik des Tilemann Elhen von Wolfhagen, D. Chron. IV, 1. Abth. Hannov. 
1883 m. Facsim. von Tilem. Hs. Vgl. Litt. Centralbl. 1883 N. 36. Deut- 
sche Litt. Ztg. 1883 N. 46. Beachtet wurde die Limburger Chronik schon 
von Serarius, Joannis, dann von Herp in dessen lateinischen Annales do- 
minic. Francof. Senkenberg Sei. juris II, 1 — 30, vgl. Froning, Frankf. Chron. 
I, S. XVII. Wenck, hess. Ldsg. I, XIII u. XLIX. Kinderling Nachrichten 
von Joh. Gensbeins Limburger Chronik im Allg. litt. Anzeiger 1800 
nro. 129. Bodmann, Rheing. Alt. S. 7 vgl. S. 97. Die Lieder wurden von 
Herder und Lessing (XI, 468) beachtet und von Mone, Anz. 1832, I, 25. 

^) Er bezeichnet sich als clericus uxoratus, wozu Wattenbach Schrift- 
wesen im MA. 2 359 und L. Goetze, Annal. d. Vei". f. Nassau. Alterth. 
Xm, (1874) 323 zu vergleichen ist. 

^) C. 13 S. 30: Item nu saltu wifsen, allez daz hernach nach datum 
imsers herren Jhesu Cristi mit namen dusont druhundei-t unde siben unde 
virzig jar bit daz man schriben wirt virzen hundert jar unde zwei 
jar, daz ist allez bi minen tagen gesehen; wahrscheinlich nach Wyfs so 



144 § 10. Mittelrheinische Länder. 

safs, ersieht man aus der Vorliebe, mit welcher er seine Kenntnifs 
des Aristoteles zur Schau trägt; aus der einmaligen Er«'ähnung 
des Pariser Gelehrten Buridan wird man aber doch nicht schliefsen 
dürfen, dafs er das dortige Studium besucht habe. Allein seine Ge- 
lehrsamkeit darf nach diesen Citaten nicht zu hoch angeschlagen 
werden und sie machte ihn jedenfalls für die volksthümlichen Er- 
scheinungen seiner Zeit nicht blind. Namentlich für volksthümliche 
Verse und Gedichte hatte er seit frühen Jahren grofses Interesse 
und es ist sehr bezeichnend, dafs er jedesmal genau bemerkte, in 
welcher Zeit die verschiedenen Melodien aufgekommen seien. Auch 
Tilemanns genaue Berichte über Moden der Zeit sind seit lange be- 
achtet und von den Costümkundigen fleifsig benutzt worden. Wie 
erklärt sich nun diese eigenthümliche Verbindung von Lieder-Musik- 
Trachtengeschichte mit der strengen wolbekannten chronistischen 
Berichterstattung über Fehden und Kriege, Regierungswechsel, Reichs- 
tage und Städtebündnisse? Denn in der That, obwol die Aufnahme 
von poetischen Erzeugnissen in die Chroniken schon seit dem XIV. 
Jahrhundert durchaus nichts seltenes mehr war und es vielmehr 
als ein Vorzug galt, wenn die dürftige Prosa durch rythmische Er- 
güsse unterbrochen wurde, so besteht doch ein wesentlicher Unter- 
schied zmschen der Limburger und anderen Chroniken darin, dafs 
die erstere ausschliefslich Sprüche und Singweisen, die letzteren 
ausschliefslich aber historische Lieder, lateinische oder deutsche, 
aufnahmen. "Wenn man aber näher zusieht, so ist die Sammlung 
Tilemanns keineswegs so beschaffen, wie sie ein Laie in der Sache 
angelegt haben würde, dem es darauf angekommen wäre, die Lieder 
■wirklich zu besitzen. Der letztere würde sich ohne Zweifel dieselben 
so vollständig als möglich abgeschrieben haben; Tilemann dagegen 
verfährt anders; so sagt er (S. 51): lu diser zit sang man dit lit 
oberalle : 

Miden, scheiden, daz dut werlich we, ufser mafsen we 

Von einer, di ich gerne anse 

Und en ist daz nit unmogelichen. 
Man sieht, es kommt ihm auf die Singweisen an. Als Fachkeuner 
gibt er sich auch zu erkennen, Avenn er zum Jahre 1360 bemerkt, 
wie um diese Zeit der Meistergesang geändert und das Pfeifenspiel 
so umgewandelt wurde, dafs wer früher ein guter Pfeifer war, nun- 
mehr ein schlechter geworden sei. In einer gewissen Beziehung zu 

zu verstehen, dafs der Autor eine Lücke für sein Sterbejahr liefs, welche 
von späterer Hand ansgofüUt wurde. 



Nassaiiische Chroniken. ]^45 

den Meistersängerschulen dürfte der Verfasser unserer Chronik dem- 
nach wol gestanden haben und er machte daneben seine historischen 
Aufzeichnungen. Aber auch in den eigentlich historischen Ueber- 
lieferungen enthält die Chronik einen eigenthümlichen Charakter. 
Die Vorliebe, mit welcher der Verfasser die handelnden Personen 
auch persönlich beschreibt, die lebhafte Darstellung von Ereignissen, 
die er nur gehört und nicht mit erlebt und die geringe Kenntnifs 
von Acten und Urkunden, alle diese Umstände lassen erkennen, 
dafs der Verfasser der Chronik den politischen Ereignissen der Zeit 
etwas femer stand. Die eigentlich historische Ausbeute der Chronik 
fällt, bei eingehenderer Benutzung derselben, nicht sehr grofs aus. 
Es sind vorherrschend anekdotenhafte Erzählungen, zu deren Samm- 
lung nicht viel bessere Quellen als die Trinkstuben der Stadt be- 
nutzt worden sein dürften; wenigstens sind die Spuren der Benutzung 
schriftlicher Quellen so überaus dürftig, dafs dieselben, von einigen 
unsicheren Anklängen abgesehen, nicht festgestellt werden konnten. 
Trotzdem darf mau auch so behaupten, dafs in der Limburger Chro- 
nik jedenfalls eines der merkwüi-digsten Denkmäler des mittleren 
Rheinlandes im XV. Jahrhundert aufbewahrt ist. 

Geringfügig ist dagegen, was sonst in Limburg aufgezeichnet 
worden ist. Eine Anzahl annalistischer Notizen in lateinischer 
Sprache, welche wol aus dem Limburger Stifte stammen, stehen 
zwar zur Chronik in einem sehr nahen Verhältnisse, allein es ist 
schwer, dasselbe genauer festzustellen; recht ansprechend ist die 
Vermuthung von Wyfs, der in diesen Annalen die Benutzung einer 
Anzahl vorläufiger Notizen bis 1397 erblickt, welche Tilemann vor 
der Abfassung seiner Chronik aufgezeichnet hat^). Ohne Benutzung 
der Chronik hat ein Limburger Bürger zu Anfang des XV. Jahr- 
hvmderts allerlei locale Ereignisse verzeichnet 2). 

Bevor wir jedoch von der Betrachtung dieser Länder scheiden, 
mag es gleich hier gestattet sein noch einige benachbarte nassauische 
Quellen anzufügen, welche im ganzen unbedeutend, doch nicht über- 
gangen werden dürfen, wie die ansprechende Erzählung des Mino- 
riten "Werner von Saulheim über die Stiftung des Klosters 

1) Herausg. in zwei Recensionen das. S. 111 — 118. Vgl. S. 15 und 
A. Wyfs N. Arch. VE, 567—584. 

2) Das. S. 98—103. Zusätze zur Chronik scheinen die nach 1462 zu- 
sammengestellten Notizen zu sein, welche Wyfs das. S. 105 — 108 aus der 
Wetzlarer Ausg. (1720) wiederholt. Ein paar Eintragungen 1255—1419 
aus dem Stift zu Dietkirchen das. S. 118. Ueber das Archiv der Stadt 
Limburg und über Wilhelmitenklöster in Nassau vgl. Annalen d. Ver, f. 
Nassau. Alterth. XIV, 2. 

Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I. 10 



J46 § 11- Die ostfränkischen Bisthümer. 

Clarentlial durcli die Grafeu von Nassau. Werner von Saulheimi), 
über dessen Lebensumstände vni nicht viel mehr wissen, als dafs er 
Beichtvater bei den Nonnen in Ciarenthal bei Wiesbaden war, zeigt 
eine für K. Adolf durchaus günstige Gesinnung, wozu ihn nicht blofs 
persönliche Rücksichten sondern auch die Sympathien des Nassaui- 
schen Hauses für seinen Orden bewegen mochten. Unweit Claren- 
thal befindet sich das Kloster Bleidenstadt, wo von den Aebten 
Thomas und Sifried Koete 1346 — 1391 wenige historische Auf- 
zeichnungen vorliegen, deren Bedeutungslosigkeit um so erklär- 
licher ist, als sie eben die Mittheüung enthalten, dafs die Bibliothek 
des Klosters verbrannt wäre 2). 



§ 11. Die ostfränkischen Bisthümer. 

Wenn wir die ostfi'änkischen Länder nach der Reihenfolge be- 
trachten, welche die chronologisch geordnete Thätigkeit auf dem 
Gebiete der Geschichtschreibung an die Hand gibt, so schliefst sich 
Eichstädt zunächst an die ältere Epoche, ohne jedoch gewecktere 
und allgemeinere Leistungen zu bekunden. Immer noch beschäftigte 
man sich, wie vordem, viel mit der wunderbaren Lebensgeschichte 
der heiligen Walpur gis, welche der Priester Wolfhard \ix- 
sprünglich verfafste und Bischof Philipp 1306 — 1322 umgearbeitet 
hatte^). Auch die Biographien der Bischöfe*) Miirden in der 
schon lange vorher angelegten prächtigen BUderhandschrift eifrig 
fortgeführt, von Bischof Reimbolo (f 1297) an sogar in bedeutend 

') Herausg. von Kremer, Orig. Nass. II, 405 (Rec. B.) und Schliephake, 
Gesch. V. Nassau 11, 225 (Rec. A), vgl. FV, 41; S. Wiedmann, Nassauische 
Chronisten d. MA. Wiesbaden 1882 S. 20 — 24. Notae Clarentahnses das. 
S. 24— 25. Roth, zur Gesch. d. Kl. Clarentlial, Corresp. Bl. d. Alterth.- 
Ver. 1882. 

2) Notae fast. Blidenstadenses 1346 — 1391. Böhmer, Fontt. IV, 392. 
Wiedmann a. 0. führt noch an : Anonymus von Eltville c. 1310, Hugbert 
von Bleidenstadt c 1320. Schönauer Reimsage. Leidenschronik d. Klost. 
Amsburg (1408—1478) von Abt Martin Riffling zu Eberbach (1498—1506). 
Chronikalische Notizen 1382—1405. 1480—1487 bei Roth, Fontes rer. Nass. 
I, 3. 164—168. 

') Vita S. Walpurqiü autore P.hilippo episcopo Evstettensi bei Canisius, 
lect. ant. IV, 2. 563. "Vgl. Potthast, Art. Vita S. Walb. über Bischof Phi- 
lipp vgl. Germ, saora 11. 

*) W. G. II, N. Die Publikation ,1. G. Suttners, Tabiüa Leonrodiana, 
Eichst. 1867 (Ms 1496) ist wenig bekannt geworden: von Reimboto bis 
Albort von Hi)lienrechberg (f 1445) neuerdings herausg. von Bethmanu 
u. Waitz SS. XXV, 590-609; vgl. A. Schulte, Heim-, v. Rebdorf S. 65. 



i 



Eichstädt, Rebdorf. 147 

erweiterter Fassung, wobei sich auch der Gesichtskreis der ver- 
schiedenen Biogi'aphen allmählich erweiterte. Diese recrutirten sich 
aus den Cauonikern und den bischöflichen Notaren und entledigten 
sich ihrer Aufgabe als offiziöse Geschichtschreiber in der Weise, 
dafs sie über die Verwaltung und Erweiterung des Bisthums sehr 
ausführlich berichteten, wobei der jeweilige Bischof, dem dieselbe 
zu verdanken war, stets in vortheilhaftem Lichte erscheint; selbst 
Anhänger und Gegner Johanns XXII. werden in gleicher "Weise 
gelobt. Die Namen der Eichstädter Biographen sind bis auf zwei, 
nämlich Thomas, der die Viten der Bischöfe Conrad, Johannes und 
vielleicht auch Marquard schrieb und Leonhard Angermair, der am 
Ende des XV. Jahrhunderts thätig war, gänzlich unbekannt. Gröf- 
seren und dauernderen Ruhm erwarb sich ein Eich Städter An- 
nale n werk*), welches man bisher nach Rebdorf verlegte und all- 
gemein als die Chronik Heinrichs von Rebdorf bezeichnete. 
Nach den Untersuchungen von Aloys Schulte kann aber nicht mehr 
daran gezweifelt werden, dafs diese Annalen, in welchen Rebdorf 
fast gar nicht beiücksichtigt wird, nach Eichstädt gehören. Man 
empfand hier das Bedürfnifs, die Chroniken der älteren Zeit fort- 
zuführen und zu ergänzen. Nachdem die Wahl König Adolfs einen 
Geschichtschreiber schon gefunden hatte, begann man mit dem thü- 
ringischen Krieg und erzählt die Geschichte der Kaiser in streng 
annalistischer Fonn bis zum Tode Heinrichs VII., dann folgen die 
Geschichte der Päpste A^on 1288 bis 1345, dann ■v\deder die Kaiser 
von 1314—1347, Päpste von 1342—1372 und ebenso Kari IV. bis 
1363. 

Es lag also eine Chronik der Kaiser und Päpste vor, aber nicht 
mehr in der sorgfältig synchronistischen Form des ursprünglichen 
Martin von Troppau, sondern in der aufgelösten Reihenfolge, nach 

') Annales Hainrici monachi in Rebdorff nunc ex MS. Codice Rebdorf- 
fensi emendatiores in lucem editi a Christophoro Gewoldo, Ingoist. 1618. 
Diese Aasgabe ist nocli immer sehr brauchbar, denn sowol Freher (SS. 
1,411) als Struwe (SS. 1,597) geben keine Möglichkeit, von der hand- 
schriftlichen Grundlage eine Vorstellung zu gewinnen. Ebenso weuig ver- 
mag dies Böhmer, Fontt. IV, 507—568 (nach Cl. Neob. 699) unter dem 
Titel: Heimici Rebdorfensis annales Imperatorum et Paparum. Ueber die 
Hss. und Ausgg. die vorti'effliche Arbeit von Aloys Schulte, die sogen. 
Chronik des Heinrich von Rebdorf, Münster 1879. Vgl. Riezler. Eist. Zs. 
1880 S. 154. Eichstädter Pastoralblatt 1880 S. 104. Ueber die beiden 
Wiener Hss. vgl. AI. Mair, N. Arch. V, 140— 141; über die Klostenieu- 
burger E. Guglia, Mitth. d. Inst. V, 444. Der 2. Theil ist nui- in der Pa- 
riser Hs. 10770 (früher Rebdorf) vollständig, vgl. Arcli. VIII, 307, N. Arch. 
VI, 485. üebersetzung: Kaiser- und Papstgeschichte von Heinrich d. Tau- 
ben von G. Grandauer Geschichtscln-eiber d, d. Vorz, XIV, 7. 1883. 

10* 



j[48 § 11- -^i^ ostfränkischen Bisthümer. 

■welcher auch in den späteren Handschriften jenes Martin Kaiser 
XTnd Päpste nacheinander abgehandelt werden. Es kann die Frage 
sein, ob dies in dem Autograph der Eichstädter Annalen nicht an- 
ders war und ob nicht blofs durch spätere Abschreiber die synchro- 
nistische Darstellung verwirrt und was ursprünglich nebeneinander 
stand, ganz vde bei Martin, hintereinander gestellt wurde i). Jenen 
Martin von Troppau aber hatte der Eichstädter Chronist nicht vor 
sich, als er die Fortsetzung desselben zu schreiben unternahm, denn 
Martins Werk reicht nicht bis 1295 und es wäre ein Zufall, dafs 
gerade eine Fortsetzung bis zur "Wahl König Adolfs von diesem 
dominikanischen Geschichtswerk vorgelegen hätte, während die con- 
currireuden Minoriten mit ihrem Schulbuch gleiches Namens eben 
bis zum Jahre 1290, nicht selten 1295, reichen^). Es war also ohne 
Zweifel der sogenannte Martinus Minorita, den die Eichstädter 
Annalen zu ergänzen bestimmt waren. 

Das eingehende Handschriftenstudium dieser Annalen dm'ch 
A. Schulte hat ferner gelehrt, dafs dieselben in zwei Theile zerfallen, 
von denen der eine bis zum Jahre 1343, der andere bis 1363 
reicht. Nicht ganz ausgemacht ist dagegen, ob diese beiden Theile 
oder Redactionen von einem Verfasser heiTühren. Gleich im Ein- 
gang der Annalen nennt sich der Autor Heinrich und es liegt wol 
sehr nahe, denselben mit jenem Heinrich Taub (Surdus) von 
Seibach zu identificiren, dessen Homilien aus den Jahren 1339 bis 
1343 in der Pariser Handschrift mit den Annalen verbunden sind 
und den auch noch überdies eine andere Handschrift als Verfasser 
der Annalen bezeichnet. Die stilistischen und inneren Unterschiede 
der beiden Theile sind nicht derart, dafs diese Annahme ausge- 
schlossen wäre 3). Heinrich Taub wird also wol seine Aufzeichnun- 
gen unmittelbar an die Flores temporum angeschlossen haben. 

^) Doch spricht die öfters vorkommende Redensart prout infra inve- 
nies, wenn es sich um Angelegenheiten desselben Jahres handelt, freilich 
einigermafsen dagegen. Vgl. S. 16 a. a. 1329 Pontifices. Daneben aber 
heifst es ebenso oft einfach ut irivcnios. 

^) Die Handsclirift in Paris hat denn auch wirklich den Martinas Mi- 
norita zum Vorgänger Heinrichs von Rebdorf. Vgl. Pertz Archiv VIII, 
S. 307, N. Arch. VT, 485. Die Angabe ebend. VI, 187 über die Kloster- 
neuburger Handschriften sec. XV, als ginge Martinus Polonus voran, ist 
ein Irrthum. 

') Schulte S. 41 riiiunit nur für den 2. Thcil Henricus Surdus als Ver- 
fasser an; für den Verfasser des ersten Tlieils bleibt dann nichts als der 
Name Henricus. Strenggenommen sind wir dazu nicht 1)orochtigt, denn 
die Pariser Hs., aus welcher die Autorschaft des Henr. Surdus erschlossen 
■wurde, enthält doch beide Theile und in der Wiener 11s. 3248 steht der 
Name des Verfassers gleich beim Beginn des ersten Tlicils : zudem geht 



Eichstädt, Rebdorf. 149 

Da nun aber der franciskanisclie Martin sich wenig you dem 
dominikanischen unterschied und, "wie wir schon oben sahen, mehr 
als ein Käme und als gelehrtes Panier, denn als eine Person auf- 
zufassen ist, so kann man fast immer darauf rechnen, dafs Schrift- 
steller, welche sich au die Flores tempomm anschliefsen, auch in 
der Regel Anhänger der fi-anciscanischen Doctriuen waren. Auch 
Heinrich Taub ist ein Vertheidiger des Kaisers Ludwig in dessen 
Streite mit Johann XXII., wenigstens insoweit die Minoriten daran 
betheiligt waren. Johann XXII. erscheint ihm als der eigentliche 
Schismatiker, Kaiser Ludwig und Papst Nicolaus V. als die recht- 
mäfsigen und segenbringenden Gewalten*). Je weniger er sich 
über rein Thatsächliches in seinen Berichten erhebt, desto schwie- 
riger ist es freilich, über seine politische Parteistellung in der Ge- 
schichte sich bestimmter auszusprechen, üebrigeus verschmäht er 
es nicht, neben den Hauptzügen der allgemeinen Geschichte auch 
locale Angelegenheiten besonderer Aufmerksamkeit zu würdigen. 
Bei der Regiei-ung König Albrechts beschäftigt ihn der Rangstreit 
zwischen den Bischöfen von Eichstädt und Worms fast mehr, als 
die gesammte Thätigkeit des Königs. Ton Heinrich VII. meint er, 
— und dies bezeichnet seine Richtung am deutlichsten — dafs er 
beim Empfang des Sacraments durch einen Prediger -Mönch Gift 
erhalten, welches seine tödtliche "Wirkung sofort geäufsert hätte. 
Dagegen weifs er in erfreulichem Gegensatze zu anderen üeberlie- 
ferungen den Tod Kaiser Ludwigs des Baiern als einen natürlichen 
darzustellen, nur meint er, dafs derselbe sein Schicksal verdient 
hätte, weil er seit einigen Jahren auf schlimme Wege gerathen 
wäre. Dergleichen moralische Erörterungen werden häufig angestellt, 
doch ist daneben ein sorgfältiges Augenmerk auf die staatsrecht- 
lichen Aufstellungen gerichtet, welche eben während des Streites 
von den verschiedensten Parteien, vor allen von den Kurfürsten und 
den Päpsten über das Verhältnifs von Kaiserthum imd Papstthum ge- 
macht geworden sind 2). Bemerkens werth ist übrigens, dafs in den 



aus den Gründonnerstagspredigten der Paris. Hs. hervor, dafs Henr. Surdus 
schon vor der Abfassung des 1. Theils sckriftstellerisch tliätig war. 

1) Magnum schisma tunc fuit in Italia et Alemannia. Quia idem Papa 
Joannes de multis ecclesiis et prelaturis et predictis provLnciis in odium 
predictorum providit; quas provisiones idem Ludwicus et suus Nicolaus 
antipapa impedirit. Merkwürdig ist auch die fabelhafte Geschichte von 
dem Adler bei Gelegenheit der Unterwerfung des Petrus von Corvara 
unter die päpstliche Autoiätät zu Avignon. Gewold S. 16 und 17. 

2) Vgl. ebd. S. 32 über den Kurfürstenverein von Rense und bei dem 
Tode Ludwigs ebd. S. 47 und 48. 



150 § 11- Die ostfränkischen Bisthümer. 

Jahren, wo der Verfasser ganz oder theilweise seine Aufzeiclinimgen 
gleichzeitig und nach Berichten von Augenzeugen gemacht hat, der 
Inhalt nicht historisch bedeutender "«örd, sondern eine immer mehr 
locale und anekdotenhafte Fassimg annimmt. Die Geschichte 
Karls IV. steht bei weitem hinter den früheren Partien des Werkes 
zurück. Daraus ergibt sich, dafs die Quellen, welche Heinrich Taub 
für die frühere Geschichte bei seinen Zusammenstellungen benutzte^), 
besser waren, als die Gelegenheit, die er in Eichstädt fand, eigene 
Beobachtungen über den Gang der Dinge anzustellen. 

üeber das Leben Heinrichs lassen sich einige Angaben zusam- 
menstellen. Heinrich Taub oder der Taube 2) stanamte wahrschein- 
lich aus Seibach bei Würzburg und war ChorheiT und Kaplan am 
S. Willibaldchor zu Eichstädt. In näherer Beziehung stand er zum 
nachmaligen Kanzler Kaiser Karls IV., Bischof Berthold von ZoUern, 
dessen Beichtvater er war. Er besafs tiefere Kenntnisse des cano- 
nischen Rechts, welche ihm bei der Abfassung der Annalen gut zu 
statten kamen, und führte den Titel eines Magisters, wie aus eini- 
gen Urkunden zu ersehen ist, in welchen er auch einmal als Schieds- 
richter erscheint. Aus seinen eigenen Angaben ergibt sich blofs, dafs 
er im Jahre 1350 bei dem Jubliläum in Rom iind 1361 auf dem 
Reichstage in Nürnberg war. Von seiner litterarischen Thätigkeit 
sind die Annalen weitaus das wichtigste; die erste Redaction der- 
selben dürfte zwischen 1344 — 49, die zweite erst 1362 — 1363 ent- 
standen sein 3). Aufser den schon genannten Predigten ist auch be- 



') Schulte S. 56 — 75. Bei der Frage über die Quellen kommt die 
noch immer räthselhafte Continuatio Herrn. Altah., SS. XXIV, 53 — 58 und 
noch viel mehr der Abt Johann von Victring ganz entschieden in Betracht. 
Man könnte aus manchen gleichlautenden Stellen auf das Vorhandensein 
einer etwa gemeinsamen Quelle, die vielleicht in einem für die Zeit Lud- 
wigs fortgesetzten Martinus Polonus bestehen würde, schliefsen, allein es 
ist viel wahrscheinlicher, dafs zwischen Victring und Eichstädt durch Ver- 
mittelung Bambergs, das ja in Kärnten so begütert war, genauer Verkehr 
herrschte, und dafs Heinrich Taub das Buch Johanns kannte. Beim Jahre 
1348 hat er Nachricht von dem Erdbeben in Villach und besonders in den 
Bambergischen Orten in den Alpen, wo 5000 Menschen zu Grunde ge- 
gangen wären. Dagegen Schulte S. 74. 

'^) G. Frh. V. Schenk, N. Arch. X, 171 weist einen gleichzeitigen Ritter 
Eberhard Daube von Seibach nach. 

') Gewold S. 87 schliefst mit der Hindeutung auf den Frieden von 
Schärding 1369, was Huber Font. IV, S. LX. 549 zu der Annahme be- 
stimmt, dafs die Beendigung des Werkes erst 1370 fällt. Ich halte aber 
nach Gewold als den wahrscheinlichen Wortlaut zum Jahre 1363 folgen- 
des: A. ü. 1363 praefati duces Barbario intrant teiTam Carinthio cum 
maximo exercitu per vallem Enisi tluvii volentcs intrarc Coniitatuin Tirolis, 
sed duces Austrie apud (juos tunc fuit matcr ipsius Mcinhardi defuncti 



Heilsbronn, Bamberg. 151 

kannt, dafs Heinricli eine Fortsetzung des S. Willibalder Fundations- 
buches hinterlassen hat. Er starb am 9. October 1364. Ob die 
Augustiner Chorherren des Stiftes noch sonst litterarisch 
thätig waren, läfst sich bezweifeln. Auch Heinrichs Werk scheint 
keine Fortsetzung und ebensowenig eine entsprechende Verbreitung 
erlangt zu haben ^). Mancherlei Zusätze und Randglossen hat es 
von Späteren erfahren, welche in den Drucken , ja schon in den 
Handschriften des XV. Jahrhunderts in den Text einbezogen wor- 
den sind. 

Heilsbronn, die berühmte Stiftung des h. Otto, hat ganz be- 
achtenswerthe Annalen aufzuweisen 2). Dieselben reichen in ziem- 
lich knapper Fassung bis 1313 und werden erst für die Zeit König 
Albrechts und Heinrich VH. etwas ausführlicher; sie werden also 
wol noch im Anfang des XIV. Jahrhunderts entstanden sein. Wich- 
tig sind diese Annalen vorzüglich dadm'ch, dass einige Spuren auf 
die Benutzung der Fürstenf eider Annalen hinweisen. Aufserdem 
besitzen wii" auch noch einen Bericht über die wunderbare 
Rettung des Ellosters aus den Händen Herzog Stephans, welche im 
Jahre 1342 sich ereignet haben solP). 

In Bamberg hat man sich so wenig, wie in den früheren Pe- 
rioden*), mit strengerer Annalistik beschäftigt, und die späteren 
Bambergdschen Geschichtschreiber, wde Hoffmann selbst, geben den 
deutlichen Beweis, dafs schon zu ihrer Zeit ältere Bambergische 
Nachrichten mangelten^), so dafs man die grofse Dürftigkeit Bam- 

terram Carinthie obtinuerunt et possederunt. Das ist offenbar der Schlufs 
des von Gewold benutzten Rebdorfischen Codex, aber später wurde der 
zweite Satz sed — possederunt sinnlos zum Jahre 1362 gesetzt und der 
erste dazu verwendet, um unter dem Jahre 1369 auch noch den Friedens- 
schlufs von Schärding hinzuzufügen. 

^) Zahlreiche Parallelstellen aus Andreas Presbyter, Chron. magn. belg., 
Aventin, Adlzreiter, Brunner, Cuspinian imd manchen anderen Späteren, 
die aber nicht auf Benutzung schUefsen lassen, hat Struve in seiner Aus- 
gabe von Freher I, 599 ff. fleifsig angegeben. 

^) Annales Haleshrunnenses maiores mit Fortsetzung bis 1404 ed.Waitz 
SS. XXIV, 43—51: vgl. R. G. Stillfried, Kloster Heilsbronn, ein Beitrag 
zu den hohenzoU. Forschgn. Berl. 1877. G. Mück, Gesch. d. Kl. Heilsbronn. 
I, 1879. 

3) Miraculum factum in Fonte-Salutis SS. XXIV, 51—52; dieser Be- 
richt ist lateinisch und deutsch in das Heilsbronner Necrologium eingetra- 
gen, Stillfried a. 0. 330. Bücherankäufe daselbst 1469—1512, vgl. Still- 
fried S. 14. 

*) W. G. 11, N. 

^) Hoffmann, Annales Bambergensium (Ludewig, SS. I, 1 — 2), pflegt 
seine Quellen häufig anzuführen; nun findet man für die älteren und äl- 
testen Zeiten die Bamberger Ueberlieferungen benutzt, für das XHl. und 
XrV. Jahrhundert ist Nauclerus (vgl. über ihn Stalin, wirt. Gesch. Ill, 10) 



J52 § 11- ^^^ ostfränkisclien Bistliümer. 

bergs auf diesem Gebiete durchaus nicht etAva diu'ch Terluste von 
Handschriften erklären dürfte, wie neuere Bambergische Geschichts- 
freunde sich wol getröstet haben. Der historische Sinn war in dem 
vornehmen und reichen Stifte nicht sekr ausgebildet; gerade im XIII. 
und XIV. Jahrhundert hatte das Bisthum überdiefs grofse Sorgen und 
Kämpfe, wol auch Einbufsen in den Streitigkeiten der gröfseren 
Mächte um Kärnten erfahren'). Eine Anzahl von Gedenkversen 
auf die Jahre 1322 — 1348 und 1349 hat Jaffe den Monumenten ein- 
verleibt; und Inschriften auf Grabsteinen geben einige historische 
Anhaltspunkte ftir das Leben und Sterben hervorragender Bischöfe 2). 
Andere nicht uninteressante Thatsachen sind aus einem Begistrum 
Burghutariorum ecclesie Bambergensis zu gewinnen , welches mit 
Jahresangaben eine Reihe von Verfügungen bezeichnet, die für die 
territoriale Verwaltung des Fürstenthimis im XIII. uud XIV. Jakr- 
hundert charakteristisch sind. Die Beziehungen in welche das Für- 
stenthum den Adel ringsum zu der Landesregierung zu setzen weifs, 
zeigen eine grofse Vorsorge für die Ausbildung der Bambergischen 
Landeshoheit^). 

Eine grofse uud bedeutende schriftstellerische Persönlichkeit 
bestieg aber \mter der Regierung Karls IV. den bischöflichen Stuhl 
von Bamberg, und diese hat dann auf die späteren Zeiten einen 
anregenden Einflufs genommen. Das war der Bischof Leopold 
von Bebenburg*), 1352 — 1363, dessen geschichtliche Thätigkeit 
hier sogleich ervi-^ähnt werden soll, obwol der gröfste TheU seiner 
Werke, gleich denen seines Geistesverwandten und persönlichen 
Freundes, des Megenberg, in einen anderen Zusammenhang gehört 

die Hauptquelle; selbst bei einem seit ältester Zeit erzählten Factum, wie 
der Tod Heinrichs VII. durch Gift wird auf diesen berufen. 

') Usserniann, episc. Bamb., S. 165 ff. 

2) Pertz, SS. XVII, G39-642. 

^) Herausg. v. Höfler, Deutsche Zustände im XIII. und XIV. Jahrhun- 
dert vom fränkischen Standpunkte aus als Einleitung zu dem Registrum 
Burghutarif)rum ecclesie Babenbergensis, Bamberg 1853 im 18. Bericht 
über das Wirken des histor. Vereins zu Bamberg. In der Einleitung wird 
vielerlei über die in der zeitgenössischen schönen und politischen Litto- 
ratur, besonders der deutschen, hcn'ortretenden politischen Anschauungen 
bemerkt. Als ein anderes für den Territorialbestand wichtiges und den- 
selben sicherndes Unternehmen kann der sogenannte Codex Fn'iiericianii.'i 
bezeichnet werden, welcher von Bischof Friedrich von Hohcnlohe 1344 
bis 1352 angelegt (13. Bericht über das Wirken des hist. Vereins zu Bam- 
berg. S, VII) und von Höllor in Quollensammlung für fränkische Geschichte 
Bd. III, Bamberg 1852 iierausgegcbcn wurde. Auch mögen die Syno- 
dalstatuten von Bamberg seit 1431 hier beiläufigo Erwälniung finden 
14. Bericht etc. des Vereins von Bamberg S. 48. 

*) Usscrmann, episc. Bamb., 178 — 180. 



Bamberg. 153 

und au anderer Stelle besprochen werden soll. Er stammte aus dem 
edlen Geschlechte der Küchenmeister von Rotenburg und Norten- 
berg, war Doctor decretoi-um und Official der Würzburger Kirche 
bevor er Bischof wurde. Seine publicistischen Schriften fallen in 
die fi-ühere Zeit seines Lebens und in die Regierung Kaiser Lud- 
wigs, für den er zwar nicht so unbedingt Partei nahm, wie man 
schlechthin zu behaupten pflegt, dem er jedoch in dem Streite der 
Parteien näher stand, als der päpstlichen Auffassung. Der histo- 
rische Kern seines Dictamen de modernis cursibus^) beschränkt sich 
im Grunde auf die Erzählung der üebertragung der Kaiser^NÜrde 
von den Griechen auf die Deutschen durch Karls Kaiserkrönung 
und auf die sagenhafte Gründung des Kurfürstencollegiums durch 
Gregor Y. und Otto IIL, die spätere Entwickelung der Dinge wird 
mehr phrasenhaft angedeutet, als historisch dargestellt. Die Schrift 
ist 1347 bereits geschrieben, wie Böhmer festgestellt hat. 

Eine zusammenfassende und die mittelalterliche Geschichtschrei- 
bung Bambergs gev^nssermafsen abschliefsende Thätigkeit entfaltete 
erst ganz am Ende des XY. Jahrhunderts der Abt Andreas von 
S.Michael-). Unter der sti-engeren^ Zucht, Avelche der Abt Eber- 
hard (1464 — 1475) in dem von ihm reformiiien Kloster eingefülirt 
hatte, aufgewachsen, scheint Andreas unter Abt Adelrich hauptsäch- 
lich in weltlichen Geschäften thätig gewesen zu sein, und dabei den 
Werth historischer Sammlungen schätzen gelernt zu haben. Wie 
sein Genosse Nonnosus berichtet, hat Andreas vieles gesammelt, 
verfafst und zusammengetragen, aber nie mit eigener Hand ein 
Buch geschrieben^). Denn gleich nach seiner Wahl zum Abte 1483 
liefs er ein Inventar und ein ürkundenbuch anlegen, welches letz- 
tere mit einer historischeu Einleitung ausgerüstet wurde, die seinem 
Werke den nicht ganz zutreffenden Titel einer Chronik verschaffte. 

^) Die historischen Kenntnisse, welche Bebenburg verräth, sind auch 
hier gering: Böhmer hat es Fontt, I, 479: Ritmaticum querulosum et la- 
mentosum dictamen de modernis cursibus et defectibus regni ac imperii 
Romanorum den historischen Quellen gleichsam zugesprochen. Früher 
wurde es herausgegeben von Peter im Würzburger Gymn. Programm 1841. 

2) ürkundenbuch des Abtes Andreas im Kloster Michelsberg bei Bam- 
berg in Auszügen von Pfarrer Schweitzer, im 16. und 17. Jahresber. d. 
bist. Yer. zu Bamberg 1853, wo man auch alle sonstigen litterarischen An- 
gaben zusammengestellt findet; vgl. Ussermann episc. Bamb. III, 2% — 317. 
Ein Bibliothekskatalog aus dieser Zeit, Jaeck u. Heller, Beiträge zur Litt. 
I, S. XXXXVI. Kern in der Einleitung zu Deichslers Chronik, St. Chron. 
X, S. 83 mit Hinweis auf Wm-zb. Hs., die wol mit Abt Andreas, Catalogus 
episc. Bamb. zusammenhängen wird. P. Wittmanu, die litterar. Thätigkeit 
des Abtes Andreas v. S. Michael, Hist. Jahrb. I, 413 — 417. 

^) Aus dem Fascicul. abbat, bei Wittmann a. 0. 416. 



J54 § 11- -Diß ostfränkischen Bisthümer. 

Aber auch für eigentliclie Geschichtsclireibung war Andreas thätig, 
indem von ihm, vielleicht schon bevor er Abt wurde, ein Katalog 
der Bamberger Bischöfe, eine Umarbeitung des Lebens Ottos, des 
Pommern -Apostels, und ein Lexikon berühmter Benediktiner ver- 
fafst worden war. Die Geschichte der Aebte von S. Michael, von 
welcher er im Jahre 1494 eine kürzere Umarbeitung veranstaltete 
und Fasciculus abbatum benannte, wurde dem Urkundenbuche selbst 
einverleibt. Manche Beziehungen des Abtes zu anderen Gelehrten 
seiner Zeit wären zu beachten, doch würden dieselben hier aus dem 
Rahmen unserer zeithchen und noch mehr litterarischen Grenzen 
fallen, da Andreas erst 1502 starb. 

Auch in Würz bürg hielt sich die Geschichtschreibung seit 
dem XIV. Jahrhundert nicht auf der Höhe früherer Jahrhunderte^). 
Doch zeigen die Geschichtschreiber der neueren Zeit, der Renais- 
sance im katholischen Sinn, wie Johann Müller oder Lorenz 
Fries aus Mergentheim, Spuren älterer Quellen 2). Und ins- 
besondere aus dem ersteren wird sich neben einer erheblichen An- 
zahl alter Inschriften auch eine nicht unbeträchtliche Lese von alten 
Nachrichten zusammenstellen lassen , welche kritische Sonderung 
nützKcher wäre, als die emge Wiederholung des nämlichen Materials, 
wie in den historischen Vereinen nicht selten der Fall ist. Lorenz 
Fries behauptet, alle alten Bücher und Handschriften, die ihm über 
die fi-üheren Zeiten Auskunft geben konnten, benutzt zu haben. Es 
wäre sehr nützlich, zu sehen, ob sich über seine Quellen für die 
Localgeschichte noch etwas feststellen läfst. 

Ein Specimen derselben besitzen wir in den Aufzeichnungen 
des Heinrich Steynruck^). Er gehörte der reichbegüterten Fa- 
milie der Steinau an, welche mit dem argverschuldeten Hochstifte 
Würzburg in Geschäftsverbindung stand, und schi-ieb seine Notizen 
vom Jahre 1433 — 1462. Für die letzten Jahre, in welche die zahl- 
reichen Unternehmungen Herzog Ludwigs des Reichen fallen, sind 
seine Nachrichten ausführlicher und nicht ohne Bedeutung. 

Vielfach beschäftigte man sich in Würzburg noch immer mit 
den alten Legenden des Stifters des Christenthums in Franken, 
so wie mit dem Leben der heiligen Bilihilde, der Herzogin 

') W. G. II, N. 

^) Ludewig, Geschichtschreiber von dem Bisthum Würzburg. Johann 
Müllers Würzburgische Chronik S. 361. Lorenz Fries, geb. 14i>l, Historie 
von den Biscliöfcn von Würzburg, S. 375. 

^) Hcrausg. von A. Schäffler, die Aufzeichnungen d. Heinr. Stoynruck 
über Ereignisse aus den J. 1430 — 1462 im Arch. d. hist. V. f. Unterfrankon 
u. Aschaffenb. XXIII, (1876) 475—488. 



Würzburg. 155 

Yon Ostfranken und des Bischofs Burchard. Das Leben der 
ersteren wurde von einem angeblichen Herbe lo in leoninische Verse 
umgeschrieben, welche deutlich genug auf die Zeit des XIII. und 
XIV. Jahrhunderts weisen*), und um dieselbe Zeit wurde von Jo- 
hannes Ton Luterbach die Legende von St. Kilian und Bur- 
chard in die künstlichen, zweizeilig gereimten Leoninen gebracht, 
die überall in Aufnahme gekommen waren 2). Dieser Johann von 
Luterbach mag vielleicht der Verfasser noch anderer historischer 
Ueberlieferungen von "Würzburg sein, die uns als anonym mitgetheilt 
werden. Er war ein Thüringer von Geburt und später Capellan 
des Bischofs von Würzburg. Zu Michael von Leone hat er freund- 
schaftliche Beziehungen gehabt und eben mit Rücksicht auf den 
letzteren verdient er genannt zu werden, denn es ist i mm er für die 
Culturzustände an einem Ort von gröfster Bedeutung, ob litterarische 
Leistiingen vereinzelt dastehen, oder ob ein Ki-eis von mehreren 
zusammenwirkt 3). 

Ueber die annalistischen Aufzeichnungen sieht man sich 
ohnehin bei dem Mangel handschriftlicher Untersuchung für diese 
Zeit auf Vermuthungen angewiesen, doch besitzen wir allerdings 
Würzburger Annalen für das XIII. und XIV. Jahrhundert man- 
cherlei Art, die alle eine gewisse Gleichzeitigkeit verrathen, deren 
Verhältnisse aber erst festgestellt werden müfsten. Vor allem kommt 
hier ein Annalenwerk in Betracht, welches, wie so viele andere, 
als ein Chronicon bezeichnet ward und bis in den Anfang des 
XVI. Jahrhunderts reicht*). Es ist aber aller Gnmd vorhanden, 
anzunehmen, dafs der ältere Theil um das Jahr 1341 in Würzburg 
zusammengestellt worden ist; es beginnt mit dem Tode Kilians und 
behandelt die Würzburgischen Bischöfe; nur nebenher werden aus- 
wärtige Angelegenheiten mitgetheüt. Eine andere, wol richtiger Chro- 
nicon genannte Aufzeichnung aus der Mitte des XIV. Jahr- 

1) Gropp, Collect., SS. Wirzb., Praef. XVE; vita metrica 791. 

2) Ebend. 795 ff. Vgl. Potthast, vita Kiliani und Burchardi ep., zu 
■welchem letzteren Artikel Gropp p. 800 hinzuzufügen ist. 

3) Vgl. auch Wegele, Monum. Eberacensia (1863) und über die frän- 
kischen Nekrologien: Derselbe, Zur Litteratur und Kritik fränkischer Ne- 
krologien, 1864, wo auch über den imgünstigen Stand der Würzburgischen 
U eberlief ening gesprochen wird. 

*) Chronicon Wirziburgense^ Eccard, comment. rer. Franc, or. Th. I, 
S. 816. Näheres wird leider über die handschriftliche Grundlage dieser 
Annalen, so viel ich weifs, nirgends angegeben, als dafs bis 1340 Eine 
und zwar alte Handschrift vorliegt, an welche sich eine zweite Hand bis 
1519 anschliefst. Vgl. Adelung, sächs. Geschichtschreib, zum Jahre 1340; 
über die alten Würzburger Annalen und über Ekkehard dagegen W. G. 
II, N. 



156 § 11. Die ostfränkischen Bisthümer. 

hunderts erzählt von Karl dem Grofseu, Otto IL, Lothar, Friedrich, 
Ludwig dem Baieru und Karl lY. iu übersichtlichster Weise uacli 
den bekanntesten Compendien, um sodauu zu maucberlei Einzeln- 
heiteu über Günther von Scliwarzbiu'g überzugehen. Es berichtet 
sodann über die Jahre 1338 — 1354 nebst späteren unbedeutenden 
Zusätzen bis 1430'). Die kleineren Würzburger Annalen^) bis 
1400 bestehen aus Excerpten aus der Chronica minor und wenigen 
localen Notizen. An und für sich sind diese dürftigen Reste Würz- 
burgischer Geschichtschreibung, wie sich von selbst versteht, von 
keiner grofsen Bedeutung, sie lassen nur doch im Zusammenhange 
mit allem übrigen, das uns erhalten worden ist, erkennen, dafs die 
geistige Atmosphäre, in welcher Michael de Leone seine Thätig- 
keit entfaltete, keine ungünstige war, und dafs dieser fruchtbare 
Schriftsteller keineswegs vereinzelt gestanden haben mag am Hofe 
zu Würzburg. 

Yon Michael de Leone hat Böhmer schon bemerkt, dafs er 
mehr als irgend ein anderer mittelalterlicher Sclu'iftsteller dafür ge- 
sorgt habe, dafs sein Name der Nachwelt nicht verloren gehe 3). 
Er war der Sohn des Konrad Jud von Mainz, eines nach Würzburg 
eingewanderten Rechtsgelehrten und daselbst geboren'*). Fünf Jahre 
lang hatte er römisches und cauonisches Recht zu Bologna studirt. 
Hierauf wurde er Cauonicus am Neumünster und Prctonotar der 
Bischöfe Otto von Wolfskehl und Albrecht von Hohenlohe, unter 
dessen Regieiimg er am 3. Januar 1355 starb. Gropp schon erwähnt 
seinen Grabstein im Neumünster und theilt die hübsche Lischrift 
mit, die noch heute vorhanden und zu sehen ist. Den Namen führte 
er von seinem Hofe zum Löwen ^). 



') Diese Notizen werden gewöhnlich zum Unterschiede von dem Ec- 
cardschcn Chronicon Wirziburgense als Cliron. Wirz. Buderianum bezeich- 
net, weil Buder aus einer Handschrift des XIV. Jahrhunderts, wie er vor- 
sichert, es mitgetheilt hat. Nützliche Samndung verschiedener meistens 
ungedruckter Schriften, Frankfurt und Leipzig 1735, S. 455. 

^) Annales llerbiyolenses minores (in der Hs. s. XV als Cronice que- 
dam imperatorum regum principum ac episcoporum bezeichnet) SS. XXIV, 
828—829 ed. Waitz. 

') Fontes I, Vorr. 34. Vgl. Trithemius in Chronicon Hirsaug. II, 
fol. 216. 

*) So schreibt Böhmer, doch mufs dahingestellt bleiben, ob nicht 
vielmehr die jüdisclic Abstammung bezeichnet sein soll. Michaels Vater 
kam gar nicht von Mainz, sondern von Köln nach Würzhurg, aber er 
wurde Jude von Mainz genannt. Gropp, Coli., Praef. 18 ft'. 

^) Ussermann, opisc. Wirzcb., erwähnt Michael de Leone nur als Bio- 
graphen Otto's II., S. 106. Vgl. wegen dos Hauses zum Löwen auch Reg. 
boic. V, 9. 221. VI, 82. 218. 315. VH, 13. 15. 21. 116. 276. Vlil, 81. X, 368. 



Michael Judde Yom Löwen. 157 

Die Hau d Schriften, welche Michael hinterliefs, enthalten eine 
Sammlung von mittelhochdeutschen Gedichten, durch welche Michaels 
Name seit längerem schon in der deutschen Litteraturgeschichte 
dankbar genannt wird^), und aufserdem eine Anzahl von historischen 
Werken, die von Trithemius und von Gropp verwerthet, in neuerer 
Zeit aber bis auf Böhmer wenig beachtet wurden, und die uns hier 
vorzugsweise beschäftigen müssen. Ob es übrigens nur ein Baud 
oder drei oder mehrere waren, welche Michael als Hausbuch ver- 
fafste, kann man durchaus nicht sagen. Gegenwärtig mufs eine 
Reihe mannigfach zerstreiiter Handschriften bei der Feststellung der 
historischen und schriftstellerischen Thätigkeit Michaels in Betracht 
gezogen werden 2). 

Von dem herv^orragendsten historischen Quellenwerth sind die 
zwei Schriften: von den Thaten des Bischofs von Wolfskehl, 
imd von den Geschichten der neueren Zeiten^). An der Re- 
gierung Otto's von "Wolfskehl nahm ^lichael den lebhaftesten An- 
theil. Er verzeichnete auch in seinem Manuale die interessanten 
Rechtssatzungen sorgfältig, welche dieser thatkräftige Bischof von 
seinem Rathe ausarbeiten und publicü-en liefs*). Die Bischöfe von 
"Würzburg waren im XIV. Jahi-hunderte, wie alle Reichsfürsten, um 
die Ausbreitung ihrer Territorialgewalt nach Kräften bemüht. Da 
ist nun das Bild, welches Michael von der Regierung Otto's, der 
sein Gönner gewesen zu sein scheint, entmrft, äufserst lehiTeich. 
Es ist ein Muster lokal- patriotischer Geschichtschreibung. Da sich 
Bischof Otto selbst wenig um Kaiser und Reich kümmerte, so hat 
Michael kaum einen Grund, in seiner Schrift derselben zu gedenken. 

Doch wurde ich von Falk freundlich darauf aufmerksam gemacht, dafs es 
allerdings ein Mainzer Patrizisches Geschlecht genannt Judde gegeben habe, 
Joannis rer. Mog. lib. II, 374. Ennen, Quellen z. Gesch. von Köln El. und 
in. Register. 

^) Ueber die Würzburger Handschrift hat zuerst Docen Mittheüung 
gemacht im Museum für altdeutsche Litteratur und Kunst I, 62. 11, 18. 30 
und von der Hagen, Minnesinger IV, 901. Vgl. Lachmann, Walther, Vorr. 
Vni; Haupt, Zeitschr. IE, 345—356; endlich Ruland, die Würzburger 
Handschrift der Kgl. Universitätsbibliothek zu München, Archiv des Vereins 
für Unterfranken, Bd. 11, 2. Heft, 1—66. 

2) Pertz, Archiv VII, 692, vgl. 1009; dann Ruland, Die Ebracher Hand- 
schrift des Michael de Leone mit Einschaltimg der wichtigsten Stücke, 
Archiv für Unterfranken, Bd. 13, 1. Heft, 111—210, wo die Zahl von vier 
Handschriften der Manualien Michaels wahrscheinlich gemacht wird. 

5) Am besten abgedruckt von Böhmer Font. I, 451—479 mit Ande- 
rem, wovon später zu reden ist. Ruland findet fi-eilich gar den alten 
Gropp'schen Text „angenehmer" zu lesen. 

*) Auch von Ruland, Bischofs Otto von Wolfskeel Setze und Gebote 
von 1342 und 1343, Archiv für Unterfranken 11, S. 67—108. 



158 § ü- ^^^ ostfränJdschen Bisthünier. 

Otto wird uns in seinen Händeln mit den benachbarten und Würz- 
burgischen Herren als ein gi-ofser Tugendspiegel vorgestellt. Die 
Darstellung ist einfach und ohne die sonst übliche Ausschmückung 
mit alten und neuen Versen gehalten. Die Latinität ist voll aufser- 
ordentlicher Germanismen i). An die Geschichte Otto's schliefsen 
sich eine Reihe von Zusätzen über dessen Nachfolger Albert von 
Hohenlohe. Mit einer sch\Naingvollen Apostrophe an den neu ge- 
wählten Bischof hatte ursprünglich offenbar der Text geendigt. 

In der Schrift de cronicis temporum Jwminum modernorum be- 
ginnt Michael mit der Schlacht von Kitzingen, die im Jahre 
1266 am 8. August von dem Bischof Iring und seinen Geuossen 
gegen die Grafen von Henneberg und Kastei geschlagen worden ist. 
Dieses Ereignifs wurde in Würzburg, ^^de später das Gefecht von 
Berchtheim zwischen Bischof Gerhard von Schwarzburg und der 
Bürgerschaft der Stadt 2), ohne Zweifel episch verherrlicht. Die kurze 
Darstellung Michaels von der Schlacht wäre man wenigstens sehr 
bereit auf eine lateinische oder vielleicht deutsche Reinichronik 
oder ein Lied zurückzuführen; denn man sieht, dafs es keineswegs 
zu der sonstigen Art der Mittheilungen Michaels pafst, welche 
durchaus trocken und ohne Yorliebe für Beschreibung gehalten sind. 
Wichtiger ist die Geschichte der Wahl Karls IT., den er als König 
David gegen den bairischen Saul auftreten läfst, worauf noch eine 
Reihe von schätzbaren annalistischen Aufzeichnungen bis zum Jahre 
1354 reichen. Diese letzteren aber sind eigentlich alles, was Michael 
für allgemeine deutsche Geschichte geleistet hat, denn die von Böhmer 
den ei-wähnten Werken vorausgeschickten Notaten der Handschi'ift 
können keinen Anspruch darauf machen, als zusammenhängende Ar- 
beit betrachtet zu werden; es scheint, dafs es gelegentliche Bemer- 
kungen sind, die in der Handschrift da und dort zerstreut vorkom- 
men, und welche sich etwa aus der Ebracher Handschrift jetzt 
vermehren liefseu. 

Im übrigen mag noch auf eine andere Schrift hingewiesen wer- 
den, die neben den mancherlei Aufzeichnungen der Statuten dos 

^) Mit seinem Latein war es überhaupt nicht weit her. Böhmer 
S. 456: sibi fuit luildatum, S. 467: banceriatus u. s.w. 

2) Gedicht auf das Gefecht von Berchtheim: Reinhard, Beitr. zur 
Historie des Frankenlandes II, 261—328. Jetzt am besten bei v. Lilieu- 
cron, Volkslieder I, 161, Nr. 40 mit sehr guter Einleitung. Archivalische 
Nachricht über die Schlaclit bei Berchtheim, Archiv für Unterfranken, 
15. Bd. S. 186. Von urkundlidicn Samniohvcrkon vgl. 0. Gromich, Ver- 
fassung und Venvaltung der Stadt W. vom XIII.— XV. Jlidt. Würzburg 
1882 und Mon. Boio. Bd. 44 (N. F. 17) ist das Lehenbuch (ältestes von 
Würzburg) 1877 im Arch. a. a. 0. Bd. XXIV. edirt. 



Fulda; HohenzoUern. 159 

Stiftes 1) und neben dem Formelbuch der Würzburger Canzl ei gröfseres 
Interesse erregt, de prindpiis seu regulis artis edificatoriae , ein Stück^ 
welches für das Yerständnifs kriegsgeschichtlicher Ereignisse im All ■ 
gemeinen von Bedeutung ist^). Zwar dürfte es schwerlich unserm 
Würzburger Protonotar selbst zugeschrieben werden, aber gewifs 
hat er die Abfassung der Sache veranlafst. Wie Michael von Leone 
die erneuerte Bearbeitung der Würzburger Legenden angeregt habe, 
ist schon erwähnt worden; er selbst hat das Leben Kilians ins 
Deutsche übersetzt. Seine handschriftlichen Schätze, sowie der Hof 
„zum Löwen" gingen an seine nächsten Versvandten über, welche 
auch für die Erhaltung der zahlreichen Stiftungen Michaels Sorge 
zu tragen hatten 3). 

In dem noch zu Franken gehörigen Fulda*) scheint eine sehr 
lebhafte Thätigkeit entwickelt worden zu sein, von der man aber 
leider bei dem Mifsgeschick , welches die litterarischen Denkmäler 
des Hochstiftes betroffen hat, nicht leicht eine richtige Vorstellung 
gewinnen kann. Folgt man den Angaben des trefflichen Christ. Bro- 
wer (t 1617; Fuldens. Antiquität. 11. IV. Antwerp. 1612) so ergibt 
sich eine Scheidung der Fuldischen Historiographie in Acta, welche 
bis zum XIY. Jahrhundert reichten und die Hauptereignisse registrii-- 
ten und in Scriptores, welchen wol eine freiere Behandlung des 
reichen Materials zugeschrieben werden darf. Die Gesta Marquardi 
(1286 — 1288) von einem Zeitgenossen verfafst, hat noch Brower be- 
nutzen können; eine Biographie Heinrichs V. von Weünau (1288 
bis 1313) scheint derselbe ebenfalls gekannt zu haben. Erhalten 
ist uns eine Biographie Heinrichs VI. von Hohenberg (1315 bis 
1353), welche aber nicht von einem gleichzeitigen Verfasser her- 



^) Welche schon von Scheidt, Thesaurus jur. Franconici und von Usser- 
mann, episc. Wirzeb. mitgetheilt wurden. 

^) Soweit ich aus Krieg von Hochfelden, Militairarchitektur im Mittel- 
alter, der nichts ähnliches für die frühere Zeit anführt, schliefsen kann, 
dürfte es so ziemlich die erste technische Schrift dieser Art sein, welche 
uns erhalten ist. Vgl. Leo über Burgenbau etc. in Raumers hist. Taschen- 
buch 1837, 448. Schultz, d. höf. Leben d. Minnesinger I, 1. 

^) Die Verwandtschaft ist nach dem Anniversarium nicht ganz über- 
einstimmend mit dem was Fries darüber angibt. Vgl. Ruland a. a. 0. 
11, 2. 46. 

*) J, Eübsam, Heinrich V. v. Weilnau nebst einem Excurs über d. 
Quellen der Gesch. d. Hochstifts, Zs. d. Ver. f. hess. Gesch. u. LK. N. F. 
IX, 97 ff. J. Harttung Forsch. XIX, 397—449. Anon. Vita Henriei VI. 
abb. Fuld. bei Schannat, Hist. Fuldens. IT, 234—239. Das Breviarium Ful- 
dense etc. 1479 per F. Cornelium bei Paidlini rer. et antiquit. Germ, syn- 
tagma Francof. 1698 p. 424 ist ein Machwerk des Herausgebers, vgl. Rüb- 
sam a. 0. 91. 



\QQ § 11. Die ostfränkischen Bisthümer. 

rührt. Derselbe schildert das Leben des Abtes nach mündlichen 
Berichten ('prout ea audivimus") und weifs den Aufstand der Ful- 
daer Bürger sowde die Streitigkeiten des Markgrafen Friedrich recht 
anschaulich zu erzählen. Aus dem Fuldaer Minoritenkloster (seit 
1238) besitzen ^ntx eine ganz werthlose Compilation, welche aber 
für diese Art der mittelalterHchen Historiogi-aphie Ton nicht gerin- 
gem Interesse ist. Es liegt uns hier eine bis 1379 reichende 
und wahrscheinlich bald nachher verfafste Weltchronik*) vor, 
welche zum gröfsten Theil auf Ptolemäus von Lucca zurückgeht. 
Auf Fulda weist das Interesse des Autors für den h. Bonifatius, 
auf einen Minoriten seine ausgesprochen minoritische Gesinnung, 
welche trotz der sclavischen Abhängigkeit von dem Dominikaner 
Ptolemäus ganz unverkennbar hervortritt. Was der Compilator bei 
diesem und dessen Continuator Heinrich von Diessenhofen vorfand, 
konnte er nicht immer mit seinem eigenen Standpunkte vereinigen 
und bei der Geschichte Ludwigs des Baiern mufste er sich sogar 
zu einer radicalen Umarbeitung verstehen, während er doch sonst 
seine Vorlage mit allen Quellencitaten abschrieb. Nicht einmal 
Martin von Troppau, den er imzählige Male citirt, hat unser Com- 
pilator selbst nachgelesen, sondern aus Ptolemäus kennen gelernt, 
webei ihm unschwer das Versehen unterlaufen konnte, mehrere 
Stellen der von ihm stark benutzten Sächsischen Weltchronik fälsch- 
lich mit dem Namen Martinus zu bezeichnen. Ein sonderbarer 
Zufall ist es nun, dafs wir heute ihn selbst ebenfalls Martinus 
nennen, obwol dafür so gut wie gar kein Anhaltspunkt gegeben ist. 
In der einzigen vorhandenen Handschrift des XV. Jahrhunderts stand 
im günstigsten Falle dieser jetzt getilgte Namen, aber man kann 
nun einmal, wie wir gesehen haben, einem 'Mai'tinus' nicht skep- 
tisch genug entgegentreten und über die Persönlichkeit dieses an- 
geblichen Martinus von Fulda ist überdies auch nicht das geringste 
in Erfahrung zu bringen. Wenn nicht alles trügt, so hat man es 
hier eben nur mit dem allgeineinon Gattungsnamen zu thun, der 
sich unter dem phänomenalen Einflüsse Martins von Trojipau all- 
mählich entwickelte: eine in Fulda abgefafste Chronik der Kaiser 
und Päpste nannte man einen Martinus Fuldensis. Je weniger die 

') Bei Eccard SS. I, 1641—1732: Martini Fuldensis chronicon usque 
a. a. 1379 productum (von 716 an); einzige Tis. in Karlsruhe (vgl. Pertz, 
Arch. II, 15G), H. Hoogeweg, d. Chronik di's sog. Mart. Fuldons. Paderborn 
1883 (= Münster. Beiträge IL). — Die Litteratur über die Fuldaer Biblio- 
thek vgl. hei F. G. C. Grofs, Zs. f. hess. Gesch. u. LK. N. F. VllI, 143—175 
und J. llübsani, Histor. Jahrb. I, 641. 



HohenzoUern. jgj^ 

Individualität des Compilators hervortrat, desto geringer war auch 
das Bedürfnifs, ihn genauer als mit dem allgemeinen Gattungsnamen 
zu bezeichnen. 

Die geistigen Kjäfte, Avelche ehemals aus den gi-ofsen Stiftern des 
fränkischen Landes ihre Nahrung zogen, waren eben überall und so 
auch in Fulda selbst mehr und mehr in Verfall gekommen ; Martinus 
von Fulda besitzt keine Spur mehr von individuellem Gepräge. Dagegen 
regten sich zwei Elemente politischer Natur, welche sich sogleich der 
Geschichtschreibung bemächtigten oder sie anregten. Das Fürsten- 
thum und die Städte. Für die Geschichte des ersteren sind die mit 
dem Hause HohenzoUern in Verbindung stehenden Aufzeichnungen 
für ganz Franken bedeutend. Von der städtischen Geschichtschrei- 
bung aber wird in besonderem Abschnitte zu handeln sein. 

Der gewaltige Markgi-af Albrecht, der zu den hervoiTagendsten 
Fürsten des XV. Jahrhunderts zählt, hatte den gröfsem Theü seines 
Lebens und seiner Kräfte auf die Entwickelung seiner Macht in 
Franken gewendet. unter seinen Dienern war ein Mann von her- 
vorragender Stellung und grosser geistiger Begabung, Ludwig von 
Eyb, dessen Denkwürdigkeiten mitten in die Kämpfe der viel- 
gliederigen Stände des Reiches und besonders von Franken einführen. 
Sein auf das hohenzollersche Haus stolzes Geschichtsbuch ist eine 
der unvergleichlichsten Quellen der gesammtfi-änkischen Geschichte 
im XV. Jahrhundert 1). Der ältere Ritter von Eyb zu Eyburg scheint 
eine rechtsgelehrte Büdung erhalten zu haben und trat schon in die 
Dienste des Kiu-fürsten Friedrichs L, nach dessen Tode 1440 er 
bei dem dritten Sohne Albrecht in Franken zuriickbheb. Als der 
letztere sich mit der Markgräfin von Baden 1445 vermählte, ■\\airde 
Eyb Hofmeister derselben, während sein Vetter Martia von Eyb in 
den eigentlichen Kanzleigeschäften thätig war: doch erscheint auch 
Ludwig, unser Geschichtschreiber, unter den Rätheu des Markgi-afen 
und nahm auch au mchtigen Beschlüssen der fehdereichen Regie- 
rung seines Hen-n Antheil, Die Denkwürdigkeiten Eybs sind im 
Grunde genommen Memoiren des hohenzollerschen Hauses, doch 
identifizii't sich der Diener nirgends mit seinen Herren. Seine Dar- 
stellungsweise hält die Mitte zwischen einer Chronik der Hohen- 
zoUern und vorzugsweise des Markgrafen Albrecht und einer gleich- 
sam tagebuchartigen Aufzeichnung der eigenen Erlebnisse. Der Ge- 
schichtschreiber, der sich auf die üeberliefenmg seiner Voreltern 

^) Ritter Ludwigs von Eyb Denkwürdigkeiten brandenburgischer hohen- 
zoUerischer Fürsten. Bayreuth 1849. Quellensammlimg für fränkisehe 
Gesch. 1. Band. 

Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I. ü 



1(^2 § 11- I^iö ostfränkischen Bisthünier. 

benift, sofern er Diuge erzählt, bei denen er nicht selbst anwesend 
und thätig war, beginnt seine Darstellung mit den Yerdieusten jenes 
Zollern, welcher die Königswahl Rudolfs von Habsbm-g bewii-kt 
hat. — Er spricht dem alten Burggrafen den aller hervorragendsten 
Antheil an diesem Ereignisse zu. In rascher üebersicht der Ent- 
wickelung schildert Eyb hierauf die Verleihung der brandenburgischen 
Mark, indem er die Worte Sigismunds anführt: „Burggraf Friedrich, 
Ich leihe dir hiemit mein recht vetterlich erb, die Mark zu Branden- 
burg, und wünsch dir dazu Glück, Krieg und Widerwärtigkeiten 
genug." Schon für die Theilung der Brüder nach dem Tode Fried- 
richs I. zeugen die MittheUungen Eybs von sehr intimen Kennt- 
nissen, trefflich aber hebt sich die Charakteristik Albrechts, als eines 
klugen, haushälterischen, gewerbsmäfsigen Kriegsmannes heraus, 
dessen ritterliche Turniere von Eyb mit einer zwischen Begeisterung 
und dem Hinblicke auf die grofsen Kosten derselben getheilten 
Stimmung geschildert werden. Die Darstellung des Kampfes gegen 
die Städte, die mit Nürnberg verbunden w^aren, und der Zustände 
in den Bisthümeru besonders in Würzbm-g mag ^'ielleicht einen etwas 
einseitigen Parteistaudpunkt zuweilen erkennen lassen, aber sie ist 
doch zur Beurtheilung städtischer Aufzeichnungen höchst er\NÜnscht. 
Denn schon lange konnte man wol mit Recht darauf hinweisen, dafs 
in den letztern gemfs auch nicht die ungetrübte Wahrheit erscheint^). 
Im übrigen sind die Aufzeichnungen auch wegen der vielen und 
eingehenden Erörteningen über staatsökonomische Verhältnisse un- 
schätzbar. Im letztern Theile des Gedenkbuches ändert sich aber 
der erzählende Ton vollkommen, und auch die chronologische Reihen- 
folge der Thatsachen ist nicht mehr beobachtet, so dafs man zweifeln 
darf, ob man es hier noch mit den Denkwürdigkeiten des Geschicht- 
schreibers, oder mit einem Auszug aus dessen Notizbuche zu 
thuu hat. 

Den Denkwürdigkeiten zur Seite steht die merkwürdige Samm- 
lung von Acten, welche unter dem Namen: ,,das kaiserliche Buch 
des Markgrafen Albrechf^ bekannt ist und welches die Jalu'e 1440 
bis 1486 umfafst'-). Den Betrachtungen über Geschichtschreibuug 

') So sagt Falkenstoin in doii Nordgauischen Altortlüimorn (1734): 
,,Di(' Niirnlicrgcr Skribenten liabon den Gebrauch, wenn sie nur etwas 
schiinptlichcs gegen den Herrn Markgrafen aussinnen können, so unter- 
lassen sie es nicht. So macht es Meistorlinus, der lügt salva venia ins 
Gelack hinein, dafs sich die Balkon biegen mochten, und an Schanden 
vnul Schmähen liifst er's auch nicht fehlen"' Minutoli (s. d. nächste Anm.) 
S. 510. 

'■') Das kaiserliche Buch des Markgrafen Albreoht Achilles 1440 bis 



Ulman Stromer. Iß3 

stellt indefs diese Quelle ferner, aber als diplomatisclies Archiv bil- 
dete dieselbe lange Zeit eine Grundlage für die braudenburgisch- 
hohenzollersche Politik. 



§ 12. Fränkische Städtechroniken. 

Von den fränkischen Städtechroniken erregten diejenigen von 
Nürnberg zunächst die Aufmerksamkeit der gelehrten Forscher und 
wurden in neuester Zeit sorgfältiger Bearbeitung und Herausgabe 
unterzogen. Dem oft genannten Herausgeber der deutschen Städte- 
chroniken stand auf diesem Gebiete der nun leider verstorbene 
Theodor von Kern würdig zur Seite, dessen Verdienst um die Kennt- 
nifs Nürnberger Geschichtschreibung alles frühere so sehr übertrifft, 
dafs es als eine Pflicht der Dankbarkeit erscheint, des trefflichen 
Mannes auch hier ganz besonders zu gedenken. Zum allergi'öfsten 
Theile sind es die Flüchte seiner angestrengten Arbeit, was in den 
ersten fünf Bänden Nürnberger Chroniken niedergelegt ist. Das fol- 
gende bezweckt blofs eine orientirende üebersicht über das reiche 
Material zu bieten. 

„Die Geschichtschreibung Nürnbergs, sagt Hegel, hat sich nach 
Form und Inhalt natm-gemäfs aus sich selbst entwckelt". Das soll 
wol bedeuten, dafs die Nürnberger Chronisten kaum einen erkenn- 
baren Anschlufs an irgend eine litterarische Richtung der Gattung, 
oder an bestimmte Geschichtsbücher früherer Zeit zeigen. Das älteste 
uns erhaltene Geschichtsbuch stammt von einem angesehenen Bürger 
Ulman Stromer, den einst (1329) Meister Ulrich von Augsburg, 
Kaiser Ludwgs Protonotar, aus der Taufe gehoben hatte, und führt 
den Titel: „Püchel von mein gesiecht und abente vr')." 
Es beginnt mit dem Jahre 1349, endet 1407 und enthält sowol über 
Familie und Abstammung, wie auch über allgemeine Weltereignisse 
gewissenhafte Mittheilungen, dagegen sehr wenig Nachrichten über 



1470 herausg. von Höfler, Quellensammlung ebd. 1850. Bd. LI. Uuter glei- 
chem Titel 1470 — 1486 herausg. von Minutoli Berlin 1850. Correcturen 
imd Zusätze von Burckhardt. Jena 1861. Vgl. F. Wagner, Zs. f. preufs. 
Gesch. u. Landeskivnde, XVIII, 304 — 350. 

^) Mit Ulmann Stromers ^Püchel" begann Hegel selbst die Ausgabe 
der Städtechroniken I, 25 — 106. Die zu Stromer gelieferten Beilagen 
enthalten für Nürnberger und Reichsgeschichte des XIV. Jahrhunderts 
fast selbständige für sich bestehende Quellenfoi'schungen, deren Inhalt 
uns hier wenigstens nicht unmittelbar berührt, 

11* 



]^ß4 § 12' Fränkische Städtechroniken. 

eigentliche Stadtgescliichte. Selbst die persönlichen Beziehungen 
ülman Stromers zu Raths- und Stadtangelegenheiten sind nur dürftig 
erwähnt, zuweilen selbst verschwiegen. Das ganze Buch zerfällt 
gleichsam von selbst in drei Abtheiluugeu, wovon die erste beson- 
ders die allgemein geschichtlichen und die zweite die persönlichen 
und Familiennachrichten enthält, die dritte ist eine Sammlung von 
Notizen statistischer und ökonomischer Art. Ulman Stromers oder 
Stromeirs Geschlecht gehörte in der zweiten Hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts zu den bedeutendsten der Reichsstadt und viele Mitglieder 
derselben, auch ülman selbst, ein wolhabender Geschäftsmann, stan- 
den in den -«-ichtigsten Aemteru. Dadurch werden die Aufzeich- 
nungen des Stromerbüchleins von besonderem Werthe und da Ulman, 
— er starb 3. April 1407, 78jähi-ig — seine Eintragungen schon 
frühzeitig begann, so tragen sie auch meist das Gepräge der Un- 
mittelbarkeit an sich, aber allerdings enthalten sie nichts, was eine 
tiefere Charakteristik der geistigen Individualität Stromers zuliefse. 
Diese Dürftigkeit des Stromerbüchleins ist um so empfindhcher, 
als es das einzige Denimal bürgerlicher Geschichtschreibung aus 
dem XIV. Jahrhundert ist. "Was nachfolgt führt sogleich ziemlich tief 
in das XV. Jahi-hundert hinein. Mit dem Jahi-e 1434 schhefst eine 
Nürnberger Chronik, deren Verfasser unbekannt bHeb und, wie 
es scheint, auch bleiben wollte i). Er hatte einige Kenntnisse von 
älteren Chroniken und excerjiirte aus denselben die bekanntesten 
Thatsachen süddeutscher Geschichte, ohne dafs man eine bestimmte 
einzelne Vorlage festzustellen vermöchte, doch dürfte der Regens- 
burger Andreas dem Chronisten Nürnbergs durchaus bekannt ge- 
wesen sein. Von der Mitte des XIV. Jahrhunderts ab bringt er 
Nachrichten, die er noch aus dem ^lunde von Mitlebenden erhalten 
haben dürfte, aber er selbst begann seine Arbeit um 1420, und erst 
mit dem Jahre 1430 zeigen sich die unverkennbaren Merkmale einer 
im engsten Sinne des Wortes gleichzeitigen Aufzeichnung. Aber 
schon im Jahre 1434 wurde das Werk, wahrscheinlich durch den 
Tod des Chronisten, abgebrochen und von anderen fortgesetzt, die 
dann bis 1441 schrieben. Die Chronik enthält eine Averthvolle Menge 
von Nachrichten über allgemeine und locale Ereignisse, doch dürfte 
man weder in der einen, noch in der andern Beziehung eine prag- 
matische Geschichtsauffassung suchen. Auch für Nürnberger An- 
gelegenheiten sind die Mittlieilungen meist auf das äufserliehsto l)e- 

') Chronik aus Kaiser Sigmunds Zoit bis 1434 mit Fortsetzung bis 
1441 herausgegeben von Dr. von Kern und Dr. Lexcr I, 316—414 mit 
Beil. 15. 



Erhard Schürstab. Jß5 

schränkt. Das Interesse, welches sich in Strafsburger oder Berner 
Chroniken in so hervorragendem Mafse für Terfassungsfragen findet, 
tritt in Tsürnberg so wenig hervor, wie in Augsburg. Doch zeigt 
gerade das Beispiel Ulman Stromers, dafs aus der Vernachlässigung 
dieser Seite des geschichtlichen Lebens durchaus nicht der Schlufs 
gezogen werden dürfte, der Yerfasser einer Chronik habe den Ge- 
schäften des Raths und der Stadt fern gestanden. Es mag sein, 
dafs die Strenge des Amtsgeheimnisses in Nürnberg auch hervor- 
ragende Theilnehmer am Regiment an privaten Aufzeichnungen über 
interne Torgänge der Stadt verhinderte. 

Um so wichtiger stellen sich unter diesen Umständen die amt- 
lichen Aufzeichnungen dar, welche seit dem XY. Jahrhundert 
allmählich einen erzählenden Charakter annahmen und sichtlich 
unter dem Eiuflufs des zunehmenden und sich verbreitenden histo- 
rischen Stils standen. Als ein solches Stück amtlicher Erzählung 
erscheint die Notiz des Jahres 1421 in einem Rechnungsbuch über 
den „zug gen Beheim auf die Hufsen von irs Unglauben 
wegen*)." Ein noch ausführlicherer ähnlicher Bericht findet sich 
in denselben Amtsbüchern über den Hussitenf eldzug vom Jahre 
1427, dessen „Hauptmomente in kurzen aber durch ihre Genauigkeit 
und Offenheit besonders lehiTeichen Worten" vorgeführt werden. 
Bedeutender werden diese Aufzeichnungen seit dem winterlichen 
Feldzug der Nürnberger im Jahre 1444 gegen einige Raubritter des 
bayreuther Oberlandes 2). Der Bericht über den „zug für Lich- 
tenburg" trägt schon äufserKch ganz denselben Charakter, wie 
die vorher angeführten Notizen und es ist kein Z^veifel darüber, 
dafs er aus erster Quelle geschöpft und nahezu gleichzeitig nieder- 
geschrieben wurde; nur über den Verfasser desselben hat sich eine 
Meinungsdifferenz zwischen dem Gesammt- und Spezialherausgeber 
ergeben, da der letztere dem Kriegshauptmanu Erhard Schürstab 
nicht mit durchaus zwingenden Gründen die Autorschaft zuschrieb. 
In desto gesicherteren Beziehungen steht indessen Erhard Schür- 
stab zu den Aufzeichnungen über den grofsen Markgrafenkrieg^) 

>) St. Chr. n, S. 33 und Feldzug von 1427 S. 46. Derselben amtlich 
erzählenden Eichtung gehört die Beschreibung der Uebertragung der 
Reichskleinodien und Reichsheiligthümer nach Nürnberg im Jahre 1424 
an, ebd. S. 42. Alle diese Stücke können gewissermafsen als Muster äl- 
tester Art Nürnberger officieller Geschichtschreibung gelten. 

^) Der Zug nach Lichtenburg 1444, herausg. von ^Yeech und Kern, 
St. Chr. II, 58 — 68, wozu die amtlichen Aufzeichnungen des Raths in den 
Beilagen. 

^) Nürnbergs Krieg gegen den Markgi'afen Albrecht, Kriegsbericht 



Ißß § 12. Fränkische Städtechroniken. 

Yon 1449 und 1450, eine Begebenheit, die in dem städtischen Leben 
Ton Nürnberg überhaupt die gewaltigste Rolle spielte. Zwar wollte 
man schon in älterer Zeit auf Erhard Schürstab die gesammten 
Aufzeichnungen über den Markgrafenkrieg in dem Sinne zurück- 
führen, als hätte er dabei selbst die Feder geführt, aber die neuesten 
Herausgeber der umfangreichen Schriften dieses Ki'ieges sind wol 
mit Recht dabei stehen geblieben, dafs der tapfere Kriegshauptmann 
eben nur einen hervorragenden Antheil au der Zusammenbringung 
und Feststellung des Materials gehabt hätte. Namentlich der soge- 
nannte Kriegsbericht zeichnet sich durch eine schärfere Prag- 
matik der Thatsachen aus, als alle früheren, sowol privaten, als 
öffentlichen Aufzeichnungen Nürnbergs. Entstehung und Ursachen 
des Markgrafenkrieges werden von einer gewandten im historischen 
Stile wolerfahrenen Feder geschildert. Der Verfasser hat ein starkes 
Bewufstsein von der geschichtlichen Begründung des grofsen Streits, 
den er zu schildern unternimmt, und greift auf den Städtekrieg von 
1389 zurück. Was die Friedbrüchigkeit des Markgrafen Albrecht 
anlangt, so steht dieselbe dem Yei-fasser zwar aufser allem Zweifel, 
aber er sucht doch in Ton imd Rede den Verdacht einer Anklage- 
schrift des Brandenburgers zu vermeiden und befleifsigt sich einer 
verwimderlich objectiven Darstellungsweise ^). Dafs übrigens Erhard 
Schürstab die Feder zu führen wufste und während des Ki'ieges 
selbst Berichte an den Rath abstattete, dafür gibt eine Besclu-eibuug 
der Schlacht bei Pillenreut 11. März 1450 oder des „Streites bei 
dem Weier" Zeugnifs, welche einen geübten Schriftsteller kaum 
verkennen läfst^). Wer aber immer der Verfasser des grofsen Kriegs- 
und Ordnungen zusammengebracht von Erhard Schürstab herausg. von Dr. 
V. Weech und Dr. v. Kern Bd. II, 95—534. Der Kriegsbericht allein um- 
fafst S. 121—238. Ordnungen S. 241—352. 

') Die sachlichen und kritischen Fragen über den Markgrafenkrieg 
wurden in Beil. 1 S. 355 ft'. von Dr. v. Weech in einigen Abhandlungen 
erörtert, welche indefs nicht ohne manchen Widerspruch blieben. l?ür die 
Charakteristik der Quellenschrift sind jedoch jene in das Gebiet der Ge- 
schichte gehörenden Abhandlungen irrelevant. 

'■') Die hiebei vorkommenden Notizen „beschriben von mir Erhart 
Schürstab u. s. w.," welche die Handschriftenclasse A enthält, ist mit den 
andern auf Schürstab bezüglichen Bemerkungen dieser Handschriften von 
Kern auf das umsichtigste in Erörterung gezogen worden, vgl. II, S. 483 
und Einleitung S. 98—100. Einer so bestimmten Nachricht gegenüber ist 
freilich die Autorschaft Schürstabs schwer in Abrede zu stellen. Wenn 
aber Hegel dem Schürst«)) den Bericht über den Zug nach Lichtenburg 
besonders deshalb abspricht, weil von ihm in dem Herichte in der dritten 
Person geredet ist, so mufs dieses Argiuneut auch gegen die Autorschaft 
Schürstal.s in Betrefl' des Pillenreuter Berichts zutreft'en, wo das gleiche 
Verhältnifs stattfindet. 



Erhard Schürstab. 2g7 

berichts sein mag, soviel scheint sicher, dafs derselbe auf den Höhe- 
stand der Xünaberger GescMchtschreibimg in der Mitte des XV. Jahr- 
hunderts ein deutliches Licht vm-h, und dafs Erhard Schürstab einen 
hervorragenden Antheil an der üeberlieferung dieser Geschichts- 
quellen hatte. 

Schüi'stabs Geschlecht stammte einer Familienüberliefening zu 
Folge a\is Siebenbürgen, und war im XY. Jahrhundert zahlreich. 
Erhard, der älteste Sohn des im Jahre 1439 verstorbenen gleich- 
namigen Vaters, TM.u-de 1440 Rathsmitglied und blieb es Zeitlebens; 
in der Waldensischen Fehde erscheint er unter den Führern des 
Zuges nach Lichtenburg, im markgi'äflichen Kriege war er einer 
der sechs KriegsheiTn der Stadt und zur Zeit der Schlacht bei den 
Pillenreuter Weihern wortführender Büi-germeister. Auch in den 
Zeiten des Friedens em'arb er sich Verdienste um seine Vaterstadt 
und regte 1459 den Baumeister Endres Tucher zu schriftstellerischer 
Ai'beit an. Dafs er bei den Vertheidigungsanstalten vor dem mark- 
gräflichen Kriege viele Umsicht gezeigt, beweist jene Ordnung (in 
der Sammlung mit Nr. 38 bezeichnet) i), in welcher die vorhandenen 
Vorräthe genau beschrieben sind. Denn wenn wir die beigesetzte 
Anmerkung recht verstehen, so sagt sie eben, dafs das betreffende 
Actenstück von Schürstab herrührte und damals niemand als den 
Rathsältesten mitgetheilt wurde. Da übrigens die Ordnungen, ^\ie 
sie vorliegen, überhaupt eine Actensammlung waren, so dürfte von 
einem Verfasser derselben wol überhaupt nicht im Sinne der Histo- 
riographie die Rede sein können. Aber das litterarische Interesse 
für den Mann, welcher Schürstab bei seiner Sammlang die Hand 
geliehen und der in dem eigentlichen Kiiegsbericht ein bedeutendes 
zeitgenössisches Geschichtswerk geschaffen, wird ein hervoiTagendes 
bleiben, wer derselbe auch gewesen sein mag 2). In der Reihe der 



^) Zur Orientirung über die nicht ganz leicht verständlichen Verhält- 
nisse lenke ich die Aufmerksamkeit des Lesers noch auf den Punkt, dafs 
die treffliche Ausgabe m der Zusammenstellung der ^Ordnungen"* nicht 
sich strenge an die Handschriften anschliefsen konnte, sondern das Zu- 
sammengehörige verband und das zu trennende trennte, — weder die eine 
noch die andere Handschriftenclasse bietet eine systematische Sammlung, 
wie sie unsere Ausgabe nunmehr gibt. 

-) Hervorzuheben habe ich noch die Worte K. Hegels, wo er davon 
spricht, dafs die Aufzeichnungen auch deshalb nicht E. Seh. zuzuschreiben 
wären, weil Ruhmredigkeit, Absichtlichkeit, Gewandtheit des Ausdrucks 
und dramatische Lebendigkeit der Darstellung wol einem Hans Rosen- 
plüt aber nicht einem Staatsmann und Kriegshauptmann jener Zeit zuzu- 
trauen Avären. Rosenplüts Gedicht „Von nürnberger Rejfs" zuletzt von 
Lochner herausg. 1849 vgl. Chron. li, 482, 228 A. 2. 



jgg § 12. Fränkische Städteclironiken. 

Nürnberger üeberlieferuugen steht es als ein einzelnes und vereinzelt 
gebliebenes Beispiel pragmatischer Darstellung da. 

Was sicli sonst aus gleicher Zeit erhalten, tritt aus dem Rahmen 
notizenhafter Denkwürdigkeiten noch nicht heraus, welche in 
einzelnen Familien eine fortgesetzte Pflege erfuhren. In erster Reihe 
steht in dieser Beziehung das Tu eher sehe Geschlecht^), dessen 
litterarische Thätigkeit im XV. Jahrhundert eine mannigfaltige war 
und eine schöne Ergänzung seiner politischen Bedeutung im Nürn- 
berger Gemeinwesen bildet. Im Jahi-e 1421 begann Endres Tucher, 
Sohn Hans Tuchers, sein Memorialbuch, welches er bis zu seinem 
frühen Tode im Jahre 1440 fortführte. 

Das Memorialbuch^) \iaxrde von Endres Tucher gerade in 
der Zeit angelegt, wo er sich ein eigenes Hauswesen dm-ch seine 
Verheirathung mit Margaretha Paumgarten gegTÜndet hatte, mit deren 
Vater er in Handelsgenossenschaft trat. Seine Aufzeichnungen machte 
er meist ganz gleichzeitig und wie er zuweilen ausdi'ücklich hinzu- 
fügte, nach eigener Anschauung. !Mit den allgemeinen Weltereig- 
nissen beschäftigte er sich nur, in so weit sie für seine unmittel- 
baren Erlebnisse von Interesse waren. Mittheilungen von auswärts 
schlofs er überhaupt pincij)iell, wie es scheint, von seinen Auf- 
zeichnungen aus, obwol solche doch auch nicht fehlen. Im ganzen 
sind dieselben sehr äufserlicher Natm*. Aber die Neigung für histo- 
rische Aufzeichnungen besafs auch Endres' älterer Bruder Berthold, 
und sein Werk ist viel mannigfaltiger und reichhaltiger im Stoffe 
als dasjenige seines Bniders^). Nachrichten über Familie und Ver- 
wandte wechseln hier mit Mittheilungen über Erlebtes und über 
gTofse Weltbegebenheiten in bunter Reihe. Mit dem Geburtsjahr 
Bertholds 1386 nimmt das Memorialbuch seinen Anfang und be- 
schränkt sich für die ersten Notizen auf die Lebensnachrichten des- 
selben, um dann von 1430 ab eingehender und mannigfaltiger zu 
werden. Die Aufzeichnungen hatte der vornelime in den Aemtern 
der Stadt vielbeschäftigte Berthold Tucher jedoch nicht selbst 



') Die Tucliorsche Geschlcclitsgeschichte St. Chr. Bd. X, S. 20 und 
dazu die besonders gedruckte Abhandlung von Kerns, das Geschlcclit der 
Tucher in Nürnlierg und seine Gedenkbücher nebst urkundl. Nachrichten 
von Enders und Berthold T. 

2) Herausg. von Dr. v. Kern, St. Chr. 11, 1 — 30. Die Ueberschrift 
„Memorial oder Handhüclilein" trägt die einzig erhaltene Handschrift, doch 
ist nicht sicher, ol) dieselbe vom Verf. hcrrülirt, oder ob sie erst S])äter 
liinzugefiigt wurde. 

^) Herausg. von Dr. v. Kern, St. CIu-. Bd. X, 1 — 2G. Titel aus einer 
Schourlschen Hs. 



Das Tuchersche Geschlecht. JßQ 

besorgt, sondern einem seiner Neffen, Söhnen jenes Endres, aufge- 
tragen, welchen Berthold seine väterliche Sorgfalt zuwendete, nach- 
dem er selbst keine Nachkommenschaft erzielt hatte. Unter diesen 
Neffen Bertholds findet sich einer, welcher auch sonst als Schrift- 
steller bekannt wurde und der den Vornamen seines Vaters Endres 
trug. Erhard Schürstab ermunterte ihn zu einer Arbeit, welche 
zwar nicht unmittelbar historisches Interesse erregt, aber für Nüi-n- 
bergs Kulturverhältnisse im XV. Jahrhundert eine der werthyoUsten 
Quellen genannt werden kann. Eben dieser Endres, Verfasser des 
Baumeister -Buchs, wäre nach Kerns Vermuthung auch der Autor 
des Berthold Tucherschen Memorials*). Derselbe stand in den ge- 
wichtigsten Verbindungen mit hervorragenden Personen Nürnbergs 
und anderer Länder, aber im Jahre 1476 zog er sich in ein Kart- 
häuserkloster zurück. Dafs er spätere Nachkommen des Tucherschen 
Geschlechts zu fortwährender Befördenmg historischer Studien 
angeregt, dürfte glaubKch erscheinen, wenn er auch schwerlich 
selbst die unter dem Namen der Tucherschen Fortsetzung der 
Nürnberger Jahrbücher vorliegenden Aufzeichnungen geschrieben 
haben dürfte 2). 

Einen bis ins einzelnste ähnlichen Charakter me die Tucherschen 
Memoriale tragen die Denkwürdigkeiten des Konrad Her- 
degen, niu' dafs er sich der lateinischen Sprache bediente^). Denn 
Konrad Herdegen war Benediktinermönch in dem durch die Reform 
des Jahres 1418 dem Alleinbesitz der Schotten entrissenen Erlöster 
zu St. Egidien in Nürnberg. Er war der Sohn Herdegen Schreibers, 
dessen Familie aus Altdorf stammte und in Niü'nberg zu Ansehn 
gelangte, aber nicht zu den Geschlechtern zählte. Geboren 1406 
wurde er 1430 Priester, später Kaplan seines Abtes. Seine bis 1479*) 
reichenden Aufzeichnungen wurden seit 1440 — 1450 gleichzeitig ge- 
macht, die früheren Notizen stammen theüs aus der Erinnerung 
des Schriftstellers, theils aus Quellen, die nicht überall mehr nach- 
geAviesen werden können; doch finden sich sicher darunter klöster- 
liche Anniversarien, die Kom-ad Herdegen zur Hand waren. Im 



*) Das Baumeisterbuch wui-de schon 1862 lierausg. von M. Lexer mit 
einer Einleitung von Dr. von AVeech, Publ. d. Stuttg. litt. Vereins LXIV. 
Eine Notiz zur Geschichte Tuchers in Beziehung zu EHsabeth von Luxem- 
biu-g im Anzeiger f. K. d. V. 1871 nro. 4 von Kern. 

^) Die Griinde dagegen in St. Chr. XI, 448. 

^) Nüi'nberger Denkwürdigkeiten des Konrad Herdegen herausg. von 
Dr. Th. V. Kern Erlangen 1874 aus dessen Nachlafs. 

*) In der Stammtafel ebd. S. 56 heifst es: seripsit chronicon usque a. 
a. 1475. 



170 § 12. Fränkische Städtechroniken. 

iibrigen beziehen sich seine Aufzeichnungen vorzugsweise auf den 
Kreis seiner Bekannten und Verwandten und auf die Nürnberg betref- 
fenden allgemeinen Ereignisse. Die Begebenheiten in seinem Kloster, 
Restauration der Kirche, Geschenke an dieselbe erregen selbstver- 
ständlich sein gröfstes Interesse. Wie sehr er jede eingreifendere 
Mittheilung scheut, -Rard durch nichts deutlicher als durch die No- 
tizen zum Jahre 1469, wo der Tod Muffels ohne jede Andeutung 
über seinen Prozefs tind seine Hinrichtung mitgetheilt -ward, obwol 
doch der Abt von St. Egidien selbst an der Schuld Muffels nicht 
unbetheiligt gewesen sein solP). Eine allzugrofse Bedeutung kann 
unter diesen Umständen den Denkwürdigkeiten unseres Benediktiner 
Mönches wol nicht beigemessen werden. 

Eben jener unglückliche Nicolaus Muffel, Erster Losimger 
der Stadt und im Rath, schrieb kurz vor seinem Tode ein Gedenk- 
buch, welches in litterarischer Beziehung die Denkwürdigkeiten 
Herdegens ebensoweit "n-ie die Tucherschen Memorialbücher hinter 
sich läfst^). Denn die anziehende Darstellung Muffels läfst tiefe 
Blicke in das Innere des Erzählers machen und zeigt einen in jeder 
Beziehung wolunterrichteten und feinen Mann, der sich seiner Ver- 
dienste nicht rühmt, aber seinen Nachkommen ein Lebensbild zur 
Nachahmung aufzustellen wünscht. Sein durchaus religiöser Sinn 
lebt und webt in einer sehr äufserlichen Gottesverehrung, xmd um 
die Ablafslehre dreht sich wol der gröfste Theil seiner religiösen 
Erwägungen, aber indem er in die Geschichte der von ihm gesammel- 
ten HeUigthümer und seiner frommen Stiftungen die eigene Lebens- 
geschichte verwebt, bietet er in der That ein für jene Zeiten höchst 
seltenes psychologisches Gemälde dar, welches denn doch sich sehr 
hoch über die ganz äufserlichen Beobachtungen seiner Zeitgenossen 
erhebt. Ganz so zeigt ihn seine Beschreibung der StadtRom, 
welche er niederschrieb, nachdem er, mit den Reichskleinodien zur 
Krönung Friedrichs III. (1452) nach Rom entsendet, die ewige 
Stadt aus eigener Anschauung kennen gelernt hatte 3), Auch wo 
er in seinen Denkwürdigkeiten über hervorragende Persönlich- 
keiten spricht, mit denen sein Schicksal ihn zusammengeführt, 

') Herclegon DenkAV. S. 42 mortuus est Nicolaus Muffel. — Er war 
aber unter anderem auch des Bruches des Rathsgolieimnisses gegenüber 
dem Abt von St. Egidien angeklagt. Sonstige Beziehungen zu dem Klo- 
ster in Chron. XI, 751 von Muffel selbst erwähnt. 

^) Gedenkbuch von Nicohius Muffel lierausg. von Hegel, St. Chr. XT, 
737 — 777 mit Beilagen über den ganzen Prozei's desselben. 

^) Nieolaus Muffels Beschreibung d. Stadt Rom, herausg. von W. Vogt, 
Bihl. d. Litt. Ver. CXXVllI (187G); vgl. Anz. f. K. d. V. 1ST7. n02. 



Nicolaus Muffel. Nürnberg. 27]^ 

"weifs er überall ein charakteristisches Moment hervorzuheben und 
den Werth derselben mit wenigen oft bezeichnenden Worten zu be- 
urtheilen. Dafs ein solcher Mann grofsen Eindnick auf seine Zeit- 
genossen machen mufste, erklärt sich leicht, und die GescMcbt- 
schreibung war wie das Volkslied vorwiegend bemüht, seinen 
Tod als einen Justizmord darzustellen i), was aber schwerlich be- 
gründet war. 

Inzwischen hatte Nürnberg trotz aller historischen Aufzeich- 
nungen und ausgebreiteter historischer Bildung kein Werk hervor- 
gebracht, in welchem die gesanunte Geschichte der Reichsstadt 
im Zusammenhange dargestellt worden wäre, wie dies in Strafsburg, 
Konstanz und zuletzt auch in Augsburg längst der Fall war. Eben 
auf einen hei"vorragenden Geschichtschreiber der letztern Reichsstadt 
richtete sich das Augenmerk des Nürnberger Raths, um eine Ge- 
schichte der Stadt seit ihren Anfängen zu Stande bringen zu lassen. 
Der uns schon bekannte Augsburger Mönch Sigmund Meisterlin 
ühemahm den ehrenvollen Aiiftrag zur Abfassung eines solchen 
Werkes in der Zeit, wo Ruprecht Haller und Nicolaus Grofs 
Losunger waren während des 8. und 9. Jahrzehents des XV. Jahr- 
himderts. Um das Jahr 1488 vollendete Meisterlin seine deutsche 
Chronik von Nürnberg, nachdem er umfangreiche Forschungen 
angestellt und viele Erlöster besucht hatte, um das Material für seine 
„mühevolle" Arbeit zu gemnnen. UrsjDrünglich schrieb Meisterlin 
die "Chronik von Nürnberg^) in lateinischer Sprache. Seine 
deutsche Chronik war aber nicht sowol eine üebersetzung, als 
vielmehr eine neue Bearbeitung, in welcher selbst die Periodisirung 
des Stoffes wesentlich verändert wurde. Nur die äufsere Eintheilung 
des Buches in drei Theile blieb beiden Redactionen gemeinschaftlich. 
Nicht leicht vermag man aber über Inhalt imd Charakter der Meister- 
linschen Forschungen kurz zu urtheilen. Bei der aufserordentlichen 



') Besonders Deichsler s. St. Chr. Bd. X, S. 105. XI, 754. Aufserdem 
das betreffende Zeitgedicht selbst im Texte und bei v. Liliencron, Volks- 
lieder I, 563 — 566. 

^) Vgl. über Meisterlin oben S. 101, St. Chr. Bd. ITI. Sigmund Meister- 
lins Chronik der Reichsstadt Nttmberi; herausg. von Dr. Kerler imd 
M. Lexer S. 1—121. Der lateinische Text von Dr. Kerler, S. 184—256. 
Die lateinische Chronik trägt als Datum der Vollendung den 15. März 
1488. Wenn Hegel, Vorwort III, die Abfassungszeit der deutschen Chro- 
nik um 1488 bezeichnet, so ist dies auch deshalb vorsichtig, weil es am 
Schlüsse derselben heifst, dafs Meisterlin mit seiner Hand dieselbe 4 mal 
geschrieben, und weil die deutsche Bearbeitung nicht nothwendig nach 
der ganzen Vollendung der lateinischen begonnen sein mufs. Nachträg- 
liches zu Meisterlin von Kerler, Forschungen XII, 659. 



]^72 § 12. Fränkische Städtechroniken. 

Belesenheit und Gelehi-samkeit des Augsburger Mönchs möchte man 
geneigt sein, die auch der Nüi'nberger Chronik anhaftenden Fabeleien 
über Ursprung und Alter der Stadt ganz auf Rechnung des Ge- 
schmackes der Zeit zu setzen. Er selbst hat eine hohe Meinung 
von dem Werth und der Unparteilichkeit der Geschichte und das 
eifrige Bestreben, sagenhaftes und unwahi'es auszuscheiden. Gewifs 
war es auch nicht die Herleitung Nürnbergs von dem Kaiser Nero, 
was dem Autor zahkeiche Feindschaft und heftige Angriffe verur- 
sachte. Wir wissen nur, dafs sich Meisterlin fortwährend über seine 
Gegner beklagte, welche seine Walu'haftigkeit bezweifelten und sein 
Latein verdächtigten. Seine Bemerkung in der VoiTede zur deutschen 
Chronik, man werfe ihm vor, er wäre als Geistlicher nicht zur Dar- 
stellung weltlicher Geschichte geeignet gewesen, läfst vielleicht auf 
einen tieferen Gegensatz schliefsen. Unter den von Meisterlin be- 
nutzten Quellen hat für die Geschichtschreibung Nürnbergs eine 
deutsche "Weltchronik besonderes Interesse, die er zwar nicht 
ausdrücklich anführt, aber sicherlich und zwar in vollem Umfang 
kannte. Uns liegt sie nur in einem Excerpte Hartman Schedels 
vor, aber die Herausgeber der Nürnbergischen Chroniken konnten 
scharfsinnig feststellen, dafs die fragliche Quelle Meisterlins nichts 
anderes, als die im Jahre 1459 A'ollendete Weltchronik von Johannes 
Plattenberger dem jungem und Theodorich Truchsefs, Kanzlei- 
scbreiber zu Nürnberg, war^). Aus dem Umstände, dafs Meisterlin 
diese Schriftsteller verleugnet, erklärt sich vielleicht zum Theil die 
Rivalität, unter welcher er in Nürnberg zu leiden hatte. Wenig- 
stens genügen diese Verhältnisse, um die Elemente des Hasses zu 
begreifen, den der ausländische und vom Rath reichlich unterstützte 
Geschichtschreiber fand. Nicht zufällig scheint übrigens die Grenze 
zu sein, welche der Meisterlinschen Chronik gesteckt •\\'urde. We- 
der die lateinische noch die deutsche Bearbeitung reichen an die 
Zeit des "Geschichtschreibers heran. Mit voller Absichtliclikeit 
schliefst er sein Werk mit dem Regieruugsbegiun des Kaisers Sigmund 
ab und glaubt für sein Theil „genug gethan" zu haben. ,.Also leit 
ich hier mein Schiffleiu au das gestat", sagt er mit sichtlicher Be- 
friedigung über das Ende seiner Ai'beit. 

Die von Meisterlin eingeschlagene Richtung blieb iudefs auch 
später in Nürnberg etwas fremdes. Die Stadtchrouik iu diesem 

') Ein«- deutsche Weltchronik, St. Chr. III, S. 2.^7—305. Hieran 
schliefst sich in St. Chr. III, S. 340 die kurze lateinisclie Aufzeichnung über 
das Ceremonial bei Sigmuuds Empfang in Nürnberg, weloiie wol kaum 
noch als ein Beispiel von Gesciiichtschreibung gelten könnte. 



Nürnbergische Gescliichtschreibung. J73 

strengsten Sinne des "Wortes, in welcliem Meisterlin seine Aufgabe 
fafste, fand auch später weniger Pflege. Wollte man den allgemeinen 
Charakter der Niü-nbergischen Geschichtschreibung im Gegensatze 
hiezu kurz bezeichnen, so dürfte dieselbe vielleicht eher den Namen 
der Annalistik als den der Chronistik verdienen. In die Kategorie 
annalistischer Berichte gehört die Aufzeichnung über die Er- 
eignisse und amtlichen Verhandlungen bei dem Regierungsantritte 
Kaiser Friedi-ichs III. 1440 — 1444*), und durchaus annalistisch sind 
die Aufzeichnungen, welche sich im XV. Jahrhundert an Ulman 
Stromer, oder an die Chronik aus K. Sigmunds Zeit anschlössen 
und sich als Jahrbücher verschiedener Fortsetzungen bis zu den 
Sammlungen des XVI. Jahrhimderts fortpflanzen 2). Unter den letz- 
tern bildet die sogenannte Chronik von Heinrich Deichfsler, 
Bierbrauer und Armenpfleger, so wenig ein in sich abgeschlossenes 
Ganzes, wie die Zürcher Chroniken, die wir bald unter dem Namen 
Sprengers, bald unter dem Kriegs und anderer Sammler vereinigt 
fanden. Sie reicht übrigens weit über den Zeitraum hinaus, den 
wir unserer Betrachtung zu unterziehen pflegen. 



§ 13. Bairische Klosterannalen. 

Aus der fi-üheren Periode erstreckt sich in einer Anzahl bairi- 
scher Klöster eine historiographische Thätigkeit in das XIV. Jahr- 
hundert hinein und es sind diese Ausläufer der bewegten Zeit der 
fränkischen und staufischen Kaiser gleichsam als Fortsetzungen grofser 
Anfänge schon gröfstentheils in den Monumenten herausgegeben. 
Dahin gehören die Annalen der Prämonstratenser von Windberg 
und Scheftlarn, femer Benedictbeuern, Diessen, Undersdorf, Baum- 
burg, Aldersbach, Osterhoven, die Noten von Weltenburg und 
St. Emmeram zu Regensburg sowie von Priifening, alles diu-chaus 
gleichzeitige imd gelegentliche Aufzeichnungen, meist sehr unbedeu- 
tender Art für die spätere Hälfte des XIII. und für das XIV. Jahr- 



1) Unter dem Titel: Friedrich XU. und die Reichsstadt Nürnberg 
1440 bis 1444. St. Chi-. III, S. 353. Auch auf die Anführung des 
„Zug Nürnberger Kreuzfahrer nach Ungarn 1456" mufs ich im Texte 
wol verzichten, da ähnliche einen erzählenden Charakter tragende Acten- 
stücke sonst in den Beilagen erwähnt hier nur ein für allemale erwähnt 
werden können. 

2) St. Chr. Bd. X und XI, S. 47— 386, 443—507 Heinrich Deichfsler 
St. Chi-. S. 536—706. 



174 § IS- Baiiische Klosterannalen. 

hundert 1). Ziu" Siguatm- des verfalleuden Zustaudes dieser Klöster 
dient der Umstand, dafs auch die Auualen, welche noch im Anfang 
des XIII. Jahi'hundei-ts, allgemeinere Nachrichten enthalten, seit der 
Mitte dieses Jahrhunderts sich fast ausschliefslich auf das Locale 
beschränken und etwa selbst die Schlacht bei Müldorf nur berühi'en, 
um zu bemerken, dafs ein in der Schlacht gefallener Kiiegsmann 
des Königs in der Kirche zu Undersdorf begraben -v^-urde. 

Die Annalen von Aldersbach, welche unvermittelt 1273 
bis 1286 dastehen, sind nicht ohne "Werth und die von Osterho- 
■ven haben über die Jahre 1250 — 1300 schätzbare Notizen mit den 
Altaicher Annalen des Abtes Hermann in Verbindung gebracht, und 
selbständige Fortsetzung bis zum Jahre 1313 daran angeknüpft^). 
Auch die Fortsetzung der Chronik des Magnus von Reichers- 
b erg ist für* die Geschichte des Erzbischofs Philipp von Salzburg 
und für den böhmischen Streit sehr beachtenswerth^). 

Aus Freising besitzen wii- recht werthvolle Nachrichten über 
die dortigen Bischöfe, welche an die Aufzeichnungen des Sacristan 
Konrad von 1187 anschliefsen und von verschiedenen Händen bis 
ins XY. Jahi'hundert fortgeführt sind*). Unbedeutend war dagegen, 
was in Tegernsee geleistet "v\'urde, avo man sich im XI Y. Jahr- 
hundert eiuigermafseu mit Localgeschichte beschäftigte^). Dazu 
kommen noch annalistische Einträge aus dem XY. Jahrhundert, 
theils selbständig^), theils als Fortsetzung der Flores temporum 

^) W. G. II, N. Ein HandschriftenverzeichnLfc* der dortigen alten Bi- 
bliothek von 247 Werken: Oberbaii-. Arch. HI, 348. 

2) Späteres bis 1426 und eine Abtreihe bis 1288: SS. XVII, 537. 
Ueber den Abt Uhich, 1288 — 1324, als wahrscheinlichen Verfasser der 
Annalen vgl. Böhmer, Fontt. II, LV. Für Aldersbach aus einem Rech- 
nungsbuche von 1291 — 1362 historische Notizen in Quellen und Erörte- 
rungen zur bairischen und deutschen Geschichte, Bd. I. 

^) SS. XVII, S. 530. Uebereinstimmung mit den Ann. S. Rudberti 
zeigt M. Mayr, Fürsteufelder G. Q. S. 51. 

*) Gesta emscoporum Friäinjensium SS. XXIV, 324 — 331. WerthvoU 
ist die Aufzeichnung über das Hofgesinde von Freising s. XIII. — XIV: Graf 
Hundt aus dem Freis. Liber Ilubeus im Oberbair. Arch. 35, 264 — 279, 
womit das Ref^istrum jjrocurationis des Barth. Hoyer aus Reichenberg (1462) 
hrsg. von Meindl, Arch' f. öst. Gesch. 61, 34—88, zu vergleichen ist. 

^) Chronicon (tuiniiwr. ahhatum Imius Tcf/eniseeiitf. iiioii. bei Pez, Thes. 
anecdüt. III, 3. 497 — 551. Amwtntio conseirationis eccies. Ttyern.s. ib. 573 
bis 590. Fraiimenta diio vet. cliron. Teqeriis. bei Oefclc, SS. 1, 630 — 632. 
Vgl. Günthnor, die litter. Anstalten in Baiern I, (1810) 189. Hefner, Ober- 
bair. Arch. I, 15. — Verse zum Lulie von Tegernsee von Peter von Rosen- 
heim, ed. ^^'attenbach, Anz. f. K. d. V. 1883, 33. Büclierkatalog von 1483 
vgl. Sera]). II, 268. 

•■) Cliron. lioiariae et Siieviae aus der Peutingerschen Samndung bei 
Oefele SS. 1,613 und von Waitz SS. XXIV, 58—59; vgl. NA. VI, 455. 



Schliersee, Ranshoven. 175 

1493 oder bald uacliher aufgezeichnet *); die letzteren bestehen aber 
nur aus Daten zur- Geschichte der Witteisbacher und localen Nach- 
richten aus München und Augsburg von 1400—1493. Das Merk- 
würdigste aus Tegernsee Aväre jedenfalls die Mappa niundi des 
"Werinher Scholasticus, wenn die Identität derselben mit der 
Tabula Peutingeriana festgestellt werden könnte, doch ist darüber 
mit Sicherheit nichts auszumachen. In dem benachbarten Schlier- 
see aber war man um das Jahi- 1378 selbst über die Klosterhistorie 
so unwissend, dafs ein phrasenreicher in deutscher Sprache schrei- 
bender Mönch nicht mehr im Stande war, eine chronologisch sicher- 
gestellte Abtreihe mit Angabe der Regierungsjahre zu liefern 2). Auf 
kui-ze rem locale Aufzeichnungen der Benedictiner in Asbach von 
1127—1351 ist neuerdings aufmerksam gemacht worden 3). 

Eine nicht iminteressante Angabe finden wii- in der Fortsetzung 
des Reichersberger Chronicon zum Jahre 1260, wo es heifst, dafs 
in der Chronik von Ranshoven am Inn der Propst dieses Stiftes 
Eingehendes über die Geifselfahrten mitgetheilt habe, ein Citat, des- 
sen Bedeutung bis jetzt nicht vollständig aufgeklärt ist. Wenn aber 
nicht alles täuscht, so besitzen wir in einer von Stephan Leopolder 
zu Wessobrunn gemachten annaKstischen Zusammenstellung nichts 
anderes, als die dürftigen Reste der Anualen des Propstes Kourad 
von Ranshoven*), während die Wessobruuner Tradition mehr ge- 

1) Aus Chn. 18776 ed. Riezler, Aventins Werke 111,^581—584. 

2) Chron. Schlierseense etc. bei Oefele SS. I, 377—385. 

3) M. Mavr, N. Arch. V, 216. 

*) SS. XVII, 531. W. G. II, N. Stefan Leopolder macht zum Jahre 
1195 die Bemerkung: Authorem hujus chronici credo fuisse Conradum 
Pozzonem etc., wovon aber in seiner Handschrift keine Andeutungen wa- 
ren. Wenn es zum Jahre 1225 heifst: dafs alles folgende von dem Wesso- 
brunner Bruder Conrad herrühre, so ist das offenbar auch Einschub Leo- 
polders. Handschi-iftlich sicher ist nur die Marginalnote: Qui me scribebat, 
Conradus nomen habebat. Was ist das für ein Konrad? — Konrad Pozzo 
hat noch unter dem Abt Konrad Menchinger, also vor 1243, _ eine testa- 
mentarische Verfügung gemacht, kann also nicht den Tod König Albrechts 
erwähnt haben. Man müfste daher zwei Kom-ads als Verfasser annehmen. 
Nun vergleiche man aber die Stelle des Fortsetzers von Reichersberg, wo 
der Propst Konrad citrrt ^vird, mit dem Wortlaute zum Jahre 1260 m 
den angeblichen Wessobnmner Annalen, so ist die fast wörtliche Ueber- 
einstimmung des ersten Satzes Bürgschaft genug, dafs der Reichersberger 
Annalist eben diesen Konrad meint, den wir hier haben: nur ist die voll- 
ständige Stelle offenbar auch in unserem Leopolderschen Fragment nicht 
erhalten. Alles dies bei Leutner, Historia mon. Wessof., S. 253 ff., 264 
und im Anhang S. 29 ff. Der vermuthliche Schlufs dieser Aiirtal. Ranshov. 
pafst dann zu dem Todesjahr des Propstes Konrad 1311 aufs Beste. Aus 
Aventin läfst sich für die Frage nichts ge^rinnen, vgl. Riezler, Avent. 
Werke IE, 586. 



176 § 13. Bairische Klosterannalen. 

neigt war die annalistisclie Arbeit ihrem Konrad Pozzo zuzu- 
schreiben. Dieser war ein Mönch, welcher sich durch mehrere 
Stiftungen lU'kundlich bekannt gemacht hat, im übrigen aber als 
Pfarrer zu Landsberg und Pyrgen erscheint und überdies der ersten 
Hälfte des XIII. Jahrhunderts angehört, während jener Konrad, 
auf den eine Marginalnote zum Jahre 1271 sich bezieht, offenbar 
das Jahr 1308 überlebt haben mufs. Der Schriftsteller, der in diesen 
dürftigen Resten ursprünglich ausführlicher Annalen hervortritt i), 
benutzte bereits die vollendeten Annalen des Abtes Hermann von 
Niederaltaich^), so dafs auch aus diesem Gnmde an Konrad Pozzo 
als den Verfasser dieser sogenannten Wessobmnner Aufzeichnungen 
nicht zu denken wäre. Es ist vielmehr kaum zu bezweifeln, dafs 
in "Wessobrunn nm* ein Auszug von Ranshovener Annalen gemacht 
worden sei, welche dem Fortsetzer des Magnus von Reichersberg 
bereits in vollendeter Form vorlagen. Ueber den Werth der ver- 
loren gegangenen originalen Aufzeichnungen Konrads von Rans- 
hoven läfst sich etwas Bestimmtes selbstverständlich nicht mehr 
angeben. Jedenfalls verschieden von diesen sind die unbedeutenden 
Aufzeichnungen über Baitten imd Altarweihen in Ranshoven, welche 
sich am Schlüsse des dortigen Urbars vorfinden^). 

Allen bedeutenderen Arbeiten, welche im XIV. Jahrhundert in 
den bairischen Klöstern auf geschichtlichem Gebiete geleistet -wnirden, 
liegt indessen das Niederaltaichische Annalenwerk des Abtes 
Hermann zu Grunde, dessen vielseitige Thätigkeit ge^\ässermafsen 
ersetzte, was an anderen Orten für Geschichtschreibung zu wün- 
schen übrig war. Denn dieser Abt Hermann hat den Ruhm der 
Altaicher Annalistik nicht blofs aufrecht erhalten, sondern trotz der 
schwierigen Stellung, welche die Zeit seinem Kloster brachte, erhöht 
und vermehrt. Seine Werke, die er theiJs selbst verfafste, theils 
anregte, gehören zu den bedeutendsten Quellen der Zeitgeschichte, 
sowol im Hinblick auf ihren historischen Inhalt, als auch nach 

^) Die Bürgschaft, dafs das vorliegende blofs ein Fragment der Rans- 
hovener Annalen ist, gibt die Stelle zum Jahre 1278: ut infra invenitur 
und der SchluTs: Albertus rcx Romanorum etc. rexit X annos. 

'^) Herm. Altah., Mon. G. SS. XVII, 305. Otto dux Bawarie novam 
monetam in Lantshut fabricari iussit circa initium messis mandans ipsos 
denarios et non alios recipi in tote suo districtu. Wörtlich zum selben 
Jahre 1253 in den angeblichen Wessobrunner Annalen, wo auch der Tod 
gemeldet, dann aber natürlich ein allgemeines Urtlieil beigefügt wird, wel- 
ches nicht mit Hermann übereinstimmt, aber doch seine Erzähkuig vor- 
aussetzt. Auch die Stolle über die Geifsler stimmt mit Herrn, p. 402 über- 
ein, worauf Riezler, Gesch. Baierns H, 245 aufmerksam macht. 

•'') Stülz im Notizblatt der Wiener Acd. 1854, S. 468. 



Nieder- Altai eh. I'j'j 

Mafsgabe des litterarischen Einflusses, den sie auf die gleichzeitige 
und nächstfolgende Generation ausübten i). Schon für die ft-ühere 
Epoche der deutschen Geschichte ist auf die günstige Stellung und 
die geeignete geographische Lage von Niederaltaich hinge-wiesen 
worden und me sich besonders hier ein lebendiger Sinn für Kaiser- 
und Reichsgeschichte herausgebildet hat^). Die mannigfachen Be- 
ziehungen des Klosters zu anderen, benachbarten und entfernteren, 
dauerten auch im XIII. und XIV. Jahi-hundert noch fort. Ganz be- 
stimmte Zeugnisse des litterarischen und geschäftlichen Verkehrs 
zwischen Niederaltaich und Oberaltaich, Afflighem (Flandern), Cla- 
drub, Hildesheim, Lilienfeld, Prüfeniug liegen aus der Zeit des 
XIII. Jahrhunderts vor^), und eine Anzahl noch zu nennender Nie- 
deraltaicher sind zu Aemtem und Würden in Oberaltaich oder Re- 
gensburg gelangt. Etwa seit dem Auftreten Alberts von Beham 
scheint die alte kaiserliche Gesinnung des Klosters einer entschie- 



^) W. G. II, N., -wo schon mit Recht bemerkt ist, dafs erst durch 
Jaffe's gründliche Untersuchungen Ordnung in die wiiTe Masse der Schrif- 
ten, die nnter dem Namen Hermanns gehen, gebracht ist. Die ausschliefs- 
lich benutzbare Ausgabe Annales et Historiae Altahenses ed. Jaffe, SS. 
XVn, 351 ff. Zur Orientirung über die früheren Ausgaben genügt es hier 
aiif deD gut gearbeiteten Artikel bei Potthast hinzuweisen, wo die einzel- 
nen Theile richtig von einander geschieden sind. Nur ist nicht einzusehen, 
warum die Genealogia Ottonis IL ducis Bav. et Agnetis ducissae SS. XVU, 
376 — 377 abgetrennt Avurde, da sie ebenfalls aus dem Wiener Codex ist 
xmd also zu dem Artikel Hermannus und nicht unter Genealogia zu setzen 
war, um so mehr als sie sonst als Narratio Altahensis de quorumdam ducum 
Bavariae Genealogia eingestellt werden müfste; und umgekehrt ist Henri- 
cus Steoro nicht unter den Artikel zu setzen gewesen, weil sich dadurch 
leicht wieder ein Irrthum einschleicht. Ueber die IiTungen, welche in den 
früheren Publikationen eben dieser Henricus Steoro verursachte, hat aber 
auch schon Böhmer, Fontt. 11, p. LI und LH übersichtliche Weisung ge- 
geben; über Hermann vgl. P. B. Braunmüller, Herm. Abt v. N.-Alt., Progr. 
d. Stud. Anst. Metten 1876 (= Verhdlgn. d. bist. Ver. v. Niederbayern 
XIX, 3). Paul Kehr, Herm. v. Alt. u. seine Fortsetzer, Götting. Dissert. 
1883. 

^) Ueber die reichsgeschichtliche Auffassung der älteren Niederaltaicher 
und ihre vorzugsweise kaiserliche Gesinnung vgl. Giesebrecht, über einige 
ältere Darstellungen der deutschen Kaiserzeit, München 1867, S. 13 ff. In 
dieser Beziehung nun fand aber im XIII. Jahrhundeii; eine Aenderung 
statt. Für die Reichssachen ist kein besonderes Interesse mehr vorhanden, 
doch ist Hermann der erste, welcher das Geschichtswerk Gottfrieds von 
Viterbo benutzte, vgl. Toeche, Heinrich VI. S. 745. 

^) Die betreffenden Stellen hat Jaffe in der Präfatio S. 353 nnd 354, 
wo sich auch eine Zusammenstellung des in Niederaltaich befindlichen 
historischen Bücherschatzes findet; doch ist merkwürdiger Weise ein altes 
Bibliotheksverzeichnifs von Niederaltaich, wie etwa das gleichzeitige von 
Passau, in den zahlreichen Notizen Hermanns nicht vorhanden, vgl. Braun- 
miUler a, 0. 29. 

Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I. 12 



J78 § 1^- Bairisclie Klosterannalen. 

den päpstlichen Richtung Platz gemacht zu haben. Für die Gegner 
der Staufen, besonders für Heinrich von Baiern und Ottokar von 
Böhmen, sind die deutlichsten Sympathien in den Annalen jetzt 
sichtbar. 

Der gewaltige Schöpfer einer neuen Glanzperiode annalistischer 
Thätigkeit war, wie es scheint, auch selbst in Niederaltaich erzogen 
worden. Seine frühesten von ihm beschriebenen Erinnerungen be- 
ziehen sich auf Niederaltaich, welches er seit dem Tode des Königs 
PhilipjD von Hohenstaufen in endlosen Bedi'ängnissen besonders durch 
die Grafen von Bogen gesehen zu haben versichert. Es stimmt dies 
mit den allgemeinen Verhältnissen unter Kaiser Friedrich, seit dessen 
Tagen die Klostem'ögte überall ihre Rechte zu einer territorialen 
Machtstellung auszunutzen suchten. Nach dieser Seite hin war es 
daher für die politische SteUung des mächtigen Klosters von funda- 
mentaler Bedeutung, dafs es sich nach dem ersehnten Ausgange der 
Bogener Grafen an die Herzoge von Baiern anschlofs, denen die 
Yogtei, erst Otto, dann seinem Sohne Heimlich, zufiel; die alte 
Reichsvertheidigeiin, die Abtei von Niederaltaich, folgte ge'vsisser- 
mafsen dem Zuge der reichsfürstlichen Eutwickelung. 

Hervorragendster Vertreter dieser geänderten Richtung ist nun 
Hermann selber. Sein Geburtsjahr ist 1200 oder 1201. Im Jahre 
1242 wnrde er nach dem Tode des Abtes Ditmar, wenige Monate 
nachdem Herzog Otto die Vogtei übernommen hatte, zum Abte ge- 
wählt. Aber er scheint schon längere Zeit die hervoiTagendste und 
einflufsreichste Persönlichkeit unter den Mönchen von Niederaltaich 
gewesen zu sein^). Er WTirde zu wiederholten Legationen nach 
Verona und Rom verwendet und da Abt Ditmar schon einige Zeit 
vor seinem Tode resiguirte, so war die Leitung des Klosters factisch 
bereits in Hermanns Hand, als er zum Abte gewählt wurde. So- 
gleich suchte Hermann den Bischof von Passau, der in jenem Augen- 
blicke eben in Wien weilte, auf und ■\^'urde von diesem consecrirt. 
Auch sonst gab es mancherlei Geschäfte im Herzogthum Oesterreich, 
wo das Kloster ansehnliche Besitzungen hatte, die aber zu grofser 
Beschwerde Hermanns in Verfall gerathen waren und wo man be- 
reits seit länger Zehnten und Steuern weigerte. Hermann fing da- 
her mit grofser Sorgfalt an sogleich die Rechte des Klosters auf 
diese Besitzungen zu erheben und verzeichnen zu lassen , wie 
denn überhaupt seine Verwaltung ganz vorzugsweise der Restauration 

') Die Urkunden aus Niodoraltaioli in don Mon. boic. XI. XV. Pla- 
cidus Haiden, des Klosters Niod(;raltaicli kurzo Chronik oder Zeitschriften, 
Regensburg 1732 ; über Abt Hermann S. 91 ft". 



Abt Hermann. X79 

der ökouomisclien Verhältnisse Niederaltaichs zugewendet war. Mit 
besonderer Torliebe hat Hermann seine Notaten über die von ihm 
selbst gemachten Verbesserungen der Klostergüter, über die ausge- 
führten Bauten und ähnliches, gleichsam zu einer Chronik seiner 
eigenen Amtsführung zusammengestellt. Den mächtigen Schutz des 
Herzogs Hekuich von Baiern für das Gedeihen dieser Dinge hat 
Hermann nicht genug zu rühmen gewufst, und es ist daher natür- 
lich, dafs das Kloster sich auf alle Weise mit dem Landesfürsten 
und Vogt in gutes Einvernehmen zu stellen suchte, wovon auch 
mancherlei persönliche Berührungen, die z'ndschen Hermann und 
Herzog Heinrich stattfanden, Zeugnifs geben. 

Seine aunalistische Thätigkeit begann Hermann , wie er aus- 
drücklich selbst versichert, erst als Abt, obwol seine Aufzeichnungen 
bis auf das Jahr 1137 zurückgreifen. Er fand die Geschichtschrei- 
bung, wie es scheint, dem alten Ruhme des Klosters nicht mehr 
entsprechend. Mail beschäftigte sich hauptsächlich mit Abschreiben 
älterer auswäitiger Schriftsteller, vor allem Ekkehards, Otto's von 
Freising und ähnlicher. Einen mit den Werken dieser Autoren 
angefüllten Codes hat der neue Abt durch seine eigene Arbeit ver- 
vollständigt *). 

Bis zum Jahre 1146 hielt er sich noch an die Chronik Otto's 
von Freising, dann sammelte er Urkunden und Nachrichten aus an- 
deren Jahrzeitbüchern, fügte hinzu was etwa in Niederaltaich selbst 
noch in Erinnerung sein mochte, und begann hierauf, etwa um 1256, 
die regelmäfsige gleichzeitige Eintragung der Ereignisse in seine An- 
nalen von Niederaltaich 2). 

1) Herrn. Altah. Annal. SS. XVII, 381—407. cf. p. 381: lUa vero, que 
postea continentur ego Hermannus abbas Altah. licet indiguus ex diversis 
chronicis et pi'ivilegiis undecumque colligendo cum hiis, que meis tempo- 
ribus contigerunt, de anno in annum simplici stilo annotare curavi. Es 
bleibt zu untersuchen, wann die Aufschreibung de anno in annum begon- 
nen hat und was unter annotare curavi zu verstehen. Jedenfalls ist 
nicht etwa zu glauben, dafs die zahllosen Aufzeichnungen, die unter Her- 
manns Namen vorhanden sind, alle von ihm persönlich gemacht wurden, 
wie ja auch sein Notizbuch die mannigfachsten Hände zeigt. Vgl. Wiehert, 
die Annalen d. Herm. v. N.-Alt., N. Arch. I, 376—884. Eine recht gute 
Erklärung gibt Kehr, Hermann von Altaich S. 50—52. Ebenso möchte 
dem beizustimmen sein, was über den Beginn der annalistischen Thätig- 
keit hier beigebracht ist, doch versteht es sich von selbst, dafs der Abt 
das meiste von seinen Mönchen wird haben besorgen lassen, da er meist 
praktische Beschäftigungen hatte. 

^) Dafs die Aufzeichnungen de anno in annum nicht vor 1256 be- 
ginnen dm-ften, dafür gibt es äufsere und innere Anhaltspunkte. Z^vischen 
das Jahr 1236 und 1237 ist eine Geschichte Oesterreichs unter Herzog 
Friedrich bis zum Frieden von 1254 eingeschoben, die einem einheitlichen 

12* 



2 HO § 1^- Bairische Klosterannalen. 

Die Ton Wiehert angestellten Untersuchungen erörtern eine 
Reihe von Fragen, wie beispielsweise das annotare curayi, doch 
scheint mir über das Ziel hinausgegangen, wenn zwei gleichsam co- 
ordinirte Verfasser angenommen werden. Denn zur Stellung des 
Abtes, die eben eine sehr grofse und gewaltige war, gesellte sich 
die jedenfalls zu wahrende aufserordentlich hohe geistige Ueber- 
legenheit Hermanns über den ganzen Convent. In Bezug auf die 
Abfassvmgszeit verhält sich "Wiehert sehr polemisch; vielleicht wird 
man am besten thun, stetige Aufzeichnungen neben einer gewissen 
abschliefsenden Rcdaction anzunehmen, vielleicht aber auch nicht. 
Es ist eigentlich in dem vorliegenden Falle einer geistig so hoch 
stehenden Persönlichkeit gegenüber, welche im weiten Umkreis der 
Thätigkeit offenbar auch in litterarischer Beziehung alle Verantwort- 
lichkeit auf sich nimmt, bei Lichte besehen, ziemlich gleichgültig, 
ob die gleichzeitigen Eintragungen ein paar Jahre fi'üher oder spä- 
ter anfangen. Im wesentlichen ist die Art und Weise, wie die Jahr- 
bücher abgefafst werden, heute in den alten Klöstern genau ebenso 
wie vor 600 Jahren. Man kann sich darüber am besten durch 
Autopsie belehi'eu. Dafs ohne Lob und Tadel berichet wurde, 
möchte man weniger dem „der Welt entsagenden Sinne, dafs die 
Tugenden und Fehler der Mensehen mehr oder weniger dieselben 
bleiben", zuschreiben, als vielmehr den nothwendigen Rücksichten, 
welche die politische Klugheit auf die mächtigen Nachbarn zu neh- 
men gebot, da ihre Angelegenheiten und ihre Streitigkeiten den 
vorzugsweisen geschichtlichen Inhalt des Annalenwerkes ausmachten. 
Im übrigen ist der Tadel, im allgemeinen ausgesprochen, über die 
Bosheit und Laster der Zeit bei keiner passenden Gelegenheit unter- 
drückt, wenn sich der Geschichtschreiber auch nirgends ein Urtheil 
über die einzelnen Handlungen der Mächtigen erlaubt. 

Für die Geschichte König Ottokars von Böhmen ist Hermann 
fast besser in Betreff der ungarischen, als der salzburgischen Ver- 

Concept entsprang, also nicht vor 1254 aufgeschrieben ist, — dann folgen 
die Jahre 1237 — 1247 sehr kurz, aber bei 1247 heifst es: post obitum 
Wilhelmi rcgis und hierauf wird von dem rheinischen Städtebund ge- 
sprochen und werden die Paciscenten desselben angeführt. Zum Jaln-e 
1253 werden Ereignisse früherer Jahre erst nachgeholt. Also nicht gleich 
beim Regierungsantritt wurde die historische Thätigkeit Hermanns begon- 
nen. Es ist dieselbe vielmehr eine Frucht seiner späteren — wol auch 
ruhigeren Jahre. Die Annalimc von Zusätzen verändert nicht die Schwie- 
rigkeit der Sache, denn es liandelt sich hauptsächlich um diese ausführ- 
licheren Stellen : das annalistische kann ja auch schon in der Hauschronik 
lange vor Hermann aufgezeichnet worden sein. Hier fragt sich nur wann 
und was er aufzuzeichnen befahl. 



Abt Hermann. \Q1 

hältnisse brauchbar. Wenigstens wird den Verwdckelungen, die hier 
durch den Erzbischof Philipp und durch die Beziehungen des Erz- 
stifts zu den bairischen Herzogen herbeigeführt werden, die gerin- 
gere Aufmerksamkeit geschenkt, was ge^^ifs nicht zufällig ist. Am 
liebsten berufen sich die Annalen Hermanns auf Actenstücke, und 
theilen dieselben meist in Tollstäudiger Abschrift mit. Gegenständen 
ökonomischer, geogi-aphischer, überhaupt culturhistorischer Art 
schenkt man in Niederaltaich kein so lebhaftes Interesse wie in 
Colmar, — Naturerscheinungen werden meistens nur dann berichtet, 
wenn sie im Zusammenhang mit den Ki-iegsereignissen geglaubt 
werden, wie etwa der berühmte Komet von 1264. 

Auch in dem Notizbuche*) des Abtes Hermann nehmen neben 
den rein geschäftlichen Aufzeichnungen solche Angelegenheiten weit- 
aus den gröfsteu Raum in Anspruch, welche sich auf die politischen 
Yerhältnisse der Nachbarländer beziehen. Die Landfriedensgesetze 
werden sorgfältig verzeichnet, Vergleiche und Entscheidungen in 
Sachen Niederaltaichischer Unterthauen oder benachbarter Herren 
und ähnliches, endlich das schon berührte Verzeichnifs der Be- 
sitzungen und der Einkünfte des Klosters 2) büden den Hauptinhalt 
des merkwürdigen Buches. Auch die Geschichte der Niederaltaicher 
Vögte hat eigentlich ein praktisches Interesse. Sie wül au der Hand 
der Thatsachen die üble Einflufsnahme der älteren Vögte zeigen und 
die Nothwendigkeit beweisen, dafs das Kloster mächtigeren Schutzes 
eines grofsen Fürsten bedürfe. Ein eigentlich litterarisch-historisches 
Ziel verfolgt im Grunde nur eine Schrift Hermanns, die über die 
Einrichtung des Klosters Altaich, welche an die vita Gode- 
hardi anknüpft und mancherlei Verbesserungen und Zusätze gibt 3), 
welche letzteren jedoch von verschiedenen Händen heiTÜhren. Es 
läfst sich um- sagen, dafs unter dem Abt Hermann alle Stellen, die 
sich auf die Klostergxündung und auf die ersten Schicksale Nieder- 

^) Herrn. Abb. Altah. de rebus suis gestis SS. XVII, 378 — 381. Urkk. 
u. Notizensammlung d. Abtes Herrn, v. N.-Alt. hg. von Chmel, Arch. f. oesterr. 
GQ. I, (1848) 1—72. Aus dem Notizbuche d. Abtes Herrn, v. N.-Alt. hg. 
von Chmel, Fontes rer. Austr. IT. 1 (1849) 186—166. Wiener SB. X, 235 
bis 258. XI, 875—953. Notizenbl. d. Wiener Ac. 1854—1856. üeber die 
Landfrieden vgl. auch Rockinger, Ueber die älteren bairischen Landfrieden, 
Sep.-Abdr. S. 27 und 38, wo die für Hermann von Altaich so interessante 
Thatsache constatirt wii'd, dafs die Landfrieden aus politischen Rücksich- 
ten vielfach geändert wurden. 

^) Ueber den Unterschied dieser Verzeichnisse von den sonst vorkom- 
menden Rechnungsbüchem vgl. von Oefele in dem Oberbair. Archiv, 
26. Bd., 272 ff. 

*) De institutione monasterii Alta/ieiis., SS. XVII, 369 — 373. Vgl. W. G. 
II, N. 



132 § 13. Bairische Klosterannalen. 

altaichs beziehen, sorgfältig zusammeDgestellt worden sind, doch 
keineswegs wii'd man eine Behauptung dariiber aufstellen können, 
ob der Abt selbst sich dieser Arbeit unterzogen oder nur die An- 
regamg dazu gegeben habe. 

Es ist auch merkwürdig genug, dafs am Ende der Anualen ein 
Lobredner Hermanns , der von dessen ausgezeichneter mehr als 
dreifsigj ähriger Verwaltung des Stifts redet, und dessen Abdication 
zum Jahre 1273 mittheilt, gerade auf die Gelehrsamkeit und schrift- 
stellerische Wirksamkeit des Abtes kein Gewicht legt, sondern nur 
seine praktischen Erfolge im Auge hat. Wenigstens ist darnach 
gewifs, dafs den Zeitgenossen die Bedeutung Hermanns nicht auf 
dem Gebiete lag, auf welchem der Geschichtschreiber heute sie zu 
sehen pflegt, auf dem Gebiete der Geschichtslitteratiu-. Am wenigsten 
wäre man berechtigt in der Art über Hermanns Beruf ziu- Ge- 
schichtschreibung zu sprechen, w'ie von Böhmer geschehen ist. 
Dieser bedeutende Abt hatte unter anderem ein lebendiges Interesse 
für geschichtliche Erinnerungen und war bestrebt, auch dieser glanz- 
vollen alten Richtung seines Klosters neue Antriebe zu Theil werden 
zu lassen, aber den Grad seines persönlichen Antheils an allen den 
zahlreichen unter seiner Regierung in Altaich gemachten Aufzeich- 
nungen bestimmen zu wollen, wdrd man wol verzichten müssen. 

Ueber Hermanns Tod hat Heinrich Steoro, der Capellan des 
Abtes und spätere Abt von Metten, der nicht mit Probst Heinrich 
von Oetting identificirt werden darf, eine km-ze Notiz mit seiner 
Namensunterzeichnung gegeben i). Bald nach der Abdication verfiel 
Hermann in so schwere Leiden, dafs die Nothweudigkeit seines 
Rücktritts sich nur zu sehr als gerechtfertigt zeigte. Zwei Jahre 
lebte er noch, dann starb er in seinem 75. Jahre. Als Todestag 
bezeichnet Heinrich Steoro den 3L Juli 1275^). Das Annalenwerk 
wurde indefs in Niederaltaich selbst foi'tgesetzt^), w-enn es auch 
■wahrscheinlich ist, dafs sich erst 1291, bis wohin die Continuation 
reicht, eine Hand gefunden, Avelche mit Sorgfalt diese Nachi-ichten 

J) De Ilermanni ahh. morie, SS. XVII, 408. Vgl. Braunnüillcr a. 0. S. 25. 

^) SS. XVII, 408. 422. Im Necrologium Sancti Emviernmiiii, Mon. Boica 
XIV, 365, vgl. Arch. für österr. Gesch. 28, 123, ist Hermannus Abbas 
eingetragen beim 5. August. Da man doch in Nioderaltairli den Todestag 
sicher wufste, so liegt hier ein Beweis vor, dafs der Gcdiichtnifstag in den 
Neurologien nicht mit dem Todestag übereinstimmen mufs. Jener bedeu- 
tet eben die kirchliche Wiederholung der nach dem BegWibnifs stattge- 
fundenen Seclmessen. Vgl. über den Unterschied von Anniversarien und 
Nekrologien: Wegelc in der Vorrede zur Litteratur und Kritik der frän- 
kischen Neurologien, Nördliimen 18(14. 

•■') Continuatio AlUi/wnm 1273—121)0, SS. XVII, 408— 4 IG. 



Fortsetzungen Hermanns von Altaich. J33 

abschlofs. Sie sind diu-chaus im Geiste des Hauptwerkes abgefafst, 
und ziehen gerne Actenstücke heran ohne jedoch den Verhältnissen 
der nächstgelegenen Länder gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. 
Das Hauptwerk selbst aber wurde von den Schülern und Anhängern 
Hermanus überall hin verbreitet; nach Regensburg vor allem, wo 
man eine Fortsetzung der Jahre 1287 — 1301 anschlofs, nach St. 
Udalrich und Afra zu Augsburg, wo die schon früher erwähnten 
Annalen sich hauptsächlich an den Kern der Niederaltaicher Auf- 
zeichnungen ansetzten, nach Osterhoven und noch nach anderen 
Klöstern 1). 

Eine selbständige Bedeutung aber nimmt der aus Niederaltaich 
selbst stammende Regensburger DomheiT und Archidiacon Eber- 
hard ein, der eine gröfsere Arbeit um das Jahr 1305 vollendete^). 
Eberhard begann seine historische Thätigkeit nach den Continua- 
toren der Altaicher Annalen. Aber es scheint, dafs diese Conti- 
nuatoren ihm nicht genügten, und so unternahm er es, dieselben 
theils umzuschreiben, theils zu ergänzen 3). Er führt diese seine 
Darstellung vom Jahre 1273 bis zum Jahre 1305 und ist besonders 
in dem letzten Jahrzehent sehr wichtig und lehrreich. Der gröfste 
Theil seiner Nachrichten in diesem Zeitraum ist übrigens iu Salz- 
burg bekaimt imd benutzt worden. In den einleitenden "Worten zu 
seiner Schrift bemerkt Eberhard zwar, dafs er die Ereignisse in 



1) Continuatio Ratisbonensis 1287—1301, SS. XVII, 416—420. Annales 
SS. Udalrici et Afrae Augustenses ed. Jaffe ib. 429 — 436. Notae Altaken- 
ses bis 1585, ib. 421 — 427. Unter den anderen Fortsetzungen nimmt die 
von Böhmer, Font. III, 553 — 560 und neuerdings von Waitz SS. XXIV, 
54 — 57 als Herrn. Altalt. Continuatio tertia (1273 — 1303) edirte noch keines- 
wegs eine recht klare Stellung ein. Jaffe erklärte mündlich, dafs diese 
Contin. nicht zu Herrn, sondern in anderen Zusammenhang gehört. Vgl. 
meine Deutsche Gesch. II, 673. Der Verfasser lebte vielleicht in Welten- 
burg, vgl. Schulte, Heinr. v. Rebdorf S. 58 — 60. Ueber die Wiener Hs. 
vgl. M. Mayi-, N. Ai'ch. V, 136. 

^) Eberhardi arckidiac. Ratispon. annales ed. Jaffe SS. XVII, 592 — 605, 
die einzige Ausg. aus welcher ein Einblick in die hs. Verhältnisse zu ge- 
winnen ist; über ältere Ausgg. das. 

^) Die im Eingang gemachte Bemerkung unseres Eberhard, SS. XVII, 
592: Quia ea, que in patria nostra scilicet Bavaria a tempore electionis 
Rudolfi Romanorum regis gesta sunt, in multis locis quesivi nee scripta 
reperi, ego Eberhardus etc. fideliter annotavi, bleibt freilich trotz der 
Interpretation Jaffe's völlig unverständlich, wenn man annimmt, dafs doch 
sowol die Altaicher wie auch die Regensburger Continuation des Hermann 
imserem Eberhard vorgelegen habe. Mir schien die umgekehrte Annahme, 
dafs man in Altaich und Regensburg den Eberhard excerpirte, im Ganzen 
weniger Schwierigkeiten zu machen, doch halte ich mich nicht für berech- 
tigt, gegenüber einer auf handschriftlicher Untersuchung gewonnenen Fest- 
stellung, von der Auffassung Jaffe's abzuweichen. 



]^84 § 14. Regensburg und Passau. 

Baiern besonderer Darstellung zuführen wolle, aber in der That 
sind die mannigfaltigsten Begebenheiten naher und ferner Länder 
hier erzählt. Ueber das Leben Meister Eberhards sind wir nur von 
1295 an aus einer Anzahl wenig Auskunft gebender Urkunden be- 
richtet, aus denen zu ersehen ist, dafs er sein kirchliches Amt im 
letzten Decennium des XIIL und ersten des XIY. Jahrhunderts be- 
kleidet hati). 



§ 14. Regensburg und Passau. Baierische Städte- 
chronikeu. 

An die Thätigkeit des Canonicus Eberhard schliefst sich 
am besten an, was im XIV. Jahrhundert auf Regensburg weist. 
Die mannigfaltige Litteratur, welche durch den dominikanischen 
Bischof Albert den Grofsen angeregt ■\^au•de, oder aus der Nach- 
ahmung der berühmten Predigten des Bniders Berthold entstanden 
sein mochte, gehört in anderen Zusammenhang. Die Annalistik und 
Geschichtschreibung dagegen nahm ebenfalls ihre fortschreitende 
Eut"Rdckelung. Doch müssen -wii-, lun den Zusammenhang mit den 
Altaicher Quellen deutlicher zu machen, noch einmal auf die Um- 
arbeitungen, welche diese in Osterhoven erfahren haben, zmückwei- 
sen. Für die Jahre 1250 — 1305, me schon -wiederholt bemerkt, 
stehen alle diese Annalen- Werke in dem genauesten Zusammen- 
hange. Nun brechen aber auch die Annalen von Osterhoven mit 
dem Jahre 1313, was den zusammenhängenden Theil betrifft, in 
der ältesten Handschrift ab. 

Nicht so klar ist der Sachverhalt bei den Annalen von 1311 
bis 1372, welche den in'eführenden Namen Chronicon de ducibus 
Bavariae tragen 2); in Regensburg hat nämKch im XV. Jahrhundert^ 

1) Ried, Codex dipl. Ratisb. I, G67— 712. II 739. — Nach Nieder- 
altaich gehörten noch zwei Lobgediclite auf Herzog Heinrich H. von 
Nicderbaiern (f 1290) bei Pez, Tnesaur. Anecdot. VI, 2. 193 von einem 
Mönch Wolfgang vcrfafst. und die Reisebeschreibung des Abtes Altmann 
vom J. 1367 SS. XVII, 420. 

^) Chronicon de ducihus Bavariae anonymi Ludovico IV. Caes. Aug. 
synchroni manu Andreae Prcsbyteri Ratisbonensis, Oefele SS. I, 39 — 44 
(aus Clm. 903) und einfach wiederholt von Böhmer, Fontt. I, 137 — 147, 
wozu V. Weech die Ergänzung der Lücke beim Jalire 1340 gefunden hat. 
Janssen, Leben Böhmens III, 311. Beide Ausgg. sehr lückenliaft, doch 
mit Hilfe des Chron. Generale und Chron. de ducib. Bav. des Andreas v. 
Regcnsburg zu ergänzen. Vgl. L. Weiland, über einige bair. GQ. d. XIV. 
Jahrh., Nachr. d. Götting. GdW. 1883, 237—2(50. W. Pregor, Al>handl. d. 
bair. Ac. d. W. XIV L S. 42. Th. Wiehert, Forsch. XVI, G3 ff. 



Konrad von Megenberg. ;[g5 

der Geschichtsclireiber Andreas eine Abschrift derselben so bezeich- 
net und in seinen Werken ausgiebig benutzt. Zum Jahre 1370 gibt 
sich der Verfasser der 'Chronik' unzweifelhaft als Zeitgenosse zu 
erkennen*), aber es ist recht schmeiig zu sagen, wo derselbe gelebt 
und sein Werk niedergeschrieben hat. Die Annahme, dafs die 
'Chronik' eine Fortsetzung der Annalen von Osterhoven sei, hat 
Wiehert bestritten, da der Inhalt derselben, nach seiner Meinung, 
durchaus auf Oberaltaich hinweist, wo der unbekannte Chronist 
seine Aufzeichnimgen in ein daselbst vorhandenes uud mit einer 
Fortsetzung versehenes Exemplar der IS^iederaltaicher Annalen ein- 
getragen haben soll. Allein die vorheiTschende Berücksichtigung, 
welche gerade Regensburg in der Chronik findet 2), macht es doch 
wenigstens wahrscheinlich, dafs der Verfasser derselben ein Regens- 
burger, also gemssermafsen ein Nachfolger Eberhards und ein Vor- 
läufer jenes Andreas gewesen ist, welchem wir den Besitz der 
Chronik verdanken. Aus dem Abbrechen derselben mit dem Jahre 
1372 wird man nun freilich nicht einen Schlufs auf den Ver- 
fasser wagen dürfen; dafs aber eben in dieser Zeit in Regens- 
burg eine gi'ofse geistige Bewegung vorhanden war, ist sicher und 
es ist sogar leicht möglich, dafs gerade der bedeutendste Mann 
dieser Bewegimg zu dem räthselhaften Chronicon in engster Be- 
ziehung steht. 

Meister Konrad von Megenberg, jener frachtbarste Schrift- 
steller des XIV. Jahrhunderts, fand nach langen Wanderungen durch 
vieler Hen-en Länder, wahrscheinlich durch einen Freund, den Dom- 
propst Kourad von Heimberg unterstützt, endlich ein i-uhiges Plätz- 
chen in Regensburg und brachte dort fast die Hälfte seines Lebens 
zu. Konrads Ktterarische Thätigkeit vdxd uns noch in anderem Zu- 
sammenhange, insbesondere was seine politisch -kü-chlichen Tractate 
betrifft, beschäftigen; hier ist blofs hervorzuheben, was für die Ge- 



*) Urbanus papa — iam per spatium unius anni et diutius remanet 
inhumatus: In welcher Beziehung steht nun dies Alles zu den Annal. 
Osterhov.'i Mit dem Jahre 1311 beginnt die Chronik: Dominus Otto rex 
Hiuigarie, erzählt am Schlufs des Absatzes in der Mittheilung über den 
Frieden mit Oesterreich dasselbe, was die Annal. Osterhov. ausfühi'hcher 
haben, und stimmt dann zum Jahre 1312 wörtlich genug iiberein, so dafs 
füglich an der Absichtlichkeit des Anschlusses kein Zweifel sein kann; 
Selbständiges hat natürlich die eine wie die andere Quelle nebenher. 

-) So zum Jahre 1340 die Meldung vom Tode Bisch. Xicolaus v. Re- 
gensburg u. s. w. Dafs diese Annalen nicht nach Osterhoven selbst ge- 
hören, beweist der Umstand, dafs das Jahr 1365, über welches eine Notiz 
in dem Osterhovener Cod. (vgl. d. Ausg.) sich findet, mit dem, was die 
•Annalen zu 136.5 bringen, ganz und gar nicht übereinstimmt. 



IQQ § 14. Regensburg und Passau. 

schichtschreibnng, speciell von Regensburg, durch ihn geleistet wor- 
den ist. Da ist nun nach aller Ueberlieferung vorerst eine Geschichte 
des Regen sburgerBisthums zu nennen, welche aber keineswegs bis 
in die Zeiten reicht, welche Konrad aus eigener Anschauung kannte ^). 
Von historischem Interesse ist das Werk selbstverständlich gar nicht 
und leistet kaum mehr, als die zahlreichen Kataloge der Bischöfe, 
die im XIV. Jahrhundert nicht selten mit mehr Erfindungsgeist als 
"VVahrheitssinn angelegt worden sind^). In der Biographie hatte 
Konrad von Megeuberg mehr Glück; er hat eine vita Sancti Erardi 
und eine vita Dominici geschrieben, ohne jedoch viel neues zu seinen 
Vorgängern hinzuzufügen^). Eine historia de ,S. Matheo schrieb er 
1351 für das Kloster Asbach*). Als sein Hauptwerk aber mufs eine 
Weltchronik, welche er Chrojiicon summorum pontificum et impera- 
torum nannte, angesehen werden, die jedoch gänzlich verloren ge- 
gangen zu sein scheint, wie denn überhaupt die lateinischen Werke 
dieses Schriftstellers weniger Beachtung gefimden haben, als die 
deutschen. 

Die wichtigste Frage ist nun, wie dieses sogenannte Chronicon 
beschaffen gewesen sein mag. Aus den Anführungen bei Andreas 
von Regensburg 5) läfst sich leider niu- das eine mit Ge\\äfsheit sagen, 
dafs Konrad die urältesten Zeiten ausführlich behandelt hat und 

^) Breve chronicon episcoporum Ratishonensium bis 1296, abgedruckt 
Eccard, Corp. bist. II, 2243—2252. Durch den Abschlufs der Chronik vor 
1300 ist der Herausgeber zu dem Irrthuni verleitet worden: quo (int. anno 
1296) ergo Conradus de monte puellarum floruisse existimandus est. Vgl. 
dagegen Weiland a. 0. 251, welcher das breve chron. für ein schlechtes 
Excerpt aus Andreas v. Regensburg erklärt. 

-) Der bei Eccard, Corp. hist. II, 2253 — 2256 herausgegebene Anony- 
mus, Chronicon episcoporum Ratisb. 730 — 1377 hatte drei Catahgi episco- 
porum vor sich; vgl. Von'ede zu Nr. 24. Wahrscheinlich einer dieser Ka- 
taloge ist derselbe, der bei Böhmer, Fontt. III, 481 — 483 als Series episco- 
porum Ratishonensium aus einem Zusatz zum Necrologium von Obermünster 
zu Regensburg abgedruckt ist, ob Konrad von Megeuberg nicht der Ur- 
heber dieser Bischofsreihe ist, mag dahingestellt bleiben, die Verwandt- 
schaft mit dem Breve chronicon ist so ziemlich sicher. 

^) Vita Sancti Erardi als tertia vita mit wenig Abweichungen von den 
älteren — namentlicli Pauli vita, vgl. W. G. II, N., in Acta SS. Jan. I, 541 
bis 544. Die Vita Dominici ist blofs durch Anführungen bekannt. 

*) Ueber die Hifit. de s. Matheo vgl. M. Mayr, N. Arch. V, 216. 

*) Eccard, Corp. hist. I, 1937 : sicut colligitur ex Chronico Magistri 
Conradi de Monte Puellarum Canonici Ratisbonensis ecclesie, qui tloruit 
tempore Caroli quarti ser. Rom. Imp. und hei Oefele, I, 32: In chronica 
M. Conradi de montc puellae Can. Rat., usque ad tcrapora Gelasii Papac 
I. qui denique in ordine erat XLIX annoque domini 485 sedcrc cepit, non 
lego aliqucm episcopum praefectum fnisse Ratisponensi civitati cxccpto 
pnmo scilicet Paulino etc. Konrads Bedeutung ist die eines politischen 
Schriftstellers, in welcher Hinsicht er an anderem Orte zu bes])rcchcn ist. 



Konrad von Megenberg. J[g7 

die Regensburger Localsagen besonderer Beriicksiclitigimg -^-iirdig 
fand. Einen historischen Quellenwerth dürfte man demnach diesem 
Werke nicht beimessen. Allein es ist doch möglich, dafs die Chro- 
nik mehr enthielt, als auf diesem Wege constatirt werden kann und 
L. Weiland yermuthet sogar, dafs Konrad seine Arbeit bis in seine 
letzten Lebensjahre fortgeführt hat und dafs in dem vorher (S. 184) 
besprochenen räthselhaften Chronicon de dudbus Bavariae ein Bnich- 
stück derselben vorliegt. Dagegen stellt derselbe Forscher in Abrede, 
dafs die neuerdings bekannt gewordenen annaKstischen Aufzeich- 
nungen Ex chronico pontificum et imperatorum Eatisponensi^) mit 
Konrads bisher leider noch nicht wiederaufgefimdenem Hauptwerke 
in irgend welche Verbindung zu bringen sind. 

Nicht ohne vielseitiges Interesse sind die Lebensverhältnisse 
Konrads von Megenberg, welche uns besser bekannt sind, als die 
der meisten Geschichtschreiber des XIV. Jahrhunderts 2). Nach einer 
ansprechenden Vermuthung Franz Pfeiffers möchte die Heimath Kon- 
rads zu Mainberg in der Gegend von Schweinfiu't zu suchen sein. 
Im Jahre 1309 mufs er geboren sein, da er im 65. Jahre am 14. April 
1374 zu Regensburg starb. Seine Studien machte er in Erfurt und 
Paris, wo er Magister ward. In Wien ist er seit 1337 an der Schule 
zu St. Stephan als Rector eine Zeitlang beschäftigt gewesen, wurde 
aber von einer Lähmung befallen, und glaubte nachher durch ein 
Wunder, welches der heilige Erard zu Regensburg an ihm ge'W'irkt 
hätte, geheilt worden zu sein. Er übersiedelte nach Regensburg und 
gelobte am 16. März 1342 König Ludwig und dessen Sohne treuen 
Dienst. Ueber seine Erhebung zum Canonicus von Regensburg 
scheint Streit entstanden zu sein, imd man hat wol darin eine Ver- 
letzung der Privilegien des Stiftes sehen wollen 3). Nichtsdesto- 

Dagegen J. Wahl, Andreas v. Regensburg, Götting. Dissert. 1882 S. 14 
und L. Weiland a. 0. 252. 

i) SS. XXIV, 285—288 ed. Waitz. 

^) Die Litteratur ist am ToUständigsten benutzt von Franz Pfeiffer, 
Das Buch der Natiu- von Konrad von Megenberg, Stuttgart 1861. Vgl. 
C. Höfler, Konrad von Megenberg und die geistige Bewegung seiner Zeit 
(in der Tübinger theol. Quartalscnrift 1856 I, 38 ff.). 

2) Auf die Urk. Reg. Boica VII, 331, in welcher Konrad auch ver- 
sprach, die Bewerbung des Meister Otto von Rain um eine Regensburger 
Pfründe nicht beeinflussen zu wollen, hat Riezler, Gesch. Baierns II, 559 
hingewiesen. In Gemeiners Regensburger Chronik, wo die Absendung 
Konrads als Rathgeb nach Avignon 11, 100 erwäimt wird, findet sich kei- 
nerlei Hinweis auf seinen Streit, der durch eine Notiz, welche Schuegraf, 
Geschichte des Domes von Regensburg, Verhandlungen des histor. Vereins 
von Oberpfalz und Regensburg XII, 217 mittheilt, völlig sichergestellt ist. 
Konrad von Heimberg war früher Domdecan, aber als solcher findet er 



138 § 1'^- Regensburg und Passau. 

weniger Yermoclite mau seine Stellung doch nicht zu erschüttern, 
und sein Ansehen wuchs so sehr, auch unter der Bürgerschaft, dafs 
er Rathgeb wurde und 1357 eine Mission bei der päpstlichen Curie 
in Avignon glücklich ausführte. Das Capitel-Haus, welches Konrad 
in Regensburg bewohnte, ging nach seinem Tode durch Kauf in 
weltliche Hände über, aber eine Stiftung zur feierlichen Begehung 
des Gedächtnifstages bewahile sein Andenken zu Niedermünster, wo 
er auch begraben worden war. 

Ueberhaupt befafste man sich im Regensbiu'ger Sprengel weniger 
mit Zeitgeschichte, als mit der Beschreibvmg und Verarbeitung älterer 
Stoffe. So MTirden die älteren Aufzeichnungen über die Gründung 
des Schottenklosters im XY. Jahrhundert unter dem Abte Thad- 
daeus erneuert i) , und derselben Richtung scheint der Lähellus de 
fundatione ecdesie consecrati Petri Batispone anzugehören-). Unter 
anderem ist auch ein traetatus de civitate Ratisj)ona vorhanden, wel- 
cher dieselben alterthümlichen Fabeln über Regensburgs Entstehung 
erzählt, die nach Andreas von Regensburgs Versicherung eigentlich 
Mittheilungen eben jenes Konrads von ^legenberg wären. Nicht 
uninteressant ist diese Compilation deshalb, weil dieselbe einem 
weitläufigen gegen 10000 Yerse umfassenden deutschen Gedichte 
über Karl d. Gr. und die Schottischen Heiligen zu Grunde liegt. 
Man beschäftigte sich überdies mit grofser Vorliebe noch lauge mit 
dieser glorreichen Tradition 3). Auch die Gründuugsgeschichte ande- 
rer Erlöster, wie des Cistercienser- Klosters Walds assen hat mau zur 
Popularisii'uug des Gegenstandes in deutsche Reime gebracht*). In 
dem Ton dem Grafen Ton Kastei gestifteten Kloster gleichen Namens, 
welches zur Obei-pfalz, dem alten Nordgau, gehörte, hat der Abt 
Hermann Lubens 1323 — 1356 eine Reimchronik verfafst, worin die 
Geschichte der Stifter mit viel genealogischer, aber wenig poetischer 

sich erst 1354; Ried, Cod. dipl. II, 878. 1364 Propst, cbond. 899: 1367 
Provisor in spiritualibus et temporalibus; Bischof 1368 — 1381. 

^) Canisius, Lectiones ant. IV, 752. 

2) Cod. Harl. 3973 ungedruckt: vgl. Pertz, Arch. VII, 711. Auszug in 
Cgm. 2928 nach Riezler, Gesch. Baierns II, 574. 

') Vgl. J. Baechtold, deutsche Hss. aus d. Britt. Mus. Schaffhaus. 
1873 S. 59, wo auch Auszüge aus d. deutschen Ged. geliefert sind. Pertz, 
Arch. X, 455: Cronica Caroli: vgl. Baechtold a. 0. 61—71. — Ueber die 
Namen der Stadt Regensburg, von einer Hand des XV. Jahrh. vgl. Ger- 
mania XII, 75. 

*) Schmeller, Die Entstehung dos Klostors Waldsassen in deutschen 
Reimen des XIV. Jahrhunderts, Verliandlungon dos liist. Vereins von Ober- 
pfalz und Regensburg, Band X, S. 76—99. — Ein Werk dos Abtes Jo- 
hannes von Ellcnliogen de vita vencrah. moiiac/ioruin monasterii siii bei 
Pcz, Bibl. ascct. VIH, 465—490. 



Regensburg und Oberpfalz. ][39 

Phantasie dargestellt wird'). Der Verfasser beruft sich nicht selten 
auf das Salbuch des Klosters, und benutzt auch die alten Grabsteine, 
die manche beachtenswerthe Thatsache über zahlreiche Geschlechter 
Ton Franken und Baieru im X. und XI. Jahi-hundert aufbewahrten. 
Zum Schlüsse benift sich der Verfasser auch auf alte lateinische 
Schriften, die er in dem vorstehenden nur übersetzt habe. Für die 
Zeitgeschichte hat das Buch kein weiteres historisches Interesse. 
Es zeigt eben nur, wie auch hier die litterarische Richtung popula- 
risirende Tendenzen verfolgte imd wie sich die geschichtliche Dar- 
stellung der deutschen Sprache in Reim und Prosa allmählich be- 
mächtigte. Ebenso unbedeutend sind die wenigen annalistischen 
Notizen zu den Jahren 1348 — 1387, welche jemand in die Hand- 
schrift des Regensburger Friedgerichtsbuches eingetragen hat; vom 
Erdbeben in Kärnthen (1348) wii-d ausnahmsweise nach dem Bericht 
eines Augenzeugen erzählt 2). 

Nirgends war die Polyhistorie der Dominikaner so sehr ge- 
pflegt und beliebt, \ne in Regensburg und man kann sagen, dafs 
dort alles den Zuschnitt angenommen, den Albertus Magnus vorge- 
zeichnet hatte. Erst im XV. Jahrhundert gelangte die Geschicht- 
schreibung in Regensburg wieder zu gröfserer Geltung durch die 
umfassende Thätigkeit des Presbyters Andreas, der, wenn auch 
nicht daselbst geboren, doch den gröfsten Theil seines Lebens hier 
wirkte und Verbindungen anknüpfte, die ihn zur Abfassung wichtiger 
historischer Werke befähigten. Dafs Andreas zu Straubing die Schule 
besuchte, erzählt er selbst und ebenso gewifs ist, dafs er 1405 zu 
Eichstädt in den geistlichen Stand trat und fünf Jahre sj)äter Chor- 
herr im Kloster St. Magnus zu Regensburg ^au'de, wo er reichliche 
Mufse für seine litterarischen Arbeiten gefunden zu haben scheint. 
Im übrigen düi-fte sein Leben still dahin geflossen sein, und mit 
Ausnahme einiger weniger Reisen und Berührungen mit hervorra- 
genden Männern und Fürsten ven'äth fast nichts eine persönliche 
Theilnahme des Schriftstellers au den Ereignissen, die er beschreibt. 
Dennoch erfreute er sich eines grofsen Ansehns am Hofe des Her- 
zogs Ernst von Baiern, dessen er sich nicht ohne Selbstgefälligkeit 

') Die Kastler Reimchi-onik, Freyberg, Sammlung historischer Schrif- 
ten n, 455 ff., mit guten historisch-genealogischen Noten versehen. Leider 
ist nichts Näheres über die Handschrift angegeben, aus welcher diese 790 
Verse stammen. Vgl. Moritz, d. Grafen von Sulzbach, II, 120, wo auch 
Annalen bis 1323 abgedruckt sind S. 104—116. Abtkatalog in Mon. Boica 
XXIV, 311. 

^) Abgedruckt bei Freyberg, Sammlung bist. Schriften V, 84 — 88. — 
üeber Regensburger Bibliothekskataloge vgl. Schmeller, Serap. 11, 262. 



J^90 § 14. Regensburg und Passau. 

rühmt. You spätem bairisclieu Schriftstellern ist er mit freigebi- 
gem Lobe als ihr Livius gepriesen worden ^). Und wenn man blofs 
auf den Fleifs nnd die unki-itische Art der Benutzung seiner Quellen 
sehen wollte, so könnte man auch heute noch diese Yergieichung 
gelten lassen. Im übrigen aber war Andreas von den humanisti- 
schen Studien unangehaucht geblieben, und zeigt auch in seinen 
universalhistorischen Darstellungen nicht den mindesten Fortschritt 
über das gewohnte mittelalterliche Quellenmaterial hinaus. Seine 
früheste historische Arbeit scheint in der Abfassung eines Marti- 
nianischen Lehrbuchs bestanden zu haben, Avobei er sorgfältigst 
die m'sprüngliche Form der synchronistischen Behandlung der Kaiser 
und Päpste, welche in den Handschriften sich mehr und mehr ver- 
loren hatte, wiederherstellte. Dagegen empfing er durch die Er- 
eignisse auf dem Konstanzer Concil unmittelbarere geschichthche 
Eindrücke, die ihn dann zu werthvolleren Leistungen bestimmten. 
Er knüpfte an seine früheren Arbeiten au und versah dann das 
ganze Werk mit einer Vorrede, die uns auch die wenigen Lebens- 
nachrichten über den Verfasser mittheilt. In dieser Zusammenstellung 
ist das Chronicon generale des Ancfreas eigentlich nur für die Zeit 
von 1410 an werthvoll. Wie es scheint, wui'de die Zeitgeschichte 
zuerst bis 1422 und später bis 1438 dargestellt 2). Zvim Jahre 1414 
erwähnt er seiner werthvollen Actensammluug, welche er auf 
dem Konstanzer Concil angelegt hatte, von der aber nur Bruchstücke 
bekannt geworden sind 3). Zu einer solchen Aufgabe mufste sich 



1) Aventin. Annal. VII, 24 (Werke III, 498): haec diligenter et acurate 
Andreas Reginoburgensis mysta Aurelianus literis et memoriae commen- 
davit, idcirco eundem cives sui Titum Livium censent. Die Bezeich- 
nung 'Aurelianus' hat bekanntlich selbst zu der Annahme, er wäi'e ein 
Franzose gewesen, Anlafs gegeben. Vgl. Oefele, de vita et scriptis An- 
dreac, SS. I, 1. v. Aretin, Handbuch S. 187— 148. J.Wahl, Andreas 
von Regensb., ein Beitrag z. Quellenkunde d. Hussit. Reformation. Götting. 
Dissert. 1882. Man findet in dieser Schrift eine gute Uebersicht der 
Schriften des Andreas. Gegen obige Darstellung ist in einigen Punkten 
polemisirt. Der Verf. will nicht zugestehn, dafs Andreas gegen Friedrich 
von Brandenburg feindselig wäre, auch bedeute die Stelle gegen Bischof 
Johann U. nur einen schlechten Spafs u. s. w. 

*) Chronicon generale^ nur bei Pez, Thesaur. anecdot. IV, 273 — 636 
nach Cod. Vindob. 3296 con-ect, doch enthält die Hs. eine von Pez nicht 
berücksichtigte Fortsetzung von 1122—1438, vgl. M. Mayr, N. Arch. V, 
124; über Cod. Vindob. 328 s. XVI. das. S. 142. Das von Eccard Corp. 
bist. I, 1931 ff. nach einer Hs. des Hamburger Johanneums abgedruckte 
ist eigentlich die Arbeit des Predigers Johann Chrafft von Chamb,^ der 
dieselbe auch bis 1490 fortgesetzt hat: vgl. D. König, Forsch. XX, 62. 
Ueber die Quellen L. Weiland, Nachr. d. Götting. GdW. 1883, 258. 

3) Vgl. Oefele, de vita etc. p. 11, 12. Prolog abgedr. l)oi Pez, The- 



Andreas von Regensburg. ]^91 

der überaus eifrige Sanamler Andreas besonders eignen, denn er excer- 
pirte alles, was ihm zu Gesicht kam und galt es einen Tractat über 
Nacht zu copiren, so mufsten fünf Schreiber gleichzeitig daran arbeiten. 
Yon noch gröfserem Interesse für die Zeitgeschichte ist eine 
Art von Tagebuch, welches Andreas in den Jahren 1422 — 1427 
führte^), und leider nur für diese Jahre erhalten zu sein scheint. 
Hier finden sich nicht blofs eine Reihe von sehr werthvollen Mit- 
theilungen hervoiTagender Personen, die sie bei ihrer Anwesenheit 
in Regensburg dem gelehrten Chorherrn gegenüber machten, sondern 
auch die gewaltigen Bewegungen der Hussiten erregten in Regens- 
burg die aufmerksamste Beachtung. Dafs Andreas der hussitischen 
Ketzerei gegenüber den strengsten orthodoxen Standpunkt vertrat, 
versteht sich von selbst, und der Dialog, den er im Jahi-e 1430 über 
die Hussiten schrieb, würde wenig zu bedeuten haben, wenn er 
nicht eine Anzahl von sachlichen historischen Bemerkungen ent- 
hielte 2). Noch wichtiger ist aber die Darstellung, welche Andreas 
speziell von den Hussitenkriegen jedenfalls nach dem Jahre 1430 
lieferte. Denn passend konnte man dieses Werk als eine zweite 
und vermehrte Auflage des vorerwähnten Tagebuchs bezeichnen^). 
Während der merkwüi'digen Kriegsjahre, in welchen nach Regens- 
burg so viele Nachrichten von den böhmischen Gräueln gekommen 
waren, hatte Andreas alles Material gesammelt, Avelches ihn be- 
fähigte, als Geschichtsckreiber der Hussitenkriege aufzutreten. Es 
ist daher natürlich, dafs sich das Diarium in der Kriegs-Chronik 
gi'öfstentheils ■«dederholt, doch ist die letztei'e mit Plan und Absicht 
als ein in sich abgeschlossenes Werk abgefafst worden. Sie ist in 
32 mit Ueberschriften versehenen Capiteln eingetheilt und ent- 

saur. anecdot. lY. p. XXV; ein Brief von Andreas an Nicolaiis von Din- 
kelsbühel V. 1427, hg. von M. Majr, N. Arch. V, 125. 

') Diarium sexennale, Oefele SS. I, 15 — 30. In demselben Codex, aus 
welchem das Tagebuch mitgetheilt wurde, steht eine gleichzeitige anna- 
listische Aufzeichnung der merkwürdigsten Begebenheiten von 1396 — 1418 
von unbekanntem Verfasser, Breve chronicon 7-er. suo tempore gestar., Oefele 
I, 610 — 612, welches jedoch nur zum Jahre 1410 Bemerkenswerthes 
enthält. 

2) Höfler, Gesch. d. Huss. Bew. I, 565—596. Der Dialog, der zwischen 
der Ratio und dem Animus gehalten wird, ist ziemlich populär und offen- 
bar nicht auf einen blofs theologischen Leserkreis berechnet. 

^) Cronica de expeditionihus in Bohemiam contra Hussitos haereticos, 
bei Höfler a. 0. II, 406—455 nach Clm. 14029, der von der Wiener Hs. 
weit übertroffen wird, vgl. M. Maver N. Arch. V, 126 — 129. Dazu ein 
werthvoller Anhang, auf den wir später zurückkommen; diese Schrift des 
Andreas ist von grofsem Werthe, Höfler handelt darüber III, 189. Die 
Chronologie der Schriften des Andreas verdiente übrigens eine besondere 
Untersuchung. 



]^92 § !■!• Regensburg und Passau. 

•wickelt in saclilicher Weise mit Hinzuziehimg von ziemlicli reicli- 
lichem Urkundenmaterial die drei ersten grofsen Feldzüge gegen 
die Hussiten bis zum Jahre 1428, wo Kaiser Sigismund ein viertes 
Aufgebot ergeben liefs, von dessen Scbicksalen unser Verfasser 
schweigt. Auffallend ist freilieb, dafs das Diarium nocb spätere 
Ereignisse kennt als die Kriegs - Cbronik , obwol diese nicbt vor 
jenem entstanden ist und das letztere zur notbwendigen Voraussetzung 
bat. Indessen war Andreas von Regensburg aucb auf dem Gebiete 
der Bairiscben und Regensburgiscben Gescbicbte tbätig. Schwebte 
ihm bei Abfassung seines Chronicon generale die grofse Cbi'onik 
Konrads von Megenberg "wdi-klich als Muster vor, wie L. Weiland 
vermuthet, dann wird man sich auch gerne davon überzeugen lassen, 
dafs Andreas auch in anderen Schriften seines Vorgängers nach- 
ahmenswerthe Vorbilder erblickt hat imd dafs ihm speziell zu seinem 
Chronicon de ducibus Bavariae irgend ein gleichartiges Werk Konrads 
bestimmt hat. Er zeigt sich auch hier als ein sorgfältiger Sammler 
und die mannigfaltigen Handschriften, die mit dem Namen des An- 
dreas versehen sind, beweisen, dafs er eine Reihe von Vorarbeiten 
für seine bairische Geschichte gemacht zu haben scheint i). Wann 
er die Chronik von den bairischen Herzogen, von welcher übrigens 
noch in anderem Zusammenhange zu sprechen sein viixd, abgefafst 
hat, ist von den Herausgebern nicht bestimmt worden. In ihrer 
letzten Redaction scheint sie bis 1439 gereicht zu haben ; sie wurde 
von Leonhard Pauholtz fortgesetzt und auch ins Deutsche über- 
setzt-). Die Geschichte des Regensburger Bisthums be- 
schäftigte Andreas auf Grund der vorliegenden Cataloge, allein er 
schlofs diese Arbeit schon mit dem Jahre 1421 ab und verlor die- 
selbe, ^^'ie wenigstens aus den vorhandenen Drucken zu schliefsen 
ist, nachher ganz aus den Augen ^). Vielleicht war er auch dem ge- 

^) Dazu gehört Clm. 903, welcher eine Abschrift des oben besproche- 
nen Chron. de ducib. Bavariae und des Konrad Dcrrcr von der Hand des 
Andreas enthält. 

^) C/ironicon de ducib. Rav. (oder chron. de principibus terrae Bavaro- 
rum) cum paralipom. Leonhardi Baulioltz a. a. 148(5 ed. Freher Amberg. 
1602; vgl. Potthast. Rockingcr, Abh. d. bair. Ac. d. W. XV, 1. 165. Eine 
Uebersetzung 'Ilio hobt sicli an ain w.arhafftige Cronica von den Beyer- 
schen herrn' im Münch. Staatsarch. vgl. Rockingcr a. 0. 167. Nicht ganz 
übereinstimmend ist die Uebers. in Froyborgs Sammlung bist. Sehr. IT, 371 
bis 450. Eine andere von Leon Hofft von Eygstet, vgl. Arch. 1,428; 
L. Weiland, Sachs. Wcltchron. S. 7 (Cod. A. 8). 

■') Chron. epiKcojwrum Ratisponens., Ocfelc 1, p. 31. Von dem Bischof 
Streitberger macht nämlich Andreas die Bemerkung: cui Deus de fönte 
suae pietatis, prout interprctatio nominis ejus cxigit, gratiam infundat, 
— Auf bairische Klostergeschichtc bczi'igliches sammelte Andrea.s man- 



Passauer Annalen und Kataloge. IQ^ 

wählten Bischof nicht sehr günstig gesinnt. Jedenfalls überlebte 
Andreas diesen und den folgenden Bischof, denn sein Tod dürfte 
um das Jahr 1440 erfolgt sein. 

Wenden 'wir uns von Regensburg zur Passauer Büstoriogra- 
phie, so findet man im XIII. und XIY. Jahrhimdert auch hier nur 
dürftige Spuren annalistischer Thätigkeit, doch kann gegenwärtig 
wenigstens die Frage über die Existenz der Passauer Annalen 
als entschieden beti'achtet werden, wenngleich dieselben verloren 
sind und mau nicht zu sagen vermag, von welcher Corporation, ob 
bei dem Domcapitel oder in einem der Klöster Passau's diese anna- 
Kstische Thätigkeit gepflegt WTirde. Sicher ist nm-, dafs "Wiguleus 
Hund sich an einer sehr merkwürdigen Stelle über Albertus Bohe- 
mus auf Passauer Annalen beruft '■), — in einer Angelegenheit, über 
die überhaupt gi'ofses Dunkel herrscht, und die nirgend sonst er- 
wähnt wii"d. Albert wird bekanntlich in keinen anderen Annalen 
genannt. Hund hat eine gi'ofse Masse von Einzelnheiten über ihn 
aus diesen Passauer Annalen geschöpft, und das merkwürdigste ist 
wol, dafs er manches sagt, was mit aUen sonstigen Annahmen in 
Widerspruch steht, wähi-end es sich uns sogleich als ganz richtig 
erweisen "odrd. Man meint nämlich gewöhnlich, dafs Albert in den 
letzten Jahren „allem Anschein nach hoch geehi't- in Passau lebte, 
während doch Hund und, wie sich erweisen läfst, mit vollem 
Recht einzig auf Grund seiner Passauer Annalen das Gegentheil an- 
deuten konnte 2). — Es war der Bischof Otto von Lonsdorf, der 
etwa 1257 den Domdecan Albert -RÖrklich gefangen setzen liefs und 
jedenfalls mit grofser Energie gegen ihn vorging. Er war es also 

cherlei, was keinen selbständigen Werth besitzt. Vgl. Oefele I, S. 10. 
Auch ist dem Chronicon de ducibus ähnliches beigefügt. Die Schrift de 
ortu et conditione civitatis Ratishonensis scheint aus Anlafs des Kiufür- 
stentags im Jahre 1422 geschrieben zu sein und bezieht sich auf Konrad 
von Megenberg oben S. 186 N. 5. 

') Hund, Metrop. Salisb. I, 316 ff. Vgl. besonders die Stelle, wo es 
heilst: tandeni a Pataviensibus captus et excoriatus est secundum an- 
nales Patavienses: doch G. Ratzinger, Hist. pol. Bll. 85, 110. 

2) TJeber Albertus Bohemus vgl. W. G. II, N.: über Annales Patavien- 
ses vgl. Dümmler, Pilgrim v. Passau S. 132. Die Echtheit sucht Schirr- 
macher, Albert V. Possemünster (1871) zu erweisen: auch über das Ge- 
schlecht derer von Possemünster, welchem Albert angehört, sind alle wün- 
schenswerthen Aufklärungen gegeben. Die von mir schon in der ersten 
Aufl. nachgewiesene Urkunde Alexanders IV. vollständig abgedruckt S. 195, 
doch hat Ratzinger, Hist. pol. Bll. Bd. 84 u. 85, besonders 84, 837 und 
85. 105—6 eine Reihe beachtenswerther Einwände erhoben. — Annalex 
S. Nicolai et Notae Wolfhelmi ed. Waitz, SS. XXIV, 60—61 mit Benutzung 
österreichischer Annalen bis 1290 und autobiographische Daten des Prie- 
sters Wolfhelm 1265—75. 

Lorenz, Geächichtsquelleu. 3. Aufl. I. 13 



J94 § 1^- Regensburg und Passau. 

auch, der mindesteus nicht verhindert hat, dafs die Aufsehen erre- 
gende Sache von den Geschichtschreibern Passau's der Nachwelt 
überliefert wurde. Sollte man nun etwa die Annahme gerechtfertigt 
finden, dafs diese Berichte für den grofsen päpstlichen Agitator 
recht ungünstig lauteten, so ist dann nicht allzuschwer erklärlich, 
warum die Passauer Annalen verschwunden sind. Auffallend ist 
doch sicher, dafs Hansiz, der stets viel mehr wufste als er nieder- 
schrieb, von all dem was Hund über diese, die Bisthumsgeschichte 
gewifs nahe berührenden Gegenstände mittheilt, beharrlich schweigt. 
Erinnert man sich, dafs Bischof Otto von Lonsdorf selbst ein Mann 
von regstem historischen Sinn und Eifer war^), so mufs es gewifs 
zweifelhaft sein, ob nicht etwa doch neben manchen Fabeleien, de- 
nen man im XIII. und XIV. Jahrhundert in Passau alle Aufmerk- 
samkeit schenkte 2), besseres nebenher ging. 

Anders stellt sich die Frage, wenn man den Citaten der neue- 
ren Geschichtscompilatoren von Schreitwein bis Hund weniger Yer- 
trauen schenken will. In diesem Falle sollte man nach Ratzinger's 
gewagter Vermuthung bei der häufig -sN-iederkehrenden Bezeich- 
nung ^annales Patavienses'' an mehrere, verschiedene Passauer 
Aufzeichnungen zu denken haben; die angeblichen Annalen wären 
vielleicht nichts anderes als Bernardus Noricus mit Beifügung 
des Passauer Urkundenmaterials. Die ^sichtigste Quelle für die 
Schicksale Alberts wäre dann in einer uns nicht erhaltenen Ge- 
legenheitsschrift zu suchen, deren Yerfasser er selbst oder eine 
ihm sehr nahestehende Persönlichkeit gewesen ist. Ob aber eine 
solche Denkschrift über einen Mann wie Albert oder gar eine Auto- 
biographie in diesem Stile sich dem Ralimen der mittelalterlichen 
Historiographie einfügen läfst, ist fi-eilich wieder ein Umstand, der 
zum "Widerspruch herausfordert 3). 

Am vollständigsten wurde die Passauer Tradition im XV. Jahr- 
hundert in der Bisthumsgeschichte von Schreitwein zusam- 
mengestellt, der sein Buch bis zum Jahre 1455 führte*) und viel- 

') Mon.Boica XXVIII /j, 193. 

^) \V. G. II, N., wo auch auf die Benutzung des Passauischen Mate- 
rials über die alten Fabeln von Lorch durch Bernardus Noricus hingewie- 
sen wird. Vgl. Dümmler, Piligrim von Passau, 132 ff. 

^) Diesen Einwand erhebt Riezlcr, Avent. Werke III, 585. 

*) N. Sc/ireittrein seu Sc/iritovini catalogus arvhiepisvoporum ar episcopm 
Laureacens. et Patavicns. ccclL, bei Rauch, SS. rer. Aust. II, 431 — 521 mit 
einer Fortsetzung a. 1477 — 1514 das. p. 522 — 530 wahrschciidioli nach Cod. 
Vindob. 9529. Die Bisthumsgosch. und die beiden Chroniken de ffestiii 
ortii et occnsu Ruiiiaitonnii reguin und die Chronka Austriaca sollten nach 
Dünimlor, Pilgr. v. Passau, S. 138 einen Band bilden. Seh. 's Nachrichten 



Passauer Annalen. München. 195 

leiclit ein Oesterreicher war, da er auf deu Wunsch des Kaisers 
Friedrichs III. auch eine Geschichte der römischen Könige 
und eine Chronik von Oesterreich erst in devitscher, dann in 
lateinischer Sprache schrieb. Die älteren Theile des Bischofskata- 
logs sind ohne Bedenken aus der damals schon feststehenden Lorcher 
TJeberlieferung herübergenommen, wobei jedoch auch der Passauer 
Todtenkalender und Urkunden zu Rathe gezogen -«Tirden. Die spä- 
teren Partien des "Werkes wurden von den Passauer Geschicht- 
schreibern für sehr werthvoll betrachtet und gern benutzt. Dafs 
der Katalog in Passau selbst abgefafst ist, möchte wol, ohne deshalb 
über die Lebensverhältnisse des Verfassers entscheiden zu wollen, 
aus der Art seiner MateriaKen geschlossen werden können. Siche- 
rer als von Schreitwein weifs man von Johann Staindel, dafs 
derselbe zu Passau lebte und daselbst Priester und Cauonicus war. 
Doch fällt seine Thätigkeit erst in das XVI. Jahrhundert. Er 
schrieb eine allgemeine Chronik vom Jahre 700 — 1508 1), in welcher 
jedoch die bairischen Verhältnisse vorzugsweise berücksichtigt sind. 
Schon das letzte Viertel des XV. Jahrhunderts ist so ungleich und 
notizenhaft behandelt, dafs man über die Abfassungszeit des Werkes 
überhaupt kein rechtes ürtheil zu gewinnen vermag, zumal als auch 
die Lebensnachrichten über den Verfasser äufserst dürftig und chro- 
nologisch unbestimmt sind. 

Unbedeutendes im Verhältnifs zu Regensburg und Passau hat 
München am Ende des XIV. Jahrhunderts aufzuweisen. Erst die 
für das Gemeinwesen der Stadt verhängnifsvollen Streitigkeiten 
zwischen den Herzögen Stephan und Ludwig und ihi-en beiden 
Neffen Ernst und Wilhelm, welche nach dem Ableben des Herzogs 
Johann im Jahre 1397 ausgebrochen waren, haben in dem Münchner 
Bürgermeister Jörg Kazmair einen ebenso verständigen als cha- 
raktervollen Darsteller gefunden 2). Kazmair gehörte einem sehr 



über Alb. Bohemus untersucht G. Ratzinger, Hist. pol. BU. 84, 837 — 846. 
TJeber den räthselhaften Schritovinus, den Aventin stets in Gesellscliaft 
des ebenso räthselhaften Frethulphus citirt, vgl. Riezler, Avent. Werke, 
III, 56L Erhard, Gesch. von Passau, S. 94 behauptet, das Sehr, sich in 
Osterhofen aufgehalten habe, was aber nicht erwiesen ist. 

') Joannis Staindelii Presbyteri Pataviensis. Chronicon (jenerale mit Ein- 
leitung über Person und Schriften bei Oefele I, 417 — 542. 

2) Denkschrift über die Unruhen zu München in d. J. 1397 — 1403, 
hg. nach der einzigen vorhandenen Abschrift von der Hand der Münch- 
nerin Anna Reitmor (1563) Cgni. 929 von Schmeller, theilw. in der Fest- 
schrift: München unter der Vierherzogregierung, Münch. 1833 u. vollständig 
von dems. im Oberbap-. Arch. VIII, (1847) 6 — 50; neuerdings von K. A. 
V. Muffat, St. Chr. XV, 463—503 m. Einleitung u. Noten. 

13* 



196 § l'i- Regensburg und Passau. 

geachteten und Termögenden Gesclileclite au, wurde 1396 gleich in 
den inneren Stadtrath aufgenommen, gerieth aber bei seinen Yer- 
schiedenen Yerantwortungsvollen Missionen nur zu bald iu eine ge- 
fährliche Lage, welche den durchaus ehrenhaften Mann die Stadt 
zu verlassen zwang. Er wollte nach Salzburg flüchten, um abzu- 
warten 'wo die grofse sach hinausz wöll', schlofs sich jedoch bald 
darauf dem Herzog Ernst an, bis im Jahre 1403 die Aussöhnung 
der Herzöge mit der Stadt erfolgte. Dann kelule auch Kazmaii- in 
die Stadt zurück und soweit reichen imgefähr seine allem Anschein 
nach gleichzeitigen Aufzeichnungen. Die traurige Veranlassung sei- 
nes Exils und die fünfjährige Dauer desselben mochten in ihm das 
Bedürfnifs erweckt haben, seine stets correcte Handlungsweise wol 
mehr für die eigene Erinnerung als für Mit- und NachAvelt in seiner 
Denkschrift mit schlichten Worten zu erzählen; niu* schade, dafs 
sein Beispiel nicht auch auf Andere anregend gewirkt hat, die wech- 
selvollen Schicksale des rasch aufblühenden Gemeinwesens aufzu- 
zeichnen. Um diese Zeit, im J. 1400, wurden auf Veranlassung des 
Mühldor fer Rathsherrn Nicolaus Grill annalistische Eiutragvmgeu 
in das dortige Stadtrechtbuch gemacht i). Auf eine werthlose Be- 
arbeitung der baierischeu Stammsage im Anschlufs an die Erzählung 
des Bernardus Noricus folgen ohne erkennbaren Zusammenhang mög- 
lichst kurz gehaltene Nachrichten iiber die Streitigkeitou der Salz- 
burger Bischöfe mit den bairischen Herzögen. Wie gering das Inter- 
esse an historischen Dingen war, kann man wol am besten daraus 
ersehen, dafs nicht einmal der Localpatriotismus den Annalisten zu 
einem auch nur einigermafseu ausführlichen Bericht über den be- 
rühmten Schlachttag von 1322 anzuregen vermochte. 

Ein interessanteres Beispiel für die Entwickelung städtischer 
Historiographie bietet dagegen die Landshuter Rathschronik^). 
Sie ist aus einfachen Rathsregistern entstanden, welche die jeweiligen 
Stadtschreiber wahrscheinlich bald nach einer Neuwahl aufzustellen 
hatten. Dazu kamen dann ganz kurze und zusammenhangslose Nach- 
richten, welche sich durchwegs auf wichtige städtische Vorkommnisse 
und auf die landesherrliche Familie beziehen; weder in der Form noch 
in der Darstellung anziehend, dürfen dieselben ka\un aiulercii städ- 

*) Mülildorfcr Annaleii 1313 — 1428, im Auszut; ])ul>l. von Koch- 
Stcrnfcld, Bayrische Annalcn f. VatorlandsU. (1835) S. 27; nur der 2. Tlioil 
von K. Tli. Hoigcl, St. Chr. XV, 384—387 mit Einleitung und Noten. 

"'') l'asti (onxiilan's LaiuUsInttani cd. Ocfolc ÖS. II, 7(10 — 771): neuerdings 
iig. von K. Th. lloigfl. St. Chr. XV, 283 — 350 mit Einleitung und genauen 
urk. Personcnnai'hwciscn. 



Bairische Localhistoriographie. 197 

tischen Aufzeicbuungen an die Seite gestellt werden. Zahlreiche 
Yersehen bei der Angabe von Daten werden wol nur dem Abschrei- 
ber des nicht mehr Yorhandenen Originals zur Last fallen. Ein 
halbes Jahrhundert hindurch haben zwei Stadtschreiber, Yater und 
Sohn, fast zu gleichen Theilen diese Einträge besorgt, Paul Mur- 
nauer von 1439—1464 und Alexander Murnauer 1464—1488. 
Ihre Namen erscheinen regelmäfsig am Schlüsse der Rathsverzeich- 
nisse, doch ist über ihi'e anderweitige Thätigkeit fast gar nichts be- 
gannt geworden; vielleicht stammte der nicht mehr vorhandene 
Bericht über das Leichenbegängnifs des Herzogs Ludwig (f 1478), 
welcher in der Chronik als ein 'sundern Sexstern' citirt vnrd, aus 
der Feder des jüngeren Murnauer. Erst der dritte Theilnehmer an 
der Rathschronik, der Stadtschreiber Hans Vetter hielt es für an- 
gemessen, für den Zeitraiim von 1489—1504 einen weiteren Kreis 
von Ereignissen in seine Darstellung einzubeziehen, vielleicht sogar 
auch schriftliche Quellen zu benutzen, doch gelang es ihm nicht, 
aus seinen dürren Notizen ein lebendiges Bild Landshuter Stadt- 
geschichte zu gestalten. 



§ 15. Geschichte Baierns und der bairischen Fürsten. 

Wie sehr sich das Interesse selbst au Orten, wo friiher vor- 
zugsweise die Reichshistorie gepflegt wairde, wie in Niederaltaich, 
der lokalen und particularen Entwickelung zugewendet hatte, ist schon 
berührt worden. In den bairischen Klöstern voirde die Hausgeschichte 
der Witteisbacher und die Genealogie der Landesherzoge sorgfältig 
aufgeschrieben. In Niederaltaich selbst hat der Abt Hermann eine 
genealogische Uebersicht der Herzöge von Baiern zusammengestellt i). 
In Weihenstefan finden vor unbedeutende Aufzeichnungen nach 
altem Brauch in ein Exemplar von Bedas Ostertafel von verschie- 
denen Händen eingetragen; von einer 'Chronik', wie Hieron. Pez 
wollte, kann daher kaum gesprochen werden. Diese ohne jede ein- 
heitliche Tendenz im Laufe des XII. bis XVI. Jahrhunderts ent- 
standenen Notizen verrathen jedoch einen specifisch bairischen Cha- 
rakter selbst in den thatsächlichen Meldungen und der patriotisch 
gesinnte Verfasser weifs nicht anders, als dafs Kaiser Ludwig von 
der Herzogin von Oesterreich, es wird nicht gesagt von welcher, 

') M. G. SS. XVII, 376 ed. Jaffe, wozu auch die Series ducum Bavarie 
513—1255 in Böhmer, Font. lU, 480 gehört, welche neuerdings in zwei 
Redactionen SS. XXIV, 73 abgedruckt ist. 



198 § lö- Geschichte Baierns und der bairischen Fürsten, 

Yergiftet worden ist^). Verschieden davon ist eine im XV. Jahrhun 
dert daselbst entstandene Chronik, über welche wir aber nnr un- 
genau unterrichtet sind 2). Auch in den benachbarten salzburgischen 
und österreichischen Gebieten kümmerte man sich viel mehr um 
Baierns Gescliichte als früher^). Vor allem gilt dies Yon dem so- 
genannten Bernardus Noricus in Eä'emsmünster, der unter anderm 
eine Uebersicht der Entwickelung des bairischen Herzogthums bis 
in die Zeit des Thronstreits zwischen Ludwig und Friedrich ziem- 
lich düi-ftig aus den bekanntesten Werken — offenbar zum Schul- 
gebrauch in seinem Kloster zusammengestellt hat*). 

Ein ausfühi'licheres Werk, wahrscheinlich um die Mitte de& 
XIV. Jahrhunderts verfafst, hatte der gelehrte Abt An g eins Rump- 
ier von Formbach (s. XVI) vor sich und excerpirte dasselbe, wie 
es scheint^). Es behandelte die Geschichte Baierns von 507 — 1339 
imd enthält manchen alterthümlichen Rest einer bairischen Chronik, 
welche schon dem Andreas Presbyter Ratisbonensis vorgelegen 
hatte, als er sein chronicon de principihus Bavariae um 1425 dem 
Herzoge Ludwig A'on Baiern-Ingolstadt widmete^). Aus diesen bei- 

') Excerpta ex vetustiori chronico coenobii Weichenstefanensis, Pez, SS. 
rer. Austr. 11, 402 — 406 nach Clm. 21557, wie Föringer, über die verschol- 
len gehaltene Hs. der Annal. Weihensteph., Münchener SB. 1879 II, 83 — 96 
nachgewiesen hat: über die Sage vgl. C. Müller, Kampf Ludw. d. B. II, 225. 

2) Clm. 21558: vgl. Weech, K. Ludw. d. B. und K. Joh. v. Böhm. 
S. 61; Föringer a. 0. S. 86. lieber einen Roman 'von Kunig Pipinus von 
Franckreich und auch von der purk Weychensteven, gelegen auf dem perg 
bei Freysing, darauf ytzund ain Kloster Sand Benedicten ordens ligt' vgl. 
Gaston Paris, un ms. inconnu de la chronique de Weihenstephan (s. XV), 
Romania XI, (1882) HO. 409. 

^) Auctoris incerti chronicon Bavaricum bei Pez, SS. II, 74 — SO, aus 
einer Hs. von S. Peter; es beginnt mit Origo ducatus Bajoariae und reicht 
mit mancherlei genealogischen Notizen bis zum Jahre 1313, an weiches 
dann noch ein paar spätere Notizen bis 1328 anknüpfen. 

■*) Ueber Bernardus Noricus wird später bei Kremsmünster die Rede 
sein. Eine noch unbedeutendere exccrpirende Uebersetzung aus der Nürn- 
berger Chronik, vielleicht zum Schulgebrauch an einem nicht bezeichneten 
Orte bestimmt, bei Oefele, SS. I, 33i) aus einem Apograph Hartm. Sche- 
dels umfafst die Zeit von K. Friedrich I. bis 1350. Auf Matseer Auf- 
zeichnungen 'f/e orif/ine Bavariae eiusijue ducihns'' bis auf Ludwig d. B. 
508 — 1347 mit Zugrundelegung des sog. Bernardus Noricus, im Cod. Vin- 
dob. 8358 s. XV. macht M. Map-, NA. V, 135 aufmerksam. 

^) Dieses Chronicon de ducibus Bavariae hat daher wol mit Recht 
Oefele, SS. rer. boic. I, 87 nicht als ein Werk Angel. Rumpiers angeführt. 
Es ist die Abschrift, oder wie ich noch mehr glauben möchte, das Excerpt 
einer etwa 1340 — 1350 geschriebenen Chronik. Gedruckt ist dieses Chro- 
nicon hei Finnauer, Bibliothek der bairischen Staats-, Kirchen- und Ge- 
lolirtcnhistorie 1, 23—32. 

") Vgl. oben S. 192. Eine zweite noch von .\ndreas selbst liorrüh- 
rende Ausgabe im Cod. Vindob. 3343 erwähnt M. Mayr, NA. V, 131. 



Volkmar von Fürstenfeld. 199 

den späteren Ai-beiteu würde sich die ältere bairisclie Herzogs- 
chronik bis in die Zeit Kaiser Ludwigs wiederherstellen lassen. 
Andreas hat übrigens schon vorher für den Herzog einen Stamm- 
baum des Wittelsbachschen Hauses ausgearbeitet, der vielleicht eben- 
falls mit älteren genealogischen Arbeiten aus Scheiern in Verbin- 
bindung zu bringen ist^). 

Das bedeutendste für die Geschichte Baierns geschah inFürsten- 
feld. Das Kloster war eines der jüngsten des Landes, durch seine 
Stiftung selbst auf das Engste mit dem baiiischen Herzogshause ver- 
wachsen, denn es wurde zur Sühne der Hinrichtung seiner Gemahlin 
von dem Herzog Ludwig dem Strengen im Jahre 1261 gegründet, 
mit Mönchen von Aldersbach besetzt und mit reichlichen Dotationen 
und Privilegien versehen 2). Die Bibliothek stand in der jungen 
Stiftung in grofser Blüthe und von Aldersbach brachte man einen 
Martinus Polonus mit, der als die vorzüglichste Fundgrube des 
Wissens den Mönchen des neuen Klosters in historischen Dingen 
einstweilen gelten mufste; aber bald knüpfte sich an dieses vielver- 
breitete Buch eine hervorragende Leistung vaterländischer Geschicht- 
schreibuug an. 

Im Jahre 1284 wurde der fünfte Abt, Namens Yolkmar, nach- 
dem sein Vorgänger Hermann wegen seines vorgerückten Alters 
im siebenten Jahre der Regierung abgedankt hatte, von den Conven- 
tualen gewählt und regierte nicht weniger als dreifsig Jahre, bis 
1314, wo er ohne Zweifel gestorben und nicht me einige meinen, in 
den Ruhestand getreten ist 3). Von seinem Wirken weifs man nur 
sehr wenig und es ist eine späte Nachricht Aventins, welche unsern 
Volkmar zu einem herzoglichen Rath von Baiern macht. Wichtiger 



') Ueber die Scheiern- AVittelsbachsche Geschlechtertafel vgl. Gf. Hundt, 
Abh. d. bair. Ac. d. W. IX, 269—279 und L. Rockinger, die Pflege d. 
Gesch. durch die Witteisbacher (Festschrift z. Feier d. Wittelsb. Jubil.) 
S. 64. 

2) Monumenta Fuerstenfeldensia in Mon. Boica Vol. IX; die Abtreibe 
S, 89. — Anonymi Fuerstenfeklens. breve Chron. Bavariae, bis 1304 bei 
Oefele, SS. II, 529. 555—556 und -wiederholt als Notae Fuerstenfeldenses 
de ducihus Bavariae, M. G. SS. XXIV, 75. Vgl. M. Mayr, zur I<j^tik der 
älteren Fürstenfelder GQ. Münch. 1877 (aus d. Oberbair. Arch. Bd. XXXVI) 
S. 31. Bücherverzeichnisse von 1308—1339 bei Mayr S. 72-79. Excerpte 
aus den Fürstenf. Aufzeichnungen enthält auch die ihrer Herkunft nach 
völlig unsichere Compilation bis 1388 bei Oefele, SS. II, 331— 344 ed. als 
Anonymi monacin Bav. compilatio ehronologica rer. hoicar.: vgl. NA. V, 133. 

^) Vgl. Oefele, SS. rer. boic, monitum editoris II, 524, wo aber Alles 
unter der falschen Voraussetzung über Volkmar zusammengestellt wird, 
was der Autor des Werkes de gestis Principum von sich aussagt; 1321 
wird Volkm. als verstorben erwähnt, vgl. Mayr S. 25. 



200 § 15- Geschichte Baierus und der bairischen Fürsten. 

ist, dafs derselbe Aventin aucb versichert, Bairische Annalen 
Yon dem Abt Volkmar gesehen zu haben, welche von 508 bis zum 
Jahre 1314 gereicht hätten, und worin die Geschichte seiner eigenen 
Zeit ausführlich von dem Verfasser behandelt gewesen wäre^). Aus- 
geschlossen ist da die Annahme einer Verwechslung mit Bernardus 
Noricus, doch besagt das Anfangsjahr 508 gar wenig, weil die mei- 
sten dieser bairischen Annalen mit 507 oder 508, der angeblichen 
Einwanderung, zu beginnen pflegen und es läfst sich daher schlech- 
terdings nicht bestimmen, welche Annalen Aventin eigentlich als 
das "Werk Volkmars angesehen hat. Will man aber den Spuren 
desselben weiter nachgehen, so liegt es zweifelsohne am nächsten, 
bei Aventin selbst und den übrigen noch vorhandenen Fürstenfelder 
Geschichtsquellen nach übereinstimmenden und speciell auf die Zeit 
Volkmars hindeutenden Nachrichten zu forschen. Diesem mühevollen 
und dabei doch nicht jeden Zweifel ausschliefsenden Reconstruc- 
tionsversuch haben sich Siegmund Riezler und Martin Map* in dan- 
kenswerther Weise unterzogen und es darf schon als hoher Gewinn 
ihrer Untersuchungen bezeichnet werden, dafs nun feststeht, dafs 
unter den Aebten Volkmar imd Heinrich (1314 — 1324) annalistische 
Aufzeichnungen in Fürstenfeld gemacht worden sind. 

Diese Annales JBoioi'um mufs Aventin in einer besonderen Ab- 
schrift gekannt haben, denn erst Spätere, Avie Adlzreiter, haben den 
Irrthum begangen, in einem ganz anderen Werke, zwar auch aus 
Fürstenfeld, aber sicherKch nicht von einem Abt und am wenigsten 
von Volkmar herrührend, die Annalen, von denen ihr litterarischer 
Vorfahr Aventin spricht, zu vermuthen-). Dieses keinesfalls von 

•) Aventin. Ann. VII, c. 15 (Werke, ed. Riezler III, S. 394): Volco- 
raarus tum obiit, Furstoveltarum antistes, qui Litavico 2, Rudolfe et Lita- 
vico quinto et Matliyldae principibus nostris a con.silio fuit annalesque 
Boiorum (qui autographi extant) ab inruptione eorum in provincias ro- 
manas, hoc est ab anno Clmsti 508 a. a. 1314 quo obiit, deduxit, sua 
memoria res gestas, quibus etiam interfuit, accurate perscripsit. 
Beachtenswcrth ist, dafs Avent. VII, c. 11 S. 359 die Gründung von Für- 
stenfeld unrichtig in das J. 1275 setzt. Die Rcconstructionsversuche bei 
Mayr S. 22 — 49 und Riezler in den Noten zur Ausg. der Annalen Aven- 
tins (Münch. 1882). Ueber die Benutzung der verlorenen Annalen in den 
Heilsbrunner Ann. vgl. G. Waitz, SS. XXIV, 42. 53. Ueber ein ebenfalls 
nicht erhaltenes Werk Volkmars ^(lvsi(pmtio omniitm urbium opidoniui et i>a- 
(jorinu Jiacariae et iiide proveidentiitin Princi})i reditiiiiin vgl. Mayr S. 24. 

^) Dieser Irrthum ist von Lipowsky in einer akademischen Rede von 
1775 bereits aufgedeckt worden und noch viel gründlicher und entschie- 
dener in: „Ob der Abt Volkmar zu Fürstenfeld der Verfasser der Chronik 
de gestis Principum sei", Alihandlungcn der bair. Akad., X. Bd. 247 
(177(j). Die Resultate dieser Krurtening des gemeinen Menschenverstands 
scheinen noch immer unerschüttert zu sein. 



Chron. de gestis principum. 201 

Volkmar geschriebene, aber ge-w-issermafsen aus dem Geiste dessel- 
ben hervorgegangene Werk schliefst sich äufserlich eben au jenes 
Exemplar des Martinus Polonus an, das Yon Aldersbach nach Für- 
stenfeld gewandert sein mag, und führt den Titel : Chronica de gestis 
principum^). 

Das Buch beginnt mit der Geschichte Rudolfs und endet 1326, 
wo es den Kaiser Ludwig auf dem Gipfel seines Glückes angelaugt 
findet. Es gehört ohne Zweifel zu den vorzüglichsten Werken des 
XIV. Jahrhunderts, denn es verläfst hier ein zeitgenössicher Schrift- 
steller die strengere annalistische Form, um in freierer Gestaltung 
einen Abrifs der Geschichte seiner eigenen Zeit zu geben. In der 
Herbeiziehung von mancherlei Personen und Geschichten, die nicht 
strenge in die Zeit gehören, in dem Zuriickgi-eifen auf die Schick- 
sale Ottokars und ähnlichem zeigt sich einige Schwerfälligkeit der 
Darstellung, aber im ganzen bewegt sich der Yerfasser auf einem 
ihm völlig bekannten und wohlbeheiTschten Gebiete und erzählt 
uns, was die Haujitsache ist, sehr viele Einzelheiten; nicht selten 
erhebt er sich zu einer Art dialogischer Darstellung, ähnlich der 
Colmarer Chronik. Urkundliches Material hat der Yerfasser nicht 
benützt, doch ist nicht zu verkennen, dafs ihm schriftliche Auf- 
zeichnungen seines eigenen Klosters und besonders die Königsaaler 
Vita Wenceslai bekannt gewesen ist. 

"Wiederholt ist die Stelle hervorgehoben worden, in welcher 
der Verfasser seiner entschiedenen bairischen Gesinnung Ausdruck 
gibt, wo er erzählt, dafs er die Schläge der Feinde leicht ertragen, 
weil er wxifste, dafs seine Baiern gesiegt hätten 2). Auch aus den 
sonstigen Mittheilungen des Buches liefse sich dieselbe politische 
Parteinahme leicht nachweisen, und die Vorliebe des Verfassers für 
das bairische Haus ist von alten und neuen Kritikern einstimmig 
zugestanden^). Ganz besonders merkwürdig ist die Geschicklichkeit, 

^) ^Cronica de gestis principum a tempore Rudolß reyis usque ad tempora 
Ludwici imperatoris' (Cod. Aldersbac.) bei Oefele SS. II. nach einer nicht 
mehr vorhandenen Hs.; zuerst von Lipowsky, Acad. Kede von d. Nutzen 
d. Gesch. (Münch. 1775) nach der Aidersbacher Hs. s. XIV. (=Clm. 2691; 
vgl. Arch. Xn, 18; Weiland, SS. XXII. 385; Mayr S. 50) verbessert. 
Vollständige Ausg. nach dieser Hs. von Böhmer, Font. I, 1 — 68. Einge- 
hende Kritik von Tb. F. A. Wiehert, Beiträge z. Krit. der Quellen für die 
Gesch. K. Ludw. d. B., Forsch. XYI, 27 ff.; Mayr a. 0. bes. 49 ff. 

2) Böhmer, Font. I, 63. 

^) Vgl. Lipowsky, historische Prüfung der Frage: ob K. Ludwig IV. 
mit seinem Gegenkaiser Friedrich dem Schönen das deutsche Reich ge- 
meinschaftlich beheiTscht habe. Neuere Abhandlungen der bair. Akad. 
I, 283 ff. (1779). Auch Crollius, über den Pfalzgrafen Rudolf I., Abhand- 
lungen ebend. IH, 43. Böhmer, Reg. K. Ludwigs, S. IX. 



202 § 15. Geschiebte Baierns und der baixischen Fürsten. 

mit der die Erzählung die Niederlagen der Baiern zu beschönigen 
weifs. Bei der Schlacht bei Göllheim wird nicht verschwiegen, -svelclie 
gTofsen Nachtheile die Baiern erfahren haben, obwol die Gerüchte, 
die andere Quellen mittheüen, als wären gerade diese durch vor- 
zeitige Flucht an der Niederlage Ursache gewesen, selbstverständ- 
licb unerwähnt bleiben ; dann aber weifs der A^'erfasser den Eindnick 
des Ganzen sehr geschickt durcb genaue Erzählung des Gespräches 
zu mildem, welches der siegreiche Herzog Albrecht mit den bairi- 
schen Vettern geführt haben soll. Man müfste fast den ganzen 
Inhalt der Chronik wiederholen, um an jeder einzelnen Thatsache 
dieselbe, deutlicb ausgesprochene Richtung bestätigt zu finden. 

Was die Lebensgeschichte des Verfassers betrifft, so lassen sich 
aus den zufällig über seine Person der Chronik einverleibten Be- 
merkungen einige Umrisse mit hinlänglicher Sicherheit feststellen. 
Die Heimath des ^Mannes scheint Straubing zu sein, in Prag hat er 
als Scholar seinen Unterricht erhalten ; ihn ganz zu einem Böhmen 
zu machen, liegt keine Nothwendigkeit vor, am wenigsten berech- 
tigen dazu seine geringen Kenntnisse der böhmischen Ereignisse 
von 1280 — 1290. Etwas bestimmter lautet seine Angabe, dafs er 
während der Schlacht bei Mühldorf einen nahe gelegenen Wirth- 
schaftshof bewacht habe, woraus man wol vermuthen darf, dafs der 
Chronist damals als Verwaltungsbeamter seines Klosters, etwa als 
Kastner, thätig gewesen ist. Wäre diese Schlufsfolgerung richtig, so 
hinderte nichts, unseren Chronisten mit dem urkundlich sicherge- 
stellten Namen dieses Kastners, Grimold zu bezeichnen. Dieser 
trat zwar erst 1308 in das Fürstenfelder Kloster ein, vne wir aus 
seinem Bücherverzeichnisse erfahren, während doch der Verfasser 
der Chronik schon über Ereignisse aus dem Ende des XIII. Jahr- 
hunderts wie ein Augenzeuge berichtet, allein Grimold kann schon 
vor seinem Eintritt in der Nähe des Klosters geweUt haben. Einige 
Schwierigkeit macht hingegen der Umstand, dafs Grimold nur für 
die Jahre 1317 imd 1319 als Kastner, sonst aber und zwar zuletzt 
noch 1326 ohne diesen Titel in Fürstenfelder Urkunden erscheint; 
trotzdem wird man bei der bisherigen alten Annahme bleiben dürfen, 
zumal eine neue Hypothese, welche den fleifsigen Schreiber Hein- 
rich von Bibrach in Voi-schlag bringt, keineswegs auf gröfsere 
Wahrscheinlichkeit Anspruch erheben darf). 



') Mon. Boica IX, 137. 147. Lipowsky, Abb. d. bayr. Ac. X, 262; 
Mayr, S. 13 — 15. Man kennt das Todesjahr Heinrichs ebenso wenig als 
das Grimolds, 1334 und 1327 sind Yrrnuitliungen Mayrs; übrigens hat 



Chron. de gestis principum. 203 

Als der Verfasser an die Ausarbeitung seines "Werkes herantrat, 
war König Rudolf ohne Zweifel bereits lange todt. In der schon 
öfters erwähnten Handschi'ift hat man bereits in Aldersbach kleinere 
Zusätze an den Martinus Polouus angeknüpft, und auf diese, nicht 
aber auf den Martinus Polonus selbst sind die Eingangsworte Gri- 
molds zu beziehen, wo es heifst, dafs es nicht nöthig sei, die Thaten 
Rudolfs von Habsburg näher zu beschreiben, weil das schon in den 
früher der Chronik des Martinus hinzugefügten Noten geschehen 
wäre^). Dann aber nimmt unser Autor doch einen Anlauf allerlei 
auch für die Regierung Rudolfs wichtiges, oder doch wichtig er- 
scheinendes nachzutragen. Unverkennbar trägt es jedoch den Stempel 
der späteren Auffassung Rudolfs. Wann, mufs man daher fragen, 
hat der Verfasser zu schreiben begonnen? Auch im Jahre 1298 
sind ihm die Ereignisse noch etwas fernliegend, und das gleiche 
gilt vom Tode König Albrechts. Schwerer ist es dann wol für die 
Zeit Kaiser Ludwags die Zeiträume zu bestimmen, welche seit den 
beschriebenen Ereignissen dem Verfasser verflossen waren. Die Er- 
eignisse des Jahres 1323 liegen ihm jedenfalls nahe-), und dafs mit 
dem Tode Leopolds geschlossen wird, da die vorzüglichsten Gegner 
des bairischen Kaisers beseitigt erscheinen, möchte nicht als ein 
zufälliger, sondern als ein mit Absicht angenommener Abschlufs 
des ganzen Werkes erscheinen. Dächte man also, dafs der Verfasser 
im Jahre 1329, tvie Wiehert überzeugend nachgewiesen hat, mit der 
Ausarbeitung seines Buches begonnen und bei dem Jahre 1326 an- 
gelangt, das seinem Gegenstande entsprechendste Ende seiner Chro- 
nik erblickte, so dürfte man wol den richtigsten Mafsstab für die 
Beurtheilung der Frage über die Gleichzeitigkeit der einzelnen Par- 
tien des Werkes gewonnen haben. Man sieht, dafs der Verfasser, 
wie er selbst bemerkt, wenig Neigung hatte, den Faden der Er- 
es mehrere Mönche Namens Heinrich in Fürstenf. gegeben, welche nicht 
auseinander gehalten werden können. 

') Font. I, 1: De cjuo scribere plura non est necesse, quia eins acta 
preclara et inclita scripta sunt post cronicas Martini in notulis prenotatis. 
Das ist also eine Berufung nicht auf den vorangehenden Martinus, sondern 
auf die Aldersbacher Annalen (1273—1276). 

2) Beispiele von nicht gleichzeitiger Mittheilung begegnen überall: 
Bonifacius qui tunc prefuit ecclesie, Font. I, 23; omnes postea misere pe- 
rierunt, S. 29 u. s. w. Dagegen zu 1323, S. 64: quatuor monachis de ce- 
nobio Fürstenveit presentibus. Dafs der Abschlufs dann absichtlich ge- 
wählt ist, zu einer Zeit, wo bereits der Streit Ludwigs mit dem Papste 
entbrannt war, sagt der Verf. gewissermafsen in den Schlufsbetrachtungen, 
S. 67 und 68. — Nimmt man etwa den Beginn der Arbeit um 1325 an, 
so kann sie wol um 1330 — doch vor Friedrichs Tod — beendet wor- 
den sein. 



204 § 15. Geschichte Baiern? und der bairischen Fürsten. 

Zählung auch da fortzusetzen, wo das schwankende Glück, wie 
es Kaiser Ludwig erfahren uiufste, sich von ihm abzuwenden be- 
gann ^). 

Mit mehr Muth hat sich denn auch au die dunkleren Partien 
der Lebensgeschichte des Kaisers Ludwig ein anderer nur 
wenig jüngerer Schriftsteller gewagt, der den ganzen Zeitraum von 
1311 bis 1347 ebenfalls in ungebundener Form ohne das streng 
chronologische Gerippe der Anualistik und mit gleich patriotisch 
bairischer Gesinnung, wie der Fürstenfelder Mönch behandelte^). 
Eine genaue Erwägung des Werthes dieser Schrift ist nicht leicht, 
weil über den Verfasser in derselben weder etwas bestimmtes an- 
gegeben, noch, wenn man Ton der Parteiaujfassung absieht, irgend 
eine persönliche Beziehung des Schriftstellers zu einem oder dem 
andern der geschilderten Ereignisse hervortritt. Man ist also ledig- 
lich auf die allgemeinsten Grundlagen, wie die Parteistellung, die 
Manier der Darstellung und Treue der Berichterstattung bei der 
Prüfung des Werthes der Schrift angewiesen. Was nun den ersten 
Punkt betrifft, so ist oft genug auf jene Worte hingewiesen, welche 
den entschiedeneu Hafs gegen Oesterreich ausspi'echen, den der 
Verfasser im Herzen zu tragen versichert^). Auch ohne dieses Ge- 
ständnifs würde man an der Thatsache selbst nicht zweifeln können. 
Was die Darstellung betrifft, so ist viel salbungsvolles Raisonnement 
der vorheiTSchende Charakter derselben, während Uebertreibungen, 
wenn auch nicht absichtliche Entstellung der Thatsacheu, überall 
hervortreten. Am häufigsten möchte ein allem Anscheine nach 
keineswegs unbe^^'u^stes Verschweigen von Thatsachen, ja von Per- 
sonen selbst, die im Mittelpunkte der Handlung standen, dem Ver- 
fasser zur Last gelegt werden können. Er componirt übrigens nicht 
ohne Geschick und weifs sich mit Hilfe von Berichten über das 
allgemeine Krönungsceremoniell eine Beschreibung der Kaiserki'önung 



') Ueber den 'streit ze Müldorf s. unten § 20. Ueber Diessener 
Nachrichten im ^ Epythaphium praelatonim in Diiezzen\ welches der Chorherr 
Albert 13(55 verfafste, (Hs. im bair. Keichsarchiv) vgl. Würdingor, Münch- 
ner SB. 1872 II, 470 N. 26. Katalog der Diessener Pröbste bei Ocfele, 
SS. II, 651. Udalrici de Weilhaim, Can. Reg. S. Aug. in Diessen ad Jüh. 
de Weilhaim prior. Mellic. ep. de trilnilationihus et procelh's monaiit. siii etc. 
(1465) bei Pcz, Bibl. ascetica VIII, 574 ff. 

'') Chronica Li/duwici intliti inuieratorig i/uarti l>ci Pez SS. 11, 415 — 426 
und darnach von Böhmer, Fnnt. I, 148 — 161. Die Handschrift, ehemals 
in Raitenbuch, hat Böhmer nicht vorglichen: über diese, jetzt Clm. 12259, 
und über Cod. Vindob. 3520 vgl. M. Mayr, NA. V, 133. 

') De australibus hoc dico, ipso-s parum diligo noc miiltuni curo. 
Vgl. auch wegen der Schlacht von Gammelsdorf Böhmers Briofo II, 280, 



Ludwig der Baier. 205 

in Rom zurecht zu luachen, die ihm offenbar nicht einmal von einem 
Augenzeugeu geschildert wurde. Dennoch gilt diese Willkür der 
Composition keineswegs von allen Mittheiluugen des anonymen Ver- 
fassers. Ja selbst über die ältesten Zeiten seines Berichts, denen 
der Mann zeitlich schon sehr ferne stand, wie über die Ereignisse 
der Schlacht von Gammelsdorf und über die Zusammenkunft von 
Eanshofen hat er Quellen benutzt, die schätzbar sind. Seine Be- 
mühung geht aber dahin, diesen guten, vielleicht nur zu kurzen 
Aufzeichnungen das Gewand stüistischer Schönheiten zu verleihen. 
Sein Verfahren erinnert uns überhaupt an die Art, wie man Le- 
genden schrieb. Die Person imd ihre Eigenschaften gelten als das 
eigentliche Object der Beschreibung, ein dürftiger Kreis von that- 
sächlichen Mittheilungen und ein reicher Apparat religiös-sittlicher 
Beurtheilung macht den Inhalt solcher Lebensbeschreibungen aus, 
die mehi" einen erbaulichen, als streng historischen Zweck haben. 
Ganz als eine solche Vita stellt sich das Werk des Verfassers dar. 
Das Wichtigste wäre jedoch zu wissen, aus welchem Kreise der 
Verehrer Kaiser Ludwigs diese Lebensbeschreibung hervorgegangen 
sein mag. Aber auch darüber lassen sich niu* Vermuthuugen auf- 
stellen. Einem bürgerlichen Schriftsteller, dem es der Gesinnung 
nach wol zuzutrauen wäre, Mord man das Buch wegen der vorherr- 
schend theologischen Stimmung nicht zuschreiben w^ollen; es liegt 
also zunächst, an einen Miuoriten zu denken, der das Buch verfafst 
haben mag. Darauf möchte man seinen Inhalt vielleicht prüfen 
können. Als sehr bezeichnend hiefür möchte erscheinen, dafs der 
Name Johanns XXII. , was bei Minoriten mehrfach vorkommt, be- 
harrlich verschwiegen wird. Wer die Rechtfertigung Kaiser Ludwdgs 
am Schlüsse des Buches in der marktschreierischen Art, wie es 
damals bei den Bettelmönchen Sitte war, in Vergleichung bringt 
mit den Rechtfertigungsschriften der Minoriten, die wir später unter 
den Reichssachen besprechen wollen, der wird in dieser Vermuthtmg 
bestärkt werden. Dagegen vindicirte Lütolf mit Rücksicht auf das 
in der Vita vorkommende Fest der Translatio s. Augustini die Autor- 
schaft entschieden einem Augustiner '), während Älartin Mayr aus 
äufseren Indicien der Wiener Handschrift die Vermuthung aussprach, 

^) Lütolf, Forsch. XV, 566. Dafs diese Datirung nur bei Augustinern 
vorkomme, war mir allerdings gänzlich unbekannt, und ich vermag auch 
jetzt mir keine Gewifsheit zu verschaifen. Was Lütolf darüber bemerkt, 
S. 598 unten, scheint mir doch eigentlich nur zu zeigen, dafs die Augu- 
stiner ein doppeltes Translationsfest gehabt haben. Dagegen bestreitet 
Vtlchert, Forsch. XVI, 57 ff. Lütolfs Ansicht, als sei Raitenbuch die Hei- 
math des Augustiners. 



206 § 15. Geschichte Baierns und der bairischen Fürsten. 

dafs wir einem der Mönche aus des Kaisers phantastischer Lieb- 
lingsstiftung in Etal dessen Biographie zu verdanken haben ^). Uebri- 
gens ist das Werk offenbar in zwei Absätzen geschrieben worden, 
wie es auch in der Darstellung Ungleichmäfsigkeiten zeigt ; die eine 
gröfsere Hälfte -«iirde noch bei Ludwigs Lebzeiten vollendet, der 
zweite kleinere Theil nebst dem Epilog aber nach seinem Tode-). 

Ein ganz eigenthümliches Gepräge tragen jene Aufzeichnungen, 
welche im Anschlufs an die Sächsische Weltchronik in Baiern ent- 
standen sind. Die Weltchronik, welche, den bisher bekannt ge- 
wordenen Handschriften nach zu m-theileu, gerade in Baiern be- 
sonderer Beliebtheit sich zu erfi'euen hatte, bot Veranlassung zu 
einer Reihe von Fortsetzungen in deutscher Sprache, welche durch 
eine unverkennbare volksthümliche und anecdotenhafte Färbung aus- 
gezeichnet sind. Die Verfasser derselben, deren subjectives Urtheil 
Mnter der überlieferten populären Anschauung ganz verschwindet, 
sind unbekannt, und nur aus einigen örtlichen Erwähnungen kann 
eine recht unsichere Vermuthung bezüglich ihres Wohnortes aus- 
gesprochen werden. Von den vier Fortsetzungen, welche L. Weiland 
in seiner musterhaften Ausgabe der Weltchronik vereinigt hat, trägt 
die Erste^) (1216 — 1314) den volksthümlichen Charakter am deut- 
lichsten zur Schau, wie denn auch hier wiederholt das Erzählte als 
Ausdruck der öffentlichen Meinung bezeichnet wütI. Der Verfasser, 
vielleicht in der Nähe von Eichstädt zu Hause, schrieb bald nach 

') M. Mavr, NA. V, 133. Zur Gründungsgeschiclite von Etal vgl. 
0. Schwebel, "Allg. Zeitg. 1879, Beil. N. 94: D. König, Forsch. XX, 62. 
Andreas Ratisbon. Chron. gen. 561 beruft sich auf eine deutsch geschrie- 
bene Erzählung 'de vulgari in latinum transtuli'; vgl. L. Weiland, Nachr. 
von d. GGd. W. 1883, 259. 

^) Anfang und Ende der Vita sind überhaupt in mehr erzählender, 
die Mitte mehr in annalistischer Form. S. 155, wo von den Folgen der 
Schlacht von Mühldorf die Rede ist, heifst es: Ludovicus dei gi-atia adhuc 
regnat in sua patria. — Gesta Ludovici IV. des Albaniterniönchs Arnold 
von Mainz erwähnt Trithemius, Chron. Hirsaug. a. a. 1317. worauf Falk, 
Litterar. Handweiser 1876, 444 aufmerksam macht. — Nacliträglich sei 
hier noch eine biographische Arbeit aus Oberaltaich genannt, welche um 
die Mitte des XIV. Jahrh. vom Prior Albert verfaf'^t worden ist; es ist 
dies die Vita S. Alherti mon. Oheraltahem. (Graf von Haigcrloch f 1311, 
vgl. Chron. de ducib. Bav., Font. I, 139) bei Pez, Thes. anecdot. I c. 535 
bis 554. 

•'') Gedr. bei Massmami. Kaiserchnm. 11,712 — 721 (bis c. 20): voll- 
ständig in d. Ausg. d. Sachs. Weltchronik v. Massmann (Stuttg. 1857) 
S. 495—512; wiederholt bei Schöne S. 92-98, jetzt D. Chr. H, (1877) od. 
L. Weiland S. 323 — 336. Vgl. Böhmer Font. I, p. XXXIX. Benutzt 
wurde diese Fortsetzung von einem Continuator Martins von Troppau, 
abgedr. in Herrigs Arch. f. neuere Spr. XXV, 303—309 und D. Chr. II, 349 
bis 351. 



Bairische Fortsetzungen der Weltchronik. 207 

dem Jahre 1314 uucl für die letzten Jahre sind seine MittheUungen 
auch am brauchbarsten; für die frühere Zeit hat er Martinus Mino- 
rita benutzt. Mit dem Jahre 1314 setzt die Zweite Fortsetzung') 
(1314 — 1348) ein, welche eine ansprechende Erzählung von Kaiser 
Ludwig, besonders vom Römerzug und den erfolglosen Versöhnungs- 
yersuchen bietet, in dem Lichte, wie sie einem treuen Anhänger 
des Kaisers erscheinen mochten. Mit Benutzung dieser Fortsetzung 
schliefst die Dritte^) an die Erste an, doch ist dieselbe nur unvoll- 
ständig bis zum Jahre 1342 überliefert. Die Sagenbildung erscheint 
hier bereits merklich fortgeschritten und deutet etwa auf das letzte 
Drittel des XIV. Jahrhunderts. Dem Verfasser lag eine baiiische 
Fürstenchronik ('da der Baii'ischen fursten leben inne beschriben 
stet') vor, welche ims nicht mehr erhalten zu sein scheint. Eine 
noch spätere Compilation aus der Mitte des XV. Jahrhunderts ist 
die Vierte Fortsetzung^) (1314 — 1454) und eben deshalb arm 
genug an brauchbaren Nachrichten, wofür die eingestreuten Fabeleien 
einen kümmerlichen Ersatz bieten sollen. Bisweilen sind aber auch 
gute ältere Quellen benutzt, zumal Zeitungen, welche ohne weitere 
Bearbeitungen in extenso aufgenommen sind. Eine Fünfte Fort- 
setzung*) ist uns leider nur als Excer^Dt Aventius bekannt, welches 
er in Burghausen aus einem 'Chronicon Ludovici IV. imperatoris^ 
abgeschrieben hat. Dieses Chronicon war aber, wie Riezler nach- 
weist, nichts anderes als ein oberdeutscher Text der Weltchronik 
mit beiden Continuationen bis 1348 und mit Zusätzen, welche bald 
nachher entstanden sein dürften. 

Die stürmischen Zeiten nach dem Tode Kaiser Ludwigs von 
Baiem und die zerfahrene Politik seiner Nachfolger waren auf die 
Geschichtschreibung nicht ohne nachtheilige Einwirkung geblieben. 
Die erneuerten Anläufe zu einer Gesammtbairischen Haus- und 

') D. Chr. II, 337 — 340. — Ungefälir denselben Zeitraum behandelt 
die interessante hist. Aufzeichnung (Anf. : Es was ein herzog, der hiez 
herzog Ott) welche Fr. Pfeifer, Germania XII, (1867) S. 72 — 73 aus einem 
Rechtsbuche K. Ludwigs edirt hat. 

2) Massmann S. 518—522; Schöne S. 98—102; D. Chr. H, 342—348. 
Auffallend sind die mitteldeutschen Sprachformen und die lobende Er- 
wähnung des Landgrafen Friedrich d. Ernsthaften von Thüringen (-j- 1349). 

^) D. Chr. II, 352 — 384. Von den hier benutzten Zeitungen u. ä. seien 
erwähnt: S. 363 Heeresordnung von 1431: S. 373 über Fernand de Cor- 
doue; S. 377 über Joh. Hunyadi (1448); S. 381 Bestimmungen über den 
Ablafs in Augsburg (1451; nicht abgedruckt). 

*) Theilweise abgedruckt von Riezler, Arentins Werke III, 587 — 593. 
— Unbedeutend sind die Amiales Burghausenses, SS. XXIV, 61 — 62 ed. 
Waitz, welche Notizen aus Herm. v. Altaich und einen Nachtrag zum Jahre 
1322 enthalten. 



208 § 15- Geschichte Baierns und der bairischen Fürsten. 

Staatsgeschichte gingen erst von Andreas von Eegeusburg aus, 
dessen ungemeine Vielseitigkeit, wie mr gesehen haben, auch das 
Gebiet der bairischen Fürstengeschichte fruchtbringend streifte. 
Eben in Regensburg setzte der Canonicus Ulrich Onsorg um die 
Mitte des Jahrhunderts die Thätigkeit seines Yorgängers Andreas 
fort. Er schrieb neben Yielen anderen theologischen und exegetischen 
Werken eine Chronik der Kaiser und Päpste, welche geringen 
Werth zu haben scheint und eine bairische Chronik, welche mit 
der Geschichte der bairischen AjDostel beginnt und mit dem Jahre 
1422 endigt^). Für die Auffassung Onsorgs ist bezeichnend, dafs 
ihm das chronologische Gerippe für die älteste Geschichte der 
Baiern noch mangelt und dafs er sowol über den Stammvater der 
Agilolfinger, wie auch über den König Garibald nicht zu jener 
scheinbar sicheren Kunde gekommen zu sein scheint, welche die 
spätere Tradition beherrscht. Erst von König Pippin und von 
Herzog Tassilo IL an beginnt eine festere annalistische Form in 
der Darstellung Onsorgs. Doch wiegen die Nachrichten allgemei- 
neren historischen Charakters bedeutend vor, und es hat fast den 
Anschein, als ob den Excei-pten aus den allgemeinen Chroniken 
eben nur mechanisch die sagenhafte üeberlieferung, wie sie sich eben 
von dem Ursprung der Baiern zu bilden begann, vorangestellt wor- 
den wäre, um das ganze als bairische Chronik bezeichnen zu kön- 
nen. Dafs Ulrich Onsorg mit 1422 bereits schliefst, beweist seine 
grofse Abhängigkeit von seinem Material und insbesondere von An- 
dreas von Regensburg. 

In bei weitem freierer und eingreifenderer Weise entwarf wenige 
Jahrzehnte später der Ritter Johann Ebran von Wildenberg 
ein Gesammtbild der bairischen Staatsgeschichte und begann damit 

') Udalrici Onsorgii, veteris Capel/ne Ratisp. Can. Chron. Bnvnriae bei 
Oefele I, 354 — 369 mit einer Einleitung über die Schriften und das Leben 
Onsorgs. Ebd. S. 370—373 finden sich Exccrpto aus der Kaiser- und 
Papstchronik desselben Verf., doch meist nur auf Baiern bezüglich, so 
dafs ein Urtheil über das gesammte Werk nicht gewonnen werden kann. 
Von sonstigen kleinen bairischen Aufzeichnungen ist noch das unbedeutende 
aus Hartmann Schedels Abschriften stammende hreve Clironkon ßavariac von 
1156—1410 bei Oefele L 651 — 655 zu erwähnen, doch ist das Jahr 1156 
nicht etwa mit llücksidit auf den bairisch-östcrrcich. Streit als Ausgangs- 
punkt gewählt; ferner Joannis Gairii Nördlingani annor. 1392 et 1393 
brevis historia bei Oefele, 1,619—621: Gcorgii Schamdochcr brevo 
chroni(^(in rer. quorundam sub Friderico III. 1410 — 1479 gestar. ib. 316 
bis 318. — Die Reime des Ehrenhnlds «loliann llolandt aus Eggon- 
feldcn, in welchen er für Kaspar Schlick im .1.1124 den rittiM-mäfsigcn 
bairischen Adel zusammenstellt, nach Hundt uud l)u(^llius (1725) hg. von 
A. Wiesend, Yerhdlgn. d. bist. Vcr. f. Niederbayern Vll. (1860) S. 117—128. 



Ebran von Wildenberg. 209 

die Reihe der populären Geschichtswerke Baierns. Leider ist aber 
auch von diesem Werke noch keine Ausgabe veranstaltet worden') 
und man ist zu seiner Beurtheilung lediglich auf die Mittheilungen 
Kluckhohns beschränkt, der wahrscheinlich der einzige Gelehrte ist, 
welcher dasselbe in seiner Vollständigkeit kennen gelernt hat^). 
Seinen verdienstlichen Mittheilungen haben wir daher auch hier fast 
ausschüefslich zu folgen. Dafs Ebran von Wildenberg sein Baiern 
sowie das wittelsbachische Haus nait Begeisterung rühmt und zu 
deren Ruhm die Feder ergi'iff, zeigt sich schon in den bis jetzt be- 
kannten Excei-pten des Werkes, doch wird versichert, dafs Ebrans 
Loyalität seine Wahrhaftigkeit nirgends beeinträchtigt hätte. Aus 
einem nieder bairischen Rittergeschlecht, Sohn des 1455 verstorbenen 
Ulrich Ebran von Wildenberg, -wurde Johann um 1430 geboren, war 
Ludwigs des Reichen Kriegsmann und Hauptmann 1459 — 1462, 
dann Pfleger zu Landshut, endlich Hofmeister der Herzogin Hedwig 
zu Burghausen und lebte noch zur Zeit als Herzog Georg der Reiche 
sein Testament machte. Im Jahre 1480 nahm er an der von Felix 
Fabri beschriebenen Pilgerfahrt nach Palaestina theiP); im übrigen 
sind wir über seine Lebensverhältnisse und besondern Schicksale 
wenig unteiTichtet. Eben in dem Jahre als er die erwähnte Reise 
unternahm, war der erste Theü seines Werkes unter den Auspicien 
Kaiser Friedrichs HP) bereits vollendet und wurde sogleich von 
Ulrich Füetrer benutzt. Die Kriegsthaten Ludwigs des Reichen und 
dessen Regierung munterten ihn vor allem zur Abfassung der ge- 
sammtbairischen Geschichte auf. Er studirte mit Eifer Otto von 
Freising und die Werke des Andreas von Regensburg. Aufserdem 
versichert er, aus den Schriften von Niederaltaich, Mondsee, Tegern- 
see und Kremsmünster geschöpft zu haben. Darnach ist nicht 
schwer den Umfang seiner Leetüre und Kenntnisse zu ermessen. 
Gegenüber von Andreas von Regeusburg verhält sich nach Kluck- 
hohns Versicherung Ebran von Wildenberg nicht selten kritisch und 

') Chronicon Bavariae unvollständig bei Oefele I, 301 — 314 mit Lebens- 
nachrichten, welche seither kaum vermehrt werden konnten. 

2) lieber die bairischen Geschichtschreiber Hans Ebran von Wilden- 
berg und Ulrich Füetrer von August Kluckhohn in den Forschungen zur 
d. G. VII, 202; ein von Kluckhohn ohne Auszug mitgetheilter Aufsatz in 
den SB. 1866 I. Heft han-t, wie es scheint, noch der Aufnahme in die 
Abhandl. derselben bair. Akademie. Vgl. Kluckhohn Ludwig der Reiche, 
wo zahlreiche Stellen und Citate aus der Weimarer Handschrift S. 12, 29, 
57, 67 und besonders 217, wo Ebrans Antheil an der Schlacht von 1462 
bemerkt wird. 

^) Vgl. oben das Hodoeporicon Felix Fabers S. 107. 

*) Vgl. Riezler, Aventins Werke IH, 572. 

Lorenz, GescliichtscjueUeu. 3. Aufl. I. 14 



210 § 1^- Geschichte Baiems und der bahischen Fürsten. 

ableliuend. Daneben wird auch die Wahrhaftigkeit Ebrans von 
Wildenberg in Bezug auf die Beiu'theilung einzelner Fürsten hervor- 
gehoben. Er nimmt keinen Anstand die harte Stelle Ottos von 
Freising über die ältesten Grafen von Scheiern aufzunehmen und 
verchweigi; nicht, wie oft ihre Ahnherrn die Hilfe der Ungarn an- 
gerufen und Baiern haben A^erwüsten helfen. Er war fi-omm und 
der Ivirche innig ergeben. Wer diese in ihrem Besitz beeinträch- 
tigte, schien ihm die schwersten Strafen zu verdienen; so erzählt 
er von dem furchtbaren Strafgericht, das Karl jMartell sowie Herzog 
Arnulf den Bösen getroffen. Als die gröfsten Laster der Gegenwart 
bezeichnet Ebran „Uebelabschwören, Simonie und öffentlich an der 
Unehe sitzen^)". 

Um das Jahr 1480 theilte Ebran von Wildenberg den gröfsten 
Theil seiner Arbeit dem Ulrich Füetrermit. Später fügte er den 
SchluTs hinzu, die Geschichte Ludwigs des Reichen und seiner Zeit- 
genossen. Die letztere enthält die werthvollsten, aus persönlicher und 
unmittelbarer Kenntnifs geschöpften ]\Iittheiluugen, welche gieichwol 
nur in. der Weimarer Handschrift überliefert ■wou'den und daher wenig 
verbreitet gewesen zu sein scheinen. Der jüngere Zeitgenosse Ebrans, 
Ulrich Füetrer, wirkte im guten und schlechten Sinne auf die 
Geschichtschi'eibung Baierns weit mehr als jener selbst. Er war es, 
der den angeblichen „allergelehrtesten edlen Chronisten Garibald" in 
die Quellen einführte und die fabelhafte Urgeschichte Baierns be- 
gründete, deren Glaubwürdigkeit in letzten Decennien erst erschüttert 
wurde^). Ulrich Füetrer war zugleich Maler, Dichter und Geschicht- 
schreiber, allein über sein Leben haben selbst neuere Forschungen 
nicht viel mehr feststellen können, als dafs er aus Landshut 
stammte, wo sein Yater zum Jahre 1410 erwähnt wird. Mit dem 
Kloster Tegernsee stand er mindestens seit 1465 in regem Verkehr, 
da er daselbst als Maler häufig beschäftigt war, aber es dürfte kaum 
nachzuweisen sein, dafs auch seine schriftstellerische Thätigkeit von 
dort aus beeinflufst worden ist. Dagegen Avirkte auf L^lrich das 
Beispiel einiger seiner Zeitgenossen wie Johann Hartlieb und 
Jacob Pütrich von Reicher z hau sc n^), mit welchen er die 

') Die Charakteristik Ebrans ist durchaus und möglichst -wörtlich 
Kliickhohn a. a. 0. entnommen. 

■'') Ucbcr Garlbald vgl. Aretin, Littcrar. Handbuch S. 129: dahinge- 
stellt bleibt, ob unter dem von Avontin citirten Frcthulphus Füetrer ver- 
standen werden darf; vgl. Riezler, Avcntins Werke III, 564. 

3) Spiller a. 0. 278. 282. Vgl. Ocfelc, Allg. D. Biogr. X, 670-672 
(J. Hartliob). Pütrichs 'Ehrcnbriof, der vorwittweten Erzherzogin Ma- 
thildis V. Oesterrcich gewidmet, herausg. von Karajan, Zs. f. d. A. VI, 31 



Ulrich Füetrer. 211 

phantastisclie Vorliebe für die alten Ritterromane theilte. Im Jalu-e 
1481 Tollendete er die „Histoiie, Gesta und Getat von den edlen 
Fürsten des löblichen Haus Ton Baiern und Noriskau," Avelche bis 
zum Jahre 1479 reicht i). Während die älteren Partien des "Werkes 
nur litterarhistorisches Interesse bieten, wird Füetrer als zeitgenös- 
sischer Geschichtschreiber Yon den Kennern dieser Periode aufser- 
ordentlich gelobt. Hier gehört er nach dem ürtheile Kluckhohns 
unter den Historikern entschieden zu den besten. In der Geschichte 
der Landshuter Herzoge Heinrich und Ludwig der Reichen theilt 
er eigene Erlebnisse mit Einsicht und Wahrheitsliebe mit. Denn in 
der Chronik Wildenbergs, die er, wie schon bemerkt, 1480 erhielt, 
stand damals von jenen Fürsten noch nichts. Dagegen hatte er die 
Geschichte der Ingolstädter und der Straubing-Holländischen Linie 
ganz aus Wildenbergs Chi-ouik entnommen. Dreifsig Jahre nach 
der Abfassung der Historie von den bäurischen Fürsten erhielt die- 
selbe eine sehr merkwürdige Fortsetzung, welche wegen ihres yer- 
schiedenen Charakters Zweifel erregte, ob dieselbe von Ulrich Füetrer 
selbst herrühre. Der höfische Ton, welcher die Geschichte bis zum 
Jahre 1479 bezeichnet, weicht in dem spätem Werke zuweilen 
ziemlich harten Urtheilen über den Hof und die jüngeren Fürsten. 
So spricht er sich über den Herzog Wolfgang, den jüngsten Bruder 
Albrecht IV., mit rücksichtsloser Schärfe aus 2). In der Charakte- 
ristik der Personen zeigt sich jedoch im Ganzen ein bedeutender 
historischer Fortschritt. Es ist daher wahrscheinlich genug, dafs 
der Yon allen Rücksichten befreite Maler und Geschichtschreiber in 
seinem spätem Alter wirklich noch selbst die Feder ergriffen, um 
das Werk seiner Jugend zu ergänzen und abzuschliefseu. 

Füetrers Todesjahr läfst sich nicht genau bestimmen. Sein Ein- 
flufs auf die bairische Historiographie des XVI. Jahrhunderts darf 
durchaus nicht unterschätzt werden; zumal für die genealogischen 
Sagen der Urzeit scheint er eine besondere Bedeutung erlang-t zu 

bis 59. Zur Biographie P.'s vgl. A. Schmidter, Oberbayr. Arch. 36, 152 
bis 172; 41, 44—89. 

^) Ausge-wählte Stellen aus Ulrich Füetrers ungedruckter Chronik von 
Baiern, mitgetheilt von Fr. Würthmann, Oberbair. Archiv V, 48—86. Are- 
tin Handbuch I, 161. Kluckhohn a. a. 0. 210. Reinh. Spiller, Studien über 
Ulr. Füetrer, Zs. f. d. A. XXVII, 262 — 294 (SA. Lpzg. 1883). Cgm. 43 
■wahrscheinlich Autograph Füetrers. 

^) Oberb. Archiv V, S. 81. Auch thet er nichts im Krieg . . auch het 
er^ den Sitten wer wider ihn handlet dem vergab er sein nit. Herzog 
Wolfgang war übrigens noch am Leben, als dies geschiüeben wurde und 
der Verfasser empfiehlt deshalb die Lebensgeschichte desselben einem an- 
dern zu erzählen. 

14* 



212 § 16. Oesten-eichische Annalistik. 

haben 1). Docli damit ist die zeitliche Grenze unserer Quellenbe- 
ti'achtung weit überschritten. Die verhältnifsmäfsig späten Anfänge 
der bairischen Haus- und Staatsgeschichte begannen um die "Wende 
des Jahi'hunderts sich um so mehr in die Breite zu entwickeln, und 
durch Veit Arnpek und andere Chronisten wurde die von Andreas 
von Regensburg und Ebran von Wildenberg begonnene Richtung 
rasch befestigt und zum GemeingTit weiterer Kreise erhoben. Aven- 
tin erlangte hierauf dieser bairischen Ueberliefeiamg gegenüber durch 
die eigenthümliche Verquickung der unki-itischen Erfindungen des 
XV, Jahrhunderts mit einer staunenswürdigen Belesenheit und lu-kund- 
lichen Gelehrsamkeit eine ähnliche Stellung, wie Tschudi in der 
Schweiz. 

§ 16. Oesterreichische Annalistik. 

Die in Oesterreich im späteren Mittelalter fortgesetzte Anna- 
listik hängt mit den Anfängen derselben so sehr zusammen, dafs 
eine abgesonderte Besprechung dieser letzten Ausläufer einer ganzen 
Gebirgskette tou geschichtlichen Denkmalen nicht gut möglich ist-). 
Wer die Geschichte des XIII. und XIV. Jahrhunderts durchforscht, 
wird sich unter den Fortsetzungen der Melker Annalen hauptsächlich 
an die zweite und di-itte Heiligenkreuzer, an die vierte bis siebente 
Klostemeuburger, an die Zwetler und an die Annalen der Wiener 
Prediger zu halten haben, welche letzteren lange Zeit unter dem 
unpassenden Namen der Goldenen Chronik bekannt gewesen 
sind^). Zu den sachlich werthvollsten Aufzeichnungen gehören aber 

^) Riezler, Avent. Werke XU, 568 — 572. Rockinger, Abbdlgn. d. bayr. 
Ac. d. W. XV, 1. 179—197. XV, 3. 197—211. 

^) Die etwas knapp gehaltene Darstellung W. G. U, N. erstreckt sich 
auch auf die spätere Annalistik, wir fügen nur die auf Persönliches sich 
beziehenden Nachweisungen hinzu. Vgl. 0. Redlich, die österr. Annalistik 
bis z. Ausgang d. XIII. Jahrb., Mitth. d. Inst, lll, 497—583. — Jan Ha- 
velka, von den schriftl. GQ. bis zum Ausgang d. XV. Jahrh. auf denen die 
Gesch. unserer Monarchie hauptsächlich beruht; XI. Jahresber. d. slav. 
Gymn. Olmütz 1880 — 1881 (böhm.) unbrauchbai-, vgl. Zs. f. oest. Gymn. 
1881, 559; 1882, 407. 

^) Mit Rücksicht auf W. G. a. a. 0. Note und die dort angeführte 
deutsche Bearbeitung der Goldenen Chronik, welche nicht, wie rotthast 
anführt, erläutert, sondern ganz abgedruckt ist in Hormayrs Archiv 1827, 
S. 430, ist zu bemerken, dafs dieselbe durchaus nach dem letzteren Text, 
nicht nach dorn der Wattenbachschon Ausgal)c übersetzt ist. Auch hcifst 
es im Arohiv für Gesch. und Geograph. 1.S21, S. 457: der Codex, welchen 
Doccn benutzt hätte, gehöre sammt dem Jacobus de Voragino dem XIII. 
Jahrhundort an, wogegen Wattonbach einen Münciicnor (.'odcx sec. XV 
anfidirt. Bei der Gelegenheit kann die Bemerkung nicht untcnlrüokt wer- 



^Vien, Salzburg. 213 

oline alle Frage die Historia Aunorum 1264 — 79, nebst der so- 
genannten Continuatio Yindobonensis 1267 — 1302^), welche 
nocli immer in vielen Büchern in Folge einer Namensverwecliselung 
dem berühmten Büi'germeister Paltram, der von König Rudolf zum 
Tode veiairtheilt, dann aber sammt seinen Söhnen verbannt woirde, 
zugeschrieben mrd. So wenig nun nach den andersN'ärts schon 
gegebenen Nachweisungen hier noch nothwendig wäre , auf den 
Inhalt dieser Quellen einzugehen, so sehr sind uns doch die Per- 
sönlichkeiten von Interesse, welche um die Wende des XIII. Jahr- 
hunderts als Träger der Geschichtschreibung einen Anstofs zur wei- 
teren Entwickelung gegeben haben. Hier nun ist der Name Vatzo, 
den uns eine Handschrift als den Verfasser jener sachlich so be- 
deutenden Aufzeichnung für die Jahre 1264 — 79 überliefert, nicht 
ohne Interesse. Denn dafs sich in dieser Geschichtsdarstellung die 
Auffassung eines Wiener Rathmannes über König Ottokar kund- 
gibt, scheint mir ganz sicher und hiefür besagt der Name Yatzo 
genügt). Stimmt nun der Charakter des Denkmals mit dem des 
Yerfassers so gut zusammen, so scheint die Ueberüefei-ung hinrei- 
chend gerechtfertigt. Die Yatzonen, nicht zu vei-^^echseln mit dem 
Bürgermeister Paltram und seinen fünf Söhnen, gehörten zu den 
Geschlechtern des Rathes, Avelche dem Herzog Albrecht im Jahre 

den, dafs durch Potthast leicht eine Irrung entstehen kann, weil die An- 
nans Austrie, S. 119, nicht auch nach den früheren Ausgaben bezeichnet 
sind, und solche Artikel wie Chronica aurea als besondere Schriften be- 
trachtet werden könnten. Doch süid im Supplementband jetzt die Con- 
gi'uenzen einzeln nachgewiesen. 

') Hütoria Annorum M. G. SS. IX, 649— 654; Contm. Vindob. ib. 698 
bis 722. Die Hist. Ann. weist Redlich a. 0. 517 als mittelbare Grundlage 
der Contin. Claustroneoburg. IV. und Zwetlens. III. nach. Contin. Praedi- 
catorum Vindobon. SS. IX, 724 — 732 und ihre deutsche Bearbeitung, die 
'Chronik von OesteiTeich', hg. von Zeibig, Ai'ch. f. öst. GQ. IX, 355 — 362; 
vgl. Redhch S. 526. 

^) Die Notiz lautet nämUch SS. IX, 604: Hucusque Yatzo suam per- 
duxit historiam: ex tunc frater Nicolaus Yischel de sancta Cruce incoepit 
suam. Der Name Yatzo ist nur ein Beiname und so bezeichnend, dafs 
unmöglich eine Yerwechselung vorliegen könnte. Den Bürgermeister finde 
ich noch 1277 gemeinschaftlich mit Paltram Yatzo, TJrkb. von Heiligen- 
kreuz, Font. rer. Aust. II, 11. S. 313. Die gewöhnliche deutsche Form des 
Namens ist aber Paltram der Yatz, ebend. S. 273, was eiu Spottname 
von vatzen, cavillari, illudere, vexare, welches sonst merkwürdiger Weise 
erst seit dem XY. Jahrhundert häufiger vorkommt, Grimm D. WB. HI, 
1363 ff.; vgl. Fatzer, Fatzmann = Fafsmann als eigener Name. Könnte 
bei der Seltenheit des Namens noch irgend ein Zweifel sein, so würde er 
gelöst dadurch, dafs dieser Yatzo eben nur in den Jahren 1260 — 1300 
vorkommt, dann verschwindet. Ueber die Tendenzen der Rathspartei und 
ihre Yorhebe für König Ottokar vgl. SB. d. Wiener Ac. 46, S. 72 ff. Das 
Werk trägt ganz diesen Charakter; dagegen Redlich, a. 0. S. 525. 



2'\_4: § 16- Oesten-eichische Annalistik. 

1288 besondere Gehorsamsbriefe ausstellen mufsten, nachdem sie sich 
schon im Jahre 1281 Ton der Sache des Bürgenneisters Paltram 
feierlich losgesagt hatten. Paltram der Vatz erscheint durch mehr 
als vierzig Jahre in zahlreichen Urkunden häufig unter den Raths- 
herren imd dürfte um das Jahi- 1301 gestorben sein. Die Fortsetzung 
seiner annalistischen Aufzeichnungen überKefs er einem Cistercienser 
Ton Heiligenla-euz, Namens Nicolaus Vischel, von welchem Pez 
eine Anzahl theologischer Schriften in Heiligenkreuzer Handschriften 
kannte 1). 

Während so die Ton Melk sich yerzweigenden Annalen lebhaft 
fortgesetzt "v\T.u'den, hat die verwandte Salzburger Richtung zwar 
einen erneuerten Anstofs durch einen sehr bedeutenden Mann erhal- 
ten, aber keine starken Schöfslinge mehr getrieben. Ganz unbe- 
deutend ist die kurze Fortsetzung der Weltchronik eines Deutsch- 
ordeushen-n, welche um 1268 in Salzburg entstanden ist 2). Bald 
nach Weich ards von Polhaim Tode wurde die eigentliche Salz- 
burger Annalistik abgeschlossen 3). Er wurde 1263 geboren, ward 
1302 Canonicus, 1307 Domdechant, 1312 Erzbischof. Die Familie 
von Polhaim war alt und angesehen und sowohl in Salzburg wie in 
Oesterreich begütert. Als er gewählt wurde, entstand eine Frage 
über die Rechte des Neugewählten, deren gelehi-te Beantwortung er 
sofort veranlafste*). Dann eilte er nach Rom, lieis sich von Kaiser 
Heinrich YH. die Regalien verleihen, stellte das Erzbisthum durch 
einen Neutralitätsvertrag mit dem Herzog Friedrich von Oesterreich 
vor den Gefahren des unvenneidlich gewordenen Thronstreits sicher, 
öfftiete im Jahre 1315 das Grab des heiligen Rupert und starb noch 
im selben Jahre am 6. October. Seine Theilnahme an der Fort- 
führung der Salzburger Annalen scheint um* bis zum Jahre 1307 
eine vmmittelbare gewesen zu sein, dem Jahre, wo er Decan wurde. 
Ein selbständiges Werk, welches er über die Herzöge von Oester- 
reich bis 1307 verfafst haben soll, dürfte noch von Wolfgang Lazius 



*) Vgl. Pez, SS. I, S. 706. Zwischen den Wiener Bürgern und Hei- 
ligenkreuz herrschte viel vcrtrauliclicr Vorkclu-, vgl. Urkundcnbuoh von 
Heiligenkreuz I, 272, wo wir aufser Palti-am dorn Vatz noch eine andere 
Paltramsclie Familie und nocli eine dritte dieses Namens ,,auf der Slaii- 
stuben" finden. Ob die Familie ante cimiterium mit der vcrbanulon iden- 
tisch, liifst sich nicht entscheiden, vgl. Notizbl. V, S. 454. 

'^) Ug. von 0. Holder-Eggcr, NA. X, 233— 234: die Doutscliordcns- 
chronik selbst M. G. SS. XXIV, 152 ff. 

^) W. G. II, N. Ucbor Woichards persönliche Geschichte Ilansiz I, 
444, Zauner I, 442. 

*) Kleinmayrn, Juvav. § 1G5, S. 157 ff. 



Salzburg. 215 

benutzt worden sein, ist aber heute leider verschollen i). Später 
wurden nm- noch in St. Peter und in Matsee historische Compila- 
tionen gemacht 2). Dagegen könnte eine die Jahre 1403—1494 um- 
fassende Aufzeichnung wenigstens in den spätem Partien annalisti- 
scher Natur sein3). Doch ist dieselbe ebenfalls nicht von grofser 
Bedeutung. Desto gröfseres Gewicht hat man am Domcapitel zu 
Salzburg im XIV. Jahrhundert auf eine systematische Sammlung 
des Urkundenschatzes gelegt und sind die Acten, ohne jedoch 
den Urheber zu nennen, in sechs noch jetzt wolerhaltene sogenannte 
Kamm erblicher zusammengetragen worden*). 

Auch in Admont dauerte die historiogTaphische Thätigkeit 
nicht fort. Unter dem Abt Heinrich IL (1275-1297) herrschte 
Waffengetöse und grofse Politik Yor. Er hatte zwar als Protonotar 
des Herzogs Albrecht L, dann als Landeshauptmann von Steiermark 
zahbreiche Proben seiner Geschäftsgewandtheit, seiner Kenntnisse 
und seiner Fähigkeit gegeben, aber die praktische Vielgeschäftigkeit 
des Mannes hatte für die wirthschaftlichen Verhältnisse von Admont 
ebenso wie für die litterarischen viele Nachtheile im Gefolge und es 
war ein Glück, dafs unter dem Nachfolger des Abtes Heinrich in 
beider Beziehung das Kloster sich zu erholen im Stande war. Es 
ist ein sehr eifriger und thätiger Mann, der als En gelbert H. 
(1297—1327) in allen TheUen der mittelalteriichen Litteratur emen 

1) Vgl. F. M. Mayer, Arch. f. Ost. G. LXII, (1881) 149. 

2) Eme mit dem Chronicon Salisburgense bei Camsuis Lect. antiq. VI 
478 yerwandte aber nicht ganz übereinstimmende Compilation findet sicli 
Ji einem Matseer Codex, von welchem 1782 eine amtlich beglaubigte Ab- 
schrift in das Wiener Staatsarchiv kam; vgl. Pertz, Archiv Ä, bU. 

3) Duellius miscellan. II, 129 ff. Das Chron. Salishurg. a SRudberto mne 
ad JuTZcLanonyMO San-Petrensi bei Pez SS. 11,427-446 gehört wol 

^'' ? Die"^Sburger Kammerbücher befinden sich im Wiener Staats- 
archiv darunter wiid jetzt dem Band I ein höheres Alter zugeschneben; 
vglKein; Indiculus Arnonis etc., München 1869. Wattenbach, Heidel- 
berger JaUücher 1870, S. 2L Sickel, Acta regum et imp Kaiol 11 A 
S f 6 handelt über die palaeographischen Merkmale dei-Ivammerbi^her 
und bemerkt in Bezug auf Bd. I, dafs derselbe m der 2. Hälfte des XIII 
Jahrh Tder in der ersten des XIV. geschi-ieben sem kann Unter solchen 
UmSnden gewinnt die Ansicht, dafi Friedrich von Walchen oder Rudolf 
voTnoheneck, aber nicht dieser während der Regierung des erstern, wo 
Ir noch nicht' in Salzburg war, das älteste Copialbuchangeleghabe^^^ 
dürfte, an Wahrscheinlichkeit. Die von Pertz, ,f ^^^^^^^V.^ Jalirh eine 
Vorrede erhält demnach für die Geschichtsqucllen des XIH Jahrh eine 
Bedeutun' Ueber die Anlage aller sechs Bände, bes. des ersten und letz- 
ten den man den 'Wahrsaget nannte) und den, -^l-^^^^^^^l^^'). .^"f,,^; 
regung Weichards entstandenen ^ Codex tradiUonumcapiluh Sahsburgens, 
handelt ausführiich F. Kaltenbrunner, NA. I, 483-505. 



216 § 16. Oesten'eichische Annalistik. 

gerühmten Namen hat, doch gehört für unsere Betrachtung der 
gröfste Theil seiner Werke in einen anderen Zusammenhang. Hier 
haben mr nur einiges anzuführen, was die Geschichtschreibung we- 
nigstens berührt. Dahin gehört sein Erstlingswerk ' de electione regis 
BudoJfi\ welches er bei Gelegenheit der ersten Anwesenheit des 
Königs in OesteiTeich, in Angriff nahm, wovon der zweite Theil 
'de inaelio et victoria regis contra Ottocarum^ handelte, den er aber 
erst nach der Rückkehr Yon seiner italienischen Studienreise been- 
digen konnte 1). Eine nähere Bekanntschaft dieser Werke fehlt uns 
leider und es ist zu bedauern, dafs die Aufmerksamkeit der For- 
schung in Admont in späteren Zeiten wenig auf diesen Abt Engel- 
bert gelenkt worden ist. Engelbert regierte über dreifsig Jahre. 
Da er als Doctor bezeichnet wird 2), so dürfte er in Italien seine 
Studien gemacht haben, was auch aus der Richtung seiner Werke 
zu entnehmen ist. Die Yersificirung historischer Ereignisse scheint 
durch ihn in Admont beliebt geworden zu sein, denn man hat auch 
eine Series ahbatum in Versen, in welcher von Engelbert angedeutet 
ist, dafs er in hohem Alter und sehr gebrechlich gestorben wäre 3). 
Auf eine solche Series praepositorum, die aber in schlichter Prosa 
verfafst ist, beschränkte sich, so viel wir wissen, die historische 
Litteratur in dem benachbarten Voran, wo verschiedene Hände im 
XIV. und XV. Jahrhundert mit derselben beschäftigt waren*). 



^) Hauptquelle über die Werke Engelberts ist seine Ep. ad Uhicum 
scholasticuni Viennens. bei Pez, Thes. anecdot. I, 429 — 436. Vgl. Fuchs, 
E. V. Admont, Mitth. d. bist. Ver. f. Steierm. XI, 90 — 130. P. Jac. Wichner, 
Gesch. von Admont 111,2, 541; über anderes siehe unter Abth. III. Soll- 
ten die Verse auf Friedrichs II. Tod Organa laetitia und Voce tristi bei 
Pez. SS. rer. Aust. 11, 398 nicht auch Engelbert gehören ? (Vgl. Archiv 
X, 634. MG. SS. XI, 51.) 

2) Pez, SS. II, 199, wo er auch als Doctor bezeichnet whd. 

3) Pez, SS. II, 210: 

Est Engelbertus domini bonitatc refertus 
Dulci doctrina peragrans documenta superna 
Bissenis tardus annis, ad gressus incptus. 
Das Verzeichuifs reicht bis auf Abt Hcrtnid und ist aus dem Anfang des 
XV. Jahrhunderts. Vgl. Wattenbach, Arohiv X, 631. Aus dem XIV. Jahr- 
hundert sind kleine annalistische Aufzeichnungen, ebend. S. 642, an die 
llistoria Lomhardica angeknüpft. — Notae Admuntenses, gencalog. Notizen 
über österreichische Fürsten 1273 — 1424, hg. von J. Wichner, Stud. u. 
Mitthlgn. a. d. Benedictinerorden II, 2. 325 ff. — Die iUtesten, noch vorhan- 
denen Bücherverzeichnisse von 1370 und 1380 hat der Mönch Peter von 
Arbon unter Abt Albert II. (1361—1384) angelegt; vgl. Wichner, die Bi- 
bliothek d. Abtei Admont, Mitth. d. bist. Ver. f. Steierm. XX, 67—90: ders. 
Gesch. V. Admont III, 87. 

*) 0. Kernstock, Chronicalisches aus Vorau, Beiträge z. K. Steiermark. 
GQ. XIV, (1877) 1—20; die Series praepos. Voraviens. S. 1—18 u. Notizen 



Kremsmünster, 217 

Am regelmäfsigsteu dauerte die historiograpliische Thätigkeit in 
Kremsmünster fort. Hier wurde unter dem Abte Friedrich I. 
Yon Aich sowol in Betreff der ui-kundlichen Forschungen, wie auch 
in Bezug auf Annalistik Erhebliches geleistet. Nicht nur ein Di- 
plomatar wurde aus den vorhandenen Urkundenbüchern und Original- 
urkunden zusammengestellt, sondern auch eine jener schätzenswerthen 
Arbeiten unternommen, die für die ökonomischen Verhältnisse seit 
dem XIII. Jahrhundert die trefflichste Quelle bilden. Die Rechnungs- 
bücher über Gmnd- und Bodenverhältnisse sind aus zwei Gründen 
in den österreichischen Ländern gerade seit der Mitte des XIII. 
Jahrhunderts so aufserordentlich wichtig geworden. Fürs erste, weil 
die grofse Aenderung der HeiTschaft unter Ottokar wünschenswerth 
machte, die Rechte der Grundeigenthümer jeden Augenblick erweisen 
zu können, und sodann, weU die revolutionären Verhältnisse nach 
des letzten Babenbergers Tode besonders den geistlichen Corporationen 
Vorsicht in der Wahrung ihrer Ansprüche empfahlen. Die Regierung 
Ottokars hatte selbst in Oesterreich und Steiermark damit begonnen, 
die landesherrlichen Rechte am eignen Grund und Boden und die 
Einkünfte sorgfältiger zu verzeichnen. Diesem Beispiele folgten so- 
dann die meisten Klöster und Bisthümer^). Auch in Kremsmünster 
wurde durch den Kellermeister Bruder Sigmar, den Hofrichter 
Dietrich und den Prior Hertwig im Jahre 1299 eine solche Arbeit 
vollendet 2). Demselben Bruder Sigmar wurden aber auch eine An- 
zahl von historischen Werken zugeschrieben, die sich auf die Pas- 
sauer Bischofsgeschichte, die Geschichte der bairischen Herzoge und 
die Stiftung und Entwickelung des Klosters Ki-emsmünster selbst 
beziehen 3). Wer aber immer der Verfasser dieser weseutlich Pas- 

eines unbek. Pfarrers von S. Georgen a. d. Stiefing (s. XV ex.) S. 19 — 24. 
Ueber die Vorauer Hss. vgl. Pangerl, Beiträge z. K. steierm. GQ. IV, 92. _ 

*) Die zahlreichen um diese Zeit aufkommenden Urbarien stelle ich 
ein anderes mal zusammen. Dafs das von Chmel Mitgetheilte, Notizbl. 
1855, p. 333 und das des Notars Helwich die ältesten seien, habe ich in 
der Deutschen Gesch. I, 365 ff. gezeigt. Gleich darauf folgte Niederaltaich, 
Passau, später andere. — Der unter Friedrich angelegte Liher Privilegiorum 
wurde theilweise benutzt in dem Urkundenbuch von Kremsmünster, her- 
ausgegeben von Theodorich Hagn, AVien 1819. 

-) Vgl. Th. Hagn, Das Wirken der Benedictiner-Abtei Kremsmünster, 
(Linz 1818) S. 23. 

3) In Codex Vindob. 610, s. XIV. (= W), vgl. Tabulae Codicupa I, 
S. 106, finden sich folgende zusammengehörige Stücke: 1. Catalogus episco- 
porum Pataviensium cum notis quae Sigmari esse feruntur, bis 1313; 
2. Catalogus ducum Bavariae, bis 1231; 3. u. 4. Catalogus archiepiscoporum 
Laureacensium et episcoporum Passaviensium; 5. Catalogus abbatum Cre- 
mifanensium, bis 1298; 6. Series aUquot Romanor. principum. Davon ist 
das Meiste bei Rauch, SS. rer. Austr. 11, 339—380 gedruckt und dem Ber- 



218 § 16- Oesterreicliische Aimalistik. 

sauisclieu Aufzeiclinungen war, jedenfalls leistete er dem iu der 
Historiograpliie häufiger genannten ßernardus Noricus, der ge- 
wissermafsen der Stolz von Krenismünster war, wesentliche Vor- 
arbeiten. Denn was der letztere heferte ist ausführlicher, gründ- 
licher und reicht der Zeit nach weiter, ist aber auf das Innigste 
verwandt und verwebt mit den älteren angeblich von Sigmar her- 
rühi'enden Quellen i). 

A''on Bernardus Noricus weifs man merkwürdigerweise in 
Kremsmüuster selbst so gut wie nichts; alles beruht auf Conjectur. 
Es ist ein werthvoller Codex vorhanden, der als Autograph Bernards 
gilt, und der eine Reihe mit einander in Zusammenhang stehender 
Geschichten aus einer Feder enthält und auf Aventins Autorität hin 
dem Bernardus zugeschrieben wiixl, ohne dafs eine sichere Bezeich- 
nung im Codex selbst sich vorfände. Ein Bernhard erhielt aller- 
dings im Jahre 1290 das Diaconat, 1299 das Presbyteriat und scheint 
Prior geworden zu sein. Um 1327, heifst es, wäre er gestorben^). 
Diese Notizen über das Leben des Geschichtschreibers passen chro- 
nologisch vollständig zu dem, was jener Hauptcodex darbietet. 

In der Vorrede dieser Handschrift, an die wir uns hauptsächlich 
halten müssen, nennt sich der Verfasser nicht, er sagt aber, dafs er 
mit Rücksicht auf die Kremsmünsterer Kirche die mchtigen Bege- 
benheiten schildern wolle, welche sich im Gebiete des Erzbisthums 
Lorch und Bisthums Passau zugetragen haben und zwar wolle er 
von den Bischöfen, Herzögen und von den Aebten von Kremsmün- 

nardiis Noricus zugeschrieben: neuerdings hg. von J. Loserth, die GQ. von 
Kj-emsmünster im XIII. und XIV. Jahrb., mit einem Vorwort v. 0. Lorenz, 
(Wien 1872) S. 1-3L 

^) Der Hauptcodex der dem Bernardus Noricus zugeschriebenen Werke 
findet sich in liremsmünster Nr. 401 (= K) ; Beschreibung desselben bei 
Hagn a. 0. S. 2-4. Er enthält: 1. De ordine episcoporum Laureacensium; 
2. De ordine ducum Bavariae sive regum; 3. De origine et ordine ducum 
Austriae; 4. De catalogo abbatum; 5. [Geschichte von Kremsmiinser]. 
Die Hs. wurde zum Theil von Pez, SS. I. II herausgegeben, dann von Lo- 
serth, a. 0. S. 33 — 109. Pez hat von mehreren Stücken eine Waldhauscner 
Abschrift benutzt, welche wol verschieden sein dürfte von Cod. Viudob. 
3399, nach welchem Rauch, SS. 11, 381 ff. cdirte: vgl. Tabb. Codd. 11,277, 
doch halt ihn G. Waitz für identisch, lieber eine andere Waldhauscner 
Abschrift s. XV, jetzt im Brit. Mus. (Add. Mss. 1582G) vgl. NA. IV, 354. 
Die Hs. des Stiftes Weltenburg, Mon. Boica XIII, 493 fif. enthält eine spä- 
tere Compilation. 

'•*) Den Namen hat zuerst Avcntin und Cod. Monac. 1273 s. XVI ('do 
origine Bavarornni Bernardus monaclius in Chrombsmunster sub Friderico'). 
Dals das J. 1300 sein erstes Pricsterjalir war, woifs man blofs ans der 
Vita Aijapiti^ welche in der Hs. K. stellt und vermnthlich vom scUion Aut(ir 
herrührt; den Prolog derselben hat Waitz, SS. XXV, G13 veröffentlicht. 



Bernardus Noricus oder Sigmar. 219 

ster alles Wissenswüi-dige und das, was von den Päpsten und Kö- 
nigen mit Rücksiclit auf die Provinz Passau yerfügt worden wäre, 
darstellen. Dann heifst es, er wolle dies in derselben Ordnung mög- 
lichst vollständig mittheilen, was er in den früheren Schriften ver- 
sprochen zu haben sich erinnere i). So dunkel nun auch die letzteren 
Worte sind, so wenig kann doch das Versprechen derselben Ord- 
nung und der gröfseren Vollständigkeit mifsverstanden werden. Ganz 
dieselbe Anordnung des Stoffes, nur in kürzerer Weise, findet sich 
nämlich wirklich in den Schriften, welche, yne wir soeben sagten, 
dem Kellermeister Sigmar zugeschrieben wurden. Und selbst an 
einer ausdrücklichen Verweisung auf die dem Kellermeister zuge- 
schriebenen Werkchen fehlt es nicht, so dafs darüber in der That 
kein Zweifel sein kann, dafs der Verfasser jener angebhchen Werke 
Sigmars und der dem Bernardus Noricus zugeschriebenen Bücher 
eine und dieselbe Person ist^). Man könnte noch eher darüber 
zweifelhaft sein, ob der Kellei-meister Sigmar oder der Prior Bernard 
die sämmtlichen Werke verfafst habe, aber über die Identitätdes Ver- 
fassers der früheren und der späteren Bücher besteht keine Frage. 

Die ersten Aufzeichnungen dieses Geschichtschreibers, für wel- 
chen Rauch den Namen Bernards, Loserth den Namen Sigmars 

Für das Priorat Bernards im J. 1318 ist gar kein Beleg vorhanden. Vgl. 
Pachmayr, Series abbat. I, 172 — 175. 

^) Opere precium reor, de eorumdem locorum episcopis et ducibus ac 
nostre ecclesie abbatibus, quod memoria dignum gesserimt, vel que siüs 
temporibus a Romanis pontificibus et regibus sunt patrata, prout nostram 
provinciam aut ecclesiam respiciimt, litteris commendare, ipso ordine, 
ut plenius valeo, observato; quod me in prioribus memini pro- 
misisse (Bern. Cremif. Historiae, Prol. M. G. SS. XXV, 651, und dazu die 
MarginaLnotiz im Vindob.; Hist. Ci-emif. SS. XXV, 628). 

^) DLxisse sufficiat, quod primo sanctus Phylippus apostolus directus 
ab apostolis in Scythia predicavit. Scjthia vero est provincia vel pocius 
regio Em'ope secimdum Isidorum, cui conjungitur Germania, que continet 
Noricum, ut alias plenius declaravi. (Bemardi Historiae, Prol. SS. 
XXV, 652 und die Mai-ginalnotiz zu Hist. Episcoporum Patav. et duc. Bav. 
ib. p. 617: Nam beatus Phylippus apostolus per Scythiam 20 annis ver- 
bum domini predicavit. Scythia autem secundum Ysidorum libro 14. est 
prima regio Europa et habet Alaniam, Daeiam et Gociam. Cui jungitiu* 
Germania, que continet Alemaimiam vel Sueviam, Noricum vel Wawariam, 
orientalem Franciam et Saxoniam.) Die einzige Schwierigkeit liegt daiin, 
dafs Cod. W., aus welchem die Worte stammen, eben diese und viele an- 
dere Stellen als Zusätze hat. Ich erkläre mir dies so, dafs der Schreiber 
des Cod. anfangs ein unvollständiges Exemplar hatte, dafs dann ans einem 
vollständigen cUe Stellen, welche fehlten, nachgetragen worden sind und 
dafs dieses letztere eben kein anderes war als jenes, auf welches Bernar- 
dus Xoricus sich im Prolog bezieht. Man sieht, dafs, obwohl Rauch die 
schlagendsten Gründe nicht angegeben hat, seine Ansicht doch im Wesent- 
lichen die richtige war. Ich glaube, dafs die Zusammeustellung dieser 
Stellen auch jetzt noch nöthig ist. 



220 § 1^- Oesten-eichische Annalistik. 

geltend machte, fallen in die Zeit vor 1300, v,o im 26. Jahre der 
Regieiimg des Abtes Friedricli von Aich in Folge eines Convents- 
beschlusses die schon envähnten Anstalten zm* Feststellung der 
Rechte und Einkünfte Ton Kremsmünster getroffen worden waren. 
Diese Aufzeichnungen wai'en übrigens düi'ftig genug und wo es sich 
lim die Reihenfolge der Bischöfe und Aebte handelte, gingen sie 
nkgends über die letzten Decennien des XIII. Jahrhunderts hinaus. 
Zur Zeit der Umarbeitung und Yer\'ollständig"ung dieser Geschichts- 
bücher finden wir den Verfasser in mehr als einer Beziehung gereifter 
und gelehrter. Die letzten Theile des umgearbeiteten Werkes wur- 
den in den Jahren 1320 bis 27 vollendet. Für diesen Kremsmün- 
sterer Geschichtschreiber war nun die Uebertragung des Bisthums 
Lorch nach Passau ebensowenig fraglich, me der Bestand eines Erz- 
bisthiuns in Lorch. Es waren ihm auch die von Piligrim verfertig- 
ten Urkunden bekannt und er theilte sie am Schlüsse der sämmt- 
lichen Werke unter anderen Briefen mit. Der Umstand, dafs die 
Passauer Kirchenvorsteher stets nur Bischöfe waren, machte ihm 
kein Bedenken, er gibt ihnen bald den Titel von Bischöfen, bald 
den von Erzbischöfen, wie etwa jenem Piligrim selbst, den er als 
einen aufserordenthchen Mann preist. Auch in der Geschichte der 
weltlichen Herrschaften hat er die bekannten gelehrten Fabeleien 
mitbegi'ündet oder wenigstens befestigt. Dem Herzog Garlbald, über 
dessen Wii-ken er sich vollkommen sicher fühlt, läfst er noch drei 
ältere Herzöge von Babarus abstammend vorhergehen. Ebenso hat 
er den Markgi-afen Rüdeger von Pechlarn zum Vorgänger des Mark- 
grafen Leopold gemacht '). Man sieht, dafs hier die bunteste Mi- 
schung von werthvollen Reminiscenzen neben der unkritischesten Art 
der Compilationen vereinigt ist. 

Zu einem wesentlich verschiedenen Ergebnisse ist der Heraus- 
geber der neuesten, kritischen Ausgabe gelaugt-). Füi'S erste scheidet 
Georg Waitz alles was sich im Cod. W. auf das Lorch-Passauer Bis- 
thum und die Kirche bezieht, aber auch das Verzeichnifs der bai- 

') Vgl. SS. XXV, 661. 663. 

2) MG. SS. XXV, 610—678 od. G. Waitz. Ilistona epmoporiim Pata- 
viensium et ducum Bavariae p. 617 — 623 (== Cod. W. n. 3. 1; vgl. oben 
S. 217 N. 3). Notae de episcopix Pataviensibus p. 623—627 (= W. n. 4. 2) 
mit einer Fortsetzung p. 627 — 628. — Historia Cremifanensis p. 628 — 637 
(Abtkatalog; = W. n. 5. 6). liernardi ut videtur, lilnr de oriaine et ruina 
monasterii Cremifanemis p. 638 — 651 (= Cod. K. d. 5; vgl. oben b. 218 N. 1). 
Bei-nardi Cremifnnensis Ilistoriae p. 651—678 (= K. n. 1. 2. 3. 4). — An- 
nales Bamrici 1080—1347 (vgl. Loserth, S. 11) p. 637— 638. Dio Resul- 
tate seiner Fonschungen hat Waitz in der Von'cdc zur Ausg. p. 610 — 616 
und Forsch. XX, 605 — 619 niedergelegt. 



Bernardus Noricus. 221 

rischen Herzöge von deu eigentlichen Kremsmünsterer Geschichts- 
werken aus. Dies Verfahren ist gerechtfertigt durch den Hinweis 
auf das handschiiftliche Material, in welchem die ausgeschiedenen 
Stücke selbständig und ohne Bezug auf Elremsmünster wiederholt 
vorkommen. Im Zusammenhang mit den Lorcher Fabeln dürften 
dieselben um die Mitte des XHI. Jahrhunderts mit Zuhilfenahme 
älterer Bischofskataloge entstanden sein. Dieser Compilatio Pataviensis 
(Waitz, SS. XXV, 611) folgt nun in W. der Abtkatalog von Krems- 
münster (Historia Cremifanensis), welcher zwar nicht von Sigmar selbst 
verfafst, aber doch auf eine ältere, nicht mehr vorhandene Arbeit 
desselben zurückzuführen ist; er dürfte noch vor 1304 angelegt wor- 
den sein, da zu diesem Jahre bereits ein Nachtrag notü't ist. Dem 
Verfasser der im Kremsmünsterer Codex vorhandenen Arbeiten lag 
die Wiener Handschrift mit einem Theil der Marginalien vor. Er 
trug noch eine Anzahl Notizen am Rande ein und schrieb dann 
sein selbständiges Werk (Bernardi Cremifanensis Historiae) , wobei 
ihm die Wiener Handschrift als Vormerkbuch diente, in welches er 
auch noch später manches am Rande bemerkte. Für die Persön- 
lichkeit dieses Autors läfst sich leider auch auf diesem Wege nichts 
gewinnen und es bleibt daher nichts übrig, als ihm den nun einmal 
gebräuchlichen Namen Bernardus beizulegen. 

Vom allgemein litterarischen Standpunkte hat das den Historien 
unmittelbar vorausgehende Werk dieses sog. Bernardus ein unge- 
meines Interesse^). Es entwirft eine ganz ansprechende Schilderung 
von den alten Baiern, erzählt sehr umständlich die Sage von der 
Klostergi-ündung in der damals noch lebendigen Form, schildert die 
Annehmlichkeit des Ortes und die geistigen Freuden des Aufent- 
halts darin, die Klosterordnung, die Verdienste der Wolthäter des- 
selben, den erworbenen Ruhm und die insbesondere von den Päpsten 
erhaltenen Anerkennungen, und geht dann nicht ohne gewissen 
Humor auf den zweiten Theil des ganzen Büchleins über, welcher 
betitelt ist: de ruina ecclesie. Denn während der erste TheU alle 
die Umstände darstellt, welche das Glück des geheiligten Ortes zu 
begründen geeignet waren, zeigt der zweite die Leiden und Uebel, 
die im Laufe der Zeit über Kremsmünster hereinbrachen. Da wird 
an mancherlei Gebrechen und Mifsbräuche der Zeiten erinnert, dann 



') SS. XXV, 638 — 651. Die Kapitelüberschriften stimmen nicht ganz 
mit der im Prolog gegebenen Disposition überein; auch sollton blos 14 
nicht 15 Kapitel sein. Vgl. Theod. Hagn a. 0., S. 25. Bemerkenswerth sind 
auch dessen Zusammenstellungen über die alte Bibliothek von Krems- 
münster, S. 26 ff.; Tgl. Pachmayr, Series abbat. I, 165. 



222 § 1^- Oesterreicliische Annalistik, 

die UugarnlieiTschaft dargestellt, lOage geführt über die üebergriife 
manclier Bischöfe, über Gewaltthaten der Yögte und weltlichen 
Herren, kurz Alles zusammengetragen, was als strafende Geifsei 
Gottes über das Kloster gekommen war. Mit einer religiösen Be- 
trachtung endet das Buch, an welches sich dann noch allerlei 
Actenstücke, grofsentheils von anderer Hand geschrieben, an- 
schliessen. Wer auch der Verfasser gewesen sein mag, seine 
zahlreichen Werkchen zeigen einen Höhepunkt historiographischer 
Thätigkeit, wie er hier während des Mittelalters nicht wieder er- 
reicht worden ist. Der Katalog der Aebte "v^iirde im Anschlufs an 
Bernard von fünf Händen bis zimi Jahi-e 1488 dürftig fortgeführt. 

So gründlich wie in Kremsmüuster "«Tirde wol au keinem an- 
deren Orte Yon Oesterreich mehi" die Klostergeschichte im XIV. 
Jahrhundert behandelt. In ^lelk hat man sich fast ausschliefslich 
darauf beschränkt, die alten Klostersagen umzuschreiben, doch ist 
es beachtenswerth, dafs sich hier ein Ansatz zu den späteren Ge- 
lehrtenfabeln findet, welche die Markgrafschaft Oesterreich bereits 
in Beziehungen zu dem römischen Reiche und sj)eciell zu Julius 
Cäsar gesetzt haben^). Aufserdem erscheint ein gewisser Truchsefs 
Bernard als Verfasser einer Vita des heiligen Gothalm^), doch 
zeigte sich auch hier bereits eine ausgesuchte Barbarei in der Dar- 
stellung von Wundergeschichten ^). Hieran schliefsen sich Aufzeich- 
nungen des XV. Jahrhunderts bis 1484, unter welchen das Itinerar 
Wolfgangs Ton Steier und die Epitaphien auf Albrecht IL, Eli- 
sabeth und ihren Sohn Ladislaus beachtenswerth sind*). In St. 



') Historia fundationis monasterii MeUicensis: Pez, SS. I, 297. Er glaubt, 
dafs sie um die Mitte des XIV. Jahrhunderts geschrieben sei. Ueber ihr 
Verhältnifs zu dem sogenannten Chron. Conradi de Wi^zeiihei'g habe ich mit 
Rücksicht auf A. v. Meillcr, Denkschriften der ^Yieuo^ Akad. XYIII, (1868) 
in meinen Drei Büchern Gesch. u. Polit. (Berl. 1876) S. 628 f. gehandelt. 
Hiezu kommt auch die Historia de particula Sanctae crucis MeUicensis, Pez, 
n, 386—401. 

2) Vita b. Gothalmi bei Pez, SS. I, 109, vgl. Potthast. 

^) Ven. Agnetis Blannbekin, quac sub Rudolfe Habsburg, et Alberto I. 
Wiennac floruit, vita et revelationis auct. anonj'mo ord. F.F. Min. etc. ac- 
cessit Pothonis presb. et mon. ccl. mon. Priflingens. liber de miraculo S. 
Dei Gcnitncis Mariae ex mss. codd. ed. B. Pez, Yiennae 1731. Der Namen 
des Mannes, der all diese Geschichten von seiner verzückten Heiligen auf- 
scluneb, soll Ermcnricus 0. M. gewesen sein. Vgl. G. Frcih. v. Suttner, 
die Garclli (Wien 1885) S. 49—56. 

■') Anonymi Mtl/iccnsis breve clironicon 1438 — 1468 bei Pez, SS. II, 461 
bis 466. — Itini'rnriiiin venerab. vatris Wolftjancfi de Sti/ra, l>ei Pez, SS. II, 
416 — 456; vgl. Keiblingcr, Gescii. von Molk 1, 536. Eine Biographie des 
Melker Priors Johannes Slitpaelier (■{- 1482) von zwei Togornscer Bencdic- 
tincm verfafst, bei Pez, Bibl. ascct. VIII, 629-640. 



Melk, Seitenstetten, Zwettl. 223 

Florian beschäftigte sich Probst Einwik (1295 — 1313) mit der 
Lebensgeschichte der im Jahre 1289 dahingeschiedenen Reclusa 
Wilbirgis, welche das Schicksal des Königs Ottokar und den Sieg 
Rudolfs prophezeit haben soll^). Je prosaischer der Zeitgeist im 
Ganzen ■«iirde, desto dicker trug man das Abenteuerliche auf. 

Historisch wichtiger ist dagegen die Geschichte und der Abts- 
katalog des Benedictiner-Klosters Seitensteten, welche von dem 
Abt Gundachar 1319 — 1330 verfafst wairden^). Gundachar hatte 
in Admont unter Engelbert eine gute Ausbildung erhalten. Jn die- 
selbe Zeit etwa setzt Pez eine gereimte deutsch geschriebene Grün- 
dungsgeschichte des Cistercienserklosters Yon St. Bernhard, 
welche für die Familie der Meissauer zur Zeit Ottokars und Rudolfs 
einige beachteuswerthe Nachrichten gibt. Zweifelhaft bleibt jedoch, 
nach der Sprache zu schliefsen, ob wir es mit einem Werke des 
XIV. Jahrhunderts in seiner ursprünglichen Form zu thun haben^). 
Auch in Zwettl wurde eine Reimchrouik rerfafst, die bis zum 
Jahre 1304 reicht, und sich neben der Klostergeschichte wie jene 
mit den Meissauern, so mit den Kunringen beschäftigt*). Im 
Ganzen ist sie sehr unbedeutend, aber handschriftliche Ueberlie- 



^) Vita ven. Wilhirgis virg . inclusae San-Florianens. bei Pez, SS. 11,212 
bis 275, der eine zweite, kürzere folgt, strotzt von wahnsinnigen Geschich- 
ten einer entarteten Phantasie. Eine Hs. im Brit. Mus., vgl. NA. IV, 354. 
Ueber Einwik vgl. A. Czerny, d. Klosterschule v. S. Floriau (Linz 1873) 
S. 9. Verzeichnifs der Bücher, welche Einwiks Geheimschreiber Albertus 
de Aschah 1345 seinen Freunden hinterliefs, das. S. 87. Ein c. 1330 ent- 
standenes und bis zum XY. Jahrh. fortgeführtes Verzeichnifs frommer Stif- 
tungen (Oblavbuch) bei Czemj, Zwei Actenstücke z. Kulturgesch. Ober- 
österreichs im XIV. Jahrh. im 39. Rechenschaftsber. über d. Museum Fran- 
cisco-Carol. Linz 1880. Vgl. auch Czernj, die Bibhotheken v. S. Florian, 
Linz 1876. 

^) Historia fundationis monasterii Seittenstettensis bei Pez, SS. II, 301 
bis 818. Vgl. J. Wichner, Gesch. t. Admont III, 21. 

^) Anonymi Poema germanic. vetus de historia fundationis Parthenonis S. 
Bernhardi bei Pez, SS. El, 287 — 300, besser zusammen mit dem lateini- 
schen Stiftungsbuche hg. von Zeibig, Fontes rer. Aust. II, 6. 125 ff. 

*) Ganz willküiiich ist die Annahme, dafs Abt Ebro der Verfasser. — 
Fräst in Hormayi's Archiv für Geogi-. etc. 1818 und im Taschenbuch 
Bd. XXXI, S. 4 ff.: vgl. Fräst, Fontes rer. austr. II, 3. Urkunden und ge- 
schichtliche Notizen aus Handschriften von Zwetl, mitgetheilt von J. v. 
Fräst, Archiv f. Kunde österr. GQ. II, 361, enthält manches Brauchbare: 
eine Abtreihe von 1139 bis c. 1433., S. 385; ein Verzeichnifs der den Zwet- 
lern gestifteten Extraspeisen, S. 371 — 376; Statuten, Einkünfte u. dgi. m. 
An diese Geschichten östeiTeichischer Klöster sei noch der Name Johann 
Mannesdorfers, Chronisten des Klosters St. Lambrecht in Steiermark 
angeschlossen, dessen litterarische Entdeckung ein Verdienst Pangerls ist. 
Beiträge zur Kunde steiemiärk. GQ. I, 103 — 110. Mannesdorfer war seit 
1464 Syndicus von St. Lambrecht und starb in ^Yien nach dem Jahre 1488. 



224 § 16. Oesterreichische Annalistik. 

ferung und Sprache lassen eine ältere Abfassungszeit mit Sicherheit 
annehmen. 

Finden wir in diesen Fällen die Erscheinung, dafs sich die po- 
puläre Darstellungsweise in Muttersprache und Reim auch in den 
Klöstern Eingang verschaffte, so zeigt sich in Klosterneuburg 
noch ein viel merkwürdigeres Beispiel von dem Gange, welchen die 
Historiographie allmählich nahm. Während nämlich im Kloster die 
Annalistik verstummte, begannen bürgerliche Elemente an die alten 
Annale» anzuknüpfen imd dieselben fortzuführen. Die kleine 
Klosterneuburger Chronik^) ist höchst bezeichnend für diesen 
Uebergang. Es ist das Kloster und dessen Geschichte, die besonders 
im Anfang den vorwiegenden Inhalt der Aufzeichnung bilden, aber 
der bürgerliche Verfasser läfst sich keinen Augenblick verkennen. 
Er benutzte für die fi-ühere Zeit die grofse Chronik von Kloster- 
neuburg, daran knüpft er seine eigenen Erfahiningen und Erlebnisse, 
und macht Mittheilungen aus dem täglichen Leben und von den 
grofsen Ereignissen, die das Land betrafen, ganz in der Weise ge- 
mischt, wie sie dann in der Geschichtschreibung der Städte immer 
mehr hervortritt. 

In dieser bürgerlichen Entwickelung der Historiographie 
hielt nun fi'eilich der äufserste Osten des Reiches mit den ver- 
fassungsentwickelten Städten des Westens und Nordens nicht Schritt, 
doch läfst sich der Zug der Zeit und die Vorliebe der städtischen 
Bewohner für memoirenartige Aufzeichnungen wenigstens in Wien 
doch noch erkennen. In derselben Zeit, wo der reisende Bürger 
der schwäbischen Reichsstadt bei dem Anblicke Wiens den Ausruf 
nicht unterdrückte: „Das ist ain herliche wolerpaute Stat" und wo 
man bereits in steinernen Häusern luid gepflasterten Strafsen lebte, 
während die ehrsamen Bürger von Augsburg sich stritten, ob es 
Steine genug geben könne, um einen Ruthen bi'eiten Gehweg den 
Häusern entlang zu schaffen, liefs sich die allgemeine geistige Bil- 
dung an der schönen Donau bei weitem nicht in Vergleich setzen 
mit dem politisch, religiös und litterarisch geweckten Leben von 
Nürnberg oder von Strafsburg. Allerdings ist das Urtheil über 
diese Thatsache gemeiniglich rascher gefällt, als die Gründe davon 
erfafst, gewürdigt oder auch nur verstanden sind. Denn ähnliche 
vergleichende Fragen der Wissenschaft pflegen ja nur ganz aus- 

') Chronica auff Klostemewburg, der lantsfürstlichen Statt; herausge- 
geben unter dorn Titel: Die kloine KU)stonicuburgor Chronik, von II. Zcibig, 
Archiv f. K. öst. GQ. VII, 227 ff. Sie beginnt mit dem Jahre 1322, wird 
von 1400 an ausfiiiirlichcr, sclilicfst 1428. 



Wien im XV. Jahrhundert. 225 

nahmsweise historische Denker zu beschäftigen. Wie es sich aber 
auch mit den Griinden verhalte, die Thatsache wird niemand be- 
streiten, dafs wir hier mit der Wiener bürgerlichen Geschicht- 
schi'eibung ein eigenes Capitel nicht ausfüllen könnten, selbst wenn 
wir den Geistlichen, die sich in dieser Gattung geltend machten, 
das vollständige Bürgerrecht einräumen. Da stellt sich zuerst eine 
Persönlichkeit dar, deren Stand und Charakter aus den sehr dürf- 
tigen, aber interessanten Aufzeichnungen schlechterdings nicht zu 
enträthseln ist. Bunt durch einander schreibt unser historischer 
Anfänger, bald deutsch bald lateinisch; er erzählt, wie er sich 1402 
verheLrathet habe, 1404 sein Sohn ihm geboren wurde. Daneben 
notirt er Thronwechsel und Kriegsvorfälle, Erdbeben und städtische 
Ereignisse. „1433 hat man den Knopf auf den Turn zu St. Stephan 
gesetzt, das die Hoch des Turus volpracht ist worden quarta die 
post Michaelem" '). 

In durchaus eigenai-tiger Weise schiieb wenig später der ge- 
rühmte Abt Martin von den seit 1418 reformirten und deutsch- 
gewordenen Schottenbenediktinern seine Lebenserinnerungen 2) 
auf. In einem Gespräche zwischen einem Greise und einem Jüng- 
ling berichtet er seine Schicksale und sein reich bewegtes Leben. 
Die Fragen des Jünglings geben Gelegenheit die mannigfaltigsten 
Beobachtungen des gelehrten imd erfahrenen Mannes mitzutheilen. 
Wo er z. B. erzählt, dafs er nach Ej-akau gekommen w^äre, fragt 
der Jüngling, welche Sprache dort gesprochen würde, und wir hören 
die schätzbare Antwort, dafs, obwol die Leute beide Sprachen ver- 
ständen, das Deutsche doch vollständig vorherrsche. Eben so sei 
es in Kaschau oder Ofen in Ungarn. Auf diese Weise werden die 
Lebenserinnerungen des Abtes immer mit Beschreibungen von Dingen 
imd Ereignissen allgemeiner Art bis in sein hohes Alter fortgeführt. 
Gewissermafsen zu der Biographie kann auch jener besondere Ab- 
schnitt des Buches gerechnet werden, wo von der imifangreichen 
durch Cardinal Nicolaus Cusanus ins Werk gesetzten Klostervisitation 
des Jahres 1451 berichtet wird, zu der Martin beauftragt worden 
war; allein hier nehmen die Wundergeschichten sekr viel Raum ein, 
wie unter anderem erzählt wii'd, dafs der Teufel zu Admont aus- 



^) Anonymi Viennensis breve chronicon Austriacwn bei Pez, SS. U, 548 
bis 550. 

2) Ueberliefert unter dem eigenthümlichen Titel Senatorium sive dialo- 
gus historiae Martini ahhatis Scotorum bei Pez, SS. II, 623 ff. ; über das 
Leben und sonstige Schriften Martins aus Leibitz in der Zips, vgl. Haus- 
wirth, Abrifs einer Gesch. der Bened. Abtei zu den Schotten, S. 37 — 41. 

Lorenz, GesuhichtsqueUen. 3. Aufl. I. 15 



926 § ^^- Oesterreichische Annalistik. 

nahmsweise einmal die Wahrheit gesprochen habe^). Daran schliefsen 
sich allgemeinere Geschichtsdarstellungen über die Schottenabtei, 
ihre Gründung, ihre Stifter und deren Geschlecht und Nach- 
kommen. Abt Martin ist auch Verfasser mehrerer theologischer 
Werke, die aber hier ebensowenig berücksichtigt werden können, 
■v\-ie die ständisch-politischen Kämpfe, an welchen er sich lebhaft 
betheiligte. Er resignirte im Jahre 1461 und starb drei Jahre später 
als Stiftssenior. 

Eben in diesen Zeiten war Wien der Schauplatz sehr eingrei- 
fender und grofser Bewegungen. Rath und Bürgermeister nahmen 
hervorragenden Antheil an den ständischen und dynastischen Fragen, 
welche seit der Minderjährigkeit des nachgebornen Ladislaus und 
noch mehr seit dessen Tode sich erhoben hatten. Wiewol nun eine 
schätzbare und umfassende städtische Actensammlung über 
die denk\wrdigen Kämpfe dieser Zeit vorliegt^), so zeigt sich in 
derselben doch bei weitem nicht die historiographische Eutmckelung 
ähnlicher officieller Bücher in den deutschen Reichsstädten. Es fehlt 
wol auch hier nicht ganz an darstellenden Einleitungen zu den ein- 
zelnen Abtheüungen der Sammlung, allein sie sind immer sehr 
dürftig und notizenhaft. Zu einer anschaulichen Zusammenfassung 
der in den Briefen und Acten berükrten Ereignisse fehlt dem städti- 
schen Sammler entweder die Lust oder das Können. Anders da- 
gegen verhält es sich mit einer anualistischen Aufzeichnung 
in deutscher Sprache, welche die Jahre 1454 — 1467 umfafst, und 
wol als die bedeutendste Erscheinung in der angegebenen Richtung 
betrachtet werden darf. Wer der Verfasser des Werkes war, läfst 
sich kaum annähernd feststellen. Eigentlich bürgerlichen Kreisen 



') Vgl. Wichner, Gesch. v. Adraont HI, 185. Martins Antheil an der 
Abfassung des einsichtsvollen Visitationsrecesses, welchen P. Benedict 
Braunmüller aus Clm. 14196 im Aus/uge mitgetheilt hat (Studien u. Mitth. 
aus d. Benedictinenird. ITT, 2. 311 — 321) dürfte sich kaum feststellen lassen. 
— Ueber den Stand der Oesterreioliischen Benedictinerkloster liegt ein 
interessanter Bericht des Melker Priors Martin von S engin g au das 
Concil (1433) als Tuitioncs observantiae reg. S. Benedicti vor, bei Pez, 
Bibl. ascetica Vlll, 505—550. 

^) KoUar, Analecta pag. 827 — 1403 und Zeibig, Copeyhuoh der ge- 
mainen Stat Wienn. Font. rer. Austr. II, 7. 1454 — 1464 als Fortsetzung 
zu KoUar. Die llauptthätigkeit des officiellen Sammlers beschränkt sich 
auf die Ueberschriften, die er hinzufügt, und welciie manchmal aus- 
führlicher gefafst sind und in einen erzählenden Ton übergehen, wie 
S. 99, 297 zum 25. Juni 1458, wo die Besetzung der Burg durch 
Albrecht VI. erzählt ist u. s. f. — Eine Rede Gregors von Heim bürg 
über die Gründe der Gefangennahme Ulrich Eizingers (1458 März 5) hat 
V. Zeiföberg, Arch. f. öst. G. LVllI (1879), 169—170 publicirt. 



Oesterreichische Denkwürdigkeiten. 227 

Wiens gehörte er sicher nicht an. Für den Kaiser Friedrich nimmt 
er entschieden Partei, er war also, was man damals einen „Kaiserer" 
nannte. Doch würde ihn dies vielleicht noch nicht unbedingt von 
der Bürgerschaft Wiens ausschKefsen. Bedeutsamer ist es aber, dafs 
der unbekannte Verfasser über Vorgänge am Hofe gemeiniglich 
besser unterrichtet war, als über Ereignisse der Stadt. Man möchte 
am liebsten an eine Persönlichkeit aus Friedrichs Kanzlei denken, 
aber auch dagegen lassen sich Bedenken ei'heben. Die Aufzeich- 
nungen scheinen übrigens nicht in ursprünglicher Gestalt vorzu- 
liegen, sondern -^-urden einer zusammenfassenden Redaction unter- 
zogen, welche, wenn das Schlufsdatum nicht täuscht, im März 1467 
vollendet wurde i). 

An diese gleichzeitigen Aufzeichnungen schliefst sich in voll- 
kommener Memoirenfonn die interessante leider nicht vollständig 
bekannt gewordene Selbstbiographie des Andreas von Lapiz, 
Burggrafen von Steier, der die Geschichten, die er erlebte, zu 
einem Untemcht für seine Kinder niederschrieb. Er war Ulrichs 
von Cillj und nachher König Ladislaus Diener. Seine Erinnerungen 
schrieb er aber wahrscheinlich erst in späteren Jahren seines Lebens 
nieder 2). 

Aus derselben ereignifsreichen Zeit gibt es auch kleinere Dar- 
stellungen über einzelne merkwürdige Begebenheiten, welche aber 
meist dem Bedürfnifs brieflicher Mittheiluug nach Aufsen ihren Ur- 
sprung verdanken. So der Bericht über die Gefangennahme iind 
Hinrichtung des Bürgermeisters Hölzer^) (1463), und die Be- 
schreibung der Ki-ankheit und des Todes Herzog Albrecht VI. 
(t 1463) von dem Thürhüter Hanns Hierfzmann*). Der letztere, 
von Geburt ein Schwabe, wurde von Leonhart von Velseck aufge- 

') Anonymi Chronicon Austriacum bei Senkenberg, Sei. jiu*. V, 1 — 346, 
aus der Gicfsener Hs. 352 s. XVI vgl. NA. IV, 65. Auch von Rauch als 
Beilage zum III. Bd. der SS. und selbständig 1791 nach Cod. Vindob. 2908 
s. XV. vgl. Chmel, Hss. d. Hofbibl. II, 190. Die Beziehimg der Quelle zu 
dem Hofe, gebt auch aus der Verwandtschaft derselben mit den Hofzei- 
tungen hervor, die über gewisse Ereignisse vorliegen und von welchea 
■weiter unten bei der Fürsten- und Landesgeschichte gehandelt wird. 

^) Ein Bruchstück davon in (Wui'mbrandt) Collectanea geneal. histor. 
ex archivo incl. Austriae inferioris statuum. Viennae 1705, vgl. Caesar 
Annal. duc. Styriae III, S. 455. 

^) V. Karajan, Kleinere Quellen zur Gesch. Oest. Wien 1859. Eyn ab- 
schrift eines zedel herrn Matheus Sligk etc. zugesannt der verlauffung zu 
Wyenn, in der karwoclien geschehen, S. 15 — 22. 

*) Ebend. S. 23—51. üeber den bei Hormayr Archiv 1811 vorkom- 
menden IiTthum Ortolf Greumann (recte Gewmann) betreffend, s. Karajan, 
ebd. Vorrede. 

15* 



228 § 1^- Oesterreichische Annalistik. 

fordert zu erklären, was an dem Gerüclite wahr wäre, dafs AlbrecM 
von Herrn Jörg von Stain vergiftet worden sei. Hierauf antwortete 
Hierfzmann mit einer unbeholfenen aber unendlich getreuen Dar- 
stellung, in welcher niemand aufser dem Arzte des Herzogs hart 
mitgenommen wird. 

Der Sache und dem Inhalte nach nicht zu Oesterreich gehörig, 
aber mit der Geschichte der Dynastie auf das engste verknüpft, sind 
die Denkwürdigkeiten der Helene Kottanner^), vielleicht aus 
fränkischem Geschlechte, welche in Diensten der Königin Elisabeth, 
Tochter Kaiser Sigismunds, Wittwe Albrechts II. von Oesten-eich 
stand. Ihre merkwürdigen Aufzeichnungen aus den Jahren 1439 
xmd 1440 erfreuen sich durch G. Freytag einer gewissen Berühmt- 
heit. Leider ist nur ein Bruchstück davon vorhanden, so dafs 
weder über die Zeit noch den Ort der Abfassung etwas zu ersehen 
ist. Allein die Erzählung der Kottannerin ist durchaus pragmatisch 
und auß einem Gufs, so dafs an eine allmähliche Entstehung ihrer 
Denkmirdigkeiten nicht gedacht werden könnte. Dafs aber sowol 
König Ladislaus als auch die Königin Elisabeth zur Zeit der Ab- 
fassung noch am Leben waren, dürfte unschwer zu erkennen sein, 
weniger sicher ist dies vielleicht von König Wladislaxis von Polen. 
Als Schriftstellerin stellt sich Helene Kottanner, was Lebendigkeit 
der Darstellung und psychologischen Antheil an den Ereignissen 
anbelangt, den besten Schriften dieser Gattung an die Seite. 

Eine gleich interessante Schrift findet man denn auch erst ganz 
am Ende des XV. Jahrhunderts wieder in Oesterreich, wo der Wiener 
Arzt und Doctor Johannes Tichtel sein Tagebuch (1477 — 1495) 
auf die Vorstehblätter und Pergamentstreifen eines gedruckten medi- 
cinischen Buches schrieb, über welches er Vorlesungen an der Uni- 
versität hielt 2). Er bedient sich aber dabei der lateinischen Sprache 
und zeigt doch nur sehr nebensächliches Interesse für öffentliche 
Angelegenheiten. Tichtel gehört aber seiner litterarischen Stellung 

') Endlicher, Aus den Denkwürdigkeiten der Helene Kottannerin, Leip- 
zig 1846. Was es übrigens mit der Krone auf sich hat, welche so ge- 
heiinnirsvoll entwendet wird, ist nicht so ganz sicher, als G. Froytag in 
der schönen Einleitung zu dem Stücke in den Bildern annimmt. Die Kot- 
tanner hielt es für die Krone des h. Stephan, aber vgl. Birk, Quellen und 
Forschungen zur osterr. Gesch. S. 22() ff. Die hier sonst veröffentlichten 
Aufzeichnungen aus gleicher Zeit erwähne ich weiter unten. 

*) Tichtels Tagebuch schon von Ranke nach Rauchs (SS. II, 533 bis 
563) wenig brauchbarer Ausgabe wol beachtet, wurde vollständig herausg. 
von Th. V, Karajan, Fontes rer. austr. I, 1. 1 — 66, das Tagebuch reicht von 
1477 — 1195. Adalb. Horawitz, Joh. Tichtel, ein Wiener Arzt d. XV. Jahrh. 
Berichte u. Mitth. d. Wiener Alterthumsvcr. X (1869), 25—34. 



Ulrich von Lichtenstein. 229 

nach dem Freundeski-eise des Konrad Celtes au und fällt daher 
wesentlich der humanistischen Epoche zu. Man sieht, dafs noch im 
XY. Jahrhundert in der Ostmark die birrgerUchen Kreise nicht im 
"Vordergründe litterarischer und historiogi-aphischer Thätigkeit stehen, 
und man muss sich an andere Stände wenden, an den Adel, an 
die Hofki-eise, an die gelehrten Schreiber und professionsmäfsigen 
Dichter, um den Faden der deutschen Geschichtsquellen nicht zu 
YerHeren. 



§ 17. Deutsche Dichtung in Oesterreich, 

Seit sich die Reiaikuust ganz specieller geschichtlicher Stoffe 
bemächtigte, konnte es auch in den österreichischen Gebieten an den 
mannigfaltigsten Versuchen solcher Art nicht fehlen, me man sie 
frühzeitig schon in den Kiederlanden und am Rhein gefunden hat. 
Diese Darstellungen haben sich aber in Oesterreich sehr zu ihrem 
Yortheüe gar bald der Zeitgeschichte zugewendet und haben dadurch 
den Charakter tou Memoiren erhalten, -«-ie sie denn überhaupt viel 
subjectiyer, darum aber auch viel lebendiger und anschaulicher sind, 
als die ähnlichen Werke in anderen Gegenden. Das bekannteste 
und wenn man will grofsartigste historische Zeitbild in yollkommen 
memoirenhafter Form bietet Ulrich Yon Liechtenstein, zu dessen 
historiographischer Beurtheilung hier wol noch einiges hinzuzufügen 
wäre'). Von den Litteratm-historikeni wird allseitig der Abstand 
heiTorgehoben, welcher zwischen der Selbstbiogi-aphie und den das 
lyrische Talent verrathenden, eingefügten, glatt und anmuthig dahin- 
gleitenden 58 Liedern und Leichen besteht 2). Das Buch vom 
Frauendienst kann sich, was die Erzählung betrifft, bei weitem 
nicht messen mit den niederdeutschen ähnlichen "Werken, wie etwa 
dem des Meister Gottfried Hagen in Köln. Dagegen ist das Frauen- 
buch in der ganzen Anlage und Schilderung bedeutender, weil es 
ein satirisches und lehrhaftes Element enthält, zu welchem die öster- 

P W. G. n, N. 

-) Weinhold, lieber den Antheil Steiermarks an der deutschen Dicht- 
kunst des XIII. Jahrhunderts, Almanach der Akad. in AVien 1860, S. 225; 
"Wackernagel, Litteraturgesch. 2. Aufl. S. 285. Hier wii'd auch des Gedichtes 
auf die Schlacht an der Leitha 1246 gedacht und die Vemiuthung aufgestellt, 
es möchte das leider verloren gegangene Lied von Ulrich selbst hergerührt 
haben. Neuestens liegen die höchst lehn-eichen und scharfsinnigen Unter- 
suchungen über "Ulrich von Lichtenstein von Karl Knorr, Quellen und 
Forsch, z. Spr. u. Culturg. Strafsburg 1875 vor, doch liegt der Schwerpunkt 
selbstverständlich auf dem litterarischen Theile der Arbeit: vgl. Scherer. 
Anz.f.d.A. 1,248— 255. 



230 § ^'^- Deutsche Dichtung in Oesteireich. 

reiciliscile Dicttung immer melu" geneigt war^). Die Yollenclung des 
Frauendienstes fällt in das Jalir 1255—56, die des Frauenbuches 
zwei Jalu-e später. Der Frauendieust berichtet Ulrichs Leben; das 
Frauenbuch ist ein Zeitbild, bei welchem das auffallendste ist, dafs 
der Dichter sich höchst tadelnd über dieselben Menschen ausspricht, 
bei denen er doch mit den Thorheiten seines Frauendienstes Gefallen 
gefunden haben mufs. Yielleicht wäre eine genauere Yergleichung 
der Schilderungen, wie sie von einem und demselben Dichter in zwei 
rasch aufeinander gefolgten "Werken so yerschieden dargeboten wer- 
den, das richtigste Mittel, um den historischen Werth des Frauen- 
dienstes für die Erkenntnifs des Charakters der Zeit zu ermessen; 
denn ob und in wiefern die Memoiren Ulrichs Ton Liechtenstein für 
die Zeit und ihi'e Geschichte allgemein giltig und bezeichnend sind, 
mufs dahingestellt bleiben, zumal sich der Dichter ja selbst über den 
Yerfall des Ritterthums heftig beklagt. Er war um die "Wende des 
Xn. und Xin. Jahrhunderts geboren, wurde mit seinem 12. Jahre 
Edelknabe einer vornehmen Dame, kam hierauf zum Markgrafen 
Heimich von Istrien, verlor 1219 seinen Yater, und begann, im Be- 
sitze seines Erbtheils mit dem Jahre 1222 sein abenteuerliches Welt- 
leben^). 1245 ■oiu-de er Landeshauptmann und oberster Landrichter 
in Steiermark. An der Leithaschlacht nahm er wahrscheinlich per- 
sönlichen Antheil und wau'de später nach dem Tode Herzog Fried- 
richs IL in Kämpfe mit den österreichischen Ghibellinen verflochten, 
da er füi" den Erzbischof Philipp von Salzburg die Waffen ergriff. 
Nach dem Zeuguifs der Reimchronik liefs er sich in den nächsten 
unruhigen Zeiten das Wol des Landes sehr angelegen sein, schwankte 
aber in seiner Parteistellung unstet und würdelos hin und her, schlofs 
sich der Herrschaft Ottokars von Böhmen an und frondirte mit 
dem übrigen Adel gegen dieselbe. Im Jahre 1275 oder 1276 starb 
er. Seine poetische Production hörte auf der Höhe seines Lebens 
auf und auch sein Tagebuch wurde im Geschäftsdrange der spätem 
Jahre leider nicht fortgesetzt. Sein Sohn Otto erbte aber die Yor- 
liebe des Yaters für zeitgenössische Poesie. "Wenn man seine ^le- 

') Ausgabe von Lachraann, Berl. 1841. Eigentlich bekannt wurde 
Ulrich durch Ludwig Tiecks Uebersetzung (Berl. 1812), die noch immer 
hauptsächlich gelesen wird. 

^) Ueber Ulrichs LebensverhiÜtnisse: Karajan in Laohmanns Ausgabe, 
S. 663 ff.; von der Hagen IV, 321— 404: Falke, Geschichte dos Hauses 
Liechtenstein I, 57 — 124. Die Urkunden sind hier ziemlich vollständig zu- 
Bammengestellt, doch ist aus Wiener Jahrb. d. Lit., Bd. 108 und darnach 
meiner Abhandlung : Ottokar 11. und Salzburg, SB. d. Wiener Ac. XXXIII, 
472. 479. 483 mehreres hinzufügen. Das urkundliche Material neuerdings 
geordnet von A. Schönbach, Zs. f. d. A. XXVI (1882), 307-326. 



Seifried Helbling. 231 

moiren vom Standpunkte der historischen Quellenforschung mit Er- 
scheinungen anderer Jahrhunderte vergleichen darf, so könnte man 
sie am passendsten mit denjenigen Casanovas zusammenstellen, von 
denen ja ebenfalls sicher ist, dafs sie im höchsten Mafse historisch 
wichtig und dabei doch ebenso individuell imd excentrisch sind. 
Für die allgemeine Charakteristik der Zeit werden die einen und 
die anderen mit Vorsicht benutzt werden müssen. 

Das Ritter- und Turnierwesen war und blieb übi'igens immer 
etwas der Mode nach Wechselndes und hing von zufälligen Umstän- 
den und Persönlichkeiten ab, die es bald da bald dort mehr in Gang 
brachten. Von einem böhmischen Ritter •ndrd uns eine Tumierfahrt 
in Frankreich in ziemlich dürftiger Weise geschildert^). Von einem 
unbekannten Verfasser, nicht aber von Konrad von Würzburg, ^vie 
früher geglaubt \\T.irde, werden dagegen diese Turniere um die Gunst 
der Frauen bereits zu einem höchst possenhaften und unfläthigen 
Schwank benutzt, der aber keinen geringeren Werth für die Charak- 
teristik der Zeit hat als Ulrichs Frauendienst 2). Wenn übrigens 
Ulrich von Liechtenstein die Zeit, in welcher er das Frauenbuch 
schrieb, gegenüber der der Babenberger verkommen und unritter- 
lich bezeichnete, so ist es unterhaltend zu sehen, dafs wieder diese 
Zeit als goldig von einem Dichter aus dem Ende des XIII. Jahr- 
hunderts geschildert wird. Dieselbe jüngere Generation, welche von 
Ulrich von Liechtenstein als unritterlich gescholten wird, ist im 
nächsten ^lenschenalter bereits zum Muster der ritterlichen Treff- 
lichkeit gemacht 3). 



') Des böhmischen Ritters Johann von Michelsberg Ritterfahrt in 
Frankreich von Heinrich von Freiberg, mit dem Wappen des Königs von 
Böhmen. Der Name des Dichters ist ausdrücklich genannt, vgl. Neues 
Jahrbuch d. Ges. für deutsche Sprache II, 92. 

2) Der Ritter mit der Bu-ne in Lafsbergs Liedersaal III, 147—160, 
Lachmann und Haupt haben das Gedicht Konrad von Würzburg abge- 
sprochen, Auswahl aus den hochdeutschen Dichtern des XIII. Jahrhunderts, 
Berlin 1820, S. 10, ferner Haupt, Vorrede zu Engelhard S. VIH, doch 
führe ich dies Gedicht nur zur Exemplification des Gesagten an. Es ge- 
hört strenge genommen nicht unter diese Quellen und es würde unsere 
Aufgabe überschreiten, wenn wir alles Aehnliche, was wol zur historischen 
Gesammtanschauung gehört, anführen wollten. Einen Uebergang von Ul- 
richs Frauenbuch zur Schilderung Helblings bietet der von dem letzteren 
erwähnte Meister Konrad von Haslau; Haupt, Zeitschrift VHI, 550. 

^) Seifried Helbling, hg. von Th. Karajan, Haupts Zs. IV und Sep.- 
Abdr. Lpzg. 1844. S. 244. 245. Die einzige Hs., die Karajan kunstvoll 
benutzte, ist aus dem XVI. Jahrh. Beiträge z. Kritik u. Erklärung des 
Seifr. Helbl. von 0. Jänicke, Haupts Zs. XVI, 402. Als wichtigste Ergän- 
zung mufs der von Karajan berichtete hs. Fund gelten, SB. d. Wiener Ac. 
LXV (1870), 377 ff. wo K. den Autornamen aufrecht erhält. Neuerliche 



232 § ^'^- Deutsche Dichtung in Oesterreich. 

Als histoiische Quelle scheinen auch die Gedichte überschätzt 
worden zu sein, welche unter dem Kamen Seifried Helblings 
zuerst gedruckt worden sind. Gegenwärtig weifs man, dafs kein 
Seifried Helbling der Verfasser sei, und. dafs man es mit einer 
Sammlung mannigfaltigen Inhalts zu thun habe*). Es sind fünfzehn 
in Form und Inhalt sehr verschiedene "Werkeheu, deren Abfassungs- 
zeit von dem Herausgeber mit gTÖfster Sachkenntnifs festgestellt 
ist. Mehr als Anspielung auf die Zeitereignisse findet sich in den 
Gedichten jedoch nicht. Der Dichter ist mit der neuen Regierung 
im Ganzen sehr unzufrieden, hat vieles am Herzog Albrecht und 
nicht weniger am König Rudolf selbst auszusetzen, aber er ist auch 
ein eifriger Gegner des Adels, welcher sich gegen den Herzog Al- 
brecht empört. Wie sehr mau seinen Mittheilungen gegenüber vor- 
sichtig sein mufs, erhellt aus der Insinuation (in TV), dafs die 
Laudherren im Jahi'e 1295 vier Markgi-afschaften für sich selbst 
hätten gründen wollen, eine Behauptung, die offenbar eine schamlose 
Lüge ist. Die Satire, so oft sie in Anwendung kommt, verblendet 
völlig den Dichter über die Wahrheit der Dinge. Er ist übrigens 
ein Muster von einem Stockösterreicher, wie sie eben nur seit der 
Mitte des XHI. Jahrhunderts vorzukommen pflegen, eine Art von 
Patriot, welcher alles Fremde herabzieht und die Eigenthümlich- 
keiten des Oesterreichers als etwas höchst Vollkommenes ansieht. 
Dazu pafst aber fi'eilich wieder sein bitterer Tadel über die Zu- 



Untersuchung des historischen Materials von Jos. Seemüller, Studien zum 
kl. Lucidarius, SB. d. Wiener Ac. CII, 567 ff. (vgl. Anz. f. d. A. X, 56—58, 
GGA. 1883, 29), Textkritisches von F. Bech, Germania 28 (1883), 385 
bis 388 und E. Martin, Zs. f. d. A. 27, 382. Heintzeler, über d. Gedichte 
des sog. Seifr. Helbling, Progr. d. Realschule, Reutlingen 1883 (kenne 
ich nicht). 

') Zur Datirung der Gedichte Martin in Haupts Zs. XIII, 464 und 
Grenzboten 1868, 1. 321—328. Das 13. Gedicht ist ein Brief eines hove- 
gumpelmann an seinen Freund und ist also der daselbst vorkommende 
Name Seifried Helbling ein fingirter, zumal als derselbe Mann 13, 7 als 
sclion verstorben angeführt wird. In der Feststellung der Reihenfolge 
scheint mir Martin auf das rein formelle Moment des Gesprächs zwischen 
Herrn und Knecht zu viel Rücksicht genommen zu haben. Wenn der 
Knappe im 4. und 15. Gedicht entlassen und im 2. und 8. wieder aufge- 
nommen ist, so wird man sich dies nicht als thatsächlich geschehen den- 
ken, sondern als eine Form der Darstellung, welche in Rede und Gegen- 
rede selbst ihren formellen Grund hat. Karajans Zeitbestimmungen sclieinen 
mir in den meisten Fällen richtig, nur in Bezug auf das 8. Gedicht könnte 
man Martin beistimmen, dafs es noch in König Rudolfs Zeit und dann 
nothwondig 1283 zu setzen sein mochte. Nach Scemüller a. 0. 572 ist 
die chronologische Folge der Gedichte: XIV (1283), V (1286), VI (1291), 
I (1291/2), II (1292-4), III, IV (1296-8), Vll, XV, VIH (1298); die übri- 
gen enthalten keine geeigneten chronol. Merkmale; 



Helbling. Hirzelin. 233 

stände wenig. Er gehört zu denen, die sich ein Bild von den alten 
Zeiten und Yon einem österreichischen Normalmenschen zurecht ge- 
macht haben und sich dann berechtigt glauben, die Gegenwart 
daran zu messen. Dafs der Dichter in der Nähe von Wien zu 
Hause war, dafs er sich der Persönlichkeiten, welche 1246 und 
1260 in den KJriegen gefallen waren, erinnert, verheirathet war und 
Kinder hatte, gibt doch nicht hinreichende Anhaltspunkte, um den 
Stand, dem er angehörte, bestimmt bezeichnen zu können. Selbst 
die Annahme, dafs er Geistlicher gewesen, wäre dadm-ch nicht aus- 
geschlossen*). 

Gröfsere historische Bedeutung als der sogenannte Helbling hat 
das Werk eines anderen Dichters, der, auf Oesterreichs Seite stehend, 
die Schlacht am Hasenbühel (1298) schilderte, obgleich auch 
er in den eigentlichen Geschichtswerken genugsam überschätzt 
worden ist. Hirzelin als Gegensatz zu dem später zu eru'ähnenden 
rheinischen Dichter derselben Begebenheit bietet an sich Interesse 
genug, yvii brauchen ihn nicht als eine vorzügliche Geschichtsquelle 
zu preisen. Wahrscheinlich war er aus der Gegend von Gonstanz 
zu Hause, unverkennbar hatte er jedoch zu dem Kärntnischen Hofe 
Herzog Heimichs nahe Beziehungen und man nimmt allgemein an, 
dafs er dessen Brot afs^). Eine eigentliche Schlachtbeschreibung 
ist das, was er gibt, nicht; Namen, Wappen und Anzüge schüdert 
er, als ob es ein Turnier wäre. Auch ist nicht aufser Acht zu 
lassen, dals er für die Herrn von Wallsee sich besonders eingenom- 
men zeigt. Leider ist übrigens das Gedicht so wenig vollständig 
wie das seines Concurrenten, des rheinischen Darstellers von der 
Partei König Adolfs. 

Nach Kärnten weisen indefs noch andere Spuren von Pflege 
zeitgenössischer Dichtung. Yon einem ungenannten Verfasser hat 
man ein Gedicht auf den Tod einer Herzogin von Kärnten, welche 
keine andere als die Gemahlin Herzog Heinrichs sein dürfte, die im 
Jahre 1331 starb 3). Das Gedicht ist in der Form abgefafst, \ne 
man deren auch andere besitzt: die Klage um den Grafen Wernher 

1) Dafür spricht auch, dafs er lesen kann 7, 450, Latein versteht und 
in der Bibel bewandert ist; vgl. Karajan S. 246. 

2) Hirzelin ist aus dem Cod. 3399 der Wiener Hofbibl. von Rauch, 
SS. 11,300 und aus Cod. 352 (vgl. Tab. Cod. H, 277; 1,50) von Graff, 
Diutisca III, 314, dann nach diesen von Böhmer, Fontes II, 479 und am 
besten von Liliencron, Histor. VolksUeder Nr. 4, S. 11 edirt. Zur sach- 
lichen Beurtheilung vgl. meine Deutsche Gesch. II, 663, 664. Vgl. Ober- 
bayr. Arch. XXVI, 824. 

*) Klage um eine edle Herzogin; Lafsberg, Liedersaal II, 269 ff. 



234 § 17- Deutsche Dichtung in Oesterreich. 

TOn Homberg'), um den Grafen Johann Ton Brabant den Minne- 
sänger, der 1294, im Tiu'nier tödtlich ver^^imdet, starb ^), oder um 
den Grafen Wilhelm IV. Yon Holland^) (f 1337). Solche allegorische 
Gedichte mancherlei Art, zu denen auch Konrads von Würzburg 
Klage der Kunst gehört, waren im XIV. Jahrhundert vorzüglich be- 
liebt und kommen auch im Romanischen vor, wo gewissermafsen 
dieser Richtung durch Dante die unvergängliche Krone aufgesetzt 
vmrde. In unseren deutschen Todesfeiern ist aber das Stoffliche 
nur karg zugemessen und die Phrase überwiegt. Unser kärntnischer 
Dichter hat in 635 Versen soviel gejammert, dafs er nicht einmal 
des Gemahls oder des Vaters der edlen Herzogin gedacht hat. Viel 
Historisches ist also auch da nicht zu finden. 

Als beachtenswerther erscheint dagegen manche treffende Be- 
merkung, die man gelegentlich bei Dichtern über ihre Zeitgenossen 
findet. So ist auch bei den ]\Iinnesängern manches dieser Art ver- 
steckt*). Auf den Tod Friedrichs des Streitbaren hat der Tauhuser 
gedichtet, der vms überhaupt A"iel von den östlichen Völkern, von 
Ungern, Tataren und Kumanen erzählt^). Der Oesterreicher Fried- 
rich von Sonnenburg, den wir am besten an Ulrich von Liechten- 
stein anschliefsen, hat drei Gedichte auf König Rudolf gemacht. 
Er hat sich die Krönung in Aachen von einem Brunecken be- 
schreiben lassen und versifich-t sogar das Actenstück des Papstes 
über Rudolfs Anerkennung^). Dagegen hat Rudolf, der Sieger in 
Oesterreich, auch manche gewaltige Feinde unter den Minnesängern. 
Am bekanntesten sind jene drei, welche seine Kargheit so arg be- 
spöttelt haben. Der Meister Stolle, der früher schon ein Straf- 
gedicht gegen Ludwig II. von Baiern gemacht, auch Meinhard von 
Kärnten besingt und endlich mit dem Schulmeister von Efs- 
lingen und dem Unverzagten'') wetteifert, den König bei den 
fahrenden Sängern in den üblen Ruf des Geizes zu bringen. Da- 



') Ebcnd. 321 ff.; vgl. Minnesinger IV, 39. 

^) Neues Jahrb. d. Ges. für deutsche Sprache 111, IIG. 

3) Ebend. VI, 25L Vgl. Zs. f. d. A. XIII, 3G1. Germania XXIII, 448. 

*) Ich stelle hier einiges zusammen aus von der Magens Minnesingern 
IV. Bd. Auf anderes komme ich noch bei den Reichssacheu. 

s) Ebend. IV, 422. 

'') IV, 652 — 658. Vgl. 0. Zingcrlc, über Friedr. von Sonnenburgs Le- 
ben u. Dichtung, Innsbr. 1878. 

IV, 706 und 707: vgl. IV, 448. 4.53. 713. Schlegel im deutschen 
Museum 1812, 1. Bd., S. 315. Gcrvinus, Gesch. der deutschen Diclitkunst 
11, 9, wo auch S. 19 Beziehungen der SpruclulichtcM- zu audoron Fürston 
und Herren zusammengestellt sind. 



Miimesänger. 235 

gegen hat Frauenlob ein schönes Wort bei Rudolfs Tod gesprochen') 
und bei dem von Steinmar ist ein Lied über Rudolfs Heerfahrt 
nach Thlmngeu, welches sogar ein gewisses ki'itisches Interesse ge- 
wähi't-). Unbedeutende Erwähnung finden Rudolf, Albrecht und 
Friedrich auch bei Boppo, bei dem Hellefeuer, der der Erfinder 
des Spafses vom römischen Reich ist, das heifsen könne Römisch 
Arm^), ferner auch bei dem Marner*) tmd bei Regenboge, der in 
der Sibülinischen Weissagung von dem Kampfe Albrechts und Adolfs 
handelt^). 

Wichtiger dagegen ist ein Spottgedicht auf Kaiser Ludwig 
den Baier^), welches gewifsermafsen an die österreichischen Dich- 
tungen seinem politischen Inhalte nach angeschlossen werden kann. 
Es ist ein sehr frisches volksthümliches Lied von einem Dichter 
aus den östeiTeichischen Vorlanden und bezieht sich auf eine mifs- 
glückte Unternehmung, welche Kaiser Ludwig und sein Landvogt 
in Schwaben, Eitel Hundl)ifs von Ravensberg, gegen Feldkirch vor- 
hatten. Die Zeit des Ereignisses recht zu bestimmen, wollte aller- 
dings bis jetzt kaum gelingen, doch ist die Abfassung des Gedichtes 
mit gröfster Wahrscheinlichkeit auf das Jahr 1340 — 41 zu setzen^). 
Dafs Graf RudoK von Hohenburg damals noch am Leben war, 
braucht nicht vorausgesetzt zu werden. 1340 ist ein Anschlag 
auf Vorarlberg gemacht worden und der Dichter stellt sich vor, dafs 
dies vom Kaiser im Schild geführt würde, um die früher schon dem 
Hohenberger widerfahrene Schmach zu rächen. Die letztere Anspie- 
lung bezieht sich auf ein früheres Ereignifs, welches aber in Feld- 
kirch natürlich noch lebendig in Erinnerung war. 

Die beiden hervorragendsten Dichter des XIV. Jahrhunderts, 
welche die Ereignisse und Zustände in Oesterreich zum Gegenstande 



') IV, 733. 

2) IV, 469. Von der Hagen möchte auf Grund desselben eine Heer- 
fahrt nach Thüiingen auf 1276 setzen. 

3) IV, 710. 
*) IV, 526. 
5) IV, 637. 

^) Zuerst in Lafsbergs Liedersaal unter dem Titel Kaiser Ludwig der 
Baier; HI, 121. Dann von Liliencron unter dem Titel 'Zu Feldkirch' I, 
40, mit wichtiger Einleitung und Mittheilungen von J. Bergmann. Das 
von Pfeiffer mitgetheilte Gedicht auf Ludwig steht im vollen Gegensatze 
dazu und ist eine Ehrenrede wie die eben vorher erwähnten Gedichte. 
S. Bd. II, § 13. 

^) Neuerdings vermuthet jedoch Riezler, Gesch. Baierns II, 465. 558 
dafs erst der erfolglose Zug, den Kaiser Ludwigs Sohn Stephan im Win- 
ter 1845 gegen Feldkirch unternahm, Veranlassung zu dem Spottgedicht 
geboten hat. 



236 § 1'^' Deutsche Dichtung in Oesterreich. 

ihrer Betrachtungen und Darstellungeu machten, sind Heinrich 
der Teichner und Peter SucheuAvirt. Der erstere ist nur leider 
zu allgemein, als dafs man füi- den historischen Quellenstoff viel 
Beachtenswerthes bei ihm zu finden vermöchte. Wh* haben glück- 
licherweise in eine allgemein litterarische Würdigung des geistlosen 
Reimschmieds, dem sich die äufserste Prosa der Gedanken in 70,000 
Yerse verwandelte, hier nicht einzugehen i). Was einen bestimmteren 
historischen Inhalt aufweist, sind zehn Gedichte, die zugleich die 
einzigen sicheren Schlüsse auf die Lebenszeit des Dichters zu machen 
gestatten 2). In denselben treten uns einige bestimmtere historische 
Gesichtspunkte hervor. Es zeigt sich eine grofse Schwärmerei für 
die Einheit und den Frieden von Papstthum und Kaiserthum, ja 
unser Dichter verfällt auf den in Deutschland seltenen, eigenthüm- 
lichen Dantischen Gedanken, dafs der Kaiser in Rom gemeinschaft- 
lich mit dem PajDst die Welt regieren müfste; in den Streitigkeiten 
zwischen Kaiser und Papst will er in keiner Weise entscheiden. 
Er ist überhaupt ein Freund der geistlichen Macht; gegen die Auf- 
hebung der Freiungen hat er sich sehr bestimmt ausgesprochen, 
ebenso eifert er gegen die Preufsenfalu'ten und gegen das Kreuzzugs- 
wesen, in welchem er, wde es eben damals bestellt war, keinen 
Ausdruck wahrer Frömmigkeit erblickte. Dafs Heinrich der Teichner 
vor dem Jahre 1377 gestorben oder wenigstens zu dichten aufge- 
hört, hat Karajan zur vollen Sicherheit gebracht, und allerdings 
wird man ihn daher nicht mehr zu einem Dichter des ausgehenden 



^) Gervinus U, 152 ff.; v. Karajan, Ueber Heinrich den Teichner, Wien 
1855, Denkschriften der Kaiserl. Akad. Bd. VI, (1855) S. 85—174; vgl. 
Germ. I, 375. Es ist wahrlich kein geringes, den langweiligen Sittenpre- 
diger so gi'ündlicli diu'chforscht zu haben, und besonders die Histori.ker 
müssen sehr dankbar für die Sicherheit sein, mit welclicr Herr v. Karajan 
die Gedichte von historischem Inhalt und Bestimmbarkeit angegeben hat. 
Mchreres in dieser Beziehung zu suchen, als v. Karajan gefunden, darf 
man sich wol schenken. Schottky's Leistungen über Teichner in v. Hor- 
mayrs Arch. f. Geogr., Hist. etc. XITT (1822), 444 ff. konnten wol anerkannt 
werden. 

2) Diese sind: 1. Von einem Wettstreite unter den Bauern, welches 
eine hübsche historische Anekdote von König Friedrich entliält, der aber 
wol deshalb bei Abfassung des Gedichts nicht mehr am Leben zu sein 
brauchte. 2. Von des leders tiurunc, für Gescliichte der Trachten von 
Interesse. 3. Von der werkle irregang, mit liücksicht auf den schwarzen 
Tod. 4. Von der friunge, rechtshistorisch sehr interessant. 5. Papst und 
Kaiser. 6. 7. 8. die Preufsenfahrton l)ctroffend, vgl. SS. rcr. Prussicar. H, 
170 — 173. 9. Von Unfrid zwischen dem Landcsfürstcn und den Herren; 
bcziolit sich auf die Kämpfe Albrechts 111. gegen Schönberg, Grueb und 
Sciiaumbcrg. 10. Von dem Pabest. Vgl. v. Karajan im Sundorabdruck 
S. 9-13. 



Peter Suchenwirt. 237 

XIV. Jahrhunderts machen dürfen. Er starb, nachdem er, wie man 
aus yielen seiner Andeutungen ersieht, ein hohes Alter ei*reicht 
hatte; er -wird also im Anfang des XIV. Jahrhunderts geboren sein, 
doch dlü-fte man ihn kaum in jungen Jahren mit seiner schwer- 
müthig greisenhaften Dichtung beschäftigt denken. Dafs er in 
Oesterreich und am meisten in und iim Wien lebte, ist sicher, 
weniger ge-svifs jedoch, ob er ein Einheimischer war^). Jedenfalls 
beziehen sich fast alle seine Klagen über die Zeit und über die 
Zustände auf Oesterreich. Wahrscheinlich war er in ein Dienstver- 
hältnifs zu einem vornehmen österreichischen Herrn getreten und 
hat in seinen alten Tagen von seinen Ersparnissen unabhängig gelebt. 
Sein jüngerer Freund und Genosse, Peter Suchenwirt, hat 
eine Ehi-enrede auf ihn gedichtet, die uns den Uebergang zu diesem 
begabteren und historisch interessanteren Dichter bilden mag 2). 
Wir erfahren daraus, aufser dem Lobe von Teich ners Tugenden, 
dafs er ein Laie gewesen, und dafs er sein Vermögen benutzt habe, 
um Kirchen und Spitäler zu dotiren. Die Nachrede ist übrigens 
wai'm und fi-eundschaftlich gehalten, wie ein jüngerer den älteren 
Mann beklagen mag. Die Art dagegen, in welcher Suchenwii-ts 
Dichtungen uns entgegentreten, hat weder der Form noch dem 
Inhalte nach Anknüpfungspunkte an den Teichner. Während dieser 
ein Tadler der Ritterfahrteu ist, hat Suchenwirt sich recht eigentlich 
diese Züge zum Gegenstande seiner Heldengesänge gewählt. Das 
hat für uns den Vortheil, dafs wir eine Menge historischer Persön- 
lichkeiten kennen lernen und mancherlei Anekdoten von ihnen er- 
fahren. So führt uns der Dichter mit seinem Helden Friedrich dem 
Kreuzpeckh nach Spanien, Schweden und Norwegen, mit dem edlen 
Hans von der Traun nach Frankreich und in das Feldlager des 
schwarzen Prinzen, mit dem Burggrafen Albrecht von Nürnberg, mit 
dem Markgrafen Ludwig von Brandenbiirg und seinem Gefährten 
Friedrich von Locken nach Schottland u. dgl. m. Am meisten sind es 

^) Das Gedicht, welches von Karajan a. a. 0. Note 64 bringt, bezog 
ieh in der ersten Auflage darauf, dafs Teichner ein Fremder sein möchte. 
Scherer versichert mich dagegen, dafs diese Deutung nach Wortlaut des 
Textes unzulässig wäre. Die Abstammimg Teichners mufs daher nach wie 
vor als unsicher gelten, wie schon früher v. a. hervorgehoben wurde. 

2) Peter Suchenwirts Werke hg. von Primisser, Wien 1827; die red 
vom teichner S. 64. Fünf uned. Ehrenreden Peter Suchenwirts hg. von 
G. E. Fries, SB. der Wiener Ac. 88 (1878), 99 — 126 nach einer Hs. 
s. XVn. im Cist. Stift Schlierbach in Ob. -Oesterreich, in welcher dieselben 
vor den von Primisser edirten stehen. F. Kratochwil, der östeiT. Didac- 
tiker Pet. Suchenwirt, s. Leben u. s. Werke, Progr. d. Obergymnas. zu 
Krems 1871. 



238 § l'ü'- Deutsche Dichtung in Oesten-eich. 

die preufsisclien Kreuzzüge, welche dem Suclieu"nTi-t Anlafs geben, 
seine Helden zu feiern'). Die östeiTeichischeu Herzöge werden 
wiederholt gepriesen und ihre Thaten beschrieben, vor allem Herzog 
Albrecht der Lahme, dem ebenso wie dem Herzog Heinrich von 
Kärnten 2) lange nach dem Tode eine Erinnerung ge^^idmet ist. Die 
Gelegenheit zu dem einen wie zu dem anderen Gedicht ist nicht 
mehr zu ersehen, vielleicht hat sich der fahi-ende Sänger eben durch 
den Preis dieser Todten eine festere Stellung am Hofe Herzog Al- 
brechts HI. begründet. Dessen Preufsenfahrt, die er mitmachen 
konnte, wiu'de für ihn jedenfalls die Quelle seines Wolstaudes, der 
ihm erlaubte in Wien ein Haus zu ei'w erben, welches im Jahre 1386 
wieder in den Besitz des Herzogs Albrecht gekommen war. Suchen- 
wii't sagt selbst, dafs er der Freigebigkeit Albrechts eben bei Ge- 
legenheit des preufsischen Zuges alles zu verdanken hätte. Es 
scheint wenigstens wahrscheinlich, dafs erst von dieser Zeit an 
Suchenwirts Wiener Aufenthalt zu datii'en ist. Ein Gedicht, wie 
das vom Pfennig, zeigt deutlich, dafs Suchenwirt lange Zeit in der 
Welt als Fahrender herumgeirrt ist, und dafs er zu Ludwig von Un- 
garn nahe und frühere Beziehungen hatte, als zum östeiTeichischen 
Hof^). Es ist denn auch in keiner Weise zu errathen, ob Suchen- 
wii't von Geburt ein OesteiTeicher war oder nicht*). Der Inhalt der 
Gedichte läfst das Gegentheil vermuthen, die zahlreichen Berufimgen 
von auswärtigen Gelehrten unter Albrecht HL nach Wien machen 
es eben nicht unwahrscheinlich, dafs der Hofpoet gleichfalls von 
anderswo herbeigekommen war. Aber seit den siebziger Jahren 

') Von Herzog Albrechts Ritterschaft, Primisser Nr. 4. Das Gedicht 
ist mit allen anderen auf Preufsen bezüglichen Stellen aus Suchonwirt in 
SS. rer. Prussicar. II (1863), 155 — 170 mit trefflichen Anmerkungen ge- 
druckt. 

^) In der Erinnerung an Herzog Heinrich von Kärnten sind die be- 
kannten Quollen über seine Stellung zu Albrecht I. in dessen Streit mit 
König Adolf benutzt. Primisser S. 208 zieht auch das Fragment jener 
vermeintlichen Reimchronik zur Vergleicliung herbei, welches Rauch SS. 
II, 300 in der unter dem Namen C/ironicon Austriacum veröffentlichten 
Compilation älterer österreichischer Chroniken gefunden hat, ohne jedoch 
zu bemerken, dafs er es mit Hirzelins Schlacht von GöUheim zu tluin hat. 

^) Primisser Nr. 29, S. 93. Der Dicliter sagt da von den österreichi- 
schen Herzögen, dafs sie zu jung sind und kein Gold haben, um Dichter 
zu besolden, V, 200 ff. (vgl. das Gedicht vom Ungold Nr. 27, S. 86, wel- 
ches den Herzögen Leopold und Alljrecht sich eben nicht sehr orgeben 
zeigt). Dagegen heifst es von König Ludwig, wie dieser die Deutschen 
worth halte u. dgl. m. So ist also wolil das Gedicht auf diesen König 
wirklich an dessen Hof gemacht. 

•*) Ucber das Sprachliche hat Koberstoin in drei Programmen von 
Schulpforta erschöpfend gohandolt, 1827 — 52. Spocifisch östorroiohischo 
Mundart weist er nicht nach. 



Peter Suchenwirt. 239 

weisen alle Spui-en seiner Gedichte auf die Beziehungen zum öster- 
reichischen Hofe. Das heiTorragendste daninter ist das von den 
fünf Fürsten, welches im Jahre 1386 yerfafst ist. Er schildert das 
Yerhängnifs des Jahres, das sich auch durch einen grofsen Kometen 
dem entsprechend angekündigt hätte. Wie viel Unglück aber auch, 
geschehen, das gröfste ereignete sich bei Sempach, wo Leopold III. 
fiel. Sowol die Einkleidung dieses unglücklichen Ereignisses, wie 
die Darstellung des Hergangs selbst, gibt jedoch zu mancherlei Be- 
trachtungen Anlafs. 

Es ist im Vergleich mit den zahlreichen übrigen Gedichten, 
die zu Ehi'en von einzelnen Persönlichkeiten abgefafst sind, gewifs 
auffallend, dafs dem Herzog Leopold keine besondere Todtenklage 
geviddmet ist. Gleichsam wie in einer Chronik des Jahres berichtet 
der Dichter neben anderem auch ron der Schlacht bei Sempach. 
SoUte das Andenken an den Avenig befreundeten Bruder an dem 
österreichischen Hofe eine besondere Ehrem-ede nicht gestattet haben? 
Auch in der Schilderung des Hergangs selbst, wie ihn SuchenANÜrt 
auffafst, ist Leopold nicht von aller Schuld freizusprechen, wenn 
auch edle Motive es sind, die seinen Untergang herbeigeführt haben. 
In erster Linie aber will der Dichter zeigen, dafs das Verdienst der 
Tapferkeit auf schweizerischer Seite nicht grofs war, Verrath habe 
die Niederlage bewdrkt. Hierin steht das Gedicht im bewufsten 
Gegensatze zu der schweizerischen Auffassung, die in zahlreichen 
Liedern den Sieg feierte und mit Spott der österreichischen Herr- 
schaft gedenkt'). Wenig andere Schlachten haben eine so bedeu- 
tende poetische Litteratur nach sich gezogen wie die von Sempach. 
Siichenwirts Darstellung zeigt übrigens mehr Mitgefühl und Theil- 
nahme als grofse Kenntnifs von der Schlacht. Viel ausführlicher 
hat SuchenTvirt den eigenen Herrn, Albrecht III., gepriesen, als ihm 
bestimmt war, demselben noch selbst die Todtenklage zu wddmen. 
Auch hier ist es wol charakteristisch, dafs Suchenwirt die Vorliebe 
des Herzogs für fi'emde Gelehii;e und Künstler preist, die er nach 



^) Die Schlachtlieder von Sempach, die auf schweizerischer Seite ge- 
dichtet wurden, hat v. Liliencron der sorgfältigsten Kritik imterzogen, 
Eist. Volkslieder I, 109 — 145 und das vielbesprochene Thema erschöpft. 
Nur in Bezug auf die historische Seite des Gegenstandes vermifst man 
die Würdigimg der Stelle bei Joh. Yitod. zum Jahre 1271. Vgl. auch 
das Jahrbuch für Schweizer Geschichte von Meyer von Knonau I, S. 76 
mit Rücksicht auf die neuerer Zeit von Schneller gemachten Mittheilungen 
aus dem Bürgerbuche von Luzem und die schon öfter angeführte Schiift 
von Kleifsner. 



240 § 1^- Deutsche Dichtung in Oesterreich. 

"Wien gezogen habe. Bald nach dem Herzog mag Suchen-\virt selbst 
gestorben sein (1395 — 96). 

Der Hof der östeiTeichischen Fürsten blieb aber anch unter den 
Nachfolgern Albrechts HI. und z^-ar unter diesen Torherrschend im 
Gegensatze zu andern Linien des Hauses von Fahrenden gerne be- 
sucht; und mehr als einer darunter fand in "Wien für längere oder 
kürzere Dauer sein Brot. Unter Albrecht IV. und Albrecht V. finden 
wir hier den Radelere, den Chip fenb erger, vielleicht aus Kap- 
fenberg in Steiermark, Jacob Veter den Spiegier genannt, Baltha- 
sar Mandelreifs. Die Tüi'kenkriege gaben eine unerschöpfliche 
Gelegenheit für eine Art von Poesie, "welche die Mitte hielt z-sNdschen 
Volksthümlichkeit und Hofgimst. Noch mehr und nachhaltiger aber 
wurde der junge König Ladislaus besungen, dessen fi'ühzeitiger und 
den Zeitgenossen mir allzu verdächtiger Tod geheimnifsvolles Inter- 
esse erregte. Eine Reihe von Liedern, bald volksthümlicher, bald 
höfischer Natur liegt vor, die bald deutlichere, bald entferntere Vor- 
würfe gegen Georg Podiebrad erheben i). Historisch kann ihnen aber 
gar keine Bedeutung beigelegt werden, aufser als Stimmungsberichte 
ihrer Zeit. 

Im letzteren Sinne möchte es vielleicht auch gestattet sein, 
die Lieder Oswalds von Wolkenstein zur Charakteristik des 
XV. Jahrhunderts hier mehr anzudeuten als heranzuziehen. Für 
den Historiker, welcher nicht blofs die grofsen politischen Ereignisse 
betrachtet, sondern auch das Leben der verschiedenen Stände und 
Kreise kennen lernen will, ist die Biographie des "Wolkensteiners, 
des vielgereisten und vielverkannten aber durchaus tüchtigen iiTen- 
den Ritters das interessanteste. Sofern man aus dessen sogenannten 
historischen Gedichten viel memoirenartiges erfährt, dürften diesel- 
ben hier nicht unei-wähnt bleiben. '\\'^olkenstein starb am 2. August 
1445 auf seinem Schlofs in Tirol'). 



') Alle diese Gedichte bei Liliencron a, a. 0., diejenigen auf den Tod 
des Königs Ladislaus früher bei Senkenberg V, 42 und Pez, II, G79. Dafs 
in Nr. lOG*" und 107 bei Liliencron Herzog Albrecht statt Friedrich zu lesen 
ist, meint auch H. v. Zeifsberg, Arch. f. öst. G. 58, 113. 

') Die Gedichte Oswalds von Wolkenstcin, lu'sg. von Beda Weber, 
Innsbr. 1847. Uebcr Oswalds Leben vgl. Beda Weber, 0. v. "W. u. Friedr. 
mit der leeren Tasche, Innsbr. 1850. J. Zingorlo, SB. der "Wiener Ac. 64, 
657 ff.;. Germania XVI, 75 ff. Interessante Publikationen von H. Bosch 
aus dem jetzt im Gcrnian. Mus. bofindl. Wolkcnsteinischen Arohiv, Anz. 
f. K. d. V. XXVII, 75. 07. XXVIII, 91). '2!)6: A. Nogler, der Wulkcnst.- 
Eauenstoinische Erbschafts^rcit, Zs. d. Fcrdinandoums (Innsbr. 1882) 
XXVl, 101 — 180. Ders., eine unbek. Reise 0. v. "W. (zweimaliger Aufent- 
halt in Si)anicn 1409 u. 1415) das. XXVII, 1—70; dors., hat Ö. v. W. im 



Michael Belieim. 241 

In seinem unsteten und abenteuerlichen Lebenslauf ist ihm der 
fruchtbarste historische Dichter des XV. Jahrhunderts zu ver- 
gleichen*), dessen soziale Stellung nur eine Stufe tiefer liegt, dessen 
Schicksale aber sich ebenfalls aus einer eigenthümlichen Vereinigung 
von Landsknechtstreiben imd Sängerthum entwickelten. Michel 
Beheim, der Poeta Weinspergensis, 1416 zu Sulzbach in Würtem- 
berg geboren, sollte dem Handwerk seines Vaters folgen, wurde aber 
von HeiTn Konrad von Weinsberg^) bestimmt unter das Kriegs- 
volk zu gehen. Er kam hierauf in den Dienst des Markgrafen Al- 
brecht Achilles, ging zum König von Dänemark, den er nach langer 
Meerfahrt in Norwegen fand, und trat nach seiner Rückkehr in den 
Dienst des Herzogs Albrecht VI., des Königs Ladislaus, des Kaisers 
Friedrich III. und bemühte sich mit leidenschaftlichstem Sängerlobe 
um die Gunst dieser mächtigen Herrn. Er erntete aber äufserst 
wenig Dank von denselben, da er von allen dreien immer nach 
einiger Zeit kläglich davon gejagt wurde. Er selbst tröstete sich 
zwar damit, dafs dies nur der schlechten Umgebung der Fürsten zur 
Last falle, weü Michel Beheim die Laster und Schlechtigkeiten des 
Adels imd der Hofleute zu scharf angi'iff, aber in Wahrheit ward 
der Dichter eine Zeitlang geduldet und unbequem geworden wieder 
entfernt. Zuletzt war er an dem Hofe Friedrichs von der Pfalz 
glücklicher als in Oesterreich und scheint dort seine Tage beschlossen 
zu haben. 

Von einer grofsen Anzahl von Gedichten abgesehen, welche 
seine persönlichen Schicksale beschreiben und die bei weitem nicht 
alle gedruckt sind, ist das Buch von den Wienern, wie sich 
leicht versteht, als historische Quelle am wichtigsten. Die tagebuch- 
artigen Beschreibungen der grofsen Zeitereignisse beginnen hier mit 
dem Jahre 1462 und enden 1465. Die leidenschaftlichen Angriffe 
des fanatischen Anhängers und Kriegsmannes Kaiser Friedrichs HI. 
müssen in der That rasch verbreitet worden sein imd grofse Erbit- 



J. 1424 Tirol verlassen? Zs. f. d. A. XXVE, 179—192. 0. Zingerle, Ge- 
leitbrief für 0. V. W., das. XXIV, 268. L. Schmid, Mitth. d. Ver. f. Gesch. 
u. Altert, in HohenzoUern XIII, 879. 

') Ueber Michel Beheim vgl. oben S. 137. Die gröfsten Verdienste 
erwarb sich um den ^Dichter" v. Karajan in der Ausgabe des „Buches 
von den Wienern", Wien 1843, durch eine vollständig erschöpfende Vor- 
rede: später in Quellen und Forschungen z. vaterl. Gesch. (1849) S. 1 — 65. 
Zehn Gedichte Michel Beheims zur Gesch. Oesterreichs und Ungarns. 

^) Von Konrad von Weinsberg gibt es ein Ausgaben- und Einnah- 

mem-egister von 1437 ff. in der Bibliothek des lit. Vereins zu Stuttgart 

18. Publ. 1849. ^ „^,_ 

, negtii uuLfcin noscn ullll^ _ 

Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I 16* 



242 § 18- I^i^ steirische Reimchi'onik. 

terung in den bürgerliclien Kreisen Wiens erregt haben. Einzelne 
Schildei-ungen, wie die Belagerung der Burg zeigen auch von nicht 
unbedeutendem Talente der Darstellung. Dafs aber Vers und Reim 
zu dem schlimmsten gehören, was in der Litteratui- Yorkommt, wird 
schwerlich geläugnet werden können. Der Bildungsstoff, den unser 
Landsknecht beherrscht, steht auch nach den möglichst günstigen 
Zusammenstellungen von Karajans auf tiefster Stufe, und ist von 
ärmlichster Art. Man sieht klar, dafs seit der Abfassung der steiri- 
schen Reimchronik durch einen Dienstmann ähnlicher Stellung und 
Charakters wie Michel Beheim, Bildung, feinere Sitte, vielleicht auch 
dichterische Geschicklichkeit wesentlich zurückgegangen sind. Denn 
trotz alledem war Michel Beheim von Kaiser und Kaiserin vollkom- 
mener Beachtung gewürdigt und auch am Hofe Friedrichs von der 
Pfalz in angesehener Stellung. Seine zweifelhafte Poesie war vom 
Feinde gefürchtet, dem Freunde erwünscht und überall verbreitet. 



§ 18. Die steirische Reimchronik. 

Keine Geschichtsquelle der deutschen Geschichte ist bekannter 
imd berühmter als die Reimchronik Ottokars von Steiermark. Aus 
dem unerschöpflichen Born dieses redseligen Werkes haben die Ge- 
schichtschreiber fast aller Länder die sterilsten und unfruchtbarsten 
Gegenden eines halben Jahrhunderts iirbar gemacht und die Lücken 
der einheimischen Quellen mit freigebiger Hand auszufüllen ver- 
mocht. Das konnten sie, weil Jedermann über die colossale Fülle 
dieser Nachrichten in ein jede Kritik tödtendes Staunen verfallen 
mufs. Ja man kann behaupten, dafs in gar keinem mittelalterlichen 
Buche über einen verhältnifsmäfsig kleinen Zeitraum so genaue und 
anschauliche Schilderungen über Ereignisse in aller Herreu Ländern 
sich finden. Vergleicht man die übrigen zahlreichen Reimchronikeu 
dieses Jahrhunderts, so verbi'eiten sie sich fast alle über gröfsere 
Zeiträume und über einen engeren Kreis von Landesgeschichten. 
In der steirischen Reimchronik herrscht zwar Oesterreichisches vor, 
aber das Fremde und Allgemeine ist nicht selten ebenso umständlich 
erzählt, wie das Einheimische. 

Leider ist das handschriftliche Material der Forschung über 
Ottokars Werk ungünstig, denn alle Handschriften, die wir besitzen, 
sind spät und unzuverlässig'). Bcachtensworth ist aber, dafs sie 

.. ►Jjiiihicn i"fv.M t.'. Ai'iu^Vrlirift ist von Pcz, SS. rcr. austr. Bd. III im 



Ottokar von Steiermark. 243 

sich desto vollständiger zeigen, je jünger sie sind. Die Handsclirift 
von Admont ist im Jakre 1425 geschrieben und ist die unvollstän- 
digste, sie endet mit dem 651. Capitel und stimmt darin mit einem 
anderen Codex, der an dieser Stelle erklärt, dafs die Chronik daselbst 
ein Ende hätte, obwol noch ein ebenso ausführlicher zweiter Theü 
folgt. In der Admouter Handscluift fehlt überdies der Bericht über 
die Einnahme von Akkon, der in den anderen Handschriften und 
auch selbständig an anderen Orten vorkommt. Diese Thatsache mufs 
vor allem festgehalten werden. Der Bericht, für sich ein Ganzes 
büdend, steht in keinerlei Zusammenhang mit den übrigen Theilen 
der Reimchronik, er kann auch sachlich ausgeschieden werden. 
Nimmt man hinzu, dafs sonst die Handschriften gegenüber der Ad- 
monter Lücken haben, so ist also bewiesen, dafs eine Originalhand- 
schrift welche aus Ottokars Hand hervorgegangen eine vollständige 
Sammlung seiner Werke enthalten hätte, nicht bestand; d. h. die Ge- 
stalt, in der wir Ottokars Werk jetzt benutzen, stammt aus einer 
späteren Zeit. Hält man dies fest, so erklären sich manche Uneben- 
heiten, und vor allem whd die Beantwortung der Frage über die 
Zeit der Abfassung der Reimchronik erleichtert'). 

ersten Theile zu Grunde gelegt. Aufserdem gibt es in Wien zwei Hand- 
schriften; Pez hat alle drei in seiner Ausgabe zusammengelegt. Dazu ist 
durch Dudiks Forschungen in Schweden eine Stockholmer Handschrift be- 
kannt geworden, vgl. v. Karajan, SB. d. Wiener Akad. VIII, S. 482, welche 
nur den zweiten Theil enthält, wovon in Wien eine Abschrift genommen 
worden ist, die sich gleichfalls auf der Hofbibl. befindet. Ueber die St. 
Galler Handschrift, von welcher zuerst Scherer Nachricht gab, vgl. Cat. d, 
S. G. StiftsbibL nro. 658. Femer hat v. Karajan, SB. d. Wiener Ac. 65, 
565 — 576 ein Bruchstück einer Handscrift veröffentlicht, welche wol zu 
den ältesten gehört haben wird, und aus deinen Lagenbezeichnung der Be- 
weis hergestellt werden soll, dafs schon damals die jetzige Ordnung der 
Kapitel u. s. w. bestand, wobei jedoch wol gestattet sein wird, einige De- 
zennien ins XIV. Jahrh. herabzurücken, denn es ist klar, dafs K. die Hand- 
schrift zu früh datirt. Was aber die Berechnimg der Verseanzahl betrifft, 
so beruht eben alles auf der nicht zu erweisenden Ansicht von Quinter- 
nionen, rechnet man dagegen Quaternionen, so wäre die Rechnung wieder 
eine andere. Vermuthlich derselben Hs. angehörende Fragmente hat 
A. Schönbach, SB. d. Wiener Ac. 97, 783 — 792 publicirt; Lichtdinick in d. 
Steiermark. Gesch. Bll. I (1880) S. 234 (= Pez III, 442 a— b). Ebenso die 
Fragmente im Arch. d. hist. Ver. zu Klagenfurt, vgl. R. Dümwirth, im 24. 
Progr. d. Staats - Oberrealsch. Klagenfurt 1881. A. v. Jaksch, Mitth. d. 
Inst. VI, 155—158. 

') Die Episode über die Einnahme von Akkon findet sich besonders 
in einem Jenenser Codex, aus dem Eccard, Corp. hist, H, 1455 und in 
St. Gallen, woraus Scherer dieselbe herausgab; vgl. Jacobi, Theod., De 
Ottocari chronico austriaco, Vratisl. 1839 noch immer die vorzüglichste 
Schrift über den Gegenstand, besonders S. 16. Im Bibliothekskatalog der 
Schlofskapelle von Wittenberg 1434 findet sich: item ahus über, qui in- 
cijD. auwe, der leiden mere etc. Et finitur, Regni autem nostii anno de- 

16* 



244 § 1^- ^^^ steirische Reimchronik. 

"Was man von dem Dichter Persönliclies weifs, läfst sich leicht 
zusammenfassen und die Hoffnung ist gering, etwas Neues zu finden, 
was nicht schon Pez aus der Chronik selbst hervorhob. Er nennt 
sich selbst Ottacker, ohne jedoch sein Geschlecht anzugeben i), Steier- 
mark ist seine Heimath, Otto von Liechtenstein, der Sohn des Dich- 
ters Ulrich, war sein Herr, er selbst entweder ein Dienstmann oder 
Knappe des Ritters. Meister Konrad von Rotenburg, der am Hofe 
Manfreds in Italien gelebt hatte, war nach seiner Rückkehr aus 
Italien „lange nachher" sein Lehrer in der Dichtkunst. Ottokar gibt 
femer an, dafs er eine Kaiserchronik verfafst habe, bevor er zur 
Darstellung der Reimchronik geschritten sei. Zu der letzeren findet 
sich eine Einleitung, in der er zu dichten verspricht, was sich seit 
den Zeiten Kaiser Friedrichs II. ereignete. Von eigenen Erlebnissen 
die er unzweifelhaft als Augenzeuge beschreibt, fäUt das älteste 
bereits in das Jahr 1279, bei einigen fe-üheren kann man wol auf 
eigene Erinnerang des Dichters unschwer schliefsen^). In den ent- 
scheidenden Kreisen hat sich Ottokar niemals selbst bewegt, häufig 
führt er sich unter dem Gesinde an, welches nicht unmittelbaren 
Zutritt zu den Festlichkeiten der Herren hatte. Ganz überzeugend 
ist auch die Bemerkung Jacobi's, dafs er im Murthal und in den 
Gegenden der liechtensteinischen Burgen daselbst seine meisten 
Verse geschmiedet habe. Er war vollständiger Kenner der poeti- 
schen Litteratur^) und also ein geschulter Meister, der seinem Leh- 
rer nicht geringe Ehre machte. Dabei fällt aber auf, dafs er bei 

eimo. Et est historia Soldani de strage commissa in anackers in christia- 
nos; vgl. Serap. XXI, 299; Germania XXIII, 17. 

^) Der Erfinder des Namens Homek ist Lazius, Commcnt. gen. Austr. 
233, vermuthlich durch den Umstand getäuscht, dafs ein anderes Hornek 
in Schwaben existirt, welches dem deutschon Orden gehörte; es war noch 
im XV. Jahrhundert ein vorzügliches Ai'chiv für denselben; vgl. Pertz, 
Archiv I, 438. Daher kommt auch der Name von Homek unter den Or- 
densbrüdern in Deutschland häufig vor. Ein Propst von Wimpfen im 
Jahre 1274; Baur, Archiv für hess. Gesch. III, 1. Die steirischen Homek, 
die um diese Zeit vorkommen, scheinen, nach Ottokars Worten zu schlies- 
sen, ein Ministcrialcngcschlecht der Wiklonier gewesen zu sein; vgl. Cap, 50. 
Jacobi a. 0. S. 11. Den Namen schreibt, wer die Reimchronik beachtet, 
Ottacker, wenn er die moderne Form nicht will, niemals aber Otakar, 
was seit König Odoacker bis auf Palacky im Deutschen unbekannt und 
undeutsch war. 

'■*) Die Beschreibung der Verlobung in Iglau, Cap. 174, ist nach seiner 
eigenen Erinnerung. Man vermuthet, dafs er auch bei der Schlacht von 
Dürnkrut gegenwärtig gcwoson sein möchte; vgl. Schacht, Aus und über 
Ottokars von Ilornck Reimchronik, S. 17. Vgl. Wiener Jahrb. der Lit., 
18. Bd., S. 227. 

^) Am fleifsigston sind die Stellen gesammelt bei Schacht a. 0. 
S. 24 ff. 



I 



Quellen und Abfessungszeit. 245 

seinen Beziehungen zu den Liechtensteins weder eine Anspielung 
auf Uh-ichs Dichtungen macht, noch diesen selbst als Dichter rühmt. 
Ueber die stihstische und sprachliche Kunst des Reimchronisten 
sind von den Litteraturhistorikem bisher wenig zusammenhängende 
Beobachtungen yeröffentlicht worden, doch überrascht auch den Laien 
auf diesem Gebiete die Fülle der Reime in den meist langgestreck- 
ten und durch yiele Verse fortgesponnenen Perioden, wodurch das 
Yerständnifs au vielen Stellen auch sachlich oft sehr erschwert und 
der Sinn der Rede verdunkelt wii-d. Volksthümlich ist die Wieder- 
holung derselben Beschaffenheitswörter bei bestimmten Personen und 
die gleichmäfsig wiederkehrenden Reime, wie z. B. der „Kunig 
Otäcker" immer meder sein „wacker" nach sich zieht. Die Verse 
sind, wenn ich nicht irre, zuweilen ungleich gebaut und können 
manchmal nur sehr mühsam auf drei Hebungen gebracht werden. 
Doch mufs anderen hierüber ein ürtheil anheim gegeben werden i). 

Für den Historiker ist die mchtigste Frage wol die, wann Otto- 
kar während seines jedenfalls langen Lebens die Reimchronik ver- 
fafst hat. Pez hat zwischen der Aufschreibung des ersten und 
zweiten Theils der Chronik einen langen Z^Ndschenraum angenom- 
men, er meint, dafs der erste Theil zwischen den Jahren 1285 und 
1295, der zweite nach 1309 gedichtet worden sei. Jacobi denkt 
sich, dafs das ganze Werk zwischen den Jahren 1300 und 1317 
entstanden wäre. Die letztere Annahme setzt ein ganz unglaub- 
liches Gedächtnifs oder eine Fülle von Quellen voraus, deren nur 
kleinster Theil auf uns gekommen sein müfste. Denn was man 
auch herbeiziehen mag, die Salzburger, Wiener, Klosterneuburger 
Aufzeichnungen, die von Ottokar nur dunkel bezeichneten Nach- 
richten aus Lilienfeld und vieles andere, alle diese Quellen würden 
entfernt nicht ausreichen seine umständlichen Mittheilungen zu er- 
klären, besonders da wir heute nicht mehr in der Lage sind den 
bekannten Pernold zu seinen Quellen zu rechnen. Es bleibt also 
in der That, da so ungeheure Verluste an Chroniken und anderen 
Aufzeichnungen doch auch nicht wahrscheinlich sind, nur übrig, die 
mündliche Erzählung als die vorzüglichste Quelle für die Nachrich- 
ten der Reimchronik neben den eigenen Erlebnissen und Erinnerun- 
gen anzunehmen. 

Wer das Bild, welches uns gleich im Anfang des Werkes vom 
Erzbischof Philipp von Salzburg, später von dem Abt Heinrich von 

1) W. Scherer, Anz. f. deutsch. Alt. lY, 107 1878 hat bei der Bespre- 
chung der Gesch.-Quellen dem Verfasser in dieser Richtung etwas zu viel 
zugemuthet, und kann ich daher diese Wünsche leider nicht erfüllen. 



246 § 18. Die steirtsche Reimchronik. 

Admont entworfen wird, betrachtet, der kann auch keinen Augen- 
blick zweifelhaft sein, dafs hier sehi- unmittelbare, ganz frisch ge- 
wonnene und lebendig bewahrte Eindrücke persönlicher Art das Ge- 
wand der Verse angenommen haben und kann unmöglich glauben, 
dafs hier ein Greis durch das Medium trockener Klosteraufzeich- 
nungen seine Reime verfertigt hätte. Von den Personen, auf deren 
Zeugnifs YervNaesen wird, könnte endlich nur ein kleiner Theü nach 
dem Jahre 1300 Auskunft gegeben haben. Selbst jener Otto Yon 
Liechtenstein, den man sich mit seiner reichen Erfahrung gern als 
den dauernden Beirath und Gehilfen des geschichtschreibenden 
Dichters Yorstellen mag, hätte ihm in den letzten Jahren seiner 
Arbeit nicht mehr zur Seite gestanden i). Der Biu-ggraf Friedrich 
von Nürnberg, aus dessen eigenen Erzählungen die wichtigen Nach- 
richten über die Verhandlungen mit König Ottokar im Jahre 1275 
herrühren, wäre zur Zeit, da der Reimchronist zu schreiben begon- 
nen hätte, längst todt gewesen 2). Soll man denn annehmen, dafs 
der leichtblütige Dichter sein ganzes Leben hindurch Notizen ge- 
sammelt habe, um sie am Eude seiner Tage in der Reimchronik 
Terwerthen zu können? Man müfste unschwer aus der Blässe der 
Erinnerung solche spätgeborne Darstellung erkennen. Statt dessen 
ist an dieser Reimchronik von allen Seiten gerade das hervorge- 
hoben worden, dafs ihre Erzählungen den Eindmck der Unmittel- 
barkeit machen, wie keine andere Quelle. Einer Beschreibung, wie 
der der Hochzeitsfeierlichkeit in Iglau oder der Schlacht im March- 
feld, sieht man es wol an, dafs sie der unmittelbarsten Anschauung 
oder dem kurz vorher gehörten von den Mithandelnden gegebenen 
Bericht ihren Ursprung verdankt. 

Dem gegenüber stellen sich allerdings andere Umstände, die 
man nicht verschweigen kann, als bedenkliche S}'mptome einer in 
der That sehr späten Aufzeichmmg dar. Von den Ereignissen der 
ersten Jahre nach Kaiser Friedrichs Tode wollen wir kaum sprechen. 
"Wie sind da die einheimischen Vorfälle, wie etwa die Erwerbung 
Oesterreichs durch Ottokar verschoben und venvechselt. Von den 
femer liegenden Ländergeschichten, von König Karlot, von König 

') Otto von Liechtenstein, der seit 1258, ja schon seit 1254 an allen 
wichtigen Ereignissen der Steiermark mittelbaren oder unmittelbaren An- 
thcil nahm, starb 1311; vgl. Falko, Gcschiclitc des Hauses Liechtenstein 
I, S. 132 ff. 

^) Durch ihn will Ottokar von der Corniption der Kurfürsten, Cap. 103, 
Kenntnifs haben; aber er starb schon zwölf Jahre bevor Ottokar nach Ja- 
cobi's Ansicht die Chronik begonnen hätte. Eine Anzahl anderer Gewährs- 
männer weist ebenfals auf frühere Zeiten. 



Abfassungszeit. 247 

Alfons wird man von Tomherein eine klare und chronologisch ge- 
sicherte Darstellung nicht erwartet haben. Aber selbst aus einer 
dem Reimchronisten TÖllig naheliegenden Zeit und Oertlichkeit kön- 
nen Verstöfse angeführt werden, die sich nur aus einer gröfseren 
Entfernung des Erzählers erklären lassen. Auf die chronologischen 
Verwirrungen, die bei der Geschichte der Stadt Wien in den Jahren 
1288 — 1296 vorkommen, ist schon von Böhmer aufmerksam gemacht 
worden 1). Die ausführliche Darstellung der Geschichte des falschen 
Friedrich unter König Rudolf setzt einen hinlänglichen Zeitraum vor- 
aus, innerhalb welches die Ereignisse das sagenhafte Gewand an- 
nehmen konnten, in welchem sie in der Reimchronik bereits er- 
scheinen. Hinwieder ist aus derselben Zeit ein schlagendes Beispiel 
dafür zu nennen, dafs der Reimchronist Ereignisse, die ihm nahe 
lagen, stehenden Fufses in Reime gebracht hat, wie etwa die "Wahl- 
geschichte König Adolfs, deren Hauptinhalt er sich offenbar auf der 
berühmt gewordenen Zusammenkunft von Friesach von irgend einem 
Reitknecht eines der rheinischen Grafen geholt hat-). 

Erinnern wir uns nun der Yorrede des Werkes, so geht aus der- 
selben hervor, dafs Ottokar, bereits als Dichter bekannt, von den 
Freunden der Geschichte angegangen worden sei, auch die Zeit nach 
Kaiser Friedrichs Tode zu bearbeiten, da es ihm sonst zur Last 
fallen würde, wenn diese Ereignisse der Vergessenheit anheim fielen. 
Während er nun die Absicht gehabt hätte von der Könige Thaten 
zu schweigen und sich eben einer angenehmen Mufse hingeben 
wollte, habe er sich an die Arbeit machen müssen, um nicht die 
Ungunst seiner Gönner auf sich zu ziehen. Aus dem ersten Capitel 
ersieht man sodann, dafs die kaiserlose Zeit als eben vorbei ge- 
gangen geschildert wird, die üebelstände, die aus den Willkürlich- 
keiten der Fürsten entstanden, die Aufrichtung von Zöllen am Rheine 
durch die Kurfürsten und ähnliches als behoben gedacht werden. 
Es ist die Sicherheit der wiedergekehrten Reichsordnung, an welche 

^) Um alle Fälle aufzuweisen, müfste ich hier auf alle Anmerkungen 
meiner Deutschen Geschichte hinweisen, wo von der Reimchronik die Rede 
ist; Böhmer, Regesten Herzog Albrechts zum Jahre 1288. Vgl. meine 
Abhandlung über die Wiener Stadtrechts-Privilegien, Sitzungsber. d. Kais. 
Akad. 1865, Bd. 46, S. 72—111. Den Bericht der Chronik über die Er- 
eignisse während des östeiTeichischen Interregnums hat A. Huber, Mitth. 
d. Inst. rV (1883), 41 — 74 einer eingehenden Kritik unterzogen. Kritik der 
Capp. 119-122 von A. Busson, Arch. f. öst. G. LXV (1884), 298—305 für 
0. imgünstig; vgl. Ders., der Krieg von 1278 u. die Schi, bei Dümkrut, 
Arch. f. öst. G. LXn (1881), 100—119. 

2) Vgl. Historische Zeitschrift Bd. XXI, 440; Anzeige über Schliep- 
hake's Geschichte von Nassau. 



248 § IS- -"-^i^ steirische Reimchronik. 

in König Rudolfs Zeit besonders in Oesterreicli geglaubt wurde, und 
die sich in diesem ersten Capitel treu mederspiegelt. Das war die 
Zeit, wo man von Seite der Landherren in Oesterreicli dem neuen 
Herzog Albreclit entgegenjubelte, wo man dem habsburgisclien Hause 
mit seltener Liebe entgegenkam. Entspricht diese Haltung auch der 
späteren Darstellung? "Wir wissen, dafs derselbe Herzog Albrecht 
eben durch unseren Reimchronisten in der Geschichte als Bild eines 
scheufslichen Tyrannen, ziemlich ungerechtfertigt, überliefert ist. 
Aber wie finden wir ihn 1280 — 83 geschildert? Als das Muster 
aller Tugenden! — Es ist klar, dafs zwischen dem Bilde von Her- 
zog Albrecht im 244. imd dem im 613. Capitel ein langer Zeitraum 
liegt, innerhalb welches eine gewaltige Sinnesänderung bei dem 
Dichter vor sich gegangen ist. Wenn man diesen Gedanken weiter 
verfolgt, so findet man auch äufserliche Gründe genug, die dafür 
sjirechen, dafs die Zeit, in welcher die Vorrede und das erste Ca- 
pitel geschrieben sein werden, mit der Regierung König Rudolfs 
zusammenfällt. 

Wir erinnern uns hier nochmals des eingeschalteten Berichts 
über die Einnahme von Akkou. Eben dieses Stück, ursprünglich 
nach Berichten von Tempelherren gearbeitet, trennt aber die gute 
Charakteristik Albrechts von der schlechten und, was die Haupt- 
sache ist, die Abfassung desselben läfst sich bestimmt datiren; es 
ist erst zur Zeit Benedict XL, nicht vor 1303 geschrieben. Das 
404. Capitel, wo der Bericht anfängt, schliefst sich an ein Capitel 
das mit der Jahreszahl 1291 endet. Hier mufs auch ein Ende des 
Buches gewesen sein, auf welches die Vorrede und das erste Capi- 
tel sich beziehen, wo die Zeit der wiederhergestellten Ordnung des 
Reiches gelobt wii-d. Denkt man demnach den Verfasser in den 
Jahren nach dem Sturze Ottokars, wo Herr Otto von Liechtenstein 
ganz besonders thätig war, mit seinem Reimwerk beauftragt, so er- 
klärt sich, dafs er gerade für diese und die nächsten Jahre so viel 
eigene Erlebnisse und Zeugenaussagen der noch betheiligten Per- 
sonen anführen kann. Mit dem Tode König Rudolfs mag er wol 
sein Buch der Chroniken seit Kaiser Friedrichs Zeit fürs erste ge- 
schlossen haben und wir gewinnen hiemit einen festen Punkt für 
seine weitere Thätigkeit. Wenn die ältesten Handschriften bis zum 
403. Capitel reichten, so wäre erklärlich, warum gerade hier von 
späteren Schreibern der Bericht von Akkon angefügt worden ist. 
Wenn aber der Bericht von Akkon dm-ch seine Iiandschriftliche 
Ueberlieferung allein uns als ein selbständiges Ganzes gesichert ist, 
so ist damit nicht gesagt, dafs nicht noch mehr dergleichen selb- 



Werth und Benutzung der Chronik. 249 

ständige Theile für sieh gedichtet worden sein mögen. Die flan- 
drischen Kriege z. B., die dem Dichter Yon einem Flanderer beschrie- 
ben worden sind, machen genan den Eindruck einer gelegentlichen, 
selbständigen Behandlung des Gegenstandes, eben aufgeschrieben, so 
gut es nach dem flandi-ischen Berichte ging und wol erst später 
etwa der Chronik eingefügt. Ueberhaupt mufs man leugnen, dafs 
die späteren Partien den Eindruck einer geregelten Erzählung 
machen, wie die Zeit bis auf Rudolfs Tod. Wer es versucht hat, 
in die ungeheuere Masse der Capitel eine chronologische Ordniing 
zu bringen 1), der würde leicht zu einer Ai-t von Gesetz gelangen, 
welches die Abfassungszeit der einzelnen Theüe erkennen läfst. Von 
Capitel 464 — 547 finden wir allerlei aus der Fremde zusammenge- 
tragene Nachrichten in buntester Unordnung. Dann folgt eine Reihe 
von durchaus lückenhaften Mittheüungen über einheimische Verhält- 
nisse. Die Abtheüung, die man in den Handschriften fast durchaus 
zwischen dem ersten und zweiten Theil gemacht findet, hat weder 
einen chronologischen noch einen durch die Darstellung bedingten 
Grund. Vorwärts und rückwärts werden Beziehungen genommen, 
wie sie sich eben in augenblicklicher Stimmung ergeben. Erst seit 
Albrechts Wahl zum deutschen König und seit dessen Versuchen 
in Ungarn und Böhmen seinem Hause Bahn zu machen, beginnt 
wieder eine chronologische Sicherheit einzutreten, die dann wol vor- 
hält bis ans Ende. 

Aus dem Gesagten geht nun hervor, dafs der Dichter bald nach 
dem Sturze König Ottokars, nach der Ankunft der Habsburger in 
Oesterreich, zu seinem Werke aufgefordert worden ist und dasselbe 
bis zum Jahre 1291 gefördert habe. Hierauf behandelte er nur in 
Absätzen und wie ihm aus der Fremde der Stoff zukam, vielleicht 
unter besonderen Titeln zeitgenössische Ereignisse 2). Endlich aber 
scheint er später einen neuen Anlauf genommen, das letzte Jahr- 
zehent des XHI. und das erste des XIV. Jahrhunderts aus mancher- 
lei gelegentlichen Arbeiten zusammengefügt und mit der ursprüng- 
lichen Reimchronik vereinigt zu haben. Auch ist nicht unmöglich. 



1) Im Jahre 1859 habe ich bei Böhmer in Frankfurt sein Handexem- 
plar gesehen, welches mit den sorgfältigsten und genauesten chronologi- 
schen Bemerkungen versehen Avar. 

2) Man mufs ohnehin bedenken, dafs alle die 83,000 Verse zum Vor- 
lesen bestimmt waren und Pausen daher nicht blofs im Interesse des Dich- 
ters sondern auch der Zuhörer gelegen haben. Die Beendigung der Reim- 
chronik könnte übrigens möglicherweise auch damit zusammenhängen, dafs 
mit Otto's von Liechtenstein Tode die Aneiferung für seinen poetischen 
Dienstmann fehlte. 



250 § 1^- -^i® steirische Reinichronik. 

dafs diese Zusammenstellimg, die Auffindung der Capitelüberschrif- 
ten und die Einfügung der fremden Berichte Sache eines späteren 
Schreibers war. Der Charakter der späteren Capitelüberschriften 
möchte vielleicht eine solche Annahme begünstigen. Wann Ottokar 
durch den Tod in seiner Arbeit unterbrochen worden ist, läfst sich 
natürlich in keiner Weise feststellen, doch wird er kaum das Jahr 
1309 lange überlebt haben. Da er zur Zeit König Rudolfs bereits 
ein gröfseres Werk, wie er sagt, yerfafst hatte, seine Lehrzeit in 
der Dichtkunst demnach um 1270 fällt, so mufs er zur Zeit der 
Marchfeldschlacht doch wol bei dreifsig Jahre und in der Zeit, wo 
er sein Werk schlofs, über sechzig gewesen sein. 

Wir können aber von ihm nicht scheiden, ohne der Beurthei- 
lungen zu gedenken, die sein Werk bis auf die neuesten Zeiten er- 
fahren hat. Gleich im XIV. Jahrhundert hat es grofse Beachtung 
gefunden bei dem Abt Johann von Victring, bei dem sogenannten 
Georg Hagen und in den Herzogschi'oniken der Oesterreicher. Seit 
dem XVI. Jahrhundert ist es jedoch nur diirch das trübe Medium 
des Wolfgang Lazius benutzt worden. Seit 1745, wo es zuerst ge- 
druckt wurde, hat es unbedingt die GeschichtSAverke beherrscht und 
■R-urde seine Glaubwürdigkeit in keinem Punkte bezweifelt bis auf 
Palacky, der den seiner Zeit auffallenden, aber keineswegs unge- 
rechtfertigten Versuch machte, die historische Autorität Ottokars 
einigermafsen zu erschüttern *). Neuestens sind dann auch von 
einem anderen Standpunkte aus Versuche gemacht worden, eine 
Ehrem'ettung des Abtes Heinrich II. von Admont gegenüber den 
Anschuldigungen der Reimchronik eintreten zu lassen^). Die Noth- 
wendigkeit einer neuen kritischen Ausgabe hat sich allen Forschern 
auf diesem Gebiete aufgedrängt, xind es wurde erst von Schottky, 
dann von Karajan, der auch bereits Proben geliefert, zidetzt von 
einem ausgezeichneten Schüler W. Scherers, Lichtenstein, für diesen 
Zweck vorgearbeitet 3). 

1) Falacky, GescLichte Böhmens II a, Be.il. I. 

^) Rieder, Chronicon Ottocari in rebus, quae ad Henricum abbatem 
pertinent, ne sit fons rerum Stirie scriptoribus, liat beträchtlich über das 
Ziel hinausgeschossen, noch mehr Fuchs, Heinrich IL, Abt von Admont, 
der vielleicht mehr vor neueren Dramen, als vor der alten Reimchronik zu 
warnen wäre. 

') Erst sollte Schottky für die Monumenta die neue Ausgabe über- 
nehmen, Pertz, Archiv III, 153. 163, hierauf Karajan; vgl. Sb. d. Wiener Akd. 
1852, Vill. Bd., Chmels Versuch einer Begründung meiner Hypothese, ebd. 
S. 10. 13 ff. des besond. Abdrucks, doch hat Kai-ajan nachher die Matoriaben 
der neuen Ausgabe an die Monumenten-Rcdaction zurückgestellt. Naclidom 
diese durch verschiedene Hände gegangen waren, sollte Fr. Lichtenstein die 



Kritischer Werth der Reimcti-onik, 251 

"Wollte man ein allseitig begründetes Urtheü über den histo- 
rischen Werth und die Glaubwürdigkeit der Reimchronik aufstellen, 
so müfste man sich vor aUem gegen jeden allgemeinen Ausdiiick 
verwahren; nirgend wird man leicht die gröfste historische Treue 
und die unglaubwürdigste Fabelei so dicht neben einander yereinigt 
finden. Was uns der Chronist gibt, ist überall nichts als die aus- 
gezeichnete Form für ^Mitth eilungen, die ihm von anderwärts zuge- 
kommen sind. Seine eigene Kritik ist nicht grofs gewesen, und 
Vieles für wahr zu halten imd zu erzählen, lag schon in der Art 
seiner Beschäftigung selbst. Ihm konnte man glauben machen, dafs 
die Tataren sich nisteten, um die Gebeine der heiligen drei Könige 
von Köln zu holen, und mit gleich liebenswürdiger Erzählermiene 
berichtet er über die Verhandlungen der KönigswahJen oder über 
die diplomatische Sendung des Bischofs Bernhard von Seckau. Be- 
sonders was in Spanien, in Unteritalien, selbst am Rhein sich er- 
eignete — in diesen Ländern dachte er sich Vieles möglich, was 
ilrni Geschichtsforscher als Geschichte auch ohne urkundlichen Ge- 
genbeweis nicht nacherzählen werden. Für die heimischen Verhält- 
nisse ymd man ihn in der Regel gut und umständlich unterrichtet 
finden, aber auch hier ist kein Schritt obne die fortwährende Con- 
trole, namentlich durch Urkunden, zu thun, denn seine Gewährs- 
männer waren oft entsetzlich untergeordnete Leute und noch öfter 
das Gerücht mit tausend Zungen. Wenn man ihn dagegen an einem 
Punkte trifft, wo er durch Urkunden unterstützt wird, da läfst sich 
durch seine dann so werthvoUen Detaüs zu den seltensten Ein- 
blicken in die Motive der handelnden Personen gelangen. Das 
Meiste für die kritische Würdigung des Geschichtschreibers haben 
daher die Regesten Böhmers vermocht, weil durch die zersetzende 
Vergleichimg mit den urkundlichen Nachrichten gleichsam unwill- 
kürlich die allgemeinen Mafsstäbe , wornach die einen das Ganze 
als eine Dichtung, die andern das Ganze als reinste Geschichte be- 
handelten, von selbst weggefallen sind'). Eine interessante Frage, 

neue Ausgabe besorgen. Er war mit der Arbeit soweit vorgerückt, dafs 
er anfangen konnte, den Text ins Reine zu schreiben. Die Untersuchung 
über das Verhältnifs der Handschriften war abgeschlossen, die Sprache 
Ottokars aus umfassenden Reimbeobachtungen erforscht und auch in Be- 
zug auf die Vorbilder, denen er in seiner Darstellung folgte,' vieles neu 
gesammelt, als ein jäher Tod den hoffnungsvollen jungen Gelehrten der 
Wissenschaft entrifs. Leider hat er die Resultate seiner Untersuchungen 
nicht durchweg aufgezeichnet; aber aus den vorhandenen Sammlungen wird 
sie ein kundiger Nachfolger gröfstentheüs ablesen können. Ein solcher 
ist aber bis jetzt nicht gefunden. 

') Vgl. Böhmer, Reg. Rudolfs, 1844, S. 57. 



252 § 19. Johann von Yictring. 

die mit der Behandlung seines Stoffes zusammenhängt, ist, fast wie 
bei den antiken Schriftstellern, die über den Werth der Reden. 
Wir glauben nicht etwa, dafs sie w^rklich gehalten und von unserem 
liebenswürdigen Erzähler aufbewahrt worden sind, aber in der That 
ist hier, wie bei den Classikern, ein Beweis dafür zu finden, dafs 
es möglich ist, durch solche eingeflochtene Reden manchmal einen 
Grad Ton innerer Wahrheit zu erreichen, aus welchem man eine 
Person mittelst der unhistorischen Rede besser und genauer kennen 
lernt, als durch alle wirklich gesprochenen Worte derselben, wenn 
man sie hätte. 



§ 19. Johann von A'ictring. 

An die Reimchronik des steii-ischen Ritters Ottokar schliefst 
sich die historische Arbeit eines Mannes, welcher unbedenklich als 
der bedeutendste Historiker des späteren Mittelalters bezeichnet 
werden kann. Es ist der Abt Johann des Cistercienserklosters 
Victring am Wörthersee bei Klagenfurt. Die Gründung des 
Klosters reicht noch in die Zeiten des heiligen Bernhard hinauf. 
Aber vom Jahre 1140 bis auf den Abt Johann finden sich nicht 
viele Spuren gröfserer geistiger Regsamkeit daselbst. Plötzlich und 
unvermittelt taucht der letztere aus dem sonstigen Dunkel dieses 
kärntnischen Klosters aufi). Selbst die Landsmannschaft Johanns 
mufs als zweifelhaft gelten und es ist sehr wol möglich, dafs derselbe, 
wie die ersten Mönche aus Villars, so aus lothringischem oder fran- 
zösischem Gebiete eingewandert ist. Im Jahre 1307 war er bereits 
Augenzeuge einer von ihm geschilderten Begebenheit in Victring 



') Ueber die Gründung, an welche sich eine fabelhafte üeberlieferimg 
anschliefst, handelt Marian, Mon. IH, 5. 247. Zur Zeit der Entstehung 
dieser Namenssagen wnfste man über die Gründung überhaupt nichts rech- 
tes melir. Valvassor in der Topographia Carinth. compl. S. 240 hat Eini- 
ges mitgetheilt. Den vcrhältnifsmäfsig besten Abtskatalog finde ich bei 
Metzger, Historia Salisburg. II, S. 1265. Hier heilst es von Abt Johann, 
dafs er 1348 pridie Idus Novbr. gestorben sei und 33 Jahre, 8 Monate 
und 26 Tage Abt gewesen -wäre, welches Datum vermöge sonstiger ur- 
kundlicher Uebcrlicfcrung auf 1347 reducirt werden müfstc und dann wol 
gut pafst und zu brauchen ist. Eine sonderbare Verwechselung zwischen 
Victring und St. Victor läfst sich Aretin in den Beiträgen ll, 2. 89 zu 
Schulden kommen und streitet mit vielem Unrecht bei Gelegonlieit der 
Wessobrunner Handschrift des Jolianncs gegen Mon. boica, tom. VlI, p. 332. 
Auf die in einem Victringcr Chartular des XV. und XVI. Jahrhunderts vor- 
handene Historia fundationis coenobii Victoriensis liat Ankershofen 
zuerst aufmerksam gemacht im Archiv f. K. östeiT. Geschq. III, 226 ff., jetzt 
genaueres bei Fournier s. die nächsten Anmerkungen. 



Leben und Werke. 253 

selbst. Mitte Februar 1314 wui'de er Abt des Klosters und starb 
als solcher am 12. November 1347. In diese Zeit fällt seine aus- 
gebreitete Thätigkeit für die Historiogi-apliie. In den letzten Jakren 
seines Lebens aber erst gelangte er dazu seine Entwürfe zu abge- 
schlossenen und abgerundeten Darstellungen zu gestalten. Zu den 
Landesfürsten in Kärnten stand er stets in sehr- vertrauten Bezie- 
hungen. So findet man ihn als Geheimschreiber und Caplan des 
Herzogs Heinrich, frühereu Königs von Böhmen; nach dessen Tode 
erscheint er als Vertrauter der Kinder desselben^), Margarethe und 
ihres Gemahls, für deren Interesse er wirkt. Nachdem aber die 
kärntnische Erbfolge definitiv zu Gunsten des habsburgisehen Hauses 
entschieden war, ti"at er in die innigsten Beziehungen zu Herzog 
Albrecht II. und Herzog Otto von Oesterreich. Er wurde österrei- 
chischer Hofkaplan und scheint eine ernstere Neigung für Albrecht II. 
gewonnen zu haben, bei dem er sich wiederholt aufhielt. Erst seit 
1342 entsagte er seiner ausgebreiteten geschäftlichen Thätigkeit und 
widmete nun alle seine Zeit der Geschichtschreibung. 

Ueber das Hauptwerk Johanns, von welchem eigentlich nur der 
Titel, Ldber certariim historiarum, sicher erkannt wiu'de, herrschte 
bis in die neueste Zeit vollkommene Unklarheit, da es von Pez in 
einer Compüation mitgetheilt wurde, bei welcher Johanns Eigenthum 
von den fremdartigen Zusätzen anderer Schriftsteller nicht mehr 
deutlich unterschieden werden konnte. Böhmer hatte das grofse 
Verdienst auf eine Originalschrift zurückgegriffen zu haben, welche 
jedoch nur einen TheU der historiographischen Thätigkeit Johanns 
von Victring repräsentirt. Erst jüngst ist diu'ch die scharfsinnigen 
und auf den Grund gehenden Forschungen August Fourniers voll- 
ständiges Licht über dieses schwierige Capitel mittelalterlicher Quellen- 
forschung verbreitet worden 2). Hierdurch ist ein seltenes Beispiel 

^) Qui duci Heinrico, patri eorum, familiaris et secretarius fuerat. 
Wiewol der Titel eines familiaris in der Hofsprache des Mittelalters fort- 
während vorkommt, so hat man sich doch noch keineswegs über eine 
passende Uebersetzimg geeinigt, denn „Hausgenosse" drückt die Sache 
gewifs imgenügend aus. 

^) Ueber die Wessobrunner jetzt in München befindliche Handschrift 
hat Bemh. Pez, Thes. Anecd. I, 19 zuerst Nachricht gegeben; vgl. Hohen- 
eicher, Ueber Joannis Vict. Cbronicon Carinthie und Anonymi Leobiensis 
Chronicon in Pertz, Archiv VI, 419. Nach dieser Handschrift hat Böhmer, 
Fontes I, S. 271 — 450 seine Ausgabe veranstaltet. Ein Auszug daraus 
fand sich in einer Weifsenburger dann Wolfenbütteler Handschrift, wor- 
nach Eccard als Cont. Martini Poloni in Corp. Eist. 1,1413 — 1460. Als 
eine dritte Handschrift liat man den in Klosterneubui'g liegenden soge- 
nannten Anonymus Leob. des Pez zu betrachten. Aus einer vierten in 
Rom stammt Würdtwein, Nova subsidia HI, 201 — 237, Eine fünfte Hand- 



254 § 19. Johann von Victring. 

rastloser Bearbeitung des historischen Stoffes, immer erneuerten 
Ringens nach verbesserter Form und eines redUchen Strebens nach 
pragmatischer Geschichtsdarstellung aufgedeckt worden, wie es in 
ähnlicher Weise nui* in dem Buche des Universalhistorikers Ekkehard 
für die fi'ühere Epoche vorlag. Auch das handschriftliche Material 
Johanns von Victring gestattet einen tieferen Blick in die geistige 
Werkstatt eines mittelalterlichen Geschichtschreibers imd bietet aufser 
dem stofflichen noch ein ganz besonderes litterarisches Interesse 
dar. Denn Johann von Yictring war kein Chronist im gewöhnlichen 
Sinne des Wortes. Er begnügte sich nicht eine Masse von That- 
sachen niederzuschreiben und an einem zeitlichen Faden dürftig zu 
verbinden, in seinen Ent"«ürfen tritt vielmehr eine grofse historische 
Conception und in den Reinsckriften seiner Bücher eine strenge 
Ordnung, kritische Ausscheidung und sorgfältige Ergänzung zu Tage. 
Die erste und älteste Conception eines gegliederten historischen 
Werkes unseres Yictringer Abtes stammt aus dem Jahre 1341. Er 
stand damals auf der Höhe seines Ansehns und seiner Macht. Er 
Avar auch Kaplan des Patriarchen von Aquileja geworden. An Reich- 
thum mündlicher Quellen und der Möglichkeit sich über die Zeit- 
geschichte zu instruiren, war ihm kein Zeitgenosse vergleichbar. 
Welche Yorlagen für sein eigenes Gedächtnifs und für seine eigenen 
Erfahrungen zu Gebote standen, läfst sich von urkundlichem Stoffe 
etwa abgesehen, nicht mehr erkennen. Als er den Entwurf für sein 
erstes Geschichtswerk verfafste, hatte er das Material schon ge- 
sammelt, denn er schrieb in einem Zuge sein rasch hingeworfenes 
schwer leserliches Concept. Es war seine Absicht, die Geschichte 
von 112 Jahren vom Tode Herzog Leopolds des Glorreichen bis 
zu dem Jahre, „welches jetzt abläuft", d. i. 1341 zu schreiben. Der 
Inhalt des Buches entsprach in möglichst unbestimmter Fassung 

schrift im Besitz von Trautmannsdorf, wornach Steyerer in den Comment. 
Stellen mittheilt, ist jetzt verschollen. Die Ausgabe Böhmers genügt zwar 
in Bezug auf die Corrcktheit des Abdrucks des einen Reinsohriftfragmcnts 
der Wessobrunner Handschrift, gibt aber ein falsclics Bild, weil sie zum 
grofsen Theil auf der Klostenieuburger Handschrift beruht, welche eine 
spätere (zweite) Redaction des ganzen Werkes re]M:isentirt. Nach der 
Seite der Feststellung des Thatsächlichen und des Verhältnisses der ein- 
zelnen Handsclunften zu einander, sowie in Betroflf der Quellenkritik Jo- 
hanns kann wol die Arbeit Fourniers, Abt Johann von Victring und sein 
Liber. cert. hist. Berlin 1875, als abschlicfsend angesehen werden. Vgl. 
Anz. f. d. A. I, 88. Proben der Handschrift, welche ohne sorgfältige phi- 
lologische Correktur beigegeben sind, haben eine gewisse Sorte von Kri- 
tik hervorgerufen, die das Verdienst der Arbeit wol nur in um so helleres 
Licht stellt, aber ganz bezeichnend für manches modenie Roceusenten- 
wesen ist. 



Quellen und Entwiü'fe. 255 

cleni Titel desselben; doch sollte es sicli vorzugsweise mit der Ge- 
schichte der Herzöge von Oesten'eich und Kärnten befassen. Das 
Werk -mu-de dem Landesfürsten Albrecht II. und zugleich in poe- 
tischer Zuschrift dem Patriarchen von Aquileja gewidmet. 

Bei der Feststellung dessen, vras dem Entwürfe als Quelle his- 
torischer Erkenntuifs diente, mufs man einen Unterschied machen 
zwischen der rein stofflich historischen Mittheilimg und der littera- 
rischen Form des ganzen. In ersterer Beziehung reduciren sich die 
von Johann benutzten Bücher im Grunde auf die Reimchroniken 
Ottokars und auf eine kleine Anzahl kärntnischer Aufzeichnungen, 
unter denen eine in einem liber pontificaüs erwähnt wird. Alles 
übrige aber, und diese Eigenständigkeit des Werkes kann man von 
der Zeit König Rudolfs an rechnen, beruht auf eigener Erforschung 
oder Erfahrung des Abtes. Was dagegen das Rüstzeug allgemeiner 
Bildung betrifft, welches Johann zu seiner Darstellung herbeizog, 
so war es äufserst beträchtlich. Seinen Rudolf von Habsbm-g zu 
schildern, bediente er sich der Worte Einhards über Karl den Grofsen. 
Regino von Prüm und Otto von Freising waren ihm ebenso genau 
bekannt; viele Stellen aus der Bibel, Orosius, Augustin, zahlreiche 
Dichter des Alterthums, Philosophen imd Theologen von Plato bis 
auf den heü. Bernhard und Thomas von Aquino zieren nicht etwa 
blofs äufserlich das Geschichtswerk Johanns, sondern sie bieten fast 
immer den Ausdruck der Stimmung, des Urtheils, der Werth- 
schätzung von Personen und Sachen, in welcher Beziehung der Ge- 
schichtschreiber seine subjective Ansicht zurückdrängt und die Au- 
toritäten seiner Gelehrsamkeit sprechen läfst'). Für die Quellen- 
beurtheilung der thatsächlichen Ueberliefeining bieten die bestimmten 
Angaben Johanns von Victiing über seine Gewährsmänner eine nicht 
häufig in Geschichtsbüchern des XIV. Jahrhunderts vdederkehrende 
Gelegenheit und Möglichkeit speciellster Erprobung. Auf einen 
alten Laienbnider des Klosters, der schon zur Zeit der Canonisation 
Ludwigs des Heiligen in Paris war, beruft sich Johann gleich am 
Anfange seines Werkes. Heinrich von Kärnten, Konrad von Aufen- 
stein, der Bischof Heinrich von Trient, Leopold von Weltingen, der 
Vertraute Albrechts L, der Patriarch Bertram von Aquileja, der 
Bischof Matthäus von Brixen werden von Johann selbst als seine 
Gewähi-smänner genannt. Mit fast gleicher Sicherheit läfst sich 

') In Betreff der von Johann angeführten Quellen und Autoren ist 
das Verzeichnifs von Böhmer in der Vorrede allerdings sehi" sorgfältig 
Font. I, XXVII und XXVIII, und die Nachlese, welche Foumier zu geben 
vermochte, nicht allzu grofs. 



256 § 19. Johann von Victring. 

von Biscliof Dietrich von Lavant und dessen Nachfolger Heinrich II., 
von Bischof Heinrich von Gurk, dem Abt Konrad von Salmanns- 
weiler, Otto von St. Lambert und noch von vielen anderen ver- 
muthen, dafs sie Berichterstatter der Ereignisse waren, welche in 
unserm Geschichtsbuche Erwähnung fanden. In dem Entwürfe einer 
Geschichte der Jahre 1231 — 1341, welchem Abt Johann selbst den 
Titel liber certarum historiarum gab, war zunächst alles Material 
vereinigt, welches er während eines langen Lebens und aus seiner 
reichen Leetüre zusammen zu stellen vermochte. Aber dieser Ent- 
wurf selbst scheint niemals Gegenstand einer Reinschrift geworden 
zu sein. Er bot die Grundlage dar zu zwei Werken, wovon das eine 
dem ursprünglichen Concepte näher stand, das andere sich davon 
weiter entfernte. Die Abfassung derselben fällt in die Jahre 1342 
und 1343. Der ui'sprüngliche Entwurf wurde bis 1217 hinaufgerückt 
und mit Materialien aus Martin von Troppau und einem Fortsetzer 
desselben, sowie aus einem Verzeichnifs der Patriarchen von Aquileja 
ergänzt. Obwol dieses Werk im Concepte verloren gegangen ist, so 
leiten die Spuren seiner Existenz doch noch bis in die Zeiten des 
Hieronymus Pez. Es schlofs mit dem Jahre 1339 und führte wahr- 
scheinlich den Titel einer Geschichte von Kärnten. Inzwischen aber 
wurde die erste Ausgabe des gTÖfsern Geschichtswerkes kunstvoll 
in 6 Bücher zu je 10 Capitel getheilt und den Gönnern Albrecht II. 
und dem Patriarchen von Aquileja überreicht^). Aber schon im 
Jahre 1343 entschlofs sich Johann von Yictring zu einer vollkom- 
menen Umarbeitung des Liber certarum historiamm. Es mag sein, 
dafs das Beispiel Ottos von Freising, dessen Chronik doch vorzugs- 
weise den litterarischen Ruhm desselben begründete, auf Johann 
mächtig einwirkte, denn vrir sehen ihn Anstalten treffen zu einem 
sehr umfassenden Buche, worin er Reich und Reichsgeschichte, Könige, 
K^aiser und Päpste mit grofser Ausführlichkeit seit den Zeiten der 
Karolinger zu behandeln dachte. Zu einer Vergleichung dieses Werkes 
mit Otto's von Freising Chronik ist aber kein Ginind vorhanden. Denn 
einen universalhistorischen Charakter beabsichtigte Joliann seiner 
Geschichte auch in dieser letzten Form nicht zu verleihen. Wol 
aber sind die Quellen, die er am Schlüsse seiner Thätigkeit zusam- 
mentrug mit Rücksicht auf den erweiterten Stoflf viel umfassender. 

') Fouraior vcrnuithet, dafs in der Umgebung des Patriarchen Ber- 
tram von Acjuileia, wo dieses Werk Johanns am l)cstcn bokannt war, 
ein Excerpt veranstaltet wurde, welches einem Martinus angohiingt wurde. 
Unter dem falschen Namen des letztern liat Eecard dieses Excorpt als 
Continuatio Martini Poloni veröffentlicht, Corpus hist. 1, 1113 — 14G0. 



Politische und litterarische Stellung. 257 

Reginos und Ottos früher nur gelegentlich gestreifte Chroniken -uTir- 
den jetzt auch sachlich benutzt, Martin von Troppau, die Salzburger 
St. Ruperts Annalen, die Lebensgeschichte Heinrichs II. u. A. bildeten 
die Grundlage eines erweiterten ersten Buches des früheren Liber 
certanim, der nun auch bis 1343 fortgeführt ^NTirde. Dem Werke, 
■welcbes Johann auf dieser letzten Eutwickelungsstufe seiner Historio- 
graphie schuf, fehlte ein vom Autor festgestellter Titel. Der Sache 
nach kann man es eine Reichsgeschichte von Karl dem Grofsen bis 
auf das Jahr 1343 nennen. 

Wären Johanns sämmtliche Werke, von denen man Reste bald 
in Concepten, bald in Reinschriften findet, vollständig erhalten, so 
wären drei Hauptwerke zu unterscheiden: eine Geschichte Kärntens 
im engeren Sinne, eine zeitgenössisclie Geschichte in 60 Capiteln 
und eine Reichsgeschiclite seit den Zeiten der Karolinger. Doch 
darf man nicht vergessen, dafs die gesammte handschriftliche Ueber- 
liefeiomg äufserst fragmentarisch ist, und dafs man namentüch das 
letztgenannte von Johanns Werken nur aus einer sehr unsichem 
Yergleichung seiner handschriftlichen Notizen mit einem späteren 
compilatorischen Werke zu reconstruii-en vermöchte, welches un- 
zweifelhaft aiich ganz fremde Zusätze, wie die unbedeutenden Auf- 
zeichnungen der Leobner Dominikaner enthält*). 

Litterarisch und sachlich betrachtet waren die genannten Werke 
Johanns von Victring nichts anderes als Verzweigungen des in sei- 
nem ersten grofsen umfassenden Conceptbuche niedergelegten histori- 
schen Wissens. Glücklicherweise ist dieses erste Concept auch am 
vollständigsten überliefert und enthält, soviel man bis jetzt zu er- 
kennen vermag, auch stofflich die wichtigsten Nachrichten 2). Wird 
man demnach zu einer vollständigen Würdigung Johanns von Yic- 
tring vielleicht erst gelangen, wenn mindestens dieser autogxaphische 
Theil seiner Werke veröffentlicht sein wird, so läfst sich sein Werth 
als Geschichtschreiber doch auch jetzt schon einigermafsen charak- 
terisiren. Für seine politische Stellung möchte wol nichts treffenderes 
angeführt werden können, als die in seinem Concepte mitgetheilten 
Verhandlungen mit dem Kaiser Ludwig und den östen-eichischen 
Herzogen nach dem Tode Heinrichs von Kärnten. Johann war von 



') Die Klosterneuburger Handschrift von Pez als Anonymi Leobiensgs 
chronicon hg. SS. I, 755 — 966 imd die Leobner Zusätze in der Grazer Hs., 
zuerst von Zahn bekannt gemacht in Beiträge zm- Kunde steier. GQ. 
1,47 ff. ^ ° 

^) Vgl. besonders Foumiers Mittheilungen daraus über die Vereini- 
gung Kärntens mit esterreich S. 111 ff. 

Lorenz, Geschichtsqnellen. 3. Aufl. I. 17 



258 § 19. Johann von Yictiing. 

dessen Kindern entsendet, um die Rechte Margarethas und ikres 
luxembui-gisclien Gemahls auf Kärnten zu ■wahren. Yom Kaiser mit 
seinem Ansinnen zurückgewiesen und von den österreichischen Her- 
zogen auf das vertrauensvollste empfangen, gab er auf die Frage, 
wie man Kärnten am besten verwalten möchte, den in einer Parabel 
ausgesprochenen Rath, in der Regierung des Landes alles ungeändert 
zu lassen, weil ein ver-v\T^indeter Mann demjenigen zürnt, der ihm 
die Fliegen hinwegscheucht, wenn diese vollgesogen, die nachkom- 
menden aber hungriges Gezücht und neue Peiniger wären. Ein 
offener freimüthiger Sinn, ■nie Mer im Leben, tritt auch in der Be- 
urtheilung der Dinge scharf hervor. Er spricht Tadel und Lob, 
beides mäfsig und mit geistlich belehrendem Tone gerne aus. Für 
das habsburgische Haus erwärmt er sich zuweilen, wie in der Ge- 
schichte Rudolfs von Habsburg entschieden. Aber den Lebenden 
gegenüber zeigt sich nirgends eine schmeichlerische Tendenz. Die 
Ereignisse der Jahre 1330 — 1340, welche vielen politischen Zünd- 
stoff enthielten und an denen er den lebhaftesten Antheil nahm, 
beschreibt er mit einer in der That seltenen Ruhe und Leidenschafts- 
losigkeit. Man bedauert — und hierin dürfte der Ent'SAoii'f nicht 
wesentliche Aenderungen be^AÖrken, wenn er gedruckt sein wird — 
dafs Johann nicht redseliger wird, wo er eigene Erlebnisse zu ver- 
zeichnen hatte, aber aufser der Bescheidenheit, die sich hierin ver- 
räth, zeigt es auch eine gewisse litterarische Feinheit, welche das 
Ebenmafs der Darstellung zu überschreiten sich scheut. Ein ge- 
wöhnlicher Schriftsteller hätte sich bei diesen Gelegenheiten den 
Zügel in vollem Mafse schiefsen lassen. Wenn übrigens Milde und 
Ruhe des ürtheils in praktischen und einzelnen Fragen die Werke 
Johanns sicherlich auszeichnen, so fehlt es seinen poetischen Er- 
güssen nicht an einer gewissen verbitterten Stimmung und roman- 
tischen Sehnsucht. Wie viel man dabei auf Rechnung der herge- 
brachten Kategorieen von vei"flosseuer Herrlichkeit und goldenen 
Zeitaltern, ohne die sich der mittelalterliche Mensch überhaupt 
schwer eine poetische Betrachtung zu denken vermochte, zu setzen 
haben wird, mag dahin gestellt bleiben. Dagegen kann die Welt- 
anschauung des Victringers im ganzen sicherlich auf das VHL Buch 
von Ottos von Freising Chronik zurückgeführt werden, wo Antichrist 
und Weltuntergang als eine Folge des menschheitlicheu Dualismus 
dargestellt sind. Eingreifender für die Stellung Johanns zu den von 
ihm erzählten Ereignissen ist aber jedenfalls seine Auffassung von 
Papstthum und Kaiserthum, da diese eben in seiner Zeit zu einem 
neuen welthistorischen Conflicte eigentlich dem letzten in seiner Art 



Gründungsgeschiclite von Yictring. 259 

gelangt waren. Wiewol nun Johann gegen die Politik Ludwigs von 
Baiern in kirchlicher Beziehung heftig ankämpft, so war er der 
Theorie nach doch durchaus kein Anhänger des Curialsystems. Wie 
viel er sich von den thomistischen überall in Aufnahme gekommenen 
Lehren angeeignet haben mag, läfst sich zwar schwer bestimmen, 
aber so viel ist ge-wdfs, dafs die abstracte Torstellung des Victringers 
von der Hoheit des Kaiserthums eine unbedingte und bedeutende 
war. Auch kann er, soweit aus seiner Geschichte Friedrichs IL, 
Konradins und besonders Kaiser Heinrichs VH. ein Schlufs gemacht 
werden darf, als Ghibelline bezeichnet werden. Ludwig von Baiern 
dagegen erscheint dem gemäfsigten Abte als ein Verletzer unzweifel- 
haft kirchlicher Rechte und aufserdem ist nicht zu verkennen, dafs 
er kein persönliches Gefallen an dem Witteisbacher fand^). 

Nicht sicher überliefert ist die Autorschaft Johanns von Yictring 
in Bezug auf eine Geschichte der Gründung seines Klosters, doct 
läfst sich gegen dieselbe kaum ein Zweifel hegen, wenn man die 
EJiostergeschichte mit dem Liber certarum historiarum im einzelnen 
vergleicht. Hier me dort begegnet man den gleichen Eigenthümlich- 
keiten der lateinischen Stilistik, derselben Vorliebe für reimartige 
Ausgänge der Sätze und derselben Häufung von gleichlautenden Ver- 
balendungen. Die Klostergeschichte zeigt in ihrem älteren Theile 
zwar keine besonders kritische Richtung. Die Grüudungssage ist 
ohne Bedenken mitgetheilt, aber sie beweist auch, dafs zwischen 
der wirklichen Gründung und der Aufzeichnung davon ein geraiuner 
Zeitraum liegen müsse. WahrscheinHch schrieb Johann die Geschichte 
seines Klosters schon in seinen friihern Jahren, da für die letzten 
Jahre seines Lebens kaum eine Zeit der Abfassung zu denken wäre. 
Man -«drd daher in der Gründungsgeschichte das erste Werk des 



"O^O" 



^) Ueber die politische Stellung Johanns: Stögmann in den Oesterr. 
Bl. f. Lit. u. Kunst 1857; Böhmer in den Reg. Lud^svigs S. VIII, wo auch 
des theUweisen Abdrucks in den Wiener Jahrb. 39, A. B. 29 gedacht ist; 
vgl. über das Verhältnifs zu Ottokars Reimchi'onik: Jacobi, De Ottok. 
Chron. a. a. 0. Bei dieser Gelegenheit wiU ich auch noch bemerken, dafs 
man unterlassen sollte, den Liher certarum historiarum in einer nächsten Aufl. 
von Potthast als etwas Besonderes anzuführen. Dobrowsky, Monatsschrift 
der Gesellsch. des vaterländ. Museums S. 41 und im 30. Bd. der Jahrb. der 
Lit., bezieht sich eben nur auf die für Böhmen wichtigen Stellen des 
Chron. Carinth. oder Liber cert. hist. Hieran schliefst sich in neuester 
Zeit eine eingehendere Besprechung des Johann von Yictring als Histo- 
riker in den Forschungen z. d. G. XIII, 535 — 576 von Mahrenholtz, wo- 
gegen Foiu-nier in der Zeitschrift für österr. Gymn. 1878, 717 — 727, femer 
Dr. Mahrenholz, zur Kritik von Job. v. Yictrings 'liber certar. hist.', Progr. 
der Realsch. I. 0. im Waisenhaus zu Halle 1877; dagegen A. Hub er, Zs. 
f. Ost. Gymn. 1879, 51.238; vgl. GGA. 1878, 955. 

17* 



260 § 19. Johann von Victring. 

Abtes erbKcken dürfen, nach dessen Vollendung er zu den schwieri- 
geren Aufgaben seiner Geschichtsdarstellung fortschritti). 

Ueber die grofse Verbreitung der Werke des Victringers sogleich 
nach seinem Tode kann man aus der Benutzung derselben einen 
Schlufs ziehen. So ist kein Zweifel, dafs Heinrich von Rebdorf und 
Heinrich von Hervord einzelne von den Büchern Johanns gekannt 
haben. Was dagegen nicht unbemerkt bleiben kann, ist der Um- 
stand, dafs die Thätigkeit des Abtes Johann einen tieferen und nach- 
haltigeren litterarischen Einflufs weder in Victring noch in andern 
kärntnischen Klöstern geübt zu haben scheint. Sehr spärliche Reste 
von historischen Aufzeichnungen finden sich zwar in Ossiach, wo 
die Cistercienser eine Series ahhatum besafsen, welche von einem 
späteren Historiker benutzt und fortgesetzt wurde. Dazu kommen 
unbedeutende Annalen aus dem Dominikanerkloster Friesach, 
1217 — 1300, ein wenig verläfsliches Probstverzeichnifs der Prämon- 
stratenser zu Grinen^), und schliefslich ein paar Notizen aus 
Sittich bei Laibach ^), doch steht alles das ebensowenig in Zusammen- 
hang mit Johanns Werken, als die Person Johann Schönfelders 
mit unserm Abte, obwol ein Brief desselben zuweilen den Werken 
Johanns von Victring angehängt wurde. Johann Schönfelder aber 
war ein österreichischer Ritter, welcher einen Bericht über die Schlacht 
von Crecy verfafste, welcher als ein fliegendes Blatt Verbreitung ge- 
funden zu haben scheint und an und für sich betrachtet, allerdings 
nicht ohne Interesse ist*). 

1) Oben S. 252 Note, Fournier S. 128 bis 154 aus dem Victringer 
Chart ular. 

2) Ueber Ossiach vgl. Arch. f. öst. GQ. VII, 205: Notizenbl. d. Wiener 
Ac. 1858 S. 260. — Annales Frisacenses hg. von L. Weiland MG. SS. XXIV, 
65 — 67. — Stries praepositorum aus Grinen erwähnt im Notizenbl. a. 0. — 
Notizen aus S. Paul c. 1430, vgl. Arch. f. vaterländ. Gesch. hg. v. hist. Ver. 
in Kärnten III (1856) S. 33. 

2) Abgedruckt aus der Helmstädter Hs. bei 0. v. Heinemann, die Wol- 
fenbüttl. Hss. I, 187. 

*) Als Continuatio fälschlich bei Pez zum Anonymus Leobieusis, SS. 
II, 966— 'J72. Die Epistel Schönfelders au Gotfried ep. Patav. vom 12. Sept. 
1346, die mit Johann von Victring gar nichts zu thun hat, kommt in 
Hss. ganz selbständig vor: vgl. Pcrtz, Arch. III, 410. Am vollständigsten 
mit einem Vcrzoichnii's der Gefallenen in Manuscript 352, Nr. 21 der Wie- 
ner Hofbibliothek, gedruckt bei Böhmcr-Ficker, Acta Imp. 1055 p. 750. — 
Ueber ein böhmisches Volkslied vgl. Palacky, Gesch. von Böhmen H, 2. 
(1874) 253 N. 



Geschichte der Habsburger, 261 



§. 20. Oesterreichische Fürsten- und Landesgeschichte. 

Sogleich mit dem Aufkommen der Habsburger wendet sich das 
Mstoriographische Interesse diesem mächtig wachsenden Geschlechte 
zu. In den Stammgebieten des Hauses befafste man sich, wie wir 
früher gezeigt haben, zuerst und schon in König Rudolfs Zeit mit 
geschichtlichen Studien über die Habsburger; davon ist vieles ver- 
loren gegangen, wie die Bücher Ulrich Kiiegs und Heinrichs von 
Kliugenberg. Reste dieser Thätigkeit findet man bei den späteren 
Geschichtschreibern, wie Heinrich von Gundelfingen und Guillimaun^), 
welche manches seither verlorene Werk kannten. Seit das Haus in 
Oesterreich regierte, fehlte es demselben noch weniger an Geschicht- 
schreibern. Der Kampf zwischen Friedrich dem Schönen imd Ludwig 
dem Baiern gab Anlafs zu einer vorzüglichen in deutscher Prosa 
verfafsten Darstellung, von der man ein Bruchstück besitzt, das 
unter dem Namen „der Streit von Müldorf bekannt ist 2). 
Das Stück zeichnet sich schon als eine der ersten prosaischen Dar- 
stellungen der Geschichte aus, es ist aber durch seine entschieden 
österreichische Haltung gegenüber den baiiischen Berichten über 

') Vgl. oben § 7. Ulrich Krig, ein Zeitgenosse Rudolfs von Habsburg, 
wird eiTvähnt von Stumpf ia der Schweizer Chronik; vgl. Lambecius, 
Comm. lib. IL 493; YI, 4G5; Kollar, Ann. vet. I, 727 ff. Guiliimann, De 
rebus Helveticis, ist durchaus unToIlständig gedruckt. Handschrift im 
Wiener Staatsarchiv benutzt von Steyerer, Historia Alberti IL, Lips. 1725 
wo auch dessen CoUectaneen zu vergleichen wären. 

^) Ausgaben von Pez, SS. I, 1002 nach der Kl. Neuburger Hs. (Arch. 
X, 593), Rauch, SS. H, 309—812 (Arch. X, 560), Böhmer, Font. I, 161—164 
nach Cod. Vindob. 352 ; alle repraesentü-en Redaction I, welcher Red. H 
gegenübersteht in den beiden Drucken von Zeibig, Arch. f. öst. GQ. IX, 
362 — 365 nach einer Kl. Neuburger Hs. und von 0. Dobenecker, Mitth. d. 
Inst. Ergänzungsbd. I, 209—213 nach Cod. Yindob. 3445 (vgl. Fournier, 
Joh. V. Victring, S. 101). Die Quelle nach 14 Hss. untersucht und zu einer 
Darstellung der Schlacht benutzt von Dobenecker a. 0. 163 — 219. Zur 
Sache vgl. v. Weech, Forsch. IV, 85; Würdinger SB. der Münchn. Acad. 
1872 II, 463—478. — Eine interessante Zusammenstellung der bei Mühl- 
dorf fechtenden Ritter aus Schlesien, hg. von Wattenbach, Zs. f. Gesch. u. 
Altert, von Schlesien III, 199. Verzeichnifs der Salzburger Ritter von 1319 
und 1322 hg. von W. Hauthaler, Mitth. d. Ges. f. Salzburger LK. XIX, 
162 — 167; ein anderes in der Burghauser Fortsetzung der Sachs. Welt- 
chronik hg. von Riezler, Aventins Werke HI, 590; von Aventin. Ann. VII, 
c. 15 p. 406 benutzt. Verzeichnifs der böhmischen Ritter (fingirt) vgl. 
Palacky, Gesch. v. Böhmen II, 2. (1874) 135 N. — Eine andere sehr wich- 
tige Darstellung des Kampfes fand Wattenbach als eine Art Fortsetzung 
der Chronica minor in der Pester Hs. Arch. f. öst. GQ. XIV (1855), 15—16; 
vgl. Holder-Egger SS. XXIV, 178. — Notizen aus Mauerbach 1314 bis 
1405 erwähnt Schulte, Heinr. v. Rebdorf, S. 9 N. 1. 



262 § 20. Oesterreichische Fürsten- und Landesgescliichte. 

Kaiser Ludwig besonders beacMenswerth. Den Verfasser hat Böhmer 
im Salzburgischen Lager gesucht, doch kommt sein Werk keines- 
wegs blofs in Salzburgischen Handschriften vor, es scheint vieknehr 
besonders in Oesterreich verbreitet gewesen zu sein. Es läge daher 
am nächsten daran zu denken, dafs der Hauptinhalt desselben ein 
Bericht sei, der österreichischerseits über die Schlacht von Müldorf 
officiell verbreitet worden ist. Hiezu stimmt auch die Mäfsigiing 
im ürtheü vind im Gegensatze zu manchen baüischen Berichten der 
gleichen Zeit die Fernhaltung jedes leidenschaftlichen Ausbruchs 
gegen den Feind. Uebrigens müssen zwei Redactionen des Be- 
richtes unterschieden werden, von denen die klü'zere zumeist in 
Verbindung mit den Klosterneuburger Anualen, die ausfühi-lichere 
dagegen im Anschlüsse an Johann von Victring erscheint; ihre ge- 
meinsame Vorlage kann nicht vor dem Trausnitzer Vertrag (1325 
März 13) entstanden sein. .Ein paar Anekdoten über Herzog 
Rudolf III. (1298—1306), Friedrichs fi-üh verstorbenen Bruder, hat 
ein Cistercienser in Heüigenki-euz aufbewahrt'). 

Bald machte sich indessen das Bedürfnifs einer zusammen- 
fassenden Geschichte der östen^eichischen Länder in Gompilationen 
geltend, die seit der Mitte und dem Ende des XIV. Jahrhunderts 
aus den älteren Annalenwerken zunächst ganz unkritisch versucht 
worden sind^). Der Werth dieser compilatorischen Arbeiten der 
späteren Jahrhunderte ist heute selbstverständlich völlig verloren 
gegangen, da man die Originalquellen in der reinen und ui'sprüng- 
lichen Gestalt kennt imd also diese späteren Gompilationen bei Seite 
setzen kann. Ein beachtenswertheres Stück findet sich als Frag- 
ment einer Geschichte der vier Herzoge Albert von Oesterreich 3), 



') Fratris Amhrosii de Sancta Cruce, de actis Judaeorum sub duce Ru- 
dolfo 1307. 1310, bei Karajan, Kleinero Quellen (Wien 1859) 7—10; vgl. 
F. Ilwof, zur Gesch. der Judenverfolgung in Steiermark, Mitth. d. bist. Ver. 
f. Steiermark, XII (18G3), 210—216. 

^) So ist die Historia Australis und die Chronica Australis bei Freher- 
Struve, SS. I, 431 — 490 als vorzügliche Quelle benutzt worden, während sie 
eine Compilation und identisch ist mit dem von Rauch, SS. II, 210 soge- 
nannten C/ironicon Austriacum, besonders Klosterneuburger und Wiener 
Annalen verarbeitend mit unbedeutenden Zusätzen. — Die Stuttgarter Hs. 
242 8. XVI enthält ein Chronicon de dticihiis Austriac, liarariae et Suei'iae 
ab electione Friderici I, 1152 — 1292, doch habe ich nicht feststollen kön- 
nen, was dieses Work enthält. In denselben Kreis gehört das lireve Chro- 
nicon (duces Australes a tempore Conradi I. ultimi de genere Carulorum 
usque ad praesentcs); es ist sicherlich viel weiter gegangen als das Frag- 
ment davon bei Pez, SS. I, 685 und dürfte kaum vor dem Ende des XIV. 
Jahrh. geschrieben sein. 

') Fragm. hint. de IV. Albertis Aiistriae duciöm bei Pez, SS. II, 382 



Gregor Hagen. 263 

welche, wie v. Zeifsberg vermuthet, Tielleicht aus der Karthause 
Gaming stammt, wo eine beacMenswertiie geistige Regsamkeit Yor- 
handen war; ferner eine besondere Gescbichte Alberts IP), 
welche zwar erst im XVI. Jahrhundert daselbst geschrieben wurde, 
aber wol auf älterem Material beruhen dürfte, da Albert II. als 
Stifter der Karthause (1332) daselbst begi'aben ist und überdies auf 
locale Tradition ausdrücklich vei^wiesen wird-). 

Die erste eigentliche zusammenfassende Landeschronik ist in 
den Zeiten Albrechts III. und diesem Herzog, der Ton Dichtern 
und Gelehrten gleich verehi-t worden ist, zu Ehi'en geschrieben 
worden. In der Torrede sagt der Verfasser, dafs er dem Herzog 
Albi'echt, der zu allen guten und klugen Sachen besonders geneigt 
sei, sein Werk gewidmet habe; doch nennt er seinen eigenen Namen 
nicht und nur auf eine unsichere Autorität hin nennen wir ihn 
Gregor Hagen 2). Das Buch selbst ist aber sehr merkwürdig und 
bildet mit seinen sonderbaren gelehrten Erfindungen die Grenzscheide 
einer neuen Epoche der Historiographie. Gleich die Eintheilung des 
Werkes ist voll von Sonderbarkeiten; während man sonst nach 
Weltaltern die Chroniken einzutheilen pflegte, beruft sich unser Ver- 
fasser auf die fünf Sinne des Menschen, nach denen die Chronik in 
fünf Bücher eingetheilt ist. Das erste Buch gleicht dem Sehen, 
das zweite dem Hören u. s. w.; auch die Geschichte der Juden im 
ersten Buch ist wieder in fünf Zeitalter getheilt. Die Abstammung 
der Oesterreicher ist in die ^wunderbarsten biblischen Fabeleien ge- 
kleidet und selbst in der Zeit, wo der Verfasser die Melker Annalen 
benutzte, unterläfst er nicht, eine Reihe von Fabeln hinzuzufügen, 

bis 385: vgl. v. Zeifsberg, Arch. f. öst. G. LX, 567. — In Gaming lebte 
1358 — 1360 Konrad von Haimburg, von welchem Mone, Lat. Hymnen 
d. MA. I, 17 einige Lieder edirt hat. 

1) CItronicon Alherti Ducis Austriae bei Pez, SS. H, 370 — 382. 

^) Vgl. Steyerer, 1. c. Ein Verzeichnifs der Gaminger Prioren und 
Klosterbrüder seit 1432 und der Conversen von 1446 — 1486 von dem dor- 
tigen Mönch Wilhelm Hofer von Landshut verfafst, hat v. Zeifsberg, 
Arch. f. öst. G. LX (1880), 579—592 edirt. 

^) Matthaei cuiusdam vel Gregorü Hageni germanicum Austriae chroniton 
bei Pez, SS. I, 1043 — 1158 nach einer Hs. der kürzeren Redaction mit 
Hinweglassung der abenteuerlichen Urgeschichte. Hss. aus dem XVI. und 
XVII. Jahrh. sehr zahlreich, zwei im Brit. Mus., vgl. NA. IV, 354. 355; 
über eine Strahover und eine Admonter Hs. vgl. J. Wichner, Beitr. z. K. 
Steiermark. GQ. XIX, 79; eine Hamburger s. XV (bis 1398, aus Wiener 
Neustadt, wovon Cod. Vindob. 2917 abgeschrieben ist) vgl. L. Weiland, 
Sachs. Weltclu-on. S. 9; eine Berliner, vgl. Docen, Arch. I, 423. Ueber 
den Autor und die Chronik handelt F. M. Mayer, Untersuchungen über 
die Öst. Chron. des Matthaeus oder Gregor Hagen, Arch. f. öst. G. LX 
(1880), 293—342; vgl. Mitth. d. bist. Ver. f. Steierm. XXVHI (1880), 223. 



264 § 20. Oesterreichische Fürsten- und Landesgeschichte. 

deren Ursprung sich gar nicht begreifen läfst. In den populären 
Landesgeschichten des XV. Jahrhunderts findet man aller Orten das 
Bestreben, die gelehrte Kenntnifs des Alterthums mit der Stammes- 
und Landesgeschichte zu verweben, bei Gregor Hagen tritt aber 
diese Manier schon in der allergewaltsamsten und rohesten Combi- 
nation hervor. So übertrieben sind diese Ei-fiudungen, dafs sich die 
humanistischen Schriftsteller des XV. Jakrhunderts, wie Aeneas Syl- 
vius, Cuspiuian und Andere, auf das Heftigste gegen Gregor Hagen 
erheben und ihn wol auch einen zweibeinigen Esel nennen, wähi-end 
andere römisch, zugeschnittene Fabeleien noch dm'ch Jahrhunderte 
hindurch in der HistoriogTaphie wurzeln. Dagegen wurde die offen- 
bar alttestam entliehe Richtung in der Darstellung der Urgeschichte 
Oesterreichs rascher bekämpft und abgethan. Bei der frühen und 
entschiedenen Verdammung, die übrigens der Verfasser erfahren und 
bei den ernsten Zweifeln, die gegen seine "Wahrhaftigkeit erhoben 
worden sind, dürfte man billig auch gegen die Darstellung der 
eigenen Zeitgeschichte, die der Verfasser liefert, mifstrauisch sein; 
nichtsdestoweniger hat sich Hageu füi" die Geschichte des XIV. Jahr- 
hunderts als eine Hauptquelle behauptet. Er erklärt, nicht mehr 
als einen 'durchpmch in den croniken der hochgeporen forsten meiner 
gnaedigen herren der herczogen ze Oesterreich vnd ze Steir' liefern 
zu wollen. Das Quellenmaterial, soweit dasselbe bisher biosgelegt 
wurde, zeigt durchaus nichts ungewöhnliches: Martin von Troppau, 
Martinus Minorita, Enenkels Fürstenbuch und für die spätere Zeit 
die verlorenen Königsfelder Jahrbücher, Ottokars Reimchronik und 
ähnliches. Wir haben einen Mafstab für seine Mittheilungen an 
den Capiteln, welche ansschliefslich auf der Reimchronik beruhen. 
Mancherlei willkürliche Veränderungen zeigen sich da neben ge- 
dankenlosen Excerpten, dann folgen nachlässige Mittheilungen über 
die Kaiser, unter denen Ludwig und Karl nur kurz berühi't Averdeu, 
und über die Päpste, bei denen hauptsächlich nur das Schisma be- 
klagt wird. Von Herzog Albrecht H. au merkt man wol, dafs der 
Verfasser theils aus eigener Anschauung der Dinge, theils aus Mit- 
theilungen von Augenzeugen berichtet, jedoch ist es mehr nur zu- 
sammenfassende Charakteristik als eine Geschichte, was Hagen gibt. 
Nur über einzelne sehr bedeutende Ereignisse, wie über die Schlacht 
von Sempach, ist er etwas ausführlicher. 

Bei dieser Gestalt des umfangreichen Wei'kes ist es immer von 
grofsem Interesse gewesen, den Verfasser genauer kennen zu lernen. 
Die Untersuchung durfte sich dal)ei nicht lilos auf den Nachweis be- 
schränken, ob Hagen Matthaeus oder Gregor geheifsen hat, sondern 



Johann der Seffiner. 2Qb 

mufste notliwendig sich auch darüber klar werden, ob die Autorschaft 
dieses Hagen überhaupt auf einem gesicherten Zeugnifs beruht. Pez 
hatte nach seinen Vorbemerkungen eigentlich mehr Vertrauen zu 
dem Namen Matthaeus, welcher auch schon bei Heinrich von Gundel- 
fingen vorkommt i). Die Schwierigkeit wird jedoch gröfser, wenn 
mau die Handschriften untersucht, welche so erhebliche Verschieden- 
heiten aufweisen, dafs F. M. Mayer vorläufig zwei Redactionen con- 
statiren konnte, von welchen die ältere der östeiTeichischen Geschichte 
einige Abschnitte über Kaiser und Päpste einverleibt, die in der 
jüngeren Redaction fehlen, doch scheinen auch noch innerhalb dieser 
beiden Fassungen bedeutende Differenzen vorzukommen. Eine Hand- 
schrift der ersten Giiippe^) hat überdies einen ganz eigeuthümlichen 
Abschlufs, indem unmittelbar auf die Erzählung von der Schlacht 
bei Sempach eine ziemlich werthlose Compilation mit der Ueber- 
schrift: 'ain 1er von dem streiften' folgt, als deren Verfasser Johann 
der Seffner, Dechant an der Schiüe zu Wien sich zu erkennen 
gibt. Albrecht IH. (f 1395) wird hier als lebend erwähnt, während 
in den anderen Handschriften schon über seinen Tod berichtet wird. 
Seffner erklärt, er wolle den Herzog Albrecht HI. nicht loben, um 
nicht als Schmeichler zu erscheinen, da derselbe noch am Leben 
ist, aber er verspricht ein besonderes 'geticht' über dieses Thema. 
Ein solches ist bisher nicht bekannt geworden und Mayer vermuthet 
daher, dafs die in Aussicht gestellte Arbeit nirgend anders zu 
suchen ist, als in dem Capitel 'von des hercog Albrechts tod', 
welches in den übrigen Handschi'iften vorkommt. Dann hätten v,ti; 
hier die älteste Fassung der Chi'onik vor uns, welcher der Autor 
nach dem Tode des Herzogs durch Hinzufügung der beiden letzten 
Abschnitte jene Form gegeben haben dürfte, wie sie in den übrigen 
Handschriften der ersten Gruppe erscheint. Auf jeden Fall bleibt 
also für Seffner, der sich auch sonst in Wiener Universitätskreisen 
nachweisen läfst, ein gewisser Antheil an der phantastischen Chronik 
gesichert, obwol man nach dem bisherigen Stande der Forschung 
ihm nur den strategischen Excurs und die beiden Schlusskapitel mit 
einiger Sicherheit zuschreiben darf und noch nicht zu erkennen ver- 

^) Ein Matthaeus von der Zips kommt unter den Magistern der Wie- 
ner Universität vor, vgl. Aschbach, Gesch. d. Wiener Univ. I, 616; doch 
weist Mayer a. 0. S. 325 nach, dafs die Gothaer Hs., in welcher ein Gre- 
gor Hagen 1406 als Verfasser genannt ist, nur einen entstellten Auszug aus 
der Chronik enthält. 

2) Auf Schlofs Podgora bei Görz, vgl. Mayer S. 328. Die dieser Hs. 
eigeuthümlichen Nachrichten über Salzburg und Oberitalien aus dem Jahre 
1387 hat Meyer S. 340—342 mitgetheilt. 



266 § 2^' Oesterreichische Fürsten- und Landesgeschichte. 

mag, in ■welcher Weise er auch au der Abfassung oder Redaction 
des ganzen grofsen Werkes beschäftigt gewesen ist. 

So sehr aber auch die Geschichtsauffassung dieses eigenthümlichen 
Buches der einheimischen üeberliefeiTiug -widersprach und so leicht 
seine gelehi'ten Fabeln durch annalistische östeiTeichische Werke 
selbst "widerlegt -werden konnten, so rasch scheinen sich dieselben 
Yerbreitet zu haben, da sie einer Geschmacksrichtung der Zeit ent- 
sprachen. Zur Yergleichung dieser Art von Geschichtschreibung 
müfste am erfolgreichsten das Buch von Jakob TOn Guise herbei- 
gezogen werden, und wenn man einmal in der Lage sein wird, diese 
Fragen mehr nach ihren Innern und litterargeschichtlichen ^lomenten 
darzustellen, wird sich ohne Zweifel ergeben, dafs die Tendenz, 
Landes- und Dynastengeschichte aus orientalischen und römischen 
Quellen herzuleiten, eine geistige Krankheit war, die sich, erstaunlich 
lange dui'ch die Litteratur fortschleppte i). In den Stammlanden der 
Habsburger war das Buch unter dem Namen des i\Latthäus als A^er- 
fassers schon im. XV. Jahrhundert verbreitet. 

Wir müssen hier der Zeit etwas vorgreifen, um den Zusammen- 
hang der östlichen und westlichen Habsburgergeschichte Rechnung 
zu tragen. Schon in der Schwäbischen und Schweizer Geschichts- 
litteratur begegnete uns Heinrich von Gundelfingen, der gleich- 
sam der Vennittler dieser dynastischen Gelehrsamkeit war. Hein- 
rich nennt sich selbst einen Konstanzer. Er war Magister der 
freien Künste iind Caplan zu Freiburg im üechtland. Die Yerhält- 
nisse in der Schweiz seit der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts 
lassen einen regeren Verkehr zwdschen dortigen Gelehrten und dem 
habsburgischen Hause erkennen. Insbesondere war der Hof zu 
Innsbi-uck gewissermafsen der Mittelpunkt eines litterarischen Cultus, 
obgleich nicht übermäfsig viel von Herzog Sigismunds maecenatischer 
Thätigkeit bekannt ist. Gleichwol besteht kein Zweifel über die 
Beziehungen Alberts von Bonstetten zu demselben und Heinrich von 
Gundelfingen preist den tirolischen Fürsten in einer überschwäng- 
lichen, die lobhudelnden Phrasen italienischer Humanisten treu nach- 
ahmenden Weise. Im übrigen aber war Heinrich von Gundelfingen 
so wenig von humanistischem Geiste erfüllt, dafs wir ihn in diesen 
Geschichtsquellen mit viel mehr Anrecht auf seine Thätigkeit be- 
handeln dürfen, als wir dies bei Albert von Bonstetten thun konnten. 
Seine österreichische Geschichte ist eine echt mittelalterliche 

') Beispiele der Ziirückfi'ilirnng Oostorroiohs auf altoriontalischc Ge- 
schichte und auf Alexander d. Gr^lson gibt es wirklich durch alle Jahr- 
hunderte, selbst 1857 ist ein solches Werk erschienen. 



Heim-icli von Gundelfingen. 267 

Chronik 1) und besitzt von dem Charakter der klassischen Studien 
nicht mehr als die Aeufserlichkeiten mj-thologischer und heroischer 
Namen. Das Werk besteht aus drei Abtheüungen , deren erste die 
fabelhafte Vorgeschichte Oesterreichs nach Gregor Hagen erzählt, 
die zweite die Geschichte des habsbiu-gischen Geschlechts seiner 
römischen Abstammung nach behandelt, und die dritte der Haupt- 
sache nach zeitgenössische Geschichte, und darunter wieder beson- 
ders die Darstellung des burgundischen Kiieges enthält. Jede dieser 
Abtheüungen richtet sich in sehr persönlicher Weise an den Herzog 
Sigismund, für den das ganze Werk ausschliefsKch abgefafst -vNTirde. 
Heinrich von Gundelfingen unterbricht nicht nur zuweilen seine 
Darstellung diuxh Anreden an seinen förstlichen Leser, sondern er 
bemerkt sogar, dafs er die Geschichte des habsburgischen Hauses 
Yon RudoK von Habsburg an deshalb nicht nöthig fände zu be- 
schreiben, weil Herzog Sigismund davon selbst die besten Kennt- 
nisse besitze. Seine Darstellimg der burgunder Kriege setzt mit 
den Beziehimgen Sigismunds zu Zürich ein und bewegt sich anfäng- 
lich in durchaus phi-asenhafter Weise, um hierauf zu einer Beschrei- 
bung der Schlacht bei Granson überzugehn. Aber auch in diesem 
Theüe dürfte man keine eigentliche historische Arbeit suchen, son- 
dern es ist eine stilistische Auslassung und Feier der bekanntesten 
Ereignisse, von denen aber im einzelnen kaum ein Zug erzählt wird, 
der geeignet wäre imsere Kenntnifs von diesen Dingen zu vermehren. 
Ist demnach der dritte und eigentlich historische Theil des Buches 
nicht eben sehr geeignet einen Werth als Geschichtsquelle zu bean- 
spruchen, so wird man Heinrich von Gundelfingen überhaupt nur 
noch eine Art von litterarisches Interesse abgewinnen, denn in den 
zwei ersten Theüen des Werkes ist in der That die Verschmelzung 
einer in Oesten-eich entstandenen Landesfabel mit der in den habs- 
burgischen Stammländern entstandenen Geschlechts- und Famdien- 



') Ex historia Austriaca hactenus inedita Henrici Gundelfingii Pars 
tertia cum appendice de successione Comitum. Teriolensium ed. KoUar, 
Analecta Vindob. I, 728—824 nach Cod. Vindob. 516 s. XV., vgl. Chmel, 
Hss. d. Hofbibl. I, 565. Die schon verzierte Pgt.-Hs. darf man aber auch 
im ersten Theile für keine einfache Abschrift aus Gregor Hagen ansehen, 
sondern als eine Bearbeitung der österreichischen Chronisten. Vgl. Lam- 
becius, Comment. II, 493. VI, 465. Lambec. ed. Kollar, 11, 119. Einiges 
hat K. Rieger, Arch. f. öst. G. 48, S. 19 beigebracht: gegen und für die von 
Gundelfingen vorgetragenen Ansichten ist aufser von Herrgott, Prolegg. 
I, 65, dem Abte Seifried von Zwettl, Ai'bor Aniciaua u. s. w. von vielen 
anderen Genealogen im XVII. und XVIII. Jahrh. gehandelt worden, doch 
fehlt es an einer Gesammtbehandlung des Gegenstandes sowol was die 
Person als was das Werk betrifi't. 



268 § 20. Oesterreichische Fürsten- und Landesgeschichte. 

sage eiue Erscheinung, die gewissermafsen die mittelalterliclie His- 
toriographie eudgiltig abzuschliessen geeignet war. Das Buch Heinrichs 
von Gundelfingeu war ein vergeblicher Versuch, die verwegensten 
Irrtbümer mittelalterlicher Darstellungen in einer mehr den classi- 
schen und humanistischen Studien angenäherten Form zu retten und 
in die moderne Geschichtslitteratur einzuführen. Wenigstens in 
Hiusicht auf die von Hagen vorgetragenen Ansichten hatte sich be- 
reits damals, als Gundelfingeu schrieb, eine vernichtende Kritik er- 
hoben, welche auch durch die lateinische Phrase, die Gundelfingen 
in gewandter Weise handhabte, nicht mehr zum Schweigen gebracht 
werden konnte. 

Inz"nischen hatte die habsburgische Hausgeschichte an andern 
Orten der Stammlande eine bei weitem nüchternere und sachgemäs- 
sere Behandlung erfahren. Im Jahre 1442 schrieb ein gewisser 
Clewi Fryger von Waldshut, der sich als Lehrmeister bezeich- 
net, ein Buch „von dem Ursprung der durchlauchtigen Fürsten von 
Oesterreich^)". Wie es scheint benutzte oder excei'pü'te er ein die- 
sen Namen tragendes Werk, welches aus dem Kloster Königsfelden 
stammte. Dafs er es nicht ganz abschrieb, wird aus der mechanisch 
mitgetheilten Vorrede ersichtlich, nach welcher das Original Frygers 
aus zwei Theilen bestand, wovon der erste 30 und der zweite Theil 
31 Capitel hatte. Im ersten Theile wurde von dem Ursprung des 
Hauses Habsburg und von König Rudolf gehandelt, der zweite ent- 
hielt eine Lebensbeschreibung der Königin Anna von Ungarn, Toch- 
ter König Albrecht I. Die Auszüge Frygers scheinen in beider 
Beziehung unvollständig. Doch wird man nicht irre gehen, wenn 
man in dem ersten Theile eine abgeleitete Quelle der Geschichte 
des Hauses Habsburg von Klingenberg erblickt^). Was die zweite 

^) Gerbert, De translatis Habsburgo-anstriacorura principum cadaveri- 
bus ex ecclesia cath. Ba?il. et monasterio Koenigsfoldensi ad conditoriuni 
novum S. Blasii 1772. Die Ausgabe von 1785 ist eine blofse Titelausgabe 
unter dem Titel Clironicon Koenignfeldense, S. 86 — 113. Fryger hat die 
Titel der Kapitel vollständig beibehalten und mitgotheilt, aber den Inhalt 
manchmal bis auf Avenige Worte zusammengedrängt. In der Vorrede ist 
das Kloster der Franciskaner von Königsfelden ausdrücklich genannt. — Das 
bei Pertz, Archiv 1,324 bezeichnete Ms. der Frankfurter Stadtbibliothek: 
Von denen edle Graffon von Habsburg Hertzogon zu Oosterroioh und 
Schwaben und der Stiftung des für.^tl. Klosters Königsfelden in Ergow, 
auch etwas von der Scmpachcr Schlacht, fol. ist gedruckt bei Senckonberg, 
Selccta jur. IV, 1 und vom Ende des XVI. Jahrb., worauf mich L. Weiland 
freundlichst aufmerksam macht. 

'^) Bei der Erwähnung der Basler Streitigkeiten König Rudolfs, welche 
auch in Heinrich von Klingenberg standen, heifst es: ^als man in andern 
cronickcn vindet, die von der herschaft von Oesterreich gemacht sind.* 



269 

Hälfte betrifft, so war es eine Lebensbescln-eibung der Königin 
Anna, welche sicherlich zu Köuigsfelden verfafst wurde, zu welchem 
Kloster Anna und die Habsburger so viele Beziehungen, und wo 
viele darunter ihre Begräbnifsstätte hatten. Das von Fryger excer- 
pirte Original düi-fte schon in der zweiten Hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts geschrieben worden sein, ist aber leider verschollen, doch 
ist neuerdings nachgewiesen worden, dafs dasselbe auch von dem 
sog. Gregor Hagen benutzt worden ist'). "Was Clewi Fryger hinzu- 
fügte, ist ein theilweise in lateinischer Sprache verfafstes genealo- 
gisches Verzeichnifs nebst dürftigen annalistischen Notizen. Kurze 
genealogische Register und Successionsverzeichnisse waren im XV. 
Jahrhundert sehr beliebt. 

Ein ähnHches Verzeichnifs der Reihenfolge der Grafen von 
Tirol fügte auch Gundelfingen seiner österreichischen Geschichte 
bei, welches aus unbekannter Quelle stammt 2) und sich ganz äufser- 
lich an das Vorhergehende anschliefst. Tirol wird da bis auf Kon- 
radin als ein Besitz der Kärntner Herzoge bezeichnet, auch ein 
Beweis, wie wenig gelehrt Heinrich von Gundelfingen war. Als 
eine Hauschronik der Grafen von Tirol und ihrer österreichischen 
Verwandten und Nachkommen bis auf Herzog Sigismund kann auch 
das im Kloster Stams um die Mitte des XV. Jahrhunders verfer- 
tigte Verzeichnifs der fürstlichen Heu'athen und Todestage ange- 
sehen werden, welches mit dem Stifter von Stams, dem Grafen 
Meinhard 1273 anhebt^). Von dem Verfasser dieses Verzeichnisses 
benutzt und für die Gründungsgeschichte von Stams ■v\dchtig sind 
einige noch aus dem XHI. Jahrhundert vorhandene Aufzeichnungen''). 
Ebenso wird man das Werk Goswins von Marienberg diesen 



Damit kann wol nicht Matthias von Neuburg gemeint sein, der dann das 
gleiche enthält, und auch die Geschichte mit dem Sakrament des Priesters 
und dem Grafen Rudolf schliefst sich passend an. Die Beziehungen die- 
ser Königsfeldener Aufzeichnungen zu der altern habsburger Tradition 
bleiben mir unklar. 

1) F. M. Mayer, Arch. f. öst. G. 60, 316-320. 

2) Bei Kollar, Anal. I, 821. 

^) Bi'eve Clironicon monasterii Stamsenm bei Pez, SS. II, 457 — 460; 
über die Wiener Hs. 3358 s. XV, vgl. M. Mayr, NA. V, 136. 

*) Herausg. von H. v. Zeifsberg, Zur Gründungsgesch. des Klosters 
Stams in Tirol. Mitth. d. Inst. 1,84—91. — Eine von Johannes Spies, 
Prior der Augustinereremiten zu Ratenberg in Tirol geschinebene Fort- 
setzung der Flores temporum (1441) vgl. M. Mayer, NA. V, 139. — Eine 
nicht mehr vorhandene Chronik des Haller Rathsherm Berchtold PÖtzer 
aus der Mitte des XV. Jahrh. ist benutzt in Franz Schweygers Chronik 
der Stadt HaU (1303 — 1572) herausg. von David Schönherr, Innsbr. 1867 
(= Tirol. GQ. I). 



270 § 20. Oesten-eicliische Fürsten- und Landesgescliiclite. 

geuealogisclien Cbrouiken ani'eilien können, obwol es doch viel aus- 
fühiiiclier und giiindliclier ist und jedenfalls zu den hervoiTagende- 
reu Geschiclitsquellen des XIV. Jahrhunderts zählen dürfte. 

Goswins Thätigkeit beschi'äukte sich ausschliefslich auf das 
archivalische Gebiet, welches er mit seltener Meisterschaft beherrschte. 
Zu diesem Berufe mag ihn nicht blofs persönliche Neigung sondern 
auch die besondere Sorgfalt bewogen haben, mit Avelcher man auch 
schon vorher in Marienberg den werthvollen Urkundenschatz hütete; 
es waren sogar allerlei wichtige Aufzeichnungen bereits vorhanden, 
welche Goswin benutzen konnte. Ueber sein Leben ist bisher nur 
wenig bekannt geworden. Im Jahre 1374 war er Prior und wurde 
von Herzog Leopold III. zum Hofkaplan ernannt imd 1378 wurde 
auf seine Yem^endung dem Kloster eine jährliche Salzabgabe ge- 
währt; sein Geburts- und Sterbejahr sind unbekannt, doch dürfte 
er das Ende des XIY. Jahrhunderts nicht mehi* erlebt haben. Seine 
archivalische Thätigkeit läfst sich schon seit 1353 verfolgen, aus 
welchem Jahre ein von ihm angelegtes Registrum bonorum erhalten 
ist; ein ähnliches aus dem Jahre 1390 stammendes Urbar von Gos- 
wins Hand ist ebenfalls noch vorhanden. Diesen rein archivalischen 
Arbeiten entspricht vollkommen die Anlage der Chronik von 
Marienberg'), in welcher die urkundlichen Beilagen weitaus den 
gröfsten Raum in Anspruch nehmen. Den Beginn derselben macht 
eine ältere Urkundensammlung, welche Goswin unvollständig auf- 
nehmen zu müssen bedauert, da ihm ein verstümmeltes Original 
vorlag. Auf die Fundationsgeschichte des Klosters und die Urkun- 
den des Stifters folgt sodann ein Terzeichnifs der Bischöfe von Chur, 
ein Verzeichnifs der Aebte, dann die Schenkungen imd schliefsüch 
abermals ein werthvolles Diplomatar, dessen exacte Genauigkeit an 
zahlreichen noch vorhandenen Originalen erprobt werden kann. Der 
erzählende Theil ist dagegen recht dürftig, da der fleifsige Archivar 
kaum mehr als einen verbindenden Text zu dem gebotenen Urkun- 
denmaterial zu schreiben beabsichtigte; Goswins Interesse wurde 
durch das Archiv seines Klosters in so hohem !Mafse absorbirt, dafs 

') Fragmente (deutsch) zuerst herausg. von Joseph Röggl, Beiträge 
zur Gesch. u. Stat. v. Tirol u. Vorarlberg (1825) T, GT— 265 als Chronicon 
iiionasterii montis S. Marine: vgl. Eiolihorn, Episcopatus Curiens. Cod. pro- 
bat. 124 sqq. Hubor, Vereinigung Tirols mit Oostcrr. S. 121. 272. Die 
Chronik des Stiftes Marienberg verf. von P. Goswin, herausg. von P. Bas. 
Schwitzer, Innsbr. 1880 (= Tirol. GQ. II), vgl. Mitth.^ d. Inst. IT, 243. 
Einige Zusätze über die Päpste bis Urban VI. und Kaiser bis Wenzel, 
sowie ein Verzeichnifs der Grafen und Landeshauptleute von Tirol (S. 141) 
sind nic'lit von Goswin. 



Zeitungen über österreichische Fürsten. 271 

er selbst die wichtigsten Zeitereignisse nur einer flüclitigen Beach- 
tung ■würdig fand. In dieser Hinsicht haben die schon seit langem 
bekannten Fragmente gröfsere Hoffnungen erweckt, als die neuerdings 
Yoliständig mitgetheilte 'Chronik' zu erfüllen vermochte. 

Kehren wir nun zur Betrachtung der Geschichtschreibung in 
den östlichen Ländern des Hauses Habsburg zurück, so findet sich, 
dafs die Darstellungen dieser Ai't auch im XV. Jahrhundert vorzugs- 
weise die Albertinische Linie der Dynastie zunächst ins Auge fassen. 
Ton der erwähnten Geschichte der vier Herzoge Albert ist nur ein 
Fragment aus der Karthause Gaming erhalten und sehr unbedeutend^). 
Eine „Historie" von dem Tode Kaiser Albrechts H. nimmt ein 
gröfseres Interesse in Anspruch, weil dieselbe ein unmittelbar durch 
das EreigniXs selbst veranlafster Bericht zu sein scheint, der, wenn 
wdr nicht irren, von einem städtischen Geschäftsträger herrührt und 
bestimmt ist, Rath und Gemeinde einer nicht näher bezeichneten 
Stadt rasch von dem Geschehenen in Kenntuifs zu setzen 2). Nicht 
geringeres Interesse erregten Geburt und Schicksale des Sohnes 
Albrechts H. Ladislaus Posthuinus. 

Wir finden um die !Mitte des XV. Jahrhunderts ein sehr aus- 
gebildetes System von Berichterstattungen über alle hervorra- 
genden Ereignisse Platz greifen. Da Wien und die österreichischen 
Länder immer mehr ein Ceutralpunkt der Politik geworden waren, 
so ist es wohl sehr erklärlich, dafs über Landes- und Füi'stenge- 
schichte dieser Zeit viele amtliche und nicht amtliche Zeitungsblätter 
in Com'S kamen. Solche zum Theil' officielle Berichte liegen 
aus dem Jahre 1454 vor. Ebenso wird tagebuchartig vom Hofe des 
Königs Ladislaus Bericht erstattet im Jahre 1456^). Es sind nicht 

1) Vgl. oben S. 262 N. 3. 

^) Anonymi aequalis de morte et eventibus fei. record. D. Alberti bei 
Pez, SS. II, 675 — 678. Die Behörde, an welche der Bericht geht, wird 
angesprochen: Honorabiles domüai fautores et aniici precaii. Eine geist- 
liche Corporation wird dies kaum sein? 

^) Einige solcher Berichte von E. Birk herausg. in Quellen und For- 
schungen z. vaterl. Gesch. (1849) S. 211 — 258 Nr. X de factis regni Bohemie 
1454 (in der verlorenen Melker Hs. betitelt: hist. de rebus quae in Bo- 
hemia contigerunt Ladislao Alb. II filio regnum adeunte), ni'o. XI (Wie sich 
etlich seltzam Redn bey konig Laslauen in seiner Camer durch seine Rät 
begebn habn, u. s. w. von Ulrich Eizinger) 1454, Nr. XII (Vor Belgrad; 
Ermordung des Grafen Ulrich von Cilli) von 1456 und die Hofmär Nr. XIV: 
alle diese Stücke stehen eben an der Grenze von amtlicher Relation und 
historischer Aufzeichnung. Auch Palacky bezeichnet solche Stücke als 
Zeitungen, deren er eine grofse Anzahl in Urkundl. Beiträgen zm- Gesch. 
Böhmens im ZA. Georg Podiebj-ad, Fontes rer. austr. II, Bd. XX (1860) 
mittheilt, vgl. S. 50, Anonymus de novitatibus (1452) ferner S. 75. 95. 103 
u. a. Tagebuch der Görlitzer Abgeordneten (1453) S. 66. Hiezu vgl. Histo- 



272 §20. Oesterreichiscbe Fürsten- und Landesgeschichte. 

die schlechtesten Erzähler, die man bei dieser Gelegenheit trifft und 
manche Darstellungen, wie die Hofmär von Ungarn, welche die 
Geschichte Ulrich IL von Cilly und der Hunyaden behandelt, zeigen 
eine erfreuliche Entwickelung des historischen Sinnes in den Kreisen 
der Staatsmänner. Auch die Erzählungen und Berichte über den 
Tod des Königs Ladislaus^), die sich zahlreich genug finden, 
werden dieser Gattung von gleichzeitigen Quellen beizuzählen sein, 
über die eine besondere Untersuchung 'ni.mschenswerth wäre. Es 
sind Anfänge von Flugblättern und Zeitungsberichten. 

So wenig indessen die ziemlich reichhaltige Memofrenlitteratur 
dieser Zeit in Oesterreich, welche wir frliher kennen gelernt haben, 
gröfsere städtische Aufzeichnungen heiTorbrachte^), so wenig günstig 
war die erste Hälfte des XV. Jahrhunderts einer Zusammenfassung 
der Landes- und Fürstengeschichte. Erst nach dem Jahre 1450, 
zum Theil unter ganz verschiedenen Einflüssen entwickelte sich in 
grofsartigerem Mafsstabe die österreichische Historiographie. 

Der hervorragendste Schiiftsteller Oesterreichs, welcher um die 
Mitte des Jahrhunderts eine Gesainmtgeschichte Oesterreichs ver- 
fafste, war Thomas Ebendorfer von Haselbach^). Ein Mann 

ria seu epistola de morte Ladislai (von Rositz benutzt) in den SS. reruni 
Silesiac. XIU. Der Verfasser ist ein Sclilesier. 

') Vgl. Palackv, Zeugenverbör über den Tod König Ladislaws, Abh. 
d. böhm. Ges. d. W. 1856, wo fast alle Stellen sich finden und demnach 
auch die betreffenden Relationen und Briefe, nur die interessante Relation 
(Eist, sive epistola de morte Ladislai regis), die sich bei Drescher, diplo- 
matische Nebenstunden, Breslau 1774, S. 73—78 findet, ist Palaoky ent- 
gangen, sie vermehrt die Belastungszeugen, sachlich zwar nicht bedeutend, 
aber immerhin eigenthümlich und interessant; vgl. auch den Nachtrag von 
C. Höfler, Wiener SB. (1880) 95. 900. 

^) Ich mufs mich hier ausdrücklich auf das zurückbeziehen, was oben 
S. 223 — 225 mitgetheilt ist; eine genaue charakteristische Scheidung der 
historischen Gattungen läfst sich natürlich schwer durclrführen, namentlich 
steht die historische Relation, wie wir sie hier betrachten, den tagebuch- 
artigen oben angeführten Aufzeichnungen näher. Sonstige kleinere Stücke 
finden sich als Anonymi Rotensis hreve chronicon 1482 — 1485 und Anonymi 
Tegernseensis breve clironicon Austriae bei Pez II, 467 und 469; bei Rauch, 
SS. I, 381—388 und wol noch manches andere. 

') Die Litteratur über Th. v. Haselbach ist zwar ziemlich umfangreich, 
aber was seine historische Thätigkeit betrifft, so fehlt selbst die hand- 
schriftliche Grundlage derselben, wie H. von Zeifsberg in der österr. 
Wochenschrift 1864 S. 769 ff. und 810 ff. nachgewiesen hat. Auf das Le- 
ben und die Wirksamkeit bezügliches wurde von E. Birk in der Pracf. zu 
den Conc. Basil. Mon. I., XXXI — XLIV erschöpfend zusammengestellt. 
Ein Verzcichnifs der Schriften hat bereits Pez, SS. 1, ()85 mitgetheilt, doch 
soll dasselbe unvollständig sein, ohne dafs es im (Muzelnen ergänzt worden 
wäre. Die auf der Wiener llofbibliotiick lielindlichon Werke und Hand- 
schriften sind früher von Denis schon meist angefülirt, jetzt aber im Cata- 
log leicht zu finden. Vgl. übrigens über die politische Thätigkeit Voigt, 



Thomas Ebendorfer. 273 

von heiTorrageuder Stellung an der Wiener Universität, von allsei- 
tiger Geschäftsthätigkeit in staatlichen und kirchlichen Angelegen- 
heiten, von aufserordentlicher Vielseitigkeit des "Wissens und seltenem 
schriftstellerischen Fleifse fand Thomas von Haselbach nach ver- 
schiedenen Seiten hin vollwichtige Anerkennung älterer und neuerer 
Gelehrter. In der Geschichtschreibung Oesterreichs übte er eine 
nur zu sehr nachwirkende Gewalt auf alle späteren Darstellungen, 
ja in manchen Punkten sind seine Urtheile und Charakteristiken 
österreichischer Fürsten so eingewairzelt, dafs sich selbst die neueste 
Geschichtschreibung darüber nicht ganz hinwegzusetzen vermag. 
Dennoch aber sind der Bedenken gegen seine historischen Leistungen 
so viele, dafs es keine geringe Aufgabe ist, dem grofsen Geschicht- 
schi-eiber Oesterreichs im XV. Jahrhundert gerecht zu werden. 

Thomas Ebendorfer wurde am 10. August 1387 im Dorfe Hasel- 
bach am Michaelsberge 1) geboren. Schon 1405 besuchte er die 
Universität Wien, wurde 1412 artistischer Magister und lehrte an 
derselben Facultät bis 1425. Inzwischen hatte er aber 1421 den 
Baccalaureat der Theologie erworben, wurde 1427 Licentiat in die- 
ser Facultät und widmete sich hierauf ganz der Lehrthätigkeit theo- 
logischer Fächer. Wenn man noch beachtet, dafs Ebendorfer wie- 
derholt Decan der artistischen und der theologischen Facultät und 
mehrmals Rector der Universität war, so hat man hier zum ersten 
Male unter den deutschen Historikern des Mittelalters den genau 
begrenzten Rahmen eines akademischen Gelehrtenlebens vor sich, 
wie es seit jener Zeit unter den Historikern in Deutschland zur 
Regel gehörte. Doch brachte die Universitätsstellung und das An- 
sehen, dessen er genofs, Thomas Ebendorfer in häufige Beziehimgen 
zu den politischen und kirchlichen Ereignissen seiner Zeit und es 
war ihm weder in seinen Manne sjahren noch in seinem Greisenalter 
vergönnt ein zurückgezogenes, beschauliches imd stiUes Leben zu 
führen. Im Jahre 1431 als Vertreter der Wiener Universität an 
das Basler Concil abgeordnet, nahm Thomas von Haselbach einen 
hervorragenden Antheil an den Verhandlungen mit den Hussiten 
und ebenso war er genöthigt in dem Streite zwischen dem Concil 
und dem Papste Eugen Stellung zu nehmen. Er hielt sich in allen 



Enea Silvio, Berl. 1856, an vielen Stellen. Aschbach, Geschichte der Wie- 
ner Universität schildert dieselbe noch eingehender S. 205 ff. imd im. zwei- 
ten Abschnitt 243 — 285 und das biographische und litterarische S. 493 ff. 
^) Vgl. E. Haas, welches Haselbach ist als Thom. Ebendorfers Ge- 
burtsort anzusehen? Ell. d. Ver. f. LK. von N.-Oesterr. NF. XIII (1879), 
S. 101. 

Lorenz, Geschichtsquellen. 3. Aufl. I. Jg 



274 § 20. Oesterreicbisclie Fürsten- und Landesgeschiclite. 

diesen kirchlichen Fragen aber gerne in der Mitte zmschen den 
streitenden Parteien und machte sich dadurch nicht selten die einen 
und die anderen zu Feinden. Seiner Natur entsprach der lebhafte 
und bewegte Schauplatz des politischen und kirchlichen Kampfes, 
der eben damals so heftig entbrannt war, durchaus nicht, und wenn 
ein neuerer Darsteller seines Lebens bezeichnend bemerkt, dafs er 
auf dem Gebiete der Politik „gewissermafsen eine Auctorität" ge- 
worden wäre, so drückt diese Wendiing in der That zutreffend aus, 
dafs eben die Zeit nicht dazu angethan war, einer doctrinären imd 
etwas pedantischen Persönlichkeit, die in die grofsen Verhältnisse 
gleichsam hinein geworfen wurde, allzuyielen Einflufs zu gestatten. 
So geringfügig im ganzen die kirchliche Thätigkeit Ebendorfers 
war, weil es ihm an einem entschiedenen principiellen Standpunkt 
fehlte, so traurig waren für einen Professor, der es mit seineu ms- 
schaftlichen Arbeiten Ernst nahm und der sich gewifs ungern in 
Händel mit den politischen Mächten der Zeit einliefs, die Streitig- 
keiten der Stadt Wien und der Stände und endlich der Landesherrn 
von Oesterreich untereinander. Eine eingehendere Biographie Eben- 
dorfers würde nicht geringe Schwierigkeiten finden, manche Klagen, 
welche in den Acten der Stadt Wien gegen Meister Thomas ver- 
zeichnet sind, zu entkräften'), zumal eben in damaliger Zeit die 
jüngere Generation vor ihren nächsten Yorgängern sehr wenig Ach- 
tung hatte, und was sie irgend von den alten Meistern übles er- 
zählen konnte, auch nicht verschwieg. So hatten die Humanisten 
dafür gesorgt, dafs auch über Thomas von Haselbach wenig gutes 
der Nachwelt überliefert ANOirde. Hierin liegt eine um so gröfsere 
Gefahr, dafs auch der neuere Biogi-aph den Männern der alten 
Schule leicht Unrecht thun könnte, da die Geschichtschreibung 
späterer Geschlechter nm- allzu leicht die Auffassung der näher 
stehenden Zeiten theilt und den fortschreitenden und lebendigen 
Kräften gerne das gröfsere Interesse zuwendet. Unter diesen Um- 
ständen darf man es als eine für unsern alterthümlichen Gelehrten 
sehr erfreuliche Thatsache bezeichnen, dafs in den letzten Jahren 



^) Neben den Facultätsacten, welche von Aschbach S. 209 ff. auf das 
gründlichste benutzt sind, darf wol die Gegenrede der Stadtgemeinde und 
des Raths nicht unbeachtet bleiben. Meister Thomas wird in der Schrift 
des Bürgei-meistcrs und Raths an König Friedrich mehrerer nicht unbe- 
denklifher UnAvtilirheiten geziehen (vfil. Copey Buch etc. Fontes rcr. austr. 
VII, S. :51 ff.), worunter auch eine kleine theologiseho Ketzerriecherei Sei- 
tens Ebendorfers nicht eben günstigsten Eindruck macht. Der Hafs der 
Bürger gegen die Magister der Universität ist überhaupt nieht völlig auf- 
geklärt. 



Thomas Ebendorfer. 275 

eine Reihe tou "Wiener Forschern, indem sie die verdiente Ehren- 
rettung Ebendorfers unternahmen, ganz in der geeigneten geistigen 
Verfassung waren, um sich von den Enea Silvio, Cuspiuian und 
andern mehr dem neuen Geschmack hingegebenen Schriftstellern 
nicht berühren zu lassen, und dem Genius der älteren Generation 
sogar mit einer Art von Enthusiasmus zu huldigen vermochten. 
"Wenn übrigens Ebendorfer in den letzten Jahren seines Lebens dem 
Schicksale nicht entging, dafs selbst Kaiser Friedrich lU. einen 
heftigen Hafs auf ihn warf, -sveU Thomas noch besonnener sein 
wollte, als der besonnene Friedrich und nicht nur für seine Person, 
sondern auch vom Standpunkte der Universität und vom Stand- 
punkte der Stadt "Wien jede Parteinahme verwarf, so lag hierin 
allerdings ein gewisses tragisches Yerhängnifs, aber es ist doch auch 
klar, warum der gelehrte Mann eben bei keiner Partei "Wärme er- 
zeugen und Freunde finden konnte. 

"Wir haben es hier indessen nur mit einer einzigen Seite der 
vielverzweigten Thätigkeit unseres Haselbachers zu thun, wo man 
sehi' geneigt sein wird, seine grofsen Verdienste unbestritten gelten 
zu lassen. Ebendorfer hat zwei Hauptwerke hinterlassen, welche 
mannigfache Beziehungen zu einander haben, und wie es scheint 
sich ursprünglich ergänzen sollten: eine Kaiserchronik und eine 
österreichische Geschichte. Obwol die erstere nun bei Gelegen- 
heit der Geschichte Albrechts I. auf die letztere ausdrücklich Bezug 
nimmt, so ist dieselbe, nachmals unter dem Titel Liher augustalis 
bekannt, doch in Reinschriften früher vollendet worden. Die Art 
und "Weise, vAq sich aber Ebendorfer im sechsten Buche der Kaiser- 
chronik über seine Absicht ausspricht, die österreichische Geschichte 
an die Kaiserchronik anzuschliefsen, erinnert an die Eintheiluug der 
Bücher Jakobs von KÖnigshofen, eine Form der Geschichtsdarstel- 
lung, welche mannigfache Veränderungen erfahren hat. Das ur- 
sprüngliche Concept Ebendorfers scheint indessen durch Zufälle 
aller Art und durch besondere "Wünsche und Aufträge des Kaisers 
Friedrich vielfach gestört worden zu sein, und so kann die Nach- 
welt über die formelle Kunst dieses "Wiener Geschichtschreibers nicht 
recht ins Klare kommen, was eben nicht allzutief zu beklagen sein 
wird*). 

*) Die verwickelten Verhältnisse der Handschriften Th. Ebendorfers 
sind in letzter Zeit besonders mit Rücksicht auf den Liber augustalis von 
Alfred Pribram untersucht worden, welcher eine Abhandlung vor mehr 
als Jahresfrist der Wiener Akademie d. Wiss. vorlegte. Dieselbe ist aiis 
Gründen, welche mehr geeignet waren das Gebiet der gelehrten Anekdoten, 

18* 



276 § 20. Oesterreichische Fürsten- und Landesgeschichte. 

Für die Fürsten- und Landesgeschichte Oesterreichs behalten die 
Arbeiten des Haselbachers vorzugsweise Bedeutung und nehmen unser 
Interesse hier in erster Linie in Ansprueb, obwol die handschriftliche 
üeberlieferung derselben recht ungünstig ist. Die österreichische 
Geschichte sollte, me es scheint, aus drei Büchern bestehen, yon 
denen das erste die jüdische und heidnische Yorzeit, das zweite 
die Geschichte von Christi Geburt bis auf Rudolf von Habsburg, 
das dritte die Geschichte der Habsburger bis auf die Gegenwart be- 
handeln sollte 1). So schrieb Ebendorfer in der Yon-ede des Werkes 
bestimmt und deutlich und wenn man daraufhin dasselbe näher 
prüft, so zeigt sich wdi-klich, dafs um das Jahr 1440 die Hand- 
schriften am Ende des dritten Buches mit der Gebiu't Ladislaus des 
Nachgeborenen einen äufserUch erkennbaren Abschlufs bieten, indem 
der Verfasser der geordneten Erzählung eine Masse von Nachträgen 
aus verschiedenen Chroniken folgen läfst und hierauf sogar einen 
lu'kundlichen Anhang beifügt, der die grofsen Privilegien Oesterreichs 
enthält. Nun folgt aber in den Handschriften noch ein viertes und 
fünftes Buch, welche beiden sofort einen andern Charakter erkennen 
lassen, und bei denen es zweifelhaft erscheint, ob Ebendorfer sie 
selbst seiner Chronik in dieser Form angeschlossen hat. Die hand- 
schriftliche Grundlage der Prüfung gibt leider keinen Anhaltspunkt, 
gestattet aber die Bemerkung, dafs es Abschriften des Werkes gab, 
welche nicht aus fünf Büchern bestanden. Wir wollen indefs über 
diese Frage nicht endgiltig entscheiden. Nach unserer Ansicht rührt 
die Yorrede zum vierten Buche nicht von Ebendorfer her, sondern 
wurde von dem Herausgeber seines Nachlasses hinzugefügt um die 
Collectaneen des berühmten Verfassers in eine dauernde Verbindung 
mit dem Hauptwerke zu setzen. Thatsächlich hat man es demnach 
mit zwei ganz verschiedenen Theilen zu thun. Mit einer östen'eichi- 
schen Universalchronik in vollkommen ausgearbeiteter Erzählung in 
drei Büchern, und einem Nachlafs des Verfassers, bestehend aus 
tagebucliartigen Aufzeichnungen und Herzensergiefsungen, poetischen 
Versuchen und Gelegenheitsreden, Acten und gesammelten Zeitungs- 
ais die Geschichtsquellen zu bereichern, wenigstens bis zu diesem Augen- 
blick nicht gedruckt worden, und ich habe daher Herrn Pribram gebeten 
mir die Resultate seiner Forscluingen mitzutheilen, wornuch ich hier, so 
weit dies eben möglich, den Text zu verbessern suchte. 

1) Abgedruckt von Fez, SS. II, G89— 8G6. Hierauf libor IV u. V, 867 
bis 98G, aber weder vollständig noch aus guten Handsciiriftcn. Das letz- 
tere und die völlige Willküriiolikeit mit der auch Randbemerkungen der 
einen in die Abschrift der andern und dann wieder in den Druck übergin- 
gen, wurde zuerst von Zeifsbcrg hervorgehoben a. a. 0. S. 77G. 



Th. Ebendorfers Schriften. 277 

blättern und dazwischen endlich einer nicht unbeträchtlichen An- 
zahl Ton Concepten zu etwaiger Fortsetzung seiner österreicilischen 
Chronik. 

Vergleichen wir dieses letztere gesammte Material, von den 
späteren Schreibern als viertes und fünftes Buch der Cbronik hinzu- 
gefügt, mit sonstigen Arbeiten Ebendorfers, so fällt die Aehnlichkeit 
mit einem andern Reste von Aufzeichnungen sogleich in die Augen, 
welche E. Birk in mustergiltiger Weise als Ebendorfers Tagebuch her- 
ausgab'). Das letztere umfafst die Zeit seines Aufenthalts beim Basler 
Concil und die Verhandlungen mit den Hussiten, und verdient nach- 
her besonders gewürdigt zu werden; hier sei nur auf die äufsere 
Aehnlichkeit der Stoffsammlung und Stoffbehandlung im vierten und 
besonders im fünften Buche der Chronik hingewiesen. Wenn wir 
daher den Herausgebern des Nachlasses einen Vor^-urf zu machen 
hätten, so wäre es der, dafs sie denselben nicht lieber an das Dia- 
rium angeschlossen haben anstatt denselben in eine völlig ungeeig- 
nete Verbindung mit der Chronik zu bringen. 

Wie man aber auch über die Zusammengehörigkeit der beiden 
TheUe denken mag, soviel ist gewifs, dafs man es in den drei Büchern 
der Chronik mit einem einheitlichen nach Wahl und Absicht ange- 
legten Werke zu thun hat. Dies zeigt sich auch, wenn man die ver- 
schiedenen Bücher mit einander vergleicht. Zwar ist nicht eine 
Zählung nach Capiteln vorhanden, aber eine gewdsse gleichmäfsige 
Behandlungsart des Stoffes tritt überall entgegen. Dabei mag es, 
wie schon bemerkt, immerhin zweifelhaft sein, ob die Zusätze, welche 
in dem Druck unserer einzigen Ausgabe den Fortgang des Textes 
unterbrechen, von Ebendorfer selbst herrühren, oder nicht. Wäre 
es der Fall, so müfste man annehmen, dafs dem Geschichtschreiber 
seine erste Redaction nicht genügte und dafs er in einem Hand- 
exemplar eine zweite Redaction vorbereitete. 

Wenden wir uns nunmehr zu dem Inhalte der drei Bücher 
österreichischer Geschichte, so gilt als eine häufige Voraussetzung, 
dafs die universalhistorische Darstellung der ältesten Zeit lediglich 
mit der Chronik Gregor Hagens zusammenfalle, so dafs man Eben- 
dorfers Buch im ersten Theüe mit Gundelfingens gleichartiger üeber- 
setzung auf eine Linie zu stellen hätte. Doch ist eine solche Annahme 
durch eine genauere Einsicht selbst in die vorhandenen Handschriften 
ausgeschlossen. Allerdings ist eine Verwandtschaft der angeführten 
Quellen untereinander nicht zu leugnen, aber Ebendorfer ist bei weitem 

^) Acta Conciliorum I, 701—783. 



278 § 20. Oesterreichische Fürsten- vmd Landesgeschichte. 

selbständiger als Gundeliingen. Auf eine eingehende Vergleichung 
müssen wir vorläufig verzichten. Unsere Ausgabe des Schriftstellers 
beginnt au jener SteUe des zweiten Buches der Chrouik, wo von der 
Verwandtschaft der Gothen und Trojaner, auf Gi-und einer ihm auf 
dem Basler Concü bekannt gewordenen schwedischen Autorität die 
Rede ist. Dieser seltsame Gewährsmann war es auch, der sich 
seinerseits zur Begründung seiner Fabeln auf den Griechen Diony- 
sius und den Lateiner Jordanis berief; dafs Ebendorfer selbst einen 
Blick in deren Bücher gemacht hätte, wird eigentlich von ihm nicht 
behauptet. Was er aus eigenem über die Geschichte der Gothen 
beibringt, dürfte aus viel näher liegenden universalhistorischen Com- 
pendien geschöpft sein. Ebendorfer liebt es überhaupt nicht sehr, 
seine Quellen anzuführen; am wenigsten könnte man ihn in diesem 
Punkte als genau xmd gewissenhaft bezeichnen. Auch wo er in 
die ihm näher liegenden Jahrhunderte der österreichischen Ge- 
schichte herabsteigt, nennt er die Bücher, die er benutzt, nur 
sehr allgemein und die ki'itische Zergliederung seines Werkes düi-fte 
kaum im Stande sein mit Bestimmtheit die Quellen desselben zu 
bezeichnen. 

Weitaus der wichtigste und interessanteste Theil der Eben- 
dorferschen Aufzeichnungen beginnt mit der Geschichte der Baben- 
berger, welche fast bis auf die neueste Zeit die Historiographie 
nicht blofs beeinflufste, sondern geradezu beherrschte. Noch heute 
sind uns die Beinamen geläufig, welche Ebendorfer in solcher Voll- 
ständigkeit, wie kein anderer vor ihm, für die sämmtlichen öster- 
reichischen Fürsten sammelte. Er hatte hierin allerdings schon 
Vorgänger, und es wäre interessant zu untersuchen, welche Quellen 
ihm für diese nur zum geringsten Theile volksthümlichen Fürsten- 
bezeichuungen zu Gebote standen; aber es scheint doch, dafs er 
manche Lücken der Ueberlieferung selbständig ausfüllte. In älteren 
und gleichzeitigen Annalen fand er keine Anhaltspunkte und die 
frühesten Bezeichnungen dieser Art, dürften vielleicht auf Enenkel 
zurückgehen, dessen Buch Ebendorfer sicherer benutzte, als die 
Reimwerke des stemschen Ottokar, die er möglicherweise schon in 
einem Auszuge einer deutschen Chronik oder aber nur durch die 
Vermittluug Johanns von Victring kannte. Dafs er für die ältere 
Zeit eigentliche urkundliche Forschungen angestellt hätte, wird 
man schwerlich behaupten können. Das Privilegium Heinrichs IV. 
und das darin enthaltene des Kaisers Nero, so wie der kleinere 
österreichische Freiheitsbrief waren doch in Abschriften sehr ver- 



Oesterreichisclie Gescliiclite. 279 

breitet 1). Die grofsen Freiheitsbriefe dagegen waren ibm offenbar 
nur zufällig unter die Hand geratlien, wesbalb er sie ohne textlicbe 
Erörtening in seinen Urkundenanbang einfach aufnahm. Etwa von 
der Mtte des dritten Buches seit 1363 beginnt sich der Charakter 
der Darstellung und ebenso der der Quellen zu yerändem. Die 
Anordnung des Stoffes wird mangelhaft und verliert an Uebersicht. 
Ebendorfer sucht auch seine eigenen Erfahrungen, und die auf Rei- 
sen oder Ton alten Leuten gehörten Nachrichten zu verwerthen, 
wobei ihm jedoch eine scharfe chronologische Auffassung und Kritik 
zuweilen mangelt. Indem sich die Erzählung der eigenen Zeitge- 
schichte nähert, beginnt sie unruhig und unsicher zu werden. Man 
sieht es schon der zweiten Hälfte des dritten Buches an, dafs der 
Verfasser das grofse Material, welches er gesammelt hatte, nicht 
mehr schriftstellerisch beheiTScht. Schon daraus wiirde sich ergeben, 
wenn man es auch nicht sonst wüfste, dafs Ebendorfer längst be- 
vor er den Gedanken einer chronikalischen Ausarbeitung fafste, ein 
sehr sorgfältiger Sammler, Aufzeichner, Tagebuchschreiber und Be- 
obachter der Zeitgeschichte war. Es ist aber darnach sehr schwer, 
wenn nicht unmöglich zu bestimmen, in welcher Zeit oder gar in 
welchem Jahi-e die Chronik von Oesterreich abgefafst wurde. Was 
uns sicher steht, ist dies, dafs seit den Zeiten des Basler Concüs 
seine Mittheilungen in der Chronik unter den Gesichtspunkt von 
Memoiren, Tagebüchern und Sammlungen fallen. Sieht man nun 
zu, wie es mit solchen handschriftlichen Ueberlieferungen Eben- 
dorferscher Werke steht, welche die Bezeichnung dieser Stilgattung 
auch äufserlich rechtfertigen, so ist man auf das Diarium der Basler 
Gesandtschaft zur Zuriickführung der Hussiten gewiesen^). Hier 
zeigt sich die Art und Weise, wie Ebendorfer arbeitete, vollkommen 
deutlich. Ein eigentliches Tagebuch in chronologischer Ordmmg 
wurde immer nur für einige Monate reinlich zusammengestellt, was 
sich daran schlofs, waren Materialien, vde sie auch der letzte Theil 
der Chronik darbietet. Wo Ebendorfer von seiner Thätigkeit in 
den kirchlichen Angelegenheiten an andern Orten spricht, sagt er 
auch selbst, dafs er sein Tagebuch über die Vorfälle bei der Ge- 

*) Dafs auch hierbei Ebendorfer etwas räthselhaftes bietet, da er im 
Priv. minus die wichtigen Worte 'et super Marchiam a superiore parte flu- 
minis Anasi' einschaltet, die sonst in den vorhandenen Abschriften fehlen, 
ist bekannt. Man wird sich bei der offenbaren Tendenzlosigkeit, mit wel- 
cher er diese Rechtsfragen behandelt, durchaus nicht denken können, dafs 
er die Stelle inteqDolirt habe. Wo ist also seine Quelle? 

2) Monum. concil. gener. SS. Tom. I, 701 — 783. Diarium gestorum 
per legatos conc. Bas. pro reductione Bohemorum ed. E. Birk. 



280 § 20. Oesterreichisclie Fürsten- und Landesgeschichte. 

sandtschaft in Prag für den Zeitraum Yon drei Monaten ordentlich 
ausgearbeitet habe'). Daneben finden sich aber zahlreiche Ansätze 
zu memoirenartiger Erzählung für die Jahre 1433 — 1436 und es 
fehlt auch nicht andererseits an Bemerkungen in der österreichi- 
schen Chronik, aus denen herrorgeht, dafs Ebendorfer die Absicht 
hatte, seine für diese Zeit gesammelten Notizen und Acten dem 
Werke einzuverleiben^). Bei diesem Wechselverhältnifs von Diarien 
und Chronik läfst sich nun nicht zweifeln, dafs die Vorsätze einer 
kunstmäfsigen Verarbeitung des Stoffes für die zeitgenössische Ge- 
schichte zu eigentlicher Ausführung nicht gekommen sind und dafs 
das, was uns die österreichische Chronik für die Zeit von 1430 
bis 1462 bietet, im besten Falle nm- als ein Entwurf zu einer spä- 
tem Darstellung der Zeitgeschichte gelten kann, zu welcher jedoch 
niemals die nöthige Mufse gefunden wairde. Daraus ergibt sich dann 
weiter, dafs die Ausarbeitung der Chronik einer spätem Lebens- 
epoche des Verfassers angehörte. Dafs dadurch der stoffliche Werth 
aller dieser Aufzeichnungen um nichts venüngert erscheint, versteht 
sich wol von selbst, und was diese Ebendorferscheu Schriften als 
Quellenmaterial für die zweite Hälfte des XV. Jahrhunderts ge- 
währen, steht viel höher als der Werth seiner historiographischen 
Leistungen für die früheren Epochen 2). 

In sich vollendeter und der Form nach in einzelnen Redac- 
tionen mehr abgeschlossen ist das andere jedenfalls ältere Haupt- 
werk Ebendorfers, welches unter dem Namen des Liber augustaJis 
in der Geschichtslitteratur bekannt ist. Im Jahre 1449 unternahm 
er auf Wunsch des Kaisers Friedrich die Abfassung dieser latei- 
nisch geschriebenen Kaiserchronik*). In dem an Friedrich IH. 

1) Ibid. Praef. XLIII. In libro augustali Cod. palat. Vind. nro. 3423 
fol. 280 cum de sua Pragam legatione mentionem movet, annectit: Que ibi 
gesta fuerint dyetim trium mensium curriculo in alio opere cum aliis fide- 
lius exaravi. 

'■') Ebd. mit Verweisung auf Pez, SS. IT, 848. „Hec et alia pro iugi 
fideliura memoria dietim tractando cum eisdcm Bohemis in divcrsis dietis 
lacius exaravi, que et presentibus dono altissimi coniungere decreui"^ et 
paulo infra: „Que iuibi cum Bohemis acta sunt, inferius pro perpetua re- 
rum gestarum memoria censui connectanda". 

^) Noch sei liier der Vermutlmng Aschbachs gedacht, dafs es scheine, 
man habe den Originalcodcx, der einiges nicht ganz vortheilhafte für K. 
Friedrich enthielt, absichtlich beseitigt und Aenderungen willkürlich vor- 
genommen. 

■•) Nach den mir von Pribram gemachten Mittheilungen ist die Be- 
zeichnung Liber augustalis im Codex 3423 der Wiener llofbibliothek nicht 
von Ebendorfer, welcher sein Werk Dirertorium, correctoritnn , c/ironica 
regxtm Roinanorum nennt. Der Codex entliält noch von Ebendorfers 
Haud, anscheinend nach seinem Tode erst zusammengebunden, die Gc- 



Andere Werke Ebendorfers. 281 

gerichteten Prolog Terspricht Ebendorfer die Geschichte der römi- 
schen Kaiser und Könige um so compendiöser abhandeln zu wollen, 
als es ihm wolbekannt wäre, dafs Friedrich wenig Zeit habe zu 
lesen, wobei eine leise Ironie des theologischen Professors sich ver- 
räth, wenn er andeutet, der Kaiser vermöge auch das Wort Gottes 
nicht häufiger zu hören. Die Yorrede yerspricht auch viel für die 
richtige moralische Beurtheilung der Dinge leisten zu wollen, und 
nach der Versicherang Pribrams, der sich nun der ziemlich un- 
dankbaren Mühe unterzogen hat auch die älteren Partien des mon- 
strösen Werkes zu lesen, ist diese gute Absicht auch durchgeführt 
worden. Hiezu dienen die Directiones, kurze Erörterungen, welche 
am Schlüsse der Darstellung der Geschichte eines jeden Hen'schers 
erscheinen und viel von der ewig waltenden Gerechtigkeit Gottes 
enthalten. Wo Ebendorfer in diesen Directiones auf die Zustände 
seiner Zeit zu sprechen kommt, da zeigt er indessen viel Uner- 
schrockenheit des ürtheils und Ueberzeugungstreue, namentlich wenn 
er das für den Prediger immer so fruchtbare Gapitel der Treulosig- 
keit geistlicher und weltlicher Fürsten der Zeit zu behandeln in 
der Lage ist. 

Die sachlich dürftige Darstellung bis gegen die Mitte des XIV. 
Jahrhunderts erhebt sich von da an zu gröfserer Bedeutung und 
während die älteren Partien auf den bekanntesten Quellen beruhen i), 
überwiegt das Eigenthümliche von den Zeiten K. Sigismunds an. 
üebrigens hat Ebendorfer an seinem Handexemplar, das die Wiener 
Hofbibliothek besitzt, in späterer Zeit eine Reihe von A''eränderun- 
gen vorgenommen und in längeren oder kürzeren Z^dschenräumen 
an den Schlufs des siebenten Buches hinzugefügt, was er von Er- 
eignissen seiner Tage erfuhr. Diese Eintragungen in einer tage- 

schichte der Päpste, fol. 15 — 134, einen über de scismatibus fol. 137 — 160. 
Dann folgt der liher augustalis fol. 161 — 349, dann eine Geschichte des 
ersten und dritten Kreuzzuges unter dem Titel Duo passagia, fol. 357 — 383. 
Nach Vollendung der 6 Bücher, in welche die Kaisergeschichte zerfällt, 
übergab Ebendorfer sein Werk dem Kaiser ziur Begutachtung, welcher es 
zu ausführlich fand und den Autor beauftragte einen Auszug zu machen 
und in diesen einige ihn damals besonders interessirende Dinge, wie die 
Gründungsgeschichte Roms und die Hussitenkriege einzufügen. Ebendorfer 
that dies und dieser Auszug aus den ersten 6 Büchern bildet den Inhalt 
des 7. Buches, von welchem 1451 eine Abschrift für den Kaiser gemacht 
wurde, welche im British Museum sich befindet, vgl. Waitz, NA. IV, 332. 
^) Von nachzuweisenden Quellen sind zu erwähnen: Otto von Freising, 
Hugo von Fleury, Martin von Troppau, Sigebert von Gembloux, Ekkehard, 
Flores temporum, Vincenz von Beauvais, Johann von Victi'ing, Hagen, 
Heinrich von Eichstädt, Hermann von Altaich und seine Fortsetzer, und 
Andreas von Regensburg. 



282 § 20. Oesterreichische Fürsten- und Landesgeschichte. 

buchartigeii Form ergänzen die Mittbeilungen des in gleicher Weise 
fortgeführten Chronicon Austriae, und bieten -werthvoUe Nachrichten 
für die Geschichte von 1451 — 1464. Doch zeigt eine genauere Prü- 
fung, dafs auch hier, wie in den letzten beiden Büchern des Chro- 
nicon Austriae die Erzählung oft verworren, der Stil unklar und 
häufig durch falsche Constructionen entstellt ist. 

Nicht viel besser scheint es sich mit der Geschichte der 
Päpste zu verhalten, welche von Petrus bis Pius II. reicht. Die- 
selbe ist im Jahre 1458 abgefafst. Merkwürdig ist, dafs Ebendorfer 
erst am späten Abend seines Lebens 'zu seiner eigenen Information' 
die Geschichte der Päpste abschrieb^); vielleicht hätte er an man- 
chen 'hussitischen Irrthümern' weniger anstöfsiges gefunden, wenn 
er schon in früherer Zeit die Päpste besser zu kennen das Ver- 
gnügen gehabt hätte. Damit steht wohl im Zusammenhang, dafs 
seine theologischen Studien und Arbeiten überhaupt vorwiegend 
dogmatischer und exegetischer Natur waren und dafs es wirklich 
begründet zu sein scheint, wenn man ihn in kirchenhistorischer Be- 
ziehung mehr als Dilettanten bezeichnet. Es ist daraus auch zu er- 
klären, dafs er sich in Bezug auf das Basler Concilium ein genaues 
ürtheil darüber zutraute, zu welcher Zeit sich der heiKge Geist von 
demselben abgewendet habe 2). Im übrigen müfsten auch einige 
von den Tractaten Ebendorfers, wie das Buch über die Kiixhen- 
schismen näher untersucht imd bekannt sein, wenn man zu einer 
völlig unbefangenen Beurtheilung des gelehrten Professors der "Wiener 
Universität gelangen wollte^). Dafs er aber an der Grenzscheide des 
Mittelalters und der neuern Zeit, in jeder Beziehung dem erstera 
anzureihen sei, kann wol kaum einem Zweifel imterworfen werden. 
An Quellen für die Erkenntnifs seiner persönlichen und geistigen In- 
dividualität fehlte es nicht, und namentlich würden seine zahlreichen 
auch deutschen Predigten eine rasche Orientirung über die Haupt- 



^) Birk a. a. 0. „Statui ortus, heifst es in der Vorrede zum Chron. 
pontificum Romanorum etc., pro mea eciam informatione describere, post- 
quam et divorum imperatorum ad vota invictissimi dumini Friderici tercii 
impcratoris yesla usque ad hec nostra tcmpora dopinxcram, croiiicam. etiam 
incliti dacatuH Austriae, catalofjitm qiioquc xiioritm pontificum similiter usquo 
ad currcntem annum 1458 pro viribus exaravoram, nee non lilicllum de 
scisinatibus eccksie (1451), ac duo pasmißa gcnoralia contincntcni (1454) eis- 
dem brevi stilo depinxissem. Ucbor eine unilangreiclie Chronik von Lorch- 
Passau bis 1464, die Ebendorfer zuzuschreiben sein dürfte, berichtet 
Rockingcr, Abhandl. der bair. Akad. d. Wiss. 8. Cl. XV. 1, 273— 27G. 

*) Allerdings erst 1444 nach Thomas ElxMidorfer. 

^) Die Titelverzeichnisse von Pcz sind durch Aschbach in erwünschter 
, Weise ergänzt. 



Cillier Chronik. 283 

riclitungen seines innei'n Lebens niöglicli maclaen. Was man bis 
jetzt darüber äufsern konnte, geht erklärlicher Weise nicht weit 
über die allgemeine Vorstellung eines braven Mannes hinaus, der 
ein guter Oesterreicher war. Dem gegenüber erscheint es fast als 
der einzige yon der heutigen Wissenschaft entdeckte Schatten, dafs 
er eine sehr schlechte Handschrift schrieb. In seiner letzten Le- 
benszeit, da er sich fast dem 80. Jahre näherte, war ihm so wenig 
Dank geworden, dafs er unser Mitleid wach ruft'). Er starb bald 
nachdem Friedrich IIL die Alleinherrschaft Oesterreichs erlangt 
hatte, 8. Januar 1464. 

In Thomas Ebendorfer hatte die mittelalterliche österreichische 
Geschichtschreibung ihren Höhepunkt, und wenn man will ihren Ab- 
schlufs gefunden. Einige für die Landesgeschichte des habsburgischen 
Gebiets in dieser Zeit oder nur wenig später entstandene Chroniken 
soUen aber hier um so melir noch Erwähnung finden, weil über die- 
selben Tor kurzem die umfassendsten und fleifsigsten Forschungen 
angestellt wurden, und dadurch zugleich auf das Wesen und das 
sachliche Verhältnifs der ältesten steirischen und kärntnischen Lan- 
deschroniken ein Licht fäUt. 

In einer ziemlich grofsen Anzahl von verhältnifsmäfsig späten 
Handschriften des XVI. und XVH. Jahrhunderts begegnet man einer 
Chronik des Geschlechtes und der Stadt Cilli^). Sie be- 
ginnt mit altrömischen Ueb erlief erungen, zu welchen der Ort selbst 
aufziif ordern schien, erzählt die Geschichte des angeblichen heiligen 

^) Woher indefs Aschbach die Nachricht hat, Friedrich III. würde 
Ebendorfer von der Universität ganz entfernt haben, wenn sich diese nicht 
ihres Seniors so entschieden angenommen hätte, ist mir unbekannt, und 
es möchte auch diese Absicht Friedrichs wol zu bezweifeln sein. 

2) Zuerst und wenn auch aus keiner guten so doch aus einer der 
wichtigsten aber jetzt verschollenen Handschrift, hrsg. von Hahn, Collectio 
monumentorum H, 665—764; dann gab Caesar das Triplex Chronicon Ce- 
lejanum seu Chronica der gefürsteten Graven von Cilly in den Annal. duc. 
Styrie, Vindob. 1777 Bd. III, 5 — 164 sehr abweichend davon heraus. Mit 
Zuhilfenahme und auf Grund vieler anderer Handschriften hat sich aber 
Franz v. Krones durch eine Reihe der sorgfältigsten Untersuchungen das 
Verdienst erworben, sowol die handschriftlichen als auch sachlichen Fragen 
der Cillier Chronik vollkommen gelost zu haben. Vgl. dessen Abhand- 
lungen Die zeitgenössischen Quellen der Steiermark. Gesch. in d. 2. Hälfte 
des XV. Jahrb., Beiträge zur Kunde Steiermark. GQ. VIII (1870) u. SA. 
1871; Die Cillier Chronik, krit. Untersuchungen ihres Textes und Gehaltes, 
Arch. f. oest. Gesch. 50 (1873) S. 1—102; neuerdings kritisch behandelt 
und herausgegeben: Die Freien von Saneck und ihi-e Chronik als Grafen 
von Cilli, Graz 1883, in zwei Theilen; vgl. Zs. f. öst. Gymn. 1885, 298; 
Carinthia, Bd. 83, Heft 10 — 11. — Eine hs. Aufzeichnung über den Tod 
und den Todestag des letzten Grafen von Cilli in einem Richterbuche der 
Stadt CilU (im Grazer Landesarchiv) erwähnt v. &ones, das. S. 44. 



284 § 20. Oesterreichische Fürsten- und Landesgeschichte. 

^Maximilian und "wendet sich dann alsbald zu der Familienüber- 
lieferung der Freien TOn Saneck, -s^'elche von Ludwig dem Bayer 
1341 die Grafenwürde erlangten und nach dem Stammschlofs Cilli 
benannt wurden. In Terv\ainderlicli rascher Zeit stieg diese Familie 
zur höchsten Macht und zu gröfstem Glänze empor, seit Hermann II. 
der Schwiegeryater Kaiser Sigismunds geworden war, und ebenso 
schnell, fast meteorartig, gingen die Cillier wieder unter. Dafs sich 
ein für das Geschlecht begeisterter Chronist erst nach vielen De- 
cennien gefunden haben sollte, war allerdings von Tornherein nicht 
wahrscheinlich und trotz der späten handschriftlichen Ueberlieferung 
setzte man den Urspning der Cillier Chronü doch allgemein in das 
XV. Jahrhundert. Allein v. Krones vermochte noch bestimmtere 
Anhaltspunkte für die Abfassungszeit derselben zu gewinnen. Er 
zeigte unwiderleglich, dafs die Entstehung oder der Ausgangspunkt 
der chronistischen Aufzeichnungen in die Blüthezeit der Familie 
gehöre. Um das Jahr 1435 dürfte es ein Minoritenbruder des 
Klosters in Cilli gewesen sein, der mit grofser Liebe zu seinem 
engeren Yaterlande und den "Wolthätern seines Klosters eine pietät- 
volle Geschichte der neuen Landesherrn zu Ehren des Altgi-afen 
Hermann IL verfafste. Er liefs sich in keine weitläufigen genealo- 
gischen Untersuchungen ein, sondern begann seine Erzählung mit 
dem ersten Grafen von Cilli und beschränkte sich selbst innerhalb 
dieses engbegrenzten Zeitraums (1341 — 1435) auf die wichtigsten 
Ereignisse der Cillier Hausgeschichte (c. 1 — 14). Später wurden 
diese Anfänge einer Hauschronik bis zum Ausgange des Geschlechts 
(1456) fortgesetzt. Der Verfasser nimmt noch den regsten AntheU 
an der Erbschaftsfrage des Cillier Grafenhauses und schliefst mit 
statistischen Nachrichten über die Herrschaften und Schlösser des 
untergegangenen Geschlechtes, über seine Abtretungen an das öster- 
reichische Haus und die von den Grafen zerstörten Burgen. Die 
sämmtlichen Aufzeichnungen gehen über das Jahr 1462 nicht hinaus 
und können daher leicht von demselben Verfasser herrühren, der 
zu Ehren Hermanns IL zuerst den historischen Griffel in die Hand 
nahm. Bcachtenswerth ist jedenfalls, dafs sich nirgends die Be- 
nutzung einer älteren Quelle nachweisen läfst und dafs nur einige 
Nachrichten auf die damals so verbreiteten Zeitungen zurückzugehen 
scheinen'). Was den Inhalt der Chronik betrifft, so fehlt es dem 

') Solche Bcric'lite liegen nach Krones zu Grunde den Kapiteln (von 
einer grofsen Zwietracht in der Christenheit. 1377 — 1400), 20 (Von K. Sig- 
munden ahgang), 25 (Schlacht am Amseireld 1448), 26 (Verschwörung ge- 
gen K. Friedricn; Romfahrt 1451), 29 (Eroberung von Constantinopel 1453), 



Jacob TJnrest. 285 

populär gehaltenen Werke niclit an anregenden und interessanten 
Stoffen. Es ist ja eine gleichsam zusammenhängende Reihe der merk- 
würdigsten und zuweilen ergreifendsten Familienbilder, welche die 
Chronik der Cillier vorzuführen hat, man bedauert daher nur, dafs 
die treuherzige Erzählung des Älinoriten nicht mehr in vollkommener 
und originaler Gestalt und Sprache genossen werden kann. Eine 
gewisse nicht allen Familiengeschichten nachzurühmende Lebendig- 
keit dankt diese Chi-onik gewifs auch den vielen merkwürdigen und 
berühmten Frauen, die in der Geschichte der Cillier eine Rolle spiel- 
ten. Unter den populären von der Bildung des XV. Jahrhunderts 
unberührt gebliebenen, einfachen, deutschen Chroniken dürfte man 
der Cülier in Oesterreich leicht den ersten Platz einräumen. 

Vollständiger und mit mehr Auswahl und Geschick beschrieb 
freilich der Kärntnische Pfarrer Jakob TJnrest mehrere Jahrzehnte 
später die Geschichte Kärntens und die österreichische Zeitgeschichte. 
Allerdings gehört sein Leben bereits einer Epoche an, welche wir 
bei unsern Zusammenstellungen auszuscheiden pflegen, aber er dürfte 
doch schon frühzeitig mit seiner schriftstellerischen Thätigkeit be- 
gonnen haben. Er schrieb Geschichte 'weü die Zeit wie das Wasser 
verfliefst und der Menschen Gedächtnifs vergeht wie der Glocken 
Ton' und weil er sich vergegenwärtigte, wie doch 'das was in Schrift 
kommt länger bleibt als des Menschen Gedächtnifs währt '^). Wenn 
man seine schlichten, ganz und gar den mittelalterlichen Ideenkrei- 
sen angehörenden Erzählungen betrachtet, so macht es den Ein- 
druck, als ob die Zeit in dem von der Welt abgeschiedenen Pfarr- 
hofe zu St. Martin am Techeisberg in Kärnten um einige Jahrzehnte 
zurückgeblieben wäre. Das erste Werk Unrests scheint die Kärnt- 
ner Chronik von 764 — 1490 gewesen zu sein, worin er die ge- 
schichtlichen und sagenhaften Ueb er lieferungen seines Heimathlandes 
bis zur Erwerbung Kärntens und Tirols durch die Habsburger 
sanamelte^). Von eingreifenderem zeitgeschichtlichen Werthe aber 
ist die Geschichte Oesterreichs, welche die Jahre 1435 — 1499 
in sehr beachtenswerther Weise behandelt; vor allem mufs man über 
die zahlreichen Nachrichten erstaimt sein, welche sich der Pfarrer 

31 (Befreiung von Belgrad 1456), 32 (Ermordung des letzten Cillier 1456), 
36 (Hinrichtung des Ladislaus Hunjadi 1457). 

') Oesterr. Chronik bei Hahn S. 781; eine sehr häufige Exordienformel 
bei Briefen und Urkunden. 

2) Einziger Abdruck nach der Hs. des Chr. Forstner, jetzt in Hanno- 
ver, bei Hahn, Coli. mon. I, 479—536. Beachtenswerth ist das Verzeich- 
nifs des kärntnischen Adels S. 523 ff., auch sonst gedruckt, vgl. P. J. Wich- 
ner, Beiträge zur Kunde Steiermark. GQ. XIX (1883), S. 76. 



286 § 20. Oesterreichische Fürsten- und Landesgeschichte. 

von St. Martin über die Ereignisse aller Welt zu verschaffen im 
Stande war^). Wie es scheint, hatte er seiner Zeitgeschichte eine 
'alte Chronik des löblichen Namen und Stammes der Für- 
sten von Oester reich' vorausgeschickt, denn er beruft sich auf 
ein solches Werk an mehreren Orten. Der Hauptsache nach beab- 
siclitigte er aber eine Geschichte Friedrichs zu schreiben, welche 
denn auch den gi'öfsten Theil seiner bis jetzt publicirten Werke 
ausmacht. Später als die OesteiTeichische und die Kärntnische Chro- 
nik hat ünrest auch noch eine Ungarisclie Chronik verfafst, von 
welcher sich jedoch nur ein Bruchstück erhalten hat 2). Dieser 'äl- 
teste Versuch einer deutsch -geschriebenen Prosachronik Ungarns' 
reicht bis auf K. Geysa IL (1161) und enthält einen Excurs über 
die Geschiclite Venedigs. Das Chronicon Budense und die Compi- 
lation des Johannes Turoczy hat ünrest zu dieser Arbeit wahr- 
scheinlich in den Incunabeldrucken benutzt, daneben vielleicht auch 
noch eine nicht näher bekannte Quelle. 

Dafs der Pfarrer von St. Martin persönlich übrigens auf keiner 
hohen Stufe der Bildung und der Kenntnifs der Quellen der Ver- 
gangenheit stand, zeigt sich in der Kärntner Chronik deutlicher als 
in der Chronik von Oesterreich. Von seinen eigenen Lebensum- 
ständen erfährt man nur äufserst wenig; er stammte, wie urkimd- 



') Ebd. 537 — 803. Jacobi ünresti Chronicon austriacorum pars posterior 
Friderici IIL Imperatoris vitam luculenter descriptam imprimis exhibens. 
Auf Unrest's Werke das Interesse neuerdings gelenkt zu haben, ist eben- 
falls das Verdienst von Krones, in dessen sorgfältigen Arbeiten über den 
kärntnischen Verfasser alle nöthigen Materialien zu weiterer Kenntnifs- 
nahme trefflich verzeichnet sind. Vgl. Die zeitgenössischen Quellen der 
steiermärkischen Geschichte in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts, 
Beiträge zur Kunde steierm. GQ. VIII. Bd.; die österreichische Chronik 
Jakob Unrest's, mit Bezug auf die einzige bisher bekannte Handschrift 
d. kgl. Bibl. zu Hannover, Archiv f. österr. Gesch. 48. Bd. S. 421 ff. Nicht 
unbemerkt will ich lassen, dafs nach Hahns Abdruck zu schliefsen, das 
sogenannte Chronicon Austriacum nichts anderes als eine Fortsetzung der 
Kärtner Chronik ist. Wenn man den Anfang des crsteren S. 537 mit 
dem Ende des letztern zusammenschiebt und S. 523 — 536 seiner Natur 
nach als einen Einschub betrachtet, so ist der schönste clironologische und 
sachliche Zusammenhang hergestellt. Sollte sich also die Beziehung eines 
pars posterior in Unrest's Handschrift gefunden haben, so könnte man 
sehr geneigt sein, das, was Hahn im Vorwort passend als Austriaci an- 
nales bezeichnet, für den zweiten Theil des Kärntner Landosohronicon zu 
halten. Denn erst für die Geschichte Friedrichs HI. nimmt die Darstel- 
lung einen andern Charakter an. 

^) V. Krones, Jac. Unrests Bruchstück einer deutschen Chronik von 
Ungarn, Mitth. d. Inst. I (1880), 337-372. 



I 



König Ottokar. 287 

Hell feststeht, aus der Regensburger Diöcese und starb, nachdem er 
35 Jahre sein Pfarramt verwaltet hatte, im Jahre 1500')- 

Am nächsten läge es vielleicht Uurests schriftstellerische Wirk- 
samkeit mit derjenigen seines Zeitgenossen Veit Arenpek zu ver- 
gleichen, der ja auch die österreichische Geschichte mit einem bis 
zum Jahre 1488 reichenden Werke bedachte, aber die Grenze unse- 
rer Darstellung soll auch hier nicht noch mehr erweitert werden, 
da wir den bamschen Verfasser auch unter den Quellen seiner 
Heimath nicht mehr in Betracht gezogen haben 2). Veit Arenpek, 
sowie Jakob Unrest ragen wie aus vergangener Zeit in eine Epoche 
noch herein, welche, was die östen-eichische Litteratur betrifft, längst 
in den Werken Enea Silvios, bald auch in Cuspiniaus geistvoller 
Thätigkeit die Marksteine einer neuen Zeit erkennen liefs. 



§ 21. Böhmen beim Ausgange der Prschemysliden^). 

Der politische Aufschwung des Königreichs Böhmen war in der 
zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts möglich, weil dasselbe unter 
den Nachbarn, deren Reichszusammengehörigkeit so gut wie aufgelöst 
war, weitaus das reichste und gi-öfste Land war. An der gemischten 
Bevölkerung desselben jedoch fanden seine Fürsten immer eine 
scharfe Grenze ihrer Macht. Die grofse Stellung des Königs 
Ottokar verschärfte diesen inneren Gegensatz und es konnte nicht 



1) Vgl. Baron Hauser, Carinthia 1880, S. 316; A. v. Jaksch, Mitth. d. 
Inst. IV (1883), 464. 

^) In der österreichischen Geschichte setzt Veit Arenpek überdies die 
Kenntnifs von Enea Silvios Werken voraus und verwässert dieselben viel- 
fach. Man müfste ihn daher in einer litterargeschichtlichen Abhandlung 
mit Einschlufs des Humanismus dem geistvollen Sienenser folgen lassen. 
Was übrigens die materiellen Kenntnisse Veit Arenpeks von Oesterreich 
betrifft, so studirte er an der Wiener Universität eben in den unruhigsten 
Zeiten um 1456. Dagegen darf neben Unrest auch noch Hanns Turs 
genannt werden, dessen 'alte Verzeichnüsse' Megiser, Annal. Carinth. 
p. 1194 erwähnt; vgl. Krones, Arch. f. öst. Gesch. 48, S. 437. 503; A. v. 
Jaksch, Mitth. d. Inst. IV, S. 286. 

^) Bei den folgenden Abschnitten habe ich mich der umfassenden 
Correcturen zu erfreuen gehabt, welche mir von meinem Freunde J. Lo- 
serth in Czernowitz zur Verfügung gestellt worden sind. Soweit diesem 
hervorragendsten Kenner der Böhmischen Geschichte in dem ultima Thule 
der Wissenschaft die neuesten Publikationen zur Hand sein konnten, 
glaubte ich mich seinen Urtheilen und Aussprüchen darüber unbedingt 
anvertrauen zu sollen, da der heutige wissenschaftliche Stand dieser Dinge 
fast ausschliefslich diesem in Oesteri'eich landesüblicher Weise am wenig- 
sten anerkannten Gelehrten selbst zu verdanken ist. 



288 § 21. Böhmen beim Ausgange der Prschemysliden. 

fehlen, dafs sich dieser auch in der Geschichtslitteratur geltend 
machen mufste. "Wenn der Verfasser der Annales Otakariani in hin- 
gebender Bewunderung für König Ottokar noch einen mehr staats- 
männischen Charakter zeigt ^), so verrathen die letzten Theile der 
Prager Annaleu, namentlich von dem Momente, wo in der Politik 
das deutsche Uebergewicht zur Geltung kam, bereits eine stark 
nationale Abneigung. Zu den Lobrednern Ottokars II. gehört da- 
gegen Heinrich von Heimburg, dessen Annalen bis zum Jahre 
1300 reichen und für die Jahre 1271 — 1282 beachtenswerth sind 2), 
Unter den politischen Schriften, welche beim Ausbruch des 
Streites mit König Rudolf eine hervorragende Bedeutung haben, ist 
die Relatio-n des Bischofs Bruno zu nennen. Sie wnrde zwar 
nach den augenblicklichen Gesichtspunkten, die aus der Lage flössen, 
geschrieben, um den Papst Gregor X. für König Ottokar zu gewinnen, 
aber die merkwürdige Schrift umfafst eine allgemeine Darstellung 
des Zustandes der Staaten und dient als eine Geschichtsquelle ersten 
Ranges^). Denn was der geistreiche und erfahrene Mann über das 
deutsche Reich und die deutschen Fürsten, über Polen, Ungarn, die 
Mongolen und über die Zustände der Kirche bemerkt, hat nicht blofs 
das augenblickliche Interesse eines diplomatischen Actenstückes, es 
ist vielmehr wie ein grofs gezeichnetes Bild der Zeit anzusehen. 
Man mufs bedauern, dafs Bischof Bruno, der auch sonst litterarisch 
thätig war, auf die Historiographie keinen Einflufs nahm*), er und 
die zahlreichen bedeutenden Staatsmänner, welche unter Ottokar 
nach Böhmen kamen und dann noch unter Wenzel dienten, waren 



^) W. G. n, N. Zu den Ann. Otak. ist zu bemerken, dafs der Be- 
richt vom Jahre 1260 vielleicht doch auf einem Briefe beruht, der an den 
römischen Stuhl gerichtet sein kann; vgl. Boczek, Cod. dipl. III, 288 6 und 
dazu meine Deutsche Geschichte I, S. 204 Note, wo ich jedoch angenom- 
men habe, dafs eine Mystifikation Fejers vorliege. Eine genauere Unter- 
suchung des Gegenstandes wäre für die Kenntnifs des Charakters der 
Annal. Otak. nicht unwichtig; vgl. auch meine Deutsche Geschichte I, 419 
Note. 

2) MG. SS. XVn, 711—718, jetzt auch in Font. rer. Bohem. IH, 306 bis 
321, vgl. W. G. II, N. 

') Unvollständig bei Raynald; nach der Vaticanischen Handschrift von 
Höfler in den Abhandlungen der bair. Akad. 1846, S. 18 ff. Vgl. Dudik, 
Iter Rom. I, 42; meine Deutsche Gesch. I, 259, Note 1. 2, II, 22 ff. 

■*) Vita Brunonis, vgl. Chlumecky, Regesten der Arch. Mährens 
S. XXIV; jetzt hrsg. von Dudik, Arch. f östr. Gesch. 65. Bd., vgl. Loserth, 
Ueber die sogenannte Vita Brunonis in Mittheihmgon dos Vereins f. Gesch. 
d. Deutschen in Böhmen (ich citire dieselben kiiiit'tig Mittli. d. D.) XXIH, 
26'! Ein latoinisclies Lobgedioht des Marners auf Bischof Bruno voa 
Heinrich von Ilcimburg SS. XVII, 717 citirt, vgl. Strauch, Zs. f. d. Alterth. 
XXIII, 90-!)4. 



"Wenzel I. u. 11. Dalimil. 289 

alle von den praktischen Geschäften Yollkommen erfüllt; daher die 
Fülle der Formelbücher aus dieser Zeit'). 

"Wenzel I. und "Wenzel II. werden von deutschen Dichtern viel- 
fach gepriesen. Der Hof der böhmischen Könige stand schon seit 
der Mitte des XIII. Jahrhunderts bei den Poeten in gutem Ansehen. 
Bei "W'enzel I. finden wir Reimar von Zweter. Unter Ottokar ist 
Sigeher in Prag, der des Königs Freigebigkeit geniefst; Ulrich von 
Türlin, der Tanhuser, Friedrich von Sonenburg, Frauenlob, Heinrich 
von Freiberg waren alle, nach ihren Lobsprüchen zu schliefsen, in 
Böhmen wol aufgenommen und unterstützt worden 2), Ulrich von 
Eschenbach verherrlicht in seinem Gedichte Wilhelm von "Wenden, 
welches mannigfache geschichtliche Anspielungen enthält, "^i\'^enzel II. 
und dessen Gemahlin, die Habsburgerin Guta (Bene nennt sie der 
Dichter)^). Ueberdies lockte das schon blühende Studium gene- 
rale sehr viele, vornehmlich deutsche Männer nach Prag*). Auf- 
fallend genug, dafs die Geschichtschreibung verstummte, — höchstens 
für eine neue Heilige, deren Correspondenz man auch zu besitzen 
glaubte, reg"te sich die Legendenschreibung^). 

') "Lieber die Notariatsverhältnisse in Böhmen handelt Palacky Formel- 
bücher, zunächst in Beziehung auf böhmische Geschichte, Prag 1842 und 
1848. Vgl. besonders die Einleitung zu: Das urkundliche Formelbuch 
des Königl. Notars Henricus ItaUcus aus der Zeit der Könige Ottokar 11. 
und Wenzel IL, herausgegeben von J. Voigt, Wiener Archiv für Kunde 
Österreich. Gesch. Bd. XIX: Bärwald, Ueber Formelbücher, Wien 1858 
und vorzugsweise das von Bärwald trefflich hrsg. Baumgartenb erger For- 
melbuch mit wichtiger Einleitung, Fontes rer. Austr. Bd. 25. Näheres über 
die ältere böhmische Kanzlei vgl. bei Emier, Die Kanzlei der böhmischen 
Könige Ottokar II. und Wenzel U. luid die aus derselben hervorgegange- 
nen Formelbücher Abh. d. k. böhm. Ges. d. Wiss. VI. Folge, Bd. IX, wozu 
Loserth, Fragmente eines Formelbuchs Wenzels II., Ai'ch. f. öst. Gesch. 
57, 465. Vgl. Lindner in Löhers Zs. IV, 150—173. 

-) Feifalik, Ueber König Wenzel von Böhmen als deutschen Lieder- 
dichter SB. der Wiener Akd. 25. Bd., 326—378. Gegen die Ansicht, dafs 
Wenzel I. der Liederdichter wäre, hat sich aber Martin in Mitth. d. D. 
X"VI,20— 33 und Anz. für deutsches Alterth. 1877, S. 107 zu Gunsten 
Wenzel IL ausgesprochen. Bei den genannten Dichtern findet man grös- 
sere und geringere Erwähnungen ihrer Beziehungen zu Wenzel L, bei v. d. 
Hagen IV, 378. 496. 661. Zu Ottokar II, 427. 451. 521. 653. 662; 700. 721. 
724. Vgl. Scherer im Litter. Centralbl. 1868, S. 977. 

^) Herausg. von Toischer, Bibliothek der mhd. Dicht, in Böhmen, 
I. Bd., vgl. Loserth, die geschichtlichen Momente im Wilhelm von Wenden, 
Mitth. d. D. XXI, 26 ff. 

*) Eine druckenswerthe Einleitung über das Studium generale in 
Prag findet sich in dem handschriftlichen Cod. epistol. Ottocari, heraus- 
gegeben von Dolliner; vgl. sonstige Nachrichten bei Feifaük, Studien 
zur Geschichte der altböhmischen Litteratur V, Sitzgsb. der Wiener Akd. 
36, 122 ff. 

5) Eine neue Heilige, Agnes Ord. S. Clara e, war in Prag in den acht- 

Lorenz, GeschichtsqueUen. 3. Aufl. I. 19 



290 § 21- Böhmen beim Ausgange der Prschemvsliden. 

Unter den weltlichen Ständen aber, insbesondere unter dem 
niederen Adel, erhob sich gegen die ganze Richtung, die seit Otto- 
kar verfolgt wurde, eine ungeheuere nationale Reaction, deren Aus- 
druck wöi- in dem Reimwerke eines tschechischen Ritters 
finden, welches uns eben deshalb unschätzbar ist. Es ist unter dem 
Namen Dalimils bekannt, obwol dessen Autorrecht jeder Begxün- 
dung entbehrt^). Man hat daher in neueren böhmischen Litteratur- 
büchern dem Werke passend den Titel Bunzlauer Reimchi-onik bei- 
gelegt, weü der Verfasser aus dem Bunzlauer EJreise zu stammen 
scheint, und weil er als seine Hauptquelle eine Bunzlauer lateinische 
Chronik anfühil, die er ihrem Gehalte nach weit über Cosmas und 
seine Fortsetzer stellt. Wir wissen nichts mehr von dieser Bunzlauer 
Chronik, nur kann man aus Dalimil ersehen, dafs sie viel Sagen- 
haftes zusammengetragen haben mufs, wenn ihr all die Erzählungen 
zufallen, die Dalimil nicht aus Cosmas erhalten hat. Denn so un- 
historisch ist hier zum ersten Male die ältere böhmische Geschichte 
in ein Gewand von Erfindungen der Phantasie gekleidet, dafs man 
die Reimchronik Dalimils schlechtweg ein Lügengewebe nannte, wo- 
gegen jedoch Palacky nicht ohne Grund Einsprache erhob. Denn die 
Erzählungen Dalimils tragen meist den Charakter sagenhafter Volks- 
überlieferung, wozu allerdings bereits die combinb-ende und et}Tn.o- 
logisii-ende Willkür der späteren Geschichtscompilatoren hinzutrat. 
Der Verfasser der Bunzlauer Reimchronik erwähnt sich selbst in sei- 
nem Werke in den Jahren 1282 und 1310. Sein Buch reicht bis 
1314 und ist offenbar in den ersten Jahren der Regierung Johanns 
von Luxemburg und unter dem Eindrucke der für die tschechische 
Partei niederschmetternden Ereignisse, die zlu- Erhebung des Sohnes 
des deutschen Kaisers geführt haben, geschrieben. Es ist der Ge- 
sinnungsausdruck dieser unterlegenen Partei, welche in dem kleineu 
Landadel ihre Hauptstütze hatte. Aus diesen Ki-eisen ist der Dichter 

ziger Jahren entdeckt worden. Ihre Briefe mit der heiligen Clara A. SS. 
März I, 506—508; Vitae ebend. 509—540. 

^) Uebcr die zahlreichen Handschriften Palacky, Würdigung, S. 102 
und Dudik, Mährens Geschichtsquellen I, p. 404. Ausgaben von Hanka, 
Prag 1849. 51. 53; jetzt hrsg. von Jirecek, Font. rer. Boh. III. Prag 1878. 
Ueber das bohmiscli geschriebene Buch können wir nur nach Palacky und 
Meinert, Wiener Jahrb. d. Litt., Bd. 15, A. B. 38, referiren, dagegen ist 
die gereimte deutsche alte Uebcrsetzung im Litt. Verein von btuttgart, 
herausgegeben von Hanka, Bd. 48, gut zu benutzen; vgl. Dobrowski, Litt. 
Gesch., S. 143; jetzt ebenfalls von Jirecek, a. a. 0. vgl. Loserth, Mitth. d. 
ü. XXIII, S. 277 und Lit. Anz. zu den Mitth. XVI, S. 49. Vd. die An- 
zeige von Toischer, Anz. f. d. Alt. 1879, 348 — 358; ferner Ueber eine 
deutsche Vita Caroli und einen deutschen Dalimil, E. Martin, Zs. f. d. Alt. 
N. F. IX, 111. 



Dalimil, böhmisch und deutsch. 291 

herYorgegangen und auf sie hat seine Reimchronik auch durch Jahr- 
hunderte die gTÖfste Wirkung gethan. Durch Yermittelung dieses 
Standes ist Dalimil in der That ein Vorläufer der hussitischen Be- 
wegungen nach ihrer nationalen Seite hin. In seinem "Werke ist der 
schroffe Gegensatz des kleinen Adels gegen die zunehmenden Städte, 
der Hafs des tschechischen gegen das deutsche Element bereits in aller 
Stärke ausgebildet. Es ist eine scharfe Feder, die in leidenschaft- 
licher Weise nicht blofs gegen die deutschen Ein-nirkvmgen, sondern 
noch mehr gegen die eigenen einheimischen Regierungen sich erhebt, 
die das deutsche Wesen in Böhmen irgend befördert haben. Tor 
ihr findet besonders Ottokar IL keine Gnade. Der poHtische Stand- 
punkt des Reimchronisten ist in deutlichster Weise zu erkennen. 

Schon aus Palacky's iimsichtigen Erörterungen wuIste man, dafs 
die Handschriften sehr stark von einander abweichen, bald mehr, 
bald weniger enthalten^). Jetzt sind diese Verhältnisse im wesent- 
lichen aufgeklärt und man ist über die Originalität des tschechischen 
Dalimil nicht im Zweifel, dem man alsbald eine Art Uebersetzung 
oder einen sogenannten deutschen Dalimil an die Seite stellen 
zu sollen meinte. Hier sind die Unterschiede absichtlich und be- 
treffen den Standpunkt des Verfassers. Der deutsche Bearbeiter 
hat sich natürlich gehütet, die Invectiven gegen seine Nation auf- 
zimehmen. So sehr tritt dieser Unterschied hervor, dafs die Frage 
aufgeworfen werden konnte, ob nicht der deutsche Dalimü yielmehr 
Veranlassung gegeben habe zu einer tendenziösen böhmischen Be- 
arbeitung^). Diese Frage mufs jedoch entschieden yerneint werden 
und ebensowenig besteht zwischen dem deutschen und böhmischen 
Dalimil ein Mittelglied; denn wenn sich auch ein Prosatext des 
deutschen Dalimil in zwei Handschriften gefunden hat, so geht doch 
auch dieser unmittelbar auf die tschechische Vorlage zurück. 

Diese prosaische deutsche Bearbeitung des tschechischen Reim- 
werks ^) dürfte um 1320 entstanden sein, während der gereimte 



^) Auch Hanka hat eine Sammlung von Varianten am Schlüsse seiner 
Ausgabe aus den Handschriften zusammengestellt, aber diese Art der 
Mittheilung entbehrt jeder Kenntnifs des philologischen Handwerks. 
Ueber die Ausgabe von Jirecek vgl. auch Archiv f. slav. Philol. III, 182. 

2) Allerdings citirt der böhmische Dalimil Cap. 39, S. 83 eine deutsche 
Chronik. Hierauf hat man im Anzeiger für Kunde der deutsch. Vorzeit 
1854, S. 298 die Vermuthung gegründet, dafs die Bunzlauer Reimchronik 
Uebersetzung einer deutsehen Reimchronik sei, wogegen sich auch Feifalik 
a. a. 0. S. 332 ausgesprochen hat. 

^) Von der prosaischen Bearbeitung existiren zwei Handschriften in 
Leipzig und München. Von der letzteren wurde von Hofmann eine Ab- 

19* 



292 § 22. Petrus von Zittau. 

deutsche Dalimil ■v\-alu-scheinlicli zwischen 1342 — 46 geschrieben 
wurde ^). Dem Reimwerk ist eine Series böhmischer Herzoge und 
Könige vorangestellt, dann die Reihe der Königinnen bis auf die 
Gemahlin König Johanns, Elisabeth, worauf ein Abrifs geschicht- 
licher Ereignisse bis zur Zeit König Johanns folgt. 

Der scharfe nationale Kampf, der sich in der Dalimil-Litteratur 
kennzeichnet, tritt auch in einer Anzahl anderer böhmischer Ge- 
dichte hervor 2), aber auch in lateinischen Versen WTirden geschicht- 
liche Aufzeichnungen gemacht. Im Kloster Saar, Iglauer Kreises 
in Mähren, welches 1252 gestiftet worden ist, beschrieb ein ge^ndsser 
Bruder Heinrich in 1183 leouinischen Hexametern die Schicksale 
seines Klosters^). Seine eigene Lebensgeschichte ist nicht ohne 
Interesse. Mit 17 Jahren trat er in das Kloster, er war einer der 
ersten Novizen. 1263 ward er Subdiaconus mit drei andern, welche 
aber sämmtlich im Jahre 1268 aus dem Kloster ent^^dchen. Nur 
unser Dichter scheint Biifse gethan zu haben rmd kehrte 1294 ins 
Kloster zurück, wo er den jüngeren und nachkommenden Kloster- 
brüdern in Versen erzählte von der Gründung und den Wohlthä- 
tem des Klosters. Die Geschichte reicht bis 1300. Diese Art der 
Erzählung in leouinischen Versen begann damals in den 
böhmischen Klöstern sehr hochgeschäzt zu werden, -v\ie sich be- 
sonders an der Königsaaler Chronik bemerken läfst. 



§ 22. Petrus von Zittau. 

Bei einer späteren Gelegenheit werden wir den innigen Verkehr 
der Cistercienserklöster in Meifsen, Thüringen, Sachsen zu erwähnen 
haben. Diese Beziehungen erstrecken sich auch auf Böhmen, wo 

Schrift genommen, welche Pez SS. II, 1044—1111 abgedruckt hat, vgl. 
Loserth, Beiträge zur Kritik etc. Mitth. d. D. XIV, S. 298 ff. 

>) Dagegen Teige, Germ. 28, 412; Abfassungszeit der Uebersetzung 
1330—1342. 

2) Von böhmischen historischen Gedichten, die sich an Dalimil gewisser- 
mafsen anschliefsen, scheinen mir zwei noch hervorzuheben: Kräl Pfemysl 
Otakar a Zawise in Casopis ceskeho M. 1828, I, 53 jetzt von Wilhelm von 
Kaunitz hrsg. Font rer. Boh. III. 238—214 und Smrt.Kräle Jana .Z Lupa- 
cowa Karla IV. w Prazc 1384 Wybor z' Litcratury Coskc, 1845, I, 1179. 

3) Chronica domus Sarensis. aus der Handschrift herausgegeben und 
erläutert von Dr. R. RGpell, Breslau 1854, 8". Allgemein historisch wich- 
tig ist die Schilderung der Zustände Mährens nach Ottukars Tode, vgl. 
V, 878—890. Neue Ausgabe in Font. rer. Boh. 11, 548. Enilor hat mit 
•wenig Glück in jenem Heinrich (Steinert, lapicida auch der arme llem- 
rich) den Heinrich von Heimburg vcrmu(hct. Stzb. d. k. bohm. Ges. 1878. 



Königsaal. 293 

die Cistercienser sich vorzugsweise aus den deutschen Nachbar- 
ländern ergänzten und in Osseg, Sedletz, Plafs und Königsaal Colo- 
nien des deutschen Einflusses bildeten. Sie nahmen bei ihrer Macht 
und ihrer Thätigkeit auch in den politischen Verhältnissen eine her- 
vorragende Stellung ein, und die Aebte dieser Cistercienserklöster 
spielten am Hofe und in den Parteikämpfen desselben keine unbe- 
deutende Rolle*). König Wenzel II. hatte seine Yorliebe für den 
Cistercienser-Orden dm'ch die Gründung von Königsaal (tschechisch 
Zbraslaw) an den Tag gelegt. Es heifst, dafs die Stiftung einem 
Gelübde ihren Ursprung verdanke, -welches Wenzel IL für die Ret- 
tung aus den Händen jenes Zawisch von Rosenberg abgelegt habe. 
Der Abt Heinrich Heidenreich von Sedletz habe ihn dazu bestimmt. 
Yon Sedletz kamen denn auch die ersten Mönche, zwölf an der 
Zahl. Der erste Abt von 1292 — 1315 war Konrad. In der Zwischen- 
zeit 1297 — 1298 regierte der Thüringer Otto nur anderthalb Jahre, 
dann folgte Peter von Zittau, der Geschichtschreiber^). 

Die Anlage des Klosters war im Wesentlichen auch auf die ge- 
lehrten Studien berechnet. Es wird berichtet, dafs Wenzel 200 Mark 
besonders für den Ankauf von Büchern bestimmte. An den Wänden 
des lüeuzganges, heifst es, seien zahlreiche Stellen des alten und 
neuen Testaments zu lesen gewesen. Lange erhielten sich diese 
Hen-lichkeiten der königlichen Stiftung indessen nicht, denn schon 
in der Hussitenzeit hat das Kloster sehr gelitten, woher es auch 
kommen mag, dafs uns fast alles urkundliche Material über die Ge- 
schichte von Königsaal abgeht, und dafs man kaum die Reihe der 
Aebte chronologisch sicherzustellen vermag. Das Chronicon aulae 
regiae^), welches unter Peters Namen überliefert ist, erscheint heute 
als die einzige Quelle der ältesten Klostergeschichte. 



*) Ueber die Ausbreitung der Cistercienser -Klöster vgl. jetzt auch die 
lesenswerthe Einleitung zu dem Urkundenbuch von Goldenkron von Pan- 
gerl, Fontes rer. austr. II, 37. Doch hat Goldenkron eine andere Genea- 
logie als Königsaal. Vgl. Janauschek Ord. Cist. tom. I. 

2) Da im Cist. Orden der Tag der feierlichen Einführung des Convents 
mit dem Abte als Stiftungstag galt, so ist bei Königsaal 20. April 1292 
festzuhalten; im Uebrigen ist die Ueb erlief erung von Königsaal dunkel. 
Vgl. Phönix incineratus sive origo etc. monasteriorum Ord. Cist. in regno 
Bohemiae Viennae 1647. Jogelinus, notitia abbatiorum, Col. Agr. 1640. 
Das Fundationsdiplom bei Sommersberg SS. rer. siles. I, 943. Max 
Millauer, die ursprüngliche Bibl. von Königsaal, im böhm. Museum II, 1, 
p. 887. 

^) Die Ausgabe des zweiten Buches dieser Chronik wurde zuerst von 
Freher in den SS. rer. Bohem., p. 21 — 85 gedruckt, unterscheidet sich 
aber nicht blofs in Lesarten von der Dobners, Monumenta V. — Nach- 



294 § 22. Petrus von Zittau. 

Nach den Eingangsworten, mit denen Abt Peter von Zittau das 
"Werk seinem Freunde, dem Abt Johann von Waldsassen widmet, 
kann kein Zweifel darüber sein, dafs Otto, der zweite Abt, die 
Chronik begonnen und das Leben des Königs Wenzel II. fast voll- 
endet hat. Zwar vermuthet man, dafs die Arbeit Otto's, indem sie 
in der jetzigen Gestalt mit der sjsäteren Arbeit Peters harmonirt, 
nicht authentisch überliefert sei, doch vdrd die Analyse des ganzen 
Werkes sogleich zeigen, wie wenig Grund dazu ist, dem Abte Peter 
eine Umformung und Umarbeitung dessen zuzuschreiben, was er von 
der Hand Otto's vorgefunden hat. Soviel ist gewifs, dafs der Beginn 
der historiogi'aj)hischen Thätigkeit in Königsaal eben jenem Otto zu- 
zuschreiben ist. Einige annalistische Aufzeichnungen brachten die " 
Mönche vielleicht schon aus Sedletz in ihr neues Haus. Diese unbe- 
deutenden mit dem Jahre 220 beginnenden Notizen wiuxlen sogleich 
als Königsaaler Annalen^) vielleicht von eben diesem Otto fort- 
gesetzt bis 1314, blieben aber sehr unbedeutend und nur darauf 
berechnet die •wichtigsten Punkte der älteren böhmischen Geschichte 
in Erinnerung zu erhalten. Eine gröfsere Ai'beit unternahm Abt 
Otto erst nach dem Tode des Stifters von Königsaal zu dessen An- 
denken in Form einer Lebensbesckreibuug des Königs. Von Otto 
selbst, der ein Thüringer genannt wird, ist im übrigen wenig über- 
liefert. Zu den Geschäften des Abtes scheint er wenig geeignet 
gewesen zu sein, da er die Würde niederlegte und der schon re- 
signirte Vorgänger noch einmal an die Spitze des Klosters treten 

dem J. Loser th von seinen eingehenden und erschöpfenden Studien be- 
reits in der Abhandlung Die Königsaaler Geschq. Arch. f. österr. Gesch. 
51, 449, Wien 1874, Rechenschaft gab, liefs er die Ausgabe selbst rasch 
folgen, Font. rer. austr. SS. VIII. Die Königsaaler Geschq. mit den 
Zusätzen und der Fortsetzung des Domherrn Franz, Wien 1875. Mit so 
vielem Eifer, wie diese böhmischen Autoren dureli Losei"th sind seit 1870 
nur wenige Pai-tieen dieses Buches bereinigt worden. Was nicht verhin- 
dert hat, dafs man in Prag eine neue Ausgabe Peters von Zittau und des 
Domherrn Franz in Font. rer. Boh. IV, ganz nach der alten Manier ver- 
anstaltet hat. Von älteren Schriften vgl.: Peschek, Peter von Zittau, Abt 
zu Königsaal 1823; Meinert, Wiener Jahrb. 1821 III A.B. S. 40. Ueber 
die politische Stellung Peters hat Stögmann einiges bemerkt in Wiener 
Blätter für Litt, und Kunst 1856 nro. 13, wichtiger dagegen ist Heidemanns 
gründlicher Aufsatz, Forsch, zur deutsclien Gcschiclite 18G9 3. Heft 471 
bis 511, wo jedoch der Zweifel an Peters deutscher Abstammung weniger 
zwingend war. Jetzt ist Iloidenianns anziehendes und trofllichos Buch 
über Peter von Aspelt, Berlin 1875, vicifacli als sachlicher Conunontar 
zu den Königsaaler Geschq. zu botrachton. Noch seien bemerkt die Nach- 
träge zu der Schrift von Peschek im Lausitzer Magazin XII, 521, ferner 
Europ. Staats- und Reisegeogr. I, 211. Adelung, Direct. 1G2. 

') Loserth, Ueber das Verhältuifs der Ann. brovissimi (M. G. SS. 
XVII, 719) zu den Ann. Aulao regiae, Mitth. d. D. XIV, 299-305. 



Abt Peter. 295 

mufste, bis sich bald in Peter von Zittau der ricbtige Nachfolger 
fand. Das Leben des Letzteren kennen wir aus seinen eigenen 
Angaben ziemlich genau. 

Peter war in Zittau, welches damals zur böhmischen Krone 
gehörte und von König Ottokar, späterer üeberliefeiamg nach, mit 
Mauern umgeben wiu'de, geboren. Sein Noviziat als Cistercienser 
im Kloster Königsaal beschreibt er selbst, indem er einen Brief aus 
jener Zeit bei einem gewissen Abschnitt seiner Chronik beifügt^). 
Darin schildert er nicht ohne Humor die Orden in 498 gereimten 
Versen und preist die Cistercienser gegenüber den fi-eieren Kreuz- 
herren, denen sein Freund, Bruder Johann, angehört. Wie sein Geist 
mit dem Fleisch zu kämpfen habe, ist nach den bekannten Vorstel- 
lungen des Mittelalters erzählt. Da es an einer anderen Stelle heifst, 
Peter habe alle Mitglieder der Königsaaler Corporation vom ersten 
Anfang an gekannt, so wird man wol annehmen müssen, dafs sein 
Noviziat nicht weit hinter das erste Jahrzehent des Klosterbestandes 
fiel. Aus seinen Schriften läfst sich wahrscheinlich machen, dafs er 
um 1303, nachdem er sich in der Welt bereits umgesehen imd erst 
bei den Ki-euzherrn Aufnahme gesucht hatte, schon nahe den dreifsig 
Jahren nach Königsaal kam. 1297 war Peter Zeuge der Krönung 
des Königs Wenzel IL in Prag und 1305 bei seinem Begräbnifs in 
Königsaal. 1308 erlebte er die Plünderung des Klosters durch die 
Baiern ebendaselbst; 1309 ist er bereits Capellan des Abtes Konrad, 
dessen Vertrauen er in hohem Grade gewonnen haben mufs. Er be- 
gleitete ihn auf vielen Reisen, 1309 nach Heilbronn, 1310 nach 
Frankfurt, 1313 nach Italien. Das wichtigste für ihn war, dafs er 
an der politischen Thätigkeit seines Abtes zur Zeit der Erhebung 
der Luxembm-ger einigen Antheil nehmen konnte. Es sind zwar 
mehr die Aeufserlichkeiten der sich vollziehenden Ereignisse, welche 
Peter mit vieler Genauigkeit beschreibt, aber man sieht deutlich 
genug aus seiner unverdächtigen Erzählung, yne die Partei der 
Prinzessin Elisabeth hauptsächlich aus Deutschen und unter anderen 

^) Merkwürdiger Weise ist dieser Brief beim Jahre 1309, Cap. 87, 
S. 181 eiDgefügt. Es ist mm aber nach II, Cap. 18, S. 413: Omnes novi 
et vidi huius monasterii und nach dem was zum Jahre 1305, 1306, 1308 
als Erlebnifs in Königsaal mitgetheilt ist, unmöglich anzunehmen, dafs 
Peters Noviziat auf 1809 falle. Man sieht vielmehr aus diesem und an- 
deren Beispielen wie collectaneenartig das ganze Werk entstanden ist. 
Beachtenswerth wegen der Datirung und wegen des Inhalts ist der Brief 
Gulielmi de Baldensel an Petrus von Zittau vom 29. Sept. 1837, mit der 
Widmung des Hodoeporicon ad terram sanctam anno 1336; Canisius ed. 
Basnage IV, 331. Ebend. S. 358 ist auch das Itinerarium Rudolfii de 
Frameynsperg in Palaestinam etc. 1346 abgedruckt. 



296 § 22. Petrus von Zittau. 

aus den Cistercienseräbten von Königsaal, Sedletz und Plafs bestand, 
und \sT.e diese Yorsichtig die Unterhandlungen mit Kaiser Heinricli "^^I. 
aufgenommen hatten. In die letzteren war der Capellan Peter wahr- 
scheinlich ebensowenig eingeweiht worden, vne die beiden anderen 
Capelläue Kourad und Heinrich, zwei Thüi-riiger Yon Geburt. Der 
Königin Elisabeth aber trat Peter persönlich näher, indem er ihr 
Beichtvater und Almosenier, und in dieser Stellung Zeuge von wichti- 
gen Familienereignissen am königlichen Hofe wurde. Er kannte die 
Persönlichkeiten daselbst sehr genau und vergifst in seiner Chronik 
nicht anzumerken, von wem er seine Nachrichten aus diesen Kreisen 
empfing. Darunter finden wir den Kaiser Heinrich YII., die 
Königin selbst, die Prinzessin Anna und andere. Gegenüber dem 
König Johann und seinem ältesten Sohne Karl dagegen zeigt die 
Chronik Peters keine Spur einer persönlichen Annäherung; überall, 
wo er ihrer Erwähnung thut, geschieht es aus einer gewissen Ent- 
fernung. Es mag wol sein, dafs bei den schroffen Parteiverhältnissen 
Böhmens eine Vertraulichkeit, wie sie die Fraiien am Hofe dem 
deutschen Abte von Königsaal entgegenbringen durften, den Männern 
"weniger gestattet war. 

Im Jahre 1316 hatte Abt Konrad zum zweiten Male seine Stelle 
niedergelegt und Peter "niu'de sein Nachfolger, weshalb er zuweilen 
als vierter Abt bezeichnet wird, obwol er thatsächlich der dritte 
war. Er war in dieser Stellung sehr thätig durch Bauten und Was- 
serleitungen die Lage des Klosters zu verbessern, und ist in diesen 
Bestrebungen dem gelehrten Abte Hermann von Niederaltaich am 
meisten vergleichbar. Den Besitzverhältnissen des Klosters hat er 
die gröfste Aufmerksamkeit zugewendet; vielleicht ist die Anlage 
eines Diplomatars, von welchem sich jüngstens einige FragTnente 
gefunden haben'), auch auf seine Anregung zurückzuführen. Doch 
klagt er häufig, dafs der Geldsäckel übermäfsig in Ansprach ge- 
nommen werde durch die kostspielige Regierung des Königs Johann, 
dem er überhaupt sein Verhalten gegen Klöster und Orden nicht 
zum geringen Vorwurf macht. Da die vorhergegangenen Jahre der 
Unruhen in Böhmen ebenfalls viel Ungemach über Königsaal ge- 
bracht hatten, so erklärt sich die financielle Ordnung, deren sich 
der Abt schliefslich rühmt, wol nur aus der immer bereitwilligen 
Hand der Königin, die wahrscheinlich mit Zinsen zurückgab, was 
ihr Gemahl gefordert hatte. TrotzchMu wäre der völlige Ruin dorn 



') Fragmente des ältesten Königsaalcr Di])lomatar,s. Mitgcth. von 
Losertli, Mitth. d. D. in Böhmen, XV, 15G. 



Peters Leben und Arbeiten. 297 

Kloster niclit erspart geblieben, wenn nicht die Hand des Mark- 
grafen Karl in der äufsersten Notb liilfreicli eingegriffen hätte i). 

Wann Peter gestorben ist, darüber war man bisher nicht im 
Stande, ein annäherungsweise sicheres Datum zu finden. Die ge- 
wöhnliche Annahme des Jahres 1338 beruht lediglich auf dem Ab- 
schlufs der Chronik, welche an ihrem Ende die "Widmungsurkunde 
von mannigfachen Reliquien für die unter dem Patronat des König- 
saaler Abtes stehende St. Andreaskirche enthält. Diese Urkunde, 
welche Peter selbst auf eine Tafel der Kirche aufschi'eiben liefs, 
ist datirt vom Februar 1338. Die Erzählung der historischen Er- 
eignisse reicht bis 1337, wo der Kreuzzug des Königs Johann nach 
Litthauen erwähnt ist. Doch mit diesen Fragen hängt die Analyse 
des ganzen Werkes zu enge zusammen, als dafs wir sie hier um- 
gehen könnten. 

Wie die Königsaaler Chronik heute vorliegt, besteht sie, abge- 
sehen von den Annales Aulae regiae aus drei Büchern von unglei- 
chem Umfange. Das erste umfafst in 130 Capiteln die Geschichte 
der Jahre 1253 — 1316, das zweite in 34 Capiteln die Jahre 1317 
bis 1334 und das dritte enthält in 15 Capiteln die Geschichte der 
nächsten drei Jahre. Diese Gliederung entspricht keinem im Stoffe 
selbst liegenden ^lotive^); sie ist vielmehi* eine rein zufällige und 
daraus entstanden, dafs die Königsaaler Chronik einst in Bänden 
(volumina) von ungleichem Umfange niedergeschrieben war. Daraus 
erklärt sich aufser manchen Eigenthümlichkeiten namentlich das 
Vorkommen vereinzelter Bücher, von denen beispielsweise heute das 
erste in Raudnitz und Donaueschingen, das zweite (Autograph) in 
der Vaticana liegt. Bei einer Analyse wird man daher auf die Eiu- 
theilung des Werkes in Bücher geringes Gewicht legen. Der Sache 
nach enthält dasselbe die Biogi'aphie Wenzels II. und eine über die 
böhmischen Verhältnisse hinausgreifende Geschichte der Jahre 1306 
bis 1337. 

Was die Biographie Wenzels IL betrifft, so griff der Abt Peter 
den Faden an jener Stelle auf, wo ihn sein Vorgänger fallen ge- 
lassen hatte. Er wurde zu dieser Ai-beit durch seinen älteren 
Freund, den Abt Johann III. von Waldsassen aufgefordert. An der 
Darstellung des Abtes Otto hat er im Wesentlichen nichts geän- 



') Palacky, Ueber Formelbücher pag, 224. 

-) Die Beweise hiefür s. in Loserth, die Königsaaler Geschichtsquellen 
51. Bd. des Archivs für öst. Gesch. S. 457. Vgl. insbes. die Einleitung 
zum 2. Buche: Putabam quod in uno modico volumine chronographiam 
possem constringere quam promissi. 



298 § 22. Petras von Zittau. 

dert^), nur der sonderbare Sclimuck der Yerse, mit denen jetzt 
Otto's Werk ausgestattet erscheint, rükrt von Peters Hand her-). 
Wie es scheint waren Peters Absichten ursprünglich nur- auf die 
Beendigung der Vita Wenceslai gerichtet 3). Wenigstens führte er 
dieselbe in jener einfachen, ja trockenen Weise zu Ende, wie sie 
Otto begonnen hatte. Das Wenigste von dem, was er erzählt, hat 
er selbst gesehen; darum entbehrt die Yita Wenceslai auch jener 
Anschaulichkeit, die wir in seinen übrigen historischen Aufzeich- 
nungen finden. Mit dem 83. Capitel des ersten Buches schliefst die 
Biographie Wenzels ab. Erst jetzt dürfte Peter seine Ziele höher 
gesteckt haben. In den Widmungsworten, mit welchen Peter im 
Jahre 1316 das nahezu vollendete erste Buch dem Abte Johann III. 
überreichte, sagt er: Ich werde aber nicht blofs von der Gründung 
von Königsaal und von den böhmischen Königen, welche zu meiner 
Zeit gelebt haben, sprechen, sondern auch von anderen Reichen 
und Ländern, sowie von geistlichen und weltlichen Fürsten und von 
verschiedenen Eröig-nissen, an denen sich der Geist des Lesers er- 
bauen kann. Ich w^erde mich bemühen, zusammenzustellen, was ich 
entweder selbst gesehen oder in ganz sicherer Weise von anderen 
erfahren habe. Yon diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, hat 
man*) jenen Theil der Chronik, der mit der Thronbesteigung Wen- 
zels III. anhebt, als die Memoiren Peters bezeichnet; doch ist zu 
bemerken, dafs ein grofser Theil dieser Materialien ziemlich gleich- 
zeitig mit den Ereignissen — tagebuchartig — niedergeschrieben 
wurde. Regellos findet sich hier nebeneinander, was er in seinem. 
Leben erfahren hat: Erzählungen aus dem Klosterleben, Hofgeschich- 
ten, Urkunden und Privatbriefe, Merkwürdig ist die Episode, die er 
als „tractatus bre^■iloquus de serenissimo principe domino HeinricoVII 
Romano imperatore et prosperis eius successibus" in die Geschichte 
Johanns eiuflicht. Ebenso ist ein Werkchen eingeschoben, wel- 

') Nach dem bündigen Zeugnisse Peters: Hortatur me nunc Caritas 
vestra, ut Hierum per dominum Ottonem inclioatum et ad illum locum, 
qui incipit: Si piam regis Wenzeslai etc. dcductum continuaro non ob- 
mittam" ist die Angabe Dobners und KnoUs (Hormayrs Archiv 1821 S. 26) 
als habe Peter die Materialien seines Vorgängers gesichtet und vorarbeitet 
und rühren die ersten 51 Capitel eigentlich auch von Peter her, unrichtig. 

'') Jede neue Ausgabe mufs daher die Verse Peters aus der Dar- 
stellung Ottos ausscheiden, wie dies in der Ausgabe Loserths gesche- 
hen ist. 

^) Das ergibt sich aus den Worten der Widmung, nacli welchen 
Johann III. den Abt blofs zur Fortsetzung des Buches „de fundatione 
monastcrii Aulac rcgiae" aufforderte. 

*) Stügmann, Wiener Blätter für Literatur u. Kunst 185G N. 13, s, Lo- 
sertli, die Königs. Geschichtsq. Archiv 51, S. 481. 



Die lateinischen Verse. 299 

ches einen durchaus anderen Zweck und selbständigen Charakter 
zeigt: nämlich der sogenannte Liber secretorum Aiilae regiae, eine 
Aufzeichnung aller wunderbaren Ereignisse, die sich in Königsaal 
zugetragen haben seit dessen Stiftung. Dieses letztere Werk erhielt 
ohne allen inneren Grund die Bezeichnung des 18. Capitels des 
zweiten Buches und beginnt mit einem eigenen Prolog und der Ver- 
weisung auf einen gröfseren Liber secretorum von Königsaal. 

Die schwierigste Frage ist nun aber die, zu erklären, auf welche 
Weise die zahlreichen Verse in die Chronik hineingekommen 
sein mögen. Dafs der Abt Peter selbst diesen lateinischen Reimereien 
fast leidenschaftlich hingegeben war^), ersieht man aus dem schon 
erwähnten Gedicht über sein Noviziat und über die Orden, welches 
ein Ganzes für sich bildet und an die Poesien der Vaganten erinnert. 
Es ist dieselbe Art und Weise, vielleicht vervollkommnet, die man 
in den zahlreich eingestreuten, fast in keinem Capitel fehlenden 
Versen über die erzählten historischen Ereignisse bemerkt. Wenn 
man aber genau zusieht, so findet man, dafs die Erzählung in den 
eingefügten Versen nicht etwa naturgemäfs fortgeführt wird, wie 
das in italienischen Geschichtswerken dieser Zeit üblich ist, und 
dafs nicht in abwechselnder Rede die Darstellung fortschreitet, son- 
dern vielmehr Erzählung und Darstellung diu'ch die eingeschobenen 
Verse regelmässig unterbrochen werden. Bezeichnend für dieses 
Nebeneinanderlaufen prosaischer und metrischer Geschichtsschrei- 
bung ist gleich im Anfange die Bemerkung des Compilators: hier 
folgen die Verse zum vorangehenden Capitel, eigentlich nichts an- 
deres als eine versifickte Einleitung ziir Geschichte Wenzels II. — 
Dann bemerkt man ganz regelmäfsig die Erscheinung, dafs alles was 
zuvor in Prosa erzählt worden ist, mit wenigen Aenderungen in leo- 
ninische Hexameter umgesetzt wird, und ganz besonders der Theil, 
dessen prosaische Ausführung von dem Abte Otto herrührt, erweist 
sich als eine so sclavische Umformung, dafs man an sachlichen Ma- 
terialien nichts verlieren würde, wollte man die Verse einfach hin- 
weglassen. Die prosaische Erzählung würde nach Hinweglassung 
der Verse glatter und ebeumäfsiger fortlaufen, als jetzt der Fall ist. 
Diese Congruenz der prosaischen und metrischen Darstellung hört 



1) Demselben Hang zu Reimereien danken wir das seinerzeit vielge- 
lesene Lehrgedicht: Formula domini Petri abbatis Aulae regiae composita 
in aedificationem fratris et monachi devoti. Gedr. von Loserth in den 
Mitth. d. D. XIV, pag. 149; desgleichen finden sich in seineu lat. Predigten 
zahlreiche Verse. Vgl. Loserth, die geistl. Schriften Peters von Zittau, 
98. Bd. der Sitzb. der Wiener Akad. S. 391. 



300 § 22. Petrus von Zittau, 

indessen später, namentlich im zweiten und vollends im dritten 
Buche auf, die Verse werden seltener, aber auch da ist uns nicht 
ein einziger Fall yorgekommen, wo et^as Neues in den Yersen mit- 
getheilt wäre; immer nui' das schon prosaisch Erzählte wird ausge- 
schmückt und mit allerlei Redensarten yerbrämt Tersifich't^). 

Hieraus möchte der Schlufs gezogen werden können, dafs die 
Fonn, in welcher das Chronicon aulae regte vorliegt, und welche 
Böhmer mit Eecht als so abgeschmackt und ganz ungewöhnlich be- 
zeichnet hat, keineswegs als ursprünglich beabsichtigt zu betrachten 
ist, und dafs sich in der ewig regen Yerseliebhaberei des Abtes Peter 
wahrscheinlich nur ein Versuch zeigt, das früher, wie er sagt, in 
rüder Form ge^^'idmete Werk selbst noch zu einem eleganten histo- 
rischen Carmen umzuwandeln. Zu einer Umarbeitung des Materials 
ist es indefs nicht mehr gekommen. Im Anfange hatte er den Stoff 
wie er nun vorliegt niedergeschrieben, später mangelte ihm die Zeit 
und Lust und vielleicht auch wie er selbst mit etwas zu viel Be- 
scheidenheit sagt , das Vermögen zu einer Umarbeitung des Stoffes 
in die Form einer Eeimchrouik, in der er sein Werk am liebsten 
gesehen hätte. Dafs er bis in die letzten Tage seines Lebens lite- 
rarisch thätig geblieben ist, kann als sicher gelten: Laborabo quoad 
vixero, sagt er an einer Stelle. Vielleicht ist die Notiz richtig, 
welche sagt, dafs er gleich seinen Vorgängern abgedankt habe 2), 
und wir dürfen ihn dann in seinen letzten Lebensjahren mit der 
Zusammenstellung und Redigiiiing des ganzen vorhandenen Materials 
beschäftigt denken. 

') Man vergleiche Prologus in vitam Domiui Wenceslal, S. 29, der 
offenbar der Feder Ottos entstammt, die darauf folgenden Verse S. 30 
und dann sogleich das erste Capitel: 

Erat in regne Bohemie rex quidam Vir fuit urbanus, constans sermone- 
potens et strenuus Ottokarus nomine, que planus 

qui ab adolescentie sue tempore vi- Prudens, discretus semper studuit 
riliter egit et generositatem mentis fore letus 

regle virtuosorum operum magnifi- In vei'bis tutus raro fuit ipse locutus 
centia undiquc decoravit. etc. 

Man sieht, es handelt sich um eine sogenannte poetische Umschreibung, 
um die lima venustatis, welche aus der solida et vera sed ruditer con- 
scripta materia geschaffen werden sollte; vgl. oben S. 298 Es kann hier 
nur gestattet sein ein Beispiel statt vieler zu bieten. 

'^) S. 29 hcifst es in dem Verzcichnifs der Aebte von Königsaal : 
Tertius Petrus abbas tertius abbatizavit XX annos, cossit. ^Vie^vol nun 
DoVjner in Praeviis schon bemerkt hat, dafs die Zahl XX sicher falsch ist, 
so dürfte, da hier ein Schrcibfeliler so wahrscheinlich ist, an der Abdan- 
kung doch nicht zu zweifeln sein, denn hätte auch erst ein Späterer die 
Notiz beigefügt, so ist doch kaum zu glauben, dafs iiierüber eine Täu- 
schung bestellen konnte. 



Der Domherr Franz. 301 

Yon der Zuverlässigkeit der Bericlite Peters von Königsaal er- 
übrigt uns nru' wenig zu bemerken. Der Umstand, dafs die einzelnen 
Theile ziemlich gleichzeitig entstanden sind, gestattet ein gröfseres 
Vertrauen zu der Treue der Darstellung zu fassen. Abneigungen ge- 
gen bestimmte Personen sind zwar unzweideutig vorhanden, sie sind 
aber nirgends sehr heftig. Für die Unternehmungen des Königs Jo- 
hann ist Peter nicht sehr eingenommen und man darf daher seine 
Unparteilichkeit um so höher anschlagen. Dagegen charakterisii't ihn 
doch eine gewisse Leichtgläubigkeit i), uamentHch wenn hochgestellte 
Damen ihm Mittheilungen gemacht haben 2). 

Das Werk Peters wurde sogleich nach seiner Vollendung von 
dem Domherrn Franz von Prag völlig abgeschrieben, ohne dafs 
dieser für nöthig erachtet hätte, seine Quelle ausdrücklich zu nennen^). 
Den Anstofs zu dieser eigenthümHchen Art von schriftstellerischer 
Thätigkeit gab der Bischof Johann IV. von Prag, welcher den 
Wunsch hegte, die seit 1283 verstummten historischen Aufzeichnungen 
beim Prager Domcapitel fortsetzen zu lassen. Er bestimmte hiezu 
den Domherrn Franz, der dieses seines Auftrags wiederholt Erwähnung 
thut, und dadurch gemissermafsen bestätigt, was man aus der Kritik 
seines Werkes ohnehin ersieht, dafs er selbst so gut vde gar keinen 
Beruf zur Geschichtschreibung hatte. Zunächst Tvairde denn auch 
die Arbeit des Domherrn als Bestandtheil der grofsen Prager Chronik 
als zweiter Theil derselben bezeichnet. Diese Fortsetzung der Prager 
Chronik auf Grund der Königsaaler Quellen vollendete Franz in 
sehr kurzer Zeit. Denn schon 1341 überreichte er seine Arbeit dem 
Bischof Johann IV., welchem er die Chronik gewidmet hatte. Aber 
selbst diese Widmung ist nicht Eigenthum des Schreibers, den gröfsten 



') Unter den mehrfach angeführten wanderbaren Begebenheiten ist 
die Prophezeihung II, 18, S. 413 oft in dem Sinne besprochen, dafs die- 
selbe den Abt Peter selbst betroffen hätte. Dazu gibt der Wortlaut kei- 
nen Grund. 

2) Vgl. I, 57. 82 und besonders Cap. 83: qualiter rex idem Wenceslaus 
propter cuiusdam crimiuis semel cremaverit sua crura. 

') Chronicon Pragense Francisci in Pelzel und Dobrowsky, SS, 
n, 1. Das Werk wird hier mit Rücksicht auf Cosmas und dessen Fort- 
setzer als secunda pars chronicae Pi-agensis bezeichnet und findet sich in 
einer Handschrift der Prager Domkirche. Dagegen hat bald hierauf Dob- 
ner im VI. Bande der Mon. nach einer Wiener Handschrift die davon ver- 
schiedene Recension des Werkes mit der Widmung an Karl IV. heraus- 
gegeben. Die einzige brauchbare Ausgabe ist jetzt diejenige Loserths. 
Er hat mit vollem Rechte die Theile der €hromk des Domherrn, welche 
einfache Entlehnung Peters enthalten, als Varianten des Peterschen Tex- 
tes behandelt und was übrig bleibt als Auctuarium imd Continuatio Petri 
S. 535—606 behandelt. Diese Fortsetzungen reichen bis 1352. 



302 § 22. Petrus von Zittau. 

Theil daTon entnahm er, wie das übrige, dem Yorworte Peters an 
den Abt von Waldsassen. Solche Art der üebertragung Yon geisti- 
gem Eigenthum war zwar im Mittelalter nichts Ungewöhnliches, doch 
konnte, den Dompropst von Prag vor dem Vorwurfe des Plagiats 
gänzlich zu schützen, Palacky schwerlich gelingen. Dagegen ist 
man über die Gründe dieser Aneignung fremden Eigenthums 
desto besser untenichtet. Das Prager Bisthum stand mit den Cis- 
terciensern nicht in dem besten Verhältnifs. Mancherlei Anstöfse 
gab es über die Besitzrechte des Klosters von Königsaal, und schon 
bei der Stiftung desselben hatte man Streitigkeiten vorzubeugen ge- 
sucht, ohne dafs es jedoch vollständig gelungen wäre. Noch ein- 
gxeifender war vielleicht der Umstand, dafs die Prager Bischöfe, 
ganz besonders auch jener Johann, stets in näherer Beziehung zu 
der autochthoueu Partei gestanden, während die Cistercienser den 
Zusammenhang mit Deutschland ge'U'issermafsen vermittelten. Jo- 
hann IV. fand sich durch die Darstellung Peters in mehrfacher Hin- 
sicht zurückgesetzt und beleidigt, weder seine politische Theilnahme 
noch seine kirchliche Stellung fand er gebührend hervorgehoben. 
Diesem Uebel sollte der Dompropst Franz abhelfen und in diesem 
Sinne hat er das "Werk Peters umgeschrieben i). 

Ausdrücklich bemerkt Franz, dafs er zu dieser Bearbeitung der 
böhmischen Geschichte Ton dem Bischof aufgefordert worden sei. 
Es geschah dies etwa 1241, bald darauf starb Bischof Johann und 
nach Verlauf eines Jahrzehents widmete der geschäftige Dompropst 
dasselbe Werk dem König Karl, etwa zwischen 1353 — 1355. In die- 
ser zweiten Auflage sind zu den sieben ersten Capiteln des dritten 
Buches noch weitere 24 hinzugekommen. In diesem letzteren Theile 
ist Franz, soweit man sehen kann, durchaus selbständig. Die ganze 
Chronik führt er bis in die erste Zeit Karls IV. (1353) und scheint 
damit einen Versuch gemacht zu haben, dem historiographischen 
Kreise Karls IV. näher zu treten, was ihm jedoch nicht gelungen 
ist, vielleicht auch deshalb, weil Franz in den Urtheileu über König 



^) Dieses Verhältnifs ist zuerst von Meincrt ganz sorgfältig in den 
Wiener Jahrb. der Litt. 1821, Bd. 16, A. El. bemerkt worden, woraus 
Palacky, Würdigung der alten bölim. Gesch., S. 138—154 das Wesent- 
licliste beistimmend mitgetheilt bat. Das Merkwürdigste ist aber, dafs 
Franz auch nach dem Aufhören seines Originals bei Dol>ner VI, S. 276 
auch seinerseits Verse einfügt. Man wäre leicht verleitet, da diese Verse 
mit dem Jahre 1317 ebenfalls aufhören, (li(^soll)en den Colloetancen Peters 
zuzuschreiben, zumal da derselbe 1338 nur abdankte, nicht starb. Oder 
sollte sich Franeiscus in die Manier Peters so hincingeschricben haben, 
dafs er ihn nachahmen konnte? 



Der DomheiT Franz. 3Q3 

Johann noch weit schonungsloser yerfährt, als Peter. In dem letzten 
Ton Franz selbst, soweit man "wenigstens sehen kann, herrührenden 
Theile der Chronik zeigt sich übrigens eine auffallende Rücksicht- 
nahme auf entlegene Länder und Völker, auch wol ein ge-VN-isses 
astronomisches Wissen, was uns für den gelingen Gehalt au histo- 
rischen Nachrichten entschädigen mufs. 

Von den persönlichen Verhältnissen des Mannes weifs man nicht 
viel. Dafs er an der Wyschehrader Kirche Domherr gewesen wäre, 
läfst sich nicht festhalten. Er war ein geborener Böhme und gibt 
seiner tschechischen Gesinnung häufigen Ausdruck. 1321 — 23 be- 
fand er sich in Rom, wurde hierauf Schulrector auf dem Wyschehrad, 
1333 zum Prediger an der St. Veitskirche in Prag, dann zum Dom- 
herrn und von dem ersten Erzbischof Arnest tou Pardubitz zum 
Dompropst ernannt. Als solcher soll er nicht TÖllig verbürgten Nach- 
richten zu Folge am 3. März 1362 gestorben sein'). Dafs er sich 
in den letzten Jahren mit Geschichtschreibung nicht mehr beschäf- 
tigte, mag vielleicht als ein Beweis gelten, dafs er mit seinen zwei- 
felhaften historiographischen Verdiensten bei Karl IV. keine Aner- 
kennung gefunden haben dürfte. 

Eine All Fortsetzung scheint diese sogenannte Prager Chi-onik 
in den kleinen Prager Annalen^) gefunden zu haben, die mit 
den aus Prag auswandernden Deutschen nach Leipzig gekommen 
sind und unter anderem auch die Stiftung der Leipziger Universität 
erzählen. Sie reichen von 1344 — 1411 und weisen in ihrem ersten 
Theil auf das Prager Domcapitel, wo man dürftig genug die alte 
Thätigkeit noch in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts fortge- 
setzt zu haben scheint. 



') Die betreffenden Notizen sind von Pelzel und Dobrowsky auf das 
sorgfältigste gesammelt worden in der Vorrede zum zweiten Bande der 
SS. Vgl. Loserth, Einl. z. d. Königs. Geschq. S. 12 ff. 

^) Kleine Prager Annalen, welche auf Notizen seit 1344 beruhen und 
dann in Leipzig zusammengestellt worden sind nach 1409. — Einzelnes 
daraus mitgetheilt in Beitr. zur Erforsch, vaterländ. Alterth. zu Leipzig, 
I. Bd., 1826: vgl. Gersdorf, Bericht d. deut. Gesellsch. in Leipzig, 1847: 
Die Universität Leipzig im ersten Jahre ihres Bestehens. Ganz mitgetheüt 
bei Höüer, Geschichtschreiber der Hussiten I, 6 — 12. Bei dieser Gelegen- 
heit seien auch die übrigen ins XIV. Jahrhundert zurückgi-eifenden kleine- 
ren annalistischen Aufzeichnungen noch erwähnt, welche Höfler den hussi- 
tischen Geschichtschreibern vorangestellt hat: Notizen zum Jahre 1367, 
1394—1405, S. 1; femer Chron. Pragense bezeichnet, 824—1419, S. 8— 5; 
das Chronicon Universitatis Pragensis 1348 — 1413; sonstige ganz unbedeu- 
tende Notizen S. 47. 65, worüber unten im § 24. 



304 § 23. Karl IV. und sein litterarischer Kreis. 



§23. Karl lY. und sein litterarischer Kreis. 

Unter den geki-önten Sckriftstellern findet sich Karl YVJ) 
Er wurde am 14. Mai 1316 geboren und in seinem siebenten Jahre 
nach Paris gebracht, wo er bei der Firmung den Namen seines Pathen 
und präsumtiven Schmegervaters erhielt. In Paris wurde er erzogen 
imd auf das Geheifs des Königs in den Wissenschaften unterrichtet, 
was Karl noch in seinen späteren Jahren an dem Schwiegervater 
um so mehr lobte, als dieser selbst keinen Unterricht dieser Ali ge- 
nossen hatte. Diese französische Erziehung prägte Karl IV. jenen 
kosmopolitischen Charakter auf, der sich im XIV. Jahrhundert bei 
den Gelehrten und in den hohen Ständen wol im allgemeinen findet, 
und welcher der nationalen Reaction des XV. und XVI. Jahrhunderts 
naturgemäfs vorangegangen war. Für eine sehr glorreiche Epoche 
der Historiographie in Böhmen hat solchergestalt der königliche Ge- 
schichtschreiber den nationalen Kampf zu überbrücken gewufst, wel- 
cher am Anfang wie am Ende des XIV. Jahrhunderts in der Litte- 
ratur vorheiTScht. In der Beurtheilung der litteraiüschen Erscheinungen 
stand Karl IV. der fortgeschrittensten Nation, den Italienern, viel- 
leicht am nächsten, und seine Beziehungen zu Petrarca hat man 
immer als einen Beweis seiner Richtung auf die Litteratur angeführt, 
obwol die Briefe, die uns wenigstens vorliegen, einen vorwiegend po- 
litischen, in einem einzigen Falle nm- einigermafsen Htterarischeu In- 
halt haben 2). 

Karl IV. lernte Italien schon im Jahre 1331 kennen, von seinen 
damaligen Eindrücken erzählt er uns aber nur TJebles; vor allem 
den Versuch, ihn und seine Umgebung zu vergiften, welcher Gefahr 
er jedoch durch den Umstand, dafs er des Morgens wegen des 
Empfangs der Communion nicht gegessen hatte, entronnen war. 
Von diesem Jahre 1331 bis zu seiner Wahl zum römischen König, 
1346, liegt nämlich seine Jugendgeschichte in einem sehr merkwür- 
digem Buche gröfstentheils von ihm selbst ausführlich beschrieben 

^) Vgl. Friedjung, Kaiser Karl IV. und sein Anthcil am geistigen Le- 
ben seiner Zeit. Wien 187(!. Huber, Die Regesten dos Kaiscrr. unter 
Karl IV. aus dem Nachlasso Böhmers, besonders I, LllI ff. 

^) Pelzel, Gescliichte Karls IV., S. 954. Francisci Potrarcae opistolae 
de rebus fam. et var. ed. PVacasetti, Flnr. 1859 — G8. Eine Liste der Briefe 
Petrarca's an Karl IV., Anna, den Erzbischnf Johann von Prag und Bischof 
von Olmütz findet sicli in der sehr lohrreiohon Al)haudlung von A. Jäger; 
Archiv für Kunde ö.storr. Gesch. XXXVIII, S. 437. Ueber die politischen 
Briefe Petrarca's vgl. Bd. II, § 3. 



Karl rV. Memoiren. 3Q5 

vor^). Natürlich wünschte man yor allem zu Avissen, wann er das 
gethan hat. Die Ansichten hierüber sind weit auseinandergehend. 
Die Vorrede wendet sich an seine Söhne, seine Nachfolger Wenzel 
und Sigismund, aber Böhmer hat schon bemerkt, dafs diese "Widmung 
mit den eingehenden Ermahnungen, die sie enthält, auch später vor- 
gesetzt sein könnte. Dafür sj^räche der Umstand, dafs die Jugend- 
geschichte allein erzählt ist und dafs die Geschichte von Karls Re- 
gierung, aus der doch hauptsächlich für die Nachfolger zu lernen 
gewesen wäre, darzustellen gar nicht in der Absicht des königlichen 
Schriftstellers gelegen zu haben scheint. Nichts weist auf spätere 
Erlebnisse Karls während seiner Regierung hin, nii-gends ist eine 
Andeutung zu finden, dafs der Verfasser der Memoiren die spätere 
Entwickelung der Dinge, die er beschreibt, gekannt hätte. Dem 
gegenüber steht das Bedenken, dafs der schöne Zweck des Buches 
wegfiele, wenn man die Dedication als eine spätere zufälUge Zuthat 
betrachten wollte, und dafs Voi^^ort, Dedication und der Beginn 
der Memoü'en selbst stilistisch so miteinander vei-woben sind, dafs 
man an eine förmliche Umarbeitung, wenigstens des ganzen Anfangs, 
denken müfste^). Eine Analogie dieses Verhältnisses bieten die 

^) Vita Caroli IV., zuerst von Reiner Reineccius 1584, dann von Fre- 
her und von Böhmer I, 228 — 270 mit aller wünschenswerthen Genauigkeit 
über die Handschriften, hierauf von Emier, Font. rer. Boh. III, 336, 
ebenfalls ohne vollständige Handschriften-Vergleichung, vgl. Losertb, Mitth. 
d. D. XXI, S. 3 d. litt. A. — Ueber eine deutsche Vita vgl. oben S. 290 
N. 1. Beachtenswerth ist Neumann, Karl IV. als Schriftsteller, Neues 
Lausitz. Mag. Bd. 26, 1. Auf Karl IV. Aufzeichnung über das Leben des 
heüigen Wenzel genügt es hier mit Rücksicht auf W^. G. I, 401. II, N. und 
über die Fälschung des XIV. Jahrb. 11, N. und Palacky, Würdigung, S. 295 
hinzuweisen. Ob dieser Auszug AA. SS. Sept. VII, 837 ausschliefslich auf 
Gumpold ziuückzuführen sei, läfst sich aber heute auf Dobrowsky's Ver- 
gleichung hin nicht mehr mit Gewifsheit sagen. Namentlich bin ich nicht 
im Stande zu sagen, ob Karl IV. die slavische Legende gekannt habe. 

^) Jetzt hat Loserth auch diese Frage mit vieler Umsicht erörtert in 
der Schrift: Studien zu böhmischen Geschichtsquellen, Arch. f. österr. 
Gesch. 53, S. 1, Wien 1875. Er findet, dafs die "Vita aus drei Theüen 
besteht: 1. die Selbstbiographie nach den Tagebüchern und Aufzeichnun- 

§en um die Zeit des ersten Romerzuges angefertigt bis 1340. 2. Aus den 
chlufsberichten 1340 — 1346, welche nicht von Karl herrühren, aber eben- 
falls auf Grund seiner Tagebücher. 3. Aus der Widmung, die nach Karls 
Tode abgefafst ist, zum frühesten in jener Zeit, als Sigmund iu Besitz der 
ungarischen Krone war. Punkt 1 und 2 scheint mh vollständig sicher- 
gestellt. Nicht so Punkt 3, weshalb ich vorläufig noch meine frühere Dar- 
stellung beibehalte. Uebrigens hat auch Loserth diesen Punkt fallen 
gelassen. Nach seinen Erörterungen (Lit. Beil. zu XV. der Mitth. 
d. D. S. 3) kann es kaum einem Zweifel unterliegen, dafs die Wid- 
mung nicht an zwei Söhne (Wenzel und Sigismund) sondern an Karls 
Nachfolger (secundis) überhaupt, welche auf dem deutschen und böhmi- 
schen Throne sitzen, gerichtet ist und nicht vor dem Jahre 1376, in 
Lorenz, GeschichtsqueUen. 3. Aufl. I. 20 



306 § 23. Karl lY. und sein litterarisclier Kreis. 

Memoiren der Kaiserin Katharina IL, die sie aucli mit dem ausge- 
sprochenen Zwecke verfassen wollte, um ihi-en Solin Paul in die 
Regierungsverhältnisse einzuführen. Gerade wie Karl lY. war sie 
aber von ihrer Jugendgeschichte so sehr erfüllt und so sehr lagen 
ihr diese persönlichen Erlebnisse am Herzen, dafs die Darstellung 
davon schon einen auffallend grofsen Raum in Anspruch nahm, und 
dafs sie sodann zur Geschichte ihrer RegieniQg gar nicht gelangt ist. 
Das ist denn auch psychologisch sehr erklärlich. Wer Memoiren 
schreibt, dem vdrd es leicht, seine Persönlichkeit zu objectiviren, 
so lange er sich blofs der Dinge und Eindrücke zu erinnern hat, die 
ihn persönlich berührten, aber es ist sehr schwer imd beansprucht 
viel Zeit, sobald er sich in einen Kreis von Ereignissen und Yer- 
hältnissen verwickelt sieht, die sich vollzogen, und deren tausend- 
fältige Fäden überall die Mitwirkung erheischten und doch nicht 
überall das Product des eigenen Handelns waren. Hierin liegt die 
Schwierigkeit der Abfassung von Memoiren, welche für Staatsmänner, 
je höher sie stehen, desto gröfser erscheint. YVie die Kaiseiin 
Katharina, so hat auch Karl lY. diese Aufgabe nicht bewältigen 
können. Denn etwas ganz anderes ist es, unter dem Anhauch einer 
philosophischen Epoche über die besonderen Schicksale der eigenen 
Entwickelung reflectiren, wie Katharina, oder unter starker Hin- 
neigung zu den scholastisch - gelehrten , schwärmerisch - religiösen 
Tendenzen des Mittelalters das Bild eines hingebenden und pflicht- 
treuen Prinzen zeichnen, und ein anderes, aus der ungeheueren Fülle 
eines Menschenalters der Weltgeschichte den persönlichen Antheü 
zum Bewufstsein — vollends zur Darstellimg zu bringen. Feinsinnig, 
wie Karl war, mochte ihm eine richtige Yorstelluug von dem, was 
seine Memoiren zu leisten hätten, nicht verborgen geblieben sein. 
In seiner Jugendgeschichte gibt er mehr als einmal die Punkte ganz 
scharf an, wo seine persönliche Antheilnahme abbricht und wo man 
sich, sei es in böhmischen oder in römischen Chroniken, Belehrung 
holen könne'). Er kennt das Mafs des individuellen Wollens recht 



•welchem Wenzel gewählt und gekrönt wurde, geschrieben war. Daher 
kennt auch Benosch von Wcitmülil (f 1375), der sonst die Yita wortgetreu 
ausschreibt, die Widmung nicht. Friodjung (Kaiser Karl lY. und sein 
Antheil am geistigen Leben seiner Zeit S. 246) ist der Ansicht, dafs Karl 
die Biographie seinem ersten Sohne Wenzel, der schon ein Jahr nach 
seiner Geburt starb (1351), gewidmet hätte. 

') Dafs jedoch auf Peter von Zittau oder auf Martinus eine Anspie- 
lung goniaclit wird, ist nicht mit Böhmer, Vorrede S. XXI Y anzunehmen, 
auch dürfte man nicht von einer Ergänzung des Peter von Zittau roden 
(Potthast). 



Karl IV. Memoiren. 307 

gut, er weifs auch, wie Yieles um ihn her sich ereignet hat, was 
die Chroniken verzeichneten, aber seine eigene Regierungsgeschichte 
in dem Sinne seiner begonnenen Memoiren fortzusetzen, dazu fehlten 
ihm der Muth, das Talent oder die Zeit, vielleicht alle drei. Schon 
vom Jahre 1341 ab scheint die Darstellung ins Schwanken gerathen 
zu sein und man hat deutliche Spuren, dafs es verschiedene Bear- 
beitungen dieses letzten Theiles der Memoiren schon zur Zeit als 
Benesch von Weitmühl sie benutzte, gegeben hat'). Wir w^erdeu 
daher nicht iiTen, w^enn wir annehmen, dafs die Memoiren aller- 
dings erst gegen Ende der Regierung begonnen, dafs sie im Anfang 
aus frischem, kühn entworfenem Concepte abgefafst wurden, dafs 
aber schon gegen Ende die Feder des königlichen Schriftstellers er- 
lahmte imd endlich den gehäuften Schwierigkeiten eines stüi-mischen 
Regierungsanfaugs gegenüber bei Seite gelegt wurde. 

Die ganze Schrift ist tage buch artig verfafst, die Daten sind 
so genau und erweisen sich da, wo sie mit Angaben anderer Schrift- 
steller difteriren, so häufig als die richtigeren, dafs die Annahme 
von Mittheüuugen aus dem Gedächtnifs ausgeschlossen wäre. Auf- 
zeichnungen aus der Jugend, Reisebücher und Register, von Karl 
selbst oder einem Secretair gleichzeitig geführt, bilden die Grund- 
lage des Werkes; es fehlt aber auch nicht an dem Bemühen einer 
glänzenden Darstellung, Avelches sich nicht nur in den zahlreichen 
Citaten sondern auch in der Mittheüung von Reden und Gegenreden 
zeigt, die nach dem Muster der alten Schriftsteller formulirt sind. 
Yon seinem Yater Johann spricht Karl zwar nie rücksichtslos, wie 
etwa Peter von Königsaal oder Franz von Prag, aber seine Erinne- 
rungen an manche Übeln Thatsachen waren doch so überwältigend, 
dafs er sie nicht zu verschweigen vermochte. Bezeichnend hiefür ist 
die Erzählung von dem Zustande der königlichen Verwaltung im 
Jahre 1333, wo der gesammte Hof kein einziges Schlofs fand, auf 
dem er hätte bleiben können, als Johann von seinen italienischen 
Fahrten zurückkehrte. „Wir hatten nicht," sagt Karl, „wo wir hätten 

^) Nur durch ein mehrfaches Concept läfst sich das Verhältnifs der 
Vita zum Benesch erklären. Palacky, Gesch. 2 6, Note 308 bemerkt rich- 
tig, dafs Benesch von Weitmühl em vollständigeres Exemplar der Vita 
vor sich hatte; wie er aber in einem Athem sagen kann, von 1340 an sei 
nicht mehr Karl der Verfasser, ist mir nicht verständhch. Gerade über 
diesen Punkt hat v. Weech, Kaiser Ludwig der Baier, S. 86 sich deutlicher 
ausgesprochen, die auffallende Erscheinung, dafs seit 1340 Karl bei Benesch 
in der dritten Person redet, hat er aber nicht ganz erklärt. Das richtige 
hat aber ohne Zweifel Loserth a. a. 0. getroffen, wenn er die ursprüng- 
lichen Tagebücher als eine gemeinsame Quelle für Benesch und für den 
Anhang zur Vita betrachtet. 

20* 



308 § 23. Karl IV. und sein litterarischer Kreis. 

bleiben können, aufser in den Häusern der Städte, wie irgend ein 
andei'er Bürger." Er erzählt dann, wie man eine Anzahl verpfändeter 
Schlösser mit grofser Anstrengung wieder erworben habe, denn es 
war die Zeit, wo seine junge Frau aus Luxemburg nach. Böhmen 
kommen sollte und wo Karl zum Markgrafen von Mähren ernannt 
wurde 1). Wie die politischen Dinge indessen lagen, so war au eine 
ruhige Regierung nicht zu denken, Karls Leben selbst war ein ewiges 
Reisen von einem Lande ins andere i;nd besonders die tirolischen 
Yerhältnisse machten ihm viel Sorge. Gelegentlich giebt uns Karl 
auch Proben von Geisterspuk und Gespenstergeschichten, die er, wie 
aUe Welt, glaubte. 

Die Lebensbeschreibung Karls ist sicherlich, soweit sie ins Reine 
gearbeitet war, sehr verbreitet gewesen, wie schon die zahlreichen 
alten Handscbriften zeigen, die vorhanden sind. Dies ist auch der 
Grund, weswegen sie nicht blofs ins Tschechische, sonder auch ins 
Deutsche übersetzt Avurde^). Materialien zur weiteren Vollendung 
des Werkes scheinen vorhanden gewesen zu sein und es ist daher 
erklärlich, dafs Karl IV. einen Mann suchte, der seine Geschichte 
vollständiger bearbeiten sollte. Unter den Gelehi-ten, die ihn lun- 
gaben, hat er hiezu den Domherrn Benesch von Weitmühl 
erwählt 3). 

') Sehr bezeichnend für das wahre Verhältnifs von Vater und Sohn 
ist die Stelle Fontes I, 247: Videns autem communitas probonim virorum 
de Boemia quod eramus de antiqua stirpe regum Boemorum, diligentes nos 
dederimt nobis auxilium ad recuperanda castra et bona regalia: vgl. Be- 
nesch von Weitmühl, Pelzel und Dobrowsky, SS. II, 334. Nichtsdesto- 
weniger hat Karl strenge über das gute Andenken Johanns von Böhmen 
gewacht. Schotter in der Geschichte König Johanns hat sehr Unrecht, 
dafs er die Vita Caroli fast durchaus nur nach Benesch benutzt. 

2) Die tschechische Redaction der Vita ist in drei Handsciu-iften, die 
deutsche in einer einzigen vorhanden. Der deutschen Vita fohlt die Wid- 
mung. Der Eingang ist aus Pulkawa genommen. Die tschechische ist 
bisher viennal ausgegeben worden: Zuerst 1555 zu Olmütz bei Johann 
Günther von Ambros von Ottersdorf auf Lipowcc, das zweite Mal zu Prag 
von Tomsa 1791, dann im Vybor z literatury ceske I, S. 499 ff., endlich 
von Emier im III. Bd. der Font. rer. Bohemic. S. 369 ff. Die deutsche 
Redaction der vita s. ebenda S. 39G u. f^'. Vgl. Dudik, Forsch, in Schwe- 
den 896-398. 

•') Pelzel und Dobrowsky, SS. II, 199 — 424. Neue Ausgabe in 
den SS. rcrum Bohem. IV. Prag 1884. Uebcr die Verwechselung zwischen 
Benesch Krabice und Benessius minorita, welche Dobner sich zu Scluildon 
kommen läfst, vgl. Palacky, Würdigung S. 193. Von diesem Benessius 
minorita weifs man aber sonst in der bolimischon Goschichte nichts. Mei- 
ner Ansicht nach ist das Buch des Benesch von Weitmühl in die Hände 
der Minoritenbrüder gekommen, von ihnen mannigfaltig bearbeitet und ab- 
geschrieben wurden und hat dann den Namen Benessius minorita, d. li. 
die Minoritenausgabc des Benesch, erhalten. Eine solche Bearbeitung be- 



Beaesch von Weitmülil. 309 

Die Familie Krabice, aus der Benesch stammte, gehörte 
damals nocli dem Ritterstande an und trat in DienstTerhältnisse zu 
den Herrn von Lipa. Benesch. war der älteste von den Söliuen des 
jüngeren Zweiges der Famüie, er und noch ein zweiter Bruder wid- 
meten sich dem geistlichen Stande und Benesch brachte es, ^^i.e es 
scheint, rasch vorwärts, denn schon im Jahre 1341 findet er sich 
als Domherr auf dem Prager Schlosse. Dann ernannte ihn 1355 
Karl IV. zum BauTorsteher der St. Yeitskirche, zu deren Vollendung 
die UebertragTing der Gebeine des heiligen Veit, die Karl IV. in 
Pavia auffand, neuen Anstofs gab^). In dieser Stellung blieb er bis 
zu seinem Tode am 27. Juli 1375. Sein Geschichtswerk hat er in 
verschiedenen Epochen seines Lebens geschrieben. Ursprünglich be- 
absichtigte er nichts anderes als eine Fortsetzung zu den beim Dom- 
capitel liegenden Jahrbüchern zu liefern, welche seit 1283 verstumm- 
ten. Ohne gi-ofse Auswahl ergänzte er aus den nächstliegenden Ge- 
schichtsquellen die Fortsetzer des Cosmas bis in das XIV. Jahrhun- 
dert als er von Karl IV. aufgefordert wurde, seinem "Werke eine 
formell besser geiimdete Gestalt zu geben. Darauf theilte er das- 
selbe in vier Bücher, ohne dafs jedoch inhaltlich dadurch viel ge- 
ändert worden wäre, denn die ersten drei Bücher, welche bis zum 
Jahre 1346 reichten, blieben nach wie vor wesentlich nichts anderes, 
als eine Umschreibung des Werkes des DomheiTU Franz, und zwar 
in dessen zweiter um 1355 beendigten Redaction^). Daraus geht zu- 
gleich hervor, dafs Benesch sein Buch nicht vor diesem Jahre ge- 
schrieben haben konnte; es unterscheidet sich aber von dem Buche 
des Vorgängers dadurch, dafs es die Urtheile über König Johann 
wesentlich milderte und gewifs mehr im Sinne des Kaisers gehalten 
war. Neben diesem ersten Theile des Werkes erregt aber der zweite 
Theil, der als viertes Buch hinzugefügt ist, unsere Aufmerksamkeit 
in viel höherem Grade, einestheils durch die Verschiedenartigkeit 
der Quellen, welche Benesch hiebei benutzte, andererseits durch die 

nutzte Dobner IV, 23 — 78. Vgl. Dobrowskj, Monatsschi-ift des Museums 
1827, S. 56. Einer Untersuchung bedürfte das interessante Fragmentum 
praebendarum i» ecclesia S. Georii castri Prägens., Dobner VI, 334, wo 
S. 365 ein Benesch im Jahi-e 1897 als Canonicus ecclesie S. Apollinaris 
stirbt. 

^) Ueber die Auffindung und Uebertragung des heiligen Veit: Pelzel, 
Geschichte Karls IV., S. 433. 456. 476. Die Briefe Karls IV. darüber 
bei Pessina, p. 461. Beachtenswerth ist Translatio S. Viti ex Italia in Bo- 
hemiam suh Karolo IV., AA. SS. Jun. 11,1029; für Karls IV . Charakte- 
ristik überhaupt brauchbar. 

2) Hs. in Breslau, vgl. Loserth in NA. V, 217, wornach oben S. 301 
N. 3 zu vervollständigen. 



310 § 23. Karl IV. und sein litterarisclier Kreis. 

nalaen Beziehungen zu Kaiser Karl TV. und seiner Gescliichte ^). 
Allerdings ist die Thätigkeit des Beuescli, wenn man sie vom Stand- 
punkte selbständiger Gescliiclitsclireibung betrachtet nicht hoch an- 
zuschlagen, aber seine Corüpilationen sind doch für Karls IV. Zeit 
und Geschichte von höchster Wichtigkeit, und es wäre in jeder Be- 
ziehung schlimm, wenn sie fehlten. Sie büden den Abschlufs der 
wichtigsten Reihe historischer Nachrichten und zeigen in ihrer Zu- 
sammensetzung den damals vorhandenen Quellenbestand. Aufser dem 
schon erwähnten Franz hat Benesch die Selbstbiographie Karls IV. 
und die denselben zur Grundlage dienenden Tagebücher und Register 
unmittelbar benützt. Im weitern Verfolge seiner Arbeit konnte er 
noch die von dem Dechant Wilhelm verfafste Lebensbeschreibung 
des ersten Erzbischofs von Prag Arnests herbeiziehen und Spuren 
anderer Chroniken fehlen ebenfalls nicht 2). Für die Zeitgeschichte 
seit der Krönung Karls zum Kaiser enthält das Werk von Benesch 
aber auch durchaus selbständiges und manche sehr schätzbare Nach- 
richten. 

Nicht ohne Interesse für die Prager Localgeschichte sind die 
sorgfältigen Aufzeichnungen des Chi'onisten über Baulichkeiten, 
Rechtsverhältnisse, Modesachen ^). Dafs das Lob Karls IV. und 
seiner Regierung auf jeder Seite sich "wiederholt, kann nach dem 
Charakter und der Stellung unseres Geschichtschreibers nicht über- 
raschen. Seine Absicht war, wie er mindestens seit 1370 gethan zu 
haben scheint, die neuesten Ereignisse von Jahr zu Jahr einzutragen, 
in dieser Arbeit wurde er aber vier Jahre vor dem Tode seines 
Gönners unterbrochen, ohne dafs sich ein Nachfolger gefunden hätte, 
der diese Lebensgeschichte Karls IV. zu Ende gebracht hätte. 



') Eine Analyse des Benesch hat Losorth im 53. Bd. S. 301 des Arch. 
f. Österr. Gesch. gegeben. 

^) Aufser der Vita Amesti (vgl. unten) spricht Benesch auch von einer 
Chronica sancti Procopii. Thatsache ist, dnfs der Heilige mehrfache Wun- 
der auch in den ersten Decennien des XIV. Jalnhunderts nach der Ver- 
sicherung von Benesch gewirkt hat. Dafs diese Wundergescliicliten in 
Legenden in erster Reihe stehen werden, ist zunächst 7a\ vornuithcn und 
das zahlreiche Vorkommen von Procopslegenden, (vgl. Foifalik SB. d. 
Akad. 30, 428, vgl. Marignola bei Dobner II, S. 153) legt nahe, dafs unter 
der Chronica sancti Procopii nichts anderes als eine solche Logende zu 
verstellen sein wird, welche ßonesch kannte und in denen es ja an ander- 
weitigen Nachrichten auch nicht fehlt. Alan müfste also doch jedenfalls 
bei der Specialuntersuchung erst die Procopslegenden angesehen haben, 
bevor man eine verlorene Chronik sucht. 

•'') Vgl. S. 397 ff. und die Abneigung gegen die Schnabelschuho S. 417, 
die Karl IV. gctheilt zu haben scheint. Vgl. Limburgor Clu-onik in 
M. G. D. Chr. IV. p. 39, 11. 



Johann von Marignola. 3]^^^ 

Dagegen -svar ein anderes Werk , welches von Kaiser Karl 
veranlafst worden war, noch bei dessen Lebzeiten vollendet worden; 
es ist um so merkwürdiger, als es von einem italienischen Mino- 
riten herstammt, imd Karl TV. persönlich gelungen ist, den Mann 
für sein Haus und die böhmische Geschichte zu interessii'en. Jo- 
hann von Marignola, ein Florentiner, war anfangs Lehi'er an 
der Universität zu Bologna und ging im Jahi'e 1338 als päpstlicher 
Legat nach Asien. Er ist einer der berühmtesten Reisenden des 
XIV. Jahrhunderts geworden'). "Was ihn veranlafste, bei seiner 
Rückkunft nach Prag zu kommen, ist unge^vifs, wie überhaupt die 
Beziehungen Karls und seiner neuen Universität zu den italienischen 
Gelehrtenkreisen dringend einer sorgfältigen Erforschung bedürften. 
Karl lY. soll vielfach mit ihm verkehrt haben und jedenfalls er- 
nannte er ihn zu seinem Hofcapellan. Im Jahre 1354 wurde Ma- 
rignola aber Bischof von Bisignano in Calabrien und hier erfüllte 
er den Auftrag Karls, eine Geschichte Böhmens zu verfassen. Er 
hat die hiezu nothwendigen Bücher von Prag mitgenommen. Seines 
Versprechens hat er sich aber auf ziemlich leichte Weise entledigt. 
Das Werk, das übrigens den allergeringsten Einflufs auf die Histo- 
riographie genommen hat, ist eigentlich nichts als ein dürftiger 
Auszug der bekannten uns im Original vorliegenden Geschichts- 
quellen^). Neues hätte er nur über die Zeit des XIV. Jahrhunderts 
sagen können. Aber gerade hier ist unser Autor am dürftigsten 
und beendigte schon mit dem Jahre 1362 sein Buch. 

Gleichzeitig oder wenig später veranlafste Karl die Abfassung 
einer anderen Chronik von Böhmen, die unter dem Namen Pul- 
kawa's sich erhalten hat und den ungleich gröfsten Einflufs auf 
die gesammte spätere Litteratur nahm^). Ueber ihren Verfasser weifs 

') Die Reisebeschreibimg Marignola's ist von Meinert geschickt aus 
der Chronik ausgeschieden und besonders in Abhandlungen der böhm. 
Gesellschaft II. Bd. 1820, gedruckt. Ueber den Zusammenhang der Reise 
Marignola's mit den sonstigen insbesondere minoritischen Unternehmungen 
nach Asien vgl. Peschel, Geschichte der Erdkunde, S. 147 ff., besonders 
164. Vgl. auch Friedjimg a. a. 0. S. 217-225. 

2) Nach der Hs., in welcher sich auch Pulkawa's Chronik findet, bei 
Dobner, Mon. 11, S. 68—282 und in den Font. rer. Bohem. III, S. 492 bis 
604. Cod. Marc. eh. s. XV. vgl. NA. II, 273. 

^) Ueber Pulkawa vor allem Palacky, Würdigung etc., S. 175 — 192, 
wo alles wünschenswerthe zusammengestellt ist. Hier bemerke ich nur, 
dafs die Ausgabe von Dubner III, S. 63—290 allerdings auf der besten 
Handschrift zu beruhen scheint. Menken, SS. III, 1617 — 1766 reicht 
bis 1329 und hat auch den Schlufs. Ludewig, Reliquiae XI, 128-383 
benutzte eine sehr abgekürzte Handschrift und reicht nur bis 1300. Zur 
Erwerbimg der Mark Brandenburg durch Karl IV. hat Loserth iu den 
Mitth. d. D. XV, S. 173 ff. einige interessante Actenstücke mitgetheüt. 



312 § 23. Karl lY. und sein litterarischer ICreis. 

man niclits, so dafs selbst über dessen Namen ein ungeschlichteter 
Streit bestellt. Alles was der Autor der Chronik Persönliches be- 
merkt, beschränkt sich darauf, dafs er yersichert, Karl lY. habe 
selbst für die Herbeischaffung des Materials alle Sorge getragen, 
er habe dem Yerfasser die Acten des böhmischen Archivs eröffnet, 
zahlreiche Aufschi'eibungen der verschiedenen Klöster gesammelt, 
die Chroniken herbeibringen lassen. Unter den letzteren nun ragt 
besonders eine hervor, deren Verlust für die brandenburgische 
Geschichte am meisten zu beklagen ist. Erst in neuester Zeit 
ist dieselbe durch die glückliche Hand J. Heidemanns ihrem In- 
halte nach näher erforscht und bekannt gemacht worden, doch wer- 
den die einschlägigen Arbeiten dieses Gelehrten im Zusammenhange 
besser bei der Darstellung der Brandenburgischen Geschichtsquellen 
verwerthet werden, wo die Chroniken von Brandenburg, der 
Brandenburger Fürsten und Bischöfe speziell zu besprechen 
sind *). 

Yon anderen Quellen, die Pulkawa für sein Geschichtswerk 
benutzte, fällt am meisten die gläubige Annahme alles dessen, was 
Dalimil erzäht, auf. Er hat für die älteste Geschichte überhaupt so 
ziemlich festgestellt, was aufser der Königiuhofer Handschrift und 
ihren Geschwistern zum historischen Glaubensbekenntuifs eines Böh- 
men beider Nationalitäten von der Schule her zu gelten hatte. An 
Cosmas und seine Fortsetzer hat er sich unbedingt gehalten , von 
ihnen entlehnte er den chronologischen Faden der Darstellung, und 
was sie verschweigen, verschweigt er auch. Er hat nicht blofs die 
Königsaaler Geschichtsquellen, sondern auch das Chronicon Francisci 
in umfangreicher YYeise ausgenutzt. Es ist im Gninde eine der 
rohesten Compüationen des XIV. Jahrhunderts, deren litterarischer 
Werth tief unter den anderen Chroniken Böhmens zurücksteht. Das 
Werk endet mit dem Jahre 1330. In einigen Handschriften ist es 
kürzer gefafst, in anderen länger ausgeführt, aber schwerlich dürfte 
man von zwei Recensionen, die etwa dem Verfasser selbst zu dan- 
ken wären, sprechen. Dieses Werk Pulkawa's hatte vielmehr das 
Schicksal vieler anderer Compüationen, welche stark in Gebrauch 
gekommen waren 2): Unter den Händen der Abschreibor änderte sich 

') Vgl. Märkische Forschnngcn über Pulkawa IX, 29 und Quellen der 
Chron. Pulkawa.s Forsch. XIX, 212—234 und überhaupt das nähere im 
folgenden II. Band § 12. 

'■*) In den zaldreiclien Handschriften, die davon vorhandon sind, findet 
man, soweit bis jetzt die Vcrgleichungcn bekannt sind, durchaus sehr we- 
sentliche Untcrscnicdc. So niiifstc man, da die Monkonsche Austrabo und 
die von Ludewig durchaus nicht übereinstimmen, schon mit Rücksicht 



Pulkawa's Chroniken. 313 

der Text; von der "wahren Gestalt solcher Werke kann man mir da 
eine zuversichtliche Ueberzeugung gemnnen, wo das Autograph des 
Yerfassers vorliegt. Das ist bei Pulkawa nicht der Fall, auch seinen 
Kamen erfahren vrir nur durch einen Abschreiber, so dafs es zwei- 
felhaft sein konnte, ob er nicht der blofse Uebersetzer eines böhmi- 
schen Textes wäre, der sich in ziemlich gleichzeitiger Handschrift 
findet 1). Gleich der Tita Karoli ^TU'de auch die Chronik des Pul- 
kawa ins Deutsche übertragen-). 

Dieselbe Nachricht, die uns übrigens den Namen Pulkawa's 
überliefert, bemerkt auch, dafs er im Jahre 1374 Hand an das Werk 
gelegt habe. Ob Karl IV. daher die Vollendung desselben erlebt habe, 
muTs dahingestellt bleiben. Die Compilation selbst hat keinen durch 
innere Gründe motivirten Abschlufs gefunden, es kann also auch 
sein, dafs der Verfasser vor Beendigung der beabsichtigten Aufgabe 
gestorben ist. 

Neben den Männern, welche in Folge der allgemeinen Anregung 
Kaiser Karls IV. die Geschichte Böhmens neu bearbeitet haben, findet 
sich noch eine Anzahl anderer Geschichtschreiber ^), unter denen 

auf die Ausgabe von Dobner von mindestens drei Recensionen reden, wie 
schon Adelung, Director. S. 159 von beiden als zwei verschiedenen Chro- 
niken redet, in Wahrheit aber sind es eben Veränderungen, welche bei 
viel gebrauchten Büchern in jedem Kloster mit Rücksicht auf die Schul- 
bedürfnisse gemacht worden sind. Neuestens hat Ketrzynski in der Czar- 
toryskischen BibHothek eine sehr kostbare Pulkawa-Handschrift entdeckt, 
die" er, obwol nur Fragment des Werkes, doch für die Originalhandschrift 
hält, welche dem Kaiser Karl präsentirt worden wäre. Sie ist aber jeden- 
falls — wegen ihres Alters und dann aus dem Grunde höchst merkwürdig, 
weil sie die ganze brandenburgische Chronik noch nicht im Text sondern in 
Marginalnoten beigeschrieben hat. AuTserdem enthält sie Marginalien aus 
einer polnischen Chronik, die sonst in den Pulkawa's fehlen. Die Ver- 
gleichung, welche Ketrzynski gemacht hat, beschränkt sich auf Dobners 
Text und ist also unzulänglich, um zu einem Schlufsm-theil zu gelangen. 
Die Handschrift schUefst mit dem Jahre 1307, wo es heilst: Hie finis est 
primi libii huius Cronice quoniam presagium PremysU primi ducis Boemie 
sicut supra dictum est impletum. Roczniki towarzystwa etc. Posen 1869, 
Bd. V, 315 ff. Die Chronik von Brandenburg ist ganz abgedruckt. Ich 
danke die Kenntnifs dieser Abhandlung den freundlichen Mittheilungen 
des Heirn Prof. v. Zeifsberg. 

'■) Die Meinung Palacky's, dafs der Verfasser des lateinischen Originals 
zugleich der uebersetzer sei, mufs, da er darüber der competenteste Ur- 
theiler ist, uns auch zur Zeit als die zuverlässigste gelten: Palacky könnte 
jetzt das gleiche Verhältnifs bei Korner als eine Analogie für seine Be- 
hauptung aufstellen. 

2) Die deutsche Redaction (Cod. Monac. 1112) stimmt mit der Dob- 
nerschen Ausgabe, doch auch nicht in allen Punkten überein. 

3) Hieher gehört die unbedeutende Series ducum et regum Bohemie 
usgue ad Johannem regem und die Series episcoporum Pragensium, woran 
sich eine bedeutendere Aufzeichnung: Memorie primorum trium Archiepi- 



314 § 23. Karl IV. und sein litterarischer Kreis. 

Neplacli von Opato-v\'itz hervorragt i). Er gibt in seiner Sum- 
mula chronicae tarn Bomanae quam Bohemicae selbst viele Nachrichten 
von seinem Leben. Er war 1312 geboren, im 20. Jahre in das 
Kloster Opatowitz aufgenommen und ging im Jahi-e 1340 nach Bo- 
logna, um zu Studiren. Sein Vorgänger, der Abt Hroznat, eröfifnete 
ihm diese litterarische Laufbahn selbst. Von Pabst Clemens VI. 
wurde er zum Abt von Opatowitz ernannt und begleitete den 
Kaiser Karl im Jahre 1354 nach Deutschland, "wo er von diesem den 
Auftrag erhielt, Reliquien, die Karl in Metz erworben hatte, nach 
Prag zu überbringen. Im Jahre 1368 ist Neplach gestorben^). Wahr- 
scheinlich konnten spätere Geschichtschreiber aus seinem Grabstein 
in Opatowitz noch entnehmen, dafs er aus dem Geschlechte der 
Ritter von Ostrow abstammte. 

Die Compilation Neplachs kündigt sich schon im Vorwort als 
eine Arbeit für die Klosterzwecke an. Es mangelte den Mönchen 
an einem passenden Leitfaden der Geschichte, welcher die Schick- 
sale der Böhmen in entsprechende Berücksichtigung zog. So ist denn 
Keplach diesem Bedürfnifs entgegengekommen, indem er einen Mar- 
ti nus schaffen wollte, der zugleich die böhmische Fürstengeschichte 

scaporum, anscliliefst; Dobner, Mon. III, 82—39. Unerledigt mufs die 
Frage über das Chronicon des Notars Otto angesehen werden, vgl. Pa- 
lacky, Würdigung, S. 303, jetzt ist eine kleine Untersuchung über diesen 
interessanten Gegenstand von Loserth, Studien a. a. 0. S. 38 fif. angestellt 
worden, wornach die Autorschaft Ottos des Notars ganz hinweg zu 
fallen hätte und wahrscheinlich gemacht werden will, dafs der Name auf 
einer Verwechslung mit dem in den Königsaaler Quellen den Anfang 
machenden Abt Otto von Thüringen beruhe. Dafs der Sache nach die 
angebliche Chronik nichts als ein vollständiger oder exceipirter Benesch 
von Weitmühl war, ist sicher, weil die für den letztern ausschliefslich be- 
zeichnende Phrase „secundum intentionem domini imperatoris" in dem 
überlieferten Titel der angeblichen Chronik genau wiederholt wird. Indefs 
reichte das Excerpt oder die Bearbeitung dieses Benesch nur bis 1346 
und kann doch möglicherweise von irgend einem Notar Otto geschrieben 
sein, ohne dafs nun der Verlust sehr zu beklagen wäre. Einee andern 
wirklichen Verlustes einer altern böhmischen Chronik ist dagegen an die- 
sem Orte zu gedenken, obwol sie nur die Stiftung des Klosters 
Chladrub enthalten zu haben scheint, worauf sich Peter von Königsaal 
beruft. Königsaaler Geschq.. hrsg. von Loserth S. 108. 

') Herausgegeben von Pcz, SS. rer. austr. II, 1005 — 1012 nach der 
einzigen vorhandenen Handschrift, neue Ausgabe im III. Bd. der Fimt. rer. 
Bohemic. S. 451 — 484, da Wokauns angebliche Handschrift die Arbeit 
eines späteren selbständigen Compihitors ist; Palacky, Würdigung, 157. 
Das Werk i.st abgcfafst zwischen lISöo— 13G2. Wie alle Martinen, so hat 
natürlich aucli Neplach eine fortwährende Umformung erfaliren müssen. 
Der Ausdruck bei Potthast: Dobner, Monumonta IV, '.)() ft". „wird stark 
angezweifelt" könnte indefs zu Mifsvcrstämlnisson Anlafs geben. Es han- 
delt sich um eine spätere Bearbeitung, nicht etwa um eine Fälschung. 

■■') Font. rer. Boh. III, S. 446. 



Neplach von Opatowitz. 315 

entliielt. Auch für das XIV. Jahrhundert sind seine Nachrichten 
dürftig genug und ragen nirgend über das gewöhnliche Mafs der 
damals in den Klöstern verbreiteten historischen Bildung hinaus. 
Die Tendenz dieser Geschichtsbücher ging dahin, Stoffe zu Predigten 
zu liefern, Beispiele aus der vaterländischen Geschichte für die Ex- 
hortationeu an die Hand zu geben. Das historische Interesse war 
kein tiefes, aber eine gewisse historische Kenntnifs war durch die 
Reimchrouiken und populären Geschichtsbücher in weiteren Kreisen 
sehr verbreitet. Die Geistlichen durften hinter dieser encyklopädi- 
schen Richtung der Zeit nicht zurückbleiben. 

Eine Folge davon war, dafs der historische Stoff sich auch in 
der übrigen Litteratur mehr und mehr ausbreitete und bei der gi'ofsen 
geistigen Bewegung, welche unter Karl IV. in Böhmen begann, ist 
es fast schwer die Grenze anzugeben, wo die speciellen Geschichts- 
quellen sich von der allgemeinen Litteraturgeschichte scheiden. Kon- 
rad Waldhauser, der Ritter Stitny beginnen in der theologischen 
Litteratiu- historische und kirchenrechtliche Momente zur Geltung zu 
bringen; ihre Richtung entsprach Karl IV. nicht, doch liefs er sie 
frei gewähren, obwol seine theologische Betrachtungsweise durchaus 
mit der exegetischen und scholastischen Methode der Thomisten in 
Uebereinstimmung war'). 

Bei dem Tode Karls IV. -uiirde die reiche Thätigkeit des Kaisers 
und Königs von seinem langjährigen Vertrauten, dem Erzbischof 
Johann von Prag, in einer grofsen Leichenrede gefeiert, die vieles 
Merkwüi'dige enthält 2). Johann I. besafs die voUe Erinnerang an 
die Ereignisse eines ganzen Menschenalters, — die Regierung Karls IV. 
hätte er besser schildern können als irgend ein An.derer. Indessen 
trägt seine Leichenrede durchaus das Gepräge eines religiösen Actes 
und dient nur zur allgemeinen Charakteristik der Zeitverhältnisse. 
Von den speciellen Dienern Karls IV. verdient ein anderer Johann 
hervorgehoben zu werden, Johann von Neumarkt, erst Bischof 
von Leitomischl, dann von Olmütz, ein Freund der Musen, der sich 
gelegentlich selbst als Dichter versucht hat^). Er war langjähriger 

^) Pelzel, Geschichte Karls IV., S. 80. Es sei auch aufmerksam ge- 
macht auf Pelzel, ebend. S. 956, wegen der angebUchen Schrift Karls IV. 
vom Goldmachen, Note 1. 

2) Freher, SS. rer. Boh. 107 ff. Neu herausgeg. von Emier im III. Bd. 
der Font. rer. Bohem. S. 423 u. ff. Eine andere Rede des berühmten 
tschechischen Gelehrten Adalbertus Ranconis de Ericinio auf 
Karl IV. ist nun ebend. S. 433 u. ff. von Tadra abgedruckt worden. 

^) Cod. epist. Johannis de Jenzenstein, herausgeg. von Loserth im 
LV. Bd. des Archivs für öst. Gesch. S. 289. 384. Ueber die Lebensver- 
hältnisse u. lit. Leistungen und Beziehungen Johanns von Neumarkt s. die 



316 § 23. Karl IV. und sein litterarischer Kreis. 

Kanzler des Königs Karl') und ihm darf man die Abfassung der 
meisten Urkunden zuschreiben, bei denen es aber unter Karl leider 
ganz aufser Gebrauch gekommen war, dafs sie Yon den Kanzlern 
gezeichnet "U'orden wären. Die Formelbücher, die ans der Kanzlei 
Karls herstammen, düi^ften ihrem Hauptinhalte nach Arbeiten des 
Kanzlers Johann enthalten 2). 

Nicht für die Geschichtschreibung allein von "Wichtigkeit war 
die Gründung der UniYersität in Prag; doch ist unsere Kenntnifs 
von dem litterarischen Leben dieser Schöpfung des Kaisers in den 
ersten Jalii-zehnten gering genug. Nur theilweise liegen die Acten 
der Universität ims gesammelt vor 3). Die sogenannte Universitäts- 
chronik ist ein ziemlich spätes "Werkchen aus der Hussitenzeit, auch 
die Geschichte der wissenschaftlichen Bewegungen yor der Zeit 
"Wikliffischer Einwirkung ist bisher leider nicht hinreichender Auf- 
merksamkeit gewürdigt worden*). 

Bei weitem besser sind wir über die Geschichte des neuen von 
Karl IV. gestifteten Prager Erzbisthums unterrichtet. Unter den 
ersten Erzbischöfen sind Arnest von Pardubitz und Johann von Jen- 
zenstein in der zeitgenössischen Geschichtschreibung nicht imbe- 

Einleitung zum „Leben des hl. Hieronymus in der Uebersetzung des 
Bischofs Johannes YIII. von Olmütz" herausg. v. Benedikt im III. Bd. der 
Bibl. der mhd. Literatur in Böhmen. 

') üeber die Cancellaria Caroli IV., Perg.-Cod. in der Prager Dom- 
capitel-Bibliothek, den Codex Nostizianus und einiges ähnliche vgl. Pelzel, 
Geschichte Karls IV., im Vorbericht 4.5. G.Blatt; vgl. auch Hötler in Bei- 
träge zur Geschichte Böhmens, IL Bd., Vorrede. Ferner Neumann, Ein 
Formelbuch Kaiser Karls IV., Görlitz 1846; Diplomatarium Caroli IV. 
(Menkon III), vgl. Böhmer in Haupt Zeitschrift VI, 27 und Lindner, das 
IJrkundenwesen Karls IV. u. seiner Nachfolger, S. 148 ff. Wegen der sehr 
merkwürdigen Einleitung ist auch für die Geschichtsquellen die Maestas 
Carolina zu beachten ; vgl. Stobbe, Gesch. der deutsch. Rechtsquellen I, 
568 ff. Erwähnung verdienen auch die von Hötler herausgegeben Acta 
Conciliorum Prnqensium . 

2) Benedikt, a. a. 0. S. XIV— XIX. 

^) Monumenta historica universitatis Carolo Ferdinandeac Pragensis; 
leider sind nur vier Bände erschienen. Doch ist der wichtige Codex, der 
die Acten der artistischen Facultät enthält, mit einem sehr guten Index 
im Bd. II gedruckt. Das Decanenverzeichnifs beginnt mit 1367. Wir 
finden da Jlenricus de Oyta, Matthacus de Cracovia gleich unter den 
ersten Magistern. Der dritte Band enthält die Matrikel der juristischen 
Facultät und ein Urkundenbuch von 1352 bis 1410. Der vierte Band 
Statuta. 

*) Aufser Pahicky, Geschichte von Bölimcn II, 2. 291 ff. besteht nur 
von Tomck ein populäres Buch über die Geschichte der Universität Prag, 
welches den Anforderungen nicht mehr genügt. Viele scliätzenswerthe 
Daten sollen sich liingegen im 3. Bande von Tomek's Geschichte der Stadt 
Prag finden, von welcher nur der erste Band in deutscher Ausgabe vor- 
handen ist. 



Adalbertus Kanconis de Ericinio. 317 

achtet geblieben. Der erstere fand einen Biographe n an dem Prager 
Dechant, Wilhelm von Lestkow^), während der letztere zu man- 
cherlei politischen und rechtlichen Arbeiten Anlafs gab, welche auch 
historiographisch zu verwerthen sind^). In den Streitigkeiten des 
Domcapitels begegnet uns eine interessante Persönlichkeit, Adal- 
bertus Ranconis de Ericinio, dessen Tractat de devolutionibus 
gegen die von Johann von Jenzenstein unterstützte Richtung ge- 
richtet ist^). Ueber die Streitigkeiten zwischen dem Erzbischof und 
dem Domcapitel, in welche der König Wenzel selbst verwickelt war, 
schrieb Johann von Jenzenstein selbst ein Memorandum , worauf er 
seine Stellung in Prag resignü'te imd 1397 nach Rom übersiedelte*). 
Gleich nach seinem Tode schrieb ein Augustinermöch zu Raudnitz 
eine Biographie Jenzensteins, die sehr umfangreich, aber auch sehr 
panegyrisch ist^). 



§24. Die Hussitenzeit und Hussitenge schichte. 

Wiewol die Geschichte des Hussitismus in Böhmen in den letzten 
Jahrzehnten eine sehr fleifsige Bearbeitung erfuhr und obwol man 

') Vita Arnesti in Font. rer. Boh. I, 387 — 400, früher von Baibin, 
MisceU. dec. I, 1. IV, 80—88 und von Höfler, Gesch. d. huss. Bew. ü, 1 
bis 11. Eine zweite Vita, welche dem Propst von Glatz zugeschrieben 
wird, ist nur eine andere Redaction der ersten. Die Vision ohne die Vita 
bei Palacky, Formelbücher II, 163. Benesch von Weitmühl hat diese 
Vita ziemlich wörtlich in seine Chronik aufgenommen; vgl. Loserth, Arch. 
f. östr. G. 53, 322. Umfangreicher ist das urkundliche Material zur Ge- 
schichte des ersten Erzbischofs: die Cancellaria Arnesti\ hrsg. v. Tadra, 
Arch. f. östr. G. 61, 469. Ueber die Statuten s. HÖfler, Concilia Pragensia, 
Prag 1864 und Dudik, Arch. f. östr. G. 37, 411 — 455. Libri erectionum und 
libri confirmationum hrsg. von Borovy, Tingl und Emier, Acta judiciaria 
archiep. Prag. ed. Tingl. u. dgl. m. Der Codex epistolaris des Erzb. Johann 
von Jenzenstein, herausg. von Loserth, Arch. f. östr. G. 55, 267 — 400. 

^) Ein Traktat des Kunesch von Trebowel über das Heimfallsrecht 
bei Höüer, Gesch. d. huss. Bew. II, 48 — 50 und ein böhmisch geschriebe- 
ner Traktat von Jenzenstein selbst hrsg. von Kalousek, Prag 1882. 

^) Loserth, Der Magister Adalbertus Ranconis de Ericinio, Arch. f. 
östr. G. 57, 205—276. 

*) Acta in curia Romana, bei Pubitschka Chron. Gesch. Böhmens V, 2, 
Anh. I — XXII und Pelzel, Gesch. Wenz. L Urkbch. 145—163. Ein Ver- 
zeichnifs der hinterlassenen Schriften Johanns, Palacky, Ital. Reise S. 57 — 59. 
Vgl. Machatschek, Joh. v. Jenzenstein, N. Arch. f. sächs. Gesch. VI, 266—299. 

^) Vita Johannis de Gemeiistein, ed. Dobrowsky, Prag 1793 jetzt in 
Font. rer. Boh. I, 439 — 468. Johannis de Genzenstein Relatio de se ipso, 
bei Höfler, Gesch. d. huss. Bew. II, 12—14, eiusdem epistola apologetica, 
ebd. 15 — 17. Aus dem Jahre 1389 liegt eine Passio Judaeorum Pragen- 
sium secundum Johannem rusticum quadratum vor, SB. der k. böhm, Ges. 
1877. Prag 1878 p. 11—20. 



318 § 24. Die Hussitenzeit und Hussitengeschichte. 

bei allem Parteigezänke doch von allen Seiten redlicli beniülit war, 
auf die echten und ui'sprüuglichsten Quellen so weit nm' immer mögHcli 
zurückzugehen, so gehört es doch auch noch heute zu den gröfsten 
Schwierigkeiten sich über die Geschichtschreiber dieser Periode eine 
vollständige Orieutii'ung zu verschaffen. Der Grund hievon liegt darin, 
dafs eine systematische und zusammenfassende Bearbeitung der Ge- 
schichtsquellen nicht unternommen worden ist und um ganz gerecht 
zu sein, vielleicht auch noch nicht unternommen werden konnte. 
Denn die Natur der Quellen, mit denen man es bei der Geschichte 
des Hussitismus zu thun hat, ist sehr spröde, und nichts würde eine 
gröfsere Mühe machen, als eine charakteristisfche Theiluug der eigent- 
lichen Geschichtschreiber von den sonstigen Acten und vor allem 
von den Tractaten und Streitschriften vorzunehmen. Die Zeit nach 
Karl lY. zeigt in Böhmen auch in der Geschichtslitteratur etwas 
anarchisches. Selten findet man eine ähnliche Vermischung von Stil- 
gattungen und Darstellungsformen. Wenn man nach eigentlichen Ge- 
schichtschreibern der hussitischen Bewegung fragt, so wäre im Yer- 
gleiche zu der Gesammtheit der aus dieser Zeit vorhandenen Denk- 
mäler nur eine sehr kleine Zahl von Autoren zu nennen, mit denen 
man es zu tbuu hätte. Auch die letzteren sind von verwilderter 
Form, Eiutheilungeu nach Büchern und Capiteln gewöhnlich ebenso 
selten, wie eine strenge chronologische Ordnung. Höheren Forde- 
nmgen der Historiographie entspricht kaum einer. Stofflich dagegen 
sind die meisten von grofsem Reichthum und in der Sammlung von 
Nachrichten und Actenstücken sind sie sehr eifrig und mittheüsam. 
Sehr zu bedauern hat man, dafs Palacky, unzweifelhaft der gröfste 
Kenner des gedruckten und handschriftlichen Materials dieser Zeit, 
als er die geschichtliche Darstellung der Hussitenkämpfe vollendet 
hatte, nicht einen Quelleubericht lieferte, der hier, wie bei den frü- 
heren Zeiträumen hätte zu Grunde gelegt werden können. Denn 
so vollständig sein älteres Werk über die böhmischen Geschichts- 
quellen die früheren Geschichtschreiber behandelt, so unvollständig 
ist es leider über die ihm vielleicht am gründlichsten bekannte 
Epoche '). 

') Palacky, Würdigung der alten bölmi. Gesch. bespricht nur die her- 
vorragendsten Autoren dieser Epoche. Höfler hat zu seiner dankenswer- 
thcn Ausgabe der Scriptt., Gesch. der huss. Bewegung Font. rer. austr. 
Bd. II. VI. VII. im dritten Thoile eine wcithiiifigc Erläuterung zu seinen 
Geschichtschreibern mitgctheilt, aber sicli nicht ininior an die Fragen ge- 
halten, auf welche es hier ankommt. Uncntbolirlich ist (hdior Palacky, 
Die Geschichte dos Ilussitenthuuies und Prof. Const. Ilollor. Prag 1868. 
Die schöne Ausgabe Palaokys von den Documenta Mag. Joh. llus, enthält 



Tschechisclie Annalistik. 319 

Wenu mau von einigen wenigen Persönliclikeiten, welche man 
unter dem Xameu der Yorläufer des Hussitismus iu Böhmen zu be- 
zeichnen pflegt, absieht, so ist übrigens auch theologisch und poli- 
tisch betrachtet die Bewegung noch nicht YÖllig erklärt. Es gibt 
zwar eine ziemlich ansehnlicbe zum Theil tschechisch geschriebene 
Litteratur im ausgehenden XIY. Jahrhundert, welche allerlei refor- 
matorische, wahrscheinlich auf die deutsche Mystik zurückgehende 
Spuren erkennen läfst, aber wie sich von selbst versteht, hat der 
Inhalt dieser Schriften nm- einen sehr losen Zusammenhang mit den 
eigentlichen Geschichtsquellen. Wahrhaft bahnbrechend hat hier 
erst wieder J. Loserth gewii'kt, indem er in einigen trefflichen 
Schriften den Wikliffschen Ursprung der böhmischen Reformation 
bis in das kleinste Detail nachgewiesen hat^). Seine namentlich in 
England mit Recht hochgepriesenen Arbeiten konnten indessen nicht 
auf Grundlage chronikalischer Nachrichten zu exakten Residtaten 
gelangen, sondern beruhen auf einer Durchforschung des theologi- 
schen Materials selbst, welches in diesem Falle wichtiger ist, als die 
dürftige den Zusammenhang nicht einmal ahnende Geschichtschrei- 
bung geistig möglichst tiefstehender Zeitgenossen. 

Als gemeinschaftliche Grundlage der meisten Darstellungen des 
XV. Jahrhunderts sieht man gewöhnlich die iu tschechischer 
Sf»rache vorhandenen, von unbekannten Verfassern herrührenden 
Annalen an, die sich au Pulkawas Chronik aulehnteu, in zahl- 
reichen Handschriften verbreitet und bis in das XVI. Jahrhundert 
fortgesetzt wurden 2). Nach Palackys Analyse, der wir hier blindlings 
zu folgen genöthigt sind, hätte man acht Verfasser dieser tschechischen 
Annalen zu unterscheiden, von denen der älteste in den Jahren 

leider die gröfseren Autoren nicht. Pragae 1869. Ueber einzelne Ge- 
schichtschreiber sind dann wol gelegentliche Bemerkungen zu finden ia 
den \Yerken von Krummel, Gesch. der Vjöhmischen Reformation im XV. 
Jahrhundert, Gotha 1866, Utraquisten und Taboriten, Gotha 1871, sowie 
in den Büchern von Bezold, König Sigmund und die Reichskriege gegen 
die Hussiten, München 1872, und die Geschichte des Hussitenthums, 
München 1874. Die sorgfältige Pubhcation von Grünbagen, Geschicht- 
schreiber der Hussitenkriege in den SS. rer. siles. VI. und desselben 
treffliche Monographie: Die Hussitenkämpfe der Schlesier beziehen sich 
zwar nicht eigentlich auf Böhmen, werden aber dennoch sogleich in die- 
sem Capitel benutzt werden. Schätzenswerthe Documente aus der Zeit 
des Constanzer Concils hat Caro. Aus der Kanzlei Kaiser Sigismunds 
Arch. f. östr. Gesch. Bd. .59 S. 1—175 abgedruckt. 

1) Hus und WicHf, Zur Genesis der husitischen Lehre von Dr. Johann 
Loserth. Prag und Leipzig 1884. Vgl. auch desselben Zur Verbreitung 
der Wiclifie b Böhmen, Mitth. d. D. XXH, 220 ff. 

2) Ausgabe von Palacky in SS. rer. Bohem. Bd. HL Würdigung, 251 
bis 261. Bezold, König Sigmund S. 2. 



320 § 24. Die Hussitenzeit und Hussitengeschichte. 

1430 — 1436 eine von 1338 bis 1432 reichende annalistisclie Com- 
pilation niedergeschi'ieben hätte. Seine Aufzeichnungen liegen den 
meisten anderen Ton den 17 Handschriften zu Grunde, -welche Pa- 
lacky zu seiner Ausgabe benutzte. Drei verschiedene Fortsetzer die- 
ser Annalen lebten um die Mitte des XV. Jahrhunderts und zu König 
Georgs Zeit. Ein vierter scheint bereits der Zeit nach Georg anzu- 
gehören und drei andere bearbeiteten im XVI. Jahrhundert das ge- 
sammte annahstische Material zum Theil in sehr veränderter Form. 
Selbstverständlich -nüi-de der erste Compilator, -R-elcher der gemäfsig- 
ten Prager Richtimg angehörte, das meiste Interesse erregen, doch 
dürfte es selbst mit Hilfe der neuerlich vorliegenden Uebersetzungen *) 
nicht leicht sein, eine Vorstellung von dem Inhalt dieser ältesten Com- 
pilation zu erhalten, da der verdienstvolle Herausgeber Palacky nach 
seinem eigenen Geständnifs doch zu sehr von der Ansicht geleitet 
gewesen zu sein scheint, dafs die sämmtlichen Aufzeichnungen „im 
ganzen als Ein grofses Werk obgleich von verschiedenen Ver- 
fassern" zu betrachten seien. 

Ein grofser Theil der Notizen dieser tschechischen AnnaHstik 
liegt übrigens auch in lateinisch geschriebenen Compilationen vor 
und jedenfalls ist es vorläufig ganz unmöglich irgend eine Ansicht 
darüber zu gewännen , wo und welches die eigenthchen Quellen der 
Nachrichten seien 2). Auch neuestens sind ■^-ieder kiu'ze Prager An- 
nalen wenigstens für die vorhergehenden Jahrzehnte 1310 — 1399 
aufgefunden worden, welche sich mit den tschechischen zeitlich be- 
rühren 3). Man sieht sich daher genötigt, zunächst von dem Ver- 
hältnifs der lateinischen Aufzeichnungen zu ihren tschechischen Ver- 
wandten ganz abzusehen. Die sämmtlichen sowol lateinischen wie 
tschechischen Aufzeichnungen zeichnen sich durch eine seltene Ob- 
jektivität in dem Sinne aus, dafs man über die Verfasser selbst, 
was ihren Stand und ihre Richtung betrifft, sehr selten etwas erfährt. 

') Höfler, G. H. III, S. 227 Auszug aus den tschechischen Chroniken 
im 3. Bd. der SS. rer. boh. ins Deutsche übersetzt von Jos. Jungmann. 
Leider ist auch bei dieser Ucbersotzung der wichtige Grundstock der 
Annalen (A und Aa Palacky Handschriftenverzeichnifs) nicht nur nicht 
bevorzugt, sondern sogar wie es scheint zurückgesetzt worden. Die auf 
Schlesien bezüglichen Stellen sind auch von Grünhagen in den Geschichts- 
quellen der Hussitenkriege S. 16G — 169 übersetzt. 

2) Was Dobner, Mon. tom. IV, 13i)— 190 als Cont. chron. Pulk, bringt, 
nennt Palacky eine Uebersctzung seines fünften Verf., also Handschrift 
H — 0, aufserdem scheint aber auch Dobner III, 43 verwandt mit Hand- 
schrift A, auch auf sonstige Verwandtschafton macht Bezold aufmerksam 
a. a. 0. S. 3 n. 4. 

2) Herausg. von Gillert, NA. V, G03 — 005 aus einer Petersburger 
Handschrift s. XV. 



Tschechische Annalistik. 321 

Im übrigen aber bemerkt Palacky über die tschechischen Anna- 
len, dafs sie „trocken, geistlos und in den Urtheileu über Sachen 
und Personen so beschränkt und befangen sind, als es Privatper- 
sonen von nicht vorzüglicher Bildung nur immer sein können, wenn 
sie über die grofsen Angelegenheiten ihrer Zeit sprechen." Und das 
gleiche kann man ohne Zweifel auch über die lateinischen sehr 
rohen und ungeschickten annalistischen Aufzeichnungen sagen i). 
Noch schlimmer aber ist, dass mau über die Abfassungszeit der letz- 
teren kaum annähernde Gewifsheit besitzt. Wenn die schon oben er- 
wähnte üniversitätschronik 2) wirklich, wie Palacky will, dem Ende 
des XV. Jahrhunderts angehört, so schwindet ihre Bedeutung fast 
gänzlich, aber es ist gleichwol schwer denkbar, dafs der Theil von 
1348 — 1414 oder 1419, für welchen doch der Compilator keine nach- 
weisbare Quelle besafs, erst so späten Ursprungs sein sollte. Doch, 
kann man allerdings nicht leugnen, dafs die Notizen melu* den Ein- 
druck von Auszügen aus a.udern Chroniken als von gleichzeitigen 

') Der Vollständigkeit wegen mögen die sogenannten kleineren Chro- 
niken nebst anderen kleineren Stücken hier nach Höflers Ausgabe vorge- 
führt werden. Vgl. G. H. I, 1—102, II, 61—95. Palacky, die Gesch. d. 
Hubs. S. 16—21. Vgl. oben S. 313. I. Chronkon Vienense 1367 — 1405. 
II. Chron. Pragense 824 — 1418. III. Ckron. Upsiense 1348 — 1411. IV. 
Chron. univers. Prngensis 1348 — 1413 (?). V. Chronkon Palatinum 1346 
bis 1438. VI. Chronicon Trehonknse l4l9 — 1439. VII. Chronkon capi- 
tuU Metropolitani Prag. 1318 — 1439. (Von allen diesen zum Theil ganz 
unbedeutenden Stücken fehlt uns die Kenntnifs der Entstehungszeit.) VlII. 
Chronkon Procopü notarü Pragensis (beginnt mit der Voirede des Lorenz 
von Brschezowa und ist wol nichts als eine 1476 gescluiebene Diatribe 
eines Lesers des letztern Autors). IX. Chronicon veteris collegiati Pra- 
gensis 1419 — 1441. (Wichtiger, aber wie es scheint auch eine spätere 
Arbeit, die Verwandtschaft mit den tschechischen Annalen bleibt auch 
hier unklar.) Hieran schliefsen sich folgende kleine Aufzeichnungen des 
II. Bd. der G. H.: 1. über die Jahre 1397—1426; 2. 1405—1423; 3. 1411 
bis 1415; 4. 1378—1432: 5. 1399—1412; 6. 894—1431; 7. 1420—1421; 
8, Chronicon presbyteri Pragensis 1374—1411; 9. 1420, 1450; 10. Rosen- 
hergiana 1039 — 1426. Alle diese Notizen sind verschiedenen Handschrif- 
ten der Prag. Univ. Bibliothek entnommen und dürften einen sehr verschie- 
denen Wertli haben, meist enthalten sie nur bekanntes. Von gröfserem 
Interesse sind die II, 78 — 85 abgedruckten Todtenkalender und eine An- 
zahl lateinischer Gedichte H, 51—62, und 90 — 95, worunter das letzte, 
von Höfler als „Angstgedicht eines böhmischen Mönches bei dem Aus- 
bruche des Hussitenstiu-mes" überschrieben, zwischen 1415 — 1419 (?), zwar 
inhaltsleer aber nicht ohne Interesse, doch wol nach dem Tode Wenzels. 
Von dem Magister Procop, dessen oben unter VIII. Eiwähnung ge- 
schieht, vermuthet Palacky, G. d. H. S. 20, dafs er der Verfasser der ge- 
reimten böhmischen Chronik von 1413 — 1474 sei, welche Palacky im 
Supplem. zu SS. rer. Boh. III herausgegeben hat. Im Schwarzenberg- 
schen Archiv zu Wittingau (Cod. Trebon. A. b fol. 154°) findet sich eine: 
„Rethorica Procopü antiqui (?) notarü civitatis videl. Pragensis compilacio, 
2) Vgl. oben S. 316 und Palacky G. d. H. S. 17. 
Lorenz, GeschichtsqueUen. 3. Aufl. I. 21 



322 § 24. Die Hussitenzeit und Hussitengescliichte. 

anualistisclien Aufzeiclinuugen macheu. Sie sind einer Abschrift der 
Chronik des Laurenz tou Brschezowa Yorangestellt worden, über wel- 
chen letzteren wir glücklicherweise etwas genauer, wenn auch gleich- 
falls nicht ganz genügend untenüchtet sind. 

Ueber Laurenz von Brschezowa handelte Palacky schon 
im Jahre 1830 mit voller Würdigung seiner grofsen Wichtigkeit, den- 
noch fand sich bis auf Höfler in Böhmen niemand der das Werk 
selbst genügend herausgegeben hätte, und es ist immerhin sehr er- 
freulich, dafs es jetzt, sowie mehrere andere seines gleichen gedruckt 
vorliegt. Laurenz von Brschezowa*) gehörte dem niedern Ritterstande 
Böhmens an; etwa 1365 zu Prag geboren und 1394 zum Magister 
der Prager Artisten -Fakultät graduirt. Er verliefs jedoch den Ge- 
lehrtenstand und trat in den Dienst des Königs Wenzel, welcher 
sich des böhmischen Ritters theils zu litterarischen, theils aber auch 
zu militärischen Leistungen bediente. Jedenfalls war es nur ein sehr 
niedriges Hofamt, welches Laurenz von Brschezowa bekleidete. In 
Bezug auf seine litterarische Thätigkeit vor Ausbruch der Hussiten- 
kriege erfahren wir von Uebersetzungen ins böhmische, unter denen 
sich wahrscheinlich auch ii'gend eine Martinianische Chronik befun- 
den haben mag, in welcher dann vermuthlich von der Abkunft der 
Slaven etwas ausführlicher berichtet worden sein wird. Im Jahre 
1413 erhielt Magister Lam-enz, wie Palacky mittheilt, einige könig- 
liche Gefälle zu Melnitz und an andern Orten als Wyschehrader 
Lehen, welche Schenkung er noch im Jahre 1429 sich in die Prager 
Stadtbücher eintragen liefs. Nach Wenzels Tode scheint er in Prag 
keine unbedeutende Rolle gespielt zu haben, und bei der Erneuerung 
der Privilegien der Neustadt von Prag durch Kaiser Sigismund 1437 
vertrat er die Interessen der Neustädter Bürger und wird aus die- 
sem Anlasse zum letzten Male in den Chroniken erwähnt. 

Sein eigenes Werk, welches uns hauptsächlich beschäftigt, ist 

') Magister Lnurentiuü de Brezina, de qestis et variis accidentibus 
regni liohemiae 1414—1422, Höfler, G. H. 1,321—527. Als grofsen Vor- 
zug der Ausgal)e mufs man die beigefügten deutschen Uebersetzungen der 
\nelen in den Text aufgenommenen tgchecliischen Urkunden und Briefe 
anerkennen. Dafs der Name Brezina nicht Brezowa emendirt wurde, ta- 
delt Palacky sehr heftig. Die Schreibweise Brezina beruht auf einem äl- 
teren Lese- bez. Schreibfehler. In einem Hohcnfurther Cod. (XI, perg. 
fol. 32'') heifst es: Incipiunt höre oanonicc congeste ad laudeni dei per 
magistrum Laurencium de Brziezowa. Und ebenso in einem Cod. des 
Prag. Domcapitcls (0. 74): Comm. rev. magistri Laurenoii'de Brezowa super 
Septem psalmos penitenciales. Früherer theilweiser Abdnu-k von Ludewig, 
Ileliquiae VI, 124 — 216 ist unbrauchbar. Zur Charakteristik des Buches 
sehr bcaclitenswerth, Bezold a. 0. S. 12 und C. llöllcr, Wiener SB. 
95, 899. 



Laurenz Ton Brschezowa. 323 

auch zuTveilen als eine Chronik bezeichnet woi'den, was aber gewifs 
nur im weitesten Sinne des Wortes richtig ist. Als ein plaumäfsiges 
Ganze wurde es jedoch allerdings Yon Magister Laurenz gefafst und 
mit einer ToiTede versehen, in welcher er sich immerhin als Ge- 
schichtschreiber fühlt. Er beginnt seine Darstellung mit der Einfüh- 
rung des Laienkelchs durch Jacobeil von Mies, sehr bezeichnend 
für den eifrigen Anhänger der Prager Utraquisten, erzählt die 
Ereignisse auf dem Constanzer Concil 1414 bis 1416 ziemlich ge- 
drängt und oberflächlich, gleitet rasch über die Jahre 1417 — 1419 
hinweg und liefert hierauf für die Zeit vom Tode des Königs Wenzel 
bis zum Anfange des Jahres 1422 eine bis in die kleinsten DetaUs 
und mit vielen Actenstücken ausgestattete tagebuchartige Darstellung. 
Dafs die Handschriften mitten in einem Satze abbrechen und dafs 
sich keinerlei weitere Spui-en von der Fortsetzung des Werkes ge- 
funden haben, mufs doch die Annahme begründen, dafs Magister 
Laurenz durch den Tod in der Arbeit unterbrochen worden ist, und 
dafs mithin die schriftstellerische Thätigkeit desselben in die letzten 
ohnehin ruhigeren Tage seines Lebens gehört. Dafs im ersten Theile 
der Aufzeichnung einige chronologische L'rungen vorkommen, be- 
stätigt diese Annahme einer späteren Abfassung oder wenigstens 
Redaction des Buches, welches unvollendet blieb, wie auch schon 
von einem der Abschreiber des Werkes selbst bemerkt wurde. 
Dafs auch der allgemeine Charakter der Chronik den Stimmungen 
nach der Schlacht von Lipan 30. Mai 1434 und nach der Iglauer 
Uebereinkunft von 1436 am meisten entspricht, und dafs die Dar- 
stellung des Taboritenthums ohne Besorgnifs seiner Wiederkehr ge- 
geben ist, wurde schon von anderer Seite bemerkt und stimmt zu 
dem vermuthlichen Todesjahr des Verfassers. Bei der aufserordent- 
lichen Reichhaltigkeit der Nachrichten, welche die Chronik enthält, 
ist nun aber klar, dafs nur der geringste Theil aus der Erinnerung 
aufgeschrieben sein kann. Auch erwähnt Magister Laurenz nur zu 
den ersten Jahren fremder Arbeiten als Hilfsmittel. Vom Jahre 1419, 
eben wo sein Buch so reichhaltig wird, ist es durchaus eigenständig; 
der Verfasser schrieb mithin oder redigirte vielmehr sein Werk auf 
Grund seiner eigenen Tagebücher und Sammlungen, zu welchen ihn 
seine Stellung in Prag vorzugsweise befähigte. Ueber Dinge, die aufser- 
halb Prags voi'gingen, war er nicht immer genau unterrichtet, obwol 
ihm Zeitungen für ge"\risse grofse Ereignisse zur Benutzung vorlagen. 
So ist die auch von Palacky hervorgehobene Beschreibung der Schlacht 
am Wyschehrad ein Beispiel einer treälichen Darstellung, die aber 
so wenig seiner Erinnening, als seiner eigenen Feder zu verdanken 

21* 



324 § 24. Die Hussitenzeit und Hussitengeschichte. 

sein kann^). Mit seinem Urtheile über Personen und Sachen war 
Brschezowa nirgends zurückhaltend. ^lan kennt daher seinen Stand- 
punkt genau. So sehr er nun auch an den Prager Artikehi, welche 
er mit den Motivenberichteu und Begiiindungen mittheilt, festhält, 
so iirtheilt er doch über die gemäfsigteren Taboriten im ganzen sehr 
milde, ja für ihren einäugigen Führer zeigt er eine grofse Achtung 
und verkündet selbst sein Lob. Den äufsersteu Auswüchsen der 
Revolution steht er dagegen schroff gegenüber, und namentlich 
die armen Piccarden bekämpft er unerbittlich und fi-eut sich der 
zahlreichen Scheiterhaufen, welche zu ihrer Vertilgung augezündet 
■\^au•den. 

Dafs die spätem Aufzeichnungen und Sammlungen Brschezowas 
nach seinem Tode verloren gegangen sind und dafs sich niemand 
fand, der die begonnene Redaction fortsetzte, ist ein unersetzlicher 
Schade. Einen Rest seiner zeitgenössischen und mit den Ereignissen 
Schritt haltenden Schriftstellerei, darf man vielleicht in einem Denk- 
male zum Jahre 1431 erblicken, wo ihn die Schlacht von Taus zu 
einem lateinischen Gedichte begeisterte, welches wahrscheinlich eben- 
falls auf Grund einer ihm zugekommenen Zeitung über dieses Er- 
eignifs verfafst wairde, und das, obgleich der Verfasser kein Augen- 
zeuge war, doch sehr lebendige Schilderungen enthält-). 

Vollständiger als Laurenz von Brschezowas Werk, liegt uns 
die Chronik des Ritters Bartoschek von Drahonicz vor 3), ob- 
wol auch diese nicht eigentlich als ein in sich abgeschlossenes 
Geschiclitsbuch betrachtet werden kann. Denn ganz abgesehen von 
der gi'ofsen Rohheit und Ungeschicklichkeit der Form und Dar- 
stellung, besteht dieselbe aus verschiedenen Abtheilungen, die ihrem 
Charakter nach ganz ungleich sind. Die Chronik beginnt mit dem 
Jahre 1419 und reicht in der Erzählung böhmischer Geschichten 
bis 1443. Dann folgt ein Anhang von Notizen aus den Jahren 

') Vgl. Palacky Gesch. von Böhmen III, 2 S. 159, der Berichterstatter 
ist doch auf Seite des Königs. 

2) Palacky, Würdigung 207 bei Höfler I, 596—620 aus einem Prager 
Codex, in welchem der Name des Verfassers gleichfalls Brschezina ge- 
nannt ist. 

') Hrsg. von Dobncr, Mon. I, 130—218, aber schon von Balliin und 
Pessina gekannt. Die Einwendungen von Palacky, Würdigung 218 — 229, 
gegen die Autorschaft des Kittors sind durch ilui selbst im wosontliohsten 
beseitigt worden, da im Archiv ccsky. HI, 512 Bartoschek von Draiionicz 
urkundlich nachgewiesen wurde. Darnacli hält auch Bozold an der Autor- 
schaft fest. Er iiat auch zuerst bemerkt, dafs wenn die beigefügton No- 
tizen von 1310 — 1464 einem andern Autor /,u/,uschiel)on wären, nothwendig 
auch die persönlichen Bomorkungen zum Jaiire 1421 in der eigentlichen 
Chronik ausgcscliiodon worden innfston. 



Bartoschek von Drahonicz. 325 

1310—1464, Avelche allerlei persönliche und Familienmittheilungen 
über den Yerfasser enthalten. Auch in dem Haupttheile der Chronik 
findet sich eine grofse Ungleichheit der Behandlung des Gegenstan- 
des. Nur einige wenige Jahre sind etwas ausgeführter und genauer 
im Detail, in anderen dagegen erscheinen mu- die bekanntesten That- 
sachen gemeldet. Der Verfasser dieser chronikalischen Aufzeich- 
nungen, Ton dessen Befähigung zur Geschichtschreibung nicht all- 
zuviel vorauszusetzen sein dürfte, gibt sich als eifriger Katholik, 
Royalist und Nationaltscheche zu erkennen. 1421 war er unter der 
königlichen Besatzung des Prager Schlosses, welches er am 8. Juni 
nach der Uebergabe desselben mit seinen Kameraden verliefs. Da 
er Dienstmann der Burg Karlstein war, und seine Erzählungen 
sich aiich häufig auf die Vorfälle dieser Gegend beziehn, so ist es 
wahrscheinlich, dafs er die spätem Jahre des Kriegs eben hier zu- 
brachte, und vielleicht auch hier in der letzten Zeit seines Lebens 
die von ihm gemachten Aufzeichmmgen zu einem Ganzen zu ver- 
einen bemüht war. Das letztere gelang ihm aber nur in dürftiger 
Weise, und der Werth seiner Aufzeichmmgen liegt vielleicht gerade 
darin, dafs ihm die versuchte Composition seiner Zeitgeschichte 
mifslang, denn die Unmittelbarkeit und Treue des Moments vermochte 
er nicht in der zusammenfassenden Darstellung zu verwischen. Für 
militärische Ereignisse ist daher das Werk des Ritters Bartoschek 
eben vermöge der Ansprachslosigkeit der Form höchst schätzbar, 
und die Geschichtschreiber der Hussitenkriege sind darin einig, dafs 
seinen Mittheilungen sogar eine gewisse soldatische Unparteilichkeit 
beizulegen sei. Er dürfte ein hohes Alter erreicht haben, denn sein 
Vater Johann von Drahonicz starb bereits 1401, seine Mutter 1420. 
Er selbst, der im Jahre 1408 Italien besuchte, war daher im Jahre 
1464, wo seine Notizen abbrechen, etwa ein Siebziger. 

Wenn man die grofsen religiösen Parteien Böhmens im XV. Jahr- 
hundert in ihrem Verhältnifs zur Geschichtschreibung ins Auge fafst, 
so haben die Utraquisten den gebildetsten aber wenigst unparteiischen, 
die Katholiken den ungebildetsten aber historisch verläfslichsten, die 
Taboriten den weitläufigsten und dabei am wenigsten historischen 
Quellenschriftsteller gefunden *). Dennoch bildet die grofse Tabo- 



1) Zu bedauern ist, dafs die Chronik des Minderbruders Nikolaus 
von Böhmen in ihren SchluTstheilen, welche eine Geschichte der Hussi- 
tenkriege enthielten, verloren gegangen ist. Was von dieser Chronik er- 
halten ist, reicht bis in den Beginn "der lützelburgischen Zeit und ist aus 
den bekannten Quellen compilirt. Vgl. Loserth, die Cinonik des Minder- 
bruders Nikolaus von Böhmen, XVI. Jahrg. der Mitth. d. D. S. 162. 



326 § 24. Die Hussitenzeit und Hussitengeschichte. 

ritenchronik eine wesentliche Ergänzung des geschichtlichen Ma- 
terials. Denn obwol sie nahezu Yollständig einer historischen Erzäh- 
lung ermangelt, so bietet sie doch die zwischen den Taboriten und 
den Prager ütraqiüsten gewechselten Streitschriften in chronologi- 
scher Ordnung und gibt ein vortreffliches Bild von der theologisch 
geistigen Entwickelung des Hussitismus. Da die einzelnen über den 
Streit gesanunelten Actenstücke zuweilen mit einer historisch gehal- 
tenen Einleitung versehen sind, und die Anordnung des Stoffes die 
Begünstigung des taboritischeu Elements auf den ersten Blick er- 
kennen läfst, so kann über den Ursprung dieser sogenannten Chronik 
keiu Zweifel bestehen, obwol man den Verfasser, oder wenn man 
lieber will, Redacteur des interessanten Denkmals nicht genannt 
findet 1). 

Als Haupturheber der Taboritenchi-onik wii'd kein anderer als 
Nicolaus von Pelhrschimow betrachtet, der wolbekaunte erste 
und letzte Bischof der Taboriten. Er wird gewöhnlich schlechtweg 
der Bischof genannt und gehörte der jüngeren Schule und Richtung 
der Prager Universität an, als er im Jahre 1409 den Baccalaureat 
daselbst erwarb. Schon im Jahre 1420 wählten ihn die Taborer zu 
ihrem Bischof, 1433 begab er sich mit den übrigen Führern der 
hussitischen Parteien nach Basel, wo er sich an den Disputationen 
betheiligte. In den Untergang seiner Partei verflochten, starb er, 
wie man glaubt, um 1459 im Kerker zu Podiebrad, wo er seit 1452 
gefangen lag^). Ob er die grofse Taboritenchronik selbst und allein 
verfafst habe, oder ob er sich dabei anderer taboritischer Geistlicher 
als Gehilfen bediente, vioirde von den neueren Gelehrten nicht ent- 
schieden. Die Autorschaft des Johannes von Lukawetz aber 
wird von Palacky auf das bestimmteste geleugnet und dem letztem 
im besten Falle nur die Rolle eines spätem Abschreibers zugetheilt^). 
Dennoch mufs bemerkt werden, dafs auch dort, wo Actenstücke er- 

1) Nach einer Abschrift von Dobrowsky bei Ilöfler, G. H. II, 475—820 
unter dem Titel Johannis Lukawetz et Nicolai de Pellirzimow Chronicon Ta- 
boritorum. 

2) Palacky, Gesch. von Böhmen IV, S. 308. 

3) Palacky, Gesch. des Hussitismus S. 52 will den Namen Johann von 
Lukawetz lediglich auf ein Mifsvorständnifs von Cochlacus zuri'u-k führen, 
welches dann von Lydius aufgegriffen und weiter verbreitet wäre, llöllor 
in, 197 hält dagegen an Johann von Lukawetz fest, freilich ohne nfdieres 
über sein handschriftliches Material anzugeben. Uobrigons wird hier auch 
die Ausgabe eines Theiles der Taboritenchronik von Fiacius erwäiuit, der 
aber überhaupt keinen Automamen von der Chronik überliefert hat. An- 
dererseits gestehe ich, dafs mir der Einwand, welcher aus der Feindschaft 
des M. Johann Prschibram gegen die Autorschaft des Lukawetz von Pa- 
lacky angeführt ist, ebenfalls nicht rocht verständlich ist. 



Die Taboritenchronik. 327 

zählend eingefükrt werden und sich mancherlei Gelegenheit für den 
Verfasser ergibt, subjektiv hervorzutreten, der Taboritenbischof in 
dritter Person erwähnt wird. Die Sammler scheinen jedenfalls be- 
müht gewesen zu sein, ihrer Arbeit einen möglichst objektiven Cha- 
rakter zu sichern, und waren ohne Zweifel überzeugt, dafs der beste 
Theil ihrer Chronik in den Streitschriften der taboritischen Priester- 
schaft gegen die Prager Magister liege. 

Zu welcher Zeit das Sammelwerk in der jetzt vorliegenden Ge- 
stalt vollendet wnirde, läfst sich gleichfalls nicht sicher bestimmen. 
Gegen eine etwaige aUmähliche Entstehung oder jahrweise Einfügung 
des Materials sprechen vielerlei Gründe. Vor allem bemerkt man 
eine sorgfältig und mit Plan ordnende Hand in den Capiteleinthei- 
lungen und in den Ueberschriften derselben. Ferner weisen die 
historischen Einleitungen nirgends auf gegenwärtige Verhandlungen, 
und aufserdem scheinen nach der Textausgabe zu schliefsen, sogar 
Irrungen in den Jahreszahlen hie und da unterlaufen zu sein. Der 
Zeit nach beginnt die Taboritenchronik nach einer kurzen Einleitung 
über den Tod des Hus und Hieronymus mit dem Jahre 1419. Die 
Lehren der Taboriten sind nicht ohne Geschick zum Ausgangspunkte 
des gTofsen Meinuugskampfes genommen, welchen die Chronik schil- 
dern will. Sieht man überhaupt von den äufserlichen Thatsachen 
und ihrer mangelhaften üeberlieferung ab, so mufs man gestehen, 
dafs es ein Werk von einer seltenen Energie ist, welche den inneren 
Gegensatz und den tiefen Gehalt der grofsen hussitischen Bewegimg 
doch immerhin in ein chronologisch gefafstes Bild zu bringen strebt. 
In den späteren Theilen der Chronik, besonders im dritten, mehren 
sich die historischen und chronologischen Angaben. Mit der Ge- 
schichte der Generalsynode von 1443 endigt das Werk, wobei zu 
beachten, dafs auch hier noch Nicolaus von Pelhrschimow eine Rolle 
spielte, aber von der Chronik stets in der dritten Person angeführt 
wird. Ist es schon selbst über diese Vorfragen der Bem'theiluug des 
Werkes und seines Verfassers nach dem gegenwärtigen Stande der 
Forschung sehr schwer ins Klare zu kommen, so gehörte eine un- 
gemeine Kenntnifs und Belesenheit, deren wir uns nicht erfreuen, 
dazu, um auch nur annähernd über die Zuverlässigkeit und Authen- 
ticität der mitgetheüten Acten, Schriften und Briefe der Chronik etwas 
zu bemerken. Gleichwol wird auch diese kritische Arbeit nicht un- 
terlassen werden dürfen, wenn man über das Wesen des Taboritis- 
mus zu vollständiger und unbefangener Einsicht gelangen will. Ge- 
wifs ist nur, dafs die Vertheidigung der taboritischen Anschauungen 
in sehr geschickten und gelehrten Händen war, und dafs dieselbe 



328 § 24. Die Hussitenzeit und Hussitengescliichte. 

selbst auf den heutigen Theologen einen mächtigen Eindiiick zu 
machen geeignet ist^). 

So weitläufig indes auch die Taboritenchronik ist und einen so 
grofsen Zeitraum sie \imfafst, so bietet sie dem eigentlichen Histo- 
riker doch nicht das was er wünscht, und der letztere wird daher 
immer wieder mit einer gewissen Behaglichkeit zu dem "Werke des 
Enea Silvio zurückkehren, wenn er sich eine Zeitlang in den ein- 
heimischen böhmischen Quellen umgesehen hatte. Denn je reich- 
haltiger die Hussitenschrifteu sind, desto mehr empfindet man darin 
den Mangel eines geschichtschreibenden Geistes, und alles dessen, 
was Enea Silvio in so reichlichem Mafse gewährt, der aber hier 
gänzlich aufser unserer Betrachtung bleibt 2). 

Neben den Chroniken, die als solche bezeichnet sind, finden sich 
imter den hussitischen Geschichtsquellen noch zwei Kategorien 
von Schriften; erstens gleichzeitige Aufzeichnungen in Form von 
Tagebüchern und Relationen; zweitens historische Bemerkun- 
gen, aus Anlafs und im Gefolge der theologischen und polemi- 
schen Litte ratur. Zur ersten Gattung dürfte man auch die zahl- 
reichen Schreiben und Briefe zählen, welche bald amtlichen, bald 
privaten Charakter tragen. Das hervorragendste Denkmal dieser 
Richtung aber, das Werk von Peter Mladenowitsch, kann gleich- 
zeitig als eine Relation und als eine Briefsammlung aufgefafst wer- 
den, imd war schon im 15. Jahrhundert verbreitet und im 16. von 
Luther beachtet worden. Doch tragen die ältesten Ausgaben aufser 
sonstigen Uuvollkommeuheiten auch die Spuren vielfacher Interpo- 
lationen und mancher nicht tendenziösen Veränderungen des Textes 
an sich 3). 

') Die Drucklegimg der bis dahin nur ganz ungenügend gekannten 
Taboritenchronik liat, wie insbesondere Krummel in seiner letzten Schrift 
(s. ob.) zeigt, die Ansicht über die Partei doch erheblich niodificirt. 

^) Enea Silvio's böhmische Geschichte wurde erst im Jahre 1458 ab- 
gefafst, und ist zuerst 1474 — 1475 gedruckt worden. Hierauf folgten noch 
melirfaclie Ausgaben, vgl. Potthast Acneas Sylvius, G. Voigt, Enea Silvio 
11, S. 331 Palacky Würdigung S. 230. 

') Ob che im Jalire 1502 zu Prag veranstaltete Ausgabe von Hussens 
Schriften auf der Sammlung des Mladenowitsch beruht, ist nicht sicher. 
Aufserdcra verweist Palacky auf eine Strafsburgcr Ausgabe von 1525. 
Uobor die mit Luthers Vorrede versehene AVittonberger Ausgabe spricht 
llöfler, Vorbem. G. 11. 1, 105. Da die Nürnberger Ausgaben von 1558 
und 1715 auch erst genauerer Untersuchung licdürften, so hat man es hier 
blofs mit den zwei neuesten Ausgaben zu tiiun gehabt, llollcr G. 11. 1, 
111—315 und Palacky, Documenta Mag. .loh. llus S. 235—324 unter dem 
Titel Mafi. Petri de Al/adeiiowicz Rtlatio de Mai/. Jo/iannix Uns causa in 
Coiist. coiiciliu acta, mit vortrefflicher Vorrode S. VllI fl'. Da aber von 
Palai'ky <lic Briefe von Uns ausgeschieden sind und in der Bricfsammlung 



Peter von Mladenowitsch. 329 

Peter von Mladenowitsch war Secretär des Herrn Johann 
von Chlum, welcher mit Wenzel von Duba dem Magister Johann 
Hus unter dem Schutzbriefe des Königs Sigismund das Geleite zum 
ConcU von Konstanz gab. Eben über diese Reise, den Aufenthalt 
und die Schicksale des Hus in Konstanz verfafste Peter von Mlade- 
nowitsch mit Einfügung aller zur Sache gehörigen Acten und Briefe 
seine umfassende Relation. Er war einer der jüngeren Prager Ma- 
gister, welche nach Hussens Tode die gemäfsigte calixtinische Frac- 
tion bildeten. Im Jahre 1409 erlangte er den Baccalaureat au der 
Prager Universität, 1416 das Magisteriiim. Nachdem er bereits 1426 
Decan der Artistenfakultät geworden war, mufste er Prag 1427 mit 
andern gemäfsigteu Parteifreunden verlassen und kehrte erst nach 
eingetretener Ruhe an die Universität zurück, wo er im Jahre 1439 
Rector wurde. Zur selben Zeit erhielt er die Pfarre von St. Michael 
in der Altstadt, begab sich 1447 mit einer Gesandtschaft an den 
römischen Stuhl, um die Anerkennung Rokyzanas als Erzbischof von 
Prag zu erlangen und soll am 7. Februar 1451 gestorben sein. Aufser 
seiner berühmten Relation ist von sonstiger schriftstellerischer 
Thätigkeit des Mannes nichts bekannt. Auch in dieser Arbeit ver- 
räth sich gerade kein gi"ofscs historisches Talent, aber im ganzen 
imd gTofsen eine höchst anerkennenswerthe Wahrheitsliebe, Fassimg 
in schwerer Lebenslage und Einfachheit der Erzählung. Dafs die 
Relation aus den unmittelbaren Aufzeichnungen in Constanz entstan- 
den ist, scheint keinem Zweifel zu unterliegen, doch mag, wie aus 
den Abweichungen der Handschriften hervorgeht, später bei erneuer- 
ter Redaction oder Abschrift manches hinzugefügt worden sein, was 
für das Andenken des Hus von Wichtigkeit schien. Der gröfste Theil 
der Erzählungen aber trägt das Gepräge der Unmittelbarkeit und der 
seltensten Treue des Gedächtnisses. Die mitgetheilten wortgetreuen 
Reden bei den Verhören des Hus müssen ohne Zweifel beim Zuhören 
nachgeschrieben worden sein'). Durch irgend welche subjektiven 

erscheinen, so gewährt die Höflersche Ausgabe doch noch einigen Vortheil 
für die Erkenntnifs des handschriftlichen ümfangs des Mladenowitsch. Ueber 
ein dem Mladenowitsch zugeschriebenes tschechisches Stück vgl. Mitth. d. 
Inst. f. östr. Gesch. II, 157. 

^) Ueber den Bericht bei den Verhören des Hus sagt Peter: Haec 
igitiu- consignavimus, quae ibi fieri vidimus et etiammet audivimus. Et si 
aliqua minus Ordinate posuimus, volumus ab illis docti, qui etiam praesen- 
tes fuerunt et ea melius cogitant, reformare; non autem ideo signavimus, 
ut aiiquam personam confunderemus vel laudaremus. sed semper deo teste 
ad perhibendum testimonium veritati et ut ora multorum ex solo relatu 
varia et incerta loquentium in posterum de dictis audientiis et inibi gestis 
et actis efficacius obturentur. 



330 § 2i. Die Hussitenzeit und Hussitengeschichte. 

Bemerkungen ist der Gang der Darstellung an keiner einzigen Stelle 
unterbrochen, so dafs es nach der ausführlichen Relation nicht ein- 
mal möglich wäre zu bestimmen, ob Peter von Mladenowitsch das 
staiTe und hartnäckige Verhalten Hussens beim Concil gebilligt habe 
oder nicht. Dafs er ihn aber, wie billig für einen Märtyrer seiner 
Ueberzeugung betrachtete, gibt er nach der aufregenden und ergrei- 
fenden Schilderung des Feuertodes mit wenigen schKchten und edlen 
Worten zu erkennen. Auch bei der Darstellung des Ausganges und 
Endes seines verehrten Meisters bewahrt der Berichterstatter solche 
Gewissenhaftigkeit, dafs er die kleinsten Umstände unterscheidet, 
die er selbst gesehen und gehört, von denen die ihm blofs von andern 
versichert wui'den. Dafs Hus von dem Marschall von Pappenbeim vor 
der Entzündung des Scheiterhaufens noch gefragt worden sei, ob er 
sich nicht durch Widerruf von den Qualen des Todes befreien wollte, 
gibt er blofs als ein Gerücht an, welches ihm wol zur Verherr- 
lichung des Opfertodes überlieferungswürdig erscheint, welches er 
jedoch nicht als sicher verbürgt. Eben wegen ihrer rührenden Treue 
und Einfachheit wird die gesammte Relation Peters schon damals 
einen sehr tiefen Eindruck hervorgebracht haben, der sich auch 
heute noch nur bei einem Leser ganz verkommenen Gemüts nicht 
wiederholen würde ^). 

Das erschütternde Ereignifs in Konstanz wou'de indessen mehrfach 
Gegenstand von Berichterstattungen, deren Urheber ncht immer be- 
kannt sind-); ebenso gaben die nachfolgenden Kriegsbegebenheiten 
in Böhmen zu mancherlei Schreiben und Mittheüuugen Anlafs, deren 
systematische Sammlung und Zusammenstellung erst noch eine noth- 

') Beiläufig möge hier auch Thomas Prischuch's von Augsburg 
Ticht von Costenz Höfler, G. H. 11,354 — 399 und weit besser bei 
V. Liliencron I, 228 — 257 erwähnt werden, obwol es unter den Gescliieht- 
schreibern der Hussiten gewifs nur zufällig Aufnahme fand. Das klägliche 
Machwerk, in welchem sich der Keimschmied von einem in Constanz an- 
wesenden Priester angeblich Bericlit erstatten läft>t, enthält nur einige we- 
nige ebenso unbedeutende als thurichtc Bemerkungen über Johann Hus 
und seinen Tod (Vers 240 £f. und 1 100 ff.). Im übrigen ist es eine schlechte 
lleiinerei über das Concil von Constanz überhaupt und alle möglichen und 
unmöglichen Vorkommnisse auf demselben. Wir glaubten es nicht bei 
der Constanzer Stadtchronik anführen zu sollen, weil es mit den dortigen 
Quellen schwerlich in Zusammenliang steht. Bei weitem wichtiger als 
Prischuch sind für die Hussitengescliichte einige Kosenplütsche Ge- 
dichte, wovon Jordan, Das Königthum Georgs von Podiebrad S. 394 ff. 
Nachträge brachte. Vgl. besonders S. 414 — 427: Von der Uussenflucht 
und Ein Spruch von Beheim. 

2) So bringt Hötlcr, G. H. II, S. 30G— 308 einen Boriolit über Sentenz 
und Tod des M. J. Hus von Konstanz mit der Jahreszahl 1415, anschei- 
nend sogleich in Konstanz verfafst. Adresse unbekannt. 



Tractate für und gegen Hussiten. 331 

wendige Vorarbeit einer Geschiclite des Hussitismus büden würde '). 
Ebenso verdiente die poetische Litteratur aus der liussitischen Zeit 
in deutscber und besonders in lateinischer Sprache noch eingehen- 
dere Aufmerksamkeit von Seite der Geschichtsforscher. Einiges da- 
von wird man gern zusammengestellt sehen 2). 

Gehen wir nunmehr aber zu der theologisch-politischen Trac- 
tatenlitteratur über, so zeigte sich schon fi-üher unter den Werken 
des Andreas von Regens bürg ein die tenitorialen Grenzen Böh- 
mens weithin überschi-eitendes Interesse an der Hussitenfrage^). 
Hieher gehörte auch der bekannte Tractat des Abtes Ludolf von 
Sagan, welcher in seiner kirchengeschichtlichen Darstellung von 



^) Höfler, G. H. II, 304. De caede Kuttenbergensium, S. 311 litera de 
civitate Pragensi continens lamentntlones de actis et factis quondam ab hae- 
reticis ibidem commissis. Auch die sogenannte Querimonia contra regem 
et reginam. ebend. S. 808 bis 311 scheinen mir solche Bericlitschreiben 
zu sein. Was sich in ähnlicher Art bei schlesischen Geschichtschreibem 
findet, wie bei Sigismund Rosicz, Bolkenhain u. a. soU seinerzeit bei der 
betreffenden Landesgeschichte noch Erwähnung finden, vgl. auch Grünha- 
gen, SS. S. 158. 

^) Alb. Reinecke, ein Ged. aus d. Hussitenzeit, Neue Mitth. a. d. Geb. 
List, antiq. Forschgn. XXIV, 2 (1878). Zahlreicher sind die lateinischen, von 
denen wir auf folgende verweisen: 

1. Omnes attendite animadvertite aus der bresl. Hands. (Univ. Bibl, 
I. Q. 466) ed. Feifalik, Wiener SB. 36, p. 158 und H. Palm; Abhdlgn. d. 
schles. Gesellsch. f. vaterl. Cult. phil.-hist. Abth. 1862 p. 88. K. Höfler, 
aus der Thun'schen Hs., Gesch. d. huss. Beweg. II (1865), p. 93 (olme die 
vorig, zu kennen); Berichtigungen von R. Peiper, Forsch. 18, 165. 

2. Fange lingua gloriosi / PraeUum certaminis — Suum donat gaudium. 
36 Z. Aus einer neueren Abschr. ed. R. Peiper, Forsch. 18, 162. 'Hym- 
nus quem Bohemi Pragae in celebratione festi Johannis Huss decantarunt. 
(Peiper: Zu Grunde liegt d. bek. Hymnus de cruce domini des Claudianus 
Mamertus. Conf. Mone I, 131.) 

3. Jam breviter mundus mendacem dicere totus — Hac mihi de causa 
non reclamare licebit. Versus hexametri de incineratione haereticorum 
Hussonis et Jeronymi a M. Joh. de Wetslaria compositi. 17 Z. aus mod. 
Abschr. ed. R. Peiper, Forsch. 18, 162. 

4. Omnes christicolae / mentes advertite — conculcet exorate. Car- 
men s. rhytmi Latini de haeresi Bohemorum. 130 Z. aus mod. Absch. 
ed. R. Peiper, Forsch. 18, 163—4; und K. Höfler, Gesch. d. huss. Beweg. 
I, 558—560 aus Prager Univ.-Bibl. cod. XI. C. 8. (n. 1 war Vorbild). 

5. A solis ortus cardine ad usque caeli aethera — laus sit creatori. 
28 Z. aus mod. Abschr. ed. R. Peiper, Forsch. 18, 167. 'Hymnus in pro- 
fligatione Victorini Bohemi nefandi Georgii Hirsici primogeniti' (nach d. 
alphab. Hymn. d. Sedul.). 

6. Ut queant laudes decantare tuas — integi'am reddat. 28 Z. 
'Hymnus m processione victoriae de Turcis et Bohemis profligatis'. — 
B. de Maroschis, s. domini nostri Papae depositarius composuit; aus mod. 
Abschr. ed. R. Peiper, Forsch. 18, 168 (zu Grunde Hegt d. Johanneshymn. 
d. Paul. Diacon.). 

3) Vgl. oben § 14 S. 191 und Bezold a. 0. S. 15 ff. 



332 § 24. Die Hussitenzeit und Hussitengescliichte. 

1378 — 1422 auch die ersten Hussitenkämpfe bespriclit. Das Werk 
selbst schrieb Ludolf in den Jahi-eu 1420 — 1422^). In ähnlicher 
Weise schrieb eU\a 10 Jahre später ein anderer katholischer Schrift- 
steller in demselben Geiste, wde Abt Ludolf eine Invective gegen 
die Hiissiten, die ebenfalls mancherlei historische Nachrichten 
enthält^). Was endlich die Schrift eines Ungenannten über den 
Ursprung der Taboriten und den Tod des Königs Wenzel 
betrifft^), so scheint auch diese nichts anderes als eine historische 
Einleitung zu irgend einem polemischen Schreiben gegen dieselben 
gewesen zu sein. Ferner zählen hierzu die Schriften des Andreas 
von Böhmis ch-Brod, vielleicht auch die Tractate des Nicolaus 
von Dresden und mehrerer anderer unbekannter Verfasser*). Die 
siegreiche Vertheidigung der Stadt Brüx im Jahre 1421 wurde, 
allerdings erst im Jahre 1493 von dem Angehörigen einer Brüxer 
Patricierfamilie, Johannes Low geschildert. Die Historien dieses 
]\Iagisters sind in einer jüngeren deutschen Uebertragung des latei- 
nischen Originals erhalten und besitzen zwar nicht den Werth einer 
zeitgenössischen Quelle, enthalten jedoch manches, was aus guter 
UeberliefeiTJug geschöpft ist^). Bei weitem das wichtigste Werk 
dieser Art ist jedoch der Tractat des Johannes von Ragusa 
über die Zurückfühnmg der Böhmen zur Einheit der Kirche^). 
Johannes Stoicowich wouxle um 1390 geboren, von dem Ragusa- 

') Tractatus de longevo sc/nsmaie; vgl. Palackj italienische Reise Abhdl. 
der böhm. Gesch. 5. Folge l.Bd. Bezold a. 0. S. 14. Mit kritischen An- 
merkungen hrsg. von J. Loserth, Arch. f. öst. Gesch. 60, 344 — 561. Vgl. 
NA. VI, 464. 

2) Höfler, G. H. I, 621. 

^) Ebend. S. 528. Anonymus de oriyine Tahoritarum et de morte Wen- 
ceslai IV. Reijis B. schliefst merkwürdigerweise folgendermafsen: Hec 
Wiklefistarum gesta horrida et alia in notabili comprehensa sunt pulcri 
connexa stili compendio in teuere epistole subsequentis (?). 

*) Tractatus de oriyine Hussitarum a mayistro Andrea de Broda^ llöfler 
11, 327 bis 353. Vgl. III, 164 über Nicolaus von Dresden luid andrer 
Tractate ebd. S. 156, doch hat sich neuerlich auch Krummel, Utraquisten 
und Taboriten, gegen die Meinung erklärt, dafs Nicolaus von Dresden den 
Laienkclch eingeführt hätte. 

*) Die Historien des Magisters Johannes Leonis. IL'sg. von L. Schle- 
singer. Prag 1877. 

••) Monumenta conciliorum, SS. I, Praef. VIII ff. Johannis de Ra- 
gusio imitiim et proseciitio Basiliensis concilii S. 1 — 131. Tractatus., ijuo- 
modo Bo/icmi rcducti sunt ad unitntem ecclcsie S. 133 — 286 ed. Fr. Pa- 
lacky. Am Schlüsse der ersten Schrift niaclit der Herausgeber, da dieselbe 
am 19. November 1431 plötzlich aV)bricht, die Bemerkung: Cetera deside- 
rantur. Sollte das Tagebuch Johanns von l\agusa aber aucii wirklich 
weiterhin noch geführt worden sein ? Die unmittelbar sich daran schlies- 
senden Acten des Tractats zeigen in ihrem verbindenden Te.xt jedenfalls 
keine tagobuchartige Unterlage. 



Tagebücher und Actensammlungen. 333 

nischen Bischof Johann Dominici bei seinen Studien unterstützt, 
trat in den Prediger-Orden, wurde an der Pariser Universität Ma- 
gister und Doctor der Theologie und wurde frühzeitig bei Gesandt- 
schaften verwendet. Seine grofse Befähigung für solche Geschäfte 
mufs allgemein anerkannt gewesen sein, wie er denn auch später 
in Konstantiuopel und auf verschiedenen Reichstagen als Gesandter 
des Basler Concils thätig war. Der letzteren grofsen Kirchenver- 
sammlung gehörte er schon seit ihrem Beginne an und blieb der- 
selben bis an das Ende treu. Von Felix V. wurde er zum Cardinal 
erhoben. Sein Todesjahr ist nicht näher bekannt. In den Ver- 
handlungen der böhmischen Gesandten mit den A^ätern des Concils 
spielt er eine hervorragende Rolle und besckrieb dieselben unter 
dem oben bezeichneten Titel. Das Werk ist aber vorherrschend 
eine Actensammlung und der verbindende Text ist nicht sehr weit- 
läufiger Natur. Doch wurden die Verhandlungen des Concils mit 
peinlicher Gewissenhaftigkeit vom 15. October 1431 bis 23. Februar 
1433 beschrieben und die gewechselten Schriften und Reden genau 
mitgetheilt. Der Tractat, oder nchtiger die Redaction des ganzen 
Sammelwerkes, fällt in das Jahr 1434, vor die Zeit der grofsen Ge- 
sandtschaftsreise unseres Ragusaners nach Constantinopel. Einen 
mehr erzählenden Charakter trägt die zweite Schrift des Magister 
Johannes, über den Anfang und Verlauf des Basler Concils, welche 
die kirchengeschichtlichen Ereignisse von 1417 bis 1431 darstellt 
und vielleicht nur unvollständig vorliegt, vielleicht aber auch nur 
eine Art von Einleitung zu dem um dieselbe Zeit beginnenden 
Tractat bildete. Jedenfalls wird man sagen dürfen, dafs Johann von 
Ragusa seit Ende 1431 seine ganze Aufmerksamkeit den hussitischen 
Angelegenheiten zuwenden mufste und wirklich zuwendete, die all- 
gemeinen Ereignisse auf dem Concile daher seiner unmittelbaren 
Beachtung mehr entgingen. Bei dem tagebuchartigen Charakter 
beider überlieferten Werke kann es jedenfalls nicht Wunder nehmen, 
dafs das eine dort abbricht, wo das andere beginnt. Die Aufzeich- 
nungen und Sammlungen des Verfassers scheinen eben nicht hin- 
gereicht zu haben, um die gesammte Thätigkeit des Concils in den 
spätem Jahren in gleichem Mafse zu zeichnen, wie es am Anfange 
geschehen war. Die Thätigkeit Johanns in diesen Schriften war 
durch Schreiber und Sekretäre wahrscheinlich unterstützt und sein 
Antheil an der Arbeit im wesentlichen nur redaction eller Natur. 

Ganz ähnliche Aufzeichnungen und Sammlungen über die Be- 
ziehungen des Basler Concils zu den Hussiten finden sich aber noch 
mehrfach. Das Tagebuch Thomas Ebeudorfers haben wir 



334 § 24. Die Hussitenzeit und Hussitengescliiclite. 

schon früher kennen gelernt i). Es ergänzt die ausführlicheren und 
umfassenderen Mittheilungen des Aegidius Carler aus Cambrai, 
dessen über de legationibus die Verhandlungen und Ereignisse yom 
Jahre 1433 — 1436 umfafst^) und sich in erwünschtester Weise an 
die Sammlungen Johanns Ton Ragusa anschliefst. Gleichen Charakter 
trägt das sogenannte Register Johanns von Tour vom 4. Januar 
1433 bis 16. Juni 1437, nur dafs er in seinem Tagebuche summarischer 
yerfährt, als das Werk des französischen Landsmannes^). Von geg- 
nerischer Seite fehlt es indessen nicht an gleichem Bestreben den 
denkwürdigen Verhandlungen bleibendes Andenken zu schaffen. Das 
ausführliche Tagebuch des Orphanisten-Priesters Peter*), 
wol zu unterscheiden von dem Engländer Payne, über den Aufenthalt 
in Basel im Jahre 1433 ist zwar nicht so reich an Acten und acten- 
mäfsigen Mittheilungen als die Werke der Basler Väter, wöi-d aber 
Ton Palacky ebenfalls als eine der beachtenswerthesten Leistungen 
bezeichnet und mufs um so erwünschter sein, als die eigentlich 
hussitischen Berichte über die Basler Verhandlungen sonst sehr 
spärlich fliefsen. 

Mit dem Untergänge des Hussitismus tritt in Böhmen ein rascher 
A^'erfall der Geschichtschreibung ein. Selbst die bedeutende Epoche 
unter König Georg Podiebrad brachte kein darstellendes Geschichts- 
werk hervor, und es wäre für diese Zeit schlimm genug mit unsern 
Kenntnissen bestellt, wenn nicht aufser einigen polemischen Schrif- 
ten zahlreiche Acten und Briefsammlungen einen Ersatz für die man- 
gelnden Geschichtschreiber darböten^). Ein interessanter historischer 
Bericht über König Georg und seine kirchliche Stellung findet sich in 
einem vatikanischen Codex und wurde von Höfler den Geschicht- 
schreibern der Hussiten beigefügt^). Von gi-öfserem Interesse ist der 
Dialog des Johann von Raben stein, der viele wichtige Details 

') S. oben S. 279. 

2) Mon. Conc. SS. I, Praef. XXI, 359—700 ed. E. Birk. 

^) Ebd. Jo/iannis de l^uroins regeatrum actorum in legationibus a sacro 
concilio in Bohemiam ed. E. Birk S. 785 — 8G7. 

*) Petri Zntecemin Über diiirnus de qestis Bohemorum in concdio Basi- 
liensi edcntc Fr. Palacky Praef. S. XYIII, 287—357. 

*) Urkundliche Beiträge zur Geschichte Böhmens und seiner Nachbar- 
länder im Zeitalter Georgs von Podiebrad, hrsg. von Fr. Palacky, Fontes 
rer. Austr. I, 20. 

6) Höfler, G. II. IIK 211—236 unter dem Titel De Georgia Bohemiae 
rege vielleicht die Relation eines Legaten, zur Zeit der Wahl dos Königs 
Wliidislans, wo es um die Gleii-hzeitigkoit zu beweisen heilst: nunc omnes 
jiaritor tarn rex quam barones prosequuntur et ad illius diroctionem missus 
est per scdem apostolioam etc. 



Johann von Rabenstein. 335 

über die Wahl Georgs und seine Verhältnisse zu der katholischen 
Partei des Landes und zur Curie enthält'). In den Nebeuländern 
Böhmens, namentlicli in Schlesien fand Georg eine heftige, you Rom 
aus in Bewegung gesetzte Gegnerschaft, von welcher zahlreiche Streit- 
schriften und Pamphlete ausgingen. Zu diesen Schriften gehört die 
Denkschrift des Breslauer DomheiTn Nicolaus Tempelfeld von 
Brieg über die Rechtmäfsigkeit der "Wahl Georgs, eine Schrift, die 
abgesehen von ihrem höchst einseitigen Standpunkt nicht wenige 
interessante Daten aus der ersten Zeit des Hussitenthums enthält 
und mit reichhaltigen urkundlichen Materialien ausgestattet ist. Ein 
grofser Theü der Historia Hussitarum des Johannes Cochläus fufst 
auf dieser schlesischen Quelle 2). Tempelfeld, einer der rührigsten 
Anhänger Roms erscheint als die Seele der gegen Georg gerichte- 
ten Bewegung, die er in Breslau lange Zeit Yon der Kanzel aus 
beherrschte. 

Geringere Opposition fand der König in Mähren 2), die geringste 
in Böhmen; die deutschen Städtechronüen Böhmens, deren Anfänge 
in die Zeit dieses Königs zu setzen und für die Geschichte Böh- 
mens im Mittelalter übrigens wenig belangreich sind, zeigen sich 
demselben bei weitem nicht so abgeneigt wie die gleichzeitigen 
Chroniken Schlesiens oder Polens*). 

') Dialogus Johannis Rabensteinensis , herausg. von Bachmann im 54. 
Bd. des Arch. f. östr. Gesch. S. 353 — 402. Vgl. dazu Bachmann, Bemer- 
kungen zu Johann's v. Rabenstein 'Dialogus' im 5. Jahresber. des deut- 
schen Staats-Real-Gymnasiums in Prag 1877. 

-) Vgl. Loserth, Die Denkschiift des Breslauer Domherrn Nicolaus 
Tempelfeld von Brieg über die Wahl Georgs von Podiebrad zum König 
von Böhmen Arch. f. öst. Gesch. 61. Bd. S. 89 — 187. Aufser diesem hat 
Tempelfeld noch einen zweiten Traktat verfafst, den Jordan, das König- 
thum Georgs von Podiebrad p. 372 abgedruckt hat und der sich auch in 
deutscher Üebersetzung voi-findet. Eine kleine Abhandlung Tßmpelfelds, 
die demselben Zwecke gewidmet ist, enthält der Cod. 423 der Krakauer 
Univ. Bibl. Vgl. Loserth a. a. 0. S. 122. Yiele bemerkenswerthe Schrift- 
stücke über die Beziehimgen Böhmens zur Curie und den böhmischen 
Nebenländern finden sich in dem lat. Eschenloer (SS. rerum Siles. tom. VII) 
und der Politischen Correspondenz Breslaus in der Zeit Georgs von Po- 
debrad (ebend. VIII. und IX. Bd. hrsg. von Markgi-af). 

^) Vgl. Loserth, Hist. Aufzeichnungen aus der Hussitenzeit des Stadt- 
schreibers Wenzel v. Iglau, XIX. Bd. der Mitth. d. D. S. 80 ff. Chlumetzky, 
Karl von Zierotin, pag. 6 hat den Werth dieser Aufzeichnungen stark 
überschätzt. * 

*) Um die Ausgabe der „Deutschen Chroniken aus Böhmen" hat sich 
L. Sciilesinger ein grofses Verdienst erworben. Die Ausgabe ist nach dem 
Muster derdeutschen Städtechroniken ansjelegt. Bisher erscliienen die Chro- 
niken von Elbogen 1471—1504 (Prag 1879), Trautenau (1881) u. Eger (1885). 
Ueber hist. Aufzeichnungen aus der Hussitenzeit in Pilsen s. die Gjmn. 
Programme von Pilsen 1862 — 64; 1880. Auch sei hier noch des von 



336 Anhang über ungarische Gesclüchtsquellen. 

Anhang 

über ungarische Gescliichtsq uellen. 

Bei den Ungarn bildete sich schon früh eine landes- nnd volks- 
geschichtliche Tradition, bei der es fast unmöglich erscheint, die 
volksthümliche Sage von gelehrter und absichtlicher Fabelei genau 
zu trennen. Dieses künstlich yerschlungene Gewebe von absicht- 
licher Täuschung und von wolüberlieferter Sage beginnt mit dem 
sogenannten Notar des Königs Bela und keiner der nachfolgenden 
Geschichtschreiber hat dasselbe entwirrt oder sich mit grösserer 
Strenge an die wirkliche Sage gehalten. Am Ende des XIII. Jahr- 
hunderts schrieb Simon Keza seine Ungarngeschichte. Er war bele- 
sener und gebildeter als der Notar, den er zum Theü ausschrieb. 
Doch hat E. Dümmler in seinen Untersuchungen über die Sage von 
den sieben Ungarn höchst wahrscheinlich gemacht, dafs noch eine 
andere Aufzeichnung über die Urgeschichte der Ungarn bestanden 
haben müsse, die einerseits in deutschen Quellenschriftstellern, an- 
dererseits in dem mit Keza sonst verwandten Heinrich von ^lüglin 
Aufnahme gefunden hat^). 

Simon de Keza^) nennt sich Magisterund Clericus des Königs 
Ladislaus III. (IV.), vor dem er im Gegensatze zu allen sonstigen Be- 
richten eine aufserordentliche Achtung an den Tag legt und dem er 
das Werk eigentlich widmet. Es endet denn auch vor dem Tode des 
Königs und freut sich eben noch der den übermüthigen Kumanen 
beigebrachten Niederlage. In der Besprechung der Beziehungen 
Ungarns zu Deutschland zeigt sich eine sehr erfreuliche Hinneigung 
zu dem wiedererwachten römischen Köuigthum, und Keza vertritt 
die nachher vielvorbreitete Meinung zuerst, dafs Rudolf von Habs- 

Baclimann herausgegebenen Berichtes eines Augenzeugen über den Auf- 
stand in Prag von 1483 Erwähnung gcthan, Mittii. d. l). 19 (1881). nro. 4. 

») Nachrichten v. d. Königl. Ges. zu Göttingen 18G8, Nr. 18, S. 365^ff. 

■'') Gesta Hunyarorum zuerst hg. von Horänyi, Vindob. et Budao 1782, 
dann von Podhradczky, Budae 1833; Horänyis Text wiederholt von 
M. Florian, Historiae Hunü,ariao Fontes Domestici (Fünfkirch. 1883) I. 2, 
52—99. Was Endlicher, Mou. Arpad. (Sangall. 1849) 'c cod. chart. s. XV. 
bibl. Pal. Vindob.' zu edircn vorgit)t, soll blos ein wcrthlnser Abdruck der 
Ausg. von 1782 sein ; vgl. Florian, 1. c. pag. V. Die Wiener Hs. (ol. Sam- 
bucus, cf. Kollar, Suppl. Lamboc. I, 686) eutliiilt nicht den reinen Text. 
Uolior die gcogi-aphischcn Angaben des Koza und des Anonymus ist die 
Schrift von Dankowsky (Prcssb. 1826) oinigcrniafsen brauchbar; über das 
Vcrliältnifs K. zum Anonym, vgl. Florian, 1. c. 284. 



Simon de Keza. 337 

bürg lediglich vou den Deutschen auf den Thron erhoben worden 
sei, um die nun auch für die Ungarn so gefährlich gewordene böh- 
misch-österreichische Monarchie zu zerstören. Es ist, wie man sieht, 
ganz die Anschauung der Dinge, aus welcher die damalige Allianz 
zwischen Ungarn und den Habsburgern entstanden war. Die Ueber- 
sicht, welche Keza über die Geschichte der Regierungen vor Ladis- 
laus gibt, ist höchst dürftig und es zeigt sich hieraus, dafs ihm, 
wo die sagenhaften Berichte über die Urzeit verstummten und wo 
die eigene Zeit noch nicht darzustellen war, einheimische Quellen 
unzugänglich oder unbekannt waren: selbst die Reihe und die Namen 
der Könige sind fehlerhaft genug angeführt. Das meiste mufste er 
da aus deutschen Geschichtsquellen entnehmen, unter denen gegen- 
wärtig die zu Tage tretende Benutzung der Annales Altahenses her- 
vorzuheben sein -ward. Einen höchst schätzbaren Anhang zu der 
Chronik liefert Keza durch ein A^erzeichnifs der edlen Geschlechter, 
welche aus Deutschland oder Italien nach Ungarn eingewandert sind; 
man erfährt dabei auch, dafs sich der reine ungarische Adel auf 
108 Geschlechter beschränkt hätte. Ob Keza selbst ein Eingeborener 
war, mufs dahingestellt bleiben. Sicherlich dagegen war Heinrich 
von Müglin ein Deutscher. 

Heinrich von Müglin oder Mogelin in Meifsen^) kam als 
fahrender Sänger noch vor König Johanns Tode nach Prag. Spä- 
terer Ueberlieferung zu Folge wurde er daselbst der heiligen Schrift 
Doctor und Karl IV. ernannte ihn zu seinem Rath; dennoch war 
nicht lange seines Bleibens an dessen Hof. Yielleicht lockte ihn 
der Glanz des Hofes Ludwigs von Ungarn, zu dem ja aus allen 
Ländern nach des Suchen^särts Versicherung die Dichter strömten. 
Hier machte er sich mit ungarischen Geschichtsquellen bekannt, ging 
dann an den Hof Rudolfs IV., hierauf zu Hartnid von Pettau, der 
ebenfalls durch andere gleichzeitige Dichter bekannt genug ist. 
Nachher verschwinden die Spuren seiner Lebensverhältnisse fast 
gänzlich, nur scheint es nicht unwahrscheinlich, dafs er schliefslich 
wieder nach Böhmen zurückgekehrt ist 2). 

^) W. Müller, Fabeln und MLnnelieder von Heinrich von Müglin, in d. 
Götting. Stud. 1847 (SA. 1848), wo gute Nachweisungen über die Lebens- 
verhältnisse; vgl. auch Schröer in den Wiener SB. Bd. 55, S. 451 — 520. 

2) In dem Gedichte auf Karl IV., Schröer a. a. 0. S. 463, wird Karl 
als Kaiser angeredet; da nun aber in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre 
der Aufenthalt in Ungarn, Oesterreich, Steiermark fallen muTs, so möchte 
das Gedicht wol später zu setzen sein. Merkwürdig ist, dafs dieselben 
Vergleiche von Maccabäus, von dem Schiffsmast, die auch an Ludwig ge- 
richtet sind (vgl. die folgende Anmerkung), auch hier vorkommen. 

Lorenz, Gescliichtsquellen. 3. Aufl. I. 22 



338 Anhang über ungarische Geschichtsquellen, 

Wie die Persönliclikeit Heinrichs Ton IMüglin nur undeutlich 
aus seinen Gedichten hervortritt, so ist auch die Autorschaft seiner 
historischen Werke nicht yöllig sicher überliefert. Denn sein erstes 
Werk ist ohne Nennung seines Namens erhalten und dieser Umstand 
erschwert es uns, den Charakter seines zweiten bestimmter zu be- 
urtheilen. Aus der Zeit König Ludwigs besitzen wir nämlich ein 
interessantes Fragment ungarischer Geschichte in leoninischen 
Versen, welches sich mehr an Keza als an den anonymen Notar 
anlehnt, aber auch mit Keza's Darstellung nicht vollständig stimmt *). 
Es beo-innt mit den damals schon festgesetzten Ueberiieferungen von 
der Abstammung der Ungarn von den Hunnen und erzählt die Ge- 
schichte in der vorliegenden Handschrift bis auf Salomons und 
Geysa's Kampf. Der Verfasser widmet in der einleitenden Prosa 
und den drei Prologen das Werk dem König Lud^N-ig, dem Berg 
der Christenheit, dem Mast, an dem des Glaubens Segel hängt, dem 
streitbaren Maccabäus, von dessen Herzen ]\Iilde, Recht und Ehre 
träufeln. Auch zeigt sich der Verfasser als ein Mann in jugend- 
lichen Jahi-eu. Dafs er mit dem deutscheu Meistergesänge wol ver- 
traut sei, hat man schon früher bemerken können, eingehendere 
Untersuchung stellte aber heraus, dafs der Verfasser unserer Reim- 
chronik speciell solche Töne in Anwendung bringt, welche Heinrich 
von Müglin als die seinen bezeichnet. Ist diese Voraussetzung, 
welche Heim-ich von Müglin zum Verfasser der lateinischen Reim- 
chronik macht, richtig, so gewinnt man nun einen Einblick in den 
Zusammenhang seiner Quellenstudien. In Ungarn ist nämlich um 
das Jahr 1358 die sogenannte Bilderchronik-) entstanden, eine 

^) Engel, Monum. Uugrica (Wien 180.)), S. 1 — 54; vgl. die Vorrede 
an Ludwig von Ungarn, tamquam Judas Macabaeus etc. In Cod. Vindob. 
3352 (Tab. Codd. II, 265) ist keinerlei ausdrückliche HLndeutung auf den 
Verfasser zu finden. Die Handschrift selbst wird wol dem XV. Jahrhun- 
dert angehören. Vgl. W. Wilmanns, ein lat. Gedicht Heinrichs v. Müglin, 
Zs. f. d. A. XIV, 155-162. 

■■') Als Marci c/ironica de gestis Hangarorum hg. von F. Toldy, Buda- 
pest 1867 mit den prachtvollen Miniaturen nach Cod. Vindob. 405 (vgl. 
Tab. Codd. I, 64), besser von M. Florian unter dem Titel Chronkon 
ictum Vindohonense in Fontes Dornest. I. 2, 100 — 245. Ueber das Ver- 
ältnifs dieses Werkes zum Chronicon Budense und den verseiiiodoncn 
Redactionen desselben hat F. Toldy in den Denkschriften der Wiener 
Acad. I, 374 ungenügend gehandelt und die Unsicherheit ist noch immer 
so grofs, dafs es sehr gewagt erscheint, sich den neuesten llvpothesen, 
welche A. Huber in Mitth. d. Inst. IV, 128—137 treffend cliaraktörisirt hat, 
blindlings anzuvertrauen. Das C/irunicon liudinn' ist hg. von Podliradczky, 
Ofen 1838 nach der Ed. pr. von 1473. Demselben steht sehr nahe das 
Clirouiam iJuhniicnse bis 1479, in welchem jedoch auch Joh. von Kikul- 
lew und nach dem 4. Kapitel ein selbständiger Bericht (bis 1355) benutzt 



l 



Heinrich von Müglin. Ungarische Chroniken. 339 

compilatorische Arbeit, welche weiter reicht als Keza, dabei aus- 
führlicher ist als dieser und verhältnifsmäfsig mit weniger fabel- 
haften und tendenziösen Nachrichten ausgeschmückt als der Notar 
des Königs Bela. Der Yerfasser war ein umsichtiger und belesener 
Mann, der vermuthlich im Auftrage König Ludwigs seine Arbeit 
unternahm. Sollte nicht Heinrich von Müglin selbst der Verfasser 
sein, so ist Tielleicht unter seinen Augen das Werk entstanden, 
denn wenige Jahre später sehen ■«'ii- Heimich von Müglin schon 
mit einer üebersetzimg desselben beschäftigt. Eben diese letztere 
Uebersetzung ist nämlich das Buch, welches man bisher als ein 
selbständiges Werk Heinrichs angesehen imd unter dem Titel einer 
Chronik der Hunnen gekannt hat^). Sowol diese deutsche wie 
die 1358 yerfafste lateinische Chronik reichen bis zum Jahre 1332, 
das Yerhältnifs beider zu Keza ist genau das nämliche und das 
Fragment der lateinischen Reimchronik steht somit in der Glitte 
zwischen beiden. Sicher ist demnach, dafs die Compilation von 
1358, auf Keza gestützt, eine zweite Urgeschichte der Ungarn be- 
nutzte und zu einem Ganzen verschmolz, dafs gleichzeitig Heinricb 
von Müglin seine rythmische Geschichte verfafste, und dafs er 
hierauf für den Herzog Rudolf von Oesterreich die Chronik von 
1358 übersetzte. Ungewifs bleibt nur, ob man ihm auch jene pro- 
saische Comjjilation zuschreiben soll. Wäre dies der Fall, so läge 
ein Beispiel mehr vor, wo der Autor einer lateinischen Chronik, 

ist; dasselbe ist nach der Hs. des Budapester Nat.- Museums von Florian 
vollständig edirt in Fontes Dornest. 1,3. 1 — 207, nachdem schon fi-üher 
Endlicher in den Wiener Jahrbb. f. Litt. XXXIII, Anzeigebl. 1 darüber 
gehandelt Latte. Geringere Bedeutung haben die beiden Compilationen, 
welche Florian, 1. c. pag. 250 — 265 als Chronicon Zagrahiense und Chro- 
nicon Varadiense nach älteren Drucken neu herausgegeben hat, femer das 
Chronicon Posoniense (hg. von F. Toldy 1852) und der Auszug aus der 
Bilderchronik bis 1329. den Florian aus Clm. 5309 als Chronicon Mona- 
cense in Fontes Domest. I, 3. 214 — 249 edirt hat. Cod. Vindob. 3374 
(cf. Tab. Codd. 11, 269) vom Jahre 1493 ist als Abschiift einer Compila- 
tion anzusehen, welche nicht nur mit Heinrich von Müglins Chronik 
gleichzeitig schliefst, sondern auch sonst ihm am nächsten steht. Mit 
einem Worte, wenn Heinrich von Müglin sein Werk lateinisch und deutsch 
abgefafst hat, so ist hier eme Abschrift des Oiiginals. Ein Keza ist hier 
nämüch keineswegs vorhanden, obwol die Widmung an Ladislaus HI. be- 
ginnt. Als zweite Vorrede erscheint jedoch Heinrich von Müglin latei- 
nisch. Dann ist, wo Keza enden müfste, keineswegs die erwartete Unter- 
brechung, sondern es geht bis 1333 fort, nur ist auch noch der Tod Karls 
erzählt. 

') Kovachich, Sammlung kleiner noch ungedruckter Stücke (Ofen 1805), 
I, 1 — 94. Sehr schätzenswerth ist in der Vorrede die Abhandlung von 
Engel über Heinrich von Müglin, die sich auch durch eine sorgfältige Ver- 
gleichung zwischen Müglia und der Chronik von 1358 auszeichnet. 

22* 



ß^Q Anhang über ungarische Gescliichtsquellen. 

wie auch bei Korn er bemerkt werden wird, selbst eine Ueber- 
setzuug lieferte. Dafs Heinrich von Müglin ein gewandter Ueber- 
setzer war, zeigt auch die Yerdeutschung des Valerius Ma x imus, die 
er im Jahre 1369 vollendet und dem Herrn Hartnid von Pettau 
gewidmet hat^). 

Zwischen der Uebersetzung des Yalerius Maximus und der Chro- 
nik der Hunnen waltet insofern ein Unterschied, als in letzterer der 
Yerfasser nicht bestimmt und deutlich sich als ein üebersetzer zu 
erkennen gibt, vielmehr der im Mittelalter naiv geübten Täuschung 
huldigt, als hätte er das Werk dem Herzog Rudolf IV. von Oester- 
reich zu Liebe, gleichwie ein Isidorus oder Orosius, um dessen Wohl- 
thaten zu entgelten, frei verfafst. Allerdings gibt es ein oder das 
andere Selbständige in Müglins deutscher Ai'beit, was sich in dem 
gesammten vorangehenden Complexe von Aufzeichnungen nicht nach- 
weisen läfst, doch müfste das Werk im Ganzen sich wol als eine 
Uebersetzung ankündigen, wenn nicht der Begi'iff des Plagiats im 
^littelalter ganz gefehlt hätte. Bei Uebersetzungen freilich findet man 
ziemlich selten eine so consequente Verschweigung des Originals, 
wie dies von Müglin geschieht. Was übrigens die selbständigen 
Mittheilungen der deutschen Chronik betrifft, so bezieht sich Einiges 
auf die ungarischen Ki'iegszüge nach Dalmatieu, einiges Anekdoten- 
hafte auf König Salomon, auf die Ermordung der Gemahlin An- 
dreas n., auf König Karl Robert u. s. w. Am Ende der Wolfen- 
bütteier Handschrift der deutschen Chronik finden sich Gedenkverse 
auf König Ludwig von Ungarn selbst, dessen Geschichte in beson- 
derer Abhandlung von Johann von Kikullew geschrieben wor- 
den ist. 

Es ist eines der vorzüglichsten Verdienste Johanns von Thurocz, 
dafs er dieses Werk vollständig erhalten hat-). Johann von Kikullew 

1) Cod. Vindob. 3039, vgl. Chmol, die Hss. d. Hofbibl. I, 721. Die 
erste Erwähnung von der Uebersetzung des Valerius Maxinuis macht Pan- 
zer, Annalen der älteren deutschon Litteratur, S. 181, wo der erste Druck 
1489 verzeichnet ist. 

'^) Gegen die Meinung Lambecks, Iter Cellense p. 61, dafs Kikullews 
Werk durch Thuröcz abgekürzt worden sei, hat sich Kollar a. a. 0. aus- 
gesprochen; Ausgabe von Schwandtner SS. I, 171 — 199. Kollars Annahme 
ist wol beizustimmen. Einige Notizen zu Kikullew gibt Haner, De SS. 
rcr. llung. I, 39. Eine selbständige handschriftliche Ucljerlicfcrung des 
Stückes ist mir bis jetzt nicht bekannt geworden. Wie Potthast dazu 
gekommen ist, für die volle Glaubwürdigkeit des Joh. von Kikullew ein- 
zustehen, weifs ich nicht. — Avontin, Annal. VII, c. 19 (Werke III, S. 449; 
citirt für die Verhandlungen König Ludwigs mit der Curie Avegen der si- 
cilischen Erbschaft einen Joannes mysta Strigonionsis, doch ist 
nicht klar, wer damit gemeint ist. 



JohaDu von Ivikullew, 34]^ 

war geheimer Notar des Königs Lucl"v\dg und Generalvicar Yon Sie- 
benbürgen in geistlichen Angelegenheiten. Weder die erstere noch 
die zweite Stellung dürfte als ein Nebenamt betrachtet werden kön- 
nen und so ist es wahrscheinlich, dafs Johann erst nach Ludwigs 
Tode in das siebenbürgische Amt eingetreten sein wii'd, wo er seine 
Erfahnmgen am Hofe des grofsen Königs niederschrieb. Denn sein 
Buch ist nicht annalistisch fortgeführt, sondern in einem grofsen 
Zug, vde ein zusammenfassendes Bild der ereignifsreichen Regie- 
nmg gezeichnet. Seine Mittheilungen sind theils aus den eigenen 
Erlebnissen geschöpft, theils beruft er sich auf glaubwürdige und 
ihm persönlich nahe stehende Gewährsmänner. Das Buch beginnt 
mit der Krönung des Königs Ludwdg im Jahre 1342, reicht bis zu 
dessen Tode und ist in 55 Capitel getheilt. Auffallend ist, dafs 
der Yerfasser aus seiner Notariatsthätigkeit am Hofe des Königs 
nicht mehr urkundliches Material zu geben im Staude gewesen ist. 
Er beschäftigt sich doch Tomehmlich mit den Kriegszügen Ludwigs, 
welche indessen nicht immer ganz unparteiisch geschildert sind. 
Namentlich mufs man den Erzählungen über die venetianischen 
Kriege gegenüber einiges Mifstrauen hegen. Johann von KikuUew 
gehört zu den wenigen Schriftstellern, die man mit einiger Ge^^'ifs- 
heit für Angehörige der luigarischen Nationalität halten darf. Doch 
ist er ein Freund der Deutschen und hebt auch Yon dem König 
hervor, dafs er die deutschen Truppen, deren Sprache er auch ge- 
sprochen, hoch geschätzt hätte. Das Bild von Ludwig selbst ist 
lebendig und anschaulich gezeichnet imd beheiTschte in seiner Auf- 
fassung die Geschichtschreiber Ungarns durch alle Jahrhunderte voll- 
kommen. Die Chroniken des XV. Jahrhunderts sind Kikullew gegen- 
über ganz unselbständig und Thurocz wufste, wie gesagt, nichts 
besseres, als diese Lebensgeschichte des Königs seinem Werk ein- 
fach einzufügen. 

Wenn man aber in dem vorliegenden Falle die Vollständigkeit 
der Aufnahme rühmen darf, so hat Thurocz in manchen anderen 
Fällen nur Fragmente geliefert, wie auch von jenem Gedicht, wel- 
ches der Venetianer Lauren tius de Monacis auf den Tod Karls H. 
verfafst hat^). Beachtenswerth als ältere Bestandtheile der Chronik 



^) Thurocz bei Schwandtner, SS. I, 200. Dieses Carmen de casu 
lUustrium reginarum et de lugubri exita Caroli Parvi ist gedruckt im An- 
hange zu Lorenzos Chronicon Venetum ed. Cornelius, Venet. 1758. Vgl. 
über ihn Foscarini, Lett. Venez. (1854) p. 258. Ein Bericht desselben über 
eine Gesandtschaftsreise von 1387 (Forma relationis facta per providum 
virum Laurentium de Monacis etc.) abgedruckt in Mon. bist. Slavor. meri- 



342 Anhang über ungarische Geschichtsquellen. 

von Tliui'ocz und des Chronicon Budense sind übrigens die den Kö- 
nigen gewidmeten Nekrologe. Dahin gehören insbesondere die Rede 
des Erzbischofs Czanad Ton Gran, im Jahre 1342 auf König Karl I. 
gehalten, welche neben den gewöhnlichen Todtenklagen einen Abrifs 
der politischen Unternehmungen dieses Königs enthält, ferner die 
Epitaphien auf König Karl und König Ludwig i). 

Mit dem Jahre 1382 beginnt Johann von Thurocz^) seine 
selbständige Darstellung der ungarischen Geschichte. "Während seine 
frühere Compilation dem Kauzler Thomas von Drag, Personalis des 
Königs Matthias gewidmet war, schrieb Thurocz die Geschichte 
Karls des Kleinen dem Protonator des Judex Curiae Magister Stephan 
von Haserhag zu. Doch bildet das kleine in sich abgeschlossene 
"Werkchen gleichsam einen Anhang zur Geschichte Johanns von Ki- 
kullew und der vierte Theil der gesammten Thuroczischen Chi'onik 
beginnt erst mit dem Tode Karls des Kleinen und mit Sigismund, 
dessen Geschichte nicht sehr ausführlich geschildert mrd. Spuren 
gleichzeitiger Aufzeichnungen verräth Thurocz Chronik eigentlich erst 
von dem Regieiiingsantritte Albrechts II. ab. Doch sind dieselben 
in der Darstellung verwischt worden, und wenn sie überhaupt vor- 
handen waren, so mufs man gestehen, dafs Thurocz mit einem 
grofsen Grade von historiographischer Kunstfertigkeit an sein über- 
all pragmatisirendes und nach dem Zusammenhange der Dinge 
strebendes und erzählendes Werk gegangen ist. Auch Thurocz war 
kein Magyare, sondern gehörte dem geknechteten slavischen Stamme 

dional. spect. IV, 237 und Mon. Hungariae, Acta Extera EI, 623, wo auch 
pag. 672 eine Instruction für L. vom Jahre 1388 edirt ist. 

^) Schwandtner, SS. I, 169 — 171 und besser im Chronicon Budense 
(Podhraczky) S. 255 — 263. Die Epitaphien ebend. 265, 343 und 344, 
Thurocz 179; vgl. Engel, Monum., S. 95 und Chron. Dubnicens. in Font. 
Dornest. I, 3. 136. 

'■') Die zahlreichen Ausgaben dieses Schriftstellers und ersten Heraus- 
gebers der älteren ungarischen Chroniken finden sich bei Potthast voll- 
ständig verzeichnet. Die älteste Augsburgor 1483 und die Brünner 1488 
wurden in der Belschcn Ausgabe von Schwandtners SS. benutzt, aber 
ohne Genauigkeit. Aus einer Bearbeitung eines Ungenannten (c. 1491) hat 
F. M. Meyer ein Stück über die österr.-ungarischen Beziehungen 1477 bis 
1491 in der Zs. f. öst. Gymn. 1880, S. 16— 20 mitgetheilt. Das 1473 in 
Ofen gedruckte Chronicon Budense wurde fälschlich häufig auch als 
Thurocz verzeichnet. Von sonstigen auf die Zeit des Königs Matthias 
bezüglichen Schriften mögen hier noch diejenigen Erwähnung finden, 
welche zu Oestorreich in einem nälieren Vorhältnifs stehen. Melirercs hat 
Kaltenbäck in der österr. Zoitscli. f. Lit. etc. 1836, darunter S. 144 eine 
'Hnfmär der newn Stat' von 1487 ül)or die Belagerung durch die Ungarn 
mitgetheilt, anderes bei Bongars SS. rer. lluug. p. 351. Der Friedens- 
vertrag zwischen Friedrich III. und Matthias von 1463 bei Pez II, 557. 



Johann von Thuröcz. 34:3 

des nordwestlichen Ungarns an, welcher auch später vorzugsweise 
den Mangel eigener Ktterarischer Thätigkeit der Magyaren ersetzte. 
Ton seinem Leben weifs man aber im übrigen aufserordentlich wenig, 
und nur aus dem Titel eines Magisters läfst sicli erkennen, dafs er 
seine Bildung, me auch ohnehin vorauszusetzen wäre, aufserbalb 
Ungarns erworben habe. In seinem Geschichtswerk erzählt er aucb 
die Begebenheiten seiner Zeit mit gi'ofser Objectivität, so dafs es 
unsicher bleibt, wann er schrieb und welche iDersönliche Kenntnifs 
der Dinge ihm zu Gebote stand; die Benutzung amtlicher Acten 
scheint ihm indessen offen gestanden zu haben. Er schlofs sein 
Buch mit dem Beginne der Regierung des Königs Matthias. Die 
Krönung desselben bildete höchst wahrscheinlich mit dem beigefüg- 
ten in Olmütz, vde es scheint, gedichteten Hymnus auf den „grofsen 
König" den Schlufs der Chronik. Später scheint noch ein weiteres 
Capitel über die Regierung des Matthias hinzugefügt worden zu 
sein, wo es heifst, dafs von demselben viel und mannigfaltiges zu 
erzählen wäre, dafs aber dieser Aufgabe sich unser Geschichtschrei- 
ber nicht gewachsen fühlte; wann Thurocz gestorben ist, mufs zur 
Zeit ebenfalls als unerforscht gelten. 

Johann von Thui'ocz war von classischer Bildung offenbar 
nicht unberührt geblieben, obwol man ihn schwerlich dem Kreise 
von humanistisch gebildeten und die humanistischen Studien eifrig 
pflegenden Gelehi'ten beizählen dürfte, welche Matthias Corvinus 
an seinem Hofe versammelte, indem er den itahenischen Fürsten 
mit magyarischer Obei"flächlichkeit und widerlicher Eilfertigkeit, 
welche die vernachlässigte Bildung von Jahrhunderten so rasch wie 
möglich ersetzen möchte, nacheiferte. "Wiewol eine Anzahl von ein- 
gewanderten Gelehrten, wie Petrus Ranzanus und Bonfinius nachher 
in Folge der Anregung unter Matthias für die ungarische Geschicht- 
schreibung Bedeutung gewannen, so liegt ihre Wirksamkeit doch 
weit über der Grenze unserer beabsichtigten Darstellung. Dagegen 
darf als noch ganz dem Mittelalter angehörig der Minorit Johannes 
von Udine^) hier genannt werden, obwol sein kurzer Abriss der 
ungarischen Geschichte nur sehr geringes Interesse beanspruchen 
kann. Bei der bekannten Vorliebe der Bettelorden für compendiöse 
Schulbücher ist es leicht möglich, dafs auch dieses Büchlein in erster 
Linie für den Unterricht bestimmt war. Der Verfasser, der wol in 
Ungarn gelebt haben mag, schrieb imter Friedrich III. 

^) Brevis narratio de regibus Hunguriae nach Cod. Guelferb. 46 von 
Florian edirt in Fontes Dornest. I, 3. 266—276. 



34-4: Aühang über ungarische Geschichtsquellen. 

Den ungarischen Quellen zur Seite finden sich im XIII. und 
XIV. Jahrh. eine Anzahl dalmatinischer Gescliichtschreiber, 
die zum Theil unter italienischen Einflüssen stehen und geeignet 
sind, die ungarischen Darstellungen auf ein richtigeres Mafs bei Be- 
urtheilung der Königsgeschichte herabzudrücken. In erster Linie 
erscheint hier das Buch des Archidiacon Thomas von Spalato, 
der in seiner Geschichte der Bischöfe bis zum Jahre 1266^) auch 
der Ungarn in nüchternerer Weise gedenkt, als in den ungarischen 
Quellen üblich ist. Auch über die Mongolenkriege sind einige nicht 
unwichtige Bemerkungen gemacht. In einem anderen Wei'ke des 
XIY. Jakrhunderts findet man einen Martinus augenscheinlich fortge- 
setzt mit Rücksicht auf die ungarische und dalmatinische Geschichte 
von 1288 bis zum Jahre 1330^); der Verfasser derselben ist Mica 
Madio dei Barbazanis, der einer vornehmen Familie Spalatos 
angehörte, doch ist nichts näheres über ihn bekannt geworden. 
Eine übersichtliche Geschichte der Stadt nebst der Series episco- 
ponim schrieb um 1366 ein anonymer Schriftsteller mit dem Bei- 
namen a Cutheis^), und endlich besitzen vnr, iu zwei Bücher ge- 
theilt, ein interessantes "Werk über die Ereignisse von Zara und seine 
Bedrängnisse dmxh die Venetianer in den Jahren 1345 und 1346, 
doch hat dasselbe nur rein localen Charakter*). Alle diese Werke, 
welche sich an den Grenzen italienischer, slavischer und ungarischer 
Völker bewegen, geben zuweUen Brauchbares auch für die Ge- 
schichte Deutschlands und für dessen internationale Beziehungen. 
Doch gehören diese Aufzeichnungen nur mittelbar hierher. Auch 
der um deu Beginn des XV. Jahrhunderts lebende Paul von Zara 

') Diese und die folgenden Stücke sind alle auch bei Schwandtner, 
SS. III, gedruckt, wir halten uns aber an Lucius, De regno Dalmatiae et 
Croatiae, (Amsterdam, 1G6G) wo das Werk dos im Jahre 1268 verstorbe- 
nen Archidiaconus Thomas von Spalato, S. 311 — 370 edirt ist, vgl. 
Dümmler, Ueber die älteste Geschichte der Slaven in Dalmatien, Wiener 
SB. XX, 353 ff. F. V. Krones, Aus und über Dalmatiou, Allg. Ztg. 1884. 
Nr. 188 Beilage u. ff. (besonders über das Franziscancrkloster in Ragusa, 
wobei auf P. Scb. Dolci, Jlonum. bist. prov. Rhacusinae 0. Min., Neap. 
174G verwiesen wird). 

^) De ffc'ytis Romanorum iinpcrntomni et suminorum poiiff/iciiin pars se- 
cundac paiiis de anno dorn. 121)0 bei Lucius, 1. c. p. 371 — 381 und neuer- 
dings von Y. Brunclli hg. und mit guten Noten versehen im Progr. des 
Ginnasio supcriorc, Zara 1878. 

3) Summa Instnriarum talnila a Cutheis de gestis oivium Spalatinoruni 
sub brevitatc compilata ex divcrsis chirographis de tcniporibus retroactis 
etc. bei Lucius 1. c. pag. 381. 

*) Ohsidionis Jadrensi.s Ubri duo bei Lucius 1. c. pag. 387. Auf die ab- 
geschmackten Urtlieilo Haners a. 0. S. 37, welche Püttbast gewissenhaft 
nachsclireibt, darf man nichts geben. 



Dalmatinische Geschiclitsquelien. 345 

enthält für die Jahre 1371 — 1407 mu- höchst dürftige Älittheilungen^). 
Mehreres könnte man von Lebensbeschreibungen religiösen Charak- 
ters erw'arten, deren eine Anzahl auch in Bezug auf ungarische 
Persönlichkeiten noch aus dem XIV. Jahrhundert vorhanden sind. 
Doch zeigen sie namentlich, sofern sie von den Predigermönchen 
ausgegangen sind, eine ungemeine Verwildeining des religiösen Le- 
bens, ohne alle Beziehungen zu der historischen "Welt 2). Einen 
desto gröferen Werth hatte das Leben des heiligen Johannes von 
Capistran füi- die Geschichte der östlichen Länder. Aber auch die- 
ser hervorragende Mann fand keineswegs einen sehr würdigen Bio- 
graphen und am wenigsten einen solchen, aus welchem unsere 
Kenntnifs der Zeitgeschichte irgend wesentlich vermehrt würde ^). 

^) Memoriale sui iemporis bei Lucius und Scliwandtner III, 723 — 754. 
— Ebenso wenig gesehichtliches aber doch einen interessanten Beitrag 
zur Culturgeschichte des XV. Jahrhunderts bietet die Beschreibung der 
Stadt Ragusa, welche der aus Lucca stammende Rhetor Philip pus de 
Diversis de Quartigianis 1440 verfafst hat; dieselbe ist treffllich edirt 
von V. Brunelli in drei Progi-ammen des Ginnasio sup. Zara 1880 — 1882. 

^) Die Ungarn betreffenden Heiligenlegenden sind gesammelt Acta 
Sanctorum Hungariae (ed. Joh. Bapt. Prileszky) Tyriiav. 1743. Dem Do- 
minikaner-Orden gehörte eine Tochter Bela's IV., Margaretha an, deren 
ascetisches Leben von dem Frater Garinus 1340 beschrieben worden ist. 
Ein süfsliches Raffinement des gegenseitigen Sichdurchpeitschens der Non- 
nen ist der Hauptinhalt dieses und ähnlicher dominikanischer Machwerke 
des XIV. Jahrhunderts. Bemerkenswert!! ist übrigens, dafs nach dem 
Grabstein in Spalato König Bela IV. zwei Töchter Namens Margaretha 
gehabt hätte. Ueber alles dies Acta SS. 28 Januar, II, 900. Ebenso 
wenig enthält die Biographie des heiligen Mauritius aus dem ungarischen 
Geschlechte der Czäki, Sohnes des Demetrius de Chak. Vgl. Ant. Flami- 
nius. De viris illustr. ord. pred. 217; Acta SS. 20. März, HI, 252. 

^) Acta SS. October X, p. 439 — 552 theilen drei verschiedene Viten 
mit, vgl. G. Voigt, Hist. Zs. X, 21. 89. 



Nachträge. 



S. 10 N. 3. Die Nachrichten J. Königs über Johannes Meyer, der aus 
Zürich stammte, ergänzt K. Schieler, Mag. Johannes Nieder (Mainz 
1885) S. yUl. 9. 

S. 61. In Kempten entstanden unter dem Abte Johannes von Werdnau 
1472 eine Lebensgeschichte der Stifterin des Klosters, der Königin 
Hildegarde, nach einem erfundenen 'valde antiquum opusculum', 
abgedi'uckt A. SS. Apr. III, 788, und zwei phantasievoUe Bearbei-